Die Kirche in
Österreich Die Kirche, so hören wir von vielen Seiten, befindet sich derzeit in einer tiefen Krise. Darüber herrscht weitgehende Einigkeit. Aber schon darüber, worin die Krise eigentlich besteht, gehen die Meinungen meilenweit auseinander. Was ist der Grund für die Uneinigkeit? Ich habe die Diskussion aufmerksam verfolgt und festgestellt, daß sogar grundlegende Punkte unklar geworden sind. Vielfach werden Begriffe und Schlagworte verwendet, deren genaue Bedeutung kaum einem der Gesprächsteilnehmer klar zu sein scheint. Das führt dann zu an sich vermeidbaren Mißhelligkeiten. Wichtigste Inhalte des Glaubens werden übergangen, während man sich in Einzelfragen verbeißt und wieder und wieder dieselben altbekannten Argumente aufsagt. Dabei ist man sich nicht einmal über die großen Themen so fraglos einig, daß sich die Diskussion erübrigen würde. Der Grund, auf dem alle stehen sollten, ist selbst schwankend geworden. Im Hausbau wird aber immer noch das Fundament vor dem Dach errichtet. Auch beim Gespräch in der und über die Kirche sollten die Grundlagen zuerst kommen. Nach einer soliden Vorarbeit werden viele der sogenannten 'heißen Eisen' fast von selbst eine Lösung finden. Ich will die bis zum Überdruß wiederholte Phrase von der Krise als Chance nicht noch weiter dreschen. Der Verlust bisheriger Gewißheiten, die zum Teil auch als gesellschaftliche Konventionen von außen gestützt wurden, könnte uns aber wieder daran erinnern, daß das Christentum ein Wagnis ist. Wir lassen uns auf ein großes 'Andererseits' ein - oder eben nicht.
Wer war dieser Jesus von Nazareth? Der Lebenslauf des Zimmermanns aus Palästina dürfte in seinen groben Zügen der Bevölkerung allgemein bekannt sein. (Bezüglich seiner Aussagen wäre das eine eher gewagte Behauptung.) Vielleicht war er gar nicht einzigartig. Es mag damals auch noch andere Bußpropheten, Wanderprediger, Heiler etc. gegeben haben. An diesem Mann war aber etwas, etwas ... anderes, das war nicht von dieser Welt. Sein Anspruch war unerhört, von ihm kamen Sätze wie: "Ich bin das Licht der Welt." - "Wer mich sieht, sieht den Vater." - "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben." - "Mir ist alles übergeben von meinem Vater." - "Selig die Augen, die sehen, was ihr seht." - "Ehe Abraham war, bin ich." So redete er, und nicht alle haben ihn ausgelacht. Warum nicht? Niemand kann angesichts solcher Ungeheuerlichkeiten ruhig bleiben! Wenn wir die Evangelien lesen und Worte und Taten Jesu kennenlernen, stehen wir vor der grundlegenden Entscheidung des Glaubens. Sein Anspruch besteht entweder zu Recht oder zu Unrecht. Wenn er zu Unrecht besteht, haben wir es mit Betrug oder Wahnsinn zu tun, einem Fall für den Richter oder den Arzt. Wenn er aber zu Recht besteht, dann war und ist dieser Mensch zugleich Gott - unvorstellbar, unbegreiflich. Viele würden lieber eine Art Mittelweg wählen und Jesus an die Seite anderer maßgeblicher Menschen stellen. Karl Jaspers nennt auf dem Gebiet des Denkens Sokrates, den Weisheitssucher, Konfuzius, den Lehrer der Ethik und Buddha, den Erleuchteten. Wir müssen allerdings ernsthaft bezweifeln, ob einer, der spricht wie Jesus in den Evangelien, als 'weise' anzusehen ist. Wenn Jesus nicht der Messias war, war er auch kein 'guter Mensch', sondern schlicht verrückt. Die dritte Möglichkeit besteht also nicht, dazu sind die Aussagen des Evangeliums zu hart und eindeutig. Jesus gegenüber gibt es keine Neutralität. Er selbst hat seinen Anspruch nie gemildert, nicht einmal als ihn viele Jünger verließen. "Wollt auch ihr weggehen?" - Seine Frage richtet sich auch an uns. Das Ende der österreichischen Gemütlichkeit ist gekommen! Uns bleibt nur das Ja ein Ja, das Nein ein Nein, alles andere ist von Übel.
Wen zeigt uns Jesus von Nazareth? Wenn wir Jesus Christus als Herrn und Gott anerkannt haben und seinem Wort glauben, mit was für einem Gott haben wir es dann zu tun? Unser Gott ist der Schöpfer des Himmels und der Erde, und alles, was er gemacht hat, ist nach den Worten des Buches Genesis 'sehr gut'. Schon aus Urzeiten gibt es aber eine Wunde in der Schöpfung. Wir haben die Gemeinschaft mit Gott, das Paradies, verloren. Der Mensch ist dem Gewicht der Herrlichkeit nicht mehr gewachsen, niemand kann Gott schauen und am Leben bleiben. Zwischen Gott und Mensch ist ein Abgrund aufgerissen, den wir nicht zu überspringen vermögen. Wir können aus eigener Kraft nicht zu Gott gelangen. Trotzdem sind wir nicht verlassen, weil Gott die Menschen liebt und sich ihnen offenbart. Er spricht an und läßt sich ansprechen. Er schließt sogar einen Bund mit seinem auserwählten Volk, das er schützt und durch die Geschichte leitet. Immer wieder ruft er Propheten in seinen Dienst, um es an diesen Bund zu erinnern und Gnade oder Gericht zu verkünden. Das Wort des Gesetzes und der Propheten wird in der Fülle der Zeiten noch überboten: Der Mensch kann nicht Gott werden - da wird Gott ein Mensch, in allem uns gleich außer der Sünde. Das Werk der Versöhnung war zu schwer für uns, da nahm die Liebe Gottes es selbst auf sich. Es ereignet sich in Leiden, Tod und Auferstehung Jesu Christi. Nach der Himmelfahrt sind wir nicht als Waisen zurückgeblieben. Der Geist Gottes leitet uns als seine Kirche durch die Jahrhunderte. Und einst wird der Herr wiederkommen in Herrlichkeit. Dann wird alles vollendet sein. Wir erleben einen Gott, der einzig ist und dennoch in sich Gemeinschaft dreier Personen. Er lebt in Ewigkeit und greift in die Geschichte ein. Dieser Gott ist allmächtig und herrlich und scheut sich nicht, ein kleines Kind zu werden, um unsere Schwachheit zu teilen. Gott ist die Liebe selbst. Um uns zu erlösen, hat er gelitten. Um uns zu stärken, bleibt der Heilige Geist bei uns.
Was ist die Kirche? Gott hat beschlossen, in die Welt einzutreten. Etwa dreißig Jahre hat er als Mensch unter Menschen gelebt. Diese Zeit war im Rahmen der Geschichte nur kurz, aber sie war ihr Dreh- und Angelpunkt. Sie wurde im Volk Israel jahrhundertelang vorbereitet und wirkt bis heute fort. Wenn es anders wäre, dann wäre Gott nur einer einzigen Generation von Menschen erschienen, die ganz am Rande eines Weltreiches gelebt haben. Alles seither wäre eine Art 'Stille Post' mit Lehre und Taten Christi gewesen. Aber der Apostel Paulus bezeichnet die Kirche in seinen Briefen ausdrücklich als 'Leib Christi' (z.B. Kol 1,24). Wir müssen und dürfen sie tatsächlich als Fortsetzung der Gegenwart Gottes unter den Menschen betrachten. Christus selbst hat sie mit ihrem Auftrag und ihren Vollmachten ausgestattet! Dieser gewaltige Anspruch sollte uns erschrecken, denn er lädt uns, der Gemeinschaft der Gläubigen, eine große Verantwortung auf, der wir nur selten gerecht werden. Betrachten wir abrer auch den menschlichen Aspekt. Wer ist das Volk des neuen Bundes? Die Kirche ist, wenn wir auf die Grundworte zurückgehen, mit denen sie benannt wird, die 'ekklesia' und die 'kyriake'. Das bedeutet, daß sie 'herausgerufen' ist aus allen Völkern und Ständen und 'dem Herrn' gehören soll. Herausgerufen aus der Welt, um in der Welt, aber nicht von der Welt zu sein, das sind wir alle. Aber wer gehört schon jetzt ganz dem Herrn? Da ist immer noch dieses letzte Zehntel, das letzte Prozent, das wir so gern für uns selbst behalten möchten. (Muß der Autor betonen, daß es bei ihm genauso ist?) Wir sind noch nicht Kirche, immer noch nicht 'kyriake'. Wir befinden uns noch auf dem Weg. Durch unsere eigenen Fehler geben wir immer wieder Anstoß, 'Ärgernis', aber wir hoffen unser Ziel zu erreichen.
Die Stimme des Zweiten Vatikanischen Konzils Wenn wir wissen wollen, was das Wesen und der Auftrag der Kirche sind, sollten wir von den Aussagen des Zweiten Vatikanums lernen. Wir werden diese Wahrheiten kaum irgendwo schöner ausgedrückt finden als in den Konzilsdokumenten.
Beim derzeitigen Inhalt und Niveau der öffentlichen oder veröffentlichten Diskussion mögen diese Worte überrraschen. Wir dürfen uns aber darauf verlassen, daß das Konzil sie so gemeint hat, wie sie nach seinem Beschluß da stehen!
Zuversicht! Die Kirche hat derzeit das Unglück, daß viele über sie reden, aber wenige sie lieben. Das Zweite Vatikanum spricht eine ganz andere Sprache. Nach seinen Worten ist in der Kirche, dem allumfassenden Heilssakrament, Christus selbst gegenwärtig, und der Widerschein seiner Herrlichkeit liegt auf ihrem Antlitz. Wenn wir die Botschaft des Konzils hören und beherzigen, werden wir die Schönheit der Kirche wiederentdecken und Freude an ihr gewinnen. Freude ist die einzig angemessene Antwort auf das Geschenk Gottes, die Kirche. Schon jetzt, wo es noch zahlreiche Probleme gibt, keimt neue Kraft in so vielen Gemeinden und Gemeinschaften. Selbst der Zeitgeist ändert sich schon langsam ... Es wird nie an Stürmen fehlen, die über die Kirche hinweggehen, und auch nicht an Auseinandersetzungen im Inneren. Das war immer schon so, und trotzdem bricht das dritte christliche Jahrtausend an. Wir wissen nicht, wo das Schiff hinfährt, aber wir haben das Versprechen, daß es nicht sinken wird. Ich war beim Weltjugendtreffen in Paris und habe hunderttausende andere junge Leute getroffen, die auf eine klare Botschaft mit einem klaren Ja geantwortet haben. Viele von ihnen haben für die Reise beträchtliche Opfer gebracht! Diese Begeisterung, diese Freude waren ansteckend. Ich konnte von dort nicht anders als zuversichtlich zurückkehren. (chb) Wien, Jänner 1998 |