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| Hans Sedlmayr, Verlust
der Mitte |
Die zeitgenössische Kunst ist vielen Zeitgenossen
fremd geworden und manchen sogar zu einem störenden Fremdkörper. Ohne
jede Wertungsabsicht kann das als Tatsache festgestellt werden.
Gewiß hatten auch die Schöpfungen älterer Epochen Tiefendimensionen,
die nur dem Kenner zugänglich waren, und ein Werk, das gleich auf den
ersten Blick 'durchschaut' werden könnte, würde sich mit Recht dem
Kitschverdacht aussetzen. Dennoch, die Kluft zwischen der Zeit und ihrer
Kunst ist größer geworden.
Schon vor fünfzig Jahren hat der in Österreich geborene und viele Jahre
in München wirkende Kunsttheoretiker Hans Sedlmayr (1896 - 1984) diesem
Phänomen ein prophetisches Buch gewidmet: "Verlust der Mitte".
Er untersucht darin die "bildende Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts
als Symptom und Symbol der Zeit", wie es im Untertitel heißt. Sie
ist nämlich ein empfindlicher Indikator für den Zustand der Welt, die
sie hervorbrachte, ein Fieberthermometer für den Zeitgeist.
Die verlorengegangene Mitte, auf die sich einst alle Künste gemeinsam
bezogen haben, ist das christliche Menschenbild. An die Stelle des
Geschöpfes, das - selbst wieder eine Mitte zwischen Tier und Engel - in
eine Welt gestellt wurde, mit der es als Ebenbild und Teilhaber des
Schöpfers vertraut ist, dem Du ein Du, ist das autonome Individuum
getreten, ein in endlose Weiten geschleudertes Menschenatom, auf sich
selbst gestellt und frei bis in die tiefste Einsamkeit und Entfremdung von
allem, was nicht 'ich' heißt. Diesen Zustand des heimatlos gewordenen
Menschen beschreibt Sedlmayr mit dem Bild des Bahnsteigs: nach oben, in
Richtung Transzendenz, abgeschlossen, anch den Seiten endlos offen, kahl,
fremd, zugig - unbehaust.
Und wenn die letztgenannte, so sprechende Vokabel auch der modernen
Literaturtheorie entstammt, sieht Sedlmayr in der Entwicklung der
bildenden Künste seit etwa 1800 ebenfalls ein treues Abbild jenes
Geistes. Er spricht darüber wie ein Arzt, er diagnostiziert statt zu
urteilen. Wenn er zu dem Schluß kommt, daß es Architektur, Malerei und
Skulptur derzeit an innerer Form und tragfähiger Struktur mangelt, dann
sieht er darin nicht irgendjemandes Schuld, sondern eine Tragik, durch die
große Künstler, die auch heute leben, daran gehindert werden, ihren
eigenen Fähigkeiten gerecht zu werden.
Welche Therapie schlägt Sedlmayr vor? Der Konservative unterscheidet sich
vom Reaktionär dadurch, daß er die Rettung nicht von den Formen der
Vergangenheit, sondern von der Aufbauarbeit der Zukunft erwartet. Was
einmal abgelebt ist, kann nicht künstlich wiedererweckt werden, aber auf
festen Fundamenten läßt sich ein neuer Bau errichten. Es geht darum, die
Gegenwart mit all ihren Spannungen zu bewältigen und die Mitte neu zu
gewinnen. Gerade der Schluß ist der zuversichtlichste Teil des Buches. (chb)
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