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APOSTOLISCHES SCHREIBEN
NOVO
MILLENIO INEUNTE
SEINER HEILIGKEIT
JOHANNES PAUL II.
AN DIE BISCHÖFE, DEN KLERUS,
DIE ORDENSLEUTE
UND AN ALLE GLÄUBIGEN
ZUM ABSCHLUSS
DES GROSSEN JUBILÄUMS
DES JAHRES 2000
An die Mitbrüder im Bischofsamt,
an die Priester und Diakone,
an die Ordensmänner und Ordensfrauen,
an alle gläubigen Laien.
1. Zu Beginn des neuen Jahrtau sends, während das Große Jubiläum zu
Ende geht, in dem wir die zweitausend Jahre zurückliegende Geburt Jesu
gefeiert haben, und sich für die Kirche ein neuer Wegabschnitt eröffnet,
hallen in unserem Herzen die Worte wider, mit denen einst Jesus, nachdem
er vom Boot des Simon aus zur Volksmenge gesprochen hatte, den Apostel
aufforderte, zum Fischen auf den See hinauszufahren: »Duc in altum!« (Lk
5,4). Petrus und die ersten Gefährten vertrauten dem Wort Christi und
warfen ihre Netze aus. »Das taten sie und fingen eine große Menge
Fische« (Lk 5,6).
»Duc in altum!«. Dieses Wort erklingt heute für uns und lädt uns ein,
dankbar der Vergangenheit zu gedenken, leidenschaftlich die Gegenwart zu
leben und uns vertrauensvoll der Zukunft zu öffnen: »Jesus Christus ist
derselbe gestern, heute und in Ewigkeit« (Hebr 13,8).
Groß war in diesem Jahr die Freude der Kirche, die sich voll Hingabe in
die Betrachtung des Angesichtes ihres Bräutigams und Herrn vertieft hat.
Sie ist mehr denn je zum pilgernden Volk geworden, das sich von dem
führen läßt, der »der erhabene Hirt seiner Schafe ist« (Hebr 13,20).
Mit einem außerordentlichen Dynamismus, der so viele seiner Glieder
ergriffen hat, ist das Volk Gottes hier in Rom ebenso wie in Jerusalem und
in allen einzelnen Ortskirchen durch die »Heilige Pforte« geschritten,
die Christus ist. Zu ihm, dem Ziel der Geschichte und einzigen Retter der
Welt, haben die Kirche und der Geist gerufen: »Marana tha - Komm, Herr
Jesus!« (vgl. Offb 22,17.20; 1 Kor 16,22).
Das Ereignis der Gnade, das im Laufe des Jahres das Bewußtsein der
Menschen erfaßte, läßt sich unmöglich ermessen. Mit Sicherheit aber
hat sich ein »Strom lebendigen Wassers«, wie er ständig »vom Thron
Gottes und des Lammes« hervorgeht (vgl. Offb 22,1), über die Kirche
ergossen. Es ist das Wasser des Geistes, das den Durst stillt und uns
erneuert (vgl. Joh 4,14). Es ist die barmherzige Liebe des Vaters, die uns
in Christus noch einmal enthüllt und geschenkt wurde. Am Ende dieses
Jahres können wir mit neuem Jubel das alte Dankeswort wiederholen: »Danket
dem Herrn, denn er ist gütig, denn seine Huld währt ewig« (Ps 118,1).
2. So ist es mir ein Bedürfnis, mich an euch zu wenden, meine Lieben, um
mit euch den Lobgesang anzustimmen. Von Anbeginn meines Pontifikats an
habe ich an dieses Heilige Jahr 2000 gedacht und darin ein wichtiges Datum
gesehen. Ich hatte in der Feier dieses Jahres einen willkommenen Anlaß
wahrgenommen, bei dem die Kirche 35 Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen
Konzil eingeladen sein sollte, sich die Frage nach ihrer Erneuerung zu
stellen, um mit neuem Schwung ihren Evangelisierungsauftrag anzugehen.
Hat das Jubiläum diesen Zweck erreicht? Unser Einsatz mit seinen
selbstlosen Anstrengungen und den unvermeidlichen Schwächen liegt offen
vor Gottes Blick. Aber wir können uns nicht der Pflicht zur Dankbarkeit
für »die Wunder« entziehen, die Gott für uns vollbracht hat. »Misericordias
Domini in aeternum cantabo: Von den Taten deiner Huld, Herr, will ich ewig
singen« (Ps 89,2).
Zugleich will alles, was unter unseren Augen geschehen ist, noch einmal
überdacht und gleichsam entschlüsselt werden, um zu hören, was der
Geist während dieses so intensiven Jahres der Kirche gesagt hat (vgl.
Offb 2,7.11.17 usw.).
3. Vor allem, liebe Brüder und Schwestern, müssen wir uns auf die
Zukunft hin ausrichten, die auf uns wartet. Viele Male haben wir in diesen
Monaten auf das neue Jahrtausend geblickt, das sich vor uns öffnet. So
haben wir das Jubiläum nicht nur als Erinnerung an die Vergangenheit
gelebt, sondern als Prophezeiung der Zukunft. Jetzt gilt es, die
empfangene Gnade zu beherzigen und sie in eifrige Vorsätze und konkrete
Maßstäbe zum Handeln umzusetzen. Zu dieser Aufgabe möchte ich alle
Ortskirchen einladen. In jeder Teilkirche, die sich um ihren Bischof
versammelt, ist im Hören des Wortes, im geschwisterlichen Miteinander und
im »Brechen des Brotes« (vgl. Apg 2,42) »die eine heilige, katholische
und apostolische Kirche wahrhaft gegenwärtig und wirksam«.1 Vor allem in
der konkreten Wirklichkeit jeder Kirche nimmt das Geheimnis des einen
Gottesvolkes jene besondere Gestalt an, die es an den einzelnen Umfeldern
und Kulturen festhalten läßt.
Dieses Verwurzeltsein in Zeit und Raum spiegelt letzten Endes die Bewegung
der Inkarnation selbst wider. Jede Kirche nimmt also jetzt, wenn sie über
das nachdenkt, was der Geist dem Volk Gottes in diesem besonderen Jahr der
Gnade und in dem noch längeren Bogen der Zeit, der sich zwischen dem
Zweiten Vatikanischen Konzil und dem Großen Jubiläum aufspannt, eine
Bestandsaufnahme ihres Eifers vor und gewinnt neuen Schwung für ihren
geistlichen und pastoralen Einsatz. Zu diesem Zweck möchte ich in diesem
Schreiben zum Abschluß des Jubiläumsjahres den Beitrag meines
Petrusdienstes leisten, damit die Kirche immer mehr in der Vielfalt ihrer
Gaben und in der Einheit ihres Weges erstrahle.
I
DIE BEGEGNUNG MIT CHRISTUS,
DAS ERBE DES GROSSEN JUBILÄUMS
4. »Wir danken dir, Herr, allmächtiger Gott« (Offb 11,17). In der
Verkündigungsbulle des Großen Jubiläums sprach ich den Wunsch aus, daß
die Zweitausendjahrfeier des Geheimnisses der Menschwerdung Gottes als
»ein einziger, ununterbrochener Lobgesang auf die Dreifaltigkeit« 2 und
zugleich »als Weg der Versöhnung und als Zeichen echter Hoffnung für
alle, die auf Christus und seine Kirche blicken«,3 erlebt werden möge.
Die Erfahrung dieses Jubiläumsjahres war genau auf diese lebendigen
Ebenen abgestimmt. Dabei gab es Augenblicke solcher Eindringlichkeit, die
uns gleichsam die barmherzige Gegenwart Gottes, von dem »jede gute Gabe
und jedes vollkommene Geschenk kommt« (Jak 1,17), gleichsam handgreiflich
berühren ließen.
Ich denke vor allem an die Dimension des Lobes. Von hier geht nämlich
jede echte Glaubensantwort auf die Offenbarung Gottes in Christus aus. Das
Christentum ist Gnade, ist die Überraschung eines Gottes, der sich, da er
sich mit der Erschaffung der Welt und des Menschen nicht zufrieden gab, in
Gleichschritt mit seinem Geschöpf begeben hat und, nachdem er viele Male
und auf vielerlei Weise durch die Propheten gesprochen hatte, »in dieser
Endzeit aber zu uns gesprochen hat durch den Sohn« (Hebr 1,1-2).
In dieser Endzeit! Ja, das Jubiläum hat uns spüren lassen, daß
zweitausend Jahre Geschichte vergangen sind, ohne die Frische jenes
»heute« zu entkräften, mit dem die Engel den Hirten das wunderbare
Ereignis der Geburt Jesu in Betlehem verkündeten: »Heute ist euch in der
Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr« (Lk 2,11).
Zweitausend Jahre sind mittlerweile vergangen, aber die Rede Jesu über
seine Sendung, die er vor seinen erstaunten Mitbürgern in der Synagoge
von Nazaret hielt und dabei die Prophezeiung des Jesaja auf sich anwandte,
ist lebendiger denn je: »Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben
gehört habt, erfüllt« (Lk 4,21). Zweitausend Jahre sind vergangen, aber
noch immer erweist sich für die Sünder, die des Erbarmens bedürfen —
und wer ist das nicht? —, jenes »heute« des Heils als trostreich, das
am Kreuz dem reuigen Verbrecher die Pforten des Himmelreiches öffnete:
»Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein« (Lk
23,43).
Die Fülle der Zeit
5. Das Zusammentreffen dieses Jubiläums mit dem Eintritt in ein neues
Jahrtausend hat, ohne deshalb chiliastischen Phantasien nachzugeben, die
Wahrnehmung des Geheimnisses Christi im großen Horizont der
Heilsgeschichte sicherlich begünstigt. Das Christentum ist in die
Geschichte eingebrochene Religion! Denn auf dem Boden der Geschichte
wollte Gott einen Bund mit Israel schließen und so, »als die Zeit
erfüllt war« (Gal 4,4), die Geburt des Sohnes im Schoß Mariens
vorbereiten. Der in seinem göttlichen und menschlichen Geheimnis erfaßte
Christus ist das Fundament und der Mittelpunkt der Geschichte, er ist ihr
Sinn und ihr letztes Ziel. Denn durch ihn, das Wort und Ebenbild des
Vaters, ist »alles geworden« (Joh 1,3; vgl. Kol 1,15). Seine
Menschwerdung, die im Ostergeheimnis und in der Gabe des Geistes den
Höhepunkt erreicht, stellt das schlagende Herz der Zeit dar, die
geheimnisvolle Stunde, da das Reich Gottes uns nahegekommen ist (vgl. Mk
1,15), ja in unserer Geschichte Wurzel geschlagen hat wie ein Senfkorn,
das dazu bestimmt ist, zu einem großen Baum zu werden (vgl. Mk 4,30-32).
»Lob sei dir, Christus Jesus, du herrschst heute und in Ewigkeit«. Mit
diesem tausendfach wiederholten Gesang haben wir dieses Jahr auf Christus
geschaut und betrachtet, wie ihn uns die Offenbarung des Johannes
vorstellt: »das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang
und das Ende« (Offb 22,13). Und während wir Christus betrachteten, haben
wir zugleich den Vater und den Heiligen Geist angebetet, die eine und
unteilbare Dreifaltigkeit, das unaussprechliche Geheimnis, in dem alles
seinen Ursprung hat und seine Erfüllung findet.
Reinigung des Gedächtnisses
6. Um einen klareren Blick für die Betrachtung des Geheimnisses zu
bekommen, war dieses Jubiläumsjahr stark von der Bitte um Vergebung
gekennzeichnet. Das galt nicht nur für die einzelnen, die sich in bezug
auf ihr eigenes Leben befragten, um Erbarmen zu erflehen und das besondere
Geschenk des Ablasses zu erhalten, sondern für die ganze Kirche, die an
die Treulosigkeiten erinnern wollte, mit denen viele ihrer Söhne und
Töchter im Laufe der Geschichte Schatten auf ihr Antlitz als Braut
Christi geworfen hatten.
Auf diese Gewissensprüfung haben wir uns lange vorbereitet. Dabei waren
wir uns bewußt, daß die Kirche, die in ihrem eigenen Schoß Sünder
umfaßt, »zugleich heilig ist und stets der Reinigung bedürftig«.4
Wissenschaftliche Tagungen haben uns geholfen, jene Aspekte scharf zu
umreißen, wo der Geist des Evangeliums im Laufe der ersten zwei
Jahrtausende nicht immer glänzte. Wie könnte ich den ergreifenden
Gottesdienst vom 12. März 2000 vergessen, bei dem ich in der
Petersbasilika, den Blick fest auf den Gekreuzigten gerichtet, gleichsam
zur Stimme der Kirche geworden bin und die Vergebungsbitte für die Sünde
aller ihrer Söhne und Töchter geleistet habe? Diese »Reinigung des
Gedächtnisses« hat unsere Schritte auf dem Weg in die Zukunft gestärkt,
indem sie uns zugleich demütiger und wachsamer macht in unserem
Festhalten am Evangelium.
Die Zeugen des Glaubens
7. Das lebendige Bewußtsein der Buße hat uns jedoch nicht daran
gehindert, den Herrn für das zu preisen, was er in allen Jahrhunderten
und besonders in dem Jahrhundert, das wir soeben hinter uns gelassen
haben, dadurch gewirkt hat, daß er seiner Kirche eine große Schar von
Heiligen und Märtyrern zugesichert hat. Für einige von ihnen war das
Jubiläumsjahr auch das Jahr der Selig- oder Heiligsprechung. Die
Heiligkeit, die Päpsten mit geschichtlichem Ruf oder einfachen Laien und
Ordensleuten zuerkannt wurde, ist mehr denn je als die Dimension
offenkundig geworden, die das Geheimnis der Kirche am besten zum Ausdruck
bringt. Als beredte Botschaft, die keiner Worte bedarf, stellt sie auf
lebendige Weise das Angesicht Christi dar.
Viel ist sodann anläßlich des Heiligen Jahres geschehen, um die
kostbaren Erinnerungen an die Glaubenszeugen des 20. Jahrhunderts zu
sammeln. Ihrer haben wir gemeinsam mit den Vertretern der anderen Kirchen
und kirchlichen Gemeinschaften am 7. Mai 2000 am Kolosseum gedacht, einem
eindrucksvollen Schauplatz und Symbol der alten Christenverfolgungen. Es
ist ein Erbe, das nicht verloren gehen darf, das einer ständigen
Dankespflicht und einem erneuerten Vorsatz zur Nachahmung anvertraut
werden muß.
Die pilgernde Kirche
8. Zahllose Söhne und Töchter der Kirche haben sich gleichsam in die
Fußstapfen der Heiligen begeben und lösten hier in Rom an den Gräbern
der Apostel einander ab, erfüllt von dem Wunsch, ihren Glauben zu
bekennen, ihre Sünden zu beichten und das rettende Erbarmen zu empfangen.
Mein Blick war dieses Jahr nicht nur beeindruckt von den Menschenmassen,
die während vieler Gottesdienste den Petersplatz füllten. Nicht selten
verweilte ich, um die langen Pilgerschlangen zu beobachten, die geduldig
warteten, bis sie durch die Heilige Pforte gehen konnten. Bei jedem dieser
Pilger versuchte ich mir eine Lebensgeschichte vorzustellen, die sich aus
Freuden, Ängsten und Schmerzen zusammensetzt; eine Geschichte, die mit
Christus in Berührung gekommen ist und im Dialog mit ihm ihren
hoffnungsvollen Weg wieder aufnahm.
Wenn ich dann die ständig vorüberströmenden Gruppen beobachtete, gewann
ich daraus ein plastisches Bild der pilgernden Kirche, jener Kirche, die
— wie der heilige Augustinus sagt — »zwischen den Verfolgungen der
Welt und den Tröstungen Gottes« 5 angesiedelt ist. Wir können nur die
mehr äußere Seite dieses einzigartigen Ereignisses beobachten. Wer
vermag die Gnadenwunder zu ermessen, die sich in den Herzen ereignet
haben? Es ist der Mühe wert, zu schweigen und anzubeten, indem man
demütig auf das geheimnisvolle Wirken Gottes vertraut und seine
grenzenlose Liebe besingt: »Misericordias Domini in aeternum cantabo!«.
Die jungen Menschen
9. Zu den zahlreichen Jubiläumsbegegnungen haben sich die verschiedensten
Personengruppen eingefunden, eine wahrhaft eindrucksvolle Beteiligung, die
den Einsatz sowohl der kirchlichen als auch der zivilen Organisatoren und
Animatoren mitunter auf eine harte Probe gestellt hat. Ich will diesen
Brief dazu benutzen, um allen meinen ganz herzlichen Dank auszusprechen.
Was mich aber, abgesehen von den Pilgerzahlen, immer wieder tief ergriffen
hat, war die Ernsthaftigkeit des Gebets, der Reflexion und der
Gemeinschaft, die bei diesen Begegnungen zum Ausdruck kam.
Und sollte man sich nicht besonders an das ebenso fröhliche wie
begeisternde Treffen der Jugendlichen erinnern? Wenn es ein Bild des
Jubiläumsjahres 2000 gibt, das uns lebendiger als andere im Gedächtnis
bleiben wird, so ist es sicherlich jenes Bild von der Masse von
Jugendlichen, mit denen ich an dem Faden einer gegenseitigen Sympathie und
eines tiefen Einvernehmens eine Art privilegierten Dialog anknüpfen
konnte. So war es von dem Augenblick an, wo ich sie auf dem Platz vor der
Lateranbasilika und auf dem Petersplatz willkommen geheißen habe. Dann
habe ich sie durch die Stadt schwärmen sehen: fröhlich, wie es junge
Leute sein sollen, aber auch nachdenklich, erfüllt von dem Wunsch nach
Gebet, nach »Sinn«, nach echter Freundschaft. Weder ihnen selbst noch
allen denen, die sie beobachtet haben, wird es leicht fallen, jene Woche
aus dem Gedächtnis zu löschen, in der Rom »mit den Jugendlichen jung
geworden ist«. Die Eucharistiefeier von Tor Vergata ist unvergeßlich.
Wieder einmal haben sich die Jugendlichen als ein besonderes Geschenk des
Geistes Gottes für Rom und für die Kirche erwiesen. Wenn man sich die
jungen Menschen mit den Problemen und Schwächen anschaut, die ihnen in
der modernen Gesellschaft anhaften, besteht manchmal die Tendenz zum
Pessimismus. Das Jubiläum der Jugend hat uns dadurch fast »verwirrt«,
daß es uns statt dessen die Botschaft einer Jugend überbrachte, die
trotz möglicher Widersprüchlichkeiten ein tiefes Verlangen nach jenen
echten Werten zum Ausdruck bringt, die in Christus ihre Erfüllung haben.
Ist Christus etwa nicht das Geheimnis der wahren Freiheit und der tiefen
Freude des Herzens? Ist Christus nicht der erhabenste Freund und zugleich
der Mentor jeder echten Freundschaft? Wenn Christus den Jugendlichen mit
seinem wahren Gesicht vorgestellt wird, empfinden sie ihn als eine
überzeugende Antwort und sind imstande, seine Botschaft anzunehmen, auch
wenn sie anspruchsvoll und vom Kreuz gezeichnet ist. Deshalb habe ich mich
von ihrer Begeisterung ergreifen lassen und nicht gezögert, um eine
radikale Glaubens- und Lebensentscheidung zu bitten, indem ich sie auf
eine wunderbare Aufgabe hinwies: beim Anbruch dieses neuen Jahrtausends zu
»Wächtern des Morgens« zu werden (vgl. Jes 21,11-12).
Pilger verschiedener Art
10. Ich kann hier natürlich nicht auf die einzelnen Jubiläumsereignisse
detailliert eingehen. Jedes dieser Ereignisse zeichnete sich durch eine
eigene Prägung aus und hat seine Botschaft nicht nur denen hinterlassen,
die direkt dabei waren, sondern auch allen, die davon Kenntnis erhalten
oder über die Massenmedien aus der Distanz daran teilgenommen haben. Wie
sollte man sich nicht an die festliche Stimmung bei dem ersten großen
Treffen, das den Kindern gewidmet war, erinnern? Mit ihnen zu beginnen,
bedeutete gewissermaßen die Beachtung der Aufforderung Jesu: »Laßt die
Kinder zu mir kommen« (Mk 10,14). Vielleicht bedeutete es noch mehr die
Wiederholung seiner Geste, als er ein Kind »in die Mitte stellte« und es
zum Symbol der Haltung machte, die einer annehmen muß, wenn er in das
Reich Gottes kommen will (vgl. Mt 18,2-4).
So sind in gewisser Weise auf den Spuren der Kinder die verschiedensten
Gruppen von Erwachsenen nach Rom gekommen, um das im Jubeljahr wirksame
Erbarmen Gottes zu erbitten: von den Alten bis zu den Kranken und
Behinderten, von den Handwerkern und Landarbeitern bis zu den Sportlern,
von den Künstlern bis zu den Universitätsdozenten, von den Bischöfen
und Priestern bis zu den Männern und Frauen des geweihten Lebens, von den
Politikern bis zu den Journalisten und zu den Soldaten, die gekommen sind,
um den Sinn ihres Dienstes als einen Dienst am Frieden zu bekräftigen.
Große Bedeutung hatte die Zusammenkunft der Arbeiter, die am 1. Mai, dem
traditionellen Fest der Arbeit, stattfand. Ich bat sie, den heiligen Josef
und Jesus selbst nachzuahmen und so die Spiritualität der Arbeit zu
leben. Ihr Jubiläum gab mir außerdem Gelegenheit, eine eindringliche
Aufforderung auszusprechen, nämlich die in der Welt der Arbeit
bestehenden wirtschaftlichen und sozialen Mißverhältnisse auszugleichen
und unter Berücksichtigung der Solidarität und der jedem Menschen
gebührenden Achtung entschlossen die wirtschaftlichen
Globalisierungsprozesse zu steuern.
Die Kinder mit ihrer unbändigen Fröhlichkeit sind zum Jubiläum der
Familien wiedergekommen, bei dem sie der Welt als »Frühling der Familie
und der Gesellschaft« vorgestellt wurden. Dieses Jubiläumstreffen war in
der Tat sprechend. Denn viele Familien, die aus den verschiedenen Teilen
der Welt gekommen waren, haben mit neuem Eifer das Licht Christi
aufgegriffen und dabei Maß genommen an dem Plan, den Gott ursprünglich
mit ihnen hatte (vgl. Mt 19,4-6; Mk 10,6-8). Sie haben sich dafür
eingesetzt, dieses Licht in eine Kultur hinein auszustrahlen, die Gefahr
läuft, in immer beängstigenderer Weise den Sinn der Ehe und der Familie
als Institution zu verlieren.
Zu den ergreifendsten Begegnungen gehört für mich jene mit den
Gefangenen von Regina Coeli. In ihren Augen habe ich Schmerz, aber auch
Reue und Hoffnung gelesen. Für sie war das Jubiläum in ganz besonderer
Weise ein Jahr der »Barmherzigkeit«.
Sympathisch war schließlich eine Veranstaltung in den letzten Tagen des
Jahres: die Begegnung mit der Welt des Schauspiels, die auf die Menschen
eine große Anziehungskraft ausübt. Dabei habe ich die Menschen, die in
diesen Bereich eingebunden sind, an die große Verantwortung erinnert, auf
dem Weg der Freude und Unterhaltung positive Botschaften zu bringen, die
moralisch gesund sind sowie Vertrauen und Liebe zum Leben einflößen
können.
Der Internationale Eucharistische Kongreß
11. In der Logik dieses Jubiläumsjahres sollte der Internationale
Eucharistische Kongreß eine ganz wichtige Bedeutung haben. Und so war es
auch! Wenn die Eucharistie das unter uns gegenwärtige Opfer Christi ist,
mußte seine Realpräsenz einfach im Mittelpunkt des Heiligen Jahres
stehen, das der Menschwerdung des Wortes geweiht ist! Eben deshalb war es
als ein »intensiv eucharistisches« Jahr 6 gedacht, und so haben wir es
zu leben versucht. Gleichwohl, wie könnte neben dem Gedenken an die
Geburt des Sohnes das Gedenken an die Mutter fehlen? Maria war bei der
Feier des Jubeljahres nicht nur durch angemessene und hochkarätige
Kongresse gegenwärtig, sondern vor allem durch den großen Weiheakt, mit
dem ich, im Beisein eines ansehnlichen Teiles des Weltepiskopates, das
Leben der Männer und Frauen des neuen Jahrtausends ihrer mütterlichen
Sorge anvertraut habe.
Die ökumenische Dimension
12. Man wird verstehen, daß es mir ein spontanes Anliegen ist, über das
Jubiläum vor allem aus dem Blick zu sprechen, wie er sich vom Sitz des
Petrus aus ergibt. Dabei vergesse ich freilich nicht: Ich selbst habe
gewollt, daß die Feier des Jubiläums auch in den Teilkirchen vollgültig
stattfände, und dort konnte ja auch der Großteil der Gläubigen die
besonderen Gnaden, besonders den mit dem Jubeljahr verbundenen Ablaß,
erhalten. Immerhin ist bemerkenswert, daß zahlreiche Diözesen den Wunsch
hatten, mit riesigen Gruppen von Gläubigen auch hier in Rom präsent zu
sein. Die Ewige Stadt hat so wieder einmal die ihr von der Vorsehung
zugedachte Rolle deutlich gemacht, nämlich ein Ort zu sein, wo die
Reichtümer und Gaben jeder einzelnen Kirche und sogar jeder einzelnen
Nation und Kultur in der »Katholizität« miteinander harmonieren, damit
die eine und einzige Kirche Christi auf immer eindrucksvollere Weise ihr
Geheimnis als Sakrament der Einheit 7 kundmache.
Besondere Beachtung hatte ich in der Programmplanung des Jubiläumsjahres
auch für die ökumenische Dimension verlangt. Welche günstigere
Gelegenheit als die gemeinsame Feier der Geburt Christi könnte es geben,
um für den Weg zur vollen Gemeinschaft Mut auszusprechen? Zu diesem Ziel
wurden viele Anstrengungen unternommen; die ökumenische Begegnung am 18.
Januar 2000 in der Basilika St. Paul vor den Mauern strahlt weiter. Zum
ersten Mal in der Geschichte wurde eine Heilige Pforte gemeinsam vom
Nachfolger Petri, vom anglikanischen Primas und von einem Metropoliten des
Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel in Anwesenheit der Vertreter
von Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften aus der ganzen Welt geöffnet.
Auf dieser Linie bewegten sich auch einige wichtige Begegnungen mit
orthodoxen Patriarchen und Häuptern anderer christlicher Konfessionen.
Besonders erinnere ich an den kürzlichen Besuch Seiner Heiligkeit Karekin
II., des obersten Patriarchen und Katholikos aller Armenier. Außerdem
haben viele Gläubige anderer Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften an
den verschiedenen Jubiläumsfeiern teilgenommen. Der ökumenische Weg
bleibt sicher mühsam, vielleicht ist er noch lang, doch beseelt uns die
Hoffnung, daß wir geleitet werden von der Gegenwart des Auferstandenen
und von der unerschöpflichen Kraft seines Geistes, die zu immer neuen
Überraschungen fähig ist.
Die Wallfahrt ins Heilige Land
13. Und sollte ich mich etwa nicht an mein persönliches Jubiläum auf den
Straßen des Heiligen Landes erinnern? Ich hätte es gern in Ur in
Chaldäa begonnen, um mich gleichsam handgreiflich auf die Spuren
Abrahams, unseres »Vaters im Glauben« (vgl. Röm 4,11-16) zu begeben.
Doch mußte ich mich mit einer lediglich geistlichen Etappe
zufriedengeben. Es war die gehaltvolle »Wortgottesfeier«, die am 23.
Februar in der Aula Paul VI. stattfand. Unmittelbar danach folgte eine
wahre und eigentliche Pilgerfahrt, die dem Ablauf der Heilsgeschichte
nachging. So hatte ich die Freude, am Berg Sinai innezuhalten — dem
Schauplatz der Übergabe des Dekalogs und des ersten Bundesschlusses.
Einen Monat später nahm ich den Weg wieder auf. Ich pilgerte zum Berg
Nebo und begab mich daraufhin an dieselben Orte, die der Erlöser bewohnt
und geheiligt hat. Die Ergriffenheit läßt sich kaum ausdrücken, die
mich überwältigte, als ich den Stätten der Geburt und des Lebens Jesu
Christi meine Verehrung erweisen, die Eucharistie im Abendmahlsaal, am Ort
ihrer Einsetzung, feiern, und auf Golgota, wo er sein Leben für uns
hingegeben hat, neu über das Geheimnis des Kreuzes nachdenken durfte. An
jenen Orten, die noch immer so geplagt sind und auch in jüngster Zeit von
Gewalt heimgesucht werden, habe ich nicht nur von seiten der Kinder der
Kirche, sondern auch von seiten der israelischen und palästinensischen
Gemeinschaften eine außergewöhnliche Aufnahme erfahren dürfen. Tief
ergriffen war ich, als ich an der Klagemauer betete und die Gedenkstätte
Yad Vaschem besuchte, eine grauenvolle Erinnerung an die Opfer der
nationalsozialistischen Vernichtungslager. Jene Pilgerfahrt war ein
Augenblick der Brüderlichkeit und des Friedens, den ich als eine der
schönsten Gaben des Jubiläums bewahren möchte. Wenn ich an die
Atmosphäre zurückdenke, die ich in jenen Tagen erlebte, kann ich nicht
umhin, den aufrichtigen Wunsch auszusprechen für eine baldige und
gerechte Lösung der noch immer offenen Probleme an jenen heiligen
Stätten, die den Juden, den Christen als Jüngern Jesu und dem Islam
gleichermaßen teuer sind.
Die internationale Verschuldung
14. Das Jubiläum war auch — anders konnte es gar nicht sein — ein
großes Ereignis der Nächstenliebe. Schon in den Vorbereitungsjahren
hatte ich eine größere und tätigere Beachtung der Probleme der Armut
gefordert, die noch immer die Welt plagen. Besondere Bedeutung hat in
diesem Szenarium die Frage der internationalen Verschuldung der armen
Länder gewonnen. Eine Geste der Großzügigkeit letzteren gegenüber lag
in der Logik des Jubeljahres selbst, das ja in seiner ursprünglichen
biblischen Gestaltung eben die Zeit war, in der sich die Gemeinschaft
verpflichtete, in den Beziehungen zwischen den Menschen wieder
Gerechtigkeit und Solidarität herzustellen, unter Rückgabe auch der
entzogenen materiellen Güter. Ich freue mich festzustellen, daß in
letzter Zeit die Parlamente vieler Gläubigerstaaten über einen
grundsätzlichen bilateralen Schuldenerlaß für die ärmsten und am
ärgsten verschuldeten Länder abgestimmt haben. Ich wünsche von Herzen,
daß die betreffenden Regierungen diese parlamentarischen Beschlüsse bald
in die Tat umsetzen. Als problematischer hat sich dagegen die Frage der
multilateralen Schulden erwiesen, die von den ärmsten Ländern bei den
internationalen Finanzorganen aufgenommen worden waren. Es ist zu
wünschen, daß es den Mitgliedsstaaten dieser Organisationen, vor allem
jenen, die größeres Entscheidungsgewicht haben, gelingt, die notwendigen
Zustimmungen zu finden, um zur raschen Lösung einer Frage zu gelangen,
von der die weitere Entwicklung vieler Länder mit weitreichenden
Konsequenzen für die wirtschaftliche und existentielle Situation so
vieler Menschen abhängt.
Ein neuer Dynamismus
15. Das sind nur einige Züge, die aus dem Erlebnis des Jubiläums
herausragen. Es hinterläßt in uns so viele Erinnerungen. Wenn wir aber
das große Erbe, das uns das Jubiläumsjahr übergibt, auf den
wesentlichen Kern bringen wollten, würde ich ihn, ohne zu zögern, mit
der Betrachtung des Angesichtes Christi umschreiben: Jesus Christus wurde
in seinen historischen Zügen und in seinem Geheimnis angeschaut, in
seiner vielfältigen Gegenwart in der Kirche und in der Welt aufgenommen,
als Sinn der Geschichte und Licht auf unserem Weg bekannt.
Jetzt müssen wir nach vorn blicken, »hinausfahren auf den See«, getreu
dem Wort Christi: Duc in altum! Was wir in diesem Jahr getan haben, darf
nicht als Rechtfertigung für ein Gefühl der Selbstzufriedenheit dienen.
Noch weniger darf es uns uns dazu verleiten, die Hände in den Schoß zu
legen. Im Gegenteil: Die Erfahrungen, die wir machen durften, sollen in
uns einen neuen Dynamismus wecken, indem sie uns dazu anspornen, den
erlebten Enthusiasmus in konkrete Initiativen einzubringen. Jesus selbst
ermahnt uns: »Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals
zurückblickt, taugt für das Reich Gottes« (Lk 9,62). Wenn es um das
Himmelreich geht, ist keine Zeit dafür, zurückzublicken und noch weniger
sich in Faulheit zu betten. Vieles wartet auf uns, und deshalb müssen wir
anfangen, ein wirksames seelsorgliches Programm für die Zeit nach dem
Jubiläum aufzubauen.
Wichtig ist jedoch, daß alles, was wir uns mit Gottes Hilfe vornehmen,
tief in der Betrachtung und im Gebet verwurzelt ist. Unsere Zeit ist in
ständiger Bewegung, die oft den Zustand der Ruhelosigkeit erreicht, mit
der Gefahr des »Machens um des Machens willen«. Dieser Versuchung
müssen wir dadurch widerstehen, daß wir versuchen zu »sein«, bevor wir
uns um das »Machen« mühen. Wir denken in diesem Zusammenhang an den
Vorwurf Jesu gegenüber Marta: »Du machst dir viele Sorgen und Mühen.
Aber nur eines ist notwendig« (Lk 10,41-42). In diesem Geist möchte ich,
bevor ich euch einige praktische Leitlinien zur Überlegung vorlege,
manche Anregungen zur Meditation über das Geheimnis Christi geben. Er ist
ja das absolute Fundament unseres ganzen pastoralen Wirkens.
II
DAS ANTLITZ,
DAS ES ZU BETRACHTEN GILT
16. »Wir wollen Jesus sehen« (Joh 12,21). Diese Bitte wurde von einigen
Griechen, die als Pilger zum Paschafest nach Jerusalem gekommen waren, an
den Apostel Philippus gerichtet. In diesem Jubiläumsjahr ist sie auch uns
geistig in den Ohren geklungen. Wie jene Pilger vor zweitausend Jahren, so
bitten die Menschen unserer Zeit, wenn auch nicht immer bewußt, die
heutigen Gläubigen, nicht nur von Christus zu »reden«, sondern ihnen
Christus zu zeigen, ihn gleichsam »sehen« zu lassen. Ist es etwa nicht
Aufgabe der Kirche, das Licht Christi in jeder Epoche der Geschichte
widerzuspiegeln, sein Antlitz auch vor den Generationen des neuen
Jahrtausends erstrahlen zu lassen?
Unser Zeugnis wäre jedoch unerträglich armselig, wenn wir nicht zuerst
Betrachter seines Angesichtes wären. Das Große Jubiläum hat uns
sicherlich geholfen, tiefer in diese Betrachtung hineinzufinden. Während
wir nach Abschluß des Jubiläums den gewöhnlichen Weg wieder aufnehmen
und dabei den Reichtum der in diesem ganz besonderen Jahr erlebten
Erfahrungen im Herzen tragen, bleibt der Blick mehr denn je auf das
Antlitz des Herrn gerichtet.
Das Zeugnis der Evangelien
17. Die Betrachtung des Angesichtes Christi muß sich an dem inspirieren,
was uns die Heilige Schrift über ihn sagt, die von Anfang bis Ende von
seinem Geheimnis durchzogen ist. Was im Alten Testament geheimnisvoll
angedeutet ist, wird im Neuen voll enthüllt, so daß der heilige
Hieronymus mit Entschiedenheit urteilt: »Die Schrift nicht kennen heißt
Christus nicht kennen«.8 Wenn wir in der Schrift verankert sind, öffnen
wir uns dem Wirken des Geistes (vgl. Joh 15,26), das jenen Schriften
zugrunde liegt, und zugleich dem Zeugnis der Apostel (vgl. Joh 15,27). Sie
haben Christus, das Wort des Lebens, lebendig erfahren, mit ihren Augen
gesehen, mit ihren Ohren gehört und mit ihren Händen berührt (vgl. 1
Joh 1,1).
Durch ihre Vermittlung erreicht uns eine Schau des Glaubens, die auf einem
klaren geschichtlichen Zeugnis fußt: ein glaubhaftes Zeugnis, das uns die
Evangelien trotz ihrer komplizierten Redaktion und mit einer vorwiegend
katechetischen Absicht in ganz zuverlässiger Weise überliefern.9
18. In der Tat behaupten die Evangelien nicht, eine nach Maßgabe moderner
Geschichtswissenschaft verfaßte vollständige Biographie Jesu zu sein.
Aus ihnen tritt jedoch mit sicherem historischem Grund das Angesicht des
Nazareners hervor, da die Evangelisten in ihrem Bemühen zuverlässige
Zeugnisse sammelten (vgl. Lk 1,3) und anhand von Dokumenten arbeiteten,
die man der wachsamen kirchlichen Unterscheidung unterzogen hatte. Auf
Grund dieser Zeugnisse der ersten Stunde erfuhren sie unter dem
erleuchtenden Wirken des Heiligen Geistes die aus menschlicher Sicht
befremdliche Tatsache der Jungfrauengeburt Jesu durch Maria, die mit Josef
verlobt war. Von denen, die Jesus während der etwa dreißig Jahre, die er
in Nazaret verbrachte (vgl. Lk 3,23), gekannt hatten, sammelten sie die
Daten über sein Leben als »Sohn des Zimmermanns« (Mt 13,55), der selbst
»Zimmermann« war (vgl. Mk 6,3) und, wie es sich gehörte, im Verband
seiner Verwandtschaft lebte (vgl. ebd.). Sie nahmen die Frömmigkeit wahr,
die ihn dazu anhielt, sich mit den Seinen auf die jährliche Pilgerschaft
zum Tempel in Jerusalem zu begeben (vgl. Lk 2,41), und die ihn vor allem
zum regelmäßigen Besucher der Synagoge seiner Stadt machte (vgl. Lk
4,16).
Ausführlicher werden die Nachrichten dann, ohne freilich ein organischer
und detaillierter Bericht zu sein, für die Zeit des öffentlichen
Auftretens. Es beginnt in dem Augenblick, da der junge Galiläer sich von
Johannes dem Täufer am Jordan taufen läßt. Stark durch das Zeugnis vom
Himmel und mit dem Bewußtsein, der »geliebte Sohn« zu sein (Lk 3,22),
nimmt er seine Verkündigung von der Ankunft des Reiches Gottes auf, indem
er dessen Ansprüche und Macht durch Worte und Zeichen der Gnade und
Barmherzigkeit veranschaulicht. Die Evangelien stellen ihn uns also dar,
wie er durch die Städte und Dörfer zieht, begleitet von zwölf Aposteln,
die er sich erwählt hatte (vgl. Mk 3,13-19), von einer Gruppe von Frauen,
die Jesus und die Jünger unterstützten (vgl. Lk 8,2-3), von der
Volksmenge, die ihn suchte oder ihm folgte, von den Kranken, die um seine
heilende Kraft flehten, und von Gesprächspartnern, die mit
unterschiedlichem Erfolg seinen Worten lauschten.
Die Erzählung der Evangelien spitzt sich dann in der wachsenden Spannung
zu, die zwischen Jesus und den in der religiösen Gesellschaft seiner Zeit
auftauchenden Gruppen entsteht. Es kommt schließlich zur Krise, die auf
Golgota ihren dramatischen Epilog findet. Es ist die Stunde der
Finsternis, auf die ein neuer, strahlender und endgültiger Morgen folgt.
Denn die Evangelienberichte zeigen am Ende den Nazarener als Sieger über
den Tod, sie weisen auf sein leeres Grab hin und folgen ihm in der Reihe
der Erscheinungen, bei denen die Jünger, die — zuerst ratlos und
verstört — später von unsagbarer Freude erfüllt werden, ihn lebend
und strahlend erfahren und von ihm die Gabe des Geistes (vgl. Joh 20,22)
und den Auftrag empfangen, »allen Völkern« das Evangelium zu bringen
(Mt 28,19).
Der Weg des Glaubens
19. »Da freuten sich die Jünger, daß sie den Herrn sahen« (Joh 20,20).
Das Angesicht, das die Apostel nach der Auferstehung betrachteten, war
dasselbe wie das jenes Jesus, mit dem sie ungefähr drei Jahre gelebt
hatten, und der sie nun von der verblüffenden Wahrheit seines neuen
Lebens dadurch überzeugte, daß er ihnen »seine Hände und seine Seite«
zeigte (ebd.). Es war sicher nicht leicht zu glauben. Die Emmausjünger
glaubten erst am Ende eines Weges, der ihnen geistig viel abverlangte
(vgl. Lk 24,13-35). Der Apostel Thomas glaubte erst, nachdem er das Wunder
festgestellt hatte (vgl. Joh 20,24-29). Doch soviel man auch seinen Leib
sehen und berühren mochte, in Wirklichkeit konnte nur der Glaube voll in
das Geheimnis jenes Angesichtes vordringen. Das war eine Erfahrung, welche
die Jünger eigentlich schon im geschichtlichen Leben Jesu hätten machen
müssen, bei den Fragen, die ihnen jedesmal in den Sinn kamen, wenn sie
sich durch seine Gesten und seine Worte vor Rätsel gestellt fühlten. Zu
Jesus gelangt man in der Tat nur durch den Weg des Glaubens, durch einen
Weg, dessen Etappen uns das Evangelium selbst in der bekannten Szene von
Cäsarea Philippi vorzuzeichnen scheint (vgl. Mt 16,13-20). Jesus nimmt
mit seinen Jüngern ein Gespräch auf, das eine Art erste Bilanz seiner
Sendung ist und fragt sie, für wen ihn »die Leute« halten. Darauf
bekommt er die Antwort: »Die einen für Johannes den Täufer, andere für
Elija, wieder andere für Jeremia oder sonst einen Propheten« (Mt 16,14).
Eine Antwort, die sicher Niveau hat, aber noch weit — und wie weit! —
entfernt ist von der Wahrheit. Das Volk beginnt die zweifellos
außergewöhnliche religiöse Dimension dieses Rabbi, der so faszinierend
redet, zu erahnen, es gelingt ihm aber nicht, ihn über jene Gottesmänner
zu stellen, die im Laufe der Geschichte Israels aufgetreten sind. In
Wirklichkeit ist Jesus ganz anders! Eben dieser weitere Erkenntnisschritt
betrifft die Tiefenschicht seiner Person, das, was er sich von den
»Seinen« erwartet: »Ihr aber, für wen haltet ihr mich?« (Mt 16,15).
Allein der von Petrus und mit ihm von der Kirche aller Zeiten bekannte
Glaube trifft das Herz, weil er die Tiefe des Geheimnisses erreicht: »Du
bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes« (Mt 16,16).
20. Wie war Petrus zu diesem Glauben gelangt? Und was wird von uns
verlangt, wenn wir immer überzeugender seinem Beispiel folgen wollen?
Matthäus gibt uns in den Worten, mit denen Jesus das Bekenntnis des
Petrus annimmt, einen erleuchtenden Hinweis: »Nicht Fleisch und Blut
haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel« (Mt 16,17). Der
Ausdruck »Fleisch und Blut« bezieht sich auf den Menschen und die
allgemeine Weise des Erkennens. Diese allgemeine Art genügt im Fall Jesu
nicht. Es braucht eine Gnade der »Offenbarung«, die vom Vater kommt
(vgl. ebd.). Lukas bietet uns einen Hinweis, der in dieselbe Richtung
geht, wenn er anmerkt, daß dieses Gespräch mit den Jüngern stattfand,
während »Jesus in der Einsamkeit betete« (Lk 9,18). Beide Hinweise
stimmen darin überein, uns bewußt werden zu lassen, daß wir allein mit
unseren Kräften nicht zur vollen Betrachtung des Angesichtes des Herrn
gelangen, sondern nur, wenn wir uns von der Gnade an der Hand nehmen
lassen. Allein die Erfahrung des Schweigens und des Gebetes bietet den
geeigneten Horizont, in dem die wahrste, getreueste und stimmigste
Erkenntnis jenes Geheimnisses heranreifen und sich entfalten kann, das in
der feierlichen Verkündigung des Evangelisten Johannes seinen höchsten
Ausdruck findet: »Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns
gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des
einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit« (Joh 1,14).
Die Tiefe des Geheimnisses
21. Das Wort und das Fleisch, die göttliche Herrlichkeit und ihre Wohnung
unter den Menschen! In der engen und untrennbaren Verbindung dieser beiden
Polaritäten besteht der klassischen Formulierung des Konzils von
Chalkedon (451) gemäß die Identität Christi: »eine Person in zwei
Naturen«. Die Person ist die — und nur die — des ewigen Wortes, des
Sohnes des Vaters. Die zwei Naturen, unvermischt, aber auch ohne
irgendeine mögliche Trennung, sind die göttliche und die menschliche.10
Wir sind uns der Begrenztheit unserer Begriffe und unserer Worte bewußt.
Wenngleich die Formel stets menschlich bleibt, ist sie in ihrem Lehrgehalt
sorgfältig abgewogen und erlaubt uns gewissermaßen einen Blick in die
abgründige Tiefe des Geheimnisses. Ja, Jesus ist wahrer Gott und wahrer
Mensch! Wie der Apostel Thomas, so wird die Kirche von Christus
unablässig dazu eingeladen, seine Wundmale zu berühren, das heißt, sein
volles, von Maria angenommenes, dem Tod überantwortetes, von der
Auferstehung verklärtes Menschsein anzuerkennen: »Streck deinen Finger
aus — hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine
Seite« (Joh 20,27). Wie Thomas, so fällt die Kirche anbetend vor dem
Auferstandenen in der Fülle seines göttlichen Glanzes nieder und ruft in
alle Ewigkeit aus: »Mein Herr und mein Gott« (Joh 20,28).
22. »Das Wort ist Fleisch geworden!« (Joh 1, 14). Diese wunderbare
Darstellung des Geheimnisses Christi durch Johannes wird vom ganzen Neuen
Testament bestätigt. Auf diese Linie stellt sich auch der Apostel Paulus,
wenn er sagt, daß der Sohn Gottes »dem Fleisch nach als Nachkomme Davids
geboren ist« (Röm 1,3; vgl. 9,5). Wenn heutzutage durch den
Rationalismus, der sich in einem Großteil der modernen Kultur breitmacht,
vor allem der Glaube an die Gottheit Christi Probleme bereitet, gab es in
anderen geschichtlichen und kulturellen Zusammenhängen eher die Tendenz,
die historische Konkretheit der Menschheit Jesu zu schmälern oder zu
zerstreuen. Für den Glauben der Kirche ist es jedoch wesentlich und
unverzichtbar zu bekräftigen, daß das Wort wahrhaft »Fleisch geworden
ist« und alle Dimensionen des Menschlichen angenommen hat, außer die
Sünde (vgl. Hebr 4,15). Aus dieser Perspektive ist die Menschwerdung
wirklich eine Kenosis, ein »Sich-Entäußern«: Der Sohn Gottes
verzichtet auf jene Herrlichkeit, die er von Ewigkeit her besitzt (vgl.
Phil 2,6-8; 1 Petr 3,18).
Andererseits ist diese Erniedrigung des Gottessohnes nicht Selbstzweck;
vielmehr trachtet sie nach der vollen Verherrlichung Christi, auch in
seiner Menschheit: »Darum hat ihn Gott über alle erhöht und im den
Namen verliehen, der größer ist als alle Namen, damit alle im Himmel,
auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu und
jeder Mund bekennt: Jesus Christus ist der Herr — zur Ehre Gottes des
Vaters« (Phil 2,9-11).
23. »Dein Angesicht, Herr, will ich suchen« (Ps 27,8). Die alte
Sehnsucht des Psalmisten konnte keine größere und überraschendere
Erfüllung finden als in der Betrachtung des Angesichtes Christi. In ihm
hat uns Gott wahrhaftig gesegnet und sein »Angesicht leuchten lassen«
über uns (vgl. Ps 67,3). Gleichzeitig offenbart er uns als Gott und
Mensch auch das echte Antlitz des Menschen, er »macht dem Menschen den
Menschen selbst voll kund«.11
Jesus ist »der neue Mensch« (Eph 4,24; Kol 3,10), der die erlöste
Menschheit zur Teilhabe an seinem göttlichen Leben beruft. Im Geheimnis
der Inkarnation werden die Grundlagen für eine Anthropologie gelegt, die
über ihre Grenzen und Widersprüche hinausgehen kann, indem sie sich auf
Gott selbst, ja auf das Ziel der »Vergöttlichung« dadurch zubewegt,
daß der erlöste und zum gemeinsamen Leben mit dem dreifaltigen Gott
zugelassene Mensch in Christus eingegliedert wird. Auf dieser
soteriologischen Dimension des Geheimnisses der Menschwerdung Gottes haben
die Kirchenväter nachdrücklich bestanden: Nur weil der Sohn Gottes
wirklich Mensch geworden ist, kann der Mensch in ihm und durch ihn
wirklich Kind Gottes werden.12
Antlitz des Sohnes
24. Diese göttlich-menschliche Identität geht aus den Evangelien
eindrücklich hervor. Sie bieten uns eine Reihe von Elementen, denen wir
es verdanken, in jene »Grenzzone« des Geheimnisses vordringen zu
können, die vom Selbstbewußtsein Christi verkörpert wird. Die Kirche
bezweifelt nicht, daß die Evangelisten, von Gott inspiriert, aus den
Worten, die Jesus gesprochen hatte, in ihrem Bericht die Wahrheit seiner
Person und das Bewußtsein, das er davon hatte, korrekt erfaßt haben. Ist
es nicht vielleicht das, was uns Lukas sagen will, wenn er die ersten
Worte des kaum zwölfjährigen Jesus im Tempel von Jerusalem festhält? Er
scheint sich schon damals bewußt zu sein, in einer einzigartigen
Beziehung mit Gott zu stehen, eben der Beziehung des »Sohnes«. Der
Mutter, die ihm berichtet, mit welcher Angst sie und Josef nach ihm
gesucht haben, antwortet Jesus nämlich ohne Zögern: »Warum habt ihr
mich gesucht? Wußtet ihr nicht, daß ich in dem sein muß, was meinem
Vater gehört?« (Lk 2,49). Es wundert einen daher nicht, daß seine
Sprache in reifem Alter die Tiefe seines Geheimnisses eindeutig zum
Ausdruck bringt, was sowohl die synoptischen Evangelien (vgl. Mt 11,27; Lk
10,22) als auch und vor allem der Evangelist Johannes ausgiebig
unterstreichen. An seinem Selbstbewußtsein hat Jesus keinen Zweifel: »In
mir ist der Vater und ich bin im Vater« (Joh 10,38).
So sehr es zulässig ist anzunehmen, daß wegen der menschlichen
Verfassung, die ihn an Weisheit und Gnade zunehmen ließ (vgl. Lk 2,52),
auch das menschliche Bewußtsein seines Geheimnisses Fortschritte machte
bis zum vollen Ausdruck seiner verherrlichten Menschheit, besteht
gleichzeitig kein Zweifel daran, daß sich Jesus bereits in seiner
historischen Existenz seiner Identität als Sohn Gottes bewußt war. Das
hebt Johannes hervor, um dann festzustellen, daß Jesus schließlich eben
deshalb abgelehnt und verurteilt wurde: Sie suchten ihn tatsächlich zu
töten, »weil er nicht nur den Sabbat brach, sondern auch Gott seinen
Vater nannte und sich damit Gott gleichstellte« (Joh 5,18). Im Umfeld von
Getsemani und Golgota wird das menschliche Bewußtsein Jesu der härtesten
Prüfung unterworfen werden. Doch nicht einmal das Drama des Leidens und
Sterbens sollte seiner selbstverständlichen Gewißheit, der Sohn des
himmlischen Vaters zu sein, etwas anhaben können.
Antlitz voller Schmerzen
25. Die Betrachtung des Angesichtes Christi bringt uns also dem
paradoxesten Gesichtspunkt seines Geheimnisses näher, der in der letzten
Stunde, der Stunde des Kreuzes, ins Blickfeld rückt. Geheimnis im
Geheimnis, vor dem der Mensch nur in Anbetung das Knie beugen kann.
Vor unseren Augen stehen die Dichte und Schwere, die in der Szene des
Todeskampfes im Garten Getsemani liegen. Von der ihn erwartenden Prüfung
gedrückt und allein vor Gott, ruft Jesus ihn mit seinem gewohnten
zärtlichen und vertraulichen Namen an: «Abba, Vater«. Er bittet ihn,
wenn möglich den Kelch des Leidens an ihm vorübergehen zu lassen (vgl.
Mk 14,36). Aber der Vater scheint die Stimme des Sohnes nicht hören zu
wollen. Um dem Menschen das Angesicht des Vaters zurückzugeben, mußte
Jesus nicht nur das Gesicht des Menschen annehmen, sondern sich sogar das
»Gesicht« der Sünde aufladen. »Er hat den, der keine Sünde kannte,
für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes
würden« (2 Kor 5,21).
Wir werden mit der Erforschung der abgründigen Tiefe dieses Geheimnisses
nie zu Ende kommen. An diesem Paradoxon stößt man an. Es tritt in dem
scheinbar verzweifelten Schmerzensschrei zutage, den Jesus am Kreuz
ausstößt: »Eloì, Eloì, lema sabactani?, das heißt übersetzt: Mein
Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« (Mk 15,34). Kann man sich
eine größere Qual, eine undurchdringlichere Finsternis vorstellen? In
Wirklichkeit wird das angstvolle »Warum?«, das er mit den Anfangsworten
des 22. Psalms an den Vater richtet und das den vollen Realismus eines
unsagbaren Schmerzes bewahrt, durch den Sinn des ganzen Gebetes erhellt.
Darin verknüpft der Psalmist in einer ergreifenden Verflechtung der
Gefühle das Leiden und das Vertrauen miteinander. Der Psalm fährt
nämlich fort: »Dir haben unsere Väter vertraut, sie haben vertraut, und
du hast sie gerettet... Sei mir nicht fern, denn die Not ist nahe, und
niemand ist da, der hilft« (22,5.12).
26. Liebe Brüder und Schwestern, der Schrei Jesu am Kreuz verrät nicht
die Angst eines Verzweifelten, sondern das Gebet des Sohnes, der sein
Leben dem Vater in Liebe darbringt, um allen das Heil zu bringen. Während
er sich mit unserer Sünde identifiziert, überläßt der vom Vater
Verlassene sich den Händen des Vaters. Sein Blick bleibt auf den Vater
gerichtet. Eben wegen der Kenntnis und Erfahrung, die nur er von Gott hat,
sieht er auch in diesem Augenblick der Finsternis klar die Schwere der
Sünde und leidet dafür. Nur er, der den Vater sieht und darüber Freude
in Fülle empfindet, ermißt bis zum Letzten, was es heißt, mit der
Sünde seiner Liebe zu widerstehen. Vor allem und viel mehr als in
körperlicher Hinsicht ist seine Passion schreckliches Leiden der Seele.
Die theologische Tradition ist der Frage nicht ausgewichen, wie Jesus
zugleich die tiefe Verbindung mit dem Vater, die ihrer Natur nach Quelle
der Freude und Seligkeit ist, und den Todeskampf bis zum Schrei der
Verlassenheit leben konnte. Daß diese beiden scheinbar unvereinbaren
Dimensionen nebeneinander stehen, ist tatsächlich in der unergründlichen
Tiefsinnigkeit der hypostatischen Union verwurzelt.
27. Eine wichtige Hilfe im Hinblick auf dieses Geheimnis können wir neben
der theologischen Forschung von jenem großartigen Erbe erhalten, das die
»gelebte Theologie« der Heiligen darstellt. Sie bieten uns wertvolle
Hinweise, die die Annahme der Intuition des Glaubens erleichtern, und zwar
kraft der besonderen Erleuchtungen, die manche von ihnen vom Heiligen
Geist empfangen haben oder sogar durch die Erfahrung, die sie selbst von
jenen schrecklichen Stadien der Prüfung gemacht haben, welche die
mystische Tradition als »finstere Nacht« beschreibt. Nicht selten haben
die Heiligen etwas erlebt, das in der paradoxen Verflechtung von Seligkeit
und Schmerz der Erfahrung Jesu am Kreuz ähnlich ist. Im Dialog der
Göttlichen Vorsehung zeigt Gott-Vater der Katharina von Siena, daß es in
den heiligen Seelen die Freude zusammen mit dem Leiden geben kann: »Die
Seele ist selig und leidet Schmerz: sie leidet wegen der Sünden des
Nächsten, sie ist selig über die Eintracht und die Zuneigung der Liebe,
die sie in sich empfangen hat. Seligkeit und Schmerz ahmen das unbefleckte
Lamm nach, meinen eingeborenen Sohn, der am Kreuz selig war und Schmerz
litt«.13 In gleicher Weise erlebt Theresia von Lisieux ihren Todeskampf
in Gemeinschaft mit dem Todeskampf Jesu, als sie bei sich gerade das
Paradoxon des seligen und angstvollen Jesus feststellte: »Unser Herr im
Garten Getsemani erfreute sich aller Freuden der Dreifaltigkeit, doch sein
Todeskampf war nicht weniger grausam. Es ist ein Geheimnis, doch ich
versichere Ihnen, daß ich aus dem, was ich selbst erlebe, etwas davon
begreife«.14 Ein erleuchtendes Zeugnis! Im übrigen bildet die Erzählung
der Evangelisten selbst die Grundlage für diese kirchliche Wahrnehmung
des Bewußtseins Christi, wenn sie daran erinnern, daß er selbst im
Abgrund seines Schmerzes in der Todesstunde um Vergebung für seine
Peiniger fleht (vgl. Lk 23,34) und dem Vater seine äußerste
Entäußerung als Sohn zum Ausdruck bringt: »Vater, in deine Hände lege
ich meinen Geist« (Lk 23,46).
Antlitz des Auferstandenen
28. Wie am Karfreitag und am Karsamstag versenkt sich die Kirche auch
weiterhin in die Betrachtung dieses blutüberströmten Angesichtes, in dem
das Leben Gottes verborgen ist und die Rettung der Welt angeboten wird.
Aber ihre Betrachtung des Angesichtes Christi kann nicht beim Bild des
Gekreuzigten stehenbleiben. Er ist der Auferstandene! Wenn es nicht so
wäre, dann wäre unsere Verkündigung leer und unser Glaube sinnlos (vgl.
1 Kor 15,14). Die Auferstehung war die Antwort des Vaters auf seinen
Gehorsam, wie der Hebräerbrief ausführt: »Als er auf Erden lebte, hat
er mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten vor den
gebracht, der ihn aus dem Tod retten konnte, und er ist erhört und aus
seiner Angst befreit worden. Obwohl er der Sohn war, hat er durch Leiden
den Gehorsam gelernt; zur Vollendung gelangt, ist er für alle, die ihm
gehorchen, der Urheber des ewigen Heils geworden« (5,7-9).
Es ist der auferstandene Christus, auf den die Kirche jetzt schaut. Dabei
folgt sie dem Beispiel des Petrus, der wegen seiner Verleugnung Tränen
vergoß. Dann aber nahm er seinen Weg wieder auf und bekannte mit
verständlichem Bangen Christus seine Liebe: »Du weißt, daß ich dich
liebe« (Joh 21,15-17). Die Kirche stellt sich auch an die Seite des
Paulus, der dem Auferstandenen auf dem Weg nach Damaskus begegnete und
davon wie vom Blitz getroffen war: »Für mich ist Christus das Leben und
Sterben Gewinn« (Phil 1,21).
Zweitausend Jahre nach diesen Ereignissen erlebt die Kirche sie wieder,
als wären sie heute geschehen. Im Angesicht Christi betrachtet sie, die
Braut, ihren Schatz, ihre Freude. »Dulcis Iesu memoria, dans vera cordis
gaudia«: Wie süß ist die Erinnerung an Jesus, die Quelle echter
Herzensfreude! Durch diese Erfahrung gestärkt, nimmt die Kirche heute
ihren Weg wieder auf, um der Welt zu Beginn des dritten Jahrtausends
Christus zu verkünden: Er »ist derselbe gestern heute und in Ewigkeit«
(Hebr 13,8).
III.
NEU ANFANGEN BEI CHRISTUS
29. »Seid gewiß: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt« (Mt
28,20). Diese Gewißheit, liebe Brüder und Schwestern, hat die Kirche
zweitausend Jahre lang begleitet und wurde jetzt durch die Feier des
Jubiläums in unseren Herzen neu belebt. Wir sollen daraus einen neuen
Aufschwung im christlichen Leben schöpfen. Ja, das Jubiläumsjahr soll
die inspirierende Kraft unseres Weges werden. Im Wissen darum, daß der
Auferstandene unter uns gegenwärtig ist, stellen wir uns heute die Frage,
die an Petrus, der soeben seine Pfingstpredigt auf dem Platz in Jerusalem
gehalten hatte, gerichtet wurde: »Was sollen wir tun?« (Apg 2,37).
Wir stellen uns diese Frage mit zuversichtlichem Optimismus, ohne dabei
die Probleme zu unterschätzen. Das verleitet uns sicher nicht zu der
naiven Ansicht, im Hinblick auf die großen Herausforderungen unserer Zeit
könnte es für uns eine »Zauberformel« geben. Nein, keine Formel wird
uns retten, sondern eine Person, und die Gewißheit, die sie uns ins Herz
spricht: Ich bin bei euch!
Es geht also nicht darum, ein »neues Programm« zu erfinden. Das Programm
liegt schon vor: Seit jeher besteht es, zusammengestellt vom Evangelium
und von der lebendigen Tradition. Es findet letztlich in Christus selbst
seine Mitte. Ihn gilt es kennenzulernen, zu lieben und nachzuahmen, um in
ihm das Leben des dreifaltigen Gottes zu leben und mit ihm der Geschichte
eine neue Gestalt zu geben, bis sie sich im himmlischen Jerusalem
erfüllt. Das Programm ändert sich nicht mit dem Wechsel der Zeiten und
Kulturen, auch wenn es für einen echten Dialog und eine wirksame
Kommunikation die Zeit und die Kultur berücksichtigt. Es ist unser
Programm für das dritte Jahrtausend.
Dennoch muß man das Programm in pastorale Weisungen übersetzen, die den
Bedingungen jeder Gemeinschaft angemessen sind. Das Jubiläum hat uns die
außerordentliche Gelegenheit gegeben, daß sich die ganze Kirche für
einige Jahre auf einen gemeinsamen Weg machen konnte. Es war ein Weg, der
sich katechetisch auf das Thema des dreifaltigen Gottes bezog und von
besonderen pastoralen Initiativen begleitet war, die einer fruchtbaren
Erfahrung des Jubiläums dienen sollten. Ich danke dafür, daß der
Vorschlag, den ich im Apostolischen Brief Tertio millennio adveniente
gemacht habe, in weiten Kreisen herzlich aufgenommen wurde. Jetzt steht
zwar kein unmittelbares Ziel vor unseren Augen, doch dafür der noch
größere und nicht weniger anspruchsvolle Horizont der ordentlichen
Pastoral. In die allgemeinen und unveräußerlichen Koordinaten muß das
eine und einzige Programm des Evangeliums eingehen, wie es seit jeher in
der Geschichte jeder kirchlichen Wirklichkeit geschieht. Und in den
Ortskirchen kann man jene konkreten programmatischen Züge festschreiben,
die es der Verkündigung Jesu Christi erlauben, die Personen zu erreichen,
die Gemeinschaften zu formen und durch das Zeugnis in die Gesellschaft und
die Kultur tief einzuwirken. Zu diesen programmatischen Zügen gehören
Arbeitsziele und -methoden, Ausbildung und Förderung der Mitarbeiter
sowie die Suche der notwendigen Mittel.
Ich fordere daher die Bischöfe der Teilkirchen nachdrücklich auf, mit
Unterstützung durch die Beteiligung der verschiedenen Mitglieder des
Gottesvolkes voll Vertrauen die Etappen des künftigen Weges zu umreißen,
indem sie die Entscheidungen jeder einzelnen Diözesangemeinschaft mit
denen der benachbarten Kirchen und der Universalkirche in Einklang
bringen.
Erleichtert wird ein solcher Einklang sicherlich durch die inzwischen
üblich gewordene kollegiale Arbeit, die von den Bischöfen in den
Bischofskonferenzen und auf den Synoden geleistet wird. War das vielleicht
nicht auch der Sinn der Kontinentalversammlungen der Bischofssynode, die
durch die Erarbeitung wichtiger Richtlinien für die heutige Verkündigung
des Evangeliums in den vielfältigen Rahmenbedingungen und in den
verschiedenen Kulturen die Vorbereitung auf das Jubiläum mitgestaltet
haben? Dieser reiche Schatz an Überlegungen darf man nicht beiseite
legen, vielmehr muß man es konkret umsetzen.
Vor uns liegt also das Werk der pastoralen Wiederbelebung: Eine Arbeit,
die begeistert und uns alle einbezieht. Ich möchte jedoch zur allgemeinen
Ermutigung und Orientierung auf einige pastorale Prioritäten hinweisen,
die gerade die Erfahrung des Großen Jubiläums besonders eindringlich vor
meinem Auge hat erstehen lassen.
Die Heiligkeit
30. Ohne Umschweife sage ich vor allen anderen Dingen: Die Perspektive, in
die der pastorale Weg eingebettet ist, heißt Heiligkeit. Liegt darin
nicht auch der letzte Sinn des Jubiläumsablasses, jener besonderen Gnade,
die Christus anbietet, damit das Leben eines jeden Getauften gereinigt und
aus der Tiefe heraus erneuert werde?
Ich wünsche mir, daß unter denen, die am Jubiläum teilgenommen haben,
sich viele dieser Gnade erfreuen und sich dessen bewußt sind, daß die
Gnade anspruchsvoll ist. Nach dem Jubiläum beginnt wieder der ordentliche
Weg, doch der Hinweis auf die Heiligkeit bleibt mehr denn je ein
dringendes Desiderat der Pastoral.
Dann gilt es, das V. Kapitel der Dogmatischen Konstitution über die
Kirche Lumen gentium in seinem ganzen programmatischen Wert neu zu
entdecken. Dieses Kapitel ist der »allgemeinen Berufung zur Heiligkeit«
gewidmet. Wenn die Konzilsväter diesem Thema so viel Bedeutung
beigemessen haben, dann taten sie das nicht, um der Ekklesiologie
gleichsam einen spirituellen Anstrich zu geben. Vielmehr wollten sie, daß
dadurch eine innere Dynamik zum Ausdruck kommt, die ihr eigen ist. Die
Wiederentdeckung der Kirche als »Geheimnis« oder als »das von der
Einheit des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes her geeinte
Volk« 15 mußte auch zur Weiderentdeckung ihrer »Heiligkeit« führen.
Heiligkeit ist hier im grundsätzlichen Sinn verstanden als Zugehörigkeit
zu dem, der eigentlich der Heilige, ja »der dreimal Heilige« ist (vgl.
Jes 6,3). Das Bekenntnis zur »heiligen« Kirche bedeutet auf ihr Antlitz
als Braut Christi zu verweisen, für die er sich gerade deshalb hingegeben
hat, um sie zu heiligen (vgl. Eph 5,25-26). Dieses Geschenk der Heiligkeit
ist sozusagen »objektiv«. Es ist jedem Getauften angeboten.
Doch setzt sich das Geschenk seinerseits in eine Aufgabe um, die die ganze
christliche Existenz leiten muß. »Das ist es, was Gott will: eure
Heiligkeit« (1 Thess 4,3). Dieser Auftrag betrifft nicht nur einige
Christen: »Alle Christgläubigen jeglichen Standes oder Ranges sind zur
Fülle des christlichen Lebens und zur vollkommenen Liebe berufen«.16
31. Wenn man diese grundlegende Wahrheit in Erinnerung ruft und als Basis
für unsere pastorale Planung am Anfang des neuen Jahrtausends nimmt,
könnte es auf den ersten Blick scheinen, daß es sich dabei um etwas
wenig Umsetzbares handelt. Kann man Heiligkeit etwa »planen«? Was kann
dieses Wort in der Logik eines Pastoralplanes bedeuten?
Wer die seelsorgliche Planung unter das Zeichen der Heiligkeit stellt,
trifft in der Tat eine Entscheidung mit Tragweite. Damit wird die
Überzeugung ausgedrückt, daß es widersinnig wäre, sich mit einem
mittelmäßigen Leben zufriedenzugeben, das im Zeichen einer
minimalistischen Ethik und einer oberflächlichen Religiosität geführt
wird, wenn die Taufe durch die Einverleibung in Christus und die
Einwohnung des Heiligen Geistes ein wahrer Eintritt in die Heiligkeit
Gottes ist.
Einen Katechumenen fragen: »Möchtest du die Taufe empfangen?«, das
schließt gleichzeitig die Frage ein: »Möchtest du heilig werden?«. Es
bedeutet, seinen Lebensweg vom Radikalismus der Bergpredigt leiten zu
lassen: »Ihr sollt vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater
ist« (Mt 5,48).
Das Konzil selbst hat erklärt, daß man dieses Ideal der Vollkommenheit
nicht falsch verstehen darf, als sei es eine Art außerordentlichen
Lebens, das nur von einigen »Genies« der Heiligkeit geführt werden
könnte. Die Wege der Heiligkeit sind vielfältig, und der Berufung eines
jeden angepaßt. Ich danke dem Herrn, daß er es mir geschenkt hat, in
diesen Jahren so viele Christen selig- und heiligsprechen zu dürfen.
Darunter waren auch viele Laien, die unter Bedingungen, wie sie das ganz
gewöhnliche Leben vorgibt, heilig wurden. Es ist jetzt an der Zeit, allen
mit Überzeugungskraft diesen »hohen Maßstab« des gewöhnlichen
christlichen Lebens neu vor Augen zu stellen. Das ganze Leben der
kirchlichen Gemeinschaft und der christlichen Familien muß in diese
Richtung führen. Es ist aber auch offenkundig, daß die Wege der
Heiligkeit persönliche Wege sind. Sie erfordern eine wahre und eigene
Pädagogik der Heiligkeit, die sich den Rhythmen der einzelnen Personen
anzupassen vermag. Diese Pädagogik wird den Reichtum dessen, was allen
vorgelegt wird, verbinden müssen mit den überkommenen Formen der Hilfe
durch Personen und Gruppen sowie mit den jüngeren Formen, die sich in den
Verbänden und den von der Kirche anerkannten Bewegungen finden.
Das Gebet
32. Für diese »Pädagogik der Heiligkeit« braucht es ein Christentum,
das sich vor allem durch die Kunst des Gebets auszeichnet. Das
Jubiläumsjahr war ein Jahr intensivsten persönlichen und
gemeinschaftlichen Betens. Aber wir wissen sehr wohl, daß auch das Gebet
nicht »automatisch« vorausgesetzt werden kann. Beten muß man lernen,
indem man diese Kunst immer aufs neue gleichsam von den Lippen des
göttlichen Meisters selbst abliest. So haben es die ersten Jünger getan:
»Herr, lehre uns beten!« (Lk 11,1). Im Gebet entwickelt sich jener
Dialog mit Christus, der uns zu seinen engsten Vertrauten macht: »Bleibt
in mir, dann bleibe ich in euch« (Joh 15,4). Diese Wechselseitigkeit ist
der eigentliche Kern, die Seele des christlichen Lebens und die
Voraussetzung für jede echte Seelsorge. Vom Heiligen Geist gewirkt, macht
sie uns durch Christus und in Christus offen, damit wir das Antlitz des
Vaters betrachten können. Das Erlernen dieser trinitarischen Logik des
christlichen Gebets, indem man es vor allem in der Liturgie, Höhepunkt
und Quelle des kirchlichen Lebens,17 aber auch in der persönlichen
Erfahrung lebt, ist das Geheimnis eines wirklich lebendigen Christentums,
das keinen Grund hat, sich vor der Zukunft zu fürchten, weil es
unablässig zu den Quellen zurückkehrt und sich in ihnen erneuert.
33. Ist es nicht vielleicht ein »Zeichen der Zeit«, daß man heute in
der Welt trotz der weitreichenden Säkularisierungsprozesse ein
verbreitetes Bedürfnis nach Spiritualität verzeichnet, das
größtenteils eben in einem erneuerten Gebetsbedürfnis zum Ausdruck
kommt? Auch die anderen Religionen, die nunmehr in den alten
Christianisierungsgebieten weit verbreitet sind, bieten ihre eigenen
Antworten auf dieses Bedürfnis an und tun dies manchmal mit gewinnenden
Methoden. Da uns die Gnade gegeben ist, an Christus zu glauben, den
Offenbarer des Vaters und Retter der Welt, haben wir die Pflicht zu
zeigen, in welche Tiefe die Beziehung zu ihm zu führen vermag.
Die große mystische Tradition der Kirche im Osten wie im Westen hat
diesbezüglich viel zu sagen. Sie zeigt, wie das Gebet Fortschritte machen
kann. Als wahrer und eigentlicher Dialog der Liebe kann er die menschliche
Person ganz zum Besitz des göttlichen Geliebten machen, auf den Anstoß
des Heiligen Geistes hin bewegt und als Kind Gottes dem Herzen des Vaters
überlassen. Dann macht man die lebendige Erfahrung der Verheißung
Christi: »Wer mich liebt, wird von meinem himmlischen Vater geliebt
werden, und auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren« (Joh
14,21). Es handelt sich um einen Weg, der ganz von der Gnade gehalten ist
und dennoch einen starken geistlichen Einsatz verlangt. Er kennt auch
schmerzvolle Reinigungen (die »dunkle Nacht«), führt aber in
verschiedenen möglichen Weisen zur unsagbaren Freude, die von den
Mystikern als »bräutliche Vereinigung« erlebt wurde. Wie kann man an
dieser Stelle unter so vielen strahlenden Zeugnissen die Lehre des
heiligen Johannes vom Kreuz und der heiligen Theresia von Avila
übergehen?
Ja, liebe Schwestern und Brüder, unsere christlichen Gemeinden müssen
echte »Schulen« des Gebets werden, wo die Begegnung mit Christus nicht
nur im Flehen um Hilfe Ausdruck findet, sondern auch in Danksagung, Lob,
Anbetung, Betrachtung, Zuhören, Leidenschaft der Gefühle bis hin zu
einer richtigen »Liebschaft« des Herzens. Ein intensives Gebet also, das
jedoch nicht von der historischen Aufgabe ablenkt: Denn während es auf
Grund seiner Natur das Herz der Gottesliebe öffnet, öffnet es dieses
auch der Liebe zu den Brüdern und befähigt sie, die Geschichte nach
Gottes Plan aufzubauen.18
34. Gewiß sind zum Gebet vor allem jene Gläubigen aufgerufen, die das
Geschenk der Berufung zu einem Leben besonderer Weihe empfangen haben: Das
Gebet macht sie auf Grund seines Wesens bereiter für die kontemplative
Erfahrung. Deshalb müssen sie es mit hochherzigem Einsatz pflegen. Aber
man ginge fehl, würde man annehmen, die gewöhnlichen Christen könnten
sich mit einem oberflächlichen Gebet zufriedengeben, das ihr Leben nicht
zu erfüllen vermag. Besonders angesichts der zahlreichen Prüfungen, vor
die die heutige Welt den Glauben stellt, wären sie nicht nur
mittelmäßige Christen, sondern »gefährdete Christen«. Denn sie
würden das gefährliche Risiko eingehen, ihren Glauben allmählich
schwinden zu sehen. Schließlich würden sie womöglich dem Reiz von
»Surrogaten« erliegen, indem sie alternative religiöse Angebote
annehmen und sogar den seltsamen Formen des Aberglaubens nachgeben.
Deshalb muß die Gebetserziehung auf irgendeine Weise zu einem bedeutsamen
Punkt jeder Pastoralplanung werden. Ich selbst habe mich darauf
eingestellt, die nächsten Mittwochskatechesen der Reflexion über die
Psalmen zu widmen, angefangen mit denen der Laudes. Da lädt das
öffentliche Gebet der Kirche uns ein, unsere Tage zu heiligen und ihnen
eine Richtung zu geben.
Wie nützlich wäre es, wenn nicht nur in den Ordensgemeinschaften,
sondern auch in den Pfarrgemeinden mehr Wert auf ein Klima gelegt würde,
in dem das Gebet vorherrscht. Man müßte mit der gebotenen Unterscheidung
die Weisen der Volksfrömmigkeit hochschätzen und das Volk vor allem für
die liturgischen Formen bilden. Der Tagesplan einer christlichen Gemeinde
müßte die vielfältigen pastoralen Tätigkeiten und das Zeugnis in der
Welt mit der Feier der Eucharistie und womöglich mit den Laudes und der
Vesper verbinden. Ein solcher Tagesablauf ist denkbarer, als man gemeinhin
glauben mag. Das zeigt die Erfahrung vieler christlich engagierter
Gruppen, die auch einen hohen Anteil an Laien unter sich verzeichnen.
Die sonntägliche Eucharistiefeier
35. Der größte Einsatz muß daher für die Liturgie aufgewandt werden,
die der »Höhepunkt [ist], dem das Tun der Kirche zustrebt, und zugleich
die Quelle, aus der all ihre Kraft strömt«.19 Im 20. Jahrhundert,
besonders seit dem Konzil, ist die christliche Gemeinde in der Feier der
Sakramente, vor allem der Eucharistie, gewachsen. Man muß diese Richtung
weiterverfolgen durch besondere Hervorhebung der sonntäglichen
Eucharistiefeier und des Sonntags selbst, der als besonderer Tag des
Glaubens, als Tag des auferstandenen Herrn und des Geschenkes des Geistes,
als wöchentliches Ostern wahrgenommen wird.20 Seit zweitausend Jahren ist
die christliche Zeitrechnung von der Erinnerung an jenen »ersten Tag der
Woche« (Mk 16,2.9; Lk 24,1; Joh 20,1) geprägt, an dem der auferstandene
Christus den Aposteln das Geschenk des Friedens und des Geistes brachte
(vgl. Joh 20,19-23). Die Wahrheit von der Auferstehung Christi ist das
Ur-Ereignis, auf dem der christliche Glaube beruht (vgl. 1 Kor 15,14), das
Ereignis, das im Zentrum des Geheimnisses der Zeit steht und auf den
letzten Tag vorausweist, an dem der glorreiche Christus wiederkommen wird.
Wir wissen zwar nicht, welche Geschehnisse uns das eben beginnende
Jahrtausend bescheren wird; doch wir haben die Gewißheit, daß es fest in
den Händen Christi liegen wird, der »König der Könige und Herr der
Herren« ist (Offb 19,16). Dadurch, daß die Kirche nicht nur einmal im
Jahr, sondern an jedem Sonntag Ostern feiert, wird sie weiterhin jede
Generation hinweisen »auf die tragende Achse der Geschichte, auf die sich
das Geheimnis des Anfangs der Welt wie das ihrer endgültigen Bestimmung
zurückführen lassen«.21
36. Deshalb möchte ich auf der Linie von Dies Domini bekräftigen, daß
die Teilnahme an der Eucharistie für jeden Getauften wirklich das Herz
des Sonntags sei. Dies ist ein unverzichtbarer Anspruch, den man nicht nur
erfüllt, um einer Pflicht nachzukommen, sondern weil er für ein wahrhaft
bewußtes und stimmiges christliches Leben notwendig ist. Wir treten in
ein Jahrtausend ein, in dem sich auch in den Ländern alter christlicher
Tradition ein Ineinander von Kulturen und Religionen abzeichnet. In vielen
Gebieten sind oder werden die Christen eine »kleine Herde« (Lk 12,32).
Dieser Umstand stellt sie vor die Herausforderung, oft auf verlorenem
Posten und unter Schwierigkeiten noch kraftvoller für die besonderen
Züge der eigenen Identität Zeugnis abzulegen. Dazu gehört auch die
Pflicht, jeden Sonntag an der Eucharistiefeier teilzunehmen. Die
Eucharistie sammelt jede Woche am Sonntag die Christen als Familie Gottes
um den Tisch des Wortes und des Lebensbrotes. So ist sie auch das
natürlichste Mittel gegen die Zerstreuung. Sie ist der vorzügliche Ort,
wo die Gemeinschaft ständig verkündet und gepflegt wird. Gerade durch
die Teilnahme an der Eucharistie wird der Tag des Herrn auch der Tag der
Kirche,22 die auf diese Weise ihre Rolle als Sakrament der Einheit wirksam
spielen kann.
Das Sakrament der Versöhnung
37. Sodann bitte ich um einen neuen pastoralen Mut, damit die tägliche
Pädagogik der christlichen Gemeinden überzeugend und wirksam die Praxis
des Sakramentes der Versöhnung vorzulegen vermag. Wie ihr euch erinnert,
habe ich mich im Jahre 1984 zu diesem Thema mit der nachsynodalen
Exhortation Reconciliatio et paenitentia geäußert. Dieses Dokument
faßte die Früchte der Überlegungen zusammen, die eine Versammlung der
Bischofssynode zu diesem Problem hervorgebracht hatte. Damals habe ich
darum gebeten, mit aller Anstrengung die Krise des »Sündenbewußtseins«
anzugehen, die sich in der zeitgenössischen Kultur feststellen läßt.23
Mehr noch habe ich dazu eingeladen, Jesus Christus als mysterium pietatis
wieder freizulegen. In Christus zeigt uns Gott sein mitfühlendes Herz und
versöhnt uns ganz mit sich. Dieses Antlitz Christi muß man auch durch
das Sakrament der Buße neu zeigen. Das Bußsakrament ist für einen
Christen »der ordentliche Weg, um die Vergebung und die Verzeihung seiner
schweren Sünden zu erlangen, die er nach der Taufe begangen hat«.24 Als
die schon erwähnte Synode das Problem behandelte, hatten alle die Krise
des Sakraments im Auge, die sich besonders in einigen Gebieten der Welt
zeigt. Die Gründe, die an der Wurzel liegen, sind in dieser kurzen
Zeitspanne nicht geschwunden. Doch war das Jubiläumsjahr besonders von
einer Rückkehr zur sakramentalen Buße geprägt; so hält es eine
ermutigende Botschaft bereit, die man nicht unterschlagen sollte: Wenn
viele Gläubige, darunter auch zahlreiche Jugendliche, dieses Sakrament
fruchtbar empfangen haben, dann müssen wahrscheinlich die Hirten mehr
Vertrauen, mehr Phantasie und einen längeren Atem haben, um das
Bußsakrament in der Verkündigung vorzulegen und seine Wertschätzung zu
fördern. Wir dürfen, liebe Brüder im Priesteramt, vor zeitbedingten
Krisen nicht resignieren! Die Gaben des Herrn — und die Sakramente
gehören zu den wertvollsten — kommen von Demjenigen, der das Herz des
Menschen gut kennt und der der Herr der Geschichte ist.
Der Vorrang der Gnade
38. Sich mit größerem Vertrauen in der vor uns liegenden Planung für
eine Seelsorge einzusetzen, die dem persönlichen und gemeinschaftlichen
Gebet ganz Raum gibt, bedeutet ein wesentliches Prinzip der christlichen
Lebensauffassung zu achten: der Vorrang der Gnade. Es gibt eine
Versuchung, die seit jeher jeden geistlichen Weg und selbst das pastorale
Wirken gefährdet: zu glauben, daß die Ergebnisse von unserem Machen und
Planen abhängen. Gewiß bittet uns Gott um eine reale Mitwirkung an
seiner Gnade und fordert uns daher auf, alle unsere intellektuellen und
praktischen Fähigkeiten in unseren Dienst für die Sache des Reiches
Gottes zu investieren. Aber wehe, wenn wir vergessen, daß wir »ohne
Christus nichts vollbringen können« (vgl. Joh 15,5).
Das Gebet läßt uns genau in dieser Wahrheit leben. Es erinnert uns
beständig an den Primat Christi und im Verhältnis zu ihm an den Primat
des inneren Lebens und der Heiligkeit. Muß man sich, wann immer dieses
Prinzip nicht eingehalten wird, noch wundern, wenn die pastoralen Vorhaben
auf ein Scheitern zusteuern und im Herzen ein entmutigendes Gefühl der
Frustration zurücklassen? Dann machen wir die Erfahrung, die den Jüngern
beim wunderbaren Fischfang zuteil wurde. Das Evangelium berichtet von
dieser Episode: »Wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts
gefangen« (Lk 5,5). Das ist der Augenblick des Glaubens, des Gebets, des
Dialogs mit Gott, um das Herz dem Strom der Gnade zu öffnen und dem Wort
Christi zu gestatten, uns mit aller Kraft zu durchdringen: Duc in altum!
Es war Petrus, der bei jenem Fischfang das Wort des Glaubens sprach:
»Doch wenn du es sagst, werde ich die Netze auswerfen« (ebd.). Gestattet
dem Nachfolger Petri an diesem Beginn des Jahrtausends, die ganze Kirche
zu diesem Glaubensakt einzuladen, der sich in einem erneuerten Bemühen um
das Gebet ausdrückt.
Auf das Wort hören
39. Es besteht kein Zweifel, daß man diesen Primat des Gebets und der
Heiligkeit nur von einem erneuerten Hören des Wortes Gottes her annehmen
kann. Seitdem das II. Vatikanische Konzil die herausragende Rolle des
Wortes Gottes im Leben der Kirche unterstrichen hat, hat man im eifrigen
Hören und aufmerksamen Lesen der Heiligen Schrift sicher große
Fortschritte gemacht. Der Heiligen Schrift ist die Ehre sicher, die sie im
öffentlichen Gebet der Kirche verdient. Auf sie greifen nunmehr in
größerem Maße die einzelnen und die Gemeinden zurück; gerade unter den
Laien gibt es viele, die sich ihr auch mit der wertvollen Hilfe
theologischer und biblischer Studien widmen. Vor allem ist es auch die
Arbeit der Evangelisierung und der Katechese, die gerade in der
Aufmerksamkeit für das Wort Gottes neu belebt wird. Liebe Brüder und
Schwestern, diese Linie gilt es auch durch die Verbreitung der Bibel in
den Familien zu festigen und zu vertiefen. Besonders notwendig ist es,
daß das Hören des Wortes zu einer lebendigen Begegnung in der alten und
noch immer gültigen Tradition der lectio divina wird. Sie läßt uns im
biblischen Text das lebendige Wort erfassen, das Fragen an uns stellt,
Orientierung gibt und unser Dasein gestaltet.
Das Wort verkünden
40. Uns vom Wort nähren, um im Bemühen um die Evangelisierung »Diener
des Wortes zu sein«: Das ist mit Sicherheit eine Priorität für die
Kirche am Beginn des neuen Jahrtausends. Der Bestand einer »christlichen
Gesellschaft«, die sich, trotz der vielen Schwächen, die das Menschliche
immer kennzeichnen, ausdrücklich an die Werte des Evangeliums hielt,
gehört inzwischen auch in den alten Evangelisierungsgebieten der
Vergangenheit an. Heute muß man sich mutig einer Situation stellen, die
im Zusammenhang mit der Globalisierung und der neuen gegenseitigen
Verflechtung von Völkern und Kulturen, die sie mit sich bringt, immer
vielfältiger und anspruchsvoller wird. Unzählige Male habe ich in diesen
Jahren den Aufruf zur Neuevangelisierung wiederholt. Ich bekräftige ihn
jetzt noch einmal, vor allem um darauf hinzuweisen, daß es unbedingt
nötig ist, in uns wieder den Schwung des Anfangs dadurch zu entzünden,
daß wir uns von dem glühenden Eifer der apostolischen Verkündigung, die
auf Pfingsten folgte, mitreißen lassen. Wir müssen uns die glühende
Leidenschaft des Paulus zu eigen machen, der ausrief: »Weh mir, wenn ich
das Evangelium nicht verkünde!« (1 Kor 9,16).
Diese Leidenschaft wird es nicht versäumen, ein neues missionarisches
Engagement in der Kirche zu wecken, das nicht einer kleinen Schar von
»Spezialisten« übertragen werden kann, sondern letztendlich die
Verantwortung aller Glieder des Gottesvolkes einbeziehen muß. Wer
Christus wirklich begegnet ist, kann ihn nicht für sich behalten, er muß
ihn verkündigen. Ein neuer apostolischer Aufbruch tut not, der als
tägliche Verpflichtung der christlichen Gemeinden und Gruppen gelebt
werden soll. Das wird jedoch mit dem gebührenden Respekt vor dem jeweils
unterschiedlichen Weg eines jeden Menschen und mit Aufmerksamkeit
gegenüber den verschiedenen Kulturen geschehen, in die die christliche
Botschaft eingebettet werden soll, so daß die spezifischen Werte jedes
Volkes nicht verleugnet, sondern gereinigt und zu ihrer Fülle gebracht
werden.
Das Christentum des dritten Jahrtausends wird immer auf diese
Notwendigkeit der Inkulturation eingehen müssen. Es bewahrt voll seine
eigene Identität in totaler Treue zur Verkündigung des Evangeliums und
zur Tradition der Kirche und trägt auch das Angesicht der vielen Kulturen
und Völker, in die es hineingegeben und verwurzelt wird. An der
Schönheit dieses vielseitigen Gesichtes der Kirche haben wir uns
besonders im Jubiläumsjahr erfreut. Vielleicht ist es nur ein Anfang,
eine gerade einmal skizzierte Ikone der Zukunft, die Gottes Geist für uns
bereitet.
Das Angebot Jesu Christi muß voll Vertrauen an alle ergehen. Man soll
sich an die Erwachsenen, an die Familien, an die Jugendlichen, an die
Kinder wenden, ohne jemals die radikalsten Forderungen zu verheimlichen,
die das Evangelium stellt. Doch man muß auch den Bedürfnissen jedes
einzelnen entgegenkommen, was Einfühlungsvermögen und Sprache angelangt.
Paulus kann dafür als Beispiel dienen: »Allen bin ich alles geworden, um
auf jeden Fall einige zu retten« (1 Kor 9,22). Während ich das alles
empfehle, denke ich besonders an die Jugendseelsorge. Gerade im Hinblick
auf die Jugendlichen hat uns das Jubiläum — woran ich kurz vorher schon
erinnert habe — ein Zeugnis hochherziger Bereitschaft geboten. Wir
müssen diese tröstende Antwort dadurch zur Geltung bringen, daß wir
jenen Enthusiasmus wie ein neues Talent investieren (vgl. Mt 25,15), das
der Herr uns in die Hand gegeben hat, damit wir es Früchte bringen
lassen.
41. In diesem vertrauensvollen, zupackenden und kreativen missionarischen
Bemühen trage und leite uns das leuchtende Beispiel vieler
Glaubenszeugen, an die uns das Jubiläum erinnert hat. Die Kirche hat in
ihren Märtyrern stets einen Samen des Lebens gefunden. Sanguis martyrum
— semen christianorum: 25 Dieses berühmte »Gesetz«, das Tertullian
aufstellte, hat seine Wahrheit in der Geschichte bewiesen. Wird es nicht
auch so sein für das Jahrhundert, ja das Jahrtausend, das wir gerade
beginnen? Vielleicht haben wir uns zu sehr daran gewöhnt, die Märtyrer
weit weg von uns zu rücken, als handelte es sich um eine Kategorie der
Vergangenheit, die vor allem mit den ersten Jahrhunderten der christlichen
Zeitrechnung zu verbinden ist. Das Gedächtnis des Jubiläums hat uns
einen überraschenden Schauplatz eröffnet. Es hat uns gezeigt, daß
unsere Zeit reich ist an Zeugen, die auf je eigene Weise trotz Widerstand
und Verfolgung das Evangelium zu leben vermochten und dabei oft bis zur
höchsten Hingabe des Blutes gegangen sind. In ihnen ist das Wort Gottes
auf guten Boden gefallen und hat hundertfältige Frucht gebracht (vgl. Mt
13,8.23). Mit ihrem Beispiel haben sie uns den Weg in die Zukunft gewiesen
und gleichsam geebnet. Uns bleibt nichts, als mit der Gnade Gottes in ihre
Fußstapfen zu treten.
IV
EINE ZUKUNFT DER LIEBE
42. »Daran werden alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid: wenn ihr
einander liebt« (Joh 13,35). Wenn wir das Antlitz Christi wirklich
betrachtet haben, liebe Brüder und Schwestern, dann muß sich unsere
pastorale Planung an dem »neuen Gebot« ausrichten, das er uns gegeben
hat: »Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben« (Joh
13,34).
Der andere große Bereich, wo sich ein entschlossenes Engagement für die
Planung auf der Ebene der Gesamtkirche und der Teilkirchen ausdrücken
muß, ist die Gemeinschaft (koinonía, communio), die das eigentliche
Wesen des Geheimnisses der Kirche verkörpert und deutlich macht. Die
Gemeinschaft ist Frucht und sichtbarer Ausdruck jener Liebe, die aus dem
Herzen des ewigen Vaters entspringt und durch den Geist, den uns Jesus
schenkt (vgl. Röm 5,5), in uns ausgegossen wird, um aus uns allen »ein
Herz und eine Seele« (Apg 4,32) zu machen. Durch die Verwirklichung
dieser Liebesgemeinschaft offenbart sich die Kirche als »Sakrament«, das
heißt als »Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott
wie für die Einheit der ganzen Menschheit«.26
Die Worte, die der Herr dafür findet, sind zu klar, als daß man ihre
Bedeutung unterschätzen könnte. Wenn die Kirche auf ihrem Weg durch die
Zeit auch im neuen Jahrhundert viele Dinge braucht, ohne die Liebe (agape)
wäre alles umsonst. Der Apostel Paulus selbst erinnert uns daran in
seinem Hymnus an die Liebe: Auch wenn wir in den Sprachen der Menschen und
Engel redeten und einen Glauben hätten, »um damit Berge zu versetzen«,
hätten aber die Liebe nicht, wäre alles »nichts« (vgl. 1 Kor 13,2).
Die Liebe ist wirklich das »Herz« der Kirche, wie es die heilige
Theresia von Lisieux richtig erfaßt hatte. Gerade als Expertin der
scientia amoris habe ich sie zur Kirchenlehrerin erhoben: »Ich verstand,
daß die Kirche ein Herz hatte und daß dieses Herz von Liebe entflammt
war. Ich verstand, daß nur die Liebe die Glieder der Kirche handeln ließ
[...]. Ich verstand, daß die Liebe alle Berufungen einschloß, daß die
Liebe alles war«.27
Eine Spiritualität der Gemeinschaft
43. Die Kirche zum Haus und zur Schule der Gemeinschaft machen, darin
liegt die große Herausforderung, die in dem beginnenden Jahrtausend vor
uns steht, wenn wir dem Plan Gottes treu sein und auch den tiefgreifenden
Erwartungen der Welt entsprechen wollen.
Was bedeutet das konkret? Auch hier könnte die Rede sofort praktisch
werden, doch es wäre falsch, einem solchen Anstoß nachzugeben. Vor der
Planung konkreter Initiativen gilt es, eine Spiritualität der
Gemeinschaft zu fördern, indem man sie überall dort als
Erziehungsprinzip herausstellt, wo man den Menschen und Christen formt, wo
man die geweihten Amtsträger, die Ordensleute und die Mitarbeiter in der
Seelsorge ausbildet, wo man die Familien und Gemeinden aufbaut.
Spiritualität der Gemeinschaft bedeutet vor allem, den Blick des Herzens
auf das Geheimnis der Dreifaltigkeit zu lenken, das in uns wohnt und
dessen Licht auch auf dem Angesicht der Brüder und Schwestern neben uns
wahrgenommen werden muß. Spiritualität der Gemeinschaft bedeutet zudem
die Fähigkeit, den Bruder und die Schwester im Glauben in der tiefen
Einheit des mystischen Leibes zu erkennen, d.h. es geht um »einen, der zu
mir gehört«, damit ich seine Freuden und seine Leiden teilen, seine
Wünsche erahnen und mich seiner Bedürfnisse annehmen und ihm
schließlich echte, tiefe Freundschaft anbieten kann. Spiritualität der
Gemeinschaft ist auch die Fähigkeit, vor allem das Positive im anderen zu
sehen, um es als Gottesgeschenk anzunehmen und zu schätzen: nicht nur ein
Geschenk für den anderen, der es direkt empfangen hat, sondern auch ein
»Geschenk für mich«. Spiritualität der Gemeinschaft heißt
schließlich, dem Bruder »Platz machen« können, indem »einer des
anderen Last trägt« (Gal 6,2) und den egoistischen Versuchungen
widersteht, die uns dauernd bedrohen und Rivalität, Karrierismus,
Mißtrauen und Eifersüchteleien erzeugen. Machen wir uns keine
Illusionen: Ohne diesen geistlichen Weg würden die äußeren Mittel der
Gemeinschaft recht wenig nützen. Sie würden zu seelenlosen Apparaten
werden, eher Masken der Gemeinschaft als Möglichkeiten, daß diese sich
ausdrücken und wachsen kann.
44. Auf dieser Grundlage werden wir uns im neuen Jahrhundert mehr denn je
dafür einsetzen müssen, jene Bereiche und Hilfsmittel zu erschließen
und zu entwickeln, die gemäß den großen Richtlinien des II.
Vatikanischen Konzils dazu dienen, die Gemeinschaft zu stützen und zu
sichern. Muß man da nicht vor allem an die besonderen Dienste an der
Gemeinschaft denken, wie etwa das Petrusamt und, in enger Beziehung zu
ihm, die bischöfliche Kollegialität? Es handelt sich um Wirklichkeiten,
die ihre Grundlage und ihren Bestand im Plan Christi für die Kirche
haben,28 aber eben deshalb einer ständigen Überprüfung bedürfen, damit
garantiert bleibt, daß sie wirklich vom Evangelium her inspiriert sind.
Auch was die Reform der Römischen Kurie, die Organisation der Synoden und
die Arbeitsweise der Bischofskonferenzen betrifft, ist seit dem Zweiten
Vatikanischen Konzil viel geschehen. Aber es bleibt sicherlich noch viel
zu tun, um die Möglichkeiten dieser Werkzeuge der Gemeinschaft besser zum
Ausdruck zu bringen. Sind diese doch heute besonders notwendig, da man
unverzüglich und wirkungsvoll auf die Probleme antworten muß, mit denen
sich die Kirche in den sich überstürzenden Veränderungen unserer Zeit
auseinanderzusetzen hat.
45. Die Räume der Gemeinschaft müssen im gesamten Leben jeder Kirche Tag
für Tag auf allen Ebenen gepflegt und ausgeweitet werden. Hier muß die
Gemeinschaft zum Strahlen kommen in den Beziehungen zwischen Bischöfen,
Priestern und Diakonen, zwischen Hirten und dem ganzen Volk Gottes,
zwischen Klerus und Ordensleuten, zwischen kirchlichen Vereinigungen und
Bewegungen. Zu diesem Zweck muß man die vom Kirchenrecht zur Mitarbeit in
der Teilkirche vorgesehenen Organe, wie die Priester- und Pastoralräte,
immer besser zur Geltung bringen. Sie folgen zwar bekanntlich nicht den
Kriterien der parlamentarischen Demokratie, weil ihre Arbeit Beratungs-
und nicht Entscheidungscharakter hat; 29 doch verlieren sie deshalb nicht
anBedeutung. Theologie und Spiritualität der Gemeinschaft bewirken
nämlich ein wechselseitiges Zuhören zwischen Hirten und Gläubigen.
Dadurch bleiben sie einerseits in allem, was wesentlich ist, a priori
eins, und andererseits führt das Zuhören dazu, daß es auch in den
diskutierbaren Fragen normalerweise ausgewogene und gemeinsam vertretbare
Entscheidungen kommt.
Zu diesem Zweck müssen wir uns die alte pastorale Weisheit zu eigen
machen, welche die Hirten, ohne jegliche Schmälerung ihrer Autorität,
dazu ermutigte, das ganze Volk Gottes so weit wie möglich anzuhören.
Bezeichnend ist, woran der heilige Benedikt den Abt des Klosters erinnert,
wenn er ihn auffordert, auch die jüngsten Mitglieder zu befragen: »Der
Herr offenbart oft einem Jüngeren, was das Bessere ist«.30 Und der
heilige Paulinus von Nola mahnt: »Wir wollen an den Lippen aller
Glaubenden hängen, weil in jedem Gläubigen der Geist Gottes weht«.31
Wenn daher die Rechtsweisheit durch präzise Festlegung von Regeln für
die Teilnahme die hierarchische Struktur der Kirche herausstellt sowie
Versuchungen zu Willkür und ungerechtfertigten Ansprüchen abwehrt, so
verleiht die Spiritualität der Gemeinschaft dem institutionellen
Tatbestand eine Seele und leitet zu Vertrauen und Öffnung an, die der
Würde und Verantwortung eines jeden Gliedes des Gottesvolkes voll
entspricht.
Die Vielfalt der Berufungen
46. Diese Sicht von Gemeinschaft ist eng verbunden mit der Fähigkeit der
christlichen Gemeinschaft, allen Gaben des Geistes Raum zu geben. Die
Einheit der Kirche bedeutet nicht Einförmigkeit, sondern organische
Integration der legitimen Verschiedenheiten. Es geht um die Wirklichkeit,
daß die vielen Glieder in einem Leib verbunden sind, dem einzigen Leib
Christi (vgl. 1 Kor 12,12). Es ist daher notwendig, daß die Kirche des
dritten Jahrtausends alle Getauften und Gefirmten dazu anspornt, sich
ihrer aktiven Verantwortung im kirchlichen Leben bewußt zu werden. Neben
dem geweihten Amt können zum Wohl der ganzen Gemeinschaft noch andere
Dienste blühen, die durch Einsetzung oder einfach durch Anerkennung
übertragen werden. Diese Dienste unterstützen die Gemeinschaft in ihren
vielfältigen Bedürfnissen — von der Katechese bis zur Gestaltung des
Gottesdienstes, von der Erziehung der Kinder bis zu den
verschiedenartigsten Formen der Nächstenliebe.
Gewiß muß man sich mit vollem Eifer — vor allem durch das inständige
Gebet zum »Herrn der Ernte« (vgl. Mt 9,38) — für die Förderung der
Priester- und Ordensberufe einsetzen. Darin liegt ein Problem, das für
das Leben der Kirche in allen Teilen der Welt von hoher Tragweite ist. In
bestimmten Ländern, die schon seit alten Zeiten das Evangelium empfangen
hatten, ist es geradezu dramatisch geworden. Das liegt an dem veränderten
gesellschaftlichen Umfeld und an der religiösen Austrocknung, die vom
Konsumismus und vom Säkularismus herrührt. Es ist dringend notwendig,
eine breitangelegte und engmaschige Berufungspastoral zu schaffen. Sie
muß die Pfarreien, Bildungszentren und Familien erreichen und ein
aufmerksameres Nachdenken über die wesentlichen Werte des Lebens wecken.
Diese finden ihre entscheidende Zusammenschau in der Antwort, die jeder
auf den Ruf Gottes geben soll. Dies gilt besonders dann, wenn die Antwort
es erfordert, sich selbst ganz hinzugeben und die eigenen Energien für
das Reich Gottes einzusetzen.
In diesem Zusammenhang bekommt auch jede andere Berufung ihre Bedeutung,
die letztlich im Reichtum des im Sakrament der Taufe empfangenen neuen
Lebens wurzelt. Besonders muß man immer besser die Berufung entdecken,
die den Laien zu eigen ist. Sie sind dazu berufen, »in der Verwaltung und
gottgemäßen Regelung der zeitlichen Dinge das Reich Gottes zu suchen«
32 und »durch ihr Bemühen um die Evangelisierung und Heiligung der
Menschen« 33 die ihnen eigenen Aufgaben in Kirche und Welt zu erfüllen.
Genauso bedeutsam für die Gemeinschaft ist die Verpflichtung, die
verschiedenen Wirklichkeiten von Zusammenschlüssen zu fördern. Ob in den
traditionelleren Formen oder in den neueren Formen der kirchlichen
Bewegungen, jedenfalls hören sie nicht auf, der Kirche eine Lebendigkeit
zu verleihen, die Geschenk Gottes ist und einen echten »Frühling des
Geistes« darstellt. Natürlich müssen die Verbände und Bewegungen
sowohl in der Universalkirche als auch in den Teilkirchen in vollem
Einklang mit der Kirche und im Gehorsam gegenüber den authentischen
Weisungen der Bischöfe arbeiten. Für alle gilt aber auch die
anspruchsvolle und deutliche Mahnung des Apostels: »Löscht den Geist
nicht aus! Verachtet prophetisches Reden nicht! Prüft alles und behaltet
das Gute!« (1 Thess 5,19-21).
47. Mit besonderer Sorgfalt muß man sich der Familienpastoral widmen, die
um so nötiger ist in diesem Augenblick der Geschichte, da eine
verbreitete und tiefgreifende Krise dieser fundamentalen Institution zu
verzeichnen ist. In der christlichen Auffassung von der Ehe entspricht die
Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau — eine gegenseitige und
ganzheitliche, einzige und unauflösbare Beziehung — dem ursprünglichen
Plan Gottes, der in der Geschichte durch die Verhärtung des Herzens
verdunkelt worden war; doch Christus stellte durch die Enthüllung dessen,
was Gott »am Anfang« gewollt hat (Mt 19,8), die Ehe in ihrem
ursprünglichen Glanz wieder her. In der zur Würde des Sakraments
erhobenen Ehe kommt sodann das »tiefe Geheimnis« der bräutlichen Liebe
Christi zu seiner Kirche zum Ausdruck (vgl. Eph 5,32).
Die Kirche darf in diesem Punkt dem Druck einer bestimmten Kultur, mag sie
auch weit verbreitet und mitunter kämpferisch sein, nicht nachgeben.
Vielmehr muß man alles daran setzen, daß durch eine immer vollkommenere
Erziehung im Geist des Evangeliums die christlichen Familien ein
überzeugendes Beispiel dafür geben, daß man eine Ehe leben kann, die
voll und ganz dem Plan Gottes und den tatsächlichen Bedürfnissen der
menschlichen Person entspricht: jener der Eheleute und vor allem jener
viel zerbrechlicheren der Kinder. Die Familien selbst müssen sich immer
mehr die den Kindern gebührende Sorge und Aufmerksamkeit bewußt machen
und zu aktiven Trägern einer wirksamen Präsenz in Kirche und
Gesellschaft zum Schutz ihrer Rechte werden.
Der ökumenische Einsatz
48. Was soll man sagen über die Dringlichkeit einer Förderung der
Gemeinschaft in dem heiklen Bereich des ökumenischen Bemühens? Die
traurige Hinterlassenschaft der Vergangenheit verfolgt uns noch über die
Schwelle des neuen Jahrtausends hinaus. Die Feier des Jubiläums hat
einige wahrhaft prophetische und ergreifende Zeichen gesetzt; aber es
steht uns noch ein weiter Weg bevor.
Indem das Große Jubiläum unseren Blick auf Christus hinlenkte, hat es
uns die Kirche als Geheimnis der Einheit wieder bewußter gemacht. »Ich
glaube die eine Kirche«: Was wir im Glaubensbekenntnis sprechen, hat
seine letzte Grundlage in Christus (vgl. 1 Kor 1,11-13), in dem die Kirche
nicht geteilt ist. Insofern die Kirche in der vom Geschenk des Geistes her
gewirkten Einheit sein Leib ist, ist sie unteilbar. Die Wirklichkeit der
Spaltung ist ein Ergebnis der Geschichte und eine Sache der Beziehung
unter den Söhnen und Töchtern der Kirche, eine Folge der menschlichen
Gebrochenheit im Hinblick auf die Annahme des Geschenks, das ständig von
Christus, dem Haupt, in den mystischen Leib fließt. Jesus hat im
Abendmahlssaal gebetet: »Alle sollen eins sein. Wie du, Vater, in mir
bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein« (Joh 17,21). Diese
Bitte ist Offenbarung und Anrufung zugleich. Sie offenbart die Einheit
Jesu Christi mit dem Vater als Quelle der Einheit der Kirche und
immerwährendes Geschenk, das die Kirche in ihm auf geheimnisvolle Weise
bis zum Ende der Zeiten empfängt. Diese Einheit, die sich trotz der dem
Menschlichen eigenen Grenzen in der katholischen Kirche konkret
verwirklicht, wirkt in verschiedenem Maß auch in den vielen Elementen der
Heiligung und Wahrheit, die sich in den anderen Kirchen und kirchlichen
Gemeinschaften finden. Diese Elemente sind der Kirche Jesu Christi eigene
Gaben und drängen die anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften
unablässig zur vollen Einheit.34
Das Gebet Jesu Christi erinnert uns, daß dieses Geschenk immer mehr
angenommen und noch tiefer erfaßt werden muß. Die Anrufung »ut unum
sint« ist zugleich Imperativ, der verpflichtet, Kraft, die trägt und
heilsamer Tadel für unsere Trägheit und Enge des Herzens. Nicht auf
unseren Fähigkeiten, sondern auf dem Gebet Jesu fußt das Vertrauen, daß
wir auch in der Geschichte zur vollen und sichtbaren Gemeinschaft mit
allen Christen gelangen können.
Aus dieser Sicht eines nach dem Jubiläumsjahr erneuerten Weges blicke ich
mit großer Hoffnung auf die Kirchen des Ostens und wünsche mir, daß
jener Austausch von Gaben wieder voll einsetzen möge, der die Kirche des
ersten Jahrtausends bereichert hat. Möge die Erinnerung an die Zeit, in
der die Kirche mit »zwei Lungen« atmete, die Christen im Osten und im
Westen anspornen, einen gemeinsamen Weg zu gehen in der Einheit des
Glaubens und in der Achtung vor den legitimen Unterschieden, indem sie
sich gegenseitig als Glieder des einen Leibes Christi annehmen und
unterstützen.
Mit ähnlichem Engagement muß man den ökumenischen Dialog mit den
Brüdern und Schwestern der anglikanischen Gemeinschaft und der aus der
Reformation hervorgegangenen kirchlichen Gemeinschaften pflegen. Die
theologische Gegenüberstellung über wesentliche Punkte des Glaubens und
der christlichen Moral, die Zusammenarbeit in der Liebe und vor allem der
großartige Ökumenismus der Heiligkeit werden mit Gottes Hilfe in Zukunft
ihre Früchte tragen. Inzwischen setzen voll Zuversicht unseren Weg fort,
während wir den Augenblick herbeisehnen, da wir zusammen mit allen
Jüngern Christi ohne Ausnahme aus voller Kehle singen können: »Seht
doch, wie gut und schön ist es, wenn Brüder miteinander in Eintracht
wohnen« (Ps 133,1).
Auf die Liebe setzen
49. Aus der innerkirchlichen Gemeinschaft öffnet sich die Liebe, wie es
ihrer Natur entspricht, auf den universalen Dienst hin und stellt uns in
den Einsatz einer tätigen, konkreten Liebe zu jedem Menschen. Das ist ein
Bereich, der das christliche Leben, den kirchlichen Stil und die pastorale
Planung gleichermaßen bestimmt und kennzeichnet. Das Jahrhundert und das
Jahrtausend, die im Anbruch begriffen sind, werden noch sehen müssen —
und es ist wünschenswert, daß sie das mit größerem Nachdruck tun —,
zu welcher Hingabe die Liebe zu den Ärmsten fähig ist. Wenn wir wirklich
von der Betrachtung Christi ausgegangen sind, werden wir in der Lage sein,
ihn vor allem im Antlitz derer zu erkennen, mit denen er sich selbst gern
identifiziert hat: »Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben;
ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und
obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt, und ihr habt mir
Kleidung gegeben; ich war krank, und ihr habt mich besucht; ich war im
Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen« (Mt 25,35-36). Diese Aussage
ist nicht nur eine Aufforderung zur Nächstenliebe; sie ist ein Stück
Christologie, das einen Lichtstrahl auf das Geheimnis Christi wirft. Daran
mißt die Kirche ihre Treue als Braut Christi nicht weniger, als wenn es
um die Rechtgläubigkeit geht.
Es ist sicher nicht zu vergessen, daß niemand von unserer Liebe
ausgeschlossen werden darf. Denn »der Sohn Gottes hat sich in seiner
Menschwerdung gewissermaßen mit jedem Menschen vereinigt«.35 Wenn wir
uns aber an die unmißverständlichen Worte des Evangeliums halten, dann
ist in den Armen Christus in besonderer Weise gegenwärtig, was der Kirche
eine vorrangige Option für sie auferlegt. Durch diese Option wird die Art
der Liebe Gottes, seine Fürsorge und sein Erbarmen, bezeugt. Außerdem
werden in die Geschichte gewissermaßen jene Samenkörner des
Gottesreiches ausgesät, die Jesus selbst in das Erdreich seines Lebens
gelegt hat, indem er denen entgegenkam, die sich wegen aller möglichen
geistigen und materiellen Nöte an ihn wandten.
50. In unserer Zeit gibt es in der Tat so viel Not und Elend, das sich
fragend und mahnend an die christliche Einfühlungskraft wendet. Unsere
Welt beginnt das neue Jahrtausend mit einer Last. Sie ist beladen mit den
Widersprüchen eines wirtschaftlichen, kulturellen und technologischen
Wachstums, das einigen wenigen Begünstigten große Möglichkeiten bietet,
während es Millionen und Abermillionen Menschen vom Fortschritt ausgrenzt,
die sich statt dessen mit Lebensbedingungen herumschlagen müssen, die
weit unter dem liegen, was man der Menschenwürde schuldig ist. Kann es
tatsächlich möglich sein, daß es in unserer Zeit noch Menschen gibt,
die an Hunger sterben? Die dazu verurteilt sind, Analphabeten zu bleiben?
Denen es an der medizinischen Grundversorgung fehlt? Die kein Haus, keine
schützende Bleibe haben?
Der Schauplatz der Armut läßt sich unbegrenzt ausweiten, wenn wir zu den
alten die neuen Formen der Armut hinzufügen, die häufig auch die Milieus
und gesellschaftlichen Gruppen betreffen, die zwar in wirtschaftlicher
Hinsicht nicht mittellos sind, sich aber der sinnlosen Verzweiflung, der
Drogensucht, der Verlassenheit im Alter oder bei Krankheit, der
Ausgrenzung oder sozialen Diskriminierung ausgesetzt sehen. Der Christ,
der auf dieses Szenarium blickt, muß lernen, seinen Glauben an Christus
in der Weise zu bekennen, daß er den Appell, den Christus von dieser Welt
der Armut aussendet, entschlüsselt. Es geht um die Weiterführung einer
Tradition der Nächstenliebe, die schon in den zwei vergangenen
Jahrtausenden unzählige Ausdrucksformen gefunden hat, die aber in unseren
Tagen vielleicht noch größeren Einfallsreichtum verlangt. Es ist Zeit
für eine neue »Phantasie der Liebe«, die sich nicht so sehr und nicht
nur in der Wirksamkeit der geleisteten Hilfsmaßnahmen entfaltet, sondern
in der Fähigkeit, sich zum Nächsten des Leidenden zu machen und mit ihm
solidarisch zu werden, so daß die Geste der Hilfeleistung nicht als
demütigender Gnadenakt, sondern als brüderliches Teilen empfunden wird.
Daher muß es uns gelingen, daß sich die Armen in jeder christlichen
Gemeinde wie »zu Hause« fühlen. Wäre dieser Stil nicht die
großartigste und wirkungsvollste Vorstellung der Frohen Botschaft vom
Reich Gottes? Ohne diese durch die Liebe und das Zeugnis der christlichen
Armut vollzogene Weise der Evangelisierung läuft die Verkündigung, die
auch die erste Liebestat ist, Gefahr, nicht verstanden zu werden oder in
jenem Meer von Worten zu ertrinken, dem die heutige
Kommunikationsgesellschaft uns täglich aussetzt. Die Liebe der Werke
verleiht der Liebe der Worte eine unmißverständliche Kraft.
Die heutigen Herausforderungen
51. Wie könnten wir uns abseits halten angesichts eines voraussichtlichen
ökologischen Zusammenbruchs, der weite Gebiete des Planeten unwirtlich
und menschenfeindlich macht? Oder im Hinblick auf die Probleme des
Friedens, der immer wieder durch den Alptraum katastrophaler Kriege
bedroht ist? Oder angesichts der Verachtung der menschlichen Grundrechte
gegenüber so vielen Personen, besonders den Kindern? Es gibt so viele
Dringlichkeiten, die den Christen nicht kalt lassen dürfen.
Ein besonderes Engagement muß einigen Aspekten der Radikalität des
Evangeliums gelten, die oft so wenig verstanden werden, daß sie die
Intervention der Kirche unpopulär machen, die aber deshalb in der
kirchlichen Agenda der Liebe nicht weniger präsent sein dürfen. Ich
beziehe mich auf die Verpflichtung, sich für die Achtung des Lebens eines
jeden Menschen von der Empfängnis bis zu seinem natürlichen Hinscheiden
einzusetzen. In gleicher Weise erlegt uns der Dienst am Menschen auf, ob
gelegen oder ungelegen auszurufen, daß alle, die von den neuen
Möglichkeiten der Wissenschaft, besonders auf dem Gebiet der
Biotechnologien, Gebrauch machen, niemals die grundlegenden Forderungen
der Ethik mißachten dürfen, selbst wenn dies unter Berufung auf eine
fragliche Solidarität geschehen sollte, die in Geringschätzung der jedem
Menschen eigenen Würde letztlich zwischen Leben und Leben unterscheidet.
Um dem christlichen Zeugnis besonders auf jenen heiklen und umstrittenen
Gebieten Wirkkraft zu verleihen, ist es wichtig, sich mit Kraft dafür
einzusetzen, die Beweggründe des kirchlichen Standpunktes in angemessener
Weise zu erklären. Dabei muß man vor allem herausheben, daß es nicht
darum geht, den Nichtglaubenden eine Perspektive des Glaubens
aufzudrücken, sondern die Werte zu deuten und zu schützen, die in der
Natur des Menschen selbst verwurzelt sind. Die Liebe wird also
notwendigerweise zum Dienst an der Kultur, der Politik, der Wirtschaft und
der Familie, damit überall die Grundprinzipien geachtet werden, von denen
das Schicksal des Menschen und die Zukunft der Kultur abhängt.
52. Das alles wird man natürlich in einem spezifisch christlichen Stil
realisieren müssen: Bei diesen Aufgaben sollen vor allem die Laien in
Erfüllung ihrer eigenen Berufung auf den Plan treten, ohne aber jemals
der Versuchung nachzugeben, aus den christlichen Gemeinden Sozialagenturen
zu machen. Besonders das Verhältnis zur bürgerlichen Gesellschaft wird
so gestaltet werden müssen, daß man deren Autonomie und Kompetenzen
entsprechend den von der Soziallehre der Kirche aufgestellten Richtlinien
Rechnung trägt.
Die Anstrengung ist bekannt, die das kirchliche Lehramt vor allem im
zwanzigsten Jahrhundert unternommen hat, um die soziale Wirklichkeit im
Licht des Evangeliums zu deuten und auf immer treffendere und eingehendere
Weise ihren Beitrag zur Lösung der sozialen Frage, die inzwischen zu
einem weltweiten Problem geworden ist, anzubieten.
Diese ethisch-soziale Seite stellt sich als unabdingbare Dimension des
christlichen Zeugnisses dar. Es gilt, die Versuchung einer intimistischen
und individualistischen Spiritualität zurückzuweisen, die sich nicht nur
mit den Forderungen der Liebe, sondern auch mit der Logik der Inkarnation
und schließlich mit der eschatologischen Spannung des Christentums
schlecht in Einklang bringen ließe. Wenn uns diese letztere den relativen
Charakter der Geschichte bewußt macht, bedeutet das für uns keineswegs
die Entpflichtung von der Aufgabe, Geschichte aufzubauen. Hier bleibt die
Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils aktueller denn je: »Es ist klar,
daß die christliche Botschaft die Menschen nicht vom Aufbau der Welt
ablenkt noch zur Vernachlässigung des Wohls ihrer Mitmenschen hintreibt,
sondern sie vielmehr strenger zur Bewältigung dieser Aufgaben
verpflichtet«.36
Ein konkretes Zeichen
53. Um ein Zeichen für diese in den tiefsten Ansprüchen des Evangeliums
verwurzelte Orientierung der Liebe und Förderung des Menschen zu setzen,
wollte ich, daß das Jubiläumsjahr selbst unter den zahlreichen Früchten
der Liebe, die es während seines Verlaufes bereits hervorgebracht hat —
ich denke besonders an die so vielen ärmeren Brüdern und Schwestern
angebotene Hilfe, um ihnen die Teilnahme am Jubiläum zu ermöglichen —,
auch ein Werk hinterließe, das gewissermaßen die Frucht und das Siegel
der vom Großen Jubiläum verkündeten Liebe darstellen sollte. In der Tat
haben viele Pilger auf verschiedenste Weise ihr Scherflein beigetragen,
und zusammen mit ihnen haben auch zahlreiche Vertreter aus der Welt der
Wirtschaft großzügige Unterstützung geleistet, die dazu diente, eine
angemessene Durchführung des Jubiläumsjahres zu gewährleisten. Nach
Begleichung der Ausgaben, die im Laufe des Jahres notwendigerweise
angefallen sind, soll das Geld, das man dabei sparen konnte, für
karitative Zwecke bestimmt werden. Denn es ist wichtig, daß von einem so
bedeutsamen religiösen Ereignis jeder Schein von wirtschaftlicher
Spekulation ferngehalten werde. Was an Überschuß bleibt, soll dazu
dienen, auch bei dieser Gelegenheit die im Laufe der Geschichte so oft
gelebte Erfahrung zu wiederholen. Diese Erfahrung begann damit, daß in
der Anfangszeit der Kirche die Gemeinde von Jerusalem den Nichtchristen
den ergreifenden Anblick eines spontanen Gabentausches bis hin zur
Gütergemeinschaft zum Wohl der Ärmsten bot (vgl. Apg 2,44-45).
Das Werk, das verwirklicht werden soll, wird nur ein kleiner Bach sein,
der in den großen Strom der christlichen Nächstenliebe einfließt, der
die Geschichte durchzieht. Ein kleiner, aber bedeutsamer Bach: Das
Jubiläum hat die Welt dazu gebracht, nach Rom zu blicken, auf die Kirche,
»die den Vorsitz in der Liebe hat«,37 und dem Petrus ihre Spende zu
leisten. Nun wendet sich die im Zentrum der Katholizität bekundete
Nächstenliebe gewissermaßen wieder der Welt zu durch dieses Zeichen, das
gleichsam Frucht und lebendiges Andenken an die anläßlich des Jubiläums
erfahrene Gemeinschaft sein soll.
Dialog und Mission
54. Ein neues Jahrhundert, ein neues Jahrtausend öffnen sich im Lichte
Christi. Doch nicht alle sehen dieses Licht. Wir haben die wunderbare und
anspruchsvolle Aufgabe, sein Widerschein zu sein. Es ist das den
Kirchenvätern in ihrer kontemplativen Betrachtung so teure mysterium
lunae; sie verwiesen mit diesem Bild auf die Abhängigkeit der Kirche von
Christus, der Sonne, dessen Licht sie widerspiegelt.38 Das war eine Form,
um auszudrücken, was Christus selbst sagt, wenn er sich als »Licht der
Welt« vorstellt (Joh 8,12) und zugleich seine Jünger auffordert, »das
Licht der Welt« zu sein (vgl. Mt 5,14).
Das ist eine Aufgabe, die uns bangen läßt, wenn wir auf die Schwachheit
blicken, die uns so oft glanzlos macht und Schatten auf uns wirft. Doch
die Aufgabe ist lösbar, wenn wir uns dem Licht Christi aussetzen und es
fertigbringen, uns der Gnade zu öffnen, die uns zu neuen Menschen macht.
55. In dieser Sichtweise steht auch die große Herausforderung des
interreligiösen Dialogs, für den wir uns auch noch im neuen Jahrhundert
auf der vom Zweiten Vatikanischen Konzil angegebenen Linie einsetzen
werden.39 In den Jahren der Vorbereitung auf das Große Jubiläum hat die
Kirche auch durch Begegnungen von bemerkenswerter symbolischer Bedeutung
versucht, ein Verhältnis der Öffnung und des Dialogs zu Vertretern
anderer Religionen aufzubauen. Der Dialog muß weitergehen. In der
Situation eines immer ausgeprägteren kulturellen und religiösen
Pluralismus, wie man in der Gesellschaft des neuen Jahrtausends
voraussehen kann, ist dieser Dialog auch wichtig, um eine sichere
Voraussetzung für den Frieden zu schaffen und das düstere Gespenst der
Religionskriege zu vertreiben, die viele Epochen der Menschheitsgeschichte
mit Blut überzogen haben. Der Name des einzigen Gottes muß immer mehr zu
dem werden, was er ist, ein Name des Friedens und ein Gebot des Friedens.
56. Der Dialog kann jedoch nicht auf den religiösen Indifferentismus
gegründet sein. So haben wir Christen die Pflicht, ihn so zu entwickeln,
daß wir das volle Zeugnis der Hoffnung, die uns erfüllt (vgl. 1 Petr
3,15), vortragen. Wir brauchen uns nicht zu fürchten, daß das eine
Beleidigung für die Identität des anderen sein könnte, was frohe
Verkündigung eines Geschenkes ist: eines Geschenkes, das für alle
bestimmt ist und das allen mit größter Achtung der Freiheit eines jeden
angeboten werden soll. Es ist das Geschenk der Verkündigung des Gottes,
der Liebe ist und »die Welt so sehr geliebt hat, daß er seinen einzigen
Sohn hingab« (Joh 3,16). Das alles kann, wie es auch kürzlich von der
Erklärung Dominus Iesus hervorgehoben wurde, nicht Gegenstand einer Art
von dialogischer Verhandlung sein, so als ginge es für uns um eine bloße
Meinung: Die Verkündigung dieses Geschenkes ist jedoch für uns eine
Gnade, die uns mit Freude erfüllt, und eine Nachricht, die wir zu
verkünden verpflichtet sind.
Deshalb kann sich die Kirche der missionarischen Tätigkeit gegenüber den
Völkern nicht entziehen. So gehört zu den vordringlichsten Aufgaben der
missio ad gentes die Verkündigung, daß die Menschen die Fülle des
religiösen Lebens in Christus finden, der »Weg, Wahrheit und Leben« ist
(Joh 14,6). Der interreligiöse Dialog »kann nicht einfach die
Verkündigung ersetzen, sondern bleibt stets auf die Verkündigung hin
ausgerichtet«.40 Die missionarische Pflicht hindert uns jedoch nicht
daran, zum Dialog überzugehen und mit innerer Bereitschaft zuzuhören.
Denn wir wissen, daß angesichts des an Dimensionen und möglichen Folgen
für das Leben und die Geschichte des Menschen unendlich reichen
Gnadengeheimnisses die Kirche selbst bei dessen Ergründung niemals an ein
Ende kommen wird, obwohl sie auf die Hilfe des Beistandes, des Geistes der
Wahrheit (vgl. Joh 14,17) zählen kann, dem es ja zukommt, sie »in die
ganze Wahrheit« (Joh 16,13) einzuführen.
Dieses Prinzip liegt nicht nur der unerschöpflichen theologischen
Vertiefung der christlichen Wahrheit zugrunde, sondern auch des
christlichen Dialogs mit den Philosophien, den Kulturen und Religionen.
Denn nicht selten erweckt der Geist Gottes, der »weht, wo er will« (Joh
3,8), in der allgemeinen menschlichen Erfahrung trotz ihrer vielen
Widersprüchlichkeiten Zeichen seiner Gegenwart, die selbst den Jüngern
Christi helfen, die Botschaft, deren Überbringer sie sind, vollkommener
zu verstehen. War das Zweite Vatikanische Konzil nicht vielleicht mit
dieser demütigen und vertrauensvollen Öffnung darum bemüht, die
»Zeichen der Zeit« zu deuten? 41 Auch wenn sie eine sorgfältige und
wachsame Unterscheidung vornimmt, um die »wahren Zeichen der Gegenwart
oder der Absicht Gottes« 42 zu erfassen, erkennt die Kirche nicht nur,
daß sie etwas gegeben hat, sondern wieviel sie auch »der Geschichte und
Entwicklung der Menschheit verdankt«.43 Diese Haltung der Öffnung und
zugleich sorgfältiger Unterscheidung hat das Konzil auch gegenüber den
anderen Religionen eingeführt. Wir müssen seiner Lehre und Spur mit
großer Treue folgen.
Im Licht des Konzils
57. Welchen Reichtum, liebe Brüder und Schwestern, bergen die Weisungen,
die uns das Zweite Vatikanische Konzil gegeben hat! Deshalb habe ich bei
der Vorbereitung auf das Große Jubiläum die Kirche um eine Prüfung
bezüglich der Annahme des Konzils ersucht.44 Was ist daraus geworden? Die
hier im Vatikan abgehaltene Tagung war ein Augenblick dieses Nachdenkens,
und ich wünsche mir, daß das auf verschiedene Weise ebenso in allen
Teilkirchen geschieht. Während die Jahre vergehen, verlieren jene Texte
weder ihren Wert noch ihren Glanz. Sie müssen auf sachgemäße Weise
gelesen werden, damit sie aufgenommen und verarbeitet werden können als
qualifizierte und normgebende Texte des Lehramtes innerhalb der Tradition
der Kirche. Zum Abschluß des Jubiläums fühle ich mich mehr denn je dazu
verpflichtet, auf das Konzil als die große Gnade hinzuweisen, in deren
Genuß die Kirche im 20. Jahrhundert gekommen ist. In ihm ist uns ein
sicherer Kompaß geboten worden, um uns auf dem Weg des jetzt beginnenden
Jahrhunderts zu orientieren.
SCHLUSS
DUC IN ALTUM!
58. Gehen wir voll Hoffnung voran! Ein neues Jahrtausend liegt vor der
Kirche wie ein weiter Ozean, auf den es hinauszufahren gilt. Dabei zählen
wir auf die Hilfe Jesu Christi. Der Sohn Gottes, der aus Liebe zum
Menschen vor zweitausend Jahren Mensch wurde, vollbringt auch heute sein
Werk. Wir brauchen aufmerksame Augen, um es zu sehen, und vor allem ein
großes Herz, um selber seine Werkzeuge zu werden. Haben wir etwa das
Jubiläumsjahr nicht deshalb gefeiert, um wieder mit dieser lebendigen
Quelle unserer Hoffnung Kontakt aufzunehmen? Nun fordert uns Christus, den
wir in Liebe betrachteten, noch einmal auf, uns auf den Weg zu machen:
»Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen
Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des
Heiligen Geistes« (Mt 28,19). Der Missionsauftrag führt uns mit der
Aufforderung zu derselben Begeisterung, welche die Christen der ersten
Stunde auszeichnete, in das dritte Jahrtausend ein: Wir können auf die
Kraft desselben Geistes zählen, der am Pfingstfest ausgegossen wurde und
uns heute dazu anspornt, einen Neuanfang zu setzen. Dabei fühlen wir uns
getragen von der Hoffnung, »die nicht zugrunde gehen läßt« (Röm 5,5),
Am Beginn dieses neuen Jahrhunderts muß unser Schritt schneller werden,
wenn wir erneut die Straßen der Welt zurücklegen. Es gibt so viele
Straßen, auf denen jeder von uns und jede unserer Kirchen geht, aber
jene, die zusammengebunden werden durch die eine Gemeinschaft, die
Gemeinschaft, die sich täglich am Tisch des eucharistischen Brotes und
des Wortes des Lebens nährt, kennen keine Distanz. Jeden Sonntag gewährt
uns der auferstandene Christus gleichsam eine Begegnung im Abendmahlssaal,
wo er sich am Abend »des ersten Tages der Woche« (Joh 20,19) seinen
Jüngern zeigte, um ihnen das lebendig machende Geschenk des Geistes »einzuhauchen«
und sie in das große Abenteuer der Evangelisierung einzuführen.
Uns begleitet auf diesem Weg die allerseligste Jungfrau Maria, der ich vor
einigen Monaten zusammen mit vielen Bischöfen, die aus allen Teilen der
Welt nach Rom gekommen waren, das dritte Jahrtausend anvertraut habe.
Viele Male in diesen Jahren habe ich sie als »Stern der
Neuevangelisierung« vorgestellt und angerufen. So weise ich wiederum auf
sie hin als leuchtende Morgenröte und sicheren Leitstern auf unserem Weg.
»Frau, siehe deine Söhne und Töchter«, wiederhole ich im Anklang an
Jesu eigene Worte (vgl. Joh 19,26) und mache mich bei ihr zur Stimme der
kindlichen Liebe der ganzen Kirche.
59. Liebe Brüder und Schwestern! Das Symbol der Heiligen Pforte schließt
sich hinter uns, um aber die lebendige Pforte, die Christus ist, weiter
geöffnet zu lassen denn je. Nach der Begeisterung des Jubiläums kehren
wir in keinen grauen Alltag zurück. Im Gegenteil, wenn unser Pilgerweg
echt war, hat er unsere Beine gleichsam gelockert für den Weg, der auf
uns wartet. Wir müssen den Schwung des Apostels Paulus nachahmen: »Ich
strecke mich nach dem aus, was vor mir ist. Das Ziel vor Augen, jage ich
nach dem Siegespreis: der himmlischen Berufung, die Gott uns in Christus
Jesus schenkt« (Phil 3,13-14). Zugleich müssen wir betrachten, wie es
Maria getan hat, als sie von der Wallfahrt in die heilige Stadt Jerusalem
nach Nazaret zurückkehrte und in ihrem Herzen über das Geheimnis des
Sohnes nachdachte (vgl. Lk 2,51).
Der auferstandene Jesus, der sich auf unseren Wegen zu uns gesellt und
sich wie von den Emmaus-Jüngern »am Brechen des Brotes« erkennen läßt
(Lk 24,35), möge uns wachsam und bereit finden, sein Angesicht zu
erkennen und zu den Brüdern zu laufen, um ihnen die große Nachricht zu
bringen: »Wir haben den Herrn gesehen!« (Joh 20,25).
Das ist die so ersehnte Frucht des Jubiläums des Jahres 2000, des
Jubiläums, das uns das Geheimnis über Jesus von Nazaret, den Sohn Gottes
und Erlöser des Menschen, wieder lebendig vor Augen gestellt hat.
Während das Jubiläum zu Ende geht und für uns eine hoffnungsvolle
Zukunft einleitet, steige das Lob und der Dank der ganzen Kirche durch
Christus im Heiligen Geist zum Vater auf.
Mit diesem Wunsch sende ich allen aus tiefstem Herzen meinen Segen.
Aus dem Vatikan, am 6. Januar, dem Hochfest der Erscheinung des Herrn, des
Jahres 2001, im 23. Jahr meines Pontifikates.
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(1) II. Vat. Konzil, Dekret über die Hirtenaufgabe der Bischöfe in der
Kirche Christus Dominus, 11.
(2) Bulle Incarnationis mysterium, (29. November 1998) 3: AAS 91 (1999),
132.
(3) Ebd., 4, aaO., 133.
(4) II. Vat. Konzil, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen
gentium, 8.
(5) De civitate Dei XVIII, 51,2: PL 41, 614; vgl. II. Vat. Konzil,
Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium, 8.
(6) Vgl. Johannes Paul II., Apostol. Schreiben Tertio millennio adveniente,
(10. November 1994) 55: AAS 87 (1995), 38.
(7) Vgl. II. Vat. Konzil, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen
gentium, 1.
(8) »Ignoratio enim Scripturarum ignoratio Christi est«: Comm. in Is.,
Prol.: PL 24,17.
(9) Vgl. II. Vat. Konzil, Dogmatische Konstitution über die göttliche
Offenbarung Dei Verbum, 19.
(10) »In der Nachfolge der heiligen Väter also lehren wir alle
übereinstimmend, unseren Herrn Jesus Christus zu bekennen: derselbe ist
vollkommen in der Gottheit und derselbe ist vollkommen in der Menschheit;
derselbe ist wahrhaft Gott und wahrhaft Mensch [...]; ein und derselbe ist
Christus, der einziggeborene Sohn und Herr, der in zwei Naturen
unvermischt, unveränderlich, ungetrennt und unteilbar erkannt wird [...];
der einziggeborene Sohn, Gott, das Wort, der Herr Jesus Christus, ist
nicht in zwei Personen geteilt, sondern ist ein und derselbe«: DS
301-302.
(11) II. Vat. Konzil, Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt
von heute Gaudium et spes, 22.
(12) Der hl. Athanasius bemerkt in diesem Zusammenhang: »Der Mensch
könnte nicht vergöttlicht werden und bliebe an ein Geschöpf gebunden,
wenn der Sohn nicht wahrer Gott wäre«, 2. Rede gegen die Arianer 70: PG
26, 425 B - 426 G.
(13) Nr. 78.
(14) Letzte Gespräche. Gelbes Heft, 6. Juli 1897: Opere complete,, Città
del Vaticano 1997, 1003.
(15) Hl. Cyprian, De Orat. Dom. 23: PL 4, 553; vgl. Lumen gentium, 4.
(16) II. Vat. Konzil, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen
gentium, 40.
(17) Vgl. II. Vat. Konzil, Konstitution über die heilige Liturgie
Sacrosanctum Concilium, 10.
(18) Vgl. Kongregation für die glaubenslehre, Schreiben über einige
Aspekte der christlichen Meditation Orationis forma (15. Oktober 1989):
AAS 82 (1990), 362-379.
(19) II. Vat. Konzil, Konstitution über die heilige Liturgie Sacrosanctum
Concilium, 10.
(20) Vgl. Johannes Paul II., Apostol. Schreiben über die Heiligung des
Sonntags Dies Domini (31. Mai 1998), 19: AAS 90 (1978), 724.
(21) Ebd., 2: aaO., 714.
(22) Vgl. ebd., 35: aaO., 734.
(23) Vgl. Nr. 18: AAS 77 (1985), 224.
(24) Ebd., 31: aaO., 258.
(25) Tertullian, Apolog., 50,13: PL 1, 534.
(26) II. Vat. Konzil, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen
gentium, 1.
(27) MsB 3vo, Opere Complete, Città del Vaticano 1997, 223.
(28) Vgl. II. Vat. Konzil, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen
gentium, Kap. III.
(29) Vgl. Kongregation für den klerus und andere, Instruktion zu einigen
Fragen über die Mitarbeit der Laien am Dienst der Priester Ecclesiae de
mysterio (15. August 1997): AAS 89 (1997), S. 852-877, besonders Art. 5:
Organe der Mitarbeit in der Teilkirche.
(30) Regula, III, 3: »Ideo autem omnes ad consilium vocari diximus, quia
saepe iuniori Dominus revelat quod melius est«.
(31) »De omnium fidelium ore pendeamus, quia in omnem fidelem Spiritus
Dei spirat«: Epist. 23, 36 an Sulpicius Severus: CSEL 29, 193.
(32) II. Vat. Konzil, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen
gentium, 31.
(33) II. Vat. Konzil, Dekret über das Laienapostolat Apostolicam
actuositatem, 2.
(34) Vgl. II. Vat. Konzil, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen
gentium, 8.
(35) II. Vat. Konzil, Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt
von heute Gaudium et spes, 22.
(36) Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium
et spes, 34.
(37) Vgl. Hl. Ignatius von Antiochien, Brief an die Römer, Vorw. Funk I,
252.
(38) So z.B. Hl. Augustinus: »Luna intelligitur Ecclesia, quod suum lumen
non habeat, sed ab Unigenito Filio Dei, qui multis locis in Sanctis
Scripturis allegorice sol est appellatus«: Enarr. in Ps., 10,3: CCL
38,42.
(39) Vgl. Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den
nichtchristlichen Religionen Nostra aetate.
(40) Instruktion der Kongregation für die Evangelisierung der Völker und
des Päpstlichen Rates für den interreligiösen Dialog, Dialog und
Verkündigung: Überlegungen und Weisungen (19. Mai 1991), 82: AAS 84
(1992), 444.
(41) Vgl. Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute
Gaudium et spes, 4.
(42) Ebd., 11.
(43) Ebd., 44.
(44) Vgl. Apostol. Schreiben Tertio millennio adveniente, (10. November
1934), 36: AAS 87 (1995), 28.
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