| Christian
Berger, Der
Mensch und seine Zeit - Kulturgeschichte einer Beziehung |
Der Mensch
und seine Zeit -
Kulturgeschichte einer Beziehung
Wenn es darum geht, welche Erfindung den Alltag des
Menschen am meisten beeinflußt hat, möchte man vielleicht das Auto
nennen oder den Computer. Unser Leben wird aber viel mehr von einem
anderen Gerät beherrscht, das schon so selbstverständlich ist, daß man
selten ausdrücklich daran denkt: Von der Uhr.
Dem modernen Menschen fällt es ausgesprochen schwer, sich eine Zeit ohne
Uhr vorzustellen, aber genau das war für den größten Teil der
Menschheitsgeschichte der Normalfall. Das tägliche Leben fügte sich
organisch in die Rhythmen der Natur ein, es hieß mit dem Hahn aufstehen
und mit den Hühnern schlafen gehen. Sonne, Mond und Sterne genügten für
eine ungefähre Zeitangabe. Alles andere ist eine bloße Konvention. Keine
Uhr der Welt kann uns helfen, zu verstehen, was die Zeit eigentlich ist.
An dieser Frage sind große Denker und Regalmeter von gelehrten Werken
gescheitert. Für den Alltag ist es notwendig und hinreichend, mit der
Zeit umgehen zu lernen.
Die erste von Menschen gemachte Uhr wird ein simpler Stock gewesen sein,
den jemand in den Boden steckte, ein sogenanntes Gnomon. Sein Scharten
ändert im Lauf des Tages Rich-tung und Länge und zeigt so die Zeit. Aber
nach welcher Skala? Es liegt nahe, den Schattenweg in gleiche Teile
einzuteilen, seit den Mesopotamiern nimmt man gern deren zwölf. Damit
sind Angaben wie "um die neunte Stunde des Tages" möglich.
Als selbstverständlich nimmt man bei dieser Regelung in Kauf, daß die
Stunden im Sommer viel länger sind als im Winter. Werden die
astronomischen Fakten halbwegs in Rechnung gestellt, ist das Zifferblatt
einer ausgereiften Sonnenuhr ein kompliziertes Liniennetz für Stunden und
Jahreszeiten, das überdies nur auf einer bestimmten geographischen Breite
gilt. Und wenn die Sonne nicht scheint, war die Mühe umsonst ... Die
Stunden der Nacht wurden kaum gemessen, denn ohne künstliches Licht war
die Nacht eigentlich gar keine Zeit, jedenfalls keine, in der man viel tun
könnte. Viele Sprachen deuten das noch an, indem sie für die hellen
Stunden und die ganze Hell-Dunkel-Periode dasselbe Wort
verwenden: Tag. Die Nacht zählt kaum. Sie ist qualitativ anders als der
Tag, interessant zunächst nur für jene, die pflichtgemäß wachen
müssen. Sie wird in Nachtwachen eingeteilt oder auch in Glasen, wenn
jemand da ist, das Glas (die Sanduhr) rechtzeitig umzudrehen.
Zeit zum Hören und Riechen
Aus dem alten China ist folgende Erfindung überliefert: In einen
Holzblock wurde ein Rundsiegel geschnitten, dessen Rillen eine vielfach
mäandrierenden, durchgehenden Pfad bildeten. Er wurde mit verschiedenen
Sorten Räucherwerk gefüllt und brannte vom Abend bis zum Morgen, wobei
die Aromen wechselten. Die Weihrauch-Uhr mit "Zifferblatt zum
Riechen" blieb aber eine Besonderheit.
Das übliche Gerät für die Nacht (und bewölkte Tage) war im Osten wie
im Westen die Wasseruhr. Beim Ausflußtyp läuft das Wasser langsam aus
einem Gefäß aus und gibt die Stundenmarken an der Innenseite frei.
Allerdings fließt es wegen des abnehmenden Druckes am Boden mit der Zeit
immer langsamer! Der Einflußtyp ist genauer: Dort fängt das Meßgefäß
einen gleichmäßigen Wasserstrom aus einem Vorratsgefäß auf, dessen
Pegel durch ständigen Zufluß und einen Überlauf konstant gehalten wird.
Zur Zeitanzeige hat man sich vielerlei Mechanismen ausgedacht. Oft wurden
Glocken geläutet, daher das englische Wort clock für die Uhr. Das
Mittelalter war hier sehr erfinderisch, besonders die Klöster, die ihre
Mönche und die Umwohner stets zur rechten Zeit zum Gebet rufen wollten.
Die Wasseruhr war dort völlig selbstverständlich. Eine Klosterchronik
berichtet von einem Feuer, das 1198 in der Abtei Bury St. Edmunds in
Suffolk, England ausbrach: "Einige liefen um Wasser zum Brunnen,
einige zur Uhr ..." Hundert Jahre später schlugen bereits die
frühen Räderuhren von den Türmen. Mit ihnen setzten sich aus rein
technischen Gründen die stets gleich langen Tages- und Nachtstunden im
allgemeinen Gebrauch durch.
In und von den Klöstern lernten die Menschen, sich an eine geregelte
Tageseinteilung zu halten - eine Grundvoraussetzung für die moderne
Arbeitswelt. "Zeit ist Geld" wäre aber womöglich der Spruch,
der dem mittelalterlichen Lebensgefühl am meisten widerspricht. Die Zeit
wurde
wie eh und je als Gottesgabe gesehen, die auf keinen Fall in der
Verfügung des Menschen lag. Sofern Zinsen zu nehmen bedeutet, Zeit zu
verkaufen, liegt hier eine Wurzel des strikten Verbots jeglichen
"Wuchers" durch die Kirche.
Zeit für das moderne Leben
Der Zeitenlauf war aber nicht aufzuhalten, und die Zeit, die da lief,
wurde von einer Lebensgrundlage zu einer Rechengröße. Der große Isaac
Newton hatte vom Erlebnis der verschiedenen Qualitäten von Tages- und
Nachtstunden, von Alltag und Feiertag, einen langen Weg der Abstraktion
zurückgelegt, als er in seinen 'Philosophiae Naturalis Principia
Mathematica' seine berühmte Definition gab. "Die absolute, wahre,
mathematische Zeit fließt gleichmäßig an sich und ihrer Natur nach,
ohne Bezug auf irgend etwas Äußerliches." Wie mit dieser Größe
gerechnet wird, ist allein Angelegenheit menschlicher Übereinkunft. Die
Zeit wurde mehr und mehr verfügbar.
Der Sinneswandel ging mit immer weiteren technischen Verbesserungen
einher. Eine ganz wesentliche war die Erfindung der Pendeluhr, bei der das
Werk verläßlich durch eine physikalische Gesetzmäßigkeit kontrolliert
wird. Federantrieb und Unruh machten es möglich, Taschenuhren
herzustellen, die man stets bei sich tragen konnte.
Ein wesentlicher Motor für den Bau immer genauerer Uhren war der Bedarf
der Seefahrer an immer genauerer Navigation. Auf Deck kann anhand des
Sonnenstandes leicht festgestellt werden, daß es Mittag ist. Wenn man auf
dem mitgebrachten Schiffschronometer zugleich sieht, daß es zu Hause
schon zwei Uhr nachmittags ist, zeigt die Rechnung, daß man sich 30
Längengrade westlich davon befindet, denn 24 Stunden entsprechen der
vollen Erdumdrehung von 360 Grad, eine Stunde also 15 Grad. Ein einzelner
Längengrad entspricht so einer fünfzehntel Stunde, das sind nur vier
Minuten. Um mehr darf das Chronometer auch nach Monaten auf stürmischer
See sicher nicht fehl gehen! Die Monarchen von Spanien, Frankreich und
England (und nicht nur sie) setzten hohe Preise auf die Lösung dieser
Aufgabe aus. Es blieb dem Engländer John Harrison vorbehalten, sie im
Jahr 1759 zu zur allgemeinen Zufriedenheit zu lösen.
Der nächste Akt in der Bewirtschaftung der Zeit spielt auf dem Land und
hat mit der Eisenbahn zu tun. Solange man wenig reiste, und wenn, dann
langsam, fiel es kaum ins Gewicht, daß jeder Ort seine eigene Zeit hat.
Mittag ist nämlich definitionsgemäß dann, wenn die Sonne ihren
höchsten Stand erreicht, das ist von Ort zu Ort verschieden. Mit dem
Aufkommen der Eisenbahnen war es möglich, daß man an der Endstation
seine Uhr um einige Minuten umstellen mußte. Kein Problem? Doch, für die
Fahrpläne der verschiedenen Eisenbahngesellschaften, die sich alle gern
nach der Zeit der Stadt richteten, in der ihr Hauptsitz lag. Am stärksten
machte sich das in den Weiten Nordamerikas bemerkbar, deshalb wurden
zuerst dort die noch heute üblichen Zeitzonen vereinbart, die deutlicher
machen als je zuvor, daß die Zeitrechnung eine Sache der Konvention ist.
Doch Konvention hin oder her, in den letzten 150 Jahren wurde der Alltag
ebenso mit Stundenplänen überzogen wie der Globus mit Zeitzonen -
virtuell vielleicht, doch deswegen nicht weniger wirkungsvoll. So gut wie
jeder von uns trägt ein sichtbares Abzeichen dieser Zeitkultur an sich.
Wer sieht nicht ein paar Dutzend mal täglich auf die Armbanduhr und
richtet sich nach ihren Angaben? Der moderne Mensch räumt der Uhr eine
Autorität über sein Leben ein, die er in jeder anderen Hinsicht als
übelste Sklaverei empört zurückweisen würde - und merkt es nicht
einmal. (chb)
Dezember 1999.
(erschienen im Beilagenteil der Tageszeitung "Die
Presse")
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