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BRIEF VON
PAPST JOHANNES PAUL II.
AN DIE FAMILIEN
IM JAHR DER FAMILIE
Liebe Familien!
1. Die Feier des Jahres der Familie bietet mir die willkommene
Gelegenheit, an die Tür eures Hauses zu klopfen mit dem Wunsch, euch sehr
herzlich zu grüben und mich bei euch aufzuhalten. Ich tue das mit diesem
Schreiben, wobei ich von den Worten der Enzyklika Redemptor hominis
ausgehe, die ich in den ersten Tagen meines Petrusamtes veröffentlicht
habe. Ich schrieb damals: Der Mensch ist der Weg der Kirche.1
Mit dieser Formulierung wollte ich zunächst auf die vielfältigen Wege
Bezug nehmen, die der Mensch entlanggeht, und zugleich wollte ich
unterstreichen, wie lebhaft und groß der Wunsch der Kirche ist, ihn beim
Durchlaufen dieser Wege seiner irdischen Existenz zu begleiten. Die Kirche
nimmt an den Freuden und Hoffnungen, an der Trauer und an den Ängsten2
des täglichen Lebens der Menschen teil, weil sie zutiefst davon
überzeugt ist, daß Christus selbst sie in alle diese Wege eingeweiht
hat: Er hat den Menschen der Kirche anvertraut; Er hat ihn ihr anvertraut
als »Weg« ihrer Sendung und ihres Dienstes.
Die Familie - Weg der Kirche
2. Unter diesen zahlreichen Wegen ist die Familie der erste und der
wichtigste. Ein gemeinsamer Weg und doch ein eigener, einzigartiger und
unwiederholbarer Weg, so wie jeder Mensch unwiederholbar ist; ein Weg, von
dem kein Mensch sich lossagen kann. In der Tat kommt er normalerweise
innerhalb einer Familie zur Welt, weshalb man sagen kann, daß er ihr
seine Existenz als Mensch verdankt. Fehlt die Familie, so entsteht in der
Person, die in die Welt eintritt, eine bedenkliche und schmerzliche
Lücke, die in der Folge auf dem ganzen Leben lasten wird. Mit herzlich
empfundener Fürsorge ist die Kirche denen nahe, die in solchen
Situationen leben, weil sie um die grundlegende Rolle weiß, die die
Familie zu spielen berufen ist. Sie weiß darüber hinaus, daß der Mensch
normalerweise seine Familie verläßt, um seinerseits in einem neuen
Familienkern die eigene Lebensberufung zu verwirklichen. Selbst wenn er
sich für das Alleinbleiben entscheidet, bleibt die Familie als jene
fundamentale Gemeinschaft, in der das gesamte Netz seiner sozialen
Beziehungen, von den unmittelbarsten und naheliegenden bis hin zu den
entferntesten, verwurzelt ist, so etwas wie sein existentieller Horizont.
Sprechen wir etwa nicht von der »Menschheitsfamilie«, wenn wir auf die
Gesamtheit der auf der Welt lebenden Menschen Bezug nehmen?
Die Familie hat ihren Ursprung in derselben Liebe, mit der der Schöpfer
die geschaffene Welt umfängt, wie es schon »am Anfang« im Buch Genesis
(1,1) ausgesprochen wurde. Eine letzte Bestätigung dafür bietet uns
Jesus im Evangelium: » . . . Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er
seinen einzigen Sohn hingab« (Joh 3,16). Der mit dem Vater wesensgleiche
einzige Sohn, »Gott von Gott und Licht vom Licht«, ist durch die Familie
in die Geschichte der Menschen eingetreten: »Durch die Menschwerdung hat
sich der Sohn Gottes gewissermaßen mit jedem Menschen vereinigt. Mit
Menschenhänden hat er gearbeitet, . . . mit einem menschlichen Herzen
geliebt. Geboren aus Maria, der Jungfrau, ist er in Wahrheit einer aus uns
geworden, in allem uns gleich außer der Sünde.«3 Wenn daher Christus
»dem Menschen den Menschen selbst voll kundmacht«,4 tut er das,
angefangen von der Familie, in die er hineingeboren werden und in der er
aufwachsen wollte. Wie man weiß, hat der Erlöser einen großen Teil
seines Lebens in der Zurückgezogenheit von Nazaret verbracht, als
»Menschensohn« seiner Mutter Maria und Josef, dem Zimmermann,
»gehorsam« (Lk 2,51). Ist nicht dieser kindliche »Gehorsam« bereits
der erste Ausdruck jenes Gehorsams gegenüber dem Vater »bis zum Tod« (Phil
2,8), durch den er die Welt erlöst hat?
Das göttliche Geheimnis der Fleischwerdung des Wortes steht also in enger
Beziehung zur menschlichen Familie. Nicht nur zu einer Familie, jener von
Nazaret, sondern in gewisser Weise zu jeder Familie, entsprechend der
Aussage des Zweiten Vatikanischen Konzils über den Sohn Gottes, der
»sich in seiner Menschwerdung gewissermaßen mit jedem Menschen vereinigt
(hat)«.5 In der Nachfolge Christi, der in die Welt »gekommen« ist, »um
zu dienen« (Mt 20,28), sieht die Kirche den Dienst an der Familie als
eine ihrer wesentlichen Aufgaben an. In diesem Sinne stellen sowohl der
Mensch wie die Familie »den Weg der Kirche« dar.
Das Jahr der Familie
3. Aus eben diesen Gründen begrüßt die Kirche mit Freude die von der
Organisation der Vereinten Nationen geförderte Initiative, 1994 zum
Internationalen Jahr der Familie zu erklären. Diese Initiative macht
offenkundig, wie grundlegend für die Staaten, die UNO- Mitglieder sind,
die Familienfrage ist. Wenn die Kirche daran teilzunehmen wünscht, so tut
sie es, weil sie selbst von Christus zu »allen Völkern« (Mt 28, 19)
gesandt worden ist. Es ist im übrigen nicht das erste Mal, daß sich die
Kirche eine internationale Initiative der UNO zu eigen macht. Es sei z. B.
nur an das Internationale Jahr der Jugend 1985 erinnert. Auch auf diese
Weise macht sie sich in der Welt präsent, indem sie die Papst Johannes'
XXIII. so teure Absicht und Anregung der Konzilskonstitution Gaudium et
spes verwirklicht.
Am Fest der Heiligen Familie 1993 hat in der gesamten Kirche das »Jahr
der Familie« begonnen als eine der bedeutsamen Etappen auf dem
Vorbereitungsweg zum Groben Jubeljahr 2000, das das Ende des zweiten und
den Beginn des dritten Jahrtausends seit der Geburt Jesu Christi
bezeichnen wird. Dieses Jahr soll unsere Gedanken und Herzen auf Nazaret
hinlenken, wo es am vergangenen 26. Dezember mit einer festlichen
Eucharistiefeier unter Leitung des päpstlichen Gesandten offiziell
eröffnet wurde.
Während dieses ganzen Jahres ist es wichtig, die Zeugnisse der Liebe und
der Sorge der Kirche für die Familie wiederzuentdecken: Liebe und Sorge,
die seit den Anfängen des Christentums, als die Familie
bezeichnenderweise als »Hauskirche« angesehen wurde, zum Ausdruck
gebracht wurden. In unseren Tagen kommen wir häufig auf den Ausdruck
»Hauskirche« zurück, den sich das Konzil zu eigen macht6 und dessen
Inhalt, so wünschen wir, immer lebendig und aktuell bleiben möge. Dieser
Wunsch wird angesichts des Wissens um die veränderten Lebensbedingungen
der Familien in der heutigen Welt nicht geringer. Eben deshalb ist der
Titel, den das Konzil in der Pastoralkonstitution Gaudium et spes gewählt
hat, um die Aufgaben der Kirche in der Gegenwart aufzuzeigen, bedeutsamer
denn je: »Förderung der Würde der Ehe und der Familie.«7 Ein weiterer
wichtiger Bezugspunkt nach dem Konzil ist das Apostolische Schreiben
Familiaris consortio aus dem Jahr 1981. Jener Text stellt sich einer
umfangreichen und komplexen Erfahrung in bezug auf die Familie, die immer
und überall bei den verschiedenen Völkern und Ländern »der Weg der
Kirche« bleibt. In gewisser Hinsicht wird sie es gerade dort noch mehr,
wo die Familie innere Krisen erleidet oder schädlichen kulturellen,
sozialen und ökonomischen Einflüssen ausgesetzt ist, die ihre innere
Festigkeit untergraben, wenn sie nicht sogar ihre Bildung selbst
behindern.
Das Gebet
4. Mit dem vorliegenden Schreiben möchte ich mich nicht an die Familie
»im abstrakten Sinn« wenden, sondern an jede konkrete Familie jeder
Region der Erde, auf welchen geographischen Längen oder Breiten sie sich
auch befinde und wie komplex und verschiedenartig ihre Kultur und ihre
Geschichte auch sein mag. Die Liebe, mit der Christus »die Welt geliebt
hat« (Joh 3,16), die Liebe, mit der Christus jeden einzelnen und alle
»bis zur Vollendung geliebt hat« (Joh 13,1), ermöglicht es, diese
Botschaft an jede Familie als Lebens-»Zelle« der großen, universalen
Menschheits-»Familie« zu richten. Der Vater, Schöpfer des Universums,
und das fleischgewordene Wort, Erlöser der Menschheit, bilden die Quelle
dieser universalen Öffnung zu den Menschen als Brüder und Schwestern und
halten dazu an, sie alle in das Gebet einzuschließen, das mit den
anrührenden Worten beginnt: »Vater unser.«
Das Gebet bewirkt, daß der Sohn Gottes mitten unter uns weilt: »Denn wo
zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter
ihnen« (Mt 18,20). Dieses Schreiben an die Familien möchte in erster
Linie eine Bitte an Christus sein, in jeder menschlichen Familie zu
bleiben; eine Einladung an Ihn, durch die kleine Familie von Eltern und
Kindern in der großen Familie der Völker zu wohnen, damit tatsächlich
alle mit Ihm zusammen sprechen können: »Vater unser!« Das Gebet muß
zum beherrschenden Element des Jahres der Familie in der Kirche werden:
das Gebet der Familie, das Gebet für die Familie, das Gebet mit der
Familie.
Es ist bezeichnend, daß der Mensch gerade im Gebet und durch das Gebet
auf äußerst schlichte und zugleich tiefgründige Weise seine ihm
eigentümliche Subjektivität entdeckt: das menschliche »Ich« nimmt im
Gebet leichter die Tiefgründigkeit seines Personseins wahr. Das gilt auch
für die Familie, die nicht nur die fundamentale »Zelle« der
Gesellschaft ist, sondern auch eine eigene, besondere Subjektivität
besitzt. Die erste und grundlegende Bestätigung findet dies und
konsolidiert sich dann, wenn die Mitglieder der Familie einander in der
gemeinsamen Anrufung begegnen: »Vater unser.« Das Gebet kräftigt die
geistliche Stärkung und Festigung der Familie, indem es dazu beiträgt,
sie an der »Stärke« Gottes teilhaben zu lassen. Bei dem feierlichen
»Brautsegen« während der Eheschließungsfeier ruft der Zelebrant den
Herrn mit den Worten an: »Gieße über sie (die Neuvermählten) die Gnade
des Heiligen Geistes aus, damit sie kraft deiner Liebe, die ihre Herzen
erfüllt, in ihrem ehelichen Bund einander treu bleiben.«8 Aus dieser
»Ausgießung des Geistes« erwächst die den Familien innewohnende
Stärke ebenso wie die Kraft, die in der Lage ist, sie in der Liebe und in
der Wahrheit zu einigen.
Die Liebe und Sorge für alle Familien
5. Möge das Jahr der Familie zu einem einstimmigen und universalen Gebet
der einzelnen »Hauskirchen« und des ganzen Volkes Gottes werden! Möge
dieses Gebet auch die Familien erreichen, die in Schwierigkeiten oder in
Gefahr sind, die verzagt oder getrennt sind und diejenigen, die sich in
Situationen befinden, welche Familiaris consortio als »irregulär«
bezeichnet.9 Mögen sie alle sich von der Liebe und Sorge der Brüder und
Schwestern umfangen fühlen!
Das Gebet im Jahr der Familie stellt zunächst ein ermutigendes Zeugnis
von seiten der Familien dar, die in der häuslichen Gemeinsamkeit ihre
menschliche und christliche Lebensberufung verwirklichen. Deren gibt es
zahlreiche in jeder Nation, Diözese und Pfarrei! Auch wenn man sich die
nicht wenigen »irregulären Situationen« vor Augen hält, so darf man
vernünftigerweise annehmen, daß jene »die Regel« darstellen. Und die
Erfahrung zeigt, wie entscheidend die Rolle einer Familie in
Übereinstimmung mit den sittlichen Normen ist, damit der Mensch, der in
ihr geboren wird und seine Erziehung erfährt, ohne Unsicherheiten den Weg
des Guten einschlägt, das ihm ja ewig in sein Herz geschrieben ist. Auf
die Zersetzung der Familien scheinen in unseren Tagen leider verschiedene
Programme ausgerichtet zu sein, die von sehr einflußreichen Medien
unterstützt werden. Es scheint bisweilen so zu sein, daß unter allen
Umständen versucht wird, Situationen, die tatsächlich »irregulär«
sind, als »regulär« und anziehend darzustellen, indem man ihnen den äußeren
Anschein eines verlockenden Zaubers verleiht; sie widersprechen
tatsächlich der »Wahrheit und der Liebe«, die die gegenseitige
Beziehung zwischen Männern und Frauen inspirieren und leiten sollen, und
sind daher Anlaß für Spannungen und Trennungen in den Familien mit
schwerwiegenden Folgen besonders für die Kinder. Das moralische Gewissen
wird verdunkelt, was wahr, gut und schön ist, wird entstellt, und die
Freiheit wird in Wirklichkeit von einer regelrechten Knechtschaft
verdrängt. Wie aktuell und anregend klingen angesichts all dessen die
Worte des Paulus in bezug auf die Freiheit, mit der Christus uns befreit
hat, und die von der Sünde verursachte Knechtschaft (vgl. Gal 5,1)!
Man ist sich also bewußt, wie angemessen, ja notwendig in der Kirche ein
Jahr der Familie ist; wie unerläßlich das Zeugnis aller Familien ist,
die tagtäglich ihre Berufung leben; wie dringend ein intensives Gebet der
Familien ist, das wächst und die ganze Erde umspannt und in dem die
Danksagung für die Liebe in der Wahrheit, für die »Ausgießung der
Gnade des Heiligen Geistes«,10 für die Anwesenheit Christi unter Eltern
und Kindern zum Ausdruck kommt: Christi, des Erlösers und Bräutigams,
der uns »bis zur Vollendung geliebt hat« (vgl. Joh 13,1). Wir sind
zutiefst davon überzeugt, daß diese Liebe gröber als alles ist (vgl. 1
Kor 13,13), und wir glauben, daß sie imstande ist, siegreich all das zu
überwinden, was nicht Liebe ist.
Möge dieses Jahr unablässig das Gebet der Kirche, das Gebet der
Familien, der »Hauskirchen«, emporsteigen! Und möge es sich zuerst bei
Gott und dann auch bei den Menschen vernehmen lassen, damit sie nicht in
Zweifel verfallen und alle, die aus menschlicher Schwachheit wankend
werden, nicht den Versuchungen der Faszination von nur scheinbar Gutem
erliegen, wie sie sich in jeder Versuchung darbieten.
Zu Kana in Galiläa, wo Jesus zu einer Hochzeitsfeier eingeladen war,
wandte sich die Mutter, die ebenso zugegen war, an die Diener und sagte:
»Was er euch sagt, das tut« (Joh 2,5). Auch an uns, die wir in das Jahr
der Familie eingetreten sind, richtet Maria eben diese Worte. Und was
Christus in diesem besonderen geschichtlichen Augenblick sagt, stellt
einen starken Aufruf zu einem großen Gebet mit den Familien und für die
Familien dar. Die jungfräuliche Mutter lädt uns ein, uns mit diesem
Gebet den Empfindungen des Sohnes zu verbinden, der eine jede Familie
liebt. Diese Liebe hat er zu Beginn seiner Erlösungssendung eben mit
seiner heilbringenden Anwesenheit in Kana in Galiläa zum Ausdruck
gebracht, eine Anwesenheit, die bis heute andauert.
Bitten wir für die Familien in aller Welt. Bitten wir durch ihn, mit ihm
und in ihm den Vater, »nach dessen Namen jedes Geschlecht im Himmel und
auf der Erde benannt wird« (Eph 3,15).
I.
DIE ZIVILISATION DER LIEBE
»Als Mann und Frau schuf er sie«
6. Der unendliche und so vielfältige Kosmos, die Welt aller Lebewesen,
ist in die Vaterschaft Gottes als sein Quell eingeschrieben (vgl. Eph
3,14-16). Er ist ihr natürlich eingeschrieben nach dem Kriterium der
Analogie, aufgrund dessen es uns möglich ist, schon am Beginn des Buches
Genesis die Wirklichkeit der Vaterschaft und Mutterschaft und daher auch
der menschlichen Familie zu erkennen. Der interpretative Schlüssel dazu
liegt im Prinzip des »Abbildes« und der »Ähnlichkeit« Gottes, die der
biblische Text nachdrücklich betont (vgl. Gen 1,26). Gott erschafft kraft
seines Wortes: »Es werde!« (z.B. Gen 1,3). Es ist bedeutsam, daß dieses
Wort Gottes bei der Erschaffung des Menschen durch diese weiteren Worte
ergänzt wird: »Labt uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich«
(Gen 1,26). Der Schöpfer geht, bevor er den Menschen schafft, gleichsam
in sich selbst, um darin das Vorbild und die Inspiration im Geheimnis
seines Wesens zu suchen, das sich in gewisser Hinsicht schon hier als das
göttliche »Wir« offenbart. Aus diesem Geheimnis geht auf schöpferische
Weise der Mensch hervor: »Gott schuf also den Menschen als sein Abbild;
als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie« (Gen
1,27).
Gott segnet die neuen Wesen und spricht zu ihnen: »Seid fruchtbar und
vermehrt euch, bevölkert die Erde; unterwerft sie euch« (Gen 1,28). Das
Buch Genesis gebraucht dieselben Formulierungen, die im Zusammenhang der
Erschaffung der anderen Lebewesen verwendet wurden: »Vermehrt euch«,
aber ihr analoger Sinn ist klar. Muß nicht diese Analogie von Zeugung und
Elternschaft im Licht des Gesamtzusammenhanges gelesen werden? Keines der
Lebewesen außer dem Menschen wurde »als Abbild Gottes und ihm ähnlich«
geschaffen. Die menschliche Elternschaft hat, obwohl sie jener anderer
Lebewesen in der Natur biologisch ähnlich ist, an sich wesenhaft und
ausschließlich eine »Ähnlichkeit« mit Gott, auf die sich die Familie
gründet, die als menschliche Lebensgemeinschaft, als Gemeinschaft von
Personen, die in der Liebe vereint sind (communio personarum), verstanden
wird.
Im Licht des Neuen Testamentes ist es möglich, das Urmodell der Familie
in Gott selbst, im trinitarischen Geheimnis seines Lebens,
wiederzuerkennen. Das göttliche »Wir« bildet das ewige Vorbild des
menschlichen »Wir«; vor allem jenes »Wir«, das von dem nach dem Abbild
und der Ähnlichkeit Gottes geschaffenen Mann und der Frau gebildet ist.
Die Worte des Buches Genesis enthalten jene Wahrheit über den Menschen,
der die Erfahrung der Menschheit selbst entspricht. Der Mensch wurde »am
Anfang« als Mann und Frau geschaffen: Das Leben der menschlichen
Gemeinschaft - der kleinen Gemeinschaften wie der ganzen Gesellschaft -
trägt das Zeichen dieser Ur-Dualität. Aus ihr gehen die
»Männlichkeit« und die »Weiblichkeit« der einzelnen Individuen
hervor, so wie aus ihr jede Gemeinschaft ihren je eigentümlichen Reichtum
in der gegenseitigen Ergänzung der Personen schöpft. Darauf scheint sich
die Stelle aus dem Buch Genesis zu beziehen: »Als Mann und Frau schuf er
sie« (Gen 1,27). Das ist auch die erste Aussage über die gleiche Würde
von Mann und Frau: Beide sind in gleicher Weise Personen. Diese ihre
Begründung mit der besonderen Würde, die sich daraus ergibt, bestimmt
schon »am Anfang« die Wesensmerkmale des gemeinsamen Gutes der
Menschheit in jeder Dimension und jedem Bereich des Lebens. Zu diesem
gemeinsamen Gut leisten beide, der Mann und die Frau, ihren je eigenen
Beitrag, dank dessen sich an den Wurzeln des menschlichen Zusammenlebens
selbst der Charakter von Gemeinsamkeit und Ergänzung findet.
Der eheliche Bund
7. Die Familie wurde stets als erster und grundlegender Ausdruck der
sozialen Natur des Menschen angesehen. In ihrem wesentlichen Kern hat sich
diese Sicht auch heute nicht geändert. In unseren Tagen jedoch zieht man
es vor, in der Familie, die die kleinste anfängliche menschliche
Gemeinschaft darstellt, alles hervorzuheben, was persönlicher Beitrag des
Mannes und der Frau ist. Die Familie ist tatsächlich eine Gemeinschaft
von Personen, für welche die spezifische Existenzform und Art des
Zusammenlebens die Gemeinsamkeit ist: communio personarum. Auch hier tritt
bei Wahrung der absoluten Transzendenz des Schöpfers der Schöpfung
gegenüber der exemplarische Bezug zum göttlichen »Wir« hervor. Nur
Personen sind imstande, »in Gemeinsamkeit« zu leben. Ihren Ausgang nimmt
die Familie von der ehelichen Verbindung, die das Zweite Vatikanische
Konzil als »Bund« bezeichnet, in dem sich Mann und Frau »gegenseitig
schenken und annehmen«.11
Das Buch Genesis macht uns offen für diese Wahrheit, wenn es unter
Bezugnahme auf die Gründung der Familie durch die Ehe sagt, »der Mann
verläßt Vater und Mutter und bindet sich an seine Frau, und sie werden
ein Fleisch« (Gen 2,24). Im Evangelium wiederholt Christus im
Streitgespräch mit den Pharisäern dieselben Worte und fügt hinzu: »Sie
sind also nicht mehr zwei, sondern eins. Was aber Gott verbunden hat, das
darf der Mensch nicht trennen« (Mt 19,6). Er offenbart von neuem den
normativen Inhalt einer Tatsache, die bereits »am Anfang« (Mt 19,8)
bestand und die diesen Inhalt immer in sich bewahrt. Wenn der Meister das
»jetzt« bestätigt, so tut er das, um an der Schwelle des Neuen Bundes
den unauflöslichen Charakter der Ehe als Fundament des Gemeinwohls der
Familie unmißverständlich klarzumachen.
Wenn wir zusammen mit dem Apostel die Knie vor dem Vater beugen, nach
dessen Namen jede Elternschaft benannt ist (vgl. Eph 3,14-15), erkennen
wir, daß das Elternsein das Ereignis ist, durch das die bereits mit dem
Ehebund gebildete Familie sich »im vollen und eigentlichen Sinn«
verwirklicht.12 Die Mutterschaft schließt notwendig die Vaterschaft, und
umgekehrt, die Vaterschaft notwendig die Mutterschaft ein: Sie ist Frucht
der Dualität, die dem Menschen vom Schöpfer »am Anfang« geschenkt
wurde.
Ich habe auf zwei miteinander verwandte, aber nicht identische Begriffe
Bezug genommen: den Begriff communio (Gemeinsamkeit) und den Begriff
communitas (Gemeinschaft). Die »Gemeinsamkeit« betrifft die persönliche
Beziehung zwischen dem »Ich« und dem »Du«. Die »Gemeinschaft«
dagegen übersteigt dieses Schema in Richtung einer »Gesellschaft«,
eines »Wir«. Die Familie als Gemeinschaft von Personen ist daher die
erste menschliche »Gesellschaft«. Sie entsteht, wenn der bei der Trauung
geschlossene eheliche Bund sich verwirklicht, der die Eheleute für eine
dauernde Liebes- und Lebensgemeinschaft öffnet und sich im vollen und
eigentlichen Sinn mit der Zeugung von Kindern vervollständigt: Mit der
»Gemeinsamkeit« der Eheleute beginnt diese grundlegende »Gemeinschaft«
der Familie. Die »Familiengemeinschaft« ist zutiefst von dem
durchdrungen, was das eigentliche Wesen der »Gemeinsamkeit« ausmacht.
Kann es auf menschlicher Ebene eine andere »Gemeinsamkeit« geben, welche
jener vergleichbar wäre, die zwischen der Mutter und dem Kind entsteht,
das sie zuerst im Schob getragen und dann zur Welt gebracht hat?
In der so begründeten Familie offenbart sich eine neue Einheit, in der
die Beziehung der »Gemeinsamkeit« der Eltern volle Erfüllung findet.
Die Erfahrung lehrt, daß diese Erfüllung auch eine Aufgabe und eine
Herausforderung darstellt. Die Aufgabe verpflichtet die Ehegatten in der
Verwirklichung ihres anfänglichen Bundes. Die von ihnen gezeugten Kinder
müßten - und darin besteht die Herausforderung - diesen Bund dadurch
festigen, daß sie die eheliche Gemeinsamkeit von Vater und Mutter
bereichern und vertiefen. Ist das nicht der Fall, so muß man sich fragen,
ob nicht der Egoismus, der sich wegen der menschlichen Neigung zum Bösen
auch in der Liebe des Mannes und der Frau verbirgt, stärker ist als diese
Liebe. Die Ehegatten müssen sich dessen sehr klar bewußt sein. Sie
müssen von Anfang an ihre Herzen und Gedanken jenem Gott zuwenden, »nach
dessen Namen jedes Geschlecht benannt wird«, damit ihre Elternschaft
jedes Mal aus dieser Quelle die Kraft zur unablässigen Erneuerung der
Liebe schöpfe.
Vaterschaft und Mutterschaft stellen an sich eine besondere Bestätigung
der Liebe dar, deren ursprüngliche Weite und Tiefe zu entdecken sie
ermöglichen. Das geschieht jedoch nicht automatisch. Es ist vielmehr eine
Aufgabe, die beiden übertragen ist: dem Ehemann und der Ehefrau. In ihrem
Leben stellen Vaterschaft und Mutterschaft eine »Neuheit« und eine
Fülle dar, die so erhaben sind, daß man sie nur »auf den Knien«
empfangen kann.
Die Erfahrung lehrt, daß die menschliche Liebe wegen ihrer auf die
Elternschaft hingeordneten Natur bisweilen eine tiefe Krise durchmacht und
daher ernsthaft bedroht ist. Man wird in solchen Fällen in Erwägung
ziehen, sich an die Dienste zu wenden, die von Ehe- und Familienberatern
angeboten werden, durch die es möglich ist, sich unter anderem von
besonders ausgebildeten Psychologen und Psychotherapeuten Hilfe geben zu
lassen. Man darf jedoch nicht vergessen, daß die Worte des Apostels immer
gültig bleiben: »Ich beuge meine Knie vor dem Vater, nach dessen Namen
jedes Geschlecht im Himmel und auf der Erde benannt wird.« Die Ehe, das
Ehesakrament, ist ein in Liebe geschlossener Bund von Personen. Und die
Liebe kann nur von der Liebe vertieft und geschützt werden, jener Liebe,
die »ausgegossen ist in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns
gegeben ist« (Röm 5,5). Sollte sich das Gebet des Jahres der Familie
nicht auf den entscheidenden Punkt konzentrieren, den der Übergang von
der ehelichen Liebe zur Zeugung und somit zur Elternschaft darstellt? Wird
nicht gerade da die »Ausgießung der Gnade des Heiligen Geistes«, die
die Liturgie während der Trauungsfeier erbittet, unentbehrlich?
Der Apostel bittet den Vater, während er seine Knie vor ihm beugt, »er
möge euch . . . schenken, daß ihr in eurem Innern durch seinen Geist an
Kraft und Stärke zunehmt« (Eph 3,16). Diese »Kraft im Innern des
Menschen« wird im gesamten Familienleben benötigt, besonders in seinen
kritischen Augenblicken, wenn also die Liebe, die in dem liturgischen
Ritus des Ehekonsenses mit den Worten ausgedrückt wurde: »Ich
verspreche, dir immer, . . . alle Tage meines Lebens treu zu bleiben«,
einer schweren Prüfung ausgesetzt ist.
Die Einheit der beiden
8. Nur die »Personen« sind imstande, diese Worte auszusprechen; nur sie
sind fähig, auf der Grundlage der gegenseitigen Wahl, die ganz bewußt
und frei ist bzw. sein sollte, »in Gemeinsamkeit« zu leben. Das Buch
Genesis stellt dort, wo es auf den Mann Bezug nimmt, der Vater und Mutter
verläßt, um sich an seine Frau zu binden (vgl. Gen 2,24), die bewußte
und freie Wahl heraus, die der Ehe ihren Anfang verleiht und einen Sohn
zum Ehemann und eine Tochter zur Ehefrau werden läßt. Wie soll man diese
gegenseitige Wahl richtig verstehen, wenn man nicht die volle Wahrheit
über die Person und das vernünftige und freie Wesen vor Augen hat? Das
Zweite Vatikanische Konzil spricht hier unter Verwendung wie nie zuvor
bedeutungsvoller Worte von der Ähnlichkeit mit Gott. Es bezieht sich
dabei nicht nur auf das göttliche Ebenbild, das bereits jedes menschliche
Wesen an und für sich besitzt, sondern auch und in erster Linie auf
»eine gewisse Ähnlichkeit zwischen der Einheit der göttlichen Personen
und der Einheit der Kinder Gottes in der Wahrheit und der Liebe«.13
Diese besonders reichhaltige und prägnante Formulierung stellt vor allem
heraus, was für die tiefste Identität jedes Mannes und jeder Frau
entscheidend ist. Diese Identität besteht in der Fähigkeit, in der
Wahrheit und in der Liebe zu leben; ja, noch mehr, sie besteht in dem
Verlangen nach Wahrheit und Liebe als bestimmende Dimension des Lebens der
Person. Dieses Verlangen nach Wahrheit und Liebe macht den Menschen sowohl
offen für Gott wie für die Geschöpfe: Es macht ihn offen für die
anderen Menschen, für das Leben »in Gemeinschaft«, vor allem für die
Ehe und die Familie. In den Worten des Konzils ist die »Gemeinschaft«
der Personen in gewissem Sinne aus dem Geheimnis des trinitarischen
»Wir« abgeleitet, und auch die »eheliche Gemeinschaft« wird auf dieses
Geheimnis bezogen. Die Familie, die aus der Liebe des Mannes und der Frau
entsteht, erwächst in grundlegender Weise aus dem Mysterium Gottes. Das
entspricht dem tiefsten Wesen des Mannes und der Frau, es entspricht ihrer
Natur und ihrer Würde als Personen.
Mann und Frau vereinen sich in der Ehe so innig miteinander, daß sie -
nach den Worten der Genesis - »ein Fleisch« werden (Gen 2,24). Die zwei
Menschenwesen, die auf Grund ihrer physischen Verfassung männlich und
weiblich sind, haben trotz körperlicher Verschiedenheit in gleicher Weise
teil an der Fähigkeit, »in der Wahrheit und der Liebe« zu leben. Diese
Fähigkeit, die für das menschliche Wesen, insofern es Person ist,
charakteristisch ist, hat zugleich eine geistige und körperliche
Dimension. Denn durch den Leib sind der Mann und die Frau darauf
vorbereitet, in der Ehe eine »Gemeinschaft von Personen« zu bilden. Wenn
sie sich kraft des ehelichen Bundes so vereinen, daß sie »ein Fleisch«
werden (Gen 2,24), muß sich ihre Vereinigung »in der Wahrheit und der
Liebe« erfüllen und auf diese Weise die eigentliche Reife der nach dem
Abbild und Gleichnis Gottes erschaffenen Personen an den Tag legen.
Die aus dieser Vereinigung hervorgegangene Familie gewinnt ihre innere
Festigkeit aus dem Bund zwischen den Ehegatten, den Christus zum Sakrament
erhoben hat. Sie empfängt ihren Gemeinschaftscharakter, ja ihre
Wesensmerkmale als »Gemeinschaft« aus jener grundlegenden Gemeinsamkeit
der Ehegatten, die sich in den Kindern fortsetzt. »Seid ihr bereit, in
Verantwortung und Liebe die Kinder, die Gott euch schenken will,
anzunehmen und zu erziehen . . . ?«, fragt der Zelebrant während des
Trauungsritus.14 Die Antwort der Brautleute entspricht der tiefsten
Wahrheit der Liebe, die sie verbindet. Auch wenn ihre Einheit sie
untereinander verschließt, öffnet sie sich doch auf ein neues Leben, auf
eine neue Person hin. Als Eltern werden sie fähig sein, einem Wesen, das
ihnen ähnlich ist, das Leben zu schenken, nicht nur »Fleisch von ihrem
Fleisch und Bein von ihrem Gebein« (vgl. Gen 2,23), sondern Abbild und
Gleichnis Gottes, das heißt Person.
Mit der Frage: »Seid ihr bereit?« erinnert die Kirche die Neuvermählten
daran, daß sie sich im Angesicht der Schöpfermacht Gottes befinden. Sie
sind berufen, Eltern zu werden, das heißt, mit dem Schöpfer mitzuwirken
bei der Weitergabe des Lebens. Mit Gott zusammenarbeiten, um neue Menschen
ins Leben zu rufen, heißt mitwirken an der Übertragung jenes göttlichen
Abbildes, das jedes »von einer Frau geborene« Wesen in sich trägt.
Die Genealogie der Person
9. Durch die Gemeinschaft von Personen, die sich in der Ehe verwirklicht,
gründen der Mann und die Frau die Familie. Mit der Familie verbindet sich
die Genealogie jedes Menschen: die Genealogie der Person. Die menschliche
Elternschaft hat ihre Wurzeln in der Biologie und geht zugleich über sie
hinaus. Wenn der Apostel »seine Knie vor dem Vater beugt, nach dessen
Namen jedes Geschlecht im Himmel und auf der Erde benannt wird«, stellt
er uns in gewissem Sinne die gesamte Welt der Lebewesen vor Augen, von den
Geistwesen im Himmel bis zu den leiblichen Geschöpfen auf der Erde. Jede
Zeugung findet ihr Ur-Modell in der Vaterschaft Gottes. Doch im Fall des
Menschen genügt diese »kosmische« Dimension der Gottähnlichkeit nicht,
um die Beziehung von Vaterschaft und Mutterschaft angemessen zu
definieren. Wenn aus der ehelichen Vereinigung der beiden ein neuer Mensch
entsteht, so bringt er ein besonderes Abbild Gottes, eine besondere
Ähnlichkeit mit Gott selbst in die Welt: In die Biologie der Zeugung ist
die Genealogie der Person eingeschrieben.
Wenn wir sagen, die Ehegatten seien als Eltern bei der Empfängnis und
Zeugung eines neuen Menschen Mitarbeiter des Schöpfergottes,15 beziehen
wir uns nicht einfach auf die Gesetze der Biologie; wir wollen vielmehr
hervorheben, daß in der menschlichen Elternschaft Gott selbst in einer
anderen Weise gegenwärtig ist als bei jeder anderen Zeugung »auf
Erden«. Denn nur von Gott kann jenes »Abbild und jene Ähnlichkeit«
stammen, die dem Menschen wesenseigen ist, wie es bei der Schöpfung
geschehen ist. Die Zeugung ist die Fortführung der Schöpfung.16
So stehen also die Eltern sowohl bei der Empfängnis wie bei der Geburt
eines neuen Menschen vor einem »tiefen Geheimnis« (Eph 5,32). Nicht
anders als die Eltern ist auch der neue Mensch zur Existenz als Person,
zum Leben »in der Wahrheit und der Liebe«, berufen. Diese Berufung
öffnet sich nicht nur dem Zeitlichen, sondern in Gott öffnet sie sich
der Ewigkeit. Das ist die Dimension der Genealogie der Person, die
Christus uns endgültig enthüllt hat, als er das Licht seines Evangeliums
auf das menschliche Leben und Sterben und damit auf die Bedeutung der
menschlichen Familie ausgoß.
Wie das Konzil feststellt, ist der Mensch »auf Erden die einzige von Gott
um ihrer selbst willen gewollte Kreatur«.17 Die Entstehung des Menschen
folgt nicht nur den Gesetzen der Biologie, sondern unmittelbar dem
Schöpferwillen Gottes: Es ist der Wille, der die Genealogie der Söhne
und Töchter der menschlichen Familien angeht. Gott hat den
Menschen schon am Anfang »gewollt« - und Gott »will« ihn bei jeder
menschlichen Empfängnis und Geburt. Gott »will« den Menschen als ein
Ihm selbst ähnliches Wesen, als Person. Dieser Mensch, jeder Mensch wird
von Gott »um seiner selbst willen« geschaffen. Das gilt für alle, auch
jene, die mit Krankheiten oder Gebrechen zur Welt kommen. In die
persönliche Verfassung eines jeden ist der Wille Gottes eingeschrieben,
der den Menschen in gewissem Sinne selbst als Ziel will. Gott übergibt
den Menschen sich selbst, während er ihn zugleich der Familie und der
Gesellschaft als deren Aufgabe anvertraut. Die Eltern, die vor einem neuen
Menschenwesen stehen, sind sich oder sollten sich voll dessen bewußt
sein, daß Gott diesen Menschen »um seiner selbst willen will«.
Diese knappe Formulierung ist sehr inhaltsreich und tiefgreifend. Vom
Augenblick der Empfängnis und dann von der Geburt an ist das neue Wesen
dazu bestimmt, sein Menschsein in Fülle zum Ausdruck zu bringen - sich
als Person zu »finden«.18 Das betrifft absolut alle, auch die chronisch
Kranken und geistig Behinderten. »Mensch sein« ist seine fundamentale
Berufung: »Mensch sein« nach Maßgabe der empfangenen Gaben. Nach Maßgabe
jener »Begabung«, die das Menschsein an sich darstellt, und erst dann
nach Maßgabe der anderen Talente. In diesem Sinne will Gott jeden
Menschen »um seiner selbst willen«. In dem Plan Gottes überschreitet
die Berufung der menschlichen Person jedoch die zeitlichen Grenzen. Sie
kommt dem Willen des Vaters entgegen, der im fleischgewordenen Wort
geoffenbart worden ist: Gott will den Menschen dadurch beschenken, daß er
ihn an seinem göttlichen Leben teilhaben läßt. Christus sagt: »Ich bin
gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben« (Joh 10,10).
Steht die letzte Bestimmung des Menschen nicht im Widerspruch zu der
Feststellung, daß Gott den Menschen »um seiner selbst willen« will?
Wenn der Mensch für das göttliche Leben geschaffen ist, existiert er
dann wirklich »um seiner selbst willen«? Das ist eine Schlüsselfrage,
die sowohl für das Aufblühen wie für das Verlöschen der irdischen
Existenz große Bedeutung hat: Sie ist für den Verlauf des ganzen Lebens
wichtig. Es könnte den Anschein haben, daß Gott dem Menschen dadurch,
daß er ihn für das göttliche Leben bestimmt, endgültig sein Existieren
»um seiner selbst willen« entzieht.19 Welche Beziehung besteht zwischen
dem persönlichen Leben und der Teilhabe am trinitarischen Leben? Darauf
antwortet der hl. Augustinus mit den berühmten Worten: »Unruhig ist
unser Herz, bis es ruht in dir.«20 Dieses »unruhige Herz« deutet darauf
hin, daß zwischen der einen und der anderen Zielsetzung kein Widerspruch
besteht, vielmehr eine Verbindung, eine Zuordnung, eine tiefgreifende
Einheit. Auf Grund der ihr eigenen Genealogie existiert die nach dem Bild
Gottes geschaffene Person gerade durch Teilhabe an Seinem Leben »um ihrer
selbst willen« und verwirklicht sich. Der Gehalt solcher Verwirklichung
ist die Fülle des Lebens in Gott, jenes Lebens, von dem Christus spricht
(vgl. Joh 6,37-40), der uns gerade dafür erlöst hat, um uns dort
hineinzuführen (vgl. Mk 10,45).
Die Ehegatten wünschen die Kinder für sich; und sie sehen in ihnen die
Krönung ihrer gegenseitigen Liebe. Sie wünschen sie für die Familie als
wertvollstes Geschenk.21 Es ist in gewissem Maß ein verständlicher
Wunsch. Doch ist der ehelichen und der elterlichen Liebe die Wahrheit
über den Menschen eingeschrieben, die in knapper und präziser Form vom
Konzil ausgedrückt wurde mit der Feststellung, daß Gott »den Menschen
um seiner selbst willen will«. Mit dem Willen Gottes muß der Wille der
Eltern übereinstimmen: In diesem Sinne müssen sie das neue menschliche
Geschöpf wollen, wie es der Schöpfer will: um seiner selbst willen. Das
menschliche Wollen unterliegt immer und unweigerlich dem Gesetz der Zeit
und der Vergänglichkeit. Das göttliche hingegen ist ewig. »Noch ehe ich
dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen, noch ehe du aus dem
Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt«, lesen wir im Buch des
Propheten Jeremia (1, 5). Die Genealogie der Person ist also zunächst mit
der Ewigkeit Gottes verbunden und erst danach mit der menschlichen
Elternschaft, die sich in der Zeit verwirklicht. Bereits im Augenblick der
Empfängnis ist der Mensch hingeordnet auf die Ewigkeit in Gott.
Das gemeinsame Wohl von Ehe und Familie
10. Der Ehekonsens definiert das der Ehe und der Familie gemeinsame Wohl.
»Ich nehme dich . . . als meine Frau - als meinen Mann - und verspreche
dir die Treue in guten und in bösen Tagen, in Gesundheit und Krankheit.
Ich will dich lieben, achten und ehren, solange ich lebe.«22 Die Ehe ist
eine einzigartige Gemeinsamkeit von Personen. Auf der Grundlage dieser
Gemeinsamkeit ist die Familie berufen, zu einer Gemeinschaft von Personen
zu werden. Es handelt sich dabei um eine Verpflichtung, die die
Neuvermählten »vor Gott und der Kirche« übernehmen, wie ihnen der
Zelebrant im Augenblick des Konsensaustausches in Erinnerung ruft.23
Zeugen dieser Verpflichtung sind alle, die an dem Ritus teilnehmen; in
ihnen sind in gewissem Sinne die Kirche und die Gesellschaft als
Lebensraum der neuen Familie vertreten.
Die Worte des Ehekonsenses legen fest, worin das gemeinsame Wohl des
Ehepaares und der Familie besteht. Zunächst das gemeinsame Wohl der
Ehegatten: die Liebe, die Treue, die Ehrerbietung, die Dauerhaftigkeit
ihrer Verbindung bis zum Tod: »alle Tage des Lebens.« Das Wohl der
beiden, das zugleich das Wohl eines jeden von ihnen ist, muß dann zum
Wohl der Kinder werden. Während das gemeinsame Wohl seiner Natur nach die
einzelnen Personen verbindet, gewährleistet es das wahre Wohl einer jeden
von ihnen. Wenn die Kirche, wie übrigens auch der Staat, den durch die
oben wiedergegebenen Worte ausgedrückten Konsens der Ehegatten
entgegennimmt, so tut sie das, weil er »ihnen ins Herz geschrieben ist«
(Röm 2,15). Es sind die Ehegatten, die sich gegenseitig den Ehekonsens
leisten, indem sie vor Gott schwören, das heißt die Wahrheit ihres
Konsenses beteuern. Als Getaufte sind sie in der Kirche Spender des
Sakraments der Ehe. Der hl. Paulus lehrt, daß diese gegenseitige Hingabe
ein »tiefes Geheimnis« (Eph 5,32) ist.
Die Worte des Konsenses drücken also aus, was das gemeinsame Wohl der
Ehegatten darstellt, und weisen auf das hin, was das gemeinsame Wohl der
künftigen Familie sein muß. Um das hervorzuheben, richtet die Kirche an
sie die Frage, ob sie bereit seien, die Kinder, die Gott ihnen schenken
wird, anzunehmen und christlich zu erziehen. Die Frage bezieht sich auf
das gemeinsame Wohl des künftigen Kerns der Familie, während sie die in
die Gründung der Ehe und Familie eingeschriebene Genealogie der Personen
gegenwärtig hält. Die Frage der Kinder und ihrer Erziehung steht in
engem Zusammenhang mit dem Ehekonsens, mit dem Schwur von Liebe, ehelicher
Achtung und Treue bis zum Tod. Die Annahme und Erziehung der Kinder - zwei
der wichtigsten Zwecke - sind von der Erfüllung dieser Verpflichtung
abhängig. Die Elternschaft stellt eine Aufgabe nicht nur physischer,
sondern geistlicher Natur dar; denn über sie verläuft die Genealogie der
Person, die ihren ewigen Anfang in Gott hat und zu Ihm hinführen soll.
Über all das sollte das Jahr der Familie, ein Jahr des besonderen Gebets
der Familien, jede Familie in neuer und vertiefter Weise unterrichten. Was
für eine Fülle von Stichworten aus der Bibel könnte den Nährboden
dieses Gebetes bilden! Wichtig ist nur, daß zu den Worten der Heiligen
Schrift stets das persönliche Gedenken an die Ehegatten als Eltern und an
die Kinder und Enkel hinzukommt. Durch die Genealogie der Personen wird
die eheliche Gemeinsamkeit zu einer Gemeinsamkeit der Generationen. Der in
dem festen Vertrag vor Gott geschlossene sakramentale Bund der beiden
dauert fort und konsolidiert sich in der Aufeinanderfolge der
Generationen. Er muß zur Gebetseinheit werden. Damit das aber im Jahr der
Familie auf bedeutsame Weise sichtbar werden kann, muß das Beten zu einer
Gewohnheit werden, die im täglichen Leben jeder Familie verwurzelt ist.
Das Gebet ist Danksagung, Gotteslob, Bitte um Vergebung, inständige Bitte
und Anrufung. In jeder dieser Formen hat das Gebet der Familie Gott viel
zu sagen. Es hat auch den Menschen viel zu sagen, angefangen bei der
gegenseitigen Gemeinsamkeit der Personen, die durch familiäre Bande
verbunden sind.
»Was ist der Mensch, daß du an ihn denkst?« (Ps 8,5), fragt der
Psalmist. Das Gebet ist der Ort, wo sich auf die schlichteste Weise das
schöpferische und väterliche Gedenken Gottes offenbart. Nicht nur und
nicht so sehr das Gedenken an Gott von seiten des Menschen als vielmehr
das Gedenken an den Menschen von seiten Gottes. Darum kann das Gebet der
Familiengemeinschaft zum Ort gemeinsamen und gegenseitigen Gedenkens
werden: denn die Familie ist Generationengemeinschaft. Beim Gebet sollen
alle anwesend sein: die Lebenden ebenso wie die bereits Verstorbenen und
auch diejenigen, die noch zur Welt kommen sollen. Es ist nötig, daß man
in der Familie für jeden betet, im Rahmen des Gutes, das die Familie für
ihn, und des Gutes, das er für die Familie darstellt. Das Gebet
bekräftigt noch fester dieses Gut eben als gemeinsames Gut der Familie.
Ja, es läßt dieses Gut auch auf immer neue Weise entstehen. Im Gebet ist
die Familie gleichsam das erste »Wir«, in dem jeder »ich« und »du«
ist; jeder ist für den anderen Gatte bzw. Gattin, Vater bzw. Mutter, Sohn
oder Tochter, Bruder oder Schwester, Grobvater oder Enkel.
Sind das die Familien, an die ich mich mit diesem Schreiben wende? Sicher
gibt es nicht wenige Familien von dieser Art, aber die Zeit, in der wir
leben, macht die Tendenz zu einer Beschränkung des Familienkerns auf den
Umfang von zwei Generationen offenkundig. Dies hat seinen Grund oft in dem
nur beschränkt vorhandenen Wohnraum, insbesondere in den großen
Städten. Nicht selten liegt es aber auch in der Überzeugung begründet,
mehrere Generationen zusammen störten die Vertraulichkeit und erschwerten
zu sehr das Leben. Ist aber nicht gerade das der schwächste Punkt? In den
Familien unserer Zeit gibt es wenig menschliches Leben. Es fehlen
Personen, mit denen man das gemeinsame Wohl schaffen und teilen kann; doch
das Wohl verlangt seiner Natur nach, geschaffen und mit anderen geteilt zu
werden: bonum est diffusivum sui (»das Guteistauf seine Ausbreitung hin
angelegt.«)24 Je mehr das Wohl gemeinsam ist, desto mehr ist es auch
eigenes Wohl: mein - dein - unser. Das ist die innere Logik der Existenz
im Guten, in der Wahrheit und in der Liebe. Wenn der Mensch diese Logik
anzunehmen und ihr zu folgen versteht, wird seine Existenz wahrhaftig zu
einer »aufrichtigen Hingabe«.
Die aufrichtige Selbsthingabe
11. Der Feststellung, daß der Mensch auf Erden die einzige von Gott um
ihrer selbst willen gewollte Kreatur ist, fügt das Konzil sogleich hinzu,
daß er »sich selbst nur durch die aufrichtige Hingabe seiner selbst
vollkommen finden kann«.25 Das könnte wie ein Widerspruch erscheinen,
ist es tatsächlich aber nicht. Es ist vielmehr das große staunenswerte
Paradoxon der menschlichen Existenz: einer Existenz, die berufen ist, der
Wahrheit in der Liebe zu dienen. Die Liebe sorgt dafür, daß sich der
Mensch durch die aufrichtige Selbsthingabe verwirklicht: Lieben heißt,
alles geben und empfangen, was man weder kaufen noch verkaufen, sondern
sich nur aus freien Stücken gegenseitig schenken kann.
Die Hingabe der Person verlangt ihrer Natur nach beständig und
unwiderruflich zu sein. Die Unauflöslichkeit der Ehe entspringt
hauptsächlich aus dem Wesen solcher Hingabe: Hingabe der Person an die
Person. In diesem gegenseitigen Sich-Hingeben kommt der bräutliche
Charakter der Liebe zum Ausdruck. Im Ehekonsens nennen sich die
Neuvermählten bei ihrem Eigennamen: »Ich . . . nehme dich . . . als
meine Frau (als meinen Mann) und verspreche dir die Treue . . . solange
ich lebe.« Eine solche Hingabe verpflichtet viel stärker und tiefer als
alles, was auf welche Weise und um welchen Preis auch immer »gekauft«
werden kann. Während sie ihre Knie vor dem Vater beugen, von dem jede
Elternschaft stammt, werden sich die künftigen Eltern bewußt, daß sie
»erlöst« worden sind. Sie sind in der Tat um einen teuren Preis
losgekauft worden, um den Preis der aufrichtigsten Hingabe, die überhaupt
möglich ist, das Blut Christi, an dem sie durch das Sakrament teilhaben.
Liturgische Krönung des Ehekonsenses ist die Eucharistie - das Opfer des
»hingegebenen Leibes« und des »vergossenen Blutes« -, die im Konsens
der Brautleute in gewisser Weise ihren Ausdruck findet.
Wenn sich der Mann und die Frau in der Ehe in der Einheit des »einen
Fleisches« gegenseitig schenken und empfangen, tritt die Logik der
aufrichtigen Hingabe in ihr Leben ein. Ohne sie wäre die Ehe leer,
während die auf diese Logik gegründete Gemeinschaft der Personen zur
Gemeinschaft der Eltern wird. Wenn sie das Leben an ein Kind weitergeben,
fügt sich im Bereich des »Wir« der Eheleute ein neues menschliches
»Du« ein, eine Person, die sie mit einem neuen Namen benennen werden:
»unser Sohn . . . ; unsere Tochter . . . « »Ich habe einen Mann vom
Herrn erworben« (Gen 4,1), sagt Eva, die erste Frau der Geschichte. Ein
menschliches Wesen, das zunächst neun Monate lang erwartet und den Eltern
und Geschwistern dann »offenbar gemacht« wurde. Der Prozeß von
Empfängnis und Entwicklung im Mutterschoß, Niederkunft und Geburt dient
dazu, gleichsam einen geeigneten Raum zu schaffen, damit sich das neue
Geschöpf als »Gabe« kundmachen kann: denn das ist es in der Tat von
Anfang an. Könnte dieses zarte, hilflose Geschöpf, das in allem von
seinen Eltern abhängig und vollständig ihnen anvertraut ist, etwa anders
bezeichnet werden? Das Neugeborene gibt sich den Eltern damit hin, daß es
zur Existenz gelangt. Seine Existenz ist bereits ein Geschenk, das erste
Geschenk des Schöpfers an die Kreatur.
Im Neugeborenen verwirklicht sich das gemeinsame Wohl der Familie. Wie das
gemeinsame Wohl der Ehegatten Erfüllung in der ehelichen Liebe findet,
bereit, zu geben und das neue Leben zu empfangen, so verwirklicht sich das
gemeinsame Wohl der Familie durch dieselbe eheliche Liebe, die im
Neugeborenen Gestalt angenommen hat. In die Genealogie der Person ist die
Genealogie der Familie eingeschrieben, die durch die Vermerke in den
Taufregistern im Gedächtnis festgehalten wird, auch wenn diese nur die
soziale Folge der Tatsache sind, »daß ein Mensch zur Welt gekommen ist«
(Joh 16,21). Aber ist es wahr, daß das neue Menschenwesen ein Geschenk
für die Eltern ist? Ein Geschenk für die Gesellschaft? Allem Anschein
nach deutet nichts darauf hin. Die Geburt eines Menschen scheint manchmal
schlicht als ein statistisches Datum auf, das wie viele andere in den
Berechnungen zum Bevölkerungswachstum registriert wird. Sicher bedeutet
die Geburt eines Kindes für die Eltern zusätzliche Mühen, neue
wirtschaftliche Belastungen und andere praktische Bedingtheiten: Dies sind
Gründe, die sie zu der Versuchung verleiten können, keine weitere Geburt
zu wollen.26 In manchen gesellschaftlichen und kulturellen Kreisen macht
sich diese Versuchung sehr stark bemerkbar. Ist also das Kind kein
Geschenk? Kommt es nur, um zu nehmen und nicht, um zu geben? Das sind
einige besorgniserregende Fragen, von denen sich der heutige Mensch nur
mit Mühe zu befreien vermag. Das Kind kommt und beansprucht Platz,
während es auf der Welt immer weniger Platz zu geben scheint. Aber stimmt
es wirklich, daß das Kind der Familie und der Gesellschaft nichts bringt?
Ist es etwa nicht ein »Teilchen« jenes gemeinsamen Gutes, ohne das die
menschlichen Gemeinschaften zerbrechen und Gefahr laufen zu sterben? Wie
könnte man das leugnen? Das Kind wird von sich aus zu einem Geschenk für
die Geschwister, für die Eltern, für die ganze Familie. Sein Leben wird
zum Geschenk für die Geber des Lebens, die nicht umhin können werden,
die Anwesenheit des Kindes, seine Teilnahme an ihrer Existenz, seinen
Beitrag zu ihrem und zum gemeinsamen Wohl der Familiengemeinschaft
wahrzunehmen. Das ist eine Wahrheit, die in ihrer Einfachheit und Tiefe
selbstverständlich ist trotz der Kompliziertheit und auch möglichen
Pathologie der psychologischen Struktur bestimmter Personen. Das
Gemeinwohl der ganzen Gesellschaft liegt im Menschen, der, wie erwähnt,
»der Weg der Kirche«27 ist. Er ist zunächst »die Ehre Gottes«: Gloria
Dei vivens homo, wie es in dem bekannten Ausspruch des hl. Irenäus
heibt,28 der auch so übersetzt werden könnte: »Es gereicht Gott zur
Ehre, daß der Mensch lebt.« Wir stehen hier, so könnte man sagen, vor
der höchsten Definition des Menschen: Die Ehre Gottes ist das gemeinsame
Gut alles Existierenden; das gemeinsame Gut des Menschengeschlechtes.
Ja! Der Mensch ist ein gemeinsames Gut: gemeinsames Gut der Familie und
der Menschheit, der einzelnen Gruppen und der vielfältigen sozialen
Strukturen. Es bedarf jedoch einer bedeutsamen Unterscheidung nach Grad
und Modalität. Der Mensch ist zum Beispiel gemeinsames Gut der Nation,
der er angehört, oder des Staates, dessen Bürger er ist; aber er ist es
auf konkretere, einzigartige und unwiederholbare Weise für seine Familie;
er ist es nicht nur als zur Masse der Menschen gehörendes Individuum,
sondern als »dieser Mensch«. Der Schöpfergott ruft ihn »um seiner
selbst willen« ins Leben: Und damit, daß der Mensch zur Welt kommt,
beginnt sein »großes Abenteuer«, das Abenteuer des Lebens. »Dieser
Mensch« hat auf Grund seiner menschlichen Würde jedenfalls Anspruch auf
eigene Behauptung. Genau diese Würde bestimmt ja den Platz der Person
unter den Menschen und zunächst in der Familie. In der Tat ist die
Familie - mehr als jede andere menschliche Wirklichkeit - der Bereich, in
dem der Mensch durch die aufrichtige Selbsthingabe »um seiner selbst
willen« existieren kann. Deshalb bleibt sie eine soziale Institution, die
man nicht ersetzen kann und nicht ersetzen darf: Sie ist »das Heiligtum
des Lebens«.29
Die Tatsache, daß ein Mensch geboren wird, daß »ein Mensch zur Welt
gekommen ist« (Joh 16,21), stellt ein österliches Zeichen dar. Davon
spricht, wie der Evangelist Johannes berichtet, Jesus selbst zu den
Jüngern vor seinem Leiden und Tod, indem er die Traurigkeit über seinen
Weggang mit dem Schmerz einer gebärenden Frau vergleicht: »Wenn die Frau
gebären soll, ist sie bekümmert (d.h. sie leidet), weil ihre Stunde da
ist; aber wenn sie das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an ihre Not
über der Freude, daß ein Mensch zur Welt gekommen ist« (Joh 16,21). Die
»Stunde« des Todes Christi (vgl. Joh 13,1) wird hier mit der »Stunde«
der Frau in Geburtswehen verglichen; die Geburt eines neuen Menschen
findet ihre volle Entsprechung in dem von der Auferstehung des Herrn
gewirkten Sieg des Lebens über den Tod. Diese Gegenüberstellung gibt
Anlaß zu verschiedenen Überlegungen. Wie die Auferstehung Christi die
Offenbarung des Lebens jenseits der Schwelle des Todes ist, so ist auch
die Geburt eines Kindes Offenbarung des Lebens, das durch Christus immer
zur »Fülle des Lebens« bestimmt ist, die in Gott selbst liegt: »Ich
bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben« (Joh
10,10). Damit ist die wahre Bedeutung des Wortes des hl. Irenäus - Gloria
Dei vivens homo - in ihrem tiefgründigsten Wert enthüllt.
Es ist die evangelische Wahrheit der Selbsthingabe, ohne die der Mensch
nicht »vollkommen zu sich selbst kommen« kann und die ihn erahnen läßt,
wie tief diese »aufrichtige Hingabe« in der Hingabe Gottes, des
Schöpfers und Erlösers, in »der Gnade des Heiligen Geistes«, deren »Ausgießen«
auf die Neuvermählten der Zelebrant während der Trauungsfeier erbittet,
verwurzelt ist. Ohne dieses »Ausgießen« wäre es wirklich schwierig,
das alles zu begreifen und als Berufung des Menschen zu erfüllen. Jedoch
viele Menschen erfassen es intuitiv! So viele Männer und Frauen tun genau
diese Wahrheit, wodurch sie zu der Erkenntnis gelangen, daß sie nur in
ihr »der Wahrheit und dem Leben« (Joh 14,6) begegnen. Ohne diese
Wahrheit vermag das Leben der Ehegatten und der Familie keinen vollkommen
menschlichen Sinn zu erlangen.
Darum wird die Kirche niemals müde, diese Wahrheit zu lehren und zu
bezeugen. Auch wenn sie mütterliches Verständnis für die zahlreichen
und komplizierten Krisensituationen, in die die Familien verwickelt sind,
sowie auch für die moralische Schwachheit jedes Menschen bekundet, ist
die Kirche der Überzeugung, daß sie der Wahrheit über die menschliche
Liebe absolut treu bleiben müsse: andernfalls würde sie sich selbst
verraten. Ein Abweichen von dieser heilbringenden Wahrheit wäre in der
Tat dasselbe, als würde sie »die Augen eures Herzens« (Eph 1,18) schließen,
die hingegen stets offen bleiben müssen für das Licht, mit dem das
Evangelium die menschlichen Geschehnisse erleuchtet (vgl. 2 Tim 1,10). Das
Bewußtsein jener aufrichtigen Selbsthingabe, durch die der Mensch »sich
selbst findet«, wird nachdrücklich erneuert und ständig gewährleistet
angesichts der zahlreichen Widerstände, denen die Kirche seitens der
Befürworter einer falschen Zivilisation des Fortschritts begegnet.30 Die
Familie bringt immer eine neue Dimension des Wohls für die Menschen zum
Ausdruck und ruft dadurch neue Verantwortung hervor. Es handelt sich um
die Verantwortung für jenes einzigartige gemeinsame Gut, in das das Wohl
des Menschen eingeschlossen ist: jedes Mitgliedes der
Familiengemeinschaft; ein sicherlich »schwieriges« (bonum arduum), aber
faszinierendes Gut.
Die verantwortliche Elternschaft
12. Beim Entwurf des vorliegenden Schreibens an die Familien ist nun der
Zeitpunkt gekommen, auf zwei miteinander verknüpfte Fragen einzugehen.
Die eine allgemeinere betrifft die Zivilisation der Liebe; die andere
spezifischere betrifft die verantwortliche Elternschaft.
Wir haben bereits gesagt, daß die Ehe sich an eine einzigartige
Verantwortung für das gemeinsame Wohl wendet: zunächst der Ehegatten,
dann der Familie. Dargestellt wird dieses gemeinsame Gut vom Menschen, vom
Wert der Person und von allem, was das Maß seiner Würde repräsentiert.
Der Mensch bringt diese Dimension in jedes soziale, wirtschaftliche und
politische System mit. Im Bereich der Ehe und Familie wird diese
Verantwortung aus vielen Gründen noch »verbindlicher«. Nicht ohne Grund
spricht die Pastoralkonstitution Gaudium et spes von »Förderung der
Würde der Ehe und der Familie«. Das Konzil sieht diese »Förderung«
als Aufgabe der Kirche wie des Staates; doch sie bleibt in jeder Kultur
vor allem Pflicht der Personen, die ehelich vereint eine bestimmte Familie
bilden. Die »verantwortliche Elternschaft« bringt die konkrete Aufgabe
zum Ausdruck, diese Pflicht zu erfüllen, die in der heutigen Welt neue
Wesensmerkmale angenommen hat.
Diese betrifft insbesondere direkt den Augenblick, wo der Mann und die
Frau dadurch, daß sie sich »zu einem Fleisch« vereinen, Eltern werden
können. Es ist ein an besonderem Wert reicher Augenblick, sei es für
ihre interpersonale Beziehung, sei es für ihren Dienst am Leben: Sie
können Eltern - Vater und Mutter - werden und das Leben an ein neues
menschliches Wesen weitergeben. Die beiden Dimensionen der ehelichen
Vereinigung, nämlich Vereinigung und Zeugung, lassen sich nicht
künstlich trennen, ohne die tiefste Wahrheit des ehelichen Aktes selbst
anzugreifen.31
Das ist die ständige Lehre der Kirche, und die »Zeichen der Zeit«,
deren Zeugen wir heute sind, bieten neue Gründe, sie mit besonderem
Nachdruck zu bekräftigen. Der den pastoralen Erfordernissen seiner Zeit
gegenüber so aufmerksame hl. Paulus verlangte in Klarheit und Festigkeit,
»dafür einzutreten, ob man es hören will oder nicht« (vgl. 2 Tim 4,2),
ohne jede Angst davor, daß »man die gesunde Lehre nicht erträgt« (vgl.
2 Tim 4,3). Seine Worte sind allen gut bekannt, die das Geschehen unserer
Zeit zutiefst erfassen und erwarten, daß die Kirche »die gesunde Lehre«
nicht nur nicht aufgibt, sondern sie mit erneuerter Kraft verkündet,
indem sie in den aktuellen »Zeichen der Zeit« die Gründe für ihre
weitere und von der Vorsehung bestimmte Vertiefung erneut sucht.
Viele dieser Gründe finden sich bereits in den Wissenschaften wieder, die
sich aus dem alten Stamm der Anthropologie zu verschiedenen Fachgebieten,
wie der Biologie, der Psychologie, der Soziologie und deren weiteren
Verzweigungen entwickelt haben. Alle kreisen gewissermaßen um die
Medizin, die zugleich Wissenschaft und Kunst ist (ars medica): im Dienst
des Lebens und der Gesundheit des Menschen. Aber die Gründe, auf die hier
hingewiesen wird, ergeben sich vor allem aus der menschlichen Erfahrung,
die vielfältig ist und die in gewissem Sinne der Wissenschaft selbst
vorausgeht und folgt.
Die Ehegatten lernen aus eigener Erfahrung, was die verantwortliche
Elternschaft bedeutet; sie lernen es auch dank der Erfahrung anderer
Ehepaare, die in ähnlichen Verhältnissen leben und auf diese Weise
aufgeschlossener für die Daten der Wissenschaften geworden sind. Man
könnte also sagen, die »Gelehrten« lernen gleichsam von den
»Eheleuten«, um dann ihrerseits in der Lage zu sein, sie auf
kompetentere Weise über die Bedeutung der verantwortungsbewußten Zeugung
und über die Methoden ihrer Anwendung zu unterrichten.
Ausführlich wurde dieses Thema in den Konzilsdokumenten behandelt, in der
Enzyklika Humanae vitae, in den »Vorschlägen« der Bischofssynode von
1980, in dem Apostolischen Schreiben Familiaris consortio und in
ähnlichen Dokumenten bis hin zu der von der Glaubenskongregation
herausgegebenen Instruktion Donum vitae. Die Kirche lehrt die moralische
Wahrheit über die verantwortliche Elternschaft und verteidigt sie gegen
heute verbreitete irrige Sichtweisen. Warum tut die Kirche das? Etwa weil
sie die Problemlage nicht zur Kenntnis nimmt, die von allen beschworen
wird, die in diesem Bereich zum Nachgeben raten und die Kirche auch mit
unrechtmäbigem Druck, wenn nicht manchmal geradezu mit Drohungen, zu
überzeugen suchen? Nicht selten wirft man dem kirchlichen Lehramt in der
Tat vor, es sei bereits überholt und verschließe sich den Forderungen
des modernen »Zeitgeistes«; es entfalte ein Vorgehen, das für die
Menschheit, ja für die Kirche selbst schädlich sei. Durch das
hartnäckige Verharren auf ihren Positionen würde die Kirche - so heibt
es - an Popularität verlieren, und die Gläubigen würden sich immer mehr
von ihr abwenden.
Doch wie kann man behaupten, die Kirche, besonders die mit dem Papst
vereinten Bischöfe, sei unempfindlich für solch schwerwiegende und
aktuelle Themen? Paul VI. erkannte gerade in ihnen so lebensentscheidende
Fragen, die ihn zur Veröffentlichung der Enzyklika Humanae vitae veranlaßten.
Das Fundament, auf das sich die Lehre der Kirche von der
»verantwortlichen Elternschaft« gründet, ist umfassender und
tragfähiger denn je. Das Konzil bringt das zunächst in der Lehre über
den Menschen zur Sprache, wenn es sagt, daß er »auf Erden die einzige
von Gott um seiner selbst willen gewollte Kreatur ist« und »sich nur
durch die aufrichtige Hingabe seiner selbst vollkommen finden kann«.32
Dies deshalb, weil er als Abbild und Gleichnis Gottes geschaffen und von
dem für uns und um unseres Heiles willen Mensch gewordenen, eingeborenen
Sohn des Vaters erlöst worden ist. Das Zweite Vatikanische Konzil, das
dem Problem des Menschen und seiner Berufung besondere Aufmerksamkeit
widmete, führt aus, daß die eheliche Vereinigung, das biblische »ein
Fleisch«, nur dann vollkommen verstanden und erklärt werden kann, wenn
man auf die Werte der »Person« und der »Hingabe« zurückgreift. Jeder
Mann und jede Frau verwirklichen sich vollständig durch die aufrichtige
Hingabe ihrer selbst, und der Augenblick der ehelichen Vereinigung stellt
für die Eheleute eine ganz besondere Erfahrung dar. Da werden der Mann
und die Frau in der »Wahrheit« ihrer Männlichkeit und Weiblichkeit zu
gegenseitiger Hingabe. Das ganze Leben in der Ehe ist Hingabe; in
einzigartiger Weise wird das aber offenkundig, wenn die Ehegatten durch
ihr gegenseitiges Sich-Darbringen in der Liebe jene Begegnung vollziehen,
die aus den beiden »ein Fleisch« macht (Gen 2,24).
Sie erleben also auch wegen der mit dem ehelichen Akt verbundenen
Zeugungsfähigkeit einen Augenblick besonderer Verantwortung. Die
Ehegatten können in jenem Augenblick Vater und Mutter werden, indem sie
die Entstehung einer neuen menschlichen Existenz hervorrufen, die sich
dann im Schob der Frau entwickeln wird. Wenn die Frau als erste bemerkt,
daß sie Mutter geworden ist, so erfährt durch ihr Zeugnis der Mann, mit
dem sie sich zu »einem Fleisch« vereinigt hat, seinerseits, daß er
Vater geworden ist. Für die mögliche und in der Folge tatsächliche
Vater- bzw. Mutterschaft sind beide verantwortlich. Der Mann muß das
Ergebnis einer Entscheidung, die auch seine gewesen ist, anerkennen und
annehmen. Er kann sich nicht hinter Ausdrucksweisen verstecken wie: »Ich
weiß nichts«, »ich will nicht«, »du hast gewollt.« Die eheliche
Vereinigung schließt auf jeden Fall die Verantwortung des Mannes und der
Frau ein, eine potentiell vorhandene Verantwortung, die zur tatsächlichen
wird, wenn die Umstände es auferlegen. Das gilt vor allem für den Mann,
der, obwohl er der erste Urheber der Einleitung des Zeugungsprozesses ist,
biologisch davon Abstand hat: denn das neue Menschenwesen wächst in der
Frau heran. Wie könnte der Mann davon unberührt bleiben? Beide, der Mann
und die Frau, müssen gemeinsam sich selbst und den anderen gegenüber die
Verantwortung für das von ihnen hervorgerufene neue Leben übernehmen.
Diese Schlußfolgerung wird im wesentlichen von den Humanwissenschaften
geteilt. Man muß jedoch tiefer gehen und die Bedeutung des ehelichen
Aktes im Lichte der erwähnten Werte der »Person« und der »Hingabe«
analysieren. Das ist es, was die Kirche durch ihre beständige Lehre,
besonders auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil, tut.
Im Augenblick des ehelichen Aktes sind der Mann und die Frau dazu
aufgerufen, die gegenseitige Hingabe ihrer selbst, die sie im ehelichen
Bund geleistet haben, auf verantwortungsbewußte Weise zu bestätigen. Nun
zieht die Logik der totalen Selbsthingabe an den anderen die potentielle
Öffnung für die Zeugung nach sich: Die Ehe ist somit aufgerufen, sich
als Familie noch vollkommener zu verwirklichen. Sicher hat die
gegenseitige Hingabe von Mann und Frau nicht als einziges Ziel die Geburt
von Nachwuchs, sondern ist in sich selbst die gegenseitige Gemeinschaft
der Liebe und des Lebens. Aber immer muß die innerste Wahrheit dieser
Hingabe gewährleistet sein. »Innerste« ist nicht gleichbedeutend mit
»subjektiver« Wahrheit. Es bedeutet vielmehr, daß sie wesentlich mit
der objektiven Wahrheit desjenigen bzw. derjenigen verbunden ist, der oder
die sich hingibt. Die Person darf niemals als Mittel zur Erreichung eines
Zweckes betrachtet werden; niemals vor allem als Mittel des »Genusses«.
Sie ist und muß einzig das Ziel jedes Aktes sein. Nur dann entspricht die
Handlung der wahren Würde der Person.
Zum Abschluß unserer Überlegungen zu diesem so wichtigen und heiklen
Thema möchte ich ein besonderes Wort der Ermutigung zunächst an euch,
liebe Eheleute, und an alle jene richten, die euch helfen, die Lehre der
Kirche über die Ehe, über die verantwortliche Elternschaft zu verstehen
und in die Praxis umzusetzen. Ich denke insbesondere an die Seelsorger, an
die vielen Gelehrten, Theologen, Philosophen, Schriftsteller und
Publizisten, die sich nicht dem herrschenden Kulturkonformismus anpassen,
sondern mutig bereit sind, »gegen den Strom zu schwimmen«. Darüber
hinaus betrifft diese Ermutigung eine ständig wachsende Gruppe von
Experten, Ärzten und Erziehern, wahren Laienaposteln, für die die
Förderung der Würde der Ehe und der Familie zu einer wichtigen
Lebensaufgabe geworden ist. Im Namen der Kirche sage ich allen meinen
Dank! Was könnten ohne sie die Seelsorger, die Priester, die Bischöfe,
ja selbst der Nachfolger Petri ausrichten? Davon habe ich mich immer mehr
überzeugt seit den ersten Jahren meines Priestertums, von der Zeit an,
als ich mich in den Beichtstuhl zu setzen begann, um die Sorgen, Ängste
und Hoffnungen so vieler Eheleute zu teilen: Ich bin schwierigen Fällen
von Auflehnung und Verweigerung begegnet, gleichzeitig aber zahllosen, in
großartiger Weise verantwortlichen und großzügigen Personen! Während
ich dieses Schreiben verfasse, habe ich alle diese Eheleute vor Augen und
umfange sie mit meiner Zuneigung und mit meinem Gebet.
Die zwei Zivilisationen
13. Liebe Familien, die Frage der verantwortlichen Elternschaft ist
eingeschrieben in die Gesamtthematik der »Zivilisation der Liebe«, über
die ich jetzt zu euch sprechen will. Aus dem bisher Gesagten ergibt sich
klar, daß die Familie die Grundlage dessen bildet, was Paul VI. als
»Zivilisation der Liebe« bezeichnete,33 ein Ausdruck, der dann in die
Lehre der Kirche Eingang gefunden hat und bereits vertraut und
gebräuchlich geworden ist. Heutzutage lädt sich kaum ein Beitrag der
Kirche oder über die Kirche denken, der von der Bezugnahme auf die
Zivilisation der Liebe absehen würde. Der Ausdruck steht in Verbindung
mit der Tradition der »Hauskirche« im Christentum der Anfänge, besitzt
aber auch einen klaren Bezug zur heutigen Zeit. Ethymologisch leitet sich
der Begriff »Zivilisation« von civis, Staatsbürger, her und
unterstreicht die politische Dimension der Existenz jedes Individuums. Der
tiefere Sinn des Ausdrucks »Zivilisation« ist jedoch nicht so sehr
politisch als eigentlich mehr »humanistisch«. Die Zivilisation gehört
zur Geschichte des Menschen, weil sie seinen geistigen und moralischen
Bedürfnissen entspricht: als Abbild und Gleichnis Gottes geschaffen, hat
er die Welt aus den Händen des Schöpfers mit dem Auftrag empfangen, sie
nach seinem Abbild und Gleichnis zu gestalten. Genau aus der Erfüllung
dieser Aufgabe entsteht die Zivilisation, die schließlich nichts anderes
ist als die »Humanisierung der Welt«.
Zivilisation hat also in gewisser Hinsicht dieselbe Bedeutung wie
»Kultur«. Man könnte daher auch sagen: »Kultur der Liebe«, obwohl es
vorzuziehen ist, sich an den bereits vertraut gewordenen Ausdruck zu
halten. Die Zivilisation der Liebe im jetzigen Sinn des Ausdrucks
inspiriert sich an den Worten aus der Konzilskonstitution Gaudium et spes:
»Christus . . . macht . . . dem Menschen den Menschen selbst voll kund
und erschließt ihm seine höchste Berufung.«34 Man kann daher sagen, die
Zivilisation der Liebe beginnt mit der Offenbarung Gottes, der »die Liebe
ist«, wie Johannes sagt (1 Joh 4,8.16), und die von Paulus im Hohenlied
der Liebe im ersten Korintherbrief (13,1-13) wirkungsvoll beschrieben
wird. Diese Zivilisation ist eng verbunden mit der Liebe, die
»ausgegossen ist in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns
gegeben ist« (Röm 5,5), und die wächst dank der beständigen
Kultivierung, von der die Allegorie aus dem Evangelium vom Weinstock und
von den Reben so einprägsam spricht: »Ich bin der wahre Weinstock, und
mein Vater ist der Winzer. Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt,
schneidet er ab, und jede Rebe, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie
mehr Frucht bringt« (Joh 15,1-2).
Im Lichte dieser und anderer Texte des Neuen Testamentes vermag man zu
erfassen, was man unter »Zivilisation der Liebe« versteht und warum die
Familie mit dieser Zivilisation organisch verbunden ist. Wenn die Familie
der erste »Weg der Kirche« ist, muß man hinzufügen, daß auch die
Zivilisation der Liebe »Weg der Kirche« ist, der in der Welt verläuft
und die Familien und die anderen nationalen und internationalen
gesellschaftlichen Institutionen eben wegen der Familie und durch die
Familien auf diesen Weg ruft. Denn die Familie hängt in vielfacher
Hinsicht von der Zivilisation der Liebe ab, in der sie die Gründe ihres
Seins als Familie findet. Und gleichzeitig ist die Familie das Zentrum und
das Herz der Zivilisation der Liebe.
Es gibt jedoch keine echte Liebe ohne das Bewubtsein, daß Gott »die
Liebe ist« und daß der Mensch das einzige Geschöpf Gottes auf Erden
ist, das »um seiner selbst willen« ins Leben gerufen wurde. Der als
Abbild und Gleichnis Gottes erschaffene Mensch kann sich nur durch die
aufrichtige Selbsthingabe in vollem Maße »wiederfinden«. Ohne einen
solchen Begriff vom Menschen, von der Person und von der »Gemeinsamkeit
von Personen« in der Familie kann es die Zivilisation der Liebe nicht
geben; umgekehrt ist ohne die Zivilisation der Liebe ein solcher Begriff
von Person und Gemeinsamkeit von Personen nicht möglich. Die Familie
stellt die fundamentale »Zelle« der Gesellschaft dar. Doch bedarf es
Christi - des »Weinstocks«, aus dem sich die »Reben« nähren -, damit
diese Zelle nicht der Bedrohung einer Art kultureller Entwurzelung
ausgesetzt ist, die sowohl von innen wie auch von außen herrühren kann.
Denn wenn auf der einen Seite die »Zivilisation der Liebe« besteht, so
ist auf der anderen Seite weiterhin die Möglichkeit zu einer destruktiven
»Anti-Zivilisation« gegeben, wie das in der Tat heute von vielen
Tendenzen und Situationen bestätigt wird.
Wer kann leugnen, daß unsere Zeit eine Zeit großer Krisen ist, die sich
an erster Stelle als eine tiefe »Krise der Wahrheit« darstellt? Krise
der Wahrheit bedeutet in erster Linie Krise von Begriffen. Bedeuten die
Begriffe »Liebe«, »Freiheit«, »aufrichtige Hingabe« und selbst die
Begriffe »Person«, »Rechte der Person« wirklich das, was sie von ihrem
Wesen her beinhalten? Deshalb hat sich die Enzyklika über den »Glanz der
Wahrheit« (Veritatis splendor) für die Kirche und für die Welt - vor
allem im Westen - als so kennzeichnend und bedeutsam erwiesen. Nur wenn
die Wahrheit über die Freiheit und die Gemeinsamkeit der Personen in Ehe
und Familie ihren Glanz zurückgewinnt, wird es wirklich den Aufbau der
Zivilisation der Liebe geben und dann möglich sein, wirksam - wie es das
Konzil tut - von »Förderung der Würde der Ehe und Familie«35 zu
sprechen.
Warum ist der »Glanz der Wahrheit« so wichtig? Er ist es vor allem aus
Kontrast: Die Entwicklung der modernen Zivilisation ist an einen
naturwissenschaftlich-technologischen Fortschritt gebunden, der sich oft
als einseitig erweist und demzufolge rein positivistische Wesensmerkmale
aufweist. Der Positivismus hat bekanntlich auf theoretischem Gebiet den
Agnostizismus und auf praktischem und sittlichem Gebiet den Utilitarismus
zum Ergebnis. In unseren Tagen wiederholt sich die Geschichte in gewisser
Hinsicht. Der Utilitarismus ist eine »Zivilisation« der Produktion und
des Genusses, eine Zivilisation der Dinge und nicht der »Personen«, eine
Zivilisation, in der von »Personen« wie von »Dingen« Gebrauch gemacht
wird. Im Zusammenhang mit der Zivilisation des Genusses kann die Frau für
den Mann zu einem Objekt werden, die Kinder zu einem Hindernis für die
Eltern, die Familie zu einer hemmenden Einrichtung für die Freiheit der
Mitglieder, die sie bilden. Um sich davon zu überzeugen, braucht man nur
manche Programme der Sexualerziehung zu prüfen, die häufig trotz
gegenteiliger Meinung und des Protestes vieler Eltern in den Schulen
eingeführt werden; oder die Neigung zur Abtreibung, die sich vergeblich
hinter dem sogenannten »Selbstentscheidungsrecht« (pro choice) von
seiten beider Ehegatten, im besonderen aber von seiten der Frau zu
verstecken sucht. Das sind nur zwei der vielen Beispiele, die man in
Erinnerung rufen könnte.
Es leuchtet unmittelbar ein, daß sich in einer solchen kulturellen
Situation die Familie bedroht fühlen muß, weil sie in ihren eigentlichen
Grundfesten gefährdet ist. Alles, was gegen die Zivilisation der Liebe
ist, ist gegen die Wahrheit über den Menschen insgesamt und wird für ihn
zu einer Bedrohung: Es erlaubt ihm nicht, zu sich selbst zu finden und
sich als Gatte, als Vater oder Mutter, als Kind sicher zu fühlen. Die von
der »technischen Zivilisation« propagierte sogenannte »sichere
Sexualität« ist im Hinblick auf die globalen Erfordernisse der Person in
Wirklichkeit ganz entschieden nicht sicher, ja für die Person äußerst
gefährlich. Denn hier befindet sich die Person in Gefahr, so wie sich
ihrerseits die Familie in Gefahr bringt. Worin besteht die Gefahr? Es ist
der Verlust der Wahrheit über sich selbst, zu der sich das Risiko des
Verlustes der Freiheit und demzufolge selbst des Verlustes der Liebe
hinzugesellt. »Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen - sagt Jesus - , und
die Wahrheit wird euch befreien« (Joh 8,32): Die Wahrheit, nur die
Wahrheit wird euch auf eine Liebe vorbereiten, von der man sagen kann,
daß sie »schön« ist.
Die Familie unserer Zeit wie aller Zeiten ist auf der Suche nach der
»schönen Liebe«. Eine Liebe, die nicht »schön« ist oder die nur auf
Befriedigung der Begierde (vgl. 1 Joh 2,16), auf einen gegenseitigen
»Gebrauch« des Mannes und der Frau verkürzt wird, macht die Person zum
Sklaven ihrer Schwächen. Bringen nicht manche moderne »Kulturprogramme«
diese Versklavung? Es sind Programme, die auf die Schwächen des Menschen
»niederrieseln« und ihn auf diese Weise immer schwächer und schutzloser
machen.
Die Zivilisation der Liebe ruft Freude hervor: unter anderem Freude
darüber, daß ein Mensch zur Welt kommt (vgl. Joh 16,21), und folglich,
weil die Gatten Eltern werden. Zivilisation der Liebe bedeutet »sich an
der Wahrheit freuen« (vgl. 1 Kor 13,6). Aber eine Zivilisation, die sich
an einer konsumistischen und geburtenfeindlichen Gesinnung inspiriert, ist
keine Zivilisation der Liebe und kann es niemals sein. Wenn die Familie so
wichtig für die Zivilisation der Liebe ist, so ist sie es wegen der
besonderen Nähe und Intensität der Bande, die in ihr zwischen den
Personen und Generationen entstehen. Sie bleibt jedoch verwundbar und kann
leicht den Gefahren ausgesetzt sein, die ihre Einheit und Festigkeit
schwächen oder sogar zerstören. Infolge solcher Gefahren hören die
Familien auf, Zeugnis zu geben für die Zivilisation der Liebe, und
können sogar zu ihrer Verneinung, zu einer Art Gegen-Zeugnis werden. Eine
zerstörte Familie kann ihrerseits eine spezifische Form von »Anti-Zivilisation«
stärken, indem sie die Liebe in den verschiedenen Ausdrucksformen
zerstört, mit unvermeidlichen Auswirkungen auf das gesamte soziale Leben.
Die Liebe ist anspruchsvoll
14. Jene Liebe, welcher der Apostel Paulus im Brief an die Korinther sein
Hoheslied gewidmet hat - jene Liebe, die »langmütig und gütig ist« und
»alles erträgt« (1 Kor 13,4.7) -, ist gewiß eine anspruchsvolle Liebe.
Doch genau darin besteht ihre Schönheit: in der Tatsache, daß sie
anspruchsvoll ist, denn auf diese Weise baut sie das wahre Gute des
Menschen auf. Das Gute ist nämlich, sagt der hl. Thomas, seiner Natur
nach »auf Ausbreitung hin angelegt«.36 Die Liebe ist wahr, wenn sie das
Gute der Personen und der Gemeinschaften hervorruft, es hervorruft und es
an die anderen weitergibt. Nur wer im Namen der Liebe an sich selbst
Forderungen zu stellen vermag, kann auch von den anderen Liebe verlangen.
Denn die Liebe ist anspruchsvoll. Sie ist es in jeder menschlichen
Situation; sie ist es um so mehr für denjenigen, der sich dem Evangelium
öffnet. Ist es nicht dies, was Christus in »seinem« Gebot verkündet?
Es ist notwendig, daß die heutigen Menschen diese anspruchsvolle Liebe
entdecken, denn sie bildet in Wahrheit das tragende Fundament der Familie,
ein Fundament, das imstande ist, »alles zu ertragen«. Nach dem Apostel
ist die Liebe nicht fähig, alles »zu ertragen«, wenn sie »Neid und Mißgunst«
nachgibt, wenn sie »prahlt«, wenn sie »sich aufbläht«, wenn sie
»ungehörig handelt« (vgl. 1 Kor 13,4-5). Die wahre Liebe, so lehrt der
hl. Paulus, ist anders: »Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles,
hält allem stand« (1 Kor 13,7). Genau diese Liebe »wird alles
ertragen«. In ihr wirkt die starke Kraft Gottes selbst, der »die Liebe
ist« (1 Joh 4,8.16). In ihr wirkt die starke Kraft Christi, des Erlösers
des Menschen und Heilands der Welt.
Mit unserer Meditation über das 13. Kapitel des ersten Paulusbriefes an
die Korinther begeben wir uns auf den Weg, der uns am unmittelbarsten und
augenfälligsten die volle Wahrheit über die Zivilisation der Liebe
begreifen läßt. Kein anderer biblischer Text drückt diese Wahrheit
einfacher und umfassender aus als das Hohelied der Liebe.
Die Gefahren, die der Liebe entgegenstehen, stellen auch eine Bedrohung
für die Zivilisation der Liebe dar, weil sie begünstigen, was ihr
wirksam zu widerstreiten vermag. Hier ist insbesondere an den Egoismus
gedacht, nicht nur den Egoismus des einzelnen, sondern auch denjenigen des
Ehepaares oder, in einem noch weiteren Bereich, an den sozialen Egoismus,
z.B. einer Klasse oder einer Nation (Nationalismus). Der Egoismus, in
jeder Form, widerspricht unmittelbar und grundsätzlich der Zivilisation
der Liebe. Will man etwa behaupten, die Liebe werde einfachhin als »Anti-Egoismus«
definiert? Das wäre eine allzu armselige und nur negative Definition,
auch wenn es wahr ist, daß zur Verwirklichung der Liebe und der
Zivilisation der Liebe verschiedene Formen von Egoismus überwunden werden
müssen. Richtiger ist hier von »Altruismus« zu sprechen, der die
Antithese des Egoismus ist. Doch noch reichhaltiger und vollständiger ist
sodann der vom hl. Paulus erläuterte Liebesbegriff. Das Hohelied der
Liebe aus dem ersten Korintherbrief bleibt die Magna Charta der
Zivilisation der Liebe. In ihm geht es nicht so sehr um einzelne Äußerungen
(sei es des Egoismus oder des Altruismus) als um die radikale Annahme des
Konzeptes des Menschen als Person, die sich durch die aufrichtige Hingabe
ihrer Selbst »wiederfindet«. Eine Hingabe ist natürlich »für die
anderen« da: Das ist die wichtigste Dimension der Zivilisation der Liebe.
Wir betreten somit das Herzstück der evangelischen Wahrheit über die
Freiheit. Die Person verwirklicht sich durch die Ausübung der Freiheit in
der Wahrheit. Die Freiheit kann nicht als Befugnis verstanden werden,
alles Beliebige zu tun: Sie bedeutet Selbsthingabe. Mehr noch: Sie
bedeutet innere Disziplin der Selbsthingabe. In den Begriff Hingabe ist
nicht nur die freie Initiative des Subjektes, sondern auch die Dimension
der Pflicht eingeschrieben. Das alles verwirklicht sich in der
»Gemeinsamkeit der Personen«. So befinden wir uns hier im eigentlichen
Herzen jeder Familie.
Wir befinden uns auch auf den Spuren des Gegensatzes zwischen dem
Individualismus und dem Personalismus. Die Liebe, die Zivilisation der
Liebe ist mit dem Personalismus verbunden. Warum gerade mit dem
Personalismus? Weil der Individualismus die Zivilisation der Liebe
bedroht? Den Schlüssel zur Antwort finden wir in dem Ausdruck des
Konzils: eine »aufrichtige Hingabe«. Der Individualismus setzt einen
Gebrauch der Freiheit voraus, indem das Subjekt macht, was es will und was
ihm nützlich erscheint, indem es selbst »die Wahrheit« dessen, was ihm
beliebt, »festlegt«: Es duldet nicht, daß andere von ihm etwas im Namen
einer objektiven Wahrheit »wollen« oder fordern. Es will einem anderen
nicht auf der Grundlage der Wahrheit »geben«, es will nicht zu einer
»aufrichtigen« Hingabe werden. Der Individualismus bleibt somit
egozentrisch und egoistisch. Der Gegensatz zum Personalismus entsteht
nicht nur im Bereich der Theorie, sondern noch mehr in dem des »Ethos«.
Das »Ethos« des Personalismus ist altruistisch: Es treibt die Person
dazu an, sich für die anderen hinzugeben und Freude in der Hingabe zu
finden. Es ist die Freude, von der Christus spricht (vgl. Joh 15,11;
16,20.22).
Darum müssen die menschlichen Gesellschaften und in ihnen die Familien,
die häufig in einem Umfeld des Kampfes zwischen der Zivilisation der
Liebe und ihren Gegensätzen leben, ihr tragendes Fundament in einer
richtigen Auffassung vom Menschen und davon suchen, was über die volle
»Verwirklichung« seines Menschseins entscheidet. Sicher im Widerspruch
zur Zivilisation der Liebe steht die sogenannte »freie Liebe«, die um so
gefährlicher ist, weil sie gewöhnlich als Frucht eines »echten«
Gefühls hingestellt wird, während sie tatsächlich die Liebe zerstört.
Wie viele Familien sind gerade aus »freier Liebe« in die Brüche
gegangen! Dem »wahren« Gefühlsantrieb im Namen einer von Auflagen
»freien« Liebe auf jeden Fall zu folgen, bedeutet in Wirklichkeit, den
Menschen zum Sklaven jener menschlichen Instinkte zu machen, die der hl.
Thomas »Leidenschaften in der Seele« nennt.37 Die »freie Liebe« nützt
die menschlichen Schwächen aus, indem sie ihnen mit Hilfe der Verführung
und mit dem Beistand der öffentlichen Meinung einen gewissen »Rahmen«
von Vortrefflichkeit liefert. So sucht man durch die Schaffung eines
»moralischen Alibi« das Gewissen »zu beruhigen«. Nicht bedacht werden
jedoch alle daraus erwachsenden Folgen, besonders wenn diese außer dem
Ehegatten die Kinder zu bezahlen haben, die des Vaters oder der Mutter
beraubt und dazu verurteilt werden, tatsächlich Waisen lebender Eltern zu
sein.
Dem sittlichen Utilitarismus liegt, wie man weiß, die dauernde Suche nach
dem »Maximum« an Glück zugrunde, aber eines »utilitaristischen
Glücks«, das nur als Vergnügen, als unmittelbare Befriedigung zum
ausschließlichen Vorteil des einzelnen Individuums verstanden wird,
jenseits oder gegen die objektiven Forderungen des wahren Guten.
Das dargestellte Programm des Utilitarismus, das sich auf eine im
individualistischen Sinne orientierte Freiheit oder eine Freiheit ohne
Verantwortung gründet, stellt die Antithese zur Liebe dar, auch als
Ausdruck der in ihrer Gesamtheit betrachteten menschlichen Zivilisation.
Wenn dieser Freiheitsbegriff in der Gesellschaft Aufnahme findet und sich
leicht mit den verschiedensten Formen menschlicher Schwäche verbindet,
wird er sich recht bald als systematische und dauernde Bedrohung für die
Familie entpuppen. In diesem Zusammenhang lieben sich viele unheilvolle,
auf statistischer Ebene dokumentierbare Folgen anführen, auch wenn nicht
wenige von ihnen als schmerzliche und blutende Wunden in den Herzen der
Männer und Frauen verborgen bleiben.
Die Liebe der Ehegatten und der Eltern besitzt die Fähigkeit, solche
Wunden zu behandeln, wenn nicht die in Erinnerung gebrachten Gefahren sie
ihrer für die menschlichen Gemeinschaften so wohltuenden und heilsamen
Regenerationskraft berauben. Diese Fähigkeit hängt von der göttlichen
Gnade der Vergebung und der Wiederversöhnung ab, die die geistige Kraft
gewährleistet, immer aufs neue zu beginnen. Deshalb haben es die
Mitglieder der Familie nötig, Christus in der Kirche durch das wunderbare
Sakrament der Bube und der Wiederversöhnung zu begegnen.
In diesem Zusammenhang wird man sich bewußt, wie wichtig das Gebet mit
den Familien und für die Familien, insbesondere für die von der Trennung
bedrohten Familien, ist. Wir müssen dafür beten, daß die Ehegatten ihre
Berufung auch dann lieben, wenn der Weg schwierig wird oder enge und
steile, scheinbar unüberwindbare Strecken aufweist; beten, damit sie auch
dann ihrem Bund mit Gott treu sind.
»Die Familie ist der Weg der Kirche«. In diesem Schreiben wollen wir
diesen Weg bekennen und miteinander verkünden, der über das Ehe- und
Familienleben »zum Himmelreich führt« (vgl. Mt 7,14). Es ist wichtig,
daß die »Personengemeinschaft« in der Familie zur Vorbereitung auf die
»Gemeinschaft der Heiligen« wird! Eben deshalb bekennt und verkündet
die Kirche die Liebe, die »alles erträgt« (1Kor 13,7), weil sie mit dem
hl. Paulus in ihr die »größte« (1 Kor 13,13) Tugend sieht. Der Apostel
setzt für niemanden Grenzen. Lieben ist Berufung aller, auch der Eheleute
und der Familien. In der Kirche sind in der Tat alle gleichermaßen zur
Vollkommenheit der Heiligkeit berufen (vgl. Mt 5,48).38
Das vierte Gebot: »Du sollst Vater und Mutter ehren«
15. Das vierte der Zehn Gebote betrifft die Familie, ihre innere
Festigkeit und Geschlossenheit; wir könnten auch sagen: ihre
Solidarität.
Im Wortlaut des vierten Gebotes ist von der Familie nicht ausdrücklich
die Rede. Tatsächlich geht es aber um sie. Um die Gemeinsamkeit zwischen
den Generationen auszudrücken, hat der göttliche Gesetzgeber kein
passenderes Wort gefunden als: »Ehre . . . « (Ex 20,12). Wir stehen hier
vor einer anderen Form, das auszudrücken, was Familie ist. Diese
Formulierung ist keine »künstliche« Erhöhung der Familie, sondern legt
ihre Subjektivität und die daraus erwachsenden Rechte an den Tag. Die
Familie ist eine Gemeinschaft besonders intensiver zwischenmenschlicher
Beziehungen: zwischen Ehegatten, zwischen Eltern und Kindern, zwischen den
Generationen. Sie ist eine Gemeinschaft, die in besonderer Weise
garantiert wird. Und Gott findet keine bessere Gewähr dafür als:
»Ehre!«
»Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst in dem Land,
das der Herr, dein Gott, dir gibt« (Ex 20,12). Dieses Gebot folgt auf die
drei grundlegenden Gebote, die das Verhältnis des Menschen und des Volkes
Israel zu Gott betreffen: »Shema, Israel . . . «, Höre, Israel! Jahwe,
unser Gott, Jahwe ist einzig« (Dtn 6,4). »Du sollst neben mir keine
anderen Götter haben« (Ex 20,3). Das ist das erste und größte Gebot,
das Gebot, Gott »über alle Dinge« zu lieben: Er wird »mit ganzem
Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft« geliebt (Dtn 6,5; vgl. Mt
22,37). Es ist bezeichnend, daß sich das vierte Gebot gerade in diesen
Rahmen einfügt: »Ehre deinen Vater und deine Mutter«, denn sie sind
für dich in gewissem Sinne die Bevollmächtigten des Herrn, diejenigen,
die dir das Leben geschenkt und dich in die menschliche Existenz
eingeführt haben: in einen Stamm, eine Nation, eine Kultur. Nach Gott
sind sie deine ersten Wohltäter. Wenn allein Gott gut, ja das Gute selbst
ist, so haben die Eltern in einzigartiger Weise an dieser seiner erhabenen
Güte teil. Und deshalb: Ehre deine Eltern! Hier besteht eine gewisse
Analogie zu der Verehrung, die Gott gebührt.
Das vierte Gebot steht in enger Verbindung zum Gebot der Liebe. Das Band
zwischen »ehre!« und »liebe!« ist tief. Die Ehre ist in ihrem
Wesenskern mit der Tugend der Gerechtigkeit verbunden, doch läßt sich
diese ihrerseits ohne Berufung auf die Liebe - Liebe zu Gott und zum
Nächsten - nicht vollständig erklären. Und wer ist mehr Nächster als
die eigenen Familienangehörigen, die Eltern und die Kinder?
Ist das vom vierten Gebot angezeigte interpersonale System einseitig?
Verpflichtet es dazu, nur die Eltern zu ehren? Im buchstäblichen Sinn:
ja. Indirekt können wir jedoch auch von der »Ehre« sprechen, die den
Kindern von seiten der Eltern gebührt. »Ehre« heißt: erkenne an! Das
heißt, laß dich von der überzeugten Anerkennung der Person leiten, vor
allem von der Person des Vaters und der Mutter und dann von der anderer
Familienmitglieder. Die Ehre ist eine ihrem Wesen nach selbstlose Haltung.
Man könnte sagen, sie ist »eine aufrichtige Hingabe der Person an die
Person«, und in diesem Sinne trifft sich die Ehre mit der Liebe. Wenn das
vierte Gebot Vater und Mutter zu ehren verlangt, so verlangt es das auch
im Hinblick auf das Wohl der Familie. Eben deshalb stellt es jedoch
Anforderungen an die Eltern. Eltern - daran scheint sie das göttliche
Gebot zu erinnern - , handelt so, daß euer Verhalten die Ehre (und die
Liebe) von seiten eurer Kinder verdient! Labt den göttlichen Ehranspruch
für euch nicht in ein »moralisches Vakuum« hineinfallen! Schließlich
handelt es sich also um eine wechselseitige Ehre. Das Gebot »ehre deinen
Vater und deine Mutter« sagt den Eltern indirekt: Ehrt eure Söhne und
eure Töchter! Sie verdienen das, weil sie existieren, weil sie das sind,
was sie sind: Das gilt vom ersten Augenblick der Empfängnis an. So macht
dieses Gebot dadurch, daß es die innerste Familienbande zum Ausdruck
bringt, das Fundament ihrer inneren Geschlossenheit offenkundig.
Das Gebot fährt fort: »damit du lange lebst in dem Land, das der Herr,
dein Gott, dir gibt.« Dieses »damit« könnte ein »utilitaristisches«
Kalkül nahelegen: ehren im Hinblick auf das künftige lange Leben. Wir
sagen indessen, daß das die essentielle Bedeutung des seinem Wesen nach
mit einer selbstlosen Haltung verbundenen Imperativs »ehre« nicht
mindert. Ehren bedeutet niemals: »Ziehe die Vorteile in Betracht.«
Dennoch fällt es schwer, nicht zuzugeben, daß aus der zwischen den
Mitgliedern der Familiengemeinschaft bestehenden Haltung wechselseitiger
Ehre auch Nutzen verschiedener Art erwächst. Die »Ehre« ist sicher
nützlich, so wie jedes wahre Gut »nützlich« ist.
Die Familie verwirklicht vor allem das Gut des »Zusammenseins«, das Gut
im wahrsten Sinne des Wortes der Ehe (daher ihre Unauflöslichkeit) und
der Familiengemeinschaft. Man könnte es zudem als Gut der Subjektivität
bezeichnen. Denn die Person ist ein Subjekt, und das ist auch die Familie,
weil sie von Personen gebildet wird, die durch ein tiefes Band der
Gemeinschaft verbunden sind und so ein einziges Gemeinschaftssubjekt
bilden. Ja, die Familie ist mehr Subjekt als jede andere soziale
Institution: mehr als die Nation, der Staat, mehr als die Gesellschaft und
die internationalen Organisationen. Diese Gesellschaften, besonders die
Nationen, erfreuen sich deshalb einer eigenen Subjektivität, weil sie sie
von den Personen und ihren Familien erhalten. Sind das lediglich
»theoretische« Überlegungen, formuliert, um die Familie in der
öffentlichen Meinung zu »erhöhen«? Nein, es handelt sich vielmehr um
eine andere Ausdrucksweise dessen, was Familie ist. Und auch sie läßt
sich aus dem vierten Gebot ableiten.
Dies ist eine Wahrheit, die vertieft zu werden verdient: Sie unterstreicht
nämlich die Wichtigkeit dieses Gebots auch für das moderne System der
Menschenrechte. Die institutionellen Anordnungen gebrauchen die
Rechtssprache. Gott hingegen sagt: »Ehre!« Sämtliche »Menschenrechte«
sind letzten Endes hinfällig und wirkungslos, wenn ihrer Grundlage der
Imperativ »ehre!« fehlt; mit anderen Worten, wenn die Anerkennung des
Menschen durch die einfache Tatsache, daß er Mensch, »dieser« Mensch
ist, fehlt. Rechte allein genügen nicht.
Es ist daher nicht übertrieben, zu bekräftigen, daß das Leben der
Nationen, der Staaten, der internationalen Organisationen durch die
Familie »hindurchgeht« und sich auf das vierte Gebot des Dekalogs
»gründet«. Trotz der vielfachen Erklärungen rechtlicher Art, die
erarbeitet wurden, bleibt, als Ergebnis der »aufklärerischen«
Prämissen, wonach der Mensch »mehr« Mensch ist, wenn er »nur« Mensch
ist, unsere heutige Zeit in beachtlichem Ausmaß von der »Entfremdung«
bedroht. Es ist nicht schwer zu erkennen, daß die Entfremdung von all
dem, was in verschiedener Form so sehr zum vollen Reichtum gehört, unsere
Zeit gefährdet. Und das zieht die Familie mit hinein. Denn die Bejahung
der Person ist in hohem Maße auf die Familie und infolgedessen auf das
vierte Gebot bezogen. In Gottes Plan ist die Familie in verschiedener
Hinsicht die erste Schule des Menschen. Sei Mensch! Dies ist der
Imperativ, der in ihr vermittelt wird: Mensch als Sohn oder Tochter der
Heimat, als Bürger des Staates und, so würde man heute sagen, als
Bürger der Welt. Er, der der Menschheit das vierte Gebot gegeben hat, ist
ein dem Menschen gegenüber »wohlwollender« Gott (philanthropos, wie die
Griechen sagten). Der Schöpfer des Universums ist der Gott der Liebe und
des Lebens: Er will, daß der Mensch das Leben habe und es in Fülle habe,
wie Christus sagt (vgl. Joh 10,10): daß er das Leben vor allem dank der
Familie habe.
Hier zeigt sich klar, daß die »Zivilisation der Liebe« eng mit der
Familie verbunden ist. Für viele stellt die Zivilisation der Liebe noch
eine reine Utopie dar. Man meint in der Tat, daß Liebe niemandem
abverlangt und niemandem auferlegt werden könne: Es handele sich um eine
freie Entscheidung, die die Menschen annehmen oder zurückweisen können.
An all dem ist etwas Wahres. Und doch bleibt die Tatsache bestehen, daß
Jesus Christus uns das Gebot der Liebe hinterlassen hat, so wie Gott auf
dem Berg Sinai geboten hatte: »Ehre deinen Vater und deine Mutter.« Die
Liebe ist daher nicht eine Utopie: Sie ist dem Menschen als eine mit Hilfe
der göttlichen Gnade zu erfüllende Aufgabe gegeben. Sie wird dem Mann
und der Frau im Ehesakrament als Prinzip und Quelle ihrer »Pflicht«
anvertraut und wird für sie zum Fundament der gegenseitigen
Verpflichtung: zuerst der ehelichen, dann der elterlichen. In der Feier
des Sakraments schenken und empfangen die Ehegatten sich gegenseitig,
indem sie ihre Bereitschaft erklären, die Kinder anzunehmen und zu
erziehen. Hier liegen die Angelpunkte der menschlichen Zivilisation, die
nicht anders definiert werden kann denn als »Zivilisation der Liebe«.
Ausdruck und Quelle dieser Liebe ist die Familie. Durch sie geht der
Hauptstrom der Zivilisation der Liebe hindurch, der in ihr ihre »sozialen
Grundlagen« sucht.
Die Kirchenväter haben im Zuge der christlichen Überlieferung von der
Familie als »Hauskirche«, als »kleiner Kirche«, gesprochen. Sie
bezogen sich somit auf die Zivilisation der Liebe als auf ein mögliches
System des Lebens und des menschlichen Zusammenlebens. »Zusammensein«
als Familie, einer für den anderen dasein, einen gemeinschaftlichen Raum
schaffen für die Bejahung jedes Menschen als solchen, für die Bejahung
»dieses« konkreten Menschen. Manchmal handelt es sich um Personen mit
physischen oder psychischen Behinderungen, von denen sich die sogenannte
»Fortschritts«-Gesellschaft lieber befreit. Auch die Familie kann einer
solchen Gesellschaft ähnlich werden. Sie wird es tatsächlich, wenn sie
sich auf schnellstem Wege von denen befreit, die alt oder von Mißbildungen
oder Krankheiten betroffen sind. Sie handelt so, weil der Glaube an jenen
Gott abnimmt, nach dessen Willen »alle lebendig« (Lk 20,38) und alle in
Ihm zur Fülle des Lebens berufen sind.
Ja, die Zivilisation der Liebe ist möglich, sie ist keine Utopie. Sie ist
jedoch nur möglich durch einen ständigen und lebendigen Bezug zu »Gott,
dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, nach dessen Namen jedes Geschlecht
im Himmel und auf der Erde benannt wird« (vgl. Eph 3,14-15), von dem jede
menschliche Familie hervorgeht.
Die Erziehung
16. Worin besteht die Erziehung? Um diese Frage zu beantworten, werden
zwei grundlegende Wahrheiten in Erinnerung gebracht: Die erste ist, daß
der Mensch zum Leben in der Wahrheit und in der Liebe berufen ist; die
zweite Grundwahrheit besagt, daß sich jeder Mensch durch die aufrichtige
Hingabe seiner selbst verwirklicht. Das gilt sowohl für den Erzieher wie
für den, der erzogen wird. Die Erziehung stellt demnach einen
einzigartigen Prozeß dar, in dem die gegenseitige Gemeinsamkeit der
Personen höchst bedeutsam ist. Der Erzieher ist eine in geistigem Sinne
»zeugende« Person. In dieser Sicht kann die Erziehung als echtes und
eigentliches Apostolat angesehen werden. Sie ist eine lebenschaffende
Verbindung, die nicht nur eine tiefgreifende Beziehung zwischen Erzieher
und zu Erziehendem herstellt, sondern diese beiden an der Wahrheit und an
der Liebe teilhaben läßt, dem Endziel, zu dem jeder Mensch von Gott
Vater, Sohn und Heiligem Geist berufen ist.
Die Elternschaft setzt die Koexistenz und Interaktion autonomer,
selbständiger Subjekte voraus. Das wird in höchstem Maße an der Mutter
offenkundig, wenn sie ein neues menschliches Wesen empfängt. Die ersten
Monate seiner Gegenwart im Mutterschoß schaffen eine besondere Bindung,
die bereits jetzt einen erzieherischen Wert annimmt. Die Mutter baut
bereits in der vorgeburtlichen Phase nicht nur den Organismus des Kindes,
sondern indirekt seine ganze Menschlichkeit auf. Auch wenn es sich um
einen Prozeß handelt, der sich von der Mutter auf das Kind richtet, darf
der besondere Einfluß, den das Ungeborene auf die Mutter ausübt, nicht
vergessen werden. An diesem wechselseitigen Einfluß, der draußen nach
der Geburt des Kindes offenbar werden wird, nimmt der Vater nicht direkt
teil. Er soll sich jedoch verantwortlich darum bemühen, während der
Schwangerschaft und, wenn möglich, auch bei der Niederkunft seine
Aufmerksamkeit und seinen Beistand anzubieten.
Für die »Zivilisation der Liebe« kommt es wesentlich darauf an, daß
der Mann die Mutterschaft der Frau, seiner Ehefrau, als Geschenk
empfindet: denn dies wirkt sich außerordentlich auf den gesamten
Erziehungsprozeß aus. Es hängt viel von der Bereitschaft ab, in
richtiger Weise an dieser ersten Phase des Geschenks des Menschseins
teilzunehmen und sich als Ehemann und Vater in die Mutterschaft der Frau
hineinversetzen zu lassen.
Die Erziehung ist in dem Augenblick vor allem eine »Beschenkung« mit
Menschlichkeit seitens beider Elternteile. Sie vermitteln gemeinsam ihre
reife Menschlichkeit an das Neugeborene, das seinerseits ihnen die Neuheit
und Frische der Menschlichkeit schenkt, die es in die Welt mitbringt. Das
geschieht auch im Fall von Kindern, die von geistigen und körperlichen
Behinderungen gezeichnet sind: ja, in diesem Fall kann ihre Situation eine
ganz besondere erzieherische Kraft entfalten.
Mit Recht richtet daher die Kirche bei der Brautmesse an das Brautpaar die
Frage: »Seid ihr bereit, die Kinder, die Gott euch schenken will,
anzunehmen und sie im Geiste Christi und seiner Kirche zu erziehen?«39
Die eheliche Liebe drückt sich in der Erziehung als wahre Elternliebe
aus. Die »Personengemeinschaft«, die am Beginn der Familie als eheliche
Liebe zum Ausdruck kommt, vervollständigt und vervollkommnet sich mit der
Erziehung, die auf die Kinder ausgeweitet wird. Der potentielle Reichtum,
den jeder Mensch darstellt, der in der Familie geboren wird und
heranwächst, wird verantwortlich angenommen, so daß er nicht entartet
und verlorengeht, sondern sich im Gegenteil in einer immer reiferen
Menschlichkeit verwirklicht. Auch das ist ein wechselseitiger dynamischer
Prozeß, in welchem die Eltern als Erzieher ihrerseits gewissermaßen
erzogen werden. Als Lehrer ihrer Kinder in Menschlichkeit lernen sie auch
von ihnen. Hier wird die organische Struktur der Familie deutlich
sichtbar, und es offenbart sich die Grundbedeutung des vierten Gebotes.
Das »Wir« der Eltern, des Ehemannes und der Ehefrau, entfaltet sich
durch die Erziehung im »Wir« der Familie, die sich in die voraufgehenden
Generationen einfügt, aber offen ist für eine schrittweise und
fortschreitende Erweiterung. Eine besondere Rolle spielen in diesem
Zusammenhang einerseits die Eltern der Eltern und andererseits die
Kindeskinder.
Wenn die Eltern im Weiterschenken des Lebens am Schöpfungswerk Gottes
teilnehmen, haben sie vermittels der Erziehung Anteil an seiner
väterlichen und zugleich mütterlichen Erziehung. Die göttliche
Vaterschaft stellt nach dem hl. Paulus das urgründliche Vorbild jeder
Elternschaft im Kosmos dar (vgl. Eph 3,14-15), insbesondere der
menschlichen Vater- und Mutterschaft. Über die göttliche Erziehung hat
uns auf vollkommene Weise das ewige Wort des Vaters belehrt, das in seiner
Menschwerdung dem Menschen die wahre und vollständige Dimension seines
Menschseins enthüllt hat: die Gotteskindschaft. Und so hat es auch
bekanntgemacht, worin die wahre Bedeutung der Erziehung des Menschen
besteht. Durch Christus wird alle Erziehung, innerhalb der Familie wie außerhalb,
in die heilschaffende Dimension der göttlichen Pädagogik hineingestellt,
die auf die Menschen und auf die Familien ausgerichtet ist und ihren
Gipfel findet im österlichen Geheimnis von Tod und Auferstehung des
Herrn. Von diesem »Herzen« unserer Erlösung nimmt jeder christliche
Erziehungsprozeß seinen Ausgang, der zu gleicher Zeit immer Erziehung zu
voller Menschlichkeit ist.
Die Eltern sind die ersten und hauptsächlichen Erzieher der eigenen
Kinder und haben auch in diesem Bereich grundlegende Zuständigkeit: Sie
sind Erzieher, weil sie Eltern sind. Sie teilen ihren Erziehungsauftrag
mit anderen Personen und Institutionen wie der Kirche und dem Staat; dies
muß jedoch immer in korrekter Anwendung des Prinzips der Subsidiarität
geschehen. Dieses impliziert die Legitimität, ja die Verpflichtung, den
Eltern Hilfe anzubieten, findet jedoch in deren vorgängigem Recht und in
ihren tatsächlichen Möglichkeiten aus sich heraus seine
unüberschreitbare Grenze. Das Prinzip der Subsidiarität stellt sich also
in den Dienst der Liebe der Eltern und kommt dem Wohl der Familie in ihrem
Innersten entgegen. In der Tat sind die Eltern nicht in der Lage, allein
jedem Erfordernis des gesamten Erziehungsprozesses zu entsprechen,
insbesondere was die Ausbildung und das breite Feld der Sozialisation
betrifft. So vervollständigt die Subsidiarität die elterliche Liebe,
indem sie deren Grundcharakter bestätigt, denn jeder andere Mitwirkende
am Erziehungsprozeß kann nur im Namen der Eltern, auf Grund ihrer
Zustimmung, und in einem gewissen Maße sogar in ihrem Auftrag tätig
werden.
Der Weg der Erziehung führt auf die Phase der Selbsterziehung zu, die
erreicht wird, wenn sich der Mensch dank eines entsprechenden Niveaus
psychophysischer Reife »allein zu erziehen« beginnt. Mit der Zeit geht
die Selbsterziehung über die vorher im Erziehungsprozeß erreichten Ziele
hinaus, in dem sie aber weiterhin verwurzelt bleibt. Der Heranwachsende
begegnet neuen Personen und neuen Milieus, im besonderen den Lehrern und
Mitschülern, die auf sein Leben einen Einfluß ausüben, der sich als
erzieherisch oder erziehungsfeindlich erweisen kann. In dieser
Entwicklungsphase löst sich der Jugendliche bis zu einem gewissen Grad
von der in der Familie empfangenen Erziehung und nimmt manchmal den Eltern
gegenüber eine kritische Haltung ein. Trotz allem jedoch wird der
Selbsterziehungsprozeß von dem erzieherischen Einfluß, der von der
Familie und von der Schule auf das Kind und auf den Jugendlichen ausgeübt
wird, gekennzeichnet bleiben. Selbst wenn sich der Jugendliche wandelt und
einen Weg in der eigenen Richtung einschlägt, bleibt er weiterhin mit
seinen existentiellen Wurzeln zutiefst verbunden.
Vor diesem Hintergrund zeichnet sich auf neue Weise die Bedeutung des
vierten Gebotes ab: »Ehre deinen Vater und deine Mutter« (Ex 20,12); es
bleibt mit dem ganzen Erziehungsprozeß organisch verbunden. Die
Elternschaft, diese erste und fundamentale Gegebenheit bei der Weitergabe
des Menschseins, eröffnet vor den Eltern und Kindern neue und noch
tiefgreifendere Perspektiven. Fleischlich zeugen heißt, durch den ganzen
Erziehungsprozeß eine weitere »Generation«, stufenweise und umfassend,
in Gang zu setzen. Das vierte der Zehn Gebote verlangt vom Kind, daß es
den Vater und die Mutter ehrt. Aber wie oben gesagt, erlegt dasselbe Gebot
den Eltern eine in gewissem Sinne »symmetrische« Pflicht auf. Auch sie
müssen ihre Kinder, sowohl kleine wie große, »ehren«, eine
unerläßliche Haltung auf dem gesamten Erziehungsweg, einschließlich dem
der Schulzeit. Das »Prinzip der Ehrerbietung«, das heißt die
Anerkennung und Respektierung des Menschen als Menschen, ist die
grundlegende Voraussetzung für jeden echten Erziehungsprozeß.
Im Bereich der Erziehung hat die Kirche eine eigene Rolle zu erfüllen. Im
Lichte der Tradition und des Konzilslehramtes kann man sagen, daß es
nicht nur darum geht, der Kirche die religiöse und sittliche Erziehung
des Menschen anzuvertrauen, sondern »zusammen mit« der Kirche den
gesamten Erziehungsprozeß der Person zu fördern. Die Familie ist
aufgerufen, ihre Erziehungsaufgabe »innerhalb der Kirche« durchzuführen
und auf diese Weise am kirchlichen Leben und an ihrer Sendung
teilzunehmen. Die Kirche möchte vor allem durch die Familie erziehen, die
dazu durch das Sakrament der Ehe befähigt ist, mit der »Standesgnade«,
die sie daraus erlangt, und mit dem spezifischen »Charisma«, das der
gesamten Familiengemeinschaft eigen ist.
Ein Bereich, wo die Familie unersetzlich ist, ist sicherlich die
religiöse Erziehung, dank welcher die Familie als »Hauskirche« wächst.
Die religiöse Erziehung und die Katechese der Kinder stellen die Familie
als ein echtes Subjekt der Evangelisierung und des Apostolats in den
Bereich der Kirche. Es handelt sich um ein Recht, das zutiefst mit dem
Prinzip der Religionsfreiheit verbunden ist. Die Familien, und konkreter
die Eltern, haben die freie Ermächtigung, für ihre Kinder eine
bestimmte, ihren eigenen Überzeugungen entsprechende Form religiöser und
sittlicher Erziehung zu wählen. Doch auch wenn sie diese Aufgaben
kirchlichen Institutionen oder von Ordenspersonal geführten Schulen
anvertrauen, ist es notwendig, daß ihre erzieherische Präsenz weiterhin
beständig und aktiv ist.
Nicht übergangen werden darf im Rahmen der Erziehung auch die wesentliche
Frage der Wahl einer Berufung, und dabei insbesondere die der Vorbereitung
auf das Eheleben. Beachtlich sind die von der Kirche durchgeführten
Anstrengungen und Initiativen für die Ehevorbereitung, z.B. in Form von
Kursen und Tagungen, die für die Brautleute durchgeführt werden. Das
alles ist wirkungsvoll und notwendig. Es darf aber nicht vergessen werden,
daß die Vorbereitung auf das künftige Eheleben vor allem Aufgabe der
Familie ist. Gewiß können sich nur die in geistlicher Hinsicht gereiften
Familien dieser Aufgabe in angemessener Weise stellen. Und darum muß die
Forderung nach einer besonderen Solidarität zwischen den Familien
unterstrichen werden, die sich durch verschiedene Organisationsformen, wie
die Vereinigungen von Familien für Familien, äußern kann. Die
Institution Familie schöpft Kraft aus dieser Solidarität, die nicht nur
einzelne Personen, sondern auch die Gemeinschaften einander näherbringt
und sie dazu anhält, miteinander zu beten und durch den Beitrag aller
nach Antworten auf die wesentlichen Fragen zu suchen, die im Leben
auftauchen. Ist das nicht eine wertvolle Form von Apostolat der Familien
untereinander? Es ist wichtig, daß die Familien untereinander
Solidaritätsbande aufzubauen versuchen. Dies ermöglicht ihnen außerdem,
sich gegenseitig bei der Erziehung zu helfen: Die Eltern werden durch
andere Eltern erzogen, die Kinder durch die Kinder. Auf diese Weise
entsteht eine eigene Erziehungstradition, die aus der Wesenseigenschaft
der »Hauskirche«, die der Familie eigen ist, Kraft schöpft.
Das Evangelium der Liebe ist die unerschöpfliche Quelle all dessen, von
dem sich die menschliche Familie als »Personengemeinschaft« nährt. In
der Liebe findet der ganze Erziehungsprozeß Unterstützung und
endgültigen Sinn als reife Frucht der gegenseitigen Hingabe der Eltern.
Durch die Mühen, die Leiden und die Enttäuschungen, die die Erziehung
des Menschen begleiten, wird die Liebe unaufhörlich einer beständigen
Prüfung unterzogen. Um diese Probe zu bestehen, bedarf es einer Quelle
geistlicher Kraft, die nur bei dem zu finden ist, der »liebte bis zur
Vollendung« (Joh 13,1). Somit ordnet sich die Erziehung vollkommen in den
Horizont der »Zivilisation der Liebe« ein; von ihr hängt sie ab und
trägt in hohem Maße zu ihrem Aufbau bei.
Das unaufhörliche und zuversichtliche Gebet der Kirche während des
Jahres der Familie gilt der Erziehung des Menschen, damit die Familien in
dem Bemühen um Erziehung trotz aller mitunter so groß und unüberwindbar
erscheinenden Schwierigkeiten mit Mut, Vertrauen und Hoffnung fortfahren.
Die Kirche betet darum, daß die aus der Quelle der göttlichen Liebe
entspringenden Kräfte der »Zivilisation der Liebe« siegen; Kräfte, die
die Kirche unaufhörlich zum Wohl der ganzen Menschheitsfamilie einsetzt.
Die Familie und die Gesellschaft
17. Die Familie ist eine Gemeinschaft von Personen, die kleinste soziale
Zelle und als solche eine für das Leben jeder Gesellschaft fundamentale
Institution.
Was erwartet die Familie als Institution von der Gesellschaft? Vor allem
in ihrer Identität anerkannt und in ihrer sozialen Subjektivität
angenommen zu werden. Diese Subjektivität ist an die Identität gebunden,
die der Ehe und der Familie eigen ist. Die Ehe, die der Familie als
Institution zugrunde liegt, wird durch den Bund hergestellt, mit dem
»Mann und Frau unter sich die Gemeinschaft des ganzen Lebens begründen,
welche durch ihre natürliche Eigenart auf das Wohl der Ehegatten und auf
die Zeugung und die Erziehung von Nachkommenschaft hingeordnet ist«.40
Nur eine solche Verbindung kann als »Ehe« in der Gesellschaft anerkannt
und bestätigt werden. Nicht können dies die anderen zwischenmenschlichen
Verbindungen, die den oben in Erinnerung gebrachten Bedingungen nicht
entsprechen, auch wenn sich heute über diesen Punkt Tendenzen verbreiten,
die für die Zukunft der Familie und selbst der Gesellschaft sehr
gefährlich sind.
Keine menschliche Gesellschaft darf sich in Grundfragen, die das Wesen der
Ehe und Familie betreffen, in die Gefahr des Permissivismus begeben! Ein
ähnlicher moralischer Permissivismus muß den authentischen
Erfordernissen des Friedens und der Gemeinschaft unter den Menschen
Schaden zufügen. Es ist somit begreiflich, warum die Kirche die
Authentizität der Familie verteidigt und die zuständigen Institutionen,
insbesondere die verantwortlichen Politiker, wie auch die internationalen
Organisationen dazu anregt, nicht der Versuchung einer scheinbaren und
falschen Modernität nachzugeben.
Als Liebes- und Lebensgemeinschaft ist die Familie eine tief verwurzelte
soziale Realität und in ganz besonderer Weise eine, wenn auch in
verschiedener Hinsicht bedingte, souveräne Gesellschaft. Die Bejahung der
Souveränität der Institution Familie und die Anerkennung ihrer
vielfältigen Bedingtheiten veranlaßt dazu, von den Rechten der Familie
zu reden. Diesbezüglich hat der Heilige Stuhl im Jahre 1983 die Charta
der Familienrechte veröffentlicht, die auch heute ihre ganze Aktualität
behält. Die Rechte der Familie sind eng verknüpft mit den
Menschenrechten: Wenn nämlich die Familie Personengemeinschaft ist, so
hängt ihre Selbstverwirklichung ganz maßgebend von der gerechten
Anwendung der Rechte der sie bildenden Personen ab. Einige dieser Rechte
betreffen unmittelbar die Familie, wie das Recht der Eltern auf
verantwortete Zeugung und Erziehung des Nachwuchses; andere Rechte
hingegen betreffen auf nur indirekte Weise den Familienkern: darunter sind
von besonderer Bedeutung: das Recht auf Eigentum, besonders auf das
sogenannte Familieneigentum, und das Recht auf Arbeit.
Die Rechte der Familie sind jedoch nicht einfach die mathematische Summe
der Rechte der Personen, ist doch die Familie etwas mehr als die Summe
ihrer einzeln genommenen Mitglieder. Sie ist Gemeinschaft von Eltern und
Kindern; mitunter Gemeinschaft mehrerer Generationen. Darum schafft ihre
Subjektivität, die sich auf der Grundlage des Planes Gottes aufbaut, die
Grundlage ihrer eigenen und spezifischen Rechte und fordert sie. Die
Charta der Familienrechte, ausgehend von den genannten Moralprinzipien,
festigt die Existenz der Institution Familie innerhalb der Sozial- und
Rechtsordnung der »großen« Gesellschaft: der Nation, des Staates und
der internationalen Gemeinschaften. Jede dieser »großen« Gesellschaften
ist zumindest indirekt von der Existenz der Familie abhängig und beeinflußt;
deshalb ist die Definition von Aufgaben und Pflichten der »großen«
Gesellschaft gegenüber der Familie eine äußerst wichtige und
wesentliche Frage.
An erster Stelle steht die nahezu organische Bindung zwischen Familie und
Nation. Natürlich kann man nicht in jedem Fall von Nation im eigentlichen
Sinn sprechen. Dennoch gibt es ethnische Gruppen, die sich zwar nicht als
wirkliche Nationen betrachten können, aber in gewissem Maße die Funktion
einer »großen« Gesellschaft erfüllen. Sowohl bei der einen wie bei der
anderen Annahme beruht die Bindung der Familie zur ethnischen Gruppe oder
zur Nation vor allem auf der Teilnahme an der Kultur. Die Eltern zeugen
die Kinder gewissermaßen auch für die Nation, weil sie deren Mitglieder
sind und an ihrem Geschichts- und Kulturerbe teilhaben. Von Anfang an
zeichnet sich die Identität der Familie gewissermaßen auf Grund der
Identität der Nation ab, der sie angehört.
Durch ihre Teilhabe am Kulturerbe der Nation trägt die Familie zu jener
besonderen Souveränität bei, die ihrer Kultur und Sprache entspringt.
Ich habe über dieses Thema vor der UNESCO-Vollversammlung in Paris im
Jahr 1980 gesprochen und bin darauf in Anbetracht seiner unzweifelhaften
Bedeutung später wiederholt zurückgekommen. Über die Kultur und die
Sprache findet nicht nur die Nation, sondern jede Familie zu ihrer
geistigen Souveränität. Anders lieben sich viele Ereignisse der
Geschichte der Völker, insbesondere der europäischen, schwer erklären;
alte und moderne, herausragende und schmerzliche Geschehnisse, Siege und
Niederlagen, an denen sichtbar wird, wie organisch die Familie an die
Nation und die Nation an die Familie gebunden ist. Gegenüber dem Staat
ist diese Bindung der Familie zum Teil ähnlich und zum Teil andersartig.
Der Staat unterscheidet sich nämlich von der Nation durch seine weniger
»familiäre« Struktur, die wie ein politisches System und eher
»bürokratisch« organisiert ist. Nichtsdestoweniger besitzt auch das
staatliche System in gewissem Sinn seine »Seele« in dem Maße, in dem es
seinem Wesen als rechtlich geordnete »politische Gemeinschaft« in
Hinordnung auf das Gemeinwohl entspricht.41 Mit dieser »Seele« steht die
Familie in engem Zusammenhang, die mit dem Staat eben kraft des
Subsidiaritätsprinzips verbunden ist. Die Familie ist in der Tat eine
soziale Wirklichkeit, die nicht über alle für die Realisierung ihrer
Ziele, auch im Bereich von Unterricht und Erziehung, notwendigen Mittel
verfügt. Der Staat ist daher aufgerufen, entsprechend dem erwähnten
Prinzip zu intervenieren: Dort, wo die Familie sich selbst genügt, soll
man sie selbständig handeln lassen; ein überzogenes Eingreifen des
Staates würde sich als schädlich und über eine Mißachtung hinaus als
eine offene Verletzung der Rechte der Familie erweisen; nur dort, wo sie
selbst wirklich nicht hinreichend ist, hat der Staat die Möglichkeit und
die Pflicht zum Eingreifen.
Abgesehen vom Bereich der Erziehung und des Unterrichts auf allen Stufen
findet die staatliche Hilfe, die Initiativen von Privaten jedenfalls nicht
ausschließen darf, zum Beispiel in den Einrichtungen ihren Ausdruck,
deren Ziel und Zweck es ist, das Leben und die Gesundheit der Bürger zu
schützen, und besonders in den die Arbeitswelt betreffenden Vorsorgemaßnahmen.
Die Arbeitslosigkeit stellt in unseren Tagen eine der ernstesten
Bedrohungen für das Familienleben dar und erfüllt zu Recht alle
Gesellschaften mit Sorge. Sie stellt eine Herausforderung für die Politik
der einzelnen Staaten und einen Gegenstand aufmerksamen Nachdenkens für
die Soziallehre der Kirche dar. Es ist daher unerläßlicher und
dringender denn je, hier mit mutigen Lösungen Abhilfe zu schaffen, die
auch über nationale Grenzen hinauszublicken verstehen zu den vielen
Familien, für die das Fehlen von Arbeit zu einem dramatischen Elend
wird.42
Wenn von der Arbeit in bezug auf die Familie gesprochen wird, ist es
richtig, die Bedeutung und die Belastung der Arbeitstätigkeit der Frauen
innerhalb der Kernfamilie hervorzuheben:43 Sie müßte in höchstem Maße
anerkannt und aufgewertet werden. Die »Mühen« der Frau, die, nachdem
sie ein Kind zur Welt gebracht hat, dieses nährt und pflegt und sich
besonders in den ersten Jahren um seine Erziehung kümmert, sind so groß,
daß sie den Vergleich mit keiner Berufsarbeit zu fürchten brauchen. Das
wird klar anerkannt und nicht weniger geltend gemacht als jedes andere mit
der Arbeit verbundene Recht. Die Mutterschaft und all das, was sie an
Mühen mit sich bringt, muß auch eine ökonomische Anerkennung erhalten,
die wenigstens der anderer Arbeiten entspricht, von denen die Erhaltung
der Familie in einer derart heiklen Phase ihrer Existenz abhängt.
Es muß jede Anstrengung unternommen werden, damit sie als anfängliche
Gesellschaft und in gewissem Sinn als »souverän« anerkannt wird! Ihre
»Souveränität« ist für das Wohl der Gesellschaft unerläßlich. Eine
wahrhaft souveräne und geistig starke Nation besteht immer aus starken
Familien, die sich ihrer Berufung und ihrer Sendung in der Geschichte
bewußt sind. Die Familie steht im Zentrum aller dieser Probleme und
Aufgaben: Sie in eine untergeordnete und nebensächliche Rolle zu
versetzen, sie aus der ihr in der Gesellschaft gebührenden Stellung
auszuschließen, heißt, dem echten Wachstum des gesamten Sozialgefüges
einen schweren Schaden zufügen.
II.
DER BRÄUTIGAM IST BEI EUCH
Zu Kana in Galiläa
18. Im Gespräch mit den Jüngern des Johannes spielt Jesus eines Tages
auf die Einladung zu einer Hochzeit und auf die Anwesenheit des
Bräutigams unter den Hochzeitsgästen an: »Der Bräutigam ist bei
ihnen« (Mt 9,15). Er wies so auf die Erfüllung des Bildes vom
göttlichen Bräutigam in seiner Person hin, das bereits im Alten
Testament benutzt wurde, um das Geheimnis Gottes als Geheimnis der Liebe
vollkommen zu enthüllen.
Dadurch, daß er sich als »Bräutigam« bezeichnete, enthüllt Jesus also
das Wesen Gottes und bekräftigt seine unendliche Liebe zum Menschen. Doch
wirft die Wahl dieses Bildes indirekt auch ein Licht auf die tiefe
Wahrheit der ehelichen Liebe. Während er es in der Tat dazu benutzt, um
von Gott zu sprechen, zeigt Jesus, wieviel Väterlichkeit und wieviel
Liebe Gottes sich in der Liebe eines Mannes und einer Frau widerspiegeln,
die sich in der Ehe vereinen. Dazu ist Jesus am Beginn seiner Sendung in
Kana in Galiläa, um zusammen mit Maria und den ersten Jüngern an einem
Hochzeitsmahl teilzunehmen (vgl. Joh 2,1-11). Er will auf diese Weise
zeigen, wie tief die Wahrheit der Familie in die Offenbarung Gottes und in
die Heilsgeschichte eingeschrieben ist. Im Alten Testament und besonders
bei den Propheten stehen sehr schöne Worte über die Liebe Gottes: eine
zuvorkommende Liebe wie diejenige einer Mutter zu ihrem Kind, zartfühlend
wie die des Bräutigams zur Braut, aber gleichzeitig ebenso zutiefst
eifersüchtig; nicht in erster Linie eine Liebe, die bestraft, sondern
vergibt; eine Liebe, die sich, wie die zwischen dem Vater und dem
verschwenderischen Sohn, zum Menschen hinabbeugt und ihn aufrichtet, indem
sie ihn am göttlichen Leben teilhaben läßt. Eine Liebe, die in
Erstaunen versetzt: eine Neuheit, die der ganzen heidnischen Welt bis
dahin unbekannt gewesen war.
In Kana in Galiläa ist Jesus Verkünder der göttlichen Wahrheit über
die Ehe; der Wahrheit, auf die sich die menschliche Familie stützen und
von der sie sich gegen alle Prüfungen des Lebens stärken lassen kann.
Jesus verkündet diese Wahrheit mit seiner Anwesenheit bei der Hochzeit
von Kana und durch das erste von ihm gewirkte »Zeichen«: das zu Wein
verwandelte Wasser.
Wiederum verkündet er die Wahrheit über die Ehe, als er im Gespräch mit
den Pharisäern diesen erklärt, daß die Liebe, die von Gott ist, die
zarte und bräutliche Liebe, Quelle von grundlegenden und tiefgreifenden
Anforderungen ist. Weniger anspruchsvoll war Mose gewesen, der erlaubt
hatte, eine Scheidungsurkunde auszustellen. Als sich die Pharisäer in der
bekannten Auseinandersetzung auf Mose berufen, antwortet Christus
entschieden: »Im Anfang war das nicht so« (Mt 19,8). Und er ruft ihnen
in Erinnerung: Der Schöpfer des Menschen hat diesen als Mann und Frau
geschaffen und bestimmt: »Darum verläßt der Mann Vater und Mutter und
bindet sich an seine Frau, und die zwei werden ein Fleisch« (Gen 2,24).
Mit logischer Konsequenz zieht Christus den Schlub: »Sie sind also nicht
mehr zwei, sondern eins. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch
nicht trennen« (Mt 19,6). Auf den Einwand der Pharisäer, die sich auf
das mosaische Gesetz stützen, antwortet er: »Nur weil ihr so hartherzig
seid, hat Mose euch erlaubt, eure Frauen aus der Ehe zu entlassen. Am
Anfang war das nicht so« (Mt 19, 8).
Jesus beruft sich auf den »Anfang« und findet in den Ursprüngen der
Schöpfung selbst den Plan Gottes wieder, auf den sich die Familie und
durch sie die gesamte Geschichte der Menschheit stützt. Die natürliche
Wirklichkeit der Ehe wird nach dem Willen Christi zum wahren und
eigentlichen Sakrament des Neuen Bundes, das mit dem Siegel des Blutes des
Erlösers Christus versehen ist. Eheleute und Familien, erinnert euch, um
welchen Preis ihr »erkauft« worden seid! (vgl. 1 Kor 6,20).
Es ist jedoch von seiten des Menschen her schwer, diese wunderbare
Wahrheit aufzunehmen und zu leben. Wie sollte man sich darüber wundern,
daß Mose den Forderungen seiner Landsleute nachgab, wenn selbst die
Apostel, als sie die Worte des Meisters hörten, antworteten: »Wenn das
die Stellung des Mannes in der Ehe ist, dann ist es nicht gut zu
heiraten« (Mt 19,10)! Trotzdem bekräftigt Jesus, um des Wohles des
Mannes und der Frau, der Familie und der ganzen Gesellschaft willen, die
von Gott von Anfang an gestellte Forderung. Gleichzeitig jedoch nimmt er
die Gelegenheit wahr, um den Wert der Entscheidung zur Ehelosigkeit im
Hinblick auf das Reich Gottes geltend zu machen: Auch diese Entscheidung läßt
»Zeugung« zu, wenn auch auf andere Art. Von dieser Entscheidung nehmen
das geweihte Leben, die Orden und die religiösen Kongregationen im Orient
und im Abendland ebenso ihren Ausgang wie die Regelung des priesterlichen
Zölibats gemäß der Tradition der lateinischen Kirche. Es ist also nicht
wahr, daß »es nicht gut ist zu heiraten«, aber die Liebe für das
Himmelreich kann einen auch dazu bringen, nicht zu heiraten (vgl. Mt
19,12).
Zu heiraten bleibt dennoch die gewöhnliche Berufung des Menschen, die vom
größten Teil des Gottesvolkes wahrgenommen wird. In der Familie bilden
sich die lebendigen Steine des geistigen Hauses heraus, von denen der
Apostel Petrus spricht (vgl. 1 Petr 2,5). Die Körper der Eheleute sind
Wohnstatt des Heiligen Geistes (vgl. 1 Kor 6,19). Da die Weitergabe des
göttlichen Lebens jene des menschlichen Lebens voraussetzt, werden in der
Ehe nicht nur die Kinder der Menschen geboren, sondern kraft der Taufe
auch Adoptivkinder Gottes, die von dem neuen Leben leben, das sie von
Christus durch seinen Geist empfangen.
Auf diese Weise, liebe Brüder und Schwestern, Eheleute und Eltern, ist
der Bräutigam bei euch. Ihr wißt, daß Er der Gute Hirte ist, und ihr
kennt seine Stimme. Ihr wißt, wohin Er euch führt, wie Er kämpft, um
euch die Weiden zu verschaffen, auf denen ihr das Leben findet und es in
Fülle findet; ihr wißt, daß Er sich den raubgierigen Wölfen
entgegenstellt, stets bereit, ihrem Rachen die Schafe zu entreiben: jeden
Ehemann und jede Ehefrau, jeden Sohn und jede Tochter, jedes Mitglied
eurer Familien. Ihr wißt, daß Er als Guter Hirte bereit ist, sein Leben
hinzugeben für die Herde (vgl. Joh 10,11). Er führt euch Wege, die nicht
jene abschüssigen und heimtückischen vieler moderner Ideologien sind; Er
wiederholt die Wahrheit unverkürzt für die heutige Welt, so wie Er sich
an die Pharisäer wandte, wie Er sie den Aposteln verkündete, die sie
dann in der Welt verkündeten, indem sie sie den Menschen ihrer Zeit,
Juden wie Griechen, verkündeten. Die Jünger waren sich wohl bewußt,
daß Christus alles neu gemacht hatte; daß der Mensch zu einer »neuen
Schöpfung« geworden war: nicht mehr Jude und Grieche, nicht mehr Sklave
und Freier, nicht mehr Mann und Frau, sondern »einer« in Ihm (vgl. Gal
3,28), ausgezeichnet mit der Würde eines Adoptivkindes Gottes. Am
Pfingsttag hat dieser Mensch den Tröstergeist, den Geist der Wahrheit,
empfangen; so begann das neue Volk Gottes, die Kirche, als Vorwegnahme
eines neuen Himmels und einer neuen Erde (vgl. Offb 21,1).
Die Apostel, die zuerst auch in bezug auf Ehe und Familie ängstlich
gewesen waren, sind mutig geworden. Sie haben begriffen, daß Ehe und
Familie eine echte, von Gott selbst stammende Berufung darstellen, ein
Apostolat sind: das Apostolat der Laien. Sie dienen der Umgestaltung der
Erde und der Erneuerung der Welt, der Schöpfung und der gesamten
Menschheit.
Liebe Familien, auch ihr müßt mutig sein, stets bereit, Zeugnis zu geben
von jener Hoffnung, die euch erfüllt (vgl. 1 Petr 3,15), weil sie euch
vom Guten Hirten durch das Evangelium ins Herz gepflanzt wurde. Ihr müßt
bereit sein, Christus zu jenen Weiden zu folgen, die das Leben geben und
die Er selbst mit dem österlichen Geheimnis seines Todes und seiner
Auferstehung bereitet hat.
Habt keine Angst vor Gefahren! Die göttlichen Kräfte sind weitaus
mächtiger als eure Schwierigkeiten! Unermeßlich gröber als das Böse,
das in der Welt Fuß faßt, ist die Wirksamkeit des Sakraments der
Wiederversöhnung, das von den Kirchenvätern nicht zufällig »zweite
Taufe« genannt wird. Viel ausgeprägter als die Verderbtheit, die in der
Welt gegenwärtig ist, ist die göttliche Kraft des Sakraments der
Firmung, die die Taufe zur Reifung bringt. Unvergleichlich gröber ist vor
allem die Macht der Eucharistie.
Die Eucharistie ist ein wahrhaft wunderbares Sakrament. In ihm hat
Christus sich selbst uns als Speise und Trank, als Quelle heilbringender
Kraft hinterlassen. Er hat sich selbst uns hinterlassen, damit wir das
Leben haben und es in Fülle haben (vgl. Joh 10,10): das Leben, das in Ihm
ist und das Er uns mit der Gabe des Heiligen Geistes in der Auferstehung
am dritten Tag nach seinem Tod mitgeteilt hat. Denn das Leben, das von Ihm
kommt, ist in der Tat für uns. Es ist für euch, liebe Eheleute, Eltern
und Familien! Hat Er die Eucharistie beim Letzten Abendmahl nicht in einer
familiären Umgebung eingesetzt? Wenn ihr euch zu den Mahlzeiten trefft
und untereinander einig seid, ist Christus bei euch. Und noch mehr ist Er
der Emmanuel, der Gott mit uns, wenn ihr euch zum eucharistischen Mahl
begebt. Es kann geschehen, daß man Ihn, wie in Emmaus, erst »beim
Brechen des Brotes« erkennt (vgl. Lk 24,35). Es kommt auch vor, daß Er
lange vor der Tür steht und anklopft in Erwartung, daß Ihm die Tür
geöffnet werde, damit Er eintreten und mit uns Mahl halten kann (vgl.
Offb 3,20). Sein letztes Abendmahl und die dabei gesprochenen Worte
bewahren die ganze Macht und Weisheit des Opfers am Kreuz. Es gibt keine
andere Macht und keine andere Weisheit, durch die wir gerettet werden
können und durch die wir zur Rettung der anderen beitragen können. Es
gibt keine andere Macht und keine andere Weisheit, durch die ihr, Eltern,
eure Kinder und auch euch selbst erziehen könnt. Die erzieherische Macht
der Eucharistie hat sich durch die Generationen und Jahrhunderte hindurch
bestätigt.
Der Gute Hirte ist überall bei uns. Wie er in Kana in Galiläa als
Bräutigam unter den Brautleuten anwesend war, die sich einander für das
ganze Leben anvertrauten, so ist der Gute Hirte heute bei euch als Grund
der Hoffnung, als Kraft der Herzen, als Quelle immer neuer Begeisterung
und als Zeichen für den Sieg der »Zivilisation der Liebe«. Jesus, der
Gute Hirte, wiederholt für uns: Fürchtet euch nicht. Ich bin bei euch.
»Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt« (Mt 28,20). Woher
soviel Kraft nehmen? Woher die Gewißheit nehmen, daß du bei uns bist,
obwohl sie dich, Sohn Gottes, getötet haben und du gestorben bist wie
jedes andere Menschenwesen? Woher diese Gewißheit? Der Evangelist sagt:
»Er liebte sie bis zur Vollendung« (Joh 13,1). Du liebst uns also, Du
bist der Erste und der Letzte, der Lebendige; Du warst tot und lebst nun
in alle Ewigkeit (vgl. Offb 1,17-18).
Das tiefe Geheimnis
19. Der hl. Paulus faßt das Thema Familienleben mit dem Wort: »tiefes
Geheimnis« (Eph 5,32) zusammen. Was er im Brief an die Epheser über
dieses »tiefe Geheimnis« schreibt, stellt, auch wenn es im Buch Genesis
und in der gesamten Tradition des Alten Testamentes verwurzelt ist,
dennoch einen neuen Ansatz dar, der sodann im Lehramt der Kirche seinen
Niederschlag finden wird.
Die Kirche bekennt, daß die Ehe als Sakrament des Bundes der Ehegatten
ein »tiefes Geheimnis« ist, da sich in ihr die bräutliche Liebe Christi
zu seiner Kirche ausdrückt. Der hl. Paulus schreibt: »Ihr Männer, liebt
eure Frauen, wie Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben
hat, um sie im Wasser und durch das Wort rein und heilig zu machen« (Eph
5,25-26). Der Apostel spricht hier von der Taufe, die er im Brief an die
Römer ausführlich behandelt und die er als Teilhabe am Tod Christi
vorstellt, um sein Leben zu teilen (vgl. Röm 6,3-4). In diesem Sakrament
wird der Gläubige als ein neuer Mensch geboren, da der Taufe die Kraft
innewohnt, ein neues Leben, das Leben Gottes, selbst zu vermitteln. Das
göttlich- menschliche Geheimnis wird in gewissem Sinne im Taufereignis
zusammengefaßt: »Christus Jesus, unser Herr, Sohn Gottes - werden
später der hl. Irenäus und viele andere Kirchenväter im Osten und im
Westen sagen -, ist Menschensohn geworden, damit der Mensch Sohn Gottes
werden kann.«44
Der Bräutigam ist also derselbe Gott, der Mensch geworden ist. Im Alten
Bund stellt sich Jahwe als Bräutigam Israels, des auserwählten Volkes,
vor: ein zartfühlender und anspruchsvoller, eifersüchtiger und treuer
Bräutigam. Alle Fälle vom Verrat, von der Abtrünnigkeit und dem
Götzendienst Israels, die von den Propheten mit eindrucksvoller Dramatik
beschrieben werden, bringen es nicht zuwege, die Liebe auszulöschen, mit
der der Gott-Bräutigam »bis zur Vollendung liebt« (vgl. Joh 13,1).
Die Bestätigung und die Erfüllung der bräutlichen Gemeinschaft zwischen
Gott und seinem Volk ereignet sich in Christus, im Neuen Bund. Christus
versichert uns, daß der Bräutigam bei uns ist (vgl. Mt 9,15). Er ist bei
uns allen, Er ist bei der Kirche. Die Kirche wird zur Braut: Braut
Christi. Diese Braut, von der der Epheserbrief spricht, vergegenwärtigt
sich in jedem Getauften und ist wie eine Person, die vor dem Blick ihres
Bräutigams erscheint: » . . . Wie Christus die Kirche geliebt und sich
für sie hingegeben hat ( . . .). So will er die Kirche herrlich vor sich
erscheinen lassen, ohne Flecken, Falten oder andere Fehler; heilig soll
sie sein und makellos« (Eph 5,25-27). Die Liebe, mit welcher der
Bräutigam der Kirche »seine Liebe bis zur Vollendung erwies«, bewirkt,
daß sie je neu heilig ist in ihren Heiligen, auch wenn sie weiterhin eine
Kirche von Sündern ist. Auch die Sünder, »die Zöllner und Dirnen«,
sind zur Heiligkeit berufen, wie Christus selbst im Evangelium bezeugt
(vgl. Mt 21,31). Alle sind dazu berufen, herrliche, heilige und makellose
Kirche zu werden. »Seid heilig - sagt der Herr -, weil ich heilig bin« (Lev
11,44; vgl. 1 Petr 1,16).
Das ist die erhabenste Dimension des »tiefen Geheimnisses«, die innere
Bedeutung der sakramentalen Hingabe in der Kirche, der tiefste Sinn von
Taufe und Eucharistie. Sie sind die Früchte der Liebe, mit der der
Bräutgam geliebt hat bis zur Vollendung; Liebe, die sich ständig
ausweitet, indem sie die Menschen mit wachsender übernatürlicher
Teilhabe am göttlichen Leben beschenkt.
Nachdem der hl. Paulus gesagt hat: »Ihr Männer, liebt eure Frauen« (Eph
5,25), fügt er mit noch gröberer Nachdrücklichkeit hinzu: »Darum sind
die Männer verpflichtet, ihre Frauen so zu lieben wie ihren eigenen Leib.
Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst. Keiner hat je seinen eigenen Leib
gehabt, sondern er nährt und pflegt ihn, wie auch Christus die Kirche.
Denn wir sind Glieder seines Leibes« (Eph 5,28-30). Und er ermahnt die
Eheleute mit den Worten: »Einer ordne sich dem andern unter in der
gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus« (Eph 5,21).
Das ist gewiß eine neue Darstellung der ewigen Wahrheit über die Ehe und
die Familie im Lichte des Neuen Bundes. Christus hat sie geoffenbart im
Evangelium, mit seiner Anwesenheit in Kana in Galiläa, mit dem Opfer am
Kreuz und den Sakramenten seiner Kirche. Die Eheleute finden somit in
Christus den Bezugspunkt ihrer ehelichen Liebe. Wenn der hl. Paulus von
Christus als dem Bräutigam der Kirche spricht, nimmt er in analoger Weise
auf die eheliche Liebe Bezug; er bezieht sich auf das Buch Genesis:
»Darum verläßt der Mann Vater und Mutter und bindet sich an seine Frau,
und die zwei werden ein Fleisch« (Gen 2,24). Das ist das »tiefe
Geheimnis« der ewigen Liebe, die bereits vor der Schöpfung gegenwärtig
war, in Christus geoffenbart und der Kirche anvertraut wurde. »Dies ist
ein tiefes Geheimnis - sagt der Apostel -; ich beziehe es auf Christus und
auf die Kirche« (Eph 5,32). Man kann daher die Kirche nicht als
mystischen Leib Christi, als Zeichen des Bundes des Menschen mit Gott in
Christus, als universales Sakrament des Heiles verstehen, ohne sich auf
das »tiefe Geheimnis« zu beziehen, das mit der Erschaffung des Menschen
als Mann und Frau und mit der Berufung der beiden zur ehelichen Liebe, zur
Elternschaft verbunden ist. Das »tiefe Geheimnis«, das die Kirche und
das Menschsein in Christus ist, existiert nicht ohne das »tiefe
Geheimnis«, das in dem »ein Fleisch sein« (vgl. Gen 2,24; Eph 5,31-32),
das heißt in der Wirklichkeit der Ehe und Familie, zum Ausdruck kommt.
Die Familie selbst ist das tiefe Geheimnis Gottes. Als »Hauskirche« ist
sie die Braut Christi. Die Universalkirche und in ihr jede Teilkirche
enthüllt sich ganz unmittelbar als Braut Christi in der »Hauskirche«
und in der in ihr gelebten Liebe: eheliche Liebe, elterliche Liebe,
geschwisterliche Liebe, Liebe einer Gemeinschaft von Personen und
Generationen. Ist etwa die menschliche Liebe ohne den Bräutigam und ohne
die Liebe denkbar, mit der Er zuerst geliebt hat bis zur Vollendung? Nur
wenn sie an dieser Liebe und an diesem »tiefen Geheimnis« teilnehmen,
können die Eheleute lieben »bis zur Vollendung«: Entweder werden sie zu
Teilhabern an dieser Liebe, oder sie lernen nicht bis ins Innerste kennen,
was die Liebe ist und wie radikal ihre Anforderungen sind. Das stellt
zweifellos eine große Gefahr für sie dar.
Die Lehre des Epheserbriefes versetzt uns wegen ihrer Tiefgründigkeit und
wegen ihrer ethischen Kraft in Erstaunen. Indem er die Ehe und indirekt
die Familie als das »tiefe Geheimnis« in bezug auf Christus und auf die
Kirche bezeichnet, kann der Apostel Paulus noch einmal bekräftigen, was
er vorher zu den Ehemännern gesagt hatte: »Jeder von euch liebe seine
Frau wie sich selbst!« Dann fügt er hinzu: »Die Frau aber ehre den
Mann!« (Eph 5,33). Sie ehrt ihn, weil sie ihn liebt und sich wieder
geliebt weiß. Kraft solcher Liebe werden sich die Eheleute gegenseitig
zum Geschenk. In der Liebe ist die Anerkennung der persönlichen Würde
des anderen und seiner unwiederholbaren Einzigartigkeit enthalten:
Tatsächlich wurde jeder von ihnen als menschliches Wesen unter allen
Kreaturen auf Erden von Gott um seiner selbst willen gewollt;45 jeder
macht sich jedoch mit dem bewußten und verantwortlichen Akt selbst und
aus freien Stücken zum Geschenk an den anderen und an die vom Herrn
empfangenen Kinder. Bezeichnenderweise fährt der hl. Paulus in seiner
Ermahnung fort, indem er einen Zusammenhang zum vierten Gebot herstellt:
»Ihr Kinder, gehorcht euren Eltern, wie es vor dem Herrn recht ist. Ehre
deinen Vater und deine Mutter: Das ist ein Hauptgebot, und ihm folgt die
Verheißung: damit es dir gut geht und du lange lebst auf der Erde. Ihr
Väter, reizt eure Kinder nicht zum Zorn, sondern erzieht sie in der Zucht
und Weisung des Herrn!« (Eph 6,1-4). Der Apostel sieht also im vierten
Gebot folgerichtig den Auftrag zu gegenseitiger Achtung zwischen Ehemann
und Ehefrau, zwischen Eltern und Kindern und erkennt so in ihm das Prinzip
der gefestigten Geschlossenheit der Familie.
Die wunderbare paulinische Synthese über das »tiefe Geheimnis« stellt
sich gewissermaßen als Zusammenfassung, als Summe der Lehre über Gott
und den Menschen dar, die Christus zu Ende geführt hat. Leider hat sich
das abendländische Denken mit der Entwicklung des modernen Rationalismus
nach und nach von dieser Lehre entfernt. Der Philosoph, der das Prinzip
Cogito, ergo sum »Ich denke, also bin ich«, formuliert hat, hat auch der
modernen Auffassung vom Menschen den dualistischen Charakter aufgeprägt,
der sie kennzeichnet. Zum Rationalismus gehört die radikale
Gegeneinanderstellung von Geist und Körper und Körper und Geist im
Menschen. Der Mensch ist hingegen Person in der Einheit von Körper und
Geist.46 Der Körper darf niemals auf reine Materie verkürzt werden: Er
ist ein »von Geist erfüllter« Körper, so wie der Geist so tief mit dem
Körper verbunden ist, daß er ein »leibhaftiger« Geist genannt werden
kann. Die reichste Quelle für die Kenntnis des Körpers ist das
fleischgewordene Wort. Christus offenbart den Menschen dem Menschen.47
Diese Aussage des Zweiten Vatikanischen Konzils ist in gewissem Sinne die
lange erwartete Antwort der Kirche an den modernen Rationalismus.
Diese Antwort gewinnt eine grundlegende Bedeutung für das Verständnis
der Familie, besonders vor dem Hintergrund der heutigen Zivilisation, die,
wie schon gesagt wurde, in so vielen Fällen anscheinend darauf verzichtet
hat, eine »Zivilisation der Liebe« zu sein. Grob ist im modernen
Zeitalter der Fortschritt in der Kenntnis der materiellen Welt und auch
der menschlichen Psychologie gewesen; was aber seine innerste Dimension,
die metaphysische Dimension, betrifft, so bleibt der heutige Mensch für
sich selbst großenteils ein unbekanntes Wesen; folglich bleibt auch die
Familie eine unbekannte Wirklichkeit. Dazu kommt es wegen der Entfernung
von jenem »tiefen Geheimnis«, von dem der Apostel spricht.
Die Trennung im Menschen zwischen Geist und Körper hatte zur Folge, daß
sich die Tendenz verstärkte, den menschlichen Leib nicht nach den
Kategorien seiner spezifischen Ähnlichkeit mit Gott zu behandeln, sondern
nach den Kategorien seiner Ähnlichkeit mit allen anderen in der Natur
vorhandenen Körpern, Körpern, die der Mensch als Material für seine auf
die Herstellung von Konsumgütern ausgerichtete Tätigkeit verwendet. Doch
wird jeder unmittelbar einsehen, daß die Anwendung solcher Kriterien auf
den Menschen in Wirklichkeit enorme Gefahren in sich birgt. Wenn der
unabhängig von Geist und Denken betrachtete menschliche Körper als
Material wie der Körper von Tieren verwendet wird - und das geschieht zum
Beispiel bei den Manipulationen an Embryonen und Föten -, gehen wir
unausweichlich einer schrecklichen ethischen Niederlage entgegen.
In einer solchen anthropologischen Perspektive erlebt die
Menschheitsfamilie soeben die Erfahrung eines neuen Manichäismus, in dem
der Körper und der Geist radikal einander entgegengesetzt werden. Weder
lebt der Körper vom Geist, noch belebt der Geist den Körper. Der Mensch
hört so auf, als Person und Subjekt zu leben. Trotz der Absichten und
gegenteiligen Erklärungen wird er ausschließlich zu einem Objekt. Auf
diese Weise hat diese neomanichäische Zivilisation zum Beispiel dazu
geführt, daß man in der menschlichen Sexualität mehr ein Terrain der
Manipulation und der Ausbeutung sieht als die Wirklichkeit jenes
anfänglichen Staunens, das Adam am Morgen der Schöpfung vor Eva sagen
lieb: »Das ist Fleisch von meinem Fleisch und Bein von meinem Gebein«
(vgl. Gen 2,23). Und das Staunen, das in den Worten des Hohenliedes
anklingt: »Verzaubert hast du mich, meine Schwester Braut, ja verzaubert
mit einem Blick deiner Augen« (Hld 4,9). Wie weit entfernt sind doch
gewisse moderne Auffassungen von dem tiefen Verständnis der Männlichkeit
und Weiblichkeit, das uns die christliche Offenbarung bietet! Sie läßt
uns in der menschlichen Sexualität einen Reichtum der Person entdecken,
die die wahre Erschließung ihres Wertes in der Familie findet und ihre
tiefe Berufung auch in der Jungfräulichkeit und im Zölibat um des
Himmelreiches willen zum Ausdruck bringt.
Der moderne Rationalismus duldet das Geheimnis nicht. Er akzeptiert das
Geheimnis des Menschen, des Mannes und der Frau, nicht und will nicht
anerkennen, daß die volle Wahrheit über den Menschen in Jesus Christus
geoffenbart worden ist. Im besonderen duldet er nicht das im Epheserbrief
verkündete »tiefe Geheimnis« und bekämpft es auf radikale Weise.
Selbst wenn er im Rahmen eines unklaren Deismus die Möglichkeit eines
höheren oder göttlichen Wesens und sogar das Verlangen nach ihm
anerkennt, weist er die Vorstellung von einem Gott, der Mensch geworden
ist, um den Menschen zu erlösen, entschieden zurück. Für den
Rationalismus ist es undenkbar, daß Gott der Erlöser ist, schon gar
nicht, daß er »der Bräutigam« ist, die urgründliche und einzige
Quelle der ehelichen Liebe des Menschen. Er interpretiert die Erschaffung
und den Sinn der menschlichen Existenz radikal anders. Aber wenn dem
Menschen der Ausblick auf einen Gott abhanden kommt, der ihn liebt und ihn
durch Christus dazu beruft, in Ihm und mit Ihm zu leben, wenn der Familie
nicht die Möglichkeit eröffnet wird, an dem »tiefen Geheimnis«
teilzuhaben, was bleibt dann anderes als die reine irdische Dimension des
Lebens? Es bleibt das irdische Leben als Gelände des Existenzkampfes, die
anstrengende Suche nach Gewinn, vor allem nach ökonomischem Gewinn.
Das »tiefe Geheimnis«, das Sakrament der Liebe und des Lebens, das
seinen Anfang in der Schöpfung und in der Erlösung hat und dessen Garant
der Bräutigam Christus ist, hat in der modernen Denkweise seine tiefsten
Wurzeln verloren. Es ist in uns und rings um uns bedroht. Möge das in der
Kirche begangene Jahr der Familie für die Eheleute zu einer geeigneten
Gelegenheit werden, es wiederzuentdecken und sich kraftvoll, mutig und mit
Begeisterung wieder dazu zu bekennen.
Die Mutter der schönen Liebe
20. Ihren Anfang nimmt die Geschichte der »schönen Liebe« mit der
Verkündigung, mit jenen wunderbaren Worten, die der Engel Maria
überbracht hat, die dazu berufen wird, die Mutter des Gottessohnes zu
werden. Mit dem »Ja« Marias wird Der, der »Gott von Gott und Licht vom
Licht« ist, zum Menschensohn; Maria ist seine Mutter, obwohl sie Jungfrau
bleibt und »keinen Mann erkennt« (vgl. Lk 1,34). Als Jungfrau und Mutter
wird Maria Mutter der schönen Liebe. Diese Wahrheit ist bereits in den
Worten des Erzengels Gabriel geoffenbart, aber ihre volle Bedeutung wird
nach und nach vertieft und bestätigt werden, wenn Maria ihrem Sohn auf
dem Pilgerweg des Glaubens folgt.48
Die »Mutter der schönen Liebe« wurde von dem aufgenommen, der der
Tradition Israels entsprechend bereits ihr irdischer Gemahl war, Josef aus
dem Stamm Davids. Er hätte das Recht gehabt, sich Gedanken zu machen
über das Eheversprechen sowie über seine Frau und die Mutter seiner
Kinder. In diese bräutliche Verbindung greift jedoch Gott mit seiner
Initiative ein: »Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine
Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen
Geist« (Mt 1,20). Josef weiß, ja er sieht mit eigenen Augen, daß in
Maria ein neues Leben heranwächst, das nicht von ihm stammt, und als
gerechter Mann, der sich an das alte Gesetz hält, das in diesem Fall ihm
die Pflicht der Scheidung auferlegte, will er in liebevoller Weise die Ehe
auflösen (vgl. Mt 1,19). Der Engel des Herrn läßt ihn wissen, daß das
nicht seiner Berufung entspräche, ja gegen die eheliche Liebe wäre, die
ihn mit Maria verbindet. Diese gegenseitige eheliche Liebe verlangt, um
voll und ganz die »schöne Liebe« zu sein, daß er Maria und ihren Sohn
in sein Haus in Nazaret aufnimmt. Josef gehorcht der göttlichen Botschaft
und handelt so, wie ihm befohlen worden ist (vgl. Mt 1,24). Auch dank
Josefs wird das Geheimnis der Fleischwerdung und zusammen mit ihm das
Geheimnis der Heiligen Familie tief in die eheliche Liebe des Mannes und
der Frau und indirekt in die Genealogie jeder menschlichen Familie
eingeschrieben. Was Paulus das »tiefe Geheimnis« nennen wird, findet in
der Heiligen Familie seinen höchsten Ausdruck. Auf diese Weise steht die
Familie wahrhaftig im Zentrum des Neuen Bundes.
Man kann auch sagen, daß die Geschichte der »schönen Liebe« in
gewissem Sinne mit dem ersten Menschenpaar, mit Adam und Eva, begonnen
hat. Die Versuchung, der sie nachgaben, und die daraus folgende Ursünde,
beraubt sie nicht vollständig der Fähigkeit zur »schönen Liebe«. Das
ahnt man, wenn man zum Beispiel im Buch Tobit liest, daß die
Neuvermählten Tobias und Sara, als sie über den Sinn ihrer Vereinigung
nachdachten, sich auf die Voreltern Adam und Eva beriefen (vgl. Tob 8,6).
Im Neuen Bund bezeugt das auch der hl. Paulus, wenn er von Christus als
neuem Adam spricht (vgl. 1 Kor 15,45): Christus kommt nicht, um den ersten
Adam und die erste Eva zu verdammen, sondern um sie zu erlösen; er kommt,
um das zu erneuern, was im Menschen Geschenk Gottes ist, was in ihm ewig,
gut und schön ist und die Grundlage der schönen Liebe bildet. Die
Geschichte der »schönen Liebe« ist in gewissem Sinne die Geschichte der
Heilsrettung des Menschen.
Die »schöne Liebe« nimmt immer mit der Selbstoffenbarung der Person
ihren Anfang. In der Schöpfung offenbart sich Eva dem Adam, wie Adam sich
Eva offenbart. Im Laufe der Geschichte offenbaren sich die neuen Bräute
ihren Gatten, die neuen Menschenpaare sagen sich gegenseitig: »Wir wollen
miteinander durch's Leben gehen.« So beginnt die Familie als Bund der
beiden und kraft des Sakramentes als neue Gemeinschaft in Christus. Damit
sie wirklich schön ist, muß die Liebe Hingabe Gottes sein, ausgegossen
vom Heiligen Geist in die menschlichen Herzen und in ihnen ständig
genährt (vgl. Röm 5,5). Die Kirche, die darum weiß, bittet im
Ehesakrament den Heiligen Geist, die menschlichen Herzen heimzusuchen.
Damit es wirklich »schöne Liebe«, das heißt Hingabe der Person an die
Person, ist, muß sie von dem kommen, der selbst Hingabe und Quelle aller
Hingabe ist.
So geschieht es im Evangelium, was Maria und Josef betrifft, die an der
Schwelle des Neuen Bundes die Erfahrung der im Hohenlied beschriebenen
»schönen Liebe« wieder erleben. Josef denkt und sagt von Maria: »Meine
Schwester Braut« (vgl. Hld 4,9). Maria, Gottesmutter, empfängt durch den
Heiligen Geist, und von ihm kommt die »schöne Liebe«, die das
Evangelium feinsinnigerweise in den Zusammenhang des »tiefen
Geheimnisses« stellt.
Wenn wir von der »schönen Liebe« reden, reden wir damit von der
Schönheit: Schönheit der Liebe und Schönheit des Menschenwesens, das
kraft des Heiligen Geistes zu solcher Liebe fähig ist. Wir reden von der
Schönheit des Mannes und der Frau: von ihrer Schönheit als Bruder oder
Schwester, als Brautleute, als Ehegatten. Das Evangelium klärt nicht nur
über das Geheimnis der »schönen Liebe« auf, sondern auch über das
nicht weniger tiefe Geheimnis der Schönheit, die wie die Liebe von Gott
kommt. Von Gott sind der Mann und die Frau, Personen, dazu berufen, sich
gegenseitig zum Geschenk zu werden. Aus dem Urgeschenk des Geistes, »der
das Leben gibt«, entspringt das gegenseitige Geschenk, Ehemann oder
Ehefrau zu sein, nicht weniger als das Geschenk, Bruder oder Schwester zu
sein.
Das alles findet seine Bestätigung im Geheimnis der Fleischwerdung, das
in der Geschichte der Menschen zur Quelle einer neuen Schönheit geworden
ist, die unzählige künstlerische Meisterwerke inspiriert hat. Nach dem
strengen Verbot, den unsichtbaren Gott in Bildern darzustellen (vgl. Dtn
4,15-20), hat das christliche Zeitalter dagegen für die künstlerische
Darstellung des menschgewordenen Gottes, seiner Mutter Maria und Josefs,
der Heiligen des Alten wie des Neuen Bundes und überhaupt der gesamten
von Christus erlösten Schöpfung gesorgt und auf diese Weise einen neuen
Bezug zur Welt der Kultur und der Kunst hergestellt. Man kann sagen, der
neue Kunstkanon, in seiner Achtsamkeit für die Tiefendimensionen des
Menschen und für seine Zukunft beginnt mit dem Geheimnis der Inkarnation
Christi und läßt sich von den Geheimnissen seines Lebens inspirieren:
die Geburt von Betlehem, die Verborgenheit in Nazaret, das öffentliche
Wirken, Golgota, die Auferstehung und seine endgültige Rückkehr in
Herrlichkeit. Die Kirche weiß, daß ihre Präsenz in der modernen Welt
und im besonderen, daß ihr Beitrag und die Unterstützung bei der
Bewertung der Würde der Ehe und Familie eng mit der Kulturentwicklung
zusammenhängt; mit Recht macht sie sich darum Sorge. Eben deshalb
verfolgt die Kirche aufmerksam die Orientierungen der sozialen
Kommunikationsmittel, deren Aufgabe es ist, das große Publikum nicht nur
zu informieren, sondern zu formen.49 In Kenntnis der umfassenden und
tiefgreifenden Auswirkung dieser Medien wird sie nicht müde, jene, die im
Kommunikationsbereich tätig sind, vor den Gefahren der Manipulation der
Wahrheit zu warnen. Was für eine Wahrheit kann es in der Tat in Filmen,
Schauspielen, Rundfunk- und Fernsehprogrammen geben, in denen die
Pornographie und die Gewalt vorherrschen? Ist das ein guter Dienst an der
Wahrheit über den Menschen? Das sind einige Fragen, denen sich die
Manager dieser Instrumente und die verschiedenen Verantwortlichen für die
Bearbeitung und Vermarktung ihrer Produkte nicht entziehen können.
Durch eine solche kritische Reflexion müßte sich unsere Zivilisation,
obschon so viele positive Aspekte auf materieller wie auf kultureller
Ebene zu verzeichnen sind, bewußt werden, daß sie unter verschiedenen
Gesichtspunkten eine kranke Zivilisation ist, die tiefgreifende
Entstellungen im Menschen erzeugt. Warum kommt es dazu? Der Grund liegt
darin, daß unsere Gesellschaft sich von der vollen Wahrheit über den
Menschen losgelöst hat, von der Wahrheit über das, was der Mann und die
Frau als Personen sind. Infolgedessen vermag sie nicht angemessen zu
begreifen, was die Hingabe der Personen in der Ehe, eine dem Dienst der
Elternschaft verantwortliche Liebe, die authentische Größe der
Elternschaft und der Erziehung wirklich sind. Ist es also übertrieben zu
behaupten, daß die Massenmedien, wenn sie sich nicht nach den gesunden
ethischen Prinzipien ausrichten, nicht der Wahrheit in ihrer wesentlichen
Dimension dienen? Das ist also das Drama: Die modernen Mittel der sozialen
Kommunikation sind der Versuchung ausgesetzt, durch Verfälschung der
Wahrheit über den Menschen die Botschaft zu manipulieren. Der Mensch ist
nicht derjenige, für den von der Werbung Reklame gemacht und der in den
modernen Massenmedien dargestellt wird. Er ist weit mehr als
psychophysische Einheit, als ein Wesen aus Seele und Leib, als Person. Er
ist weit mehr durch seine Berufung zur Liebe, die ihn als Mann und Frau in
die Dimension des »tiefen Geheimnisses« einführt.
Maria ist als erste in diese Dimension eingetreten und hat auch ihren
Gemahl Josef darin eingeführt. So sind sie zu den ersten Vorbildern jener
schönen Liebe geworden, die die Kirche für die Jugend, für die Eheleute
und für die Familien unaufhörlich anruft. Und auch die Jugend, die
Eheleute, die Familie mögen nicht müde werden, gleichfalls dafür zu
beten. Wie sollte man nicht an die Scharen alter und junger Pilger denken,
die in den Marienheiligtümern zusammenströmen und den Blick auf das
Antlitz der Muttergottes richten, auf das Antlitz der Mitglieder der
Heiligen Familie, auf denen sich die ganze Schönheit der Liebe
widerspiegelt, die dem Menschen von Gott geschenkt wird?
In der Bergpredigt erklärt Christus im Zusammenhang mit dem sechsten
Gebot: »Ihr habt gehört, daß gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe
brechen. Ich aber sage euch: Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat
in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen« (Mt 5,27-28). In bezug
auf die Zehn Gebote, die es auf die Verteidigung der traditionellen
Geschlossenheit von Ehe und Familie abgesehen haben, bezeichnen diese
Worte einen großen Sprung nach vorn. Jesus geht an die Quelle der Sünde
des Ehebruchs: Sie liegt im Innern des Menschen und wird an einer Weise
des Schauens und Denkens offenkundig, die von der Begierde beherrscht
wird. Durch die Begierde neigt der Mensch dazu, sich ein anderes
Menschenwesen anzueignen, das nicht ihm, sondern Gott gehört. Während
sich Christus an seine Zeitgenossen wendet, spricht er zu den Menschen
aller Zeiten und aller Generationen; er spricht im besonderen zu unserer
Generation, die im Zeichen einer konsumistischen und hedonistischen
Zivilisation lebt.
Warum äußert sich Christus in der Bergpredigt in derart kraftvoller und
anspruchsvoller Weise? Die Antwort ist vollkommen klar: Christus will die
Heiligkeit der Ehe und der Familie gewährleisten, Er will die volle
Wahrheit über die menschliche Person und über ihre Würde verteidigen.
Nur im Lichte dieser Wahrheit kann die Familie bis ins letzte die große
»Offenbarung« sein, die erste Entdeckung des andern: die gegenseitige
Entdeckung der Ehegatten und dann jedes Sohnes bzw. jeder Tochter, die von
ihnen zur Welt gebracht werden. Was die Eheleute einander schwören,
nämlich »die Treue in guten und in bösen Tagen und sich zu lieben, zu
achten und zu ehren, solange sie leben«, ist nur in der Dimension der
»schönen Liebe« möglich. Sie kann der heutige Mensch nicht aus den
Inhalten der modernen Massenkultur lernen. Die »schöne Liebe« lernt man
vor allem durch Beten. Denn das Gebet ist, um eine Formulierung des hl.
Paulus zu verwenden, immer mit einer Art innerer Verborgenheit mit
Christus in Gott verbunden: »Euer Leben ist mit Christus verborgen in
Gott« (Kol 3,3). Nur in einer solchen Verborgenheit wirkt der Heilige
Geist, Quelle der schönen Liebe. Nicht nur in das Herz Marias und Josefs,
er gießt diese Liebe auch in die Herzen der Brautleute aus, die imstande
sind, das Wort Gottes zu hören und es zu bewahren (vgl. Lk 8,15). Die
Zukunft jeder Kernfamilie hängt von dieser »schönen Liebe« ab:
gegenseitige Liebe der Ehegatten, der Eltern und der Kinder, Liebe aller
Generationen. Die Liebe ist die wahre Quelle der Einheit und der Stärke
der Familie.
Die Geburt und die Gefahr
21. Die kurze Erzählung über die Kindheit Jesu berichtet auf sehr
bedeutsame Weise fast gleichzeitig von seiner Geburt und von der Gefahr,
der er gleich entgegentreten muß. Lukas gibt die prophetischen Worte
wieder, die der greise Simeon anläßlich der Darstellung des Kindes im
Tempel, vierzig Tage nach der Geburt, gesprochen hat. Er sprach von
»Licht« und von einem »Zeichen, dem widersprochen wird«; dann
prophezeite er Maria: »Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele
dringen« (vgl. Lk 2,32-35). Matthäus hingegen hält bei dem
hinterhältigen Vorgehen ein, das von seiten des Herodes gegen Jesus
angezettelt wurde: Als er von den Magiern, die aus dem Osten gekommen
waren, um den neuen König zu sehen, der geboren werden sollte, informiert
wurde (vgl. Mt 2,2), fühlte er sich in seiner Macht bedroht und befahl
nach der Abreise der Magier, alle Kinder unter zwei Jahren in Betlehem und
Umgebung zu töten. Jesus entging den Fängen des Herodes dank eines
besonderen göttlichen Eingreifens und dank der väterlichen Sorge Josefs,
der ihn zusammen mit seiner Mutter nach Ägypten brachte, wo sie bis zum
Tod des Herodes blieben. Dann kehrten sie in ihre Geburtsstadt Nazaret
zurück, wo für die Heilige Familie ein langer, von getreuer und
großherziger Erfüllung der Alltagspflichten gekennzeichneter verborgener
Lebensabschnitt begann (vgl. Mt 2,1-23; Lk 2,39-52).
Von prophetischer Aussagekraft erscheint die Tatsache, daß Jesus von
Geburt an Drohungen und Gefahren ausgesetzt war. Er ist bereits als Kind
ein »Zeichen, dem widersprochen wird«. Prophetische Aussagekraft gewinnt
außerdem das Drama der auf Befehl des Herodes ermordeten unschuldigen
Kinder von Betlehem, die, nach der alten Liturgie der Kirche, zu
Teilhabern an der Geburt und dem erlösenden Leiden und Sterben Christi
geworden sind.50 Durch ihre »Passion« ergänzen sie, »für den Leib
Christi, die Kirche, was an den Leiden Christi noch fehlt« (Kol 1,24).
Im Evangelium von der Kindheit wird also die Ankündigung des Lebens, die
sich auf wunderbare Weise im Ereignis der Geburt des Erlösers erfüllt,
in aller Deutlichkeit der Bedrohung des Lebens gegenübergestellt, eines
Lebens, das in seiner Vollständigkeit das Geheimnis der Fleischwerdung
und der gottmenschlichen Wirklichkeit Christi einschließt. Das Wort ist
Fleisch geworden (vgl. Joh 1,14), Gott ist Mensch geworden. Auf dieses
erhabene Geheimnis beriefen sich die Kirchenväter oft: »Gott ist Mensch
geworden, damit der Mensch in ihm und durch ihn Gott werde.«51 Diese
Glaubenswahrheit ist gleichzeitig die Wahrheit über den Menschen. Sie
legt die Schwere jedes Anschlags auf das Leben des Kindes im Mutterschoß
an den Tag. Hier, genau hier haben wir es mit dem Gegensatz zur »schönen
Liebe« zu tun. Wer es ausschließlich auf den Genuß abgesehen hat, kann
soweit gehen, die Liebe dadurch zu töten, daß er ihre Frucht tötet.
Für die Kultur des Genusses wird die »Frucht deines Leibes, die gesegnet
ist« (Lk 1,42), in gewissem Sinne zu einer »Frucht, die verflucht ist«.
In diesem Zusammenhang sind auch die Verzerrungen in Erinnerung zu
bringen, die der sogenannte Rechtsstaat in zahlreichen Ländern erfahren
hat. Das Gesetz Gottes gegenüber dem menschlichen Leben ist eindeutig und
entschieden. Gott gebietet: »Du sollst nicht töten« (Ex 20,13). Kein
menschlicher Gesetzgeber kann daher behaupten: Du darfst töten, du hast
das Recht zu töten, oder, du solltest töten. Leider hat sich dies in der
Geschichte unseres Jahrhunderts bewahrheitet, als auch auf demokratische
Weise an die Macht gekommene politische Kräfte gegen das Recht eines
jeden Menschen auf Leben gerichtete Gesetze erlassen haben, und dies unter
Berufung auf so anmaßende wie abwegige eugenische, ethnische oder
ähnliche Gründe. Ein auch wegen seiner weithin von Gleichgültigkeit
oder Zustimmung seitens der öffentlichen Meinung begleitetes nicht minder
schwerwiegendes Phänomen ist das der Gesetzgebung, die das Recht auf
Leben von der Zeugung an nicht achtet. Wie könnte man Gesetze moralisch
akzeptieren, die es gestatten, das noch nicht geborene menschliche Wesen,
das aber bereits im mütterlichen Schob lebt, zu töten? Das Recht auf
Leben wird zum ausschließlichen Vorrecht der Erwachsenen, die sich eben
genau der Parlamente bedienen, um ihre Vorhaben in die Tat umzusetzen und
die eigenen Interessen zu verfolgen. Das Recht auf Leben wird dem, der
noch nicht geboren ist, verweigert, und so sterben auf Grund dieser
gesetzgeberischen Dispositionen Millionen Menschenwesen auf der ganzen
Welt.
Wir stehen vor einer enormen Bedrohung des Lebens: nicht nur einzelner
Individuen, sondern auch der ganzen Zivilisation. Die Behauptung, diese
Zivilisation sei unter gewissen Gesichtspunkten zu einer »Zivilisation
des Todes« geworden, erhält eine besorgniserregende Bestätigung. Ist es
etwa kein prophetisches Ereignis, daß die Geburt Christi von der Gefahr
für seine Existenz begleitet gewesen ist? Ja, auch das Leben dessen, der
gleichzeitig »Menschensohn« und »Sohn Gottes« ist, war bedroht, war
von Anfang an in Gefahr und ist nur durch ein Wunder dem Tod entronnen.
In den letzten Jahrzehnten sind jedoch einige tröstliche Anzeichen für
ein Wiedererwachen der Gewissen festzustellen: Das betrifft sowohl die
Welt des Denkens wie selbst die öffentliche Meinung. Besonders unter den
Jugendlichen wächst ein neues Bewußtsein der Ehrfurcht vor dem Leben von
der Empfängnis an; die Bewegungen für das Leben (pro life) breiten sich
aus. Das ist eine Triebkraft der Hoffnung für die Zukunft der Familie und
der ganzen Menschheit.
» . . . ihr habt mich aufgenommen«
22. Eheleute und Familien in aller Welt: Der Bräutigam ist bei euch! Das
vor allem will euch der Papst in dem Jahr sagen, das die Vereinten
Nationen und die Kirche der Familie widmen. »Gott hat die Welt so sehr
geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn
glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat. Denn Gott hat
seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern
damit die Welt durch ihn gerettet wird« (Joh 3,16-17); »Was aus dem
Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; was aber aus dem Geist geboren ist,
das ist Geist . . . Ihr müßt von neuem geboren werden« (Joh 3,6-7). Ihr
müßt »aus Wasser und Geist geboren werden« (Joh 3,5). Gerade ihr,
liebe Väter und Mütter, seid die ersten Zeugen und Diener dieser neuen
Geburt aus dem Heiligen Geist. Ihr, die ihr eure Kinder für die irdische
Heimat zeugt, vergebt nicht, daß ihr sie gleichzeitig für Gott zeugt.
Gott wünscht ihre Geburt aus dem Heiligen Geist; Er will sie als
Adoptivkinder in dem eingeborenen Sohn, der uns »Macht gibt, Kinder
Gottes zu werden« (Joh 1,12). Das Werk der Errettung dauert in der Welt
an und wird durch die Kirche verwirklicht. Das alles ist das Werk des
Sohnes Gottes, des göttlichen Bräutigams, der das Reich des Vaters an
uns weitergegeben hat und uns, seine Jünger, daran erinnert: »Das Reich
Gottes ist (schon) mitten unter euch!« (Lk 17,21).
Unser Glaube sagt uns, daß Jesus Christus, der »zur Rechten des Vaters
sitzt«, kommen wird, um die Lebenden und die Toten zu richten. Auf der
anderen Seite versichert uns der Evangelist Johannes, daß er nicht in die
Welt gesandt ist, »damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt
durch ihn gerettet wird« (Joh 3,17). Worin besteht also das Gericht?
Christus selbst bietet die Antwort: »Mit dem Gericht verhält es sich so:
Das Licht kam in die Welt ( . . . ). Wer die Wahrheit liebt, kommt zum
Licht, damit offenbar wird, daß seine Taten in Gott vollbracht sind«
(Joh 3,19.21). Das alles hat kürzlich die Enzyklika Veritatis splendor in
Erinnerung gebracht.52 Ist Christus also Richter? Deine eigenen Taten
werden dich im Licht der Wahrheit richten, die du kennst. Die Väter und
Mütter, die Söhne und Töchter werden nach ihren Taten gerichtet werden.
Jeder von uns wird nach den Geboten gerichtet werden; auch nach jenen
Geboten, die wir in diesem Schreiben erwähnt haben: dem vierten,
fünften, sechsten und neunten. Ein jeder von uns wird jedoch vor allem
nach der Liebe gerichtet werden, die den Sinn und die Zusammenfassung der
Gebote darstellt. »Am Abend unseres Lebens werden wir nach der Liebe
gerichtet werden« - schrieb der hl. Johannes vom Kreuz.53 Christus,
Erlöser und Bräutigam der Menschheit, »ist dazu geboren und dazu in die
Welt gekommen, daß er für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus
der Wahrheit ist, hört auf seine Stimme« (vgl. Joh 18,37). Er wird der
Richter sein, aber so, wie er selbst es angezeigt hat, als er vom
Weltgericht sprach (vgl. Mt 25,31-46). Sein Gericht wird ein Gericht über
die Liebe sein, ein Gericht, das die Wahrheit endgültig bestätigen wird,
daß der Bräutigam bei uns war und wir es vielleicht nicht gewußt haben.
Der Richter ist der Bräutigam der Kirche und der Menschheit. Darum
richtet er, indem er spricht: »Kommt her, die ihr von meinem Vater
gesegnet seid ( . . . ) Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen
gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war
fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt, und ihr
habt mir Kleidung gegeben« (Mt 25,34-36). Diese Aufzählung liebe sich
natürlich verlängern, und in ihr könnte eine Unmenge von Problemen
auftauchen, die das Ehe- und Familienleben betreffen. Da würde man auch
Äußerungen wie diese antreffen können: »Ich war ein noch ungeborenes
Kind, und ihr habt mich aufgenommen und mich zur Welt kommen lassen; ich
war ein verlassenes Kind, und ihr seid mir eine Familie gewesen; ich war
ein Waise, und ihr habt mich angenommen und erzogen wie euer Kind.« Und
weiter: »Ihr habt den zweifelnden oder unter äußerem Druck stehenden
Müttern geholfen, ihr ungeborenes Kind anzunehmen und es zur Welt kommen
zu lassen; ihr habt unzähligen Familien geholfen, Familien, die
Schwierigkeiten damit hatten, die Kinder, die Gott ihnen geschenkt hatte,
zu erhalten und zu erziehen.« Und wir könnten fortfahren in einer langen
und bunten Liste, die jede Art von wahrem moralischem und menschlichem
Guten enthält, in dem die Liebe zum Ausdruck kommt. Das ist die große
Ernte, die der Erlöser der Welt, dem der Vater das Gericht anvertraut
hat, einzuholen kommen wird: Es ist die reiche Ernte an Gnaden und guten
Werken, die im Lebenshauch des Bräutigams im Heiligen Geist gereift ist,
der in der Welt und in der Kirche nicht zu wirken aufhört. Dafür danken
wir dem Spende r alles Guten.
Wir wissen jedoch, daß es bei dem von dem Evangelisten Matthäus
geschilderten Endgericht noch eine andere Aufzählung gab, schwerwiegend
und erschreckend: »Weg von mir, ihr Verfluchten ( . . . ). Denn ich war
hungrig, und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig, und
ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und
ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt, und ihr habt mir keine
Kleidung gegeben« (Mt 25,41-43). Und auch in dieser Liste werden sich
noch andere Haltungen finden lassen, in denen Jesus einfach nur als der
abgewiesene Mensch erscheint. Auf diese Weise identifiziert Er sich mit
den verlassenen Ehepartnern, mit dem empfangenen und abgelehnten Kind:
»Ihr habt mich nicht aufgenommen!« Auch dieser Richterspruch geht mitten
durch die Geschichte unserer Familien, er geht mitten durch die Geschichte
der Nationen und der Menschheit. Das Wort Christi: »Ihr habt mich nicht
aufgenommen«, trifft auch gesellschaftliche Institutionen, Regierungen
und internationale Organisationen.
Pascal hat geschrieben: »Jesus wird im Todeskampf stehen bis zum Ende der
Welt.«54 Der Todeskampf von Getsemane und der Todeskampf von Golgota sind
der Höhepunkt der Offenbarung der Liebe. Im einen wie im anderen
offenbart sich der Bräutigam, der bei uns ist, der stets von neuem liebt,
der »liebt bis zur Vollendung« (vgl. Joh 13,1). Die Liebe, die in ihm
ist und die von ihm über die Grenzen der persönlichen oder der
Familiengeschichte hinausgeht, überschreitet die Grenzen der Geschichte
der Menschheit.
Während ich, liebe Brüder und Schwestern, am Ende dieser Überlegungen
an all das denke, was im Jahr der Familie von verschiedenen Stellen aus
öffentlich verkündet werden wird, möchte ich mit euch das Bekenntnis
des Petrus an Christus wiederholen: Allein »du hast Worte des ewigen
Lebens« (Joh 6,68). Gemeinsam sagen wir: Deine Worte, Herr, werden nicht
vergehen! (vgl. Mk 13,31). Was kann euch der Papst am Ende dieser langen
Betrachtung über das Jahr der Familie wünschen? Ich wünsche euch, daß
ihr alle euch wiederfindet in diesen Worten, die »Geist und Leben« sind
(Joh 6,63).
»Im Inneren an Kraft und Stärke zugenommen«
23. Ich beuge meine Knie vor dem Vater, nach dessen Namen jedes Geschlecht
benannt wird, »und bitte, er möge euch . . . schenken, daß ihr in eurem
Innern durch seinen Geist an Kraft und Stärke zunehmt« (Eph 3,16). Ich
möchte gern auf diese Worte des Apostels zurückkommen, auf die ich im
ersten Teil dieses Schreibens Bezug genommen habe. Sie sind in gewissem
Sinne Schlüsselwörter. Die Familie, die Elternschaft halten miteinander
Schritt. Zugleich ist die Familie die erste menschliche Umgebung, wo der
»innere Mensch« Gestalt annimmt, von dem der Apostel spricht. Die
Festigung seiner Kraft ist Geschenk des Vaters und des Sohnes im Heiligen
Geist.
Das Jahr der Familie stellt uns in der Kirche vor eine enorme Aufgabe,
zwar nicht verschieden von jener, welche die Familie Jahr für Jahr und
Tag für Tag betrifft, die aber im Rahmen dieses Jahres besondere
Bedeutung und Wichtigkeit annimmt. Wir haben das Jahr der Familie in
Nazaret begonnen, am Fest der Heiligen Familie; wir wollen während dieses
Jahres zu jenem Gnadenort pilgern, der in der Geschichte der Menschheit
zum Heiligtum der Heiligen Familie geworden ist. Wir wollen diese
Pilgerfahrt machen und dabei das Wissen um das Erbgut an Wahrheit über
die Familie wiedergewinnen, die seit Anbeginn einen Schatz der Kirche
darstellt. Es ist der Schatz, der sich aus der reichen Tradition des Alten
Bundes anhäuft, im Neuen Bund vervollständigt und seinen vollen und
sinnbildlichen Ausdruck im Geheimnis der Heiligen Familie findet, in
welcher der göttliche Bräutigam die Erlösung aller Familien vollbringt.
Von dort aus verkündet Jesus das »Evangelium der Familie«. Aus diesem
Wahrheitsschatz schöpfen alle Generationen der Jünger Christi,
angefangen von den Aposteln, von deren Lehre wir in diesem Schreiben
reichlich Gebrauch gemacht haben.
In unserer Zeit wird dieser Schatz in den Dokumenten des Zweiten
Vatikanischen Konzils gründlich erforscht;55 interessante Analysen findet
man auch in den zahlreichen Ansprachen entwickelt, die Pius XII. dem Thema
der Eheleute widmete,56 in der Enzyklika Humanae vitae Pauls VI., in den
Beiträgen zu der Bischofssynode, die der Familie gewidmet war (1980), und
in dem nachsynodalen Apostolischen Schreiben Familiaris consortio. Auf
diese Aussagen des Lehramtes habe ich bereits Bezug genommen. Wenn ich
jetzt darauf zurückkomme, dann deshalb, um zu unterstreichen, wie
umfassend und reichhaltig der Schatz der christlichen Wahrheit über die
Familie ist. Die schriftlichen Zeugnisse allein genügen freilich nicht.
Viel wichtiger sind die lebendigen Zeugnisse. Paul VI. hat beobachtet,
daß »der heutige Mensch lieber auf Zeugen hört als auf Lehrmeister,
oder, wenn er auf die Lehrmeister hört, dann, weil sie Zeugen sind«.57
Es sind vor allem die Zeugen, denen in der Kirche der Schatz der Familie
anvertraut ist: jenen Vätern und Müttern, Söhnen und Töchtern, die
durch die Familie den Weg ihrer menschlichen und christlichen Berufung,
die Dimension des »inneren Menschen« (Eph 3,16), von dem der Apostel
spricht, gefunden und somit die Heiligkeit erlangt haben. Die Heilige
Familie ist der Anfang vieler anderer heiliger Familien. Das Konzil hat
daran erinnert, daß die Heiligkeit die universale Berufung der Getauften
ist.58 In unserer Zeit wie in der Vergangenheit fehlt es nicht an Zeugen
des »Evangeliums der Familie«, auch wenn sie unbekannt sind oder von der
Kirche nicht heiliggesprochen worden sind. Das Jahr der Familie stellt die
geeignete Gelegenheit dar, das Bewußtsein für deren Existenz und deren
große Anzahl zu mehren.
Durch die Familie hindurch fließt die Geschichte des Menschen, die
Geschichte der Errettung der Menschheit. Ich habe auf diesen Seiten zu
zeigen versucht, daß sich die Familie im Zentrum des großen Kampfes
zwischen Gut und Böse, zwischen Leben und Tod, zwischen der Liebe und
allem, was sich der Liebe widersetzt, befindet. Der Familie ist die
Aufgabe anvertraut, vor allem für die Befreiung der Kräfte des Guten zu
kämpfen, dessen Quelle sich in Christus, dem Erlöser des Menschen,
befindet. Es gilt darauf hinzuwirken, daß diese Kräfte sich einem jeden
Familienkern zuneigen werden, damit - wie anläßlich des
Tausendjahrjubiläums der Christianisierung Polens gesagt wurde - die
Familie »Festung Gottes« sei.59 Das ist der Grund, warum sich dieses
Schreiben von den apostolischen Ermahnungen inspirieren lassen wollte, die
wir in den Schriften des Paulus (vgl. 1 Kor 7,1-40; Eph 5,21-6, 9; Kol
3,25) und in den Briefen des Petrus und des Johannes (vgl. 1 Petr 3,1-7; 1
Joh 2,12-17) finden. Wie ähnlich sind sich doch bei aller Verschiedenheit
des geschichtlichen und kulturellen Rahmens die Situationen der Christen
und der Familien von damals und von heute!
Ich habe daher eine Einladung: eine Einladung, die ich besonders an euch,
liebe Ehemänner und Ehefrauen, Väter und Mütter, Söhne und Töchter,
richte. Es ist eine Einladung an alle Teilkirchen, daß sie eins bleiben
in der Lehre der apostolischen Wahrheit; an die Brüder im Bischofsamt, an
die Priester, an die Ordensfamilien, an die geweihten Personen, an die
Bewegungen und Laienvereinigungen; an die Brüder und Schwestern, mit
denen uns der gemeinsame Glaube an Jesus Christus verbindet, auch wenn wir
noch nicht die volle, vom Erlöser gewollte Gemeinschaft erleben;60 an all
jene, die den Glauben Abrahams teilen und wie wir zu der großen
Gemeinschaft derer gehören, die an einen einzigen Gott glauben;61 an
diejenigen, die Erben anderer geistlicher und religiöser Traditionen
sind; an jeden Mann und jede Frau guten Willens.
Christus, der derselbe ist »gestern, heute und in Ewigkeit« (Hebr 13,8),
sei bei uns, wenn wir die Knie beugen vor dem Vater, in dem jede
Elternschaft und jede menschliche Familie ihren Ursprung hat (vgl. Eph
3,14-15), und mit denselben Worten des Gebetes zum Vater, das Er selbst
uns gelehrt hat, gebe er noch einmal das Zeugnis der Liebe, mit der Er uns
»geliebt hat bis zur Vollendung« (Joh 13,1)!
Ich spreche mit der Kraft seiner Wahrheit zum Menschen unserer Zeit, damit
er begreift, welche großartigen Güter die Ehe, die Familie und das Leben
sind; welche große Gefahr die Mißachtung dieser Wirklichkeiten und die
geringe Rücksichtnahme auf die höchsten Werte darstellen, die die
Familie und die Würde des Menschen begründen.
Möge der Herr Jesus uns mit der Macht und der Weisheit des Kreuzes dies
erneut sagen, damit die Menschheit nicht der Versuchung des »Vaters der
Lüge« (Joh 8,44) nachgibt, der sie ständig auf breite und geräumige,
dem Anschein nach leicht begehbare angenehme Wege treibt, die aber in
Wirklichkeit voller Hinterhälte und Gefahren sind. Möge es uns gegeben
sein, stets dem zu folgen, der »der Weg, die Wahrheit und das Leben« ist
(Joh 14,6).
Das, liebe Brüder und Schwestern, sei das Engagement der christlichen
Familien und die missionarische Sorge der Kirche während dieses an
einzigartigen göttlichen Gnaden reichen Jahres. Die Heilige Familie,
Ikone und Vorbild jeder menschlichen Familie, helfe jedem, im Geist von
Nazaret zu wandeln; sie helfe jeder Familie, ihre Sendung in Kirche und
Gesellschaft durch das Hören des Gotteswortes, das Gebet und das
brüderliche Leben miteinander zu vertiefen. Maria, Mutter der schönen
Liebe, und Josef, Hüter des Erlösers, mögen uns alle unablässig mit
ihrem Schutz begleiten.
Mit diesen Empfindungen segne ich jede Familie im Namen der Heiligsten
Dreifaltigkeit, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Gegeben zu Rom, bei Sankt Peter, am 2. Februar des Jahres 1994.
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