|
| Zum 125.
Geburtstag Gilbert Keith Chestertons |
Mehr Witz als Bauch
Zum 125. Geburtstag Gilbert Keith Chestertons
Wer im englischen Sprachraum das Verzeichnis lieferbarer Bücher
konsultiert und unter "Chesterton, Gilbert Keith" nachschlägt,
findet weit mehr als hundert Einträge. Das verwundert nicht bei einem
Autor, den Ernst Bloch als "einen der gescheitesten Männer, die
jemals gelebt haben" bezeichnete. Kurt Tucholsky meinte, sein Witz
habe "an Dimension sogar seinen Bauch übertroffen", dessen
Ausmaße legendär waren. Verwunderlich ist höchstens, daß sich vom Werk
dieses unglaublich produktiven Schriftstellers in unseren Breiten fast nur
die Pater-Brown-Geschichten im Druck gehalten haben.
Pater Brown ist eine fast grausame Parodie auf Sherlock Holmes und
Konsorten. Der simple Pfaffe kann gewiß nicht aus der Asche auf dem
Teppich auf die Sorte des gerauchten Tabaks schließen. Er hat aber
Einsichten in die Menschenseele, die dem brillianten Intellekt des
Kollegen aus Sir Arthur Conan Doyles Feder verschlossen bleiben: "Ich
warte, bis ich weiß, daß ich im Innern eines Mörders bin, seine
Gedanken denke, mit seinen Leidenschaften ringe ... herausschaue auf die
kurze und scharfe Perspektive der geraden Straße, die zu einer Blutlache
führt." Solches ist der sehr viktorianischen Distanziertheit des
Sherlock Holmes völlig fremd. Woher dieser Blick in die Abgründe es
Menschen?
GKC, wie er üblicherweise seine Artikel zeichnete, wurde am 29. Mai 1874
in London geboren und starb 1936. Der Sohn aus gutbürgerlichem Haus
erhielt eine Ausbildung als Graphiker, wandte sich aber bald dem
Journalismus zu. Während einer kurzen Periode seiner Jugend litt er an
Depressionen, er fühlte im Fin de Siecle den Sog des Nihilismus. In
dieser Zeit fand er zum Christentum, das er fortan als den festen Punkt
betrachtete, von dem aus er die Welt aus den Angeln heben konnte. Neben
unzähligen Zeitungsartikeln veröffentlichte er Werke aller Gattungen:
Gedichte, Krimis, Biographien, Dramen ... Sein satirischer Witz war
berühmt. Auch den Titel "Prince of Paradox" hat er sich redlich
verdient. Das Paradox war für ihn aber nicht das Absurde, an dem so viele
gescheitert sind - davor bewahrte ihn gerade das Dogma.
Die Lehre der Kirche - seit 1922 der katholischen - war für Chesterton
spannend wie ein Hochseilakt, eine atemberaubende Balance zwischen
Abgründen. Die üblichen Häresien haben das Gelichgewicht verloren, und
alles, was das Gleichgewicht verloren hat, ist für ihn Häresie.
Daher auch der Titel seines nun (in der Anderen Bibliothek bei Eichborn)
auf Deutsch neu aufgelegten Werkes, "Ketzer", das sich durchaus
nicht mit Religion befaßt. Ästhetizismus, Imperialismus, Agnostzismus
und diverse weitere Ismen: Chestertons Hauptvorwurf ist, daß sie
letztlich alle tödlich - langweilig sind. Er stand damals wie heute quer
zum Zeitgeist, ein moderner Don Quichote voll unersättlicher Heiterkeit.
Die deutschsprachigen Verleger haben dem Publikum seinen Kampf gegen die
Windmühlen zu lange vorenthalten. Nicht wenige Leser meinen, daß GKC ihn
siegreich bestanden hat. (chb)
(erschienen in der Tageszeitung "Die Presse" am 29. Mai
1999)
|