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ENZYKLIKA
CENTESIMUS ANNUS
SEINER HEILIGKEIT
JOHANNES PAUL II
AN DIE
VEREHRTEN MITBRÜDER IM BISCHOFSAMT
DEN KLERUS, DIE ORDENSLEUTE,
DIE GLÄUBIGEN DER KATHOLISCHEN KIRCHE
UND ALLE MENSCHEN GUTEN WILLENS
ZUM HUNDERTSTEN JAHRESTAG VON
RERUM NOVARUM
Verehrte Mitbrüder, liebe Söhne und Töchter,
Gruß und Apostolischen Segen!
EINLEITUNG
1. Der hundertste Jahrestag der Verkündigung der Enzyklika meines ehrwürdigen
Vorgängers Leo XIII., die mit den Worten Rerum novarum (1)beginnt, zeigt
in der Gegenwartsgeschichte der Kirche und auch in meinem Pontifikat ein
Datum an, dem beachtliche Bedeutung zukommt. War doch dieser Enzyklika das
Privileg beschieden, daß ihrer die Päpste seit dem vierzigsten Jahrestag
ihrer Veröffentlichung bis zum neunzigsten mit feierlichen Dokumenten
gedachten. Man kann sagen, ihr Gang durch die Geschichte hat seinen
Rhythmus von anderen Schreiben erhalten, die die Enzyklika in Erinnerung
riefen und sie zugleich aktualisierten.(2)
Wenn ich es auf Grund von Bitten zahlreicher Bischöfe, kirchlicher
Institutionen, akademischer Studienzentren, Unternehmer und Arbeiter —
sowohl einzelner wie Mitglieder von Vereinigungen — zum hundertsten
Jahrestag ebenso mache, möchte ich zunächst die Dankesschuld erfüllen,
die die ganze Kirche dem großen Papst Leo XIII. und seinem »unsterblichen
Dokument«(3) gegenüber hat. Ich möchte auch zeigen, daß der reiche
Saft, der aus jener Wurzel quillt, mit den Jahren nicht versiegt, sondern
sogar noch fruchtbarer geworden ist. Davon geben die Initiativen
verschiedenster Art Zeugnis, die dieser Jubiläumsfeier vorausgegangen
sind, sie begleiten und auf sie folgen werden, Initiativen die von den
Bischofskonferenzen, von internationalen Körperschaften, von Universitäten
und akademischen Instituten, von Berufsvereinigungen und anderen
Einrichtungen und Personen in vielen Teilen der Welt gefördert wurden.
2. Die vorliegende Enzyklika reiht sich ein in diese Gedenkfeiern, um vor
allem Gott, von dem »jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt«
(Jak 1, 17) dafür zu danken, daß er sich eines vor hundert Jahren vom
Stuhl Petri erlassenen Dokumentes bedient und dadurch in der Kirche und in
der Welt soviel Gutes bewirkt und soviel Licht verbreitet hat. Das
Gedenken, das hier begangen wird, betrifft die Enzyklika Leos zusammen mit
den anderen Enzykliken und Schreiben meiner Vorgänger, die mit der
Grundlegung und dem Aufbau der »Soziallehre« bzw. des »Sozialen
Lehramtes« der Kirche dazu beigetragen haben, Rerum novarum in der
heutigen Zeit gegenwärtig und wirksam zu machen.
Auf die Gültigkeit dieser Lehre nehmen bereits zwei Enzykliken Bezug, die
ich während meines Pontifikats veröffentlicht habe: Laborem exercens über
die menschliche Arbeit und Sollicitudo rei socialis über die aktuellen
Probleme der Entwicklung der Menschen und Völker.(4)
3. Mit dem Vorschlag, die Enzyklika Leos XIII. »wiederzulesen«, lade ich
zugleich ein, »zurückzublicken« auf ihren Text selbst, um den Reichtum
der grundlegenden Prinzipien wiederzuentdecken, die für die Lösung der
Arbeiterfrage ausgesprochen wurden. Ferner ermuntere ich, »sich
umzublicken«, hinzublicken auf das »Neue«, das uns umgibt und in das
wir gewissermaßen eingetaucht sind. Dieses Neue, das sehr verschieden von
dem »Neuen« ist, was das letzte Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts
kennzeichnete. Schließlich lade ich ein, »in die Zukunft zu blicken«,
wo wir bereits das dritte christliche Jahrtausend ahnend erkennen, das für
uns voll von Unbekanntem, aber auch von Hoffnungen ist. Unbekanntes und
Hoffnungen, die sich an unsere Vorstellungskraft und Kreativität wenden,
indem sie unsere Verantwortung als Jünger des »einen Meisters«,
Christus (vgl. Mt 23, 8), neu erwecken, im Aufzeigen des »Weges«, bei
der Verkündigung der »Wahrheit« und in der Vermittlung des »Lebens«,
das er selber ist (vgl. Joh 14, 6).
Durch diese »neue Begegnung« soll nicht nur der b1eibende Wert dieser
Lehre bekräftigt werden, sondern es soll auch der wahre Sinn der Überlieferung
der Kirche offenbar werden. Einer stets lebendigen und schöpferischen
Kirche, die aufbaut auf dem von unseren Vätern im Glauben gelegten Grund
und vor allem auf jenem Grund, den im Namen Jesu Christi »die Apostel an
die Kirche weitergegeben haben«,(5) dem Grund, »den niemand anderer
legen kann« (vgl. 1 Kor 3, 11).
Das Bewußtsein von seiner Sendung als Nachfolger Petri bewog Leo XIII.,
das Wort zu ergreifen, und dasselbe Bewußtsein beseelt heute seinen
Nachfolger. Wie er und die Päpste vor und nach ihm lasse ich mich vom
Bild des Evangeliums inspirieren, des »Schriftgelehrten, der ein Jünger
des Himmelreichs geworden ist« und von dem der Herr sagt, er »gleiche
einem Hausherrn, der aus seinem reichen Vorrat Neues und Altes hervorholt«
(Mt 13, 52). Der Vorrat, auf den ich mich beziehe, ist der mächtige Strom
der Überlieferung der Kirche, der das seit jeher empfangene und
weitergegebene »Alte« enthält und erlaubt, das »Neue«, unter dem sich
das Leben der Kirche und der Welt vollzieht, zu deuten.
Zu diesen Bausteinen, die durch ihre Eingliederung in die Tradition zum
festen Bestand und nicht nur zur Bereicherung dieser Tradition, sondern
auch zur neuen Lebenskraft des Glaubens werden, gehört die Tatkraft von
Millionen von Menschen, die angeregt und geleitet vom Sozialen Lehramt der
Kirche, sich dem Dienst in der Welt zur Verfügung gestellt haben. Im persönlichen
Einsatz oder in Form von Gruppen, Gemeinschaften und Organisationen werden
sie zu einer Großbewegung zur Verteidigung und zum Schutz der Würde des
Menschen. Dadurch haben sie in den Wechselfällen der Geschichte zum
Aufbau einer gerechteren Gesellschaft beigetragen und dem Unrecht eine
Grenze gesetzt.
Ziel der vorliegenden Enzyklika ist es, die Ergiebigkeit der von Leo XIII.
ausgesprochenen Grundsätze herauszustellen, die zum Lehrgut der Kirche
gehören und darum für die Autorität des Lehramtes bindend sind. Die
pastorale Sorge hat mich aber bewogen, darüber hinaus eine Analyse
einiger Ereignisse der jüngsten Geschichte vorzulegen. Es muß nicht
eigens betont werden, daß die aufmerksame Beobachtung des Verlaufes der
Ereignisse — um die neuen Erfordernisse für die Evangelisierung zu
erkennen — zur Aufgabe der Bischöfe gehört. Sie wollen mit dieser
Untersuchung freilich kein endgültiges Urteil abgeben, da das auf Grund
der besonderen Eigenart ihres Lehramtes gar nicht in dessen spezifischen
Bereich gehört.
I. KAPITEL
WESENSZÜGE VON »RERUM NOVARUM«
4. Gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts stand die Kirche einem
geschichtlichen Prozeß gegenüber, der schon seit einiger Zeit im Gange
war, nun aber einen neuralgischen Punkt erreichte. Ausschlaggebender
Faktor dieses Prozesses war — neben dem vielfältigen Einfluß der
vorherrschenden Ideologien — ein ganzes Bündel radikaler Veränderungen
auf politischem, wirtschaftlichem und sozialem Gebiet, aber auch im
Bereich von Wissenschaft und Technik. Ergebnis dieser Veränderungen war
auf politischem Gebiet eine neue Gesellschafts- und Staatsauffassung und
folglich auch eine neue Auffassung der Autorität gewesen. Eine
traditionelle Gesellschaft war im Begriff sich aufzulösen, und eine
andere befand sich im Entstehen, voller Hoffnungen auf neue Freiheiten,
aber auch reich an Gefahren neuer Formen von Ungerechtigkeit und
Knechtschaft.
Auf wirtschaftlichem Gebiet, wo die Entdeckungen und Anwendungen der
Wissenschaften zusammenflossen, war man Schritt für Schritt zu neuen
Strukturen in der Güterproduktion gelangt. Es entstand eine neue Form des
Eigentums, das Kapital, und eine neue Art der Arbeit, die Lohnarbeit,
gekennzeichnet von der Fließbandproduktion, ohne jede Berücksichtigung
von Geschlecht, Alter oder Familiensituation des Arbeiters, einzig und
allein bestimmt von der Leistung im Blick auf die Steigerung des Profits.
Die Arbeit wurde so zu einer Ware, die frei auf dem Markt gekauft und
verkauft werden konnte und deren Preis vom Gesetz von Angebot und
Nachfrage bestimmt wurde, ohne Rücksicht auf das für den Unterhalt des
Arbeiters und seiner Familie notwendige Lebensminimum. Noch dazu hatte der
Arbeiter nicht eimmal die Sicherheit, »seine Ware« auf diese Weise
verkaufen zu können. Er war ständig von der Arbeitslosigkeit bedroht,
die angesichts des Fehlens jeder sozialen Fürsorge das Schreckgespenst
des Hungertodes bedeutete.
Die soziale Folge dieser Umwandlung war »die Spaltung der Gesellschaft in
zwei Klassen, die eine ungeheure Kluft voneinander trennt«.(6) Diese
Situation verband sich mit einer tiefgreifenden Veränderung der
politischen Ordnung. So versuchte die damals vorherrschende politische
Theorie, durch entsprechende Gesetze oder, umgekehrt, durch bewußte
Unterlassung jeglicher Einmischung die totale Wirtschaftsfreiheit zu fördern.
Gleichzeitig entstand in organisierter und nicht selten gewaltsamer Form
eine andere Auffassung von Eigentum und Wirtschaft, die eine neue
politische und gesellschaftliche Ordnung in sich schloß.
Als am Höhepunkt dieser Auseinandersetzung das ungeheure und
weitverbreitete soziale Unrecht voll zutage trat und die Gefahr einer von
den damaligen »sozialistischen« Strömungen geförderten Revolution
drohte, griff Leo XIII. mit einem Dokument ein, das sich in organischer
Weise mit dem Thema der »Arbeiterfrage« auseinandersetzte. Dieser
Enzyklika waren andere vorausgegangen, die sich mehr mit politischen
Aussagen beschäftigten, später folgten noch weitere nach.(7) In diesem
Zusammenhang sei vor allem an die Enzyklika Libertas praestantissimum
erinnert, in der auf die grundlegende Verbindung zwischen menschlicher
Freiheit und Wahrheit hingewiesen wurde. Das besagt, daß eine Freiheit,
die es ablehnt, sich an die Wahrheit zu binden, in Willkür verfallen und
am Ende sich den niedrigsten Leidenschaften überlassen und damit sich
selber zerstören würde. Denn woher sonst stammen all die Übel, auf die
Rerum novarum antworten will, wenn nicht aus einer Freiheit, die sich im
wirtschaftlichen und sozialen Bereich von der Wahrheit über den Menschen
völlig loslöst?
Der Papst ließ sich außerdem von der Lehre seiner Vorgänger inspirieren
und ebenso von einer Reihe bischöflicher Dokumente. Er wurde angeregt von
wissenschaftlichen Studien der Laien, von der Tätigkeit katholischer
Bewegungen und Vereinigungen und von den konkreten sozialen Werken, die
das Leben der Kirche in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
kennzeichneten.
5. Das »Neue«, auf das der Papst Bezug nahm, war alles andere als
positiv. Der erste Abschnitt der Enzyklika beschreibt das »Neue«, das
ihr den Namen gab, mit harten Worten: »Der Geist der Neuerung, welcher
seit langem durch die Völker geht, mußte, nachdem er auf dem politischen
Gebiete seine verderblichen Wirkungen entfaltet hatte, folgerichtig auch
das volkswirtschaftliche Gebiet ergreifen. Viele Umstände begünstigten
diese Entwicklung; die Industrie hat durch die Vervollkommnung der
technischen Hilfsmittel und eine neue Produktionsweise mächtigen
Aufschwung genommen; das gegenseitige Verhältnis der besitzenden Klasse
und der Arbeiter hat sich wesentlich umgestaltet; das Kapital ist in den Händen
einer geringen Zahl angehäuft, während die große Menge verarmt; es wächst
in den Arbeitern das Selbstbewußtsein, ihre Organisation erstarkt; dazu
gesellt sich der Niedergang der Sitten. Dieses alles hat den sozialen
Konflikt wachgerufen, vor welchem wir stehen«.(8)
Der Papst, die Kirche und ebenso die bürgerliche Gesellschaft standen vor
einer durch Konflikt gespaltenen Gesellschaft. Dieser Konflikt war um so härter
und unmenschlicher als er weder Regel noch Gesetz kannte. Es war der
Konflikt zwischen Kapital und Arbeit oder — wie es die Enzyklika nannte
— die Arbeiterfrage. Eben zu diesem Konflikt wollte der Papst in den schärfsten
Worten, die ihm damals zur Verfügung standen, seine Meinung kundtun.
Hier bietet sich eine erste Überlegung an, die die Enzyklika für die
heutige Zeit nahelegt. Angesichts eines Konfliktes, der die einen in der
Not des Überlebens den anderen im Besitz des Überflusses wie »Wölfe«
gegenüberstellte, zweifelte der Papst nicht daran, kraft seines »apostolischen
Amtes«(9) eingreifen zu müssen, das heißt auf Grund des von Jesus
Christus empfangenen Sendungsauftrags, »die Lämmer und Schafe zu weiden«
(vgl. Joh 21, 15-17) sowie auf Erden »für das Reich Gottes zu binden und
zu lösen« (vgl. Mt 16, 19). Seine Absicht war es, den Frieden
wiederherzustellen. Dem heutigen Leser kann die strenge Verurteilung des
Klassenkampfes, die die Enzyklika klar und deutlich aussprach, nicht
verborgen bleiben. (10) Aber Leo war sich sehr wohl dessen bewußt, daß
sich der Friede nur auf dem Fundament der Gerechtigkeit aufbauen läßt.
Darum bildeten die Aussagen über die Grundlagen der Gerechtigkeit in der
damaligen Wirtschaft und Gesellschaft den Hauptinhalt der Enzyklika.(11)
Auf diese Weise setzte Leo XIII., dem Vorbild seiner Vorgänger folgend,
ein bleibendes Beispiel für die Kirche. Sie muß in bestimmten
menschlichen Situationen, sei es auf individueller und sozialer,
nationaler und internationaler Ebene, das Wort ergreifen. Dafür hat sie
eine eigene Lehre, ein Lehrgebäude aufgestellt, das es ihr ermöglicht,
die soziale Wirklichkeit zu analysieren, sie zu beurteilen und Richtlinien
für eine gerechte Lösung der daraus entstehenden Probleme anzugeben.
Zur Zeit Leos XIII. war eine derartige Überzeugung vom Recht und der
Pflicht der Kirche noch weit davon entfernt, allgemein anerkannt zu
werden. Es herrschte vielmehr eine zweifache Tendenz: die eine,
ausgerichtet auf diese Welt und dieses Leben, das mit dem Glauben nichts
zu tun hatte; die andere, einseitig dem jenseitigen Heil zugewandt, das
jedoch für das Erdenleben bedeutungslos blieb. Mit der Veröffentlichung
von Rerum novarum verlieh der Papst der Kirche gleichsam das »Statut des
Bürgerrechtes« in der wechselvollen Wirklichkeit des öffentlichen
Lebens der Menschen und der Staaten. Dies wurde in den späteren Jahren
noch stärker bestätigt. In der Tat, die Verkündigung und Verbreitung
der Soziallehre gehört wesentlich zum Sendungsauftrag der Glaubensverkündigung
der Kirche; sie gehört zur christlichen Botschaft, weil sie deren
konkrete Auswirkungen für das Leben in der Gesellschaft vor Augen stellt
und damit die tägliche Arbeit und den mit ihr verbundenen Kampf für die
Gerechtigkeit in das Zeugnis für Christus den Erlöser miteinbezieht. Sie
bildet darüber hinaus eine Quelle der Einheit und des Friedens angesichts
der Konflikte, die im wirtschaftlich-sozialen Bereich unvermeidlich
auftreten. Auf diese Weise wird es möglich, die neuen Situationen zu
bestehen, ohne die transzendente Würde der menschlichen Person weder bei
sich selbst noch bei seinen Gegnern zu verletzen, und sie zu einer
richtigen Lösung zu führen.
Die Gültigkeit dieser Orientierung bietet mir jetzt, im Abstand von
hundert Jahren, die Gelegenheit, auch einen Beitrag zum Aufbau der »christlichen
Soziallehre« zu leisten. Die »Neuevangelisierung«, die die moderne Welt
dringend nötig hat und auf der ich wiederholt insistiert habe, muß zu
ihren wesentlichen Bestandteilen die Verkündigung der Soziallehre der
Kirche zählen. Diese Lehre ist so, wie zur Zeit Leos XIII., geeignet, den
Weg zu weisen, um auf die großen Herausforderungen der Gegenwart nach der
Krise der Ideologien Antwort zu geben. Man muß, wie damals, wiederholen,
daß es keine echte Lösung der »sozialen Frage« außerhalb des
Evangeliums gibt und daß das »Neue« in diesem Evangelium seinen Raum
der Wahrheit und der sittlichen Grundlegung findet.
6. Mit der Absicht, durch seine Enzyklika den Konflikt zwischen Kapital
und Arbeit zu klären, verkündete Leo XIII. die Grundrechte der Arbeiter.
Deshalb stellt die Würde des Arbeiters und damit die Würde der Arbeit überhaupt
den Schlüssel für die Lektüre der Enzyklika dar. »Arbeiten heißt,
seine Kräfte anstrengen zur Beschaffung der irdischen Bedürfnisse,
besonders des notwendigen Lebensunterhaltes«.(12) Der Papst bezeichnet
die Arbeit als »persönlich, insofern die betätigte Kraft und
Anstrengung persönliches Gut des Arbeitenden ist«.(13) Die Arbeit gehört
somit zur Berufung jedes Menschen; der Mensch entfaltet und verwirklicht
sich in seiner Arbeit. Die Arbeit hat gleichzeitig eine soziale Dimension
wegen ihrer engen Beziehung sowohl zur Familie als auch zum Gemeinwohl,
denn »es ist eine unumstößliche Wahrheit, nicht anderswoher als aus der
Arbeit der Werktätigen entstehe Wohlhabenheit im Staate«.(14) Dies habe
ich in der Enzyklika Laborem exercens (15) aufgegriffen und neu dargelegt.
Ein anderer wichtiger Grundsatz ist zweifellos das Recht auf »Privateigentum«
.(l6) Aus dem Umfang, den die Enzyklika diesem Grundsatz widmet, kann man
erkennen, welche Bedeutung der Papst ihm beimißt. Er ist sich natürlich
bewußt, daß das Privateigentum keinen absoluten Wert darstellt, und er
versäumt es nicht, die Grundsätze der notwendigen Ergänzung anzuführen,
vor allem den der universalen Bestimmung der Güter der Erde.(l7)
Es trifft zweifellos zu, daß der Rahmen des Privateigentums, an den Leo
XIII. hauptsächlich denkt, der des Landbesitzes ist.(18) Das ist jedoch
kein Hindernis dafür, daß die Gründe, die dort für die Geltung des
Privateigentums angeführt werden, auch heute ihren Wert bewahren. Es ist
dies vor allem die Geltung des Rechtes auf den Besitz der Dinge, die für
die persönliche Entfaltung und die der eigenen Familie notwendig sind —
ganz abgesehen davon, welche konkrete Form dieses Recht auch immer
annehmen mag. Das muß heute von neuem deutlich gemacht werden angesichts
der Veränderungen, deren Zeugen wir jetzt sind und die in Systemen
stattgefunden haben, wo bisher das Kollektiveigentum an den
Produktionsmitteln herrschte; und es muß auch im Hinblick auf die
wachsenden Erscheinungsformen der Armut betont werden. Es geht um die
Vorenthaltung des Privateigentums in vielen Teilen der Welt, auch unter
jenen Systemen, die das Recht auf Privateigentum zu einem ihrer
Schwerpunkte machen. Infolge dieser Veränderungen und des Weiterbestehens
der Armut erweist sich eine gründlichere Analyse des Problems als
notwendig. Ich werde darauf in einem späteren Teil dieses Dokumentes ausführlicher
eingehen.
7. In enger Beziehung zum Thema des Rechtes auf Eigentum macht die
Enzyklika Leos XIII. andere Rechte als eigene und unveräußerliche Rechte
der menschlichen Person geltend. Darunter kommt auf Grund des Umfanges,
den der Papst ihm widmet, und der Bedeutung, die er ihm beimißt, dem »natürlichen
Recht des Menschen«, private Vereinigungen zu bilden, ein besonderer
Vorrang zu. Das besagt zunächst das Recht, Berufsvereinigungen von
Unternehmern und Arbeitern oder von Arbeitern allein zu gründen.(19)
Hierin wird der Grund dafür gesehen, daß die Kirche die Gründung von
Vereinigungen, die sich heute Gewerkschaften nennen, verteidigt und
billigt. Das geschieht gewiß nicht aus ideologischen Vorurteilen oder um
sich einem Klassendenken zu beugen, sondern weil es sich um ein natürliches
Recht des Menschen handelt, das seiner Eingliederung in eine politische
Gemeinschaft vorausgeht. »Der Staat besitzt nicht schlechthin die
Vollmacht, ihr Dasein zu verbieten ... Das Naturrecht kann der Staat nicht
vernichten, sein Beruf ist es vielmehr, dasselbe zu schützen. Verbietet
ein Staat dennoch die Bildung solcher Genossenschaften, so handelt er
gegen sein eigenes Prinzip«.(20)
Zusammen mit diesem Recht, — und das muß hervorgehoben werden —
anerkennt der Papst für die Arbeiter oder, in seiner Sprache, für die »Proletarier«
mit gleicher Klarheit das Recht auf die »Begrenzung der Arbeitszeit«,
auf die entsprechende Freizeit und auf den Schutz der Kinder und der
Frauen, vor allem was ihre Arbeitsweise und Arbeitsdauer betrifft.(21)
Wenn man bedenkt, was uns die Geschichte über die zulässigen oder
zumindest gesetzlich nicht ausgeschlossenen Methoden bei der Anstellung
berichtet, kann man die harte Aussage des Papstes wohl verstehen. Es gab
keine Garantie, weder was die Arbeitsstunden noch was die hygienischen
Verhältnisse betraf, auch auf das Alter und das Geschlecht der
Arbeitsuchenden wurde keine Rücksicht genommen. »Die Gerechtigkeit und
die Menschlichkeit erheben Einspruch — schreibt Leo — gegen
Arbeitsforderungen von solcher Höhe, daß der Körper unterliegt und der
Geist sich abstumpft«. Und unter Bezugnahme auf den Vertrag, der
derartige »Arbeitsverhältnisse« bestimmen sollte, präzisiert er: »Bei
jeder Verbindlichkeit, die zwischen Arbeitgebern und Arbeitern eingegangen
wird, ist ausdrücklich oder stillschweigend die Bedingung vorhanden«, daß
den Arbeitern soviel Ruhe zu sichern ist, »als zur Herstellung ihrer bei
der Arbeit aufgewendeten Kräfte nötig ist«. Und er schließt mit dem
Satz: »Eine Vereinbarung ohne diese Bedingung wäre sittlich nicht zulässig«.(22)
8. Kurz darauf kommt der Papst auf ein weiteres Recht des Arbeiters als
Person zu sprechen. Es handelt sich um das Recht auf »gerechten Lohn«,
das nicht dem freien Einvernehmen der Parteien überlassen bleiben kann.
Denn »da der Lohnsatz vom Arbeiter angenommen wird, so könnte es
scheinen, als sei der Arbeitgeber nach erfolgter Auszahlung des Lohnes
aller weiteren Verbindlichkeiten enthoben«.(23) Zudem hat der Staat —
wie es damals hieß — keine Machtbefugnis, in die Festlegung dieser
Verträge einzugreifen, außer die Erfüllung dessen sicherzustellen, was
ausdrücklich vereinbart worden war. Eine solche rein pragmatische und von
einem unerbittlichen Individualismus getragene Auffassung von dem Verhältnis
zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern wird in der Enzyklika hart gegeißelt,
weil sie der zweifachen Natur der Arbeit in ihrer persönlichen und
notwendigen Eigenart widerspricht. Auch wenn die Arbeit als persönliches
Faktum zur Verfügbarkeit jedes einzelnen über seine Fähigkeiten und Kräfte
gehört, so wird sie als notwendiges Faktum von der schweren Verpflichtung
bestimmt, daß sich jeder »am Leben erhalten muß«. »Hat demnach jeder
ein natürliches Recht — so schließt der Papst —, den Lebensunterhalt
zu finden, so ist hinwieder der Dürftige hierzu allein auf die Händearbeit
notwendig angewiesen«.(24)
Der Lohn muß ausreichend sein, um den Arbeiter und seine Familie zu
erhalten. Wenn der Arbeiter »sich aus reiner Not oder um einem
schlimmeren Zustande zu entgehen, den allzu harten Bedingungen beugt, die
ihm nun einmal vom Arbeitsherrn oder Unternehmer auferlegt werden, so heißt
das Gewalt leiden, und die Gerechtigkeit erhebt gegen einen solchen Zwang
Einspruch«.(25)
Gebe Gott, daß diese Worte, die in der Entwicklung des sogenannten »ungezähmten
Kapitalismus« geschrieben worden sind, nicht heute mit derselben Härte
wiederholt werden müssen. Leider stößt man auch heute auf Fälle von
Verträgen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, in denen die
elementarste Gerechtigkeit in Fragen der Arbeit von Minderjährigen oder
Frauen, der geregelten Arbeitszeit, des hygienischen Zustands der
Arbeitsplätze und der entsprechenden Entlohnung ignoriert wird. Und das
trotz der internationalen Erklärungen und Konventionen (26) und der
entsprechenden Gesetzgebung der einzelnen Staaten. Der Papst schrieb der
»staatlichen Autorität« die »strenge Pflicht« zu, sich in gebührender
Weise um das Wohl der Arbeiter zu kümmern, weil er mit der Unterlassung
dieser Pflicht die Gerechtigkeit verletzte, ja, er scheute sich nicht, von
»ausgleichender Gerechtigkeit« zu sprechen.(27)
9. Zu diesen Rechten fügt Leo XIII. im Zusammenhang mit der Situation der
Arbeiter ein weiteres hinzu, woran ich erinnern möchte, auch wegen der
Bedeutung, die es hat und die es in jüngster Zeit hinzugewonnen hat. Es
ist das Recht auf freie Erfüllung der religiösen Pflichten. Der Papst
verkündet es ausdrücklich im Zusammenhang mit den anderen Rechten und
Pflichten der Arbeiter. Er tut das trotz der auch zu seiner Zeit
weitverbreiteten Meinung, daß bestimmte Fragen ausschließlich in den
Privatbereich des einzelnen fielen. Er macht die pflichtmäßige
Sonntagsruhe geltend, um dem Menschen den Gedanken an die Güter des
Jenseits und die Pflichten der Gottesverehrung zu ermöglichen.(28) Dieses
Recht, das in einem Gebot wurzelt, kann dem Menschen niemand vorenthalten.
»Keine Gewalt darf sich ungestraft an der Würde des Menschen vergreifen,
die doch Gott selbst mit großer Achtung über ihn verfügt«. Der Staat
muß den Arbeitern die Ausübung dieses Rechts zusichern.(29)
Man wird kaum fehlgehen, wenn man in diesen eindeutigen Aussagen den Keim
des Grundrechtes auf Religionsfreiheit sieht, das zum Thema vieler
feierlicher internationaler Erklärungen und Konventionen(30) sowie der
bekannten Konzilserklärung und wiederholter Aussagen meines eigenen
Lehramtes(31) geworden ist. In diesem Zusammenhang muß man sich fragen,
ob die geltenden Gesetzesvorschriften und die Praxis der
Industriegesellschaften die Ausübung dieses elementaren Rechtes auf die
Sonntagsruhe heute effektiv gewährleisten.
10. Ein anderes wichtiges Merkmal, das reich ist an Aussagen für unsere
Zeit, ist das Verständnis der Beziehung zwischen Staat und Bürgern.
Rerum novarum kritisiert die zwei Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme:
den Sozialismus und den Liberalismus. Dem Sozialismus ist der erste Teil
gewidmet, in dem das Recht auf Privateigentum bestätigt wird. Dem zweiten
System ist kein eigener Abschnitt gewidmet, sondern — und das muß
angemerkt werden — der Papst behält sich seine Kritik am damaligen
Liberalismus vor, bis er im zweiten Teil das Thema der Pflichten des
Staates aufgreift.(32) Der Staat kann sich nicht darauf beschränken, »nur
für einen Teil der Staatsangehörigen« — nämlich die wohlhabenden und
vom Schicksal begünstigten — »zu sorgen, den andern aber«, der
zweifellos die große Mehrheit der Gesellschaft darstellt, »zu vernachlässigen«.
Wenn dies geschieht, so verletzt er die Gerechtigkeit, welche jedem das
Seine zu geben bereit ist. »Doch muß der Staat beim Rechtsschutz
zugunsten der Privaten eine ganz besondere Fürsorge für die niedere,
besitzlose Masse sich angelegen sein lassen. Die Wohlhabenden sind nämlich
nicht in dem Maße auf den öffentlichen Schutz angewiesen, sie haben
selbst die Hilfe eher zur Hand; dagegen hängen die Besitzlosen, ohne
eigenen Boden unter den Füßen, fast ganz von der Fürsorge des Staates
ab. Die Lohnarbeiter also, die ja zumeist die Besitzlosen bilden, müssen
vom Staat in besondere Obhut genommen werden«.(33)
Diese Stellen der Enzyklika sind heute vor allem von Bedeutung angesichts
neuer Formen der Armut, die es in der Welt gibt. Denn es sind Aussagen,
die weder von einer bestimmten Staatsauffassung noch von einer besonderen
politischen Theorie abhängen. Der Papst bekräftigt ein Grundprinzip
jeder gesunden politischen Ordnung: Je schutzloser Menschen in einer
Gesellschaft sind, um so mehr hängen sie von der Anteilnahme und Sorge
der anderen und insbesondere vom Eingreifen der staatlichen Autorität ab.
So erweist sich das Prinzip, das wir heute Solidaritätsprinzip nennen und
an dessen Gültigkeit sowohl in der Ordnung innerhalb der einzelnen Nation
als auch in der internationalen Ordnung ich in Sollicitudo rei socialis
erinnert habe,(34) als eines der grundlegenden Prinzipien der christlichen
Auffassung der gesellschaftlichen und politischen Ordnung. Es wird von Leo
XIII. mehrmals unter dem Namen »Freundschaft« angeführt, ein Ausdruck,
den wir schon in der griechischen Philosophie finden. Von Pius XI. wird es
mit dem nicht weniger bedeutungsvollen Namen »soziale Liebe« bezeichnet.
Paul VI. hat den Begriff mit den heutigen vielfältigen Dimensionen der
sozialen Frage erweitert und von »Zivilisation der Liebe«
gesprochen.(35)
11. Das Wiederlesen der Enzyklika in der Wirklichkeit unserer Zeit erlaubt
uns, die stete Sorge und das ständige Bemühen der Kirche jenen Menschen
gegenüber richtig einzuschätzen, denen die besondere Vorliebe Jesu galt.
Der Inhalt der Enzyklika ist ein sprechendes Zeugnis für die Kontinuität
dessen in der Kirche, was man heute »die vorrangige Option für die Armen«
nennt; eine Option, die ich als einen »besonderen Vorrang in der Weise,
wie die christliche Liebe ausgeübt wird«, definiert habe.(36) Die
Enzyklika über die »Arbeiterfrage« ist also eine Enzyklika über die
Armen und über das schreckliche Los, in das der neue und nicht selten
gewaltsame Prozeß der Industrialisierung riesige Menschenmassen gestoßen
hatte. Auch heute noch rufen in weiten Teilen der Welt ähnliche
wirtschaftliche, soziale und politische Umwälzungen dieselben Ubel
hervor.
Wenn Leo XIII. an den Staat appelliert, die Lage der Armen in
Gerechtigkeit zu lindern, so tut er das, weil er richtigerweise erkennt,
daß dem Staat die Aufgabe obliegt, über das Gemeinwohl zu wachen. Daß
er dafür zu sorgen hat, daß jeder Bereich des gesellschaftlichen Lebens,
der wirtschaftliche miteingeschlossen, unter Beachtung der berechtigten
jeweiligen Autonomie zur Förderung des Gemeinwohles beiträgt. Das darf
jedoch nicht zur Annahme führen, daß nach Papst Leo jede Lösung
sozialer Fragen einzig vom Staat kommen soll. Im Gegenteil, der Papst
betont immer wieder die notwendigen Grenzen im Eingreifen des Staates. Der
Staat hat instrumentalen Charakter, da der einzelne, die Familie und die
Gesellschaft vor ihm bestehen und der Staat dazu da ist, die Rechte des
einen und der anderen zu schützen, nicht aber zu unterdrücken.(37)
Die Aktualität dieser Überlegungen kann niemandem entgehen; ich werde
weiter unten auf dieses wichtige Thema der mit der Natur des Staates
zusammenhängenden Grenzen nochmals zurückkommen. Die hervorgehobenen
Punkte sind sicher nicht die einzigen, die der Enzyklika eine in der
Kontinuität des sozialen Lehramtes der Kirche erstaunliche Aktualität
verleihen; das auch im Licht einer gesunden Auffassung vom Privateigentum,
von der Arbeit, vom Wirtschaftsprozeß, von der Wirklichkeit des Staates
und vor allem vom Menschen selber. Weitere Themen werden später bei der
Behandlung einiger Aspekte der heutigen Welt erwähnt werden. Doch gilt es
schon jetzt festzuhalten, daß das, was das Herzstück der Enzyklika
ausmacht und was sowohl sie als die ganze Soziallehre der Kirche zuinnerst
bestimmt, die richtige Auffassung von der menschlichen Person und ihrem
einzigartigen Wert ist, insofern »der Mensch... auf Erden das einzige von
Gott um seiner selbst willen gewollte Geschöpf ist«.(38) In ihn hat er
sein Bild und Gleichnis eingemeißelt (vgl. Gen 1, 26) und ihm damit eine
unvergleichliche Würde verliehen, auf der die Enzyklika wiederholt so
eindringlich besteht. Jenseits aller Rechte, die der Mensch durch sein Tun
und Handeln erwirbt, besitzt er Rechte, die nicht im Entgelt für seine
Leistung bestehen, sondern seiner wesenhaften Würde als Person
entspringen.
II. KAPITEL
AUF DEM WEG ZUM »NEUEN« VON HEUTE
12. Es wäre keine angemessene Jubiläumsfeier für Rerum novarum, würde
man dabei nicht die heutige Situation ins Auge fassen. Schon von seinem
Inhalt her gibt das Dokument Anlaß zu einer derartigen Betrachtung, weil
der geschichtliche Rahmen und die daraus abgeleitete Vorausschau sich im
Lichte des Gesamtgeschehens der nachfolgenden Jahrzehnte als erstaunlich
exakt herausstellen.
Das wird in besonderer Weise von den Ereignissen der letzten Monate des
Jahres 1989 und der ersten des Jahres 1990 bestätigt. Diese und die
radikalen Umgestaltungen lassen sich nur auf Grund der unmittelbar
vorhergehenden Situationen erklären. Sie haben das, was Leo XIII.
voraussah und was die immer besorgteren Warnungen seiner Nachfolger ankündigten,
gleichsam festgeschrieben und institutionalisiert. Papst Leo sah in der
Tat unter allen Aspekten, politisch, sozial und wirtschaftlich, die
negativen Folgen einer Gesellschaftsordnung voraus, wie sie der
Sozialismus vorlegte, der sich freilich damals noch im Stadium der
Sozialphilosophie und einer mehr oder weniger strukturierten Bewegung
befand. Man mag sich darüber wundern, daß der Papst seine Kritik an den
Lösungen, die sich für die »Arbeiterfrage« anboten, beim Sozialismus
ansetzte. Dieser trat damals noch gar nicht — wie es später tatsächlich
geschah — in Gestalt eines starken und mächtigen Staates mit allen ihm
zur Verfügung stehenden Möglichkeiten auf. Der Papst urteilte jedenfalls
richtig, wenn er die Gefahr sah, die darin bestand, daß der breiten Masse
eine scheinbar so einfache und radikale Lösung der »Arbeiterfrage«
vorgelegt wurde. Das erweist sich also um so treffender, wenn man das
alles im Zusammenhang der grauenvollen Ungerechtigkeit sieht, in der sich
die proletarischen Massen in den seit kurzem industrialisierten Nationen
befanden.
Hier gilt es zweierlei zu unterstreichen: einerseits die große Klarheit
in der Wahrnehmung der tatsächlichen Lage der Proletarier, Männer,
Frauen und Kinder, in ihrer ganzen Härte; andererseits die nicht
geringere Klarheit, mit der er das Übel einer Lösung erkennt, die unter
dem Anschein, die Stellung von Armen und Reichen umzukehren, tatsächlich
aber jenen zum Schaden gereicht, denen zu helfen sie vorgab. Das
Heilmittel würde sich damit als schlimmer herausstellen als das Übel. Im
Erkennen des Wesens des Sozialismus seiner Zeit mit dessen Forderung nach
Abschaffung des Privateigentums gelangte Leo XIII. zum Kern der Frage.
Seine Worte verdienen es, neu gelesen zu werden: »Zur Hebung dieses Übels
(der ungerechten Verteilung des Reichtums und des Elends der Proletarier)
verbreiten die Sozialisten, indem sie die Besitzlosen gegen die Reichen
aufstacheln, die Behauptung, der private Besitz müsse aufhören, um einer
Gemeinschaft der Güter Platz zu machen ...; indessen ist dieses Programm
weit entfernt, etwas zur Lösung der Frage beizutragen; es schädigt
vielmehr die arbeitenden Klassen selbst; es ist ferner sehr ungerecht,
indem es die rechtmäßigen Besitzer vergewaltigt, es ist endlich der
staatlichen Aufgabe zuwider, ja führt die Staaten in völlige Auflösung«.(39)
Besser könnte man die durch die Einführung dieser Art des Sozialismus
als Staatssystem verursachten Übel nicht aufzeigen: Es ist jenes System,
das später unter dem Namen »realer Sozialismus« bekannt werden sollte.
13. Wenn wir jetzt die begonnene Reflexion vertiefen und auch das mit
hereinnehmen, was in den Enzykliken Laborem exercens und Sollicitudo rei
socialis gesagt worden ist, müssen wir hinzufügen, daß der Grundirrtum
des Sozialismus anthropologischer Natur ist. Er betrachtet den einzelnen
Menschen lediglich als ein Instrument und Molekül des gesellschaftlichen
Organismus, so daß das Wohl des einzelnen dem Ablauf des
wirtschaftlich-gesellschaftlichen Mechanismus völlig untergeordnet wird;
gleichzeitig ist man der Meinung, daß eben dieses Wohl unabhängig von
freier Entscheidung und ohne eine ganz persönliche und unübertragbare
Verantwortung gegenüber dem Guten verwirklicht werden könne. Der Mensch
wird auf diese Weise zu einem Bündel gesellschaftlicher Beziehungen verkürzt,
es verschwindet der Begriff der Person als autonomes Subjekt moralischer
Entscheidung, das gerade dadurch die gesellschaftliche Ordnung aufbaut.
Aus dieser verfehlten Sicht der Person folgen die Verkehrung des Rechtes,
das den Raum für die Ausübung der Freiheit bestimmt, und ebenso die
Ablehnung des Privateigentums. Der Mensch, der gar nichts hat, was er »sein
eigen« nennen kann, und jeder Möglichkeit entbehrt, sich durch eigene
Initiative seinen Lebensunterhalt zu verdienen, wird völlig abhängig von
den gesellschaftlichen Mechanismen und von denen, die sie kontrollieren.
Es wird dem Menschen äußerst schwer, seine Würde als Person zu
erkennen. Damit aber wird der Weg zur Errichtung einer echten menschlichen
Gemeinschaft verbaut.
Im Gegensatz dazu folgt aus der christlichen Sicht der Person
notwendigerweise die richtige Sicht der Gesellschaft. Nach Rerum novarum
und der ganzen Soziallehre der Kirche erschöpft sich die
gesellschaftliche Natur des Menschen nicht im Staat, sondern sie
verwirklicht sich in verschiedenen Zwischengruppen, angefangen von der
Familie bis hin zu den wirtschaftlichen, sozialen, politischen und
kulturellen Gruppen, die in derselben menschlichen Natur ihren Ursprung
haben und daher — immer innerhalb des Gemeinwohls — ihre eigene
Autonomie besitzen. Das ist die — wie ich sie nenne — »Subjektivität
der Gesellschaft«, die zusammen mit der Subjektivität des einzelnen vom
»realen Sozialismus« zerstört wurde.(40)
Wenn wir uns weiter fragen, woher diese irrige Sichtweise des Wesens der
Person und der »Subjektivität« der Gesellschaft stammt, können wir nur
antworten, daß seine Hauptursache der Atheismus ist. In der Antwort auf
den Anruf Gottes, der sich in den Dingen der Welt manifestiert, wird sich
der Mensch seiner übernatürlichen Würde bewußt. Jeder Mensch muß
diese Antwort geben. Darin besteht die Krönung seines Menschseins, und
kein gesellschaftlicher Mechanismus und kein kollektives Subjekt kann ihn
dabei vertreten. Die Leugnung Gottes beraubt die Person ihres tragenden
Grundes und führt damit zu einer Gesellschaftsordnung ohne Anerkennung
der Würde und Verantwortung der menschlichen Person.
Der Atheismus, von dem hier die Rede ist, hängt eng mit dem Rationalismus
der Aufklärung zusammen, der die Wirklichkeit des Menschen und der
Gesellschaft mechanisch versteht. So wird die tiefste Sicht der wahren Größe
des Menschen geleugnet, sein Vorrang vor den Dingen. Aber ebenso verneint
wird der Widerspruch, der in seinem Herzen wohnt: zwischen dem Verlangen
nach einem Vollbesitz des Guten und der eigenen Unfähigkeit, es zu
erlangen, und das daraus erwachsene Heilsbedürfnis.
14. Aus derselben atheistischen Wurzel stammt auch die Wahl der Methode
des Sozialismus, die in Rerum novarum verurteilt wird. Es handelt sich um
den Klassenkampf. Der Papst hat keineswegs die Absicht, jegliche Form
sozialer Konflikte zu verurteilen. Die Kirche weiß nur zu gut, daß in
der Geschichte unvermeidlich Interessenskonflikte zwischen verschiedenen
sozialen Gruppen auftreten und daß der Christ dazu oft entschieden und
konsequent Stellung beziehen muß. Die Enzyklika Laborem exercens hat mit
aller Deutlichkeit die positive Rolle des Konfliktes anerkannt, wenn
dieser als »Kampf für die soziale Gerechtigkeit« angesehen wird.(41) In
Quadragesimo anno heißt es: »Wenn sich der Klassenkampf der Aktionen der
Gewalt und des gegenseitigen Hasses enthält, verwandelt er sich nach und
nach in eine ehrliche Diskussion, die auf der Suche nach der Gerechtigkeit
gegründet ist«.(42)
Was am Klassenkampf verurteilt wird, ist die Auffassung eines Konfliktes,
der sich von keiner Erwägung ethischer oder rechtlicher Art leiten läßt;
der sich weigert, die Personenwürde im anderen (und damit die eigene)
anzuerkennen; der daher einen angemessenen Vergleich ausschließt und
nicht mehr das Gesamtwohl der Gesellschaft, vielmehr ausschließlich das
Sonderinteresse einer Gruppe im Auge hat, das sich an die Stelle des
Gemeinwohls setzt und daher vernichten will, was sich ihm entgegenstellt.
Es handelt sich, bezogen auf die interne Konfrontation gesellschaftlicher
Gruppen, um die Wiederholung der Theorie vom »totalen Krieg«, den der
Materialismus und Imperialismus jener Tage für das Verhältnis der
internationalen Beziehungen aufzwangen. Diese Theorie ersetzte die Suche
nach einem gerechten Ausgleich der Interessen der verschiedenen Nationen
mit dem absoluten Vorrang der eigenen Interessen bis hin zur Vernichtung
unter Anwendung aller Mittel. Lüge, Terror gegen die Zivilbevölkerung,
Massenvernichtungswaffen (deren Anwendung man gerade in jenen Jahren zu
planen begann), Machtmittel des Widerstandes gegen den Feind waren nicht
ausgeschlossen. Der Klassenkampf im marxistischen Sinn und der
Militarismus haben gleiche Wurzeln: den Atheismus und die Verachtung der
menschlichen Person, die das Prinzip der Macht über Vernunft und Recht
setzen.
15. Rerum novarum stellt sich der Verstaatlichung der Produktionsmittel
entgegen, die den Bürger als nur kleinen Bestandteil der
Staatsmaschinerie herabwürdigen würde. Nicht weniger energisch aber
kritisiert die Enzyklika eine Staatsauffassung, die die Wirtschaft aus
seinen Interessen und Maßnahmen völlig ausklammern würde. Zweifellos
gibt es einen berechtigten Raum der Freiheit in der Wirtschaft, in den der
Staat nicht eingreifen soll. Aber der Staat hat die Aufgabe, den
rechtlichen Rahmen zu erstellen, innerhalb dessen sich das
Wirtschaftsleben entfalten kann. Damit schafft er die Grundvoraussetzung für
eine freie Wirtschaft, die in einer gewissen Gleichheit unter den
Beteiligten besteht, so daß der eine nicht so übermächtig wird, daß er
den anderen praktisch zur Sklaverei verurteilt.(43)
Angesichts solcher Gefahren zeigt Rerum novarum den Weg gerechter Reformen
auf, die der Arbeit ihre Würde als freies Tun des Menschen wiedergeben.
Das besagt unter anderem vor allem die Verantwortung von seiten der
Gesellschaft und des Staates, den Arbeiter vor dem Alptraum der
Arbeitslosigkeit zu schützten. Dies wurde im Verlauf der Zeit durch zwei
sich ergänzende Wege versucht: Durch eine Wirtschaftspolitik mit dem Ziel
eines ausgeglichenen Wachstums und der Sicherung von Vollbeschäftigung
und ebenso mit einer Versicherung gegen Arbeitslosigkeit, verbunden mit
einer Politik der Umschulung, die den Wechsel eines Arbeiters von einem
Krisensektor in einen Entwicklungssektor erleichtert.
Ferner müssen Gesellschaft und Staat für ein angemessenes Lohnniveau
sorgen, das dem Arbeiter und seiner Familie den Unterhalt sichert und die
Möglichkeit zum Sparen erlaubt. Es erfordert Anstrengungen, um den
Arbeitern stets jenes fachliche Wissen und Können zu vermitteln, damit
ihre Arbeit zur Verbesserung der Produktion beiträgt. Es ist ebenso
notwendig, darüber zu wachen und gesetzgeberische Maßnahmen zu
ergreifen, um die schändliche Ausbeutung insbesondere der Schwachen, der
Einwanderer und der an den Rand gedrängten Arbeiter zu verhindern. Hier
liegt die entscheidende Aufgabe der Gewerkschaften, die Mindestlohn und
Arbeitsbedingungen aushandeln.
Schließlich ist die Sicherung einer »menschlichen« Arbeitszeit und eine
entsprechende Erholung zu garantieren. Von Bedeutung ist das Recht, die
eigene Persönlichkeit am Arbeitsplatz einzubringen, ohne daß dabei das
eigene Gewissen oder die Menschenwürde Schaden leiden. Hier ist von neuem
an die Rolle der Gewerkschaften zu appellieren, die nicht nur als
Verhandlungspartner, sondern auch als »Ort« dienen sollen, an dem die
Persönlichkeit des Arbeiters zur Geltung kommen kann. Sie sollen dazu
beitragen, eine echte Arbeitskultur zu entwickeln und den Arbeitern die
volle menschliche Anteilnahme am Unternehmen zu ermöglichen.(44) Zur
Verwirklichung dieser Ziele muß der Staat, sei es unmittelbar oder
mittelbar, seinen Beitrag leisten. Mittelbar dadurch, daß er nach dem
Prinzip der Subsidiarität möglichst günstige Voraussetzungen für die
freie Entfaltung der Wirtschaft bietet, die damit ein reiches Angebot an
Arbeitsmöglichkeiten und einen Grundstock für den Wohlstand schafft.
Unmittelbar leistet der Staat seinen Beitrag, wenn er nach dem Prinzip der
Solidarität, zur Verteidigung des Schwächeren Grenzen setzt, die über
die Arbeitsbedingungen entscheiden, und wenn er dem beschäftigungslosen
Arbeiter das Existenzminimum garantiert.(45)
Die Enzyklika und mit ihr das soziale Lehramt hatten in den Jahren der
Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert einen vielfältigen Einfluß. Dieser
Einfluß zeigt sich in zahlreichen Reformen auf dem Gebiet der
Sozialgesetzgebung, der Altersversorgung, der Krankenversicherung, der
Unfallverhütung, immer im Hinblick auf eine umfassendere und größere
Achtung vor den Rechten der Arbeiter.(46)
16. Die Reformen wurden zum Teil von den Staaten selber durchgeführt, zum
Teil aber hatte die Arbeiterbewegung im Kampf um ihre Durchsetzung eine
wichtige Rolle. Als Reaktion des moralischen Gewissens gegen
Ungerechtigkeit und Ausbeutung entstanden, kam sie in der Folge in einem
gewissen Maße unter den Einfluß jener marxistischen Ideologie, gegen die
sich Rerum novarum wandte. Die Arbeiterbewegung entfaltete umfangreiche
gewerkschaftliche und reformerische Aktivitäten, die sich vom Nebel der
Ideologie fernhielt. Sie befaßte sich mit den täglichen Anliegen der
Arbeiter, und hier traf sich ihr Bemühen oft mit dem der Christen, für
die Arbeiter bessere Lebensbedingungen zu schaffen.
In die gleiche Richtung gingen auch die Bemühungen der organisierten
Selbsthilfe der Gesellschaft in der Erstellung wirksamer Formen der
Solidarität, die imstande waren, das Wirtschaftswachstum mit mehr Achtung
vor dem Menschen zu verbinden. Hier ist an die vielfältige Tätigkeit zu
erinnern, an der Christen einen wesentlichen Anteil hatten: in der Gründung
von Produktions-, Konsum- und Kreditgenossenschaften, in der Förderung
der Volks- und Berufsbildung, in den verschiedenen Versuchen der
Mitbeteiligung am Betrieb und ganz allgemein am Leben der Gesellschaft.
Wenn es im Blick auf die Vergangenheit angebracht ist, Gott zu danken,
weil die große Enzyklika in den Herzen nicht ohne Antwort blieb, sondern
zu großmütigem Handeln angeregt hat, so ist dennoch daran zu erinnern,
daß ihre prophetische Botschaft von den Menschen ihrer Zeit nicht in
vollem Umfang aufgenommen wurde. Gerade dadurch kam es zu ernsten
Katastrophen.
17. Wenn man die Enzyklika in Verbindung mit dem ganzen Reichtum des
Lehramtes Leos liest,(47) so erkennt man, daß sie auf
wirtschaftlich-gesellschaftlichem Gebiet die Konsequenzen eines Irrtums
von größter Tragweite aufzeigt. Dieser Irrtum besteht, wie ich vorher
sagte, in einem Verständnis der menschlichen Freiheit, die sie vom
Gehorsam gegenüber der Wahrheit und damit auch von der Pflicht, die
Rechte der Menschen zu respektieren, entbindet. Inhalt der Freiheit wird
dann die Selbstliebe, die bis zur Verachtung Gottes und des Nächsten führt,
die in der Verfolgung der eigenen Interessen keine Grenzen kennt und die
auf die Forderungen der Gerechtigkeit keine Rücksicht nimmt.(48)
Gerade dieser Irrtum kam voll zur Wirkung in der tragischen Abfolge von
Kriegen, die zwischen 1914 und 1945 Europa und die ganze Welt erschütterten.
Diese Kriege waren Auswirkungen des Militarismus und des maßlosen
Nationalismus und der damit verbundenen Formen von Totalitarismus. Sie
entstehen aus dem Klassenkampf, aus Bürgerkriegen und ideologischen Kämpfen.
Ohne die schreckliche Last von Haß und Rachsucht, die sich wegen derart
zahlreicher Ungerechtigkeiten sowohl auf internationaler Ebene als auch
auf jener im Inneren der einzelnen Staaten anhäufte, wäre ein Krieg von
solch totaler Grausamkeit, in dem alle Kräfte großer Nationen eingesetzt
wurden, in dem man vor Verletzung heiligster Menschenrechte nicht zurückschreckte,
in dem die Ausrottung ganzer Völker und gesellschaftlicher Gruppen
geplant und durchgeführt wurde, nicht möglich gewesen. Wir denken hier
besonders an das jüdische Volk, dessen schreckliches Schicksal zum Symbol
für jene Verirrungen wurde, zu denen der Mensch kommen kann, wenn er sich
gegen Gott wendet.
Haß und Ungerechtigkeit bemächtigen sich immer noch ganzer Nationen. Sie
lassen sich nur dann zum Handeln bewegen, wenn sie von Ideologien
legitimiert und organisiert werden, die sich mehr auf die eigene Ahnung
als auf die Wahrheit über den Menschen gründen.(49) Die Enzyklika Rerum
novarum hat sich gegen die Ideologien des Hasses zur Wehr gesetzt und Wege
der Gerechtigkeit zur Überwindung von Gewalt und Feindschaft aufgezeigt.
Möchte die Erinnerung an jene schrecklichen Ereignisse das Handeln aller
Menschen beeinflussen, insbesondere das der Verantwortlichen der Völker
unserer Zeit. Einer Zeit, in der neues Unrecht neuen Haß nährt und neue
Ideologien am Horizont auftauchen, die die Gewalt verherrlichen.
18. Gewiß, seit 1945 schweigen die Waffen auf dem europäischen
Kontinent. Der wahre Friede aber — daran sei erinnert — ist niemals
das Ergebnis eines errungenen militärischen Sieges, sondern besteht in
der Überwindung der Kriegsursachen und in der echten Aussöhnung unter
den Völkern. Während vieler Jahre gab es in Europa und in der Welt
jedoch eher eine Situation des Nicht-Krieges als des authentischen
Friedens. Eine Hälfte des europäischen Kontinents geriet unter die
Herrschaft der kommunistischen Diktatur, während die andere Hälfte
darauf bedacht war, sich gegen eine solche Gefahr abzusichern. Viele Völker
verlieren die Möglichkeit, über sich selbst zu verfügen. Sie werden in
die bedrückenden Grenzen eines Machtblockes eingeschlossen, während man
darauf hinarbeitet, ihr Geschichtsbewußtsein und die Wurzeln ihrer
Jahrhunderte alten Kultur auszulöschen. Ungeheure Massen von Menschen
werden als Folge der gewaltsamen Teilung dazu gezwungen, ihr Land zu
verlassen, und werden gewaltsam vertrieben.
Ein irrsinniger Rüstungswettlauf verschlingt die Mittel, die nötig wären,
um eine Entwicklung der eigenen Wirtschaft zu sichern und den am meisten
benachteiligten Nationen zu helfen. Der wissenschaftliche und
technologische Fortschritt, der zum Wohlergehen des Menschen beitragen
sollte, wird zum Instrument für den Krieg. Man gebraucht Wissenschaft und
Technik, um immer vollkommenere Waffen zur Massenvernichtung zu
produzieren, während eine Ideologie, die eine Perversion echter
Philosophie darstellt, die theoretische Rechtfertigung für den neuen
Krieg liefern soll. Dieser Krieg wird nicht nur erwartet und vorbereitet,
er wird geführt mit ungeheurem Blutvergießen in verschiedenen Teilen der
Welt. Die Logik der Blöcke und Machtbereiche, die in den verschiedenen
Dokumenten der Kirche und jüngst in der Enzyklika Sollicitudo rei
socialis (50) angeprangert wurden, verfährt in der Weise, daß die in den
Ländern der dritten Welt entstandenen Streitigkeiten und Unstimmigkeiten
systematisch gefördert und ausgenützt werden, um dem Gegner
Schwierigkeiten zu machen.
Extremistische Gruppen, die diese Konflikte mit Waffengewalt lösen
wollen, finden politische und militärische Unterstützung. Sie werden mit
Waffen versehen und für den Krieg ausgebildet, während jene, die sich
unter Respektierung der legitimen Interessen aller Beteiligten um
friedliche und menschliche Lösungen bemühen, isoliert bleiben und oft
Opfer ihrer Gegner werden.
Auch die militärische Aufrüstung vieler Länder der dritten Welt und die
sie zerfleischenden Stammesfehden, die Ausbreitung des Terrorismus und der
stets barbarischer werdenden Mittel der politisch-militärischen
Auseinandersetzung stellen eine der Hauptursachen dar in der Brüchigkeit
des Friedens nach dem zweiten Weltkrieg. Auf der ganzen Welt lastet schließlich
die Bedrohung eines Atomkrieges, der die ganze Menschheit auslöschen
kann. Die für militärische Zwecke angewandte Wissenschaft gibt dem von
Ideologie geförderten Haß die entscheidenden Möglichkeiten. Aber der
Krieg kann ohne Sieger und Besiegte im Selbstmord der Menschheit enden,
und deshalb muß man die Logik, die dazu führt, radikal zurückweisen, närnlich
die Idee, daß der Kampf zur Vernichtung des Feindes, die Gegnerschaft und
der Krieg zur Entwicklung und zum Fortschritt der Geschichte
beitragen.(51) Wenn man die Notwendigkeit dieser Ablehnung einsieht, dann
muß notwendigerweise die Logik des »totalen Krieges« wie die des »Klassenkampfes«
in Krise geraten.
19. Am Ende des zweiten Weltkrieges ist ein solcher Fortschritt des Bewußtseins
aber erst in den Anfängen. Was die Aufmerksamkeit erregt, ist die
Ausbreitung des kommunistischen Totalitarismus auf mehr als die Hälfte
Europas und weite Teile der Welt. Der Krieg, der die Freiheit
wiederbringen und das Recht der Völker wiederherstellen sollte, geht ohne
die Verwirklichung dieser Ziele zu Ende. Viele Völker, besonders jene,
die schwer gelitten hatten, erfahren das Gegenteil. Diese Situation hat
verschiedene Antworten hervorgebracht.
In einigen Ländern sieht man nach der Zerstörung des Krieges auf
verschiedenen Gebieten ein positives Bemühen zum Aufbau einer
demokratischen Gesellschaft, die sich von sozialer Gerechtigkeit leiten läßt
und dem Kommunismus sein revolutionäres Potential entzieht, das sich auf
die ausgebeuteten und unterdrückten Massen gründet. Dieses Bemühen wird
im allgemeinen durch die Methoden der freien Marktwirtschaft unterstützt.
Durch stabile Währung und Sicherheit der sozialen Beziehungen sucht man
die Voraussetzungen für ein stabiles und gesundes Wirtschaftswachstum zu
schaffen, in dem die Menschen mit ihrer Arbeit für sich selbst und für
ihre Kinder eine bessere Zukunft bauen können. Zugleich will man
vermeiden, daß die Marktmechanismen zum ausschließlichen Bezugspunkt für
das gesamte gesellschaftliche Leben werden. Man strebt eine öffentliche
Kontrolle an, die das Prinzip der Bestimmung der Güter der Erde für alle
wirksam zur Geltung kommen läßt. Die verhältnismäßig guten Arbeitsmöglichkeiten,
ein solides System der sozialen und beruflichen Sicherheit, die Freiheit
zur Gründung von Vereinigungen und die ausgeprägte Tätigkeit von
Gewerkschaften, Vorkehrungen für den Fall der Arbeitslosigkeit, die Möglichkeit
demokratischer Teilnahme am gesellschaftlichen Leben, all das sollte dazu
beitragen, die Arbeit ihres Warencharakters zu entkleiden und ihr die Möglichkeit
zu geben, sie in Würde auszuführen.
Es gibt sodann andere soziale Kräfte und geistige Bewegungen, die sich
dem Marxismus durch die Erstellung von Systemen »nationaler Sicherheit«
entgegenstellen. Ihr Ziel ist, die ganze Gesellschaft bis in die feinsten
Verästelungen zu kontrollieren, um marxistische Infiltration zu
verhindern. Sie verherrlichen und steigern die Macht des Staates und
wollen so ihre Völker vor dem Kommunismus bewahren. Dabei geraten sie
aber ernstlich in die Gefahr, jene Freiheit und jene Werte des Menschen zu
zerstören, in deren Namen man sich diesem entgegenstellen muß.
Eine weitere praktische Antwort wird schließlich von der Wohlstands- oder
Konsumgesellschaft verkörpert. Sie sucht den Marxismus auf der Ebene
eines reinen Materialismus zu besiegen, indem gezeigt wird, daß eine
Gesellschaft der freien Marktwirtschaft die Befriedigung der materiellen
Bedürfnisse des Menschen besser gewährleisten kann als der Kommunismus,
wobei geistige Werte ebenso außer acht gelassen werden. Einerseits ist es
wahr, daß dieses soziale Modell den Zusammenbruch des Marxismus aufzeigt,
insofern er eine neue und bessere Gesellschaft erstellen wollte.
Andererseits stimmt es mit ihm aber in Wirklichkeit überein, insofern es
jede Eigenständigkeit, jede Berufung zum sittlichen Handeln, zum Recht,
zur Kultur und zur Religion leugnet und den Menschen völlig auf den
Bereich der Wirtschaft und die Befriedigung materieller Bedürfnisse
reduziert.
20. In derselben Zeitspanne vollzieht sich ein grandioser Prozeß der »Dekolonisation«,
durch den viele Länder die Unabhängigkeit und das Recht der freien
Selbstbestimmung erhalten. Aber mit der formalen Erlangung der staatlichen
Souveränität befinden sich diese Länder oft erst am Beginn des Weges zu
einer echten Unabhängigkeit. Tatsächlich bleiben wichtige Bereiche der
Wirtschaft noch in den Händen großer ausländischer Unternehmen, die
nicht bereit sind, sich auf Dauer zur Entwicklung des Gastlandes zu
verpflichten. Oft wird die Politik selbst von ausländischen Mächten
kontrolliert. Im Inneren der Staaten leben Stammesgruppen, die noch nicht
zu einer echten nationalen Gemeinschaft verschmolzen sind. Es fehlen darüber
hinaus kompetente Fachleute, die fähig sind, die Verwaltung des Staates
sachgerecht und in rechtschaffener Weise zu ordnen. Es fehlen ebenso die
Rahmenbedingungen effizienter und verantwortungsbewußter Wirtschaftsführung.
In der dargelegten Situation scheint es vielen, daß der Marxismus für
den Aufbau der Nation und des Staates richtungsweisend sein könnte, und
darum entstehen verschiedene Spielarten des Sozialismus mit spezifisch
nationalem Charakter. So vermischen sich in vielen Ideologien, die sich
jeweils andersartig darstellen, legitime Forderungen nationaler Befreiung,
Nationalismen und Militarismen sowie Grundsätze alter Volksüberlieferungen,
die oft verwandt erscheinen mit der christlichen Soziallehre, und Begriffe
des Marxismus-Leninismus.
21. Schließlich ist daran zu erinnern, daß sich nach dem zweiten
Weltkrieg als Reaktion auf seine Schrecken ein lebendiges Bewußtsein für
die Menschenrechte verbreitete. Es hat in verschiedenen internationalen
Dokumenten (52) seinen Ausdruck gefunden, und ebenso in der Erarbeitung
eines neuen Völkerrechtes, zu dem der Heilige Stuhl einen beständigen
Beitrag geleistet hat. Der Angelpunkt dieser Entwicklung aber war die
Organisation der Vereinten Nationen. Nicht nur das Bewußtsein des Rechts
des einzelnen ist gewachsen, sondern auch das der Rechte der Völker. Man
erkannte klarer die Notwendigkeit, dahin zu wirken, die Unterschiede in
den verschiedenen Regionen der Welt auszugleichen, die den Kernpunkt der
sozialen Frage von der nationalen auf die internationale Ebene verlagert
haben.(53)
Nimmt man auch diese Entwicklung mit Genugtuung zur Kenntnis, so kann man
doch nicht die Tatsache übersehen, daß die Gesamtbilanz der
verschiedenen Entwicklungshilfen keineswegs immer positiv ist. Den
Vereinten Nationen ist es bis jetzt nicht gelungen, an Stelle des Krieges
ein wirksames Instrumentarium zur Lösung internationaler Konflikte
auszuarbeiten. Das erscheint als das dringendste Problem, das die
internationale Gemeinschaft zu lösen hat.
III. KAPITEL
DAS JAHR 1989
22. Von der eben geschilderten und in der Enzyklika Sollicitudo rei
socialis bereits ausführlich dargestellten Weltlage her begreift man die
unerwartete und vielversprechende Tragweite der Geschehnisse der letzten
Jahre. Ihr Höhepunkt waren sicher die Ereignisse des Jahres 1989 in den Ländern
Mittel- und Osteuropas; sie umfassen aber einen größeren Zeitbogen und
einen breiteren geographischen Horizont. Im Laufe der achtziger Jahre
brechen nacheinander in einigen Ländern Lateinamerikas, aber auch Afrikas
und Asiens diktatorische, von Unterdrückung gekennzeichnete Regimes
zusammen; in anderen Fällen beginnt ein schwieriger, aber erfolgreicher
Übergang hin zu gerechteren und demokratischen politischen Strukturen.
Einen wichtigen, ja entscheidenden Beitrag hat dabei der Einsatz der
Kirche für die Verteidigung und die Förderung der Menschenrechte
geleistet. In stark ideologisierten Milieus, wo eine völlig einseitige
Beeinflussung das Bewußtsein von der gemeinsamen menschlichen Würde trübte,
hat die Kirche klar und nachdrücklich geltend gemacht, daß jeder Mensch,
welche persönlichen Überzeugungen er auch immer haben mag, das Ebenbild
Gottes in sich trage und daher Achtung verdiene. In dieser Aussage hat
sich die große Mehrheit des Volkes oft wiedererkannt, und das hat zur
Suche nach Kampfformen und politischen Lösungen geführt, die der Würde
des Menschen mehr entsprechen.
Aus diesem historischen Prozeß sind neue Formen der Demokratie
hervorgegangen. Sie geben Hoffnung auf einen Wandel in den brüchigen
politischen und sozialen Strukturen, die nicht nur von der Hypothek
schmerzlicher Ungerechtigkeit und Verbitterung, sondern auch von einer
geschädigten Wirtschaft und schweren sozialen Konflikten belastet sind. Während
ich zusammen mit der ganzen Kirche Gott für das oft heldenhafte Zeugnis
danke, das viele Bischöfe, ganze Christengemeinden und einzelne Gläubige
und andere Menschen guten Willens unter diesen schwierigen Umständen
gegeben haben, bete ich darum, daß Er die Anstrengungen aller zum Aufbau
einer besseren Zukunft unterstützen möge. Diese Verantwortung trifft
nicht nur die Bürger jener Länder, sondern alle Christen und Menschen
guten Willens. Es geht darum zu beweisen, daß die umfassenden Probleme
jener Völker auf dem Weg des Dialogs und der Solidarität eher gelöst
werden können als durch die Vernichtung des Gegners und durch Krieg.
23. Unter den zahlreichen Faktoren des Zusammenbruches der von Unterdrückung
gekennzeichneten Regimes verdienen einige besonders erwähnt zu werden.
Der entscheidende Faktor, der den Wandel in Gang gebracht hat, ist
zweifellos die Verletzung der Rechte der Arbeit. Man darf nicht vergessen,
daß die entscheidende Krise der Systeme, die vorgeben, Ausdruck der
Herrschaft und der Diktatur der Arbeiter zu sein, mit den großen
Arbeiterbewegungen beginnt, die in Polen im Namen der Solidarität
stattfanden. Es sind die Massen der Arbeiter, die der Ideologie, die
angeblich in ihrem Namen spricht, die Legitimation entziehen. Die gleichen
Arbeiter stoßen in der harten Erfahrung der Arbeit und der Unterdrückung
auf die Aussagen und Grundsätze der Soziallehre der Kirche, und dies
bedeutet für sie eine Neuentdeckung.
Es muß ausdrücklich betont werden, daß der Zusammenbruch dieser Machtblöcke
überall durch einen gewaltlosen Kampf erreicht wurde, der nur von den
Waffen der Wahrheit und der Gerechtigkeit Gebrauch machte. Der Marxismus
war der Meinung, daß es erst nach Radikalisierung der sozialen Gegensätze
möglich wäre, durch eine gewaltsame Auseinandersetzung zu einer Lösung
zu gelangen. Die Kämpfe hingegen, die zum Zusammenbruch des Marxismus führten,
bemühten sich mit Zähigkeit, alle Wege der Verhandlung, des Dialogs und
des Zeugnisses der Wahrheit zu gehen. Man appellierte an das Gewissen des
Gegners und man war bemüht, in ihm das Bewußtsein der gemeinsamen
Menschenwürde zu wecken.
Man konnte den Eindruck haben, daß die aus dem Zweiten Weltkrieg
hervorgegangene und vom Abkommen von Jalta festgelegte Ordnung Europas nur
durch einen neuerlichen Krieg erschüttert werden könnte. Statt dessen
ist sie von dem gewaltlosen Engagement von Menschen überwunden worden,
die sich stets geweigert hatten, der Macht der Gewalt zu weichen, und
Schritt für Schritt wirksame Mittel zu finden wußten, um von der
Wahrheit Zeugnis abzulegen. Das hat den Gegner entwaffnet. Denn die Gewalt
muß sich immer mit der Lüge rechtfertigen. Sie gibt vor, auch wenn der
Anschein trügt, die Verteidigung eines Rechts oder die Abwehr einer
Bedrohung im Auge zu haben.(54) Ich danke Gott dafür, daß Er das Herz
der Menschen in der Zeit der schweren Prüfung gestärkt hat, und bitte
Ihn, daß dieses Beispiel auch an anderen Orten und in anderen Situationen
zur Geltung komme. Mögen die Menschen lernen, gewaltlos für die
Gerechtigkeit zu kämpfen, in den internen Auseinandersetzungen auf den
Klassenkampf zu verzichten und in internationalen Konflikten auf den
Krieg.
24. Die zweite Ursache der Krise ist zweifellos die Untauglichkeit des
Wirtschaftssystems. Hier geht es nicht bloß um ein technisches Problem,
sondern vielmehr um die Folgen der Verletzung der menschlichen Rechte auf
wirtschaftliche Initiative, auf Eigentum und auf Freiheit im Bereich der
Wirtschaft. Dazu kommt die kulturelle und nationale Dimension. Man kann
den Menschen nicht einseitig von der Wirtschaft her begreifen und auch
nicht aufGrund der bloßen Zugehörigkeit zu einer Klasse. Der Mensch wird
am umfassendsten dann erfaßt, wenn er im Kontext seiner Kultur gesehen
wird, das heißt, wie er sich durch die Sprache, die eigene Geschichte und
durch die Grundhaltungen in den entscheidenden Ereignissen des Lebens, in
der Geburt, in der Liebe, im Tod, darstellt. Im Mittelpunkt jeder Kultur
steht die Haltung, die der Mensch dem größten Geheimnis gegenüber
einnimmt: dem Geheimnis Gottes. Die Kulturen der einzelnen Nationen sind
im Grunde nur verschiedene Weisen, sich der Frage nach dem Sinn der
eigenen Existenz zu stellen; wird diese Frage ausgeklammert, entarten die
Kultur und die Moral der Völker. Deshalb hat sich der Kampf für die
Verteidigung der Rechte der Arbeit spontan mit dem Kampf für die Kultur
und die Rechte der Nation verbunden.
Die wahre Ursache der jüngsten Ereignisse ist jedoch die vom Atheismus
hervorgerufene geistige Leere. Sie hat die jungen Generationen ohne
Orientierung gelassen und sie nicht selten veranlaßt, bei ihrer ununterdrückbaren
Suche nach der eigenen Identität und nach dem Sinn des Lebens die religiösen
Wurzeln der Kultur ihrer Nationen und die Person Christi selbst
wiederzuentdecken als einzige Antwort auf die im Herzen jedes Menschen
vorhandene Sehnsucht nach Glück, Wahrheit und Leben. Diesem Suchen ist
das Zeugnis all derer entgegengekommen, die unter schwierigen Umständen
und unter Verfolgungen Gott die Treue hielten. Der Marxismus hatte
versprochen, das Verlangen nach Gott aus dem Herzen des Menschen zu
tilgen. Die Ergebnisse aber haben bewiesen, daß dies nicht gelingen kann,
ohne dieses Herz selber zu zerrütten.
25. Die Ereignisse des Jahres 1989 bieten ein Beispiel für den Erfolg des
Verhandlungswillens und des evangelischen Geistes gegenüber einem Gegner,
der entschlossen war, sich nicht von sittlichen Normen eingrenzen zu
lassen. Sie sind eine Warnung für alle, die im Namen des politischen
Realismus Recht und Moral aus der Politik verbannen wollen. Der Kampf, der
zu den Veränderungen von 1989 führte, hat sicher Klarheit, Mäßigung,
Leiden und Opfer verlangt; er ist in gewissem Sinne aus dem Gebet
entstanden und wäre ohne ein grenzenloses Vertrauen in Gott, den Herrn
der Geschichte, der das Herz der Menschen in seinen Händen hält,
undenkbar gewesen. Indem der Mensch sein Leiden für die Wahrheit und die
Freiheit dem Leiden Christi am Kreuz hinzufügt, vermag er das Wunder des
Friedens zu vollbringen und ist imstande, den schmalen Pfad zu erkennen
zwischen der Feigheit, die dem Bösen weicht, und der Gewalt, die sich
zwar einbildet, das Böse zu bekämpfen, es aber in Wirklichkeit
verschlimmert.
Man darf allerdings nicht die zahlreichen Bedingtheiten übersehen, von
denen die Freiheit des einzelnen Menschen abhängt. Sie beeinflussen die
Freiheit, aber bestimmen sie nicht; sie erleichtern mehr oder weniger ihre
Ausübung, können sie aber nicht zerstören. Es ist nicht nur vom
ethischen Standpunkt her nicht gestattet, die Natur des Menschen, der zur
Freiheit geschaffen ist, zu übersehen. Es ist praktisch gar nicht möglich.
Dort, wo sich die Gesellschaft so organisiert, daß der legitime Raum der
Freiheit willkürlich eingeschränkt oder gar zerstört wird, löst sich
das gesellschaftliche Leben nach und nach auf und verfällt schließlich.
Der zur Freiheit geschaffene Mensch trägt in sich die Wunde der Ursünde,
die ihn ständig zum Bösen treibt und erlösungsbedürftig macht. Diese
Lehre ist nicht nur ein wesentlicher Bestandteil der christlichen
Offenbarung, sondern sie besitzt auch einen großen hermeneutischen Wert,
weil sie die Wirklichkeit des Menschen begreifen hilft. Der Mensch strebt
zum Guten, aber er ist auch des Bösen fähig; er kann über sein
unmittelbares Interesse hinausgehen und bleibt dennoch daran gebunden. Die
Gesellschaftsordnung wird um so beständiger sein, je mehr sie dieser
Tatsache Rechnung trägt. Sie wird nicht das persönliche Interesse dem
Gesamtinteresse der Gesellschaft entgegenstellen, sondern nach Möglichkeiten
einer fruchtbaren Zusammenarbeit suchen. Denn wo das Interesse des
einzelnen gewaltsam unterdrückt wird, wird es durch ein drückendes
System bürokratischer Kontrolle ersetzt, das die Quellen der Initiative
und Kreativität versiegen läßt. Wenn Menschen meinen, sie verfügten über
das Geheimnis einer vollkommenen Gesellschaftsordnung, die das Böse unmöglich
macht, dann glauben sie auch, daß sie für deren Verwirklichung jedes
Mittel, auch Gewalt und Lüge, einsetzen dürfen. Die Politik wird dann zu
einer »weltlichen Religion«, die sich einbildet, das Paradies in dieser
Welt zu errichten. Aber niemals wird irgendeine politische Gesellschaft,
die ihre eigene Autonomie und ihre eigenen Gesetze besitzt,(55) mit dem
Reich Gottes verwechselt werden können. Das biblische Gleichnis vom guten
Samen und vom Unkraut (vgl. Mt 13, 24-30; 36-43) lehrt uns aber, daß es
allein Gott zusteht, die Söhne des Reiches und die Söhne des Bösen zu
scheiden, und daß dieses Urteil erst am Ende der Zeiten stattfinden wird.
Indem der Mensch sich anmaßt, dieses Urteil schon jetzt zu verkünden,
setzt er sich an die Stelle Gottes und widersetzt sich seiner Geduld.
Durch den Opfertod Christi am Kreuz ist der Sieg des Reiches Gottes ein für
allemal erworben. Doch Christ sein besagt immer den Kampf gegen die
Anfechtungen und die Macht des Bösen. Erst am Ende der Geschichte wird
der Herr zum Endgericht wiederkommen in Herrlichkeit (vgl. Mt 25, 31) und
den neuen Himmel und die neue Erde errichten (vgl. 2 Petr 3, 13; Offb 21,
2). Solange aber die Geschichte währt, vollzieht sich der Kampf zwischen
Gut und Böse im Herzen des Menschen.
Was uns die Schrift über die Bestimmung des Gottesreiches lehrt, ist
nicht ohne Folgen für das Leben der weltlichen Gesellschaften, die der
irdischen Wirklichkeit angehören mit aller Unvollkommenheit und Vorläufigkeit,
mit der diese behaftet ist. Das Reich Gottes, das in der Welt gegenwärtig
ist, ohne von der Welt zu sein, erleuchtet die Ordnung der menschlichen
Gesellschaft, während die Kräfte der Gnade sie durchdringen und beleben.
So werden die Erfordernisse einer menschenwürdigen Gesellschaft besser
erfaßt, die Abirrungen berichtigt und der Mut, für das Gute zu wirken,
gestärkt. Zu dieser Aufgabe der Neubelebung der Welt des Menschen aus dem
Evangelium sind, zusammen mit allen Menschen guten Willens, die Christen
und in besonderer Weise die Laien aufgerufen.(56)
26. Die Ereignisse von 1989 haben sich vorwiegend in den Ländern Ost- und
Mitteleuropas zugetragen; sie haben jedoch eine weltweite Bedeutung, da
von ihnen positive und negative Folgen ausgehen, die die ganze
Menschheitsfamilie betreffen. Diese Folgen haben keinen mechanischen oder
fatalistischen Charakter, sondern sind Herausforderungen an die
menschliche Freiheit zur Mitarbeit am Heilsplan Gottes, der in der
Geschichte handelt.
Die erste Folge war in einigen Ländern die Begegnung zwischen Kirche und
Arbeiterbewegung, die aus einer sittlichen und ausdrücklich christlichen
Reaktion gegen eine weitverbreitete Situation der Ungerechtigkeit
entstanden war. In der Überzeugung, die Proletarier müßten sich, um
wirksam gegen die Unterdrückung zu kämpfen, die ökonomistischen und
materialistischen Theorien des entstehenden Kapitalismus aneignen, geriet
diese Bewegung für ungefähr ein Jahrhundert unter die Vorherrschaft des
Marxismus.
In der Krise des Marxismus tauchen spontan die Formen des Arbeiterbewußtseins
wieder auf, die eine Forderung nach Gerechtigkeit und Anerkennung der Würde
der Arbeit zum Ausdruck bringen, wie sie der Soziallehre der Kirche
entspricht.(57) Die Arbeiterbewegung mündet in eine allgemeinere Bewegung
der Werktätigen und der Menschen guten Willens für die Befreiung des
Menschen und für die Bejahung seiner Rechte ein. Sie erfaßt heute viele
Länder und weit davon entfernt, sich der katholischen Kirche
entgegenzustellen, blickt sie mit Interesse auf diese Kirche.
Die Krise des Marxismus beseitigt nicht die Situationen von
Ungerechtigkeit und Unterdrückung in der Welt; von ihnen holte sich der
Marxismus seinen Zulauf, indem er sie als sein Werkzeug benutzte. Allen
denen, die heute auf der Suche nach einer neuen und authentischen Theorie
und Praxis der Befreiung sind, bietet die Kirche nicht nur ihre
Soziallehre und überhaupt ihre Botschaft über den in Christus erlösten
Menschen, sondern auch ihren konkreten Einsatz und ihre Hilfe für den
Kampf gegen die Ausgrenzung und das Leiden an.
Das ehrliche Verlangen, auf der Seite der Unterdrückten zu stehen und
nicht vom Lauf der Geschichte abgeschnitten zu werden, hat in jüngster
Vergangenheit viele Gläubige dazu verleitet, auf verschiedene Weise einen
gar nicht möglichen Kompromiß zwischen Marxismus und Christentum zu
versuchen. Unsere Zeit ist dabei, all das zu überwinden, was an jenen
Versuchen unzulässig war, und neigt dazu, wieder den positiven Wert einer
authentischen Theologie der umfassenden menschlichen Befreiung geltend zu
machen.(58) Unter dieser Hinsicht erweisen sich die Ereignisse des Jahres
1989 auch für die Länder der Dritten Welt als bedeutsam, die auf der
Suche nach dem Weg ihrer Entwicklung sind, so wie es die Länder Mittel-
und Osteuropas gewesen sind.
27. Die zweite Folgerung betrifft die Völker Europas. In den Jahren, in
denen der Kommunismus herrschte und auch schon vorher wurden zahlreiche
individuelle und soziale, regionale und nationale Ungerechtigkeiten
begangen. Viel Haß und Groll hat sich aufgestaut. Es besteht die Gefahr,
daß sich nach dem Zusammenbruch der Diktatur diese Gefühle des Hasses
und des Zornes neu entladen und ernste Konflikte und Trauer auslösen,
sobald die moralische Kraft und das bewußte Bemühen, von der Wahrheit
Zeugnis zu geben, nachlassen. Es ist zu wünschen, daß vor allem in den
Herzen jener, die für die Gerechtigkeit kämpfen, nicht Haß und Gewalt
triumphieren und in allen der Geist des Friedens und der Vergebung wachse.
Es müssen jedoch konkrete Schritte unternommen werden, um internationale
Strukturen zu schaffen bzw. zu stärken, denen es im Fall von Konflikten
zwischen den Nationen möglich ist, durch den entsprechenden Schiedsspruch
einzugreifen. Auf diese Weise werden jeder Nation ihre Rechte gesichert
und gleichzeitig werden durch gerechte Übereinkunft und friedliche
Schlichtung die Rechte der anderen gewahrt. Das alles ist besonders
notwendig für die europäischen Nationen, die durch das Band der
gemeinsamen Kultur und tausendjährigen Geschichte eng miteinander
verbunden sind. Für den moralischen und wirtschaftlichen Wiederaufbau in
den Ländern, die den Kommunismus aufgegeben haben, bedarf es einer großen
Anstrengung. Über lange Zeit wurden die elementarsten
Wirtschaftsbeziehungen verzerrt. Grundlegende Tugenden des
Wirtschaftslebens, wie Zuverlässigkeit, Aufrichtigkeit, Fleiß, wurden
entwürdigt. Es braucht einen geduldigen materiellen und moralischen
Wiederaufbau. Gleichzeitig fordern die von jahrelangen Entbehrungen zermürbten
Völker von ihren Regierungen greifbare und schnelle Erfolge, was den
Wohlstand betrifft, und eine angemessene Befriedigung ihrer berechtigten
Ansprüche.
Der Zusammenbruch des Marxismus hatte natürlich Auswirkungen von großer
Tragweite auf die Spaltung der Erde in voneinander abgeschlossene und
miteinander eifersüchtig ringende Welten. Er rückt die Wirklichkeit der
gegenseitigen Abhängigkeit der Völker klarer ins Licht und ebenso die
Tatsache, daß die menschliche Arbeit von Natur aus dazu bestimmt ist, die
Völker zu verbinden, nicht aber sie zu spalten. Friede und Wohlergehen
sind Güter, die dem ganzen Menschengeschlecht gehören. Es ist nicht möglich,
sie zu Recht und auf Dauer zu genießen, wenn sie zum Schaden anderer Völker
und Nationen gewonnen und bewahrt werden, indem sie ihre Rechte verletzen
oder sie von den Quellen des Wohlstandes ausschließen.
28. Für einige Länder Europas beginnt in gewissem Sinne die eigentliche
Nachkriegszeit. Die radikale Neuordnung der bisherigen
Kollektivwirtschaften bringt Probleme und Opfer mit sich, die sich mit
jenen vergleichen lassen, die die westlichen Länder des Kontinents für
ihren Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg auf sich nahmen. Es ist nur
gerecht, daß die ehemals kommunistischen Länder in den derzeitigen
Schwierigkeiten von der solidarischen Hilfe der anderen Nationen unterstützt
werden. Natürlich müssen sie selbst die ersten Baumeister ihrer
Entwicklung sein; aber es muß ihnen eine entsprechende Möglichkeit dazu
geboten werden. Das kann nur mit der Hilfe der anderen Länder geschehen.
Die derzeitige von Schwierigkeiten und Mangel geprägte Lage ist die Folge
eines historischen Prozesses, in dem die ehemaligen kommunistischen Länder
meist Objekt und nicht Subjekt waren. Sie befinden sich also nicht auf
Grund ihrer freien Entscheidung oder auf Grund begangener Irrtümer in
dieser Situation, sondern infolge tragischer geschichtlicher Ereignisse,
die ihnen gewaltsam aufgezwungen wurden und die sie daran gehindert haben,
den Weg der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung zu gehen.
Die Hilfe der anderen, vor allem der europäischen Länder, die an dieser
Geschichte teilgenommen haben und dafür Mitverantwortung tragen,
entspricht einer Verpflichtung der Gerechtigkeit. Aber sie entspricht auch
dem Interesse und dem allgemeinen Wohl Europas. Europa wird nicht in
Frieden leben können, wenn die vielfältigen Konflikte, die als Folge der
Vergangenheit aufbrechen, sich durch wirtschaftlichen Niedergang, geistige
Unzufriedenheit und Verzweiflung verschärfen.
Diese Forderung darf jedoch nicht dazu verleiten, die Bemühungen um
Unterstützung und Hilfe an die Länder der Dritten Welt zu verringern,
die oft unter noch schwereren Situationen der Not und Armut leiden.(59) Es
wird vielmehr außerordentlicher Anstrengungen bedürfen, um die
Ressourcen, an denen es der Welt insgesamt nicht fehlt, für das
Wirtschaftswachstum und die Entwicklung aller aufzubringen. Man wird die
Prioritäten und die Werteskalen, auf Grund derer die wirtschaftlichen und
politischen Entscheidungen getroffen werden, neu definieren müssen.
Gewaltige Mittel können durch den Abbau des riesigen Militärpotentials,
das im Ost-West-Konflikt aufgebaut worden war, verfügbar gemacht werden.
Sie könnten noch wesentlich gesteigert werden, wenn es gelingt, anstelle
von Kriegen wirksame Verfahren für die Lösung von Konflikten festzulegen
und damit das Prinzip der Rüstungskontrolle und der Rüstungsbeschränkung
in Verbindung mit geeigneten Maßnahmen gegen den Waffenhandel auch in den
Ländern der Dritten Welt anzuwenden.(60) Vor allem aber ist es notwendig,
eine Denkweise aufzugeben, die die Armen der Erde — Personen und Völker
— als eine Last und als unerwünschte Menschen ansieht, die das zu
konsumieren beanspruchen, was andere erzeugt haben. Die Armen verlangen
das Recht, an der Nutzung der materiellen Güter teilzuhaben und ihre
Arbeitsfähigkeit einzubringen, um eine gerechtere und für alle glücklichere
Welt aufzubauen. Die Hebung der Armen ist eine große Gelegenheit für das
sittliche, kulturelle und wirtschaftliche Wachstum der gesamten
Menschheit.
29. Schließlich darf die Entwicklung nicht ausschließlich ökonomisch,
sondern im gesamtmenschlichen Sinn verstanden werden.(61) Es geht nicht
einfach darum, alle Völker auf das Niveau zu heben, dessen sich heute die
reichsten Länder erfreuen. Es geht vielmehr darum, in solidarischer
Zusammenarbeit ein menschenwürdigeres Leben aufzubauen, die Würde und
Kreativität jedes einzelnen wirksam zu steigern, seine Fähigkeit, auf
seine Berufung und damit auf den darin enthaltenen Anruf Gottes zu
antworten. Auf dem Höhepunkt der Entwicklung steht die Ausübung des
Rechtes und der Pflicht, Gott zu suchen, ihn kennenzulernen und nach
dieser Erkenntnis zu leben.(62) In den totalitären und autoritären
Regimes wurde das Prinzip des Vorrangs der Macht vor der Vernunft auf die
Spitze getrieben. Der Mensch wurde gewaltsam zur Annahme einer
Weltanschauung gezwungen, zu der er nicht durch das Bemühen der eigenen
Vernunft und die Ausübung seiner Freiheit gelangt war. Dieses Prinzip muß
zum Sturz gebracht werden und die Rechte des menschlichen Gewissens, das
nur der Wahrheit, sowohl der natürlichen wie der geoffenbarten,
verpflichtet ist, müssen wieder voll zur Geltung kommen. In der
Anerkennung dieser Rechte besteht die wesentliche Grundlage jeder wirklich
freien politischen Ordnung.(63) Es ist wichtig, dieses Prinzip heute aus
drei Gründen neu einzuschärfen.
a) Die alten Formen des Totalitarismus und Autoritarismus sind noch nicht
vollständig besiegt und es besteht die Gefahr, daß sie neuen Auftrieb
bekommen. Das drängt zu einem erneuerten Bemühen um Zusammenarbeit und
Solidarität zwischen allen Ländern.
b) Es gibt in den Industrieländern bisweilen eine geradezu besessene
Propaganda für die rein utilitaristischen Werte, verbunden mit einer
Enthemmung der Triebe und einem Drang zum unmittelbaren Genuß, die ein
Erkennen und Anerkennen einer Werthierarchie im Leben geradezu unmöglich
macht.
c) In einigen Ländern zeigen sich neue Formen eines religiösen
Fundamentalismus. Verschleiert, aber auch offen wird den Bürgern eines
anderen Glaubensbekenntnisses die freie Ausübung ihrer bürgerlichen und
religiösen Rechte verwehrt. Sie werden daran gehindert, sich voll am
kulturellen Geschehen zu beteiligen. Der Kirche wird das Recht auf freie
Verkündigung des Evangeliums eingeschränkt. Menschen, die diese
Botschaft hören, wird verboten, sie anzunehmen und sich zu Christus zu
bekehren. Ohne die Achtung des natürlichen Grundrechtes, die Wahrheit zu
erkennen und nach ihr zu leben, gibt es keinen echten Fortschritt. Aus
diesem Recht folgt als seine Verwirklichung und Vertiefung das Recht,
Jesus Christus, der das wahre Gut des Menschen ist, frei zu entdecken und
anzunehmen.(64)
IV. KAPITEL
DAS PRIVATEIGENTUM UND DIE UNIVERSALE BESTIMMUNG DER GÜTER
30. In Rerum novarum machte Leo XIII. gegen den Sozialismus seiner Zeit
nachdrücklich den natürlichen Charakter des Rechtes auf privates
Eigentum mit verschiedenen Argumenten geltend.(65) Dieses für die
Autonomie und Entwicklung der Menschen grundlegende Recht ist von der
Kirche bis in unsere Tage stets verteidigt worden. Ebenso lehrt die
Kirche, daß der Güterbesitz kein absolutes Recht darstellt, sondern in
seiner Rechtsnatur die ihm eigenen Grenzen in sich trägt.
Zugleich mit der Verkündigung des Rechtes auf Privateigentum stellte der
Papst mit gleicher Eindringlichkeit fest, daß der »Gebrauch« der Güter,
der der Freiheit anvertraut ist, der ursprünglichen Zielbestimmung der
geschaffenen Güter für alle und dem im Evangelium bekundeten Willen Jesu
Christi untergeordnet sei. So schrieb er: »Es ergeht also die Mahnung...
an die mit Glücksgütern Gesegneten ... Die auffälligen Drohungen Jesu
Christi an die Reichen müßten diese mit Furcht erfüllen, denn dem
ewigen Richter wird einst strengste Rechenschaft über den Gebrauch der Güter
dieses Lebens abgelegt werden müssen«. Und indem er den hl. Thomas von
Aquin zitiert, fährt er fort: »Fragt man nun, wie der Gebrauch des
Besitzes beschaffen sein müsse, so antwortet die Kirche (...): "Der
Mensch muß die äußeren Dinge nicht wie ein Eigentum, sondern wie
gemeinsames Gut betrachten"«, denn »über den Gesetzen und den
Urteilen der Menschen steht das Gesetz und der Richtspruch Christi«.(66)
Die Nachfolger Leos XIII. haben die Doppelaussage wiederholt: die
Notwendigkeit und damit die Erlaubtheit des Privateigentums und zugleich
die Grenzen, die auf ihm lasten.(67) Auch das II. Vatikanische Konzil hat
die traditionelle Lehre wieder vorgelegt mit Worten, die es verdienen,
genau wiedergegeben zu werden: »Darum soll der Mensch, der sich dieser Güter
bedient, die äußeren Dinge, die er rechtmäßig besitzt, nicht nur als
ihm persönlich zu eigen, sondern muß er sie zugleich auch als Gemeingut
ansehen in dem Sinn, daß sie nicht ihm allein, sondern auch anderen von
Nutzen sein können«. Und etwas später heißt es: »Privateigentum oder
ein gewisses Maß an Verfügungsmacht über äußere Güter vermitteln den
unbedingt nötigen Raum für eigenverantwortliche Gestaltung des persönlichen
Lebens jedes Einzelnen und seiner Familie; sie müssen als eine Art Verlängerung
der menschlichen Freiheit betrachtet werden ... Aber auch das
Privateigentum selbst hat eine ihm wesentliche soziale Seite; sie hat ihre
Grundlage in der Widmung der Erdengüter an alle«.(68) Dieselbe Lehre
habe ich zuerst in der Ansprache an die III. Konferenz der
lateinamerikanischen Bischöfe in Puebla und dann in den Enzykliken
Laborem exercens und Sollicitudo rei socialis aufgegriffen.(69)
31. Wenn man diese Lehre über das Recht auf Eigentum und die
Gemeinbestimmung der Güter im Hinblick auf unsere Zeit wieder liest, kann
man sich die Frage nach dem Ursprung der Güter stellen, die den
Lebensunterhalt des Menschen bilden, seine Bedürfnisse befriedigen und
Objekt seiner Rechte sind.
Der erste Ursprung alles Guten ist Gottes Handeln selbst, der die Welt und
den Menschen geschaffen und dem Menschen die Erde übergeben hat, damit er
sie sich durch seine Arbeit unterwerfe und ihre Früchte genieße (vgl.
Gen 1, 28-29). Gott hat die Erde dem ganzen Menschengeschlecht geschenkt,
ohne jemanden auszuschließen oder zu bevorzugen, auf daß sie alle seine
Mitglieder ernähre. Hier liegt die Wurzel der universalen Bestimmung der
Güter der Erde. Sie ist auf Grund ihrer Fruchtbarkeit und Fähigkeit, die
Bedürfnisse des Menschen zu erfüllen, die erste Gabe Gottes für den
Lebensunterhalt des Menschen. Doch die Erde schenkt ihre Früchte nicht
ohne eine bewußte Antwort des Menschen auf die Gabe Gottes, das heißt
ohne Arbeit. Durch die Arbeit gelingt es dem Menschen, sich unter Gebrauch
seines Verstandes und seiner Freiheit die Erde zu unterwerfen und zu
seiner würdigen Wohnstatt zu machen. Auf diese Weise macht er sich einen
Teil der Erde zu eigen, den er sich durch Arbeit erworben hat. Hier liegt
der Ursprung des Privateigentums. Natürlich hat der Mensch auch die
Verantwortung, nicht zu verhindern, daß andere Menschen ihren Anteil an
der Gabe Gottes erhalten, ja, er muß mit ihnen zusammenarbeiten, so daß
sie miteinander über die ganze Erde herrschen.
In der Geschichte finden sich am Beginn jeder menschlichen Gesellschaft
stets diese beiden Faktoren: die Arbeit und die Erde. Nicht immer aber
stehen sie im selben Verhältnis zueinander. Früher erschien die natürliche
Fruchtbarkeit der Erde als der Hauptfaktor des Reichtums, was sie auch
tatsächlich war, während die Arbeit eine Art Hilfe und Unterstützung
dieser Fruchtbarkeit war. Heute aber wird die menschliche Arbeit als
Produktionsfaktor der geistigen und materiellen Reichtümer immer
wichtiger. Zudem wird offenkundig, daß die Arbeit des einen und die
Arbeit der anderen ineinandergreifen und sich verflechten. Arbeiten ist
heute mehr denn je ein Arbeiten mit den anderen und ein Arbeiten für die
anderen: Arbeiten besagt, etwas für jemanden tun. Die Arbeit ist um so
fruchtbarer und produktiver, je mehr der Mensch imstande ist, die
Produktivkraft der Erde und die wahren Bedürfnisse des anderen Menschen
zu erkennen, für den die Arbeit getan wird.
32. Aber besonders in der heutigen Zeit gibt es noch eine andere Form von
Eigentum, der keine geringere Bedeutung als dem Besitz der Erde zukommt:
Es ist das der Besitz von Wissen, von Technik und von Können. Der
Reichtum der Industrienationen beruht zu einem viel größeren Teil auf
dieser Art des Eigentums als auf dem der natürlichen Ressourcen.
Es wurde bereits darauf hingewiesen, daß der Mensch mit den anderen
Menschen arbeitet, daß er an einem »Gemeinschaftswerk« teilnimmt, das
immer weitere Kreise umfaßt. Wer ein Produkt erstellt, tut das außer zum
persönlichen Gebrauch im allgemeinen dafür, daß andere davon Gebrauch
machen können, nachdem sie den durch freie Verhandlung vereinbarten
gerechten Preis gezahlt haben. Gerade die Fähigkeit, die Bedürfnisse der
anderen Menschen und die Kombinationen der geeignetsten
Produktionsfaktoren für ihre Befriedigung rechtzeitig zu erkennen, ist
eine bedeutende Quelle des Reichtums in der modernen Gesellschaft. Viele Güter
können gar nicht durch die Arbeitskraft nur eines einzelnen wirksam
erstellt werden, sondern sie erfordern die Zusammenarbeit vieler für
dasselbe Ziel. Einen solchen Produktionsprozeß zu organisieren, seinen
Bestand zu planen, dafür zu sorgen, daß er, unter Übernahme der
notwendigen Risiken, der Befriedigung der Bedürfnissee positiv
entspricht: auch das ist eine Quelle des Reichtums in der heutigen
Gesellschaft. So wird die Rolle der geordneten und schöpferischen
menschlichen Arbeit immer offensichtlicher und entscheidender. Aber ebenso
sichtbar wird — als wesentlich zu dieser Arbeit gehörend — die
Bedeutung der wirtschaftlichen Initiative und des Unternehmertums.(70)
Ein solcher Vorgang, der eine vom Christentum seit jeher vertretene
Wahrheit über den Menschen konkret ins Licht rückt, muß mit
Aufmerksamkeit und Wohlwollen betrachtet werden. Die wichtigste Ressource
des Menschen ist in der Tat, zusammen mit der Erde, der Mensch selbst.
Sein Verstand entdeckt die Produktivkraft der Erde und die Vielfalt der
Formen, wie die menschlichen Bedürfnisse befriedigt werden können. Seine
geordnete Arbeit in solidarischer Zusammenarbeit ermöglichen die
Erstellung von immer umfassenderen und zuverlässigeren
Arbeitsgemeinschaften zur Umgestaltung der natürlichen und menschlichen
Umwelt. In diesen Prozeß sind wichtige Tugenden miteinbezogen, wie Fleiß,
Umsicht beim Eingehen zumutbarer Risiken, Zuverlässigkeit und Treue in
den zwischenmenschlichen Beziehungen, Festigkeit bei der Durchführung von
schwierigen und schmerzvollen, aber für die Betriebsgemeinschaft
notwendigen Entscheidungen und bei der Bewältigung etwaiger
Schicksalsschläge.
Die moderne Betriebswirtschaft enthält durchaus positive Aspekte. Ihre
Wurzel ist die Freiheit des Menschen, die sich in der Wirtschaft wie auf
vielen anderen Gebieten verwirklicht. Die Wirtschaft ist ein Teilbereich
des vielfältigen menschlichen Tuns und in ihr gilt, wie auf jedem anderen
Gebiet, das Recht auf Freiheit sowie die Pflicht, von ihr verantwortlichen
Gebrauch zu machen. Aber hier gibt es spezifische Unterschiede zwischen
den Tendenzen der modernen Gesellschaft und jenen der Vergangenheit. War
früher der entscheidende Produktionsfaktor die Erde und später das
Kapital, verstanden als Gesamtbestand an Maschinen und Produktionsmitteln,
so ist heute der entscheidende Faktor immer mehr der Mensch selbst, das
heißt seine Erkenntnisfähigkeit in Form wissenschaftlicher Einsicht,
seine Fähigkeit, Organisation in Solidarität zu erstellen, und sein Vermögen,
das Bedürfnis des anderen wahrzunehmen und zu befriedigen.
33. Es ist jedoch notwendig, auf die mit diesem Vorgang zusammenhängenden
Gefahren und Probleme hinzuweisen. Viele Menschen, vielleicht die große
Mehrheit verfügen heute nicht über Mittel, die ihnen tatsächlich und
auf menschenwürdige Weise den Eintritt in ein Betriebssystem erlauben, in
dem die Arbeit eine wahrhaft zentrale Stellung einnimmt. Sie haben keine Möglichkeit,
jene Grundkenntnisse zu erwerben, die es ihnen ermöglichen würden, ihre
Kreativität zum Ausdruck zu bringen und ihre Leistungsfähigkeit zu
entfalten. Sie haben keine Gelegenheit, in das Gefüge von Beziehungen und
Kommunikationen einzutreten, das ihnen die Erfahrung vermitteln würde, daß
ihre Fähigkeiten geschätzt und gebraucht werden. Um es kurz zu sagen:
Sie sind, wenn auch nicht gerade Ausgebeutete, doch weithin
Randexistenzen; die wirtschaftliche Entwicklung geht über ihre Köpfe
hinweg, wenn sie nicht sogar die ohnehin schon engen Räume ihrer
traditionellen Subsistenzwirtschaften noch weiter einschränkt. Unfähig,
der Konkurrenz von Waren standzuhalten, die auf neue Weise hergestellt
werden und Bedürfnissen begegnen, die sie früher mit herkömmlichen
Organisationsformen zu bewältigen gewohnt waren, angelockt vom Glanz
eines zur Schau gestellten, aber für sie unerreichbaren Reichtums und
gleichzeitig getrieben von der Not, drängen sich diese Menschen in den Städten
der Dritten Welt zusammen, wo sie oft kulturell entwurzelt sich in
Situationen drohender Unsicherheit befinden, ohne Möglichkeit zur
Integration. Ihnen wird de facto keine Menschenwürde zuerkannt, und
manchmal versucht man sie durch eine zwangsweise vorgenommene menschenunwürdige
Bevölkerungskontrolle aus der Geschichte zu eliminieren.
Viele andere Menschen leben, auch wenn sie nicht völlige Randexistenzen
sind, in einem Milieu, wo der Kampf um das Notwendigste den absoluten
Vorrang hat. Dort herrschen noch die Regeln des Kapitalismus der Gründerzeit
mit einer Erbarmungslosigkeit, die jener der finstersten Jahre der ersten
Industrialisierungsphase in nichts nachsteht. In anderen Fällen ist noch
der Boden der Grundfaktor der Wirtschaft. Jene aber, die ihn bebauen, sind
von seinem Besitz ausgeschlossen und befinden sich in der Lage halber
Sklaven.(71) In solchen Fällen kann man noch heute wie zur Zeit von Rerum
novarum von einer unmenschlichen Ausbeutung sprechen. Trotz der großen
Veränderungen, die in den fortgeschrittenen Gesellschaften stattgefunden
haben, ist das menschliche Defizit des Kapitalismus mit der daraus sich
ergebenden Herrschaft der Dinge über die Menschen keineswegs überwunden;
ja, für die Armen kam zum Mangel an materiellen Gütern noch der Mangel
an Wissen und Bildung hinzu, der es ihnen unmöglich macht, sich aus ihrer
Lage erniedrigender Unterwerfung zu befreien.
Unter ähnlichen Bedingungen lebt leider noch immer die große Mehrheit
der Bewohner der Dritten Welt. Es wäre jedoch falsch, diese Dritte Welt
in einem bloß räumlichen Sinn zu verstehen. In ihr wurden in manchen
Gegenden und in einigen gesellschaftlichen Bereichen Entwicklungsprozesse
gefördert, die sich nicht so sehr auf die Erschließung materiellen
Reichtums als vielmehr auf die der »menschlichen Ressourcen«
konzentriert haben.
Noch vor wenigen Jahren wurde behauptet, die Entwicklung würde von der
Isolierung der ärmsten Länder vom Weltmarkt und davon abhängen, daß
sie nur auf ihre eigenen Kräfte vertrauen. Die jüngste Erfahrung aber
hat bewiesen, daß die Länder, die sich ausgeschlossen haben, Stagnation
und Rückgang erlitten haben; eine Entwicklung hingegen haben jene Länder
durchgemacht, denen es gelungen ist, in das allgemeine Gefüge der
internationalen Wirtschaftsbeziehungen einzutreten. Das größte Problem
scheint also darin zu bestehen, einen gerechten Zugang zum internationalen
Markt zu erhalten, der nicht auf dem einseitigen Prinzip der Ausbeutung
der natürlichen Ressourcen, sondern auf der Erschließung menschlicher
Ressourcen beruht.(72)
Dritte-Welt-Aspekte treten jedoch auch in den Industrieländern dort auf,
wo der ununterbrochene Wandel in den Produktionsweisen und im
Konsumverhalten bereits erworbene Kenntnisse und langjährige
Berufserfahrungen abwertet und ein ständiges Bemühen der Umschulung und
Anpassung erfordert. Jene, denen es nicht gelingt, mit der Zeit Schritt zu
halten, werden leicht an den Rand gedrängt. Mit ihnen werden die Alten,
die Jugendlichen, denen der Einstieg in die Gesellschaft nicht gelingt,
und allgemein die Schwachen und die sogenannte Vierte Welt zu Randgruppen.
Auch die Situation der Frau ist unter diesen Bedingungen alles eher als
leicht.
34. Sowohl auf nationaler Ebene der einzelnen Nationen wie auch auf jener
der internationalen Beziehungen scheint der freie Markt das wirksamste
Instrument für die Anlage der Ressourcen und für die beste Befriedigung
der Bedürfnisse zu sein. Das gilt allerdings nur für jene Bedürfnisse,
die »bezahlbar« sind, die über eine Kaufkraft verfügen, und für jene
Ressourcen, die »verkäuflich« sind und damit einen angemessenen Preis
erzielen können. Es gibt aber unzählige menschliche Bedürfnisse, die
keinen Zugang zum Markt haben. Es ist strenge Pflicht der Gerechtigkeit
und der Wahrheit zu verhindern, daß die fundamentalen menschlichen Bedürfnisse
unbefriedigt bleiben und daß die davon betroffenen Menschen zugrunde
gehen. Diesen notleidenden Menschen muß geholfen werden, sich das nötige
Wissen zu erwerben, in den Kreis der internationalen Beziehungen
einzutreten, ihre Anlagen zu entwickeln, um Fähigkeiten und Ressourcen
besser einbringen zu können. Noch vor der Logik des Austausches gleicher
Werte und der für sie wesentlichen Formen der Gerechtigkeit gibt es
etwas, das dem Menschen als Menschen zusteht, das heißt auf Grund seiner
einmaligen Würde. Dieses ihm zustehende Etwas ist untrennbar verbunden
mit der Möglichkeit, zu überleben und einen aktiven Beitrag zum
Gemeinwohl der Menschheit zu leisten.
Im Zusammenhang mit der Dritten Welt bewahren jene Zielsetzungen, die von
Rerum novarum angeführt wurden, um zu vermeiden, daß die Arbeit des
Menschen und der Mensch selber auf das Niveau einer bloßen Ware herabgedrückt
werden, ihre volle Gültigkeit (in manchen Fällen ein Ziel, das zu
erreichen noch ansteht): der familiengerechte Lohn; die
Sozialversicherungen für Alter und Arbeitslosigkeit; der angemessene
Schutz der Arbeitsbedingungen.
35. Hier tut sich ein großes und fruchtbares Feld des Einsatzes und des
Kampfes im Namen der Gerechtigkeit für die Gewerkschaften und für die
anderen Organisationen der Arbeiter auf, die ihre Rechte verteidigen und
ihre Subjektivität schützen. Sie haben aber gleichzeitig eine
wesentliche Aufgabe kultureller Art, indem sie dazu beitragen, daß die
Arbeiter vollwertig und in Würde am Leben der Nation teilnehmen und auf
dem Weg der Entwicklung fortschreiten.
In diesem Sinne kann man mit Recht von einem Kampf gegen ein
Wirtschaftssystem sprechen, hier verstanden als Methode, die die absolute
Vorherrschaft des Kapitals, des Besitzes der Produktionsmittel und des
Bodens über die freie Subjektivität der Arbeit des Menschen festhalten
will.(73) Für diesen Kampf gegen ein solches System eignet sich als
Alternativmodell nicht das sozialistische System, das tatsächlich nichts
anderes als einen Staatskapitalismus darstellt. Es geht vielmehr um eine
Gesellschaftsordnung der freien Arbeit, der Unternehmen und
derBeteiligung. Sie stellt sich keineswegs gegen den Markt, sondern
verlangt, daß er von den sozialen Kräften und vom Staat in angemessener
Weise kontrolliert werde, um die Befriedigung der Grundbedürfnisse der
Gesellschaft zu gewährleisten.
Die Kirche anerkennt die berechtigte Funktion des Gewinnes als Indikator für
den guten Zustand und Betrieb des Unternehmens. Wenn ein Unternehmen mit
Gewinn produziert, bedeutet das, daß die Produktionsfaktoren sachgemäß
eingesetzt und die menschlichen Bedürfnisse gebührend erfüllt wurden.
Doch der Gewinn ist nicht das einzige Anzeichen für den Zustand des
Unternehmens. Es ist durchaus möglich, daß die Wirtschaftsbilanz in
Ordnung ist, aber zugleich die Menschen, die das kostbarste Vermögen des
Unternehmens darstellen, gedemütigt und in ihrer Würde verletzt werden.
Das ist nicht nur moralisch unzulässig, sondern muß auf weite Sicht
gesehen auch negative Auswirkungen auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit
des Unternehmens haben. Denn Zweck des Unternehmens ist nicht bloß die
Gewinnerzeugung, sondern auch die Verwirklichung als Gemeinschaft von
Menschen, die auf verschiedene Weise die Erfüllung ihrer grundlegenden
Bedürfnisse anstreben und zugleich eine besondere Gruppe im Dienst der
Gesamtgesellschaft bilden. Der Gewinn ist ein Regulator des Unternehmens,
aber nicht der einzige. Hinzukommen andere menschliche und moralische
Faktoren, die auf lange Sicht gesehen zumindest ebenso entscheidend sind für
das Leben des Unternehmens.
Man sieht daraus, wie unhaltbar die Behauptung ist, die Niederlage des
sogenannten »realen Sozialismus« lasse den Kapitalismus als einziges
Modell wirtschaftlicher Organisation übrig. Es gilt, die Barrieren und
Monopole zu durchbrechen, die so viele Völker am Rande der Entwicklung
liegenlassen. Es gilt, für alle — einzelne und Nationen — die
Grundbedingungen für die Teilnahme an der Entwicklung sicherzustellen.
Diese Zielsetzung verlangt geplante und verantwortungsvolle Anstrengungen
von seiten der ganzen internationalen Gemeinschaft. Die stärkeren
Nationen müssen den schwachen Gelegenheiten zur Eingliederung in das
internationale Leben anbieten, und die schwachen müssen in der Lage sein,
diese Angebote aufzugreifen. Sie müssen dazu die notwendigen
Anstrengungen und Opfer aufbringen, indem sie die politische und
wirtschaftliche Stabilität, die Sicherheit für die Zukunft, die Förderung
der Fähigkeiten der eigenen Arbeiter, die Ausbildung leistungsfähiger
Unternehmer, die sich ihrer Verantwortung bewußt sind, gewährleisten.(74)
Heute lastet auf all den positiven Anstrengungen, die diesbezüglich
unternommen werden, das großenteils noch ungelöste Problem der
Auslandsverschuldung der ärmsten Länder. Der Grundsatz, daß die
Schulden gezahlt werden müssen, ist sicher richtig. Es ist jedoch nicht
erlaubt, eine Zahlung einzufordern oder zu beanspruchen, die zu
politischen Maßnahmen zwingt, die ganze Völker in den Hunger und in die
Verzweiflung treiben würden. Man kann nicht verlangen, daß die
aufgelaufenen Schulden mit unzumutbaren Opfern bezahlt werden. In diesen Fällen
ist es notwendig — wie es übrigens teilweise schon geschieht —,
Formen der Erleichterung der Rückzahlung, der Stundung oder auch der
Tilgung der Schulden zu finden, Formen, die mit dem Grundrecht der Völker
auf Erhaltung und Fortschritt vereinbar sind.
36. Es muß nun auf die besonderen Probleme und Gefahren hingewiesen
werden, die innerhalb der Wirtschaften der Industrieländer mit ihren
spezifischen Eigenschaften auftreten. In den früheren Entwicklungsstufen
hat der Mensch immer unter dem Druck der Not gelebt. Seine Bedürfnisse
waren bescheiden und gewissermaßen schon in den gegebenen Strukturen
seiner leiblichen Verfassung festgelegt. Die wirtschaftliche Tätigkeit
beschränkte sich darauf, sie zu befriedigen. Das Problem besteht heute
nicht nur darin, eine bestimmte Menge ausreichender Güter anzubieten,
sondern auch in der Nachfrage nach der Qualität: Qualität der zu
erzeugenden und zu konsumierenden Güter, Qualität der beanspruchten
Dienste, Qualität der Umvelt und des Lebens überhaupt.
Die Nachfrage nach einem qualitativ befriedigenderen und reicheren Leben
ist an sich berechtigt. Man muß dabei aber die neue Verantwortung und die
neuen Gefahren unterstreichen, die mit dieser geschichtlichen Phase
zusammenhängen. In der Art und Weise, wie die neuen Bedürfnisse
entstehen und definiert werden, drückt sich immer auch eine mehr oder
weniger zutreffende Auffassung vom Menschen und seinem wahren Wohl aus.
Die Entscheidung für bestimmte Formen von Produktion und Konsum bringt
immer auch eine bestimmte Kultur als Gesamtauffassung des Lebens zum
Ausdruck. Hier entsteht das Phänomen des Konsumismus. Bei der Entdeckung
neuer Bedürfnisse und neuer Möglichkeiten, sie zu befriedigen, muß man
sich von einem Menschenbild leiten lassen, das alle Dimensionen seines
Seins berücksichtigt und die materiellen und triebhaften den inneren und
geistigen unterordnet. Überläßt man sich hingegen direkt seinen
Trieben, unter Verkennung der Werte des persönlichen Gewissens und der
Freiheit, können Konsumgewohnheiten und Lebensweisen entstehen, die
objektiv unzulässig sind und nicht selten der körperlichen und geistigen
Gesundheit schaden. Das Wirtschaftssystem besitzt in sich selber keine
Kriterien, die gestatten, die neuen und höheren Formen der Befriedigung
der menschlichen Bedürfnisse einwandfrei von den neuen, künstlich
erzeugten Bedürfnissen zu unterscheiden, die die Heranbildung einer
reifen Persönlichkeit verhindern. Es braucht daher dringend ein groß
angelegtes erzieherisches und kulturelles Bemühen, das die Erziehung der
Konsumenten zu einem verantwortlichen Verbraucherverhalten, die Weckung
eines hohen Verantwortungsbewußtseins bei den Produzenten und vor allem
bei den Trägern der Kommunikationsmittel sowie das notwendige Eingreifen
der staatlichen Behörden umfaßt.
Ein augenfälliges Beispiel künstlichen Konsums, der sich gegen die
Gesundheit und gegen die Würde des Menschen richtet und sich gewiß nicht
leicht unter Kontrolle bringen läßt, ist die Droge. Ihre Ausbreitung ist
Anzeichen einer ernsten Funktionsstörung des Gesellschaftssystems und
schließt gleichfalls eine materialistische und in einem gewissen Sinn
destruktive »Lesart« der menschlichen Bedürfnisse ein. Die Erneuerungsfähigkeit
der freien Wirtschaft wird so schließlich einseitig und unzureichend
realisiert. Die Droge wie auch die Pornographie und andere
Konsumismusformen versuchen die entstandene geistige Leere auszufüllen,
indem sie sich die Anfälligkeit der Schwachen zunutze machen.
Nicht das Verlangen nach einem besseren Leben ist schlecht, sondern falsch
ist ein Lebensstil, der vorgibt, dann besser zu sein, wenn er auf das
Haben und nicht auf das Sein ausgerichtet ist. Man will mehr haben, nicht
um mehr zu sein, sondern um das Leben in Selbstgefälligkeit zu
konsumieren.(75) Es ist daher notwendig, sich um den Aufbau von
Lebensweisen zu bemühen, in denen die Suche nach dem Wahren, Schönen und
Guten und die Verbundenheit mit den anderen für ein gemeinsames Wachstum
jene Elemente sind, die die Entscheidungen für Konsum, Sparen und
Investitionen bestimmen. In diesem Zusammenhang kann ich nicht allein an
die Pflicht der Nächstenliebe erinnern, das heißt die Pflicht, mit dem
eigenen »Überfluß« und bisweilen auch mit dem, was man selber »nötig«
hat, zu helfen, um das bereitzustellen, was für das Leben des Armen
unentbehrlich ist. Ich weise auch darauf hin, daß eine Entscheidung,
lieber an diesem als an jenem Ort, lieber in diesem und nicht in einem
anderen Sektor zu investieren, immer auch eine moralische und kulturelle
Entscheidung ist. Unumgängliche wirtschaftliche Bedingungen und
politische Stabilität vorausgesetzt, wird die Entscheidung zu
investieren, das heißt, einem Volk die Chance zu geben, seine eigene
Arbeit zu verwerten, auch von einer Haltung der Sympathie und von dem
Vertrauen in die Vorsehung bestimmt. Gerade darin kommt die menschliche
Qualität dessen zum Vorschein, der die Entscheidung trifft.
37. Gleichfalls besorgniserregend ist, neben dem Problem des Konsumismus
und mit ihm eng verknüpft, die Frage der Ökologie. Der Mensch, der mehr
von dem Verlangen nach Besitz und Genuß als dem nach Sein und Entfaltung
ergriffen ist, konsumiert auf maßlose und undisziplinierte Weise die
Ressourcen der Erde und selbst ihre Existenz. Der unbesonnenen Zerstörung
der natürlichen Umwelt liegt ein heute leider weitverbreiteter
anthropologischer Irrtum zugrunde. Der Mensch, der seine Fähigkeit
entdeckt, mit seiner Arbeit die Welt umzugestalten und in einem gewissen
Sinne neu zu »schaffen«, vergißt, daß sich das immer nur auf der
Grundlage der ersten Ur-Schenkung der Dinge von seiten Gottes ereignet.
Der Mensch meint, willkürlich über die Erde verfügen zu können, indem
er sie ohne Vorbehalte seinem Willen unterwirft, als hätte sie nicht eine
eigene Gestalt und eine ihr vorher von Gott verliehene Bestimmung, die der
Mensch entfalten kann, aber nicht verraten darf. Statt seine Aufgabe als
Mitarbeiter Gottes am Schöpfungswerk zu verwirklichen, setzt sich der
Mensch an die Stelle Gottes und ruft dadurch schließlich die Auflehnung
der Natur hervor, die von ihm mehr tyrannisiert als verwaltet wird.(76)
In dieser Haltung läßt sich vor allem eine Armseligkeit oder Beschränktheit
der Sichtweise des Menschen erkennen. Er ist von dem Verlangen beseelt,
die Dinge zu besitzen, statt sie an der Wahrheit auszurichten; er entbehrt
jener uneigennützigen, selbstlosen, ästhetischen Haltung, die aus dem
Staunen über das Sein und über die Schönheit entsteht, das in den
sichtbaren Dingen die Botschaft des unsichtbaren Schöpfergottes erkennen
läßt. In diesem Zusammenhang muß sich die heutige Menschheit ihrer
Pflichten und Aufgaben gegenüber den künftigen Generationen bewußt
sein.
38. Außer der sinnlosen Zerstörung der natürlichen Umwelt muß hier die
noch schwerwiegendere Zerstörung der mensch1ichen Umwelt erwähnt werden;
man ist noch weit davon entfernt, ihr die notwendige Beachtung zu
schenken. Während man sich mit Recht, wenn auch viel weniger als
notwendig darum kümmert, die natürlichen Lebensbedingungen der
verschiedenen, vom Aussterben bedrohten Tierarten zu bewahren, weil man
sich bewußt ist, daß jede von ihnen einen besonderen Beitrag zum
allgemeinen Gleichgewicht der Erde erbringt, engagiert man sich viel zu
wenig für die Wahrung der moralischen Bedingungen einer glaubwürdigen »Humanökologie«.
Nicht allein die Erde ist von Gott dem Menschen gegeben worden, daß er
von ihr unter Beachtung der ursprünglichen Zielsetzung des Gutes, das ihm
geschenkt wurde, Gebrauch machen soll. Aber der Mensch ist sich selbst von
Gott geschenkt worden; darum muß er die natürliche und moralische
Struktur, mit der er ausgestattet wurde, respektieren. In diesem
Zusammenhang sind die ernsten Probleme der modernen Verstädterung zu erwähnen,
die Notwendigkeit einer städtischen Kultur, die Sorge trägt für das
Leben der Menschen, und auch die gebührende Berücksichtigung einer »Sozialökologie«
der Arbeit.
Der Mensch empfängt von Gott seine ihm wesenhafte Würde und mit ihr die
Fähigkeit, über jede Gesellschaftsordnung in Richtung der Wahrheit und
des Guten hinauszuschreiten. Er wird jedoch gleichzeitig von der
gesellschaftlichen Struktur, in der er lebt, beeinflußt, von der
Erziehung, die er erhalten hat, und von der Umwelt. Diese Elemente können
sein Leben nach der Wahrheit erleichtern, aber auch behindern. Die
Entscheidungen, auf Grund derer sich ein menschliches Milieu herausbildet,
können spezifische Strukturen der Sünde erzeugen, die die volle
Verwirklichung derer, die von ihnen vielfältig bedrückt werden,
verhindern. Solche Strukturen abzubauen und durch authentischere Formen
des Zusammenlebens zu ersetzen, ist eine Aufgabe, die Mut und Ausdauer
erfordert.(77)
39. Die erste und grundlegende Struktur zu Gunsten der »Humanökologie«
ist die Familie, in deren Schoß der Mensch die entscheidenden Anfangsgründe
über die Wahrheit und das Gute empfängt, wo er lernt, was lieben und
geliebt werden heißt und was es konkret besagt, Person zu sein. Hier ist
die auf die Ehe gegründete Familie gemeint, wo die gegenseitige Hingabe
von Mann und Frau eine Lebensatmosphäre schafft, in der das Kind geboren
werden und seine Fähigkeiten entfalten kann. Wo es sich seiner Würde
bewußt wird und sich auf die Auseinandersetzung mit seinem einmaligen und
unwiederholbaren Schicksal vorbereiten kann. Oft geschieht es jedoch, daß
der Mensch entmutigt wird, die naturgegebenen Bedingungen der Weitergabe
des Lebens auf sich zu nehmen. Er läßt sich dazu verleiten, sich selbst
und sein Leben als eine Folge von Sensationen zu betrachten, die es zu
erleben gilt und nicht als eine Aufgabe, die zu erfüllen ist. Daraus
entsteht ein Mangel an Freiheit, der von der Verpflichtung, sich fest mit
einem anderen Menschen zu verbinden und Kinder zu zeugen, zurückscheut
oder dazu verleitet, Partner und Kinder als eines der vielen »Dinge«
anzusehen, die man, je nach eigenem Geschmack, haben oder nicht haben kann
und die mit anderen Möglichkeiten in Konkurrenz treten.
Die Familie muß wieder als das Heiligtum des Lebens angesehen werden. Sie
ist in der Tat heilig: Sie ist der Ort, an dem das Leben, Gabe Gottes, in
angemessener Weise angenommen und gegen die vielfältigen Angriffe, denen
es ausgesetzt ist, geschützt wird und wo es sich entsprechend den
Forderungen eines echten menschlichen Wachstums entfalten kann. Gegen die
sogenannte Kultur des Todes stellt die Familie den Sitz der Kultur des
Lebens dar.
Der Geist des Menschen scheint auf diesem Gebiet mehr darauf bedacht zu
sein, die Quellen des Lebens zu beschränken, zu unterdrücken und zu
vernichten, bis hin zur leider so weltweit verbreiteten Abtreibung, als
die Möglichkeiten des Lebens selbst zu verteidigen und zu eröffnen. In
der Enzyklika Sollicitudo rei socialis wurden die systematischen Kampagnen
zur Geburtenkontrolle mit aller Klarheit kritisiert. Auf Grund einer
entstellten Auffassung des demographischen Problems und im Klima eines »absoluten
Mangels an Respekt vor der Entscheidungsfreiheit der betroffenen Personen«
werden diese oft einem »unerträglichen Druck« ausgesetzt, »um sie für
diese neue Form der Unterdrückung gefügig zu machen«.(78) Es handelt
sich hier um eine Politik, die mit Hilfe neuer Techniken ihren
Aktionsradius bis hin zu einem »Krieg mit chemischen Waffen« ausweitet,
um das Leben von Millionen schutzloser Menschen zu vergiften.
Diese Kritik richtet sich nicht so sehr gegen ein Wirtschaftssystem als
gegen ein ethisch-kulturelles System. Die Wirtschaft ist ja nur ein Aspekt
und eine Dimension der Vielfalt des menschlichen Handelns. Wenn sie
verabsolutiert wird, wenn die Produktion und der Konsum der Waren schließlich
die Mitte des gesellschaftlichen Lebens einnehmen und zum einzigen Wert
der Gesellschaft werden, der keinem anderen mehr untergeordnet wird, so
ist die Ursache dafür nicht allein und nicht so sehr im Wirtschaftssystem
selbst als in der Tatsache zu suchen, daß das ganze sozio-kulturelle
System mit der Vernachlässigung der sittlichen und religiösen Dimension
versagt hat und sich nunmehr allein auf die Produktion von Gütern und
Dienstleistungen beschränkt.(79)
Das alles läßt sich zusammenfassen, indem man noch einmal feststellt, daß
die wirtschaftliche Freiheit nur ein Element der menschlichen Freiheit
ist. Wenn sie sich für autonom erklärt, das heißt, wenn der Mensch mehr
als Produzent bzw. Konsument von Gütern, nicht aber als ein Subjekt
gesehen wird, das produziert und konsumiert, um zu leben, dann verliert
sie ihre notwendige Beziehung zum Menschen, den sie schließlich
entfremdet und unterdrückt.(80)
40. Es ist Aufgabe des Staates, für die Verteidigung und den Schutz jener
gemeinsamen Güter, wie die natürliche und die menschliche Umwelt, zu
sorgen, deren Bewahrung von den Marktmechanismen allein nicht gewährleistet
werden kann. Wie der Staat zu Zeiten des alten Kapitalismus die Pflicht
hatte, die fundamentalen Rechte der Arbeit zu verteidigen, so haben er und
die ganze Gesellschaft angesichts des neuen Kapitalismus nun die Pflicht,
die gemeinsamen Güter zu verteidigen, die unter anderem den Rahmen
bilden, in dem allein es jedem einzelnen möglich ist, seine persönlichen
Ziele auf gerechte Weise zu verwirklichen.
Hier stoßen wir auf eine neue Grenze des Marktes: Es gibt gemeinsame und
qualitative Bedürfnisse, die mit Hilfe seiner Mechanismen nicht
befriedigt werden können. Es gibt wichtige menschliche Erfordernisse, die
sich seiner Logik entziehen. Es gibt Güter, die auf Grund ihrer Natur
nicht verkauft und gekauft werden können und dürfen. Gewiß bieten die
Marktmechanismen sichere Vorteile. Sie helfen unter anderem dabei,
besseren Gebrauch von den Ressourcen zu machen; sie fördern den Austausch
der Produkte und stellen den Willen und die Präferenzen des Menschen in
den Mittelpunkt, die sich im Vertrag mit denen eines anderen Menschen
treffen. Diese Mechanismen schließen jedoch die Gefahr einer »Vergötzung«
des Marktes ein, der die Existenz von Gütern ignoriert, die ihrer Natur
nach weder bloße Waren sind noch sein können.
41. Der Marxismus hat die kapitalistischen bürgerlichen Gesellschaften
kritisiert, indem er ihnen die Vermarktung und die Entfremdung des
menschlichen Daseins vorwarf. Dieser Vorwurf beruht zweifellos auf einer
falschen und unsachgemäßen Auffassung des Begriffes Entfremdung. Er wird
einseitig aus dem Bereich der Produktions- und Eigentumsverhältnisse
abgeleitet, das heißt, es wird ihm eine materialistische Begründung
zugeschrieben. Es werden außerdem die Berechtigung und die positive
Bedeutung der Marktbeziehungen in ihrem spezifischen Bereich geleugnet.
Daher behauptet der Marximus, nur in einer kollektiven
Gesellschaftsordnung könnte die Entfremdung beseitigt werden. Die
historische Erfahrung der sozialistischen Länder hat auf traurige Weise
gezeigt, daß der Kollektivismus die Entfremdung nicht beseitigt, sondern
noch steigert, weil der Mangel am Notwendigsten und das wirtschaftliche
Versagen hinzukommen.
Die geschichtliche Erfahrung des Westens ihrerseits zeigt, daß dennoch,
obwohl die marxistische Analyse und Begründung der Entfremdung falsch
sind, die Entfremdung mit dem Verlust des wahren Lebenssinnes auch in den
westlichen Gesellschaften eine reale Gegebenheit ist. Denn sie ereignet
sich im Konsum, wenn der Mensch in ein Netz falscher und oberflächlicher
Befriedigungen hineingezogen wird, statt daß man ihm hilft, die echte und
konkrete Erfahrung seiner Persönlichkeit zu machen. Sie ereignet sich
auch bei der Arbeit, wenn diese so organisiert wird, daß sie möglichst
hohe Erträge abwirft, man sich aber nicht darum kümmert, daß der
Arbeiter sich durch seine Arbeit mehr oder weniger als Mensch
verwirklicht, je nachdem, ob seine Teilnahme an einer echten solidarischen
Gemeinschaft wächst oder ob seine Isolierung in einem Komplex von
Beziehungen eines erbitterten Konkurrenzkampfes und gegenseitiger
Entfremdung zunimmt, in dem er nur als ein Mittel, nicht aber als ein Ziel
angesehen wird.
Wir müssen den Begriff der »Entfremdung« auf seinen christlichen
Sinngehalt zurückführen und in ihm die Umkehrung von Mitteln und Zielen
wieder aufleben lassen. Wenn der Mensch auf die Anerkennung des Wertes und
der Größe der Person bei sich selbst und im anderen verzichtet, beraubt
er sich in der Tat der Möglichkeit, sich seines Menschseins zu freuen und
in jene Beziehung der Solidarität und Gemeinschaft mit den anderen
Menschen einzutreten, für die ihn Gott geschaffen hat. Denn durch die
freie Selbsthingabe wird der Mensch wahrhaftig er selbst.(81) Ermöglicht
wird diese Hingabe durch die dem Menschen wesenseigene »Fähigkeit zur
Transzendenz«. Der Mensch kann sich nicht an ein bloß menschliches
Projekt der Wirklichkeit, an ein abstraktes Ideal oder an falsche Utopien
verschenken. Der Mensch als Person kann sich nur an einen anderen oder an
andere Menschen und endlich an Gott hingeben, der der Urheber seines Seins
und der Einzige ist, der seine Hingabe ganz anzunehmen vermag.(82)
Entfremdet wird der Mensch, der es ablehnt, über sich selbst
hinauszugehen und die Erfahrung der Selbsthingabe und der Bildung einer an
seiner letzten Bestimmung orientierten echten menschlichen Gemeinschaft zu
leben. Diese letzte Zielbestimmung des Menschen aber ist Gott selber.
Entfremdet wird eine Gesellschaft, die in ihren sozialen
Organisationsformen, in Produktion und Konsum, die Verwirklichung dieser
Hingabe und die Bildung dieser zwischenmenschlichen Solidarität
erschwert.
In der westlichen Gesellschaft wurde die Ausbeutung wenigstens in den von
Karl Marx analysierten und beschriebenen Formen überwunden. Nicht überwunden
wurde jedoch die Entfremdung in den verschiedenen Formen von Ausbeutung,
wenn sich die Menschen gegenseitig als Werkzeuge benutzen und bei der
immer raffinierteren Befriedigung ihrer Sonder- und Sekundärbedürfnisse
taub werden für die hauptsächlichen und echten Bedürfnisse, die auch
die Art und Weise der Befriedigung der anderen Bedürfnisse regeln
sollen.(83) Der Mensch, der sich nur oder vorwiegend um das Haben und den
Genuß kümmert, der nicht mehr fähig ist, seine Triebe und
Leidenschaften zu beherrschen und sie im Gehorsam gegenüber der Wahrheit
unterzuordnen, kann nicht frei sein. Der Gehorsam gegenüber der Wahrheit
über Gott und über den Menschen ist die erste Voraussetzung der
Freiheit, da er ihm erlaubt, seine Bedürfnisse, seine Wünsche und die
Art und Weise ihrer Befriedigung einer rechten Hierarchie entsprechend zu
ordnen, so daß der Besitz der Dinge für ihn ein Mittel zum Wachstum ist.
Ein Hindernis kann diesem Wachstum aus der Manipulation erstehen, die von
jenen Massenmedien vorgenommen wird, die mit der Macht einer geradezu
organisierten Zähigkeit Moden und Meinungstrends aufzwingen, ohne daß es
möglich wäre, ihre Voraussetzungen einer kritischen Prüfung zu
unterziehen.
42. Um zur Eingangsfrage zurückzukehren: Kann man etwa sagen, daß nach
dem Scheitern des Kommunismus der Kapitalismus das siegreiche
Gesellschaftssystem sei und daß er das Ziel der Anstrengungen der Länder
ist, die ihre Wirtschaft und ihre Gesellschaft neu aufzubauen versuchen?
Ist vielleicht er das Modell, das den Ländern der Dritten Welt
vorgeschlagen werden soll, die nach dem Weg für den wahren
wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt suchen?
Die Antwort ist natürlich kompliziert. Wird mit »Kapitalismus« ein
Wirtschaftssystem bezeichnet, das die grundlegende und positive Rolle des
Unternehmens, des Marktes, des Privateigentums und der daraus folgenden
Verantwortung für die Produktionsmittel, der freien Kreativität des
Menschen im Bereich der Wirtschaft anerkennt, ist die Antwort sicher
positiv. Vielleicht wäre es passender, von »Unternehmenswirtschaft«
oder »Markwirtschaft« oder einfach »freier Wirtschaft« zu sprechen.
Wird aber unter »Kapitalismus« ein System verstanden, in dem die
wirtschaftliche Freiheit nicht in eine feste Rechtsordnung eingebunden
ist, die sie in den Dienst der vollen menschlichen Freiheit stellt und sie
als eine besondere Dimension dieser Freiheit mit ihrem ethischen und
religiösen Mittelpunkt ansieht, dann ist die Antwort ebenso entschieden
negativ.
Die marxistische Lösung ist gescheitert, aber in der Welt bestehen nach
wie vor Formen der Ausgrenzung und Ausbeutung, insbesondere in der Dritten
Welt, sowie Erscheinungen menschlicher Entfremdung, besonders in den
Industrieländern, gegen die die Kirche mit Nachdruck ihre Stimme erhebt.
Massen von Menschen leben noch immer in Situationen großen materiellen
und moralischen Elends. Der Zusammenbruch des kommunistischen Systems
beseitigt sicher in vielen Ländern ein Hindernis in der sachgemäßen und
realistischen Auseinandersetzung mit diesen Problemen, aber das reicht
nicht aus, um sie zu lösen. Es besteht die Gefahr, daß sich eine
radikale kapitalistische Ideologie breitmacht, die es ablehnt, sie auch
nur zu erwägen, da sie glaubt, daß jeder Versuch, sich mit ihnen
auseinanderzusetzen, von vornherein zum Scheitern verurteilt sei, und ihre
Lösung in einem blinden Glauben der freien Entfaltung der Marktkräfte überläßt.
43. Die Kirche hat keine eigenen Modelle vorzulegen. Die konkreten und
erfolgreichen Modelle können nur im Rahmen der jeweils verschiedenen
historischen Situationen durch das Bemühen aller Verantwortlichen
gefunden werden, die sich den konkreten Problemen in allen ihren eng
miteinander verflochtenen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen,
politischen und kulturellen Aspekten stellen.(84) Diesem Bemühen bietet
die Kirche als unerläßliche geistige Orientierung ihre Soziallehre an,
die — wie schon gesagt — die positive Bedeutung des Marktes und des
Unternehmens anerkennt, aber gleichzeitig darauf hinweist, daß beide
unbedingt auf das Gemeinwohl ausgerichtet sein müssen. Sie anerkennt auch
die Rechtmäßigkeit der Anstrengungen der Arbeiter, um die volle Achtung
ihrer Würde und eine größere Beteiligung am Leben des Unternehmens zu
erlangen. Auch wenn sie zusammen mit anderen und unter der Leitung anderer
arbeiten, sollen sie doch in gewissem Sinne »in eigener Sache arbeiten«
(85) unter Einsatz ihrer Intelligenz und ihrer Freiheit.
Die umfassende Entwicklung des Menschen in der Arbeit widerspricht nicht
den Anforderungen einer höheren Produktivität und eines größeren
Ertrages der Arbeit. Im Gegenteil, sie fördert diese sogar, auch wenn das
verfestigte Machtverhältnisse schwächen kann. Das Unternehmen darf nicht
ausschließlich als »Kapitalgesellschaft« angesehen werden; es ist
zugleich eine »Gemeinschaft von Menschen«, zu der als Partner in je
verschiedener Weise und mit spezifischen Verantwortlichkeiten sowohl jene
beitragen, die das für ihre Tätigkeit nötige Kapital einbringen, als
auch jene, die mit ihrer Arbeit daran mitwirken. Um diese Ziele zu
erreichen, braucht es noch einen großen gemeinsamen Einsatz der Arbeiter,
dessen Ziel die Befreiung und die umfassende Förderung des Menschen ist.
Im Licht des »Neuen« von heute wurde das Verhältnis zwischen dem
Privateigentum und der universalen Bestimmung der Güter »wiedergelesen«.
Der Mensch verwirklicht sich selbst durch seinen Verstand und seine
Freiheit und übernimmt dabei als Gegenstand und Werkzeug die Dinge dieser
Welt und eignet sie sich an. In diesem Tun des Menschen hat das Recht auf
die Initiative und das Recht auf das Privateigentum seinen Grund. Durch
seine Arbeit setzt sich der Mensch nicht nur für sich, sondern auch für
die anderen und mit den anderen ein: Jeder trägt zur Arbeit und zum Wohl
anderer bei. Der Mensch arbeitet, um die Bedürfnisse seiner Familie, der
Gemeinschaft, zu der er gehört, der Nation und schließlich der ganzen
Menschheit zu erfüllen.(86) Er trägt außerdem zur Arbeit der anderen
bei, die im selben Unternehmen tätig sind, sowie, in einer Solidaritätskette,
die sich progressiv fortsetzt, zur Arbeit der Lieferanten bzw. zum Konsum
der Kunden. Das Eigentum an Produktionsmitteln sowohl im industriellen wie
im landwirtschaftlichen Bereich ist gerechtfertigt, wenn es einer
nutzbringenden Arbeit dient. Es wird hingegen rechtswidrig, wenn es nicht
aufgewertet wird oder dazu dient, die Arbeit anderer zu behindern, um
einen Gewinn zu erzielen, der nicht aus der Gesamtausweitung der Arbeit
und des gesellschaftlichen Reichtums erwächst, sondern aus ihrer Unterdrückung,
aus der unzulässigen Ausbeutung, aus der Spekulation und aus dem
Zerbrechen der Solidarität in der Welt der Arbeit.(87) Ein solches
Eigentum besitzt keinerlei Rechtfertigung und stellt einen Mißbrauch vor
Gott und den Menschen dar.
Die Verpflichtung, im Schweiße seines Angesichtes sein Brot zu verdienen,
besagt gleichzeitig ein Recht. Eine Gesellschaft, in der dieses Recht
systematisch verweigert wird, in der es die wirtschaftspolitischen Maßnahmen
den Arbeitern nicht ermöglichen, eine befriedigende Beschäftigungslage
zu erreichen, kann weder ihre sittliche Rechtfertigung noch den gerechten
sozialen Frieden erlangen.(88) Wie sich die Person in der freien
Selbsthingabe voll verwirklicht, so findet das Eigentum seine sittliche
Rechtfertigung darin, daß es unter den erforderlichen Umständen und in
der erforderlichen Zeit Arbeitsgelegenheiten und menschliches Wachstum für
alle schafft.
V. KAPITEL
STAAT UND KULTUR
44. Leo XIII. wußte sehr wohl, daß man eine gesunde Staatstheorie
braucht, um eine normale Entfaltung der menschlichen Tätigkeiten zu gewährleisten,
der geistigen und der materiellen, die beide unerläßlich sind.(89) In
einem Abschnitt von Rerum novarum legt er darum die Organisation der
Gesellschaft nach den drei Gewalten — der gesetzgebenden, der ausführenden
und der richterlichen — vor; dies war in der damaligen Zeit in der Lehre
der Kirche eine Neuheit.(90) Diese Ordnung spiegelt eine realistische
Sicht der sozialen Natur des Menschen, die eine entsprechende Gesetzgebung
zum Schutz der Freiheit aller erfordert. Zu diesem Zweck ist es besser,
wenn jede Macht von anderen Mächten und anderen Kompetenzbereichen
ausgeglichen wird, die sie in ihren rechten Grenzen halten. Das ist das
Prinzip des »Rechtsstaates«, in dem das Gesetz und nicht die Willkür
der Menschen herrscht.
Im Gegensatz zu dieser Auffassung vertritt in der modernen Zeit der
Totalitarismus in seiner marxistisch-leninistischen Ausprägung die
Meinung, daß einige Menschen auf Grund einer tieferen Kenntnis der
Entwicklungsgesetze der Gesellschaft oder durch eine klassenmäßige
Sonderstellung oder durch einen Kontakt mit den eigentlichen Quellen des
kollektiven Bewußtseins vom Irrtum frei sind und daher Anspruch auf die
Ausübung einer absoluten Macht erheben können. Hinzukommt, daß der
Totalitarismus aus der Verneinung der Wahrheit im objektiven Sinn
entsteht: Wenn es keine transzendente Wahrheit gibt, der gehorchend der
Mensch zu seiner vollen Identität gelangt, gibt es kein sicheres Prinzip,
das gerechte Beziehungen zwischen den Menschen gewährleistet. Ihr
Klasseninteresse, Gruppeninteresse und nationales Interesse bringt sie
unweigerlich in Gegensatz zueinander. Wenn die transzendente Wahrheit
nicht anerkannt wird, dann triumphiert die Gewalt der Macht und jeder
trachtet, bis zum Äußersten von den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln
Gebrauch zu machen, um ohne Rücksicht auf die Rechte des anderen sein
Interesse und seine Meinung durchzusetzen. Der Mensch wird da nur insoweit
respektiert, als man ihn als Werkzeug für ein egoistisches Ziel benutzen
kann. Die Wurzel des modernen Totalitarismus liegt also in der Verneinung
der transzendenten Würde des Menschen, der sichtbares Abbild des
unsichtbaren Gottes ist. Eben deshalb, auf Grund seiner Natur, ist er
Subjekt von Rechten, die niemand verletzen darf: weder der einzelne, noch
die Gruppe, die Klasse, die Nation oder der Staat. Auch die
gesellschaftliche Mehrheit darf das nicht tun, indem sie gegen eine
Minderheit vorgeht, sie ausgrenzt, unterdrückt, ausbeutet oder sie zu
vernichten versucht.(91)
45. Die Kultur und die Praxis des Totalitarismus ziehen auch die
Verneinung der Kirche nach sich. Der Staat oder die Partei, die glaubt, in
der Geschichte das absolute Gute verwirklichen zu können, und sich über
alle Werte hinwegsetzt, kann nicht zulassen, daß ein objekives Kriterium
für Gut und Böse außer dem Willen der Herrschenden anerkannt wird, das
unter bestimmten Umständen auch dazu dienen kann, ihr Verhalten kritisch
zu beurteilen. Das erklärt, warum der Totalitarismus die Kirche zu
vernichten oder wenigstens zu unterwerfen trachtet, indem er sie zu einem
Werkzeug seines ideologischen Apparates macht.(92)
Das Bestreben des totalitären Staates läuft noch immer darauf hinaus,
die Nation, die Gesellschaft, die Familie, die Religionsgemeinschaften und
die Menschen selbst in sich aufzusaugen. Durch die Verteidigung ihrer
Freiheit verteidigt die Kirche zugleich den Menschen, der Gott mehr
gehorchen muß als den Menschen (vgl. Apg 5, 29), die Familie, die
verschiedenen gesellschaftlichen Organisationen und die Nationen, alles
Realitäten, die ihren je eigenen Autonomie- und Souveränitätsbereich
besitzen.
46. Die Kirche weiß das System der Demokratie zu schätzen, insoweit es
die Beteiligung der Bürger an den politischen Entscheidungen sicherstellt
und den Regierten die Möglichkeit garantiert, sowohl ihre Regierungen zu
wählen und zu kontrollieren als auch dort, wo es sich als notwendig
erweist, sie auf friedliche Weise zu ersetzen.(93) Sie kann daher nicht
die Bildung schmaler Führungsgruppen billigen, die aus Sonderinteressen
oder aus ideologischen Absichten die Staatsmacht an sich reißen.
Eine wahre Demokratie ist nur in einem Rechtsstaat und auf der Grundlage
einer richtigen Auffassung vom Menschen möglich. Sie erfordert die
Erstellung der notwendigen Vorbedingungen für die Förderung sowohl der
einzelnen Menschen durch die Erziehung und die Heranbildung zu den echten
Idealen als auch der »Subjektivität« der Gesellschaft durch die
Schaffung von Strukturen der Beteiligung und Mitverantwortung. Heute neigt
man zu der Behauptung, der Agnostizismus und der skeptische Relativismus
seien die Philosophie und die Grundhaltung, die den demokratischen
politischen Formen entsprechen. Und alle, die überzeugt sind, die
Wahrheit zu kennen, und an ihr festhalten, seien vom demokratischen
Standpunkt her nicht vertrauenswürdig, weil sie nicht akzeptieren, daß
die Wahrheit von der Mehrheit bestimmt werde bzw. je nach dem
unterschiedlichen politischen Gleichgewicht schwanke. In diesem
Zusammenhang muß gesagt werden, daß dann, wenn es keine letzte Wahrheit
gibt, die das politische Handeln leitet und ihm Orientierung gibt, die
Ideen und Überzeugungen leicht für Machtzwecke mißbraucht werden können.
Eine Demokratie ohne Werte verwandelt sich, wie die Geschichte beweist,
leicht in einen offenen oder hinterhältigen Totalitarismus.
Die Kirche verschließt auch nicht die Augen vor der Gefahr des Fanatismus
oder Fundamentalismus derer, die glauben, im Namen einer angeblich
wissenschaftlichen oder religiösen Ideologie den anderen Menschen ihre
Auffassung von dem, was wahr und gut ist, aufzwingen zu können. Die
christliche Wahrheit ist nicht von dieser Art. Der christliche Glaube, der
keine Ideologie ist, maßt sich nicht an, die bunte sozio-politische
Wirklichkeit in ein strenges Schema einzuzwängen. Er anerkennt, daß sich
das Leben des Menschen in der Geschichte unter verschiedenen und nicht
immer vollkommenen Bedingungen verwirklicht. Darum gehört zum Vorgehen
der Kirche, die stets die transzendente Würde der Person beteuert, die
Achtung der Freiheit.(94)
Aber die Freiheit erhält erst durch die Annahme der Wahrheit ihren vollen
Wert. In einer Welt ohne Wahrheit verliert die Freiheit ihre Grundlage,
und der Mensch ist der Gewalt der Leidenschaften und offenen oder
verborgenen Bedingtheiten ausgesetzt. Der Christ lebt die Freiheit (vgl.
Joh 8, 31. 32) und dient ihr, indem er seinem Sendungsauftrag getreu die
Wahrheit, die er erkannt hat, immer wieder anbietet. Im Dialog mit den
anderen Menschen wird er jedem Beitrag an Wahrheit, dem er in der
Lebensgeschichte und in der Kultur der einzelnen und der Nationen
begegnet, Achtung zollen; er wird aber nicht darauf verzichten, all das zu
vertreten, was ihn sein Glaube und der rechte Gebrauch der Vernunft
gelehrt haben.(95)
47. Nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Totalitarismus und
zahlreicher anderer totalitärer Regimes und solcher der »nationalen
Sicherheit« erleben wir heute ein, wenn auch nicht unumstrittenes Überwiegen
des demokratischen Ideals, verbunden mit einem lebendigen Bewußtsein und
einer Sorge für die Menschenrechte. Aber gerade darum müssen die Völker,
die ihre innere Ordnung neugestalten, durch die ausdrückliche Anerkennung
dieser Rechte der Demokratie eine glaubwürdige und solide Grundlage
geben(96). Unter den vorrangigsten Rechten sind zu erwähnen: das Recht
auf Leben, zu dem wesentlich das Recht gehört, nach der Zeugung im
Mutterschoß heranzuwachsen; das Recht, in einer geeinten Familie und in
einem sittlichen Milieu zu leben, das für die Entwicklung und Entfaltung
der eigenen Persönlichkeit geeignet ist; das Recht, seinen Verstand und
seine Freiheit in der Suche und Erkenntnis der Wahrheit zur Reife zu
bringen; das Recht, an der Arbeit zur Erschließung der Güter der Erde
teilzunehmen und daraus den Lebensunterhalt für sich und die Seinen zu
gewinnen; das Recht auf freie Gründung einer Familie und auf Empfang und
Erziehung der Kinder durch verantwortungsvollen Gebrauch der eigenen
Sexualität. Quelle und Synthese dieser Rechte ist in gewissem Sinne die
Religionsfreiheit, verstanden als Recht, in der Wahrheit des eigenen
Glaubens und in Übereinstimmung mit der transzendenten Würde der eigenen
Person zu leben.(97)
Auch in den Ländern mit demokratischen Regierungsformen werden diese
Rechte nicht immer voll respektiert. Wir beziehen uns hier nicht nur auf
den Skandal der Abtreibung, sondern auch auf verschiedene Anzeichen einer
Krise der demokratischen Systeme, denen mitunter die Fähigkeit zu
Entscheidungen für das Gemeinwohl abhanden gekommen zu sein scheint.
Anfragen von seiten der Gesellschaft werden bisweilen nicht nach Kriterien
der Gerechtigkeit und Sittlichkeit geprüft, sondern mehr nach der Wahl
oder Finanzkraft der Gruppen, die sie unterstützen. Derartige Entartungen
des politischen Verhaltens erzeugen mit der Zeit Mißtrauen und Gleichgültigkeit
und in der Folge eine Abnahme der politischen Beteiligung und des
Gemeinsinnes in der Bevölkerung, die sich hintergangen und enttäuscht fühlt.
Daraus ergibt sich das wachsende Unvermögen, Einzelinteressen in eine
umfassende Sicht des Gemeinwohles einzuordnen. Dieses ist ja nicht einfach
die Summe der Einzelinteressen. Es besagt vielmehr ihre Bewertung und
Zuordnung auf Grund einer ausgewogenen Werthierarchie und letzten Endes
auf Grund eines klaren Verständnisses der Würde und der Rechte der
Person.(98)
Die Kirche achtet die berechtigte Autonomie der demokratischen Ordnung. Es
steht ihr nicht zu, sich zu Gunsten der einen oder anderen
institutionellen oder verfassungsmäßigen Lösung zu äußern. Der
Beitrag, den sie zu dieser Ordnung anbietet, ist die Sicht von der Würde
der Person, die sich im Geheimnis des Mensch gewordenen Wortes in ihrer
ganzen Fülle offenbart.(99)
48. Diese allgemeinen Überlegungen finden ihren Niederschlag auch in der
Aufgabe des Staates im Bereich der Wirtschaft. Die Wirtschaft,
insbesondere die Marktwirtschaft, kann sich nicht in einem
institutionellen, rechtlichen und politischen Leerraum abspielen. Im
Gegenteil, sie setzt die Sicherheit der individuellen Freiheit und des
Eigentums sowie eine stabile Währung und leistungsfähige öffentliche
Dienste voraus. Hauptaufgabe des Staates ist es darum, diese Sicherheit zu
garantieren, so daß der, der arbeitet und produziert, die Früchte seiner
Arbeit genießen kann und sich angespornt fühlt, seine Arbeit effizient
und redlich zu vollbringen. Der Mangel an Sicherheit, begleitet von der
Korruption der staatlichen Behörden und von dem Umsichgreifen unlauterer
Quellen der Bereicherung und des leichten Gewinnes auf Grund eines
rechtswidrigen oder rein spekulativen Treibens, ist eines der
Haupthindernisse für die Entwicklung und für die Wirtschaftsordnung.
Eine andere Aufgabe des Staates besteht darin, die Ausübung der
Menschenrechte im wirtschaftlichen Bereich zu überwachen und zu leiten.
Aber die erste Verantwortung auf diesem Gebiet liegt nicht beim Staat,
sondern bei den einzelnen und bei den verschiedenen Gruppen und
Vereinigungen, in denen sich die Gesellschaft artikuliert. Der Staat könnte
das Recht aller Bürger auf Arbeit nicht direkt sicherstellen, ohne das
gesamte Wirtschaftsleben zu reglementieren und die freie Initiative der
einzelnen abzutöten. Das besagt jedoch nicht, daß er auf diesem Gebiet
überhaupt keine Kompetenz habe, wie jene behaupten, die für einen völligen
Verzicht auf Ordnungsnormen im Bereich der Wirtschaft eintreten. Ja, der
Staat hat die Pflicht, die Tätigkeit der Unternehmen dahingehend zu
unterstützen, daß er Bedingungen für die Sicherstellung von
Arbeitsgelegenheiten schafft. Er muß die Tätigkeit dort, wo sie sich als
unzureichend erweist, anregen bzw. ihr in Augenblicken der Krise unter die
Arme greifen.
Der Staat hat des weiteren das Recht einzugreifen, wenn Monopolstellungen
die Entwicklung verzögern oder behindern. Aber außer diesen Aufgaben der
Harmonisierung und Steuerung der Entwicklung kann er in Ausnahmefällen
Vertretungsfunktionen wahrnehmen, wenn gesellschaftliche Bereiche oder
Unternehmenssysteme zu schwach oder erst im Entstehen begriffen und daher
noch unfähig sind, ihre Aufgabe zu erfüllen. Solche stellvertretenden
Interventionen, die durch dringende, vom Gemeinwohl geforderte Gründe
gerechtfertigt sind, müssen aber zeitlich möglichst begrenzt sein, um
nicht den genannten Bereichen und Unternehmenssystemen die ihnen eigenen
Kompetenzen auf Dauer zu entziehen und nicht den Umfang der staatlichen
Intervention übermäßig auszuweiten. Dies wäre sowohl für die
wirtschaftliche wie für die bürgerliche Freiheit schädlich.
In den letzten Jahren hat man eine umfangreiche Ausweitung dieser
Interventionen erlebt, was gewissermaßen zu einem neuen Typ von Staat,
dem »Wohlfahrtsstaat«, geführt hat. Diese Entwicklungen erfolgten in
manchen Staaten, um auf geeignete Weise den zahlreichen Nöten und Bedürfnissen
dadurch abzuhelfen, daß man menschenunwürdige Formen der Armut und
Entbehrung beseitigte. Es fehlte jedoch nicht an Auswüchsen und Mißbräuchen,
die besonders in jüngster Zeit harte Kritik am Wohlfahrtsstaat auslösten,
der als »Fürsorgestaat« bezeichnet wurde. Funktionsstörungen und Mängel
im Wohlfahrtsstaat rühren von einem unzutreffenden Verständnis der
Aufgaben des Staates her. Auch auf diesem Gebiet muß das Subsidiaritätsprinzip
gelten: Eine übergeordnete Gesellschaft darf nicht in das innere Leben
einer untergeordneten Gesellschaft dadurch eingreifen, daß sie diese
ihrer Kompetenzen beraubt. Sie soll sie im Notfall unterstützen und ihr
dazu helfen, ihr eigenes Handeln mit dem der anderen gesellschaftlichen Kräfte
im Hinblick auf das Gemeinwohl abzustimmen.(100)
Der Wohlfahrtsstaat, der direkt eingreift und die Gesellschaft ihrer
Verantwortung beraubt, löst den Verlust an menschlicher Energie und das
Aufblähen der Staatsapparate aus, die mehr von bürokratischer Logik als
von dem Bemühen beherrscht werden, den Empfängern zu dienen; Hand in
Hand damit geht eine ungeheure Ausgabensteigerung. Wie es scheint kennt
tatsächlich derjenige die Not besser und vermag die anstehenden Bedürfnisse
besser zu befriedigen, der ihr am nächsten ist und sich zum Nächsten des
Notleidenden macht. Es muß hinzugefügt werden, daß nicht selten eine
bestimmte Art von Bedürfnissen keine bloß materielle Antwort erfordern,
sondern daß es darauf ankommt, die tiefere menschliche Not und Anfrage
herauszuhören. Man denke auch an die Situation der Flüchtlinge, der
Einwanderer, der Alten oder Kranken und an all die verschiedenen Formen,
die Beistand und Fürsorge brauchen, wie im Fall der Drogenabhängigen:
alles Menschen, denen nur von jemandem wirksam geholfen werden kann, der
ihnen außer der nötigen Behandlung eine aufrichtige brüderliche Hilfe
anbietet.
49. Auf diesem Gebiet ist die Kirche getreu dem Auftrag Christi, ihres Gründers,
seit jeher mit ihren Werken präsent, um dem bedürftigen Menschen eine
materielle Unterstützung anzubieten, die ihn nicht erniedrigt und nicht
zu einem Fürsorgeobjekt herabsetzt, sondern ihm hilft, aus seiner prekären
Lage herauszufinden, indem sie seine Würde als Person fördert. Mit großer
Dankbarkeit an Gott muß man darauf hinweisen, daß die tätige Liebe in
der Kirche nie erloschen ist und heute eine vielfältige, ermutigende
Zunahme verzeichnen kann. Besondere Erwähnung verdient in diesem
Zusammenhang das Phänomen des freiwilligen Dienstes, den die Kirche
dadurch unterstützt und fördert, daß sie alle zur Mitarbeit anspornt,
um ihn in seinen Initiativen zu unterstützen und zu ermutigen.
Um die heute verbreitete individualistische Denkweise zu überwinden,
braucht es ein konkretes Bemühen um Solidarität und Liebe, das in der
Familie beginnt mit dem Rückhalt, den die Eheleute einander geben, und
dann mit der Sorge der Generationen füreinander. Auf diese Weise
qualifiziert sich die Familie auch als Arbeits- und Solidaritätsgemeinschaft.
Es kommt jedoch vor, daß die Familie, wenn sie bereit ist, ihrer Berufung
voll zu entsprechen, ohne die nötige Unterstützung von seiten des
Staates bleibt und daher nicht über ausreichende Mittel verfügt. Es ist
dringend notwendig, nicht nur die Familienpolitik, sondern auch die
Sozialpolitik zu fördern, deren Hauptziel die Farnilie selbst sein muß.
Ihr muß durch die Gewährung entsprechender Hilfsmittel und wirksamer
Formen der Unterstützung bei der Erziehung der Kinder wie bei der Sorge für
die alten Menschen geholfen werden, um deren Abschiebung aus dem engeren
Familienverband zu vermeiden und so die Beziehungen zwischen den
Generationen neu zu stärken.(101)
Außer der Familie erfüllen auch andere gesellschaftliche Zwischenkörper
wichtige Aufgaben und aktivieren spezifische Solidaritätsnetze. Diese
reifen in der Tat zu echten Gemeinschaften von Personen heran, beleben das
gesellschaftliche Gefüge und verhindern, daß es in die Anonymität und
in eine unpersönliche Vermassung absinkt, wie es in der modernen
Gesellschaft leider häufig der Fall ist. Der Mensch lebt in der Vielfalt
der zwischenmenschlichen Beziehungen, und in ihr wächst die »Subjektivität
der Gesellschaft«. Der einzelne wird heute oft zwischen den beiden Polen
Staat und Markt erdrückt. Es hat manchmal den Anschein, als existierte er
nur als Produzent und Konsument von Waren oder als Objekt der staatlichen
Verwaltung. Es wird vergessen, daß das Zusammenleben der Menschen weder
den Markt noch den Staat zum Endziel hat. Es besitzt in sich selber einen
einzigartigen Wert, dem Staat und Markt dienen sollen. Der Mensch ist vor
allem ein Wesen, das die Wahrheit sucht und sich bemüht, sie zu leben und
sie in einem dauernden Dialog zu ergründen, der die vergangenen und die künftigen
Generationen einbezieht.(102)
50. Von dieser offenen Suche nach der Wahrheit ist die Kultur der Nation
gekennzeichnet. Denn das Erbe der weitergegebenen und übernommenen Werte
wird von der jungen Generation immer einer Hinterfragung unterworfen.
Hinterfragen heißt nicht notwendigerweise zerstören oder von vornherein
ablehnen; es besagt vielmehr vor allem, diese Werte im eigenen Leben einer
Prüfung zu unterziehen und sie sich durch diese daseinsbezogene Prüfung
lebendiger, aktueller und persönlicher zu eigen zu machen. Dabei muß
unterschieden werden zwischen dem, was in der Tradition Gültigkeit
besitzt, und Unwahrem und Irrtümern oder veralteten Formen, die durch
andere, zeitgemäßere ersetzt werden können.
In diesem Zusammenhang ist daran zu erinnern, daß sich auch die
Evangelisierung in die Kultur der Nationen einfügt, indem sie diese auf
ihrem Weg zur Wahrheit unterstützt und ihr bei dem Bemühen um Läuterung
und Anreicherung hilft. (103) Wenn sich eine Kultur jedoch in sich selber
verschließt und veraltete Lebensformen zu verewigen sucht, indem sie
jeden Austausch und jede Auseinandersetzung über die Wahrheit vom
Menschen ablehnt, dann wird sie unfruchtbar und verfällt.
51. Das gesamte menschliche Tun hat seinen Platz in einer Kultur und
erfolgt in Wechselwirkung mit ihr. Für eine angemessene Gestaltung dieser
Kultur braucht es die Einbeziehung des ganzen Menschen, der darin seine
Kreativität, seine Intelligenz, sein Wissen von der Welt und den Menschen
entfaltet. Außerdem bringt er in sie ein seine Fähigkeit zur
Selbstbeherrschung, zum persönlichen Opfer, zur Solidarität und zur
Bereitschaft, das Gemeinwohl zu fördern. Darum wird die erste und
wichtigste Arbeit im Herzen des Menschen vollbracht. Die Art und Weise,
wie er sich um den Aufbau seiner Zukunft bemüht, hängt von der
Auffassung ab, die er von sich selbst und seiner Zielbestimmung hat. Auf
dieser Ebene liegt der spezifische und entscheidende Beitrag der Kirche für
die wahre Kultur. Sie fördert die Qualität jener menschlichen Haltungen,
die die Kultur des Friedens den Modellen vorziehen, die den Menschen in
der Masse erniedrigen, die Rolle seiner Initiative und seiner Freiheit
verkennen und seine Größe in die Taten des Konflikts und des Krieges
verlegen. Die Kirche leistet einen solchen Dienst, indem sie die Wahrheit
über die Erschaffung der Welt verkündet, die Gott in die Hände der
Menschen gelegt hat, damit sie sie durch ihre Arbeit fruchtbarer und
vollkommener machen; und indem sie die Wahrheit über die Erlösung verkündet,
durch die der Sohn Gottes alle Menschen gerettet und sie zugleich
miteinander verbunden hat, indem er sie füreinander verantwortlich
machte. Die Hl. Schrift spricht zu uns ständig über den tätigen Einsatz
für den Bruder und konfrontiert uns mit einer Mitverantwortung, die alle
Menschen umfassen soll.
Diese Forderung macht nicht halt an den Grenzen der eigenen Familie und
auch nicht der Nation oder des Staates. Sie umfaßt in gestufter Weise die
ganze Menschheit, so daß sich kein Mensch als unbeteiligt oder gleichgültig
gegenüber dem Schicksal eines anderen Gliedes der Menschheitsfamilie
ansehen darf. Kein Mensch kann behaupten, für das Schicksal seines
Bruders nicht verantwortlich zu sein (vgl. Gen 4, 9; Lk 10, 29-37:Mt 25,
31-46)!
Die aufmerksame, zuvorkommende Sorge für den Nächsten gerade in der
Stunde der Not, heute erleichtert auch durch die neuen
Kommunikationsmittel, die die Menschen einander nähergebracht haben, ist
besonders wichtig bei der Suche nach anderen Möglichkeiten zur Lösung
der internationalen Konflikte als dem Krieg. Es läßt sich unschwer
behaupten, daß die schreckliche Gewalt der Vernichtungsmittel, die selbst
den mittleren und kleinen Mächten zugänglich sind, und die immer engere
Verflechtung zwischen den Völkern der ganzen Erde es sehr schwierig oder
praktisch unmöglich machen, die Auswirkungen eines Konfliktes zu
begrenzen.
52. Die Päpste Benedikt XV. und seine Nachfolger haben diese Gefahr klar
erkannt.(l04) Ich selber habe anläßlich des jüngsten dramatischen
Krieges im Persischen Golf den Ruf wiederholt: »Nie wieder Krieg«! Nein,
nie wieder ein Krieg, der das Leben der Unschuldigen vernichtet; der töten
lehrt und das Leben derer, die töten, gleichfalls zerstört; der eine
Dauerspur von Zorn und Haß zurückläßt und die gerechte Lösung jener
Probleme, die ihn ausgelöst haben, erschwert! Wie in den einzelnen
Staaten endlich der Zeitpunkt kam, wo an die Stelle des Systems der persönlichen
Rache und Vergeltung die Herrschaft des Gesetzes trat, so ist es jetzt
dringend notwendig, daß in der internationalen Völkergemeinschaft ein ähnlicher
Fortschritt stattfindet. Man darf nie vergessen, daß ein Krieg immer
reale und schwerwiegende Ursachen hat: erlittene Ungerechtigkeiten,
Vereitelung berechtigter Bestrebungen, Elend und Ausbeutung verzweifelter
Menschenmassen, die keine reale Möglichkeit sehen, ihre Situation auf
friedlichem Weg zu verbessern.
Darum heißt der andere Name für Frieden Entwicklung.(105) Genauso wie es
die gemeinsame Verantwortung gibt, den Krieg zu verhindern, so gibt es die
gemeinsame Verantwortung, die Entwicklung zu fördern. Wie es auf
nationaler Ebene möglich und geboten ist, eine Wirtschaft aufzubauen, die
das Funktionieren des Marktes am Gemeinwohl orientiert, genauso müssen
auf internationaler Ebene geeignete Maßnahmen getroffen werden. Es
braucht also ein großes Bemühen um gegenseitiges Verstehen, um Wissen
voneinander und um Sensibilisierung der Gewissen. Das ist die ersehnte
Kultur, die das Vertrauen in die menschliche Leistungsfähigkeit des Armen
wachsen läßt und damit in seine Fähigkeit, seine Lage durch die Arbeit
zu verbessern bzw. einen positiven Beitrag zum wirtschaftlichen Wohlstand
zu leisten. Dazu müssen aber dem Armen — ob Einzelperson oder Nation
— Bedingungen angeboten werden, die tatsächlich annehmbar sind. Solche
Gelegenheiten zu schaffen, ist Aufgabe einer weltweiten Zusammenarbeit für
die Entwicklung. Das bedeutet auch den Verzicht auf Gewinn- und
Machtpositionen, über die die Wirtschaften der Industrienationen zum
eigenen Vorteil verfügen.(106)
Das kann tiefgreifende Veränderungen der überlieferten Lebensstile mit
sich bringen, um der Verschwendung der Ressourcen der Natur und der
Menschen Einhalt zu gebieten und so allen Völkern und Menschen der Erde
zu ermöglichen, in ausreichendem Maße daran teilzuhaben. Hinzukommen muß
außerdem die Erschließung der neuen materiellen und geistigen Güter als
Frucht der Arbeit und der Kultur der heutigen Randvölker, um so zur
umfassenden Bereicherung der Völkerfamilie zu gelangen.
VI. KAPITEL
DER MENSCH IST DER WEG DER KIRCHE
53. Angesichts des Elends des Proletariats sagte Leo XIII.: »Mit voller
Zuversicht treten Wir an diese Aufgabe heran und im Bewußtsein, daß Uns
das Wort gebührt ....; so könnte das Stillschweigen eine Verletzung
Unserer Pflicht scheinen«.(107) Die Kirche hat in den letzten hundert
Jahren wiederholt ihre Stellungnahme zum Ausdruck gebracht, indem sie die
Entwicklung der sozialen Frage aus der Nähe verfolgte. Sie tat das gewiß
nicht, um vergangene Privilegien zurückzugewinnen oder ihre Auffassung
anderen aufzuzwingen. Ihr einziges Ziel war die Sorge und Verantwortung für
den ihr von Christus anvertrauten Menschen, für diesen Menschen, der, wie
das II. Vatikanische Konzil betont, das einzige von Gott um seiner selbst
willen gewollte Geschöpf ist und mit dem Gott seinen Plan hat, nämlich
Teilhabe am ewigen Heil. Es handelt sich nicht um einen »abstrakten«
Menschen, sondern um den realen, »konkreten« und »geschichtlichen«
Menschen. Es handelt sich um jeden einzelnen Menschen, denn jeder ist vom
Geheimnis der Erlösung betroffen, mit jedem ist Christus für immer durch
dieses Geheimnis verbunden.(108) Daraus folgt, daß die Kirche den
Menschen nicht verlassen darf und daß »dieser Mensch der erste Weg ist,
den die Kirche bei der Erfüllung ihres Auftrags beschreiten muß ..., den
Weg, der von Christus selbst vorgezeichnet ist und unabänderlich durch
das Geheimnis der Menschwerdung und der Erlösung führt«.(109)
Das ist die einzige Inspiration, von der sich die Soziallehre der Kirche
leiten läßt. Wenn sie sie Schritt für Schritt, vor allem seit dem
Datum, dessen wir heute gedenken, in systematischer Form dargelegt hat, so
deshalb, weil den Horizont des ganzen Reichtums der kirchlichen Lehre der
Mensch in seiner konkreten Wirklichkeit als Sünder und als
Gerechtfertigter darstellt.
54. Die heutige Soziallehre hat besonders den Menschen im Auge, insofern
er in das komplizierte Beziehungsgeflecht der modernen Gesellschaften
eingebunden ist. Die Humanwissenschaften und die Philosophie dienen dazu,
die zentrale Stellung des Menschen in der Gesellschaft zu deuten und ihn
in die Lage zu versetzen, sich selbst als »soziales Wesen« besser zu
begreifen. Allein der Glaube enthüllt ihm voll seine wahre Identität.
Von dieser Identität geht die Soziallehre der Kirche aus. Ihr Ziel ist
es, unter Zuhilfenahme sämtlicher Beiträge der Wissenschaften und der
Philosophie dem Menschen auf dem Weg zu seinem Heil beizustehen.
Die Enzyklika Rerum novarum kann als ein wichtiger Beitrag zum
gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verständnis des ausgehenden 19.
Jahrhunderts gelesen werden. Ihr besonderer Wert liegt aber darin, daß
sie ein Dokument des Lehramtes ist, das sich zusammen mit vielen anderen
Dokumenten dieser Art in den Evangelisierungsauftrag der Kirche einreiht.
Daraus folgt, daß der Soziallehre die Bedeutung eines Instrumentes der
Glaubensverkündigung zukommt: Als solches verkündet sie jedem Menschen
Gott und das Heilsmysterium in Christus und enthüllt dadurch den Menschen
dem Menschen selbst. In diesem und nur in diesem Licht befaßt sie sich
mit den anderen Fragen: mit den Menschenrechten jedes einzelnen,
insbesondere des »Proletariats«, mit Familie und Erziehung, mit den
Aufgaben des Staates, mit der nationalen und internationalen Ordnung, mit
dem Wirtschaftsleben, der Kultur, mit Krieg und Frieden, mit der Achtung
des Lebens vom Zeitpunkt der Empfängnis bis zum Tod.
55. Die Kirche empfängt den »Sinn des Menschen« von der göttlichen
Offenbarung. »Um den Menschen, den wahren, unverkürzten Menschen zu
erkennen, muß man Gott erkennen«, sagte Paul VI. und zitierte gleich
darauf die hl. Katharina von Siena, die in einem Gebet denselben Gedanken
aussprach: »In deiner Natur, ewige Gottheit, werde ich meine eigene Natur
erkennen«.(110)
Darum ist christliche Anthropologie in Wirklichkeit ein Kapitel der
Theologie, und die Soziallehre der Kirche, die sich des Menschen annimmt,
sich um ihn und sein Verhalten in der Welt kümmert, gehört aus demselben
Grund »in den Bereich der Theologie und insbesondere der
Moraltheologie.(111) Die theologische Dimension erweist sich sowohl für
die Interpretation wie für die Lösung der heutigen Probleme des
menschlichen Zusammenlebens als unabdingbar. Das gilt — um es in aller
Deutlichkeit zu sagen — sowohl gegenüber der »atheistischen« Lösung,
die den Menschen seiner fundamentalen Bausteine, nämlich des geistlichen,
beraubt, als auch gegenüber den permissiven und konsumistischen Lösungen,
die es unter verschiedenen Vorwänden darauf abgesehen haben, ihn von
seiner Unabhängigkeit von jedem Gesetz und von Gott zu überzeugen, indem
sie ihn in einen für ihn selbst und die anderen schädlichen Egoismus
einsperren.
Wenn die Kirche dem Menschen Gottes Heil verkündet, wenn sie ihm durch
die Sakramente das göttliche Leben anbietet und vermittelt, wenn sie
seinem Leben durch die Gebote der Gottes- und der Nächstenliebe
Orientierung gibt, dann trägt sie zur Bereicherung der Würde des
Menschen bei. Aber so wie sie diesen ihren religiösen und transzendenten
Sendungsauftrag für den Menschen niemals aufgeben kann, so ist sie sich
darüber im klaren, daß ihr Wirken auch heute auf Schwierigkeiten und
Hindernisse stößt. Deshalb läßt sie sich immer wieder mit neuen Kräften
und neuen Methoden auf die Evangelisierung ein, die den ganzen Menschen fördert.
Auch zu Beginn des dritten Jahrtausends ist sie »Zeichen und Schutz der
Transzendenz der menschlichen Person«,(112) wie sie es vom Anfang ihres
Bestehens an auf ihrem gemeinsamen Weg mit dem Menschen durch die ganze
Geschichte immer getan hat. Die Enzyklika Rerum novarum ist ein
sprechender Beweis dafür.
56. Am hundertsten Jahrestag dieser Enzyklika möchte ich allen jenen
danken, die sich für das Studium, die Vertiefung und die Verbreitung der
christlichen Soziallehre eingesetzt haben. Dazu ist die Mitarbeit der
Lokalkirchen unerläßlich, und es ist mein Wunsch, daß das Jubiläum
Anlaß für einen neuen Auftrieb zu ihrem Studium, ihrer Verbreitung und
Anwendung in den vielfältigen Bereichen sein möge.
Ganz besonders wünsche ich, daß sie in den verschiedenen Ländern
bekannt gemacht und in die Tat umgesetzt wird, wo sich nach dem
Zusammenbruch des realen Sozialismus eine ernste Desorientierung beim Werk
des Neuaufbaus zeigt. Die westlichen Länder laufen ihrerseits Gefahr, in
diesem Scheitern den einseitigen Sieg ihres Wirtschaftssystems zu sehen,
und kümmern sich daher nicht darum, an ihrem System die gebotenen
Korrekturen vorzunehmen. Die Länder der Dritten Welt befinden sich mehr
denn je in der dramatischen Situation der Unterentwicklung, die mit jedem
Tag ernster wird.
Nachdem Leo XIII. die Prinzipien und Richtlinien für die Lösung der
Arbeiterfrage dargelegt hatte, schrieb er am Ende der Enzyklika einen
entscheidenden Satz: »Möge jeder Berufene Hand anlegen und ohne Verzug,
damit die Heilung des bereits gewaltig angewachsenen Übels nicht durch Säumnis
noch schwieriger werde«. Dann fügte er hinzu: »Was aber die Kirche
angeht, so wird diese keinen Augenblick ihre allseitige Hilfe vermissen
lassen«.(113)
57. Für die Kirche darf die soziale Botschaft des Evangeliums nicht als
eine Theorie, sondern vor allem als eine Grundlage und eine Motivierung
zum Handeln angesehen werden. Unter dem Einfluß dieser Botschaft
verteilten einige der ersten Christen ihren Besitz an die Armen und gaben
Zeugnis davon, daß trotz der unterschiedlichen sozialen Herkunft ein
friedliches und solidarisches Zusammenleben möglich war. Aus der Kraft
des Evangeliums bebauten im Laufe der Jahrhunderte die Mönche die Erde,
die Ordensmänner und Ordensfrauen gründeten Spitäler und Asyle für die
Armen, die Bruderschaften sowie Männer und Frauen aller Schichten sorgten
sich um die Bedürftigen und um die Randgruppen. Sie waren überzeugt, daß
die Worte Christi: »Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan
habt, das habt ihr mir getan« (Mt 25, 40) kein frommer Wunsch bleiben
durften, sondern zu einer konkreten Lebensverpflichtung werden mußten.
Die Kirche ist sich heute mehr denn je dessen bewußt, daß ihre soziale
Botschaft mehr im Zeugnis der Werke als in ihrer inneren Folgerichtigkeit
und Logik Glaubwürdigkeit finden wird. Auch aus diesem Bewußtsein stammt
ihre vorrangige Option für die Armen, die nie andere Gruppen ausschließt
oder diskriminiert. Es handelt sich um eine Option, die nicht nur für die
materielle Armut gilt, da bekanntlich besonders in der modernen
Gesellschaft viele Formen nicht bloß wirtschaftlicher, sondern auch
kultureller und religiöser Armut anzutreffen sind. Ihre Liebe zu den
Armen, die entscheidend ist und zu ihrer festen Tradition gehört, läßt
die Kirche sich der Welt zuwenden, in der trotz des
technisch-wirtschaftlichen Fortschritts die Armut gigantische Formen
anzunehmen droht. In den westlichen Ländern haben wir die vielfältige
Armut der Randgruppen, der Alten und Kranken, der Opfer des Konsumismus
und zudem noch das Elend der zahlreichen Flüchtlinge und Emigranten. In
den Entwicklungsländern zeichnen sich am Horizont dramatische Krisen ab,
wenn nicht rechtzeitig international aufeinander abgestimmte Maßnahmen
ergriffen werden.
58. Die Liebe zum Menschen und vor allem zum Armen, in dem die Kirche
Christus sieht, nimmt in der Förderung der Gerechtigkeit ihre konkrete
Gestalt an. Sie wird sich nie voll verwirklichen lassen, wenn die Menschen
im Bedürftigen, der um eine Hilfe für sein Leben bittet, nicht einen
ungelegenen Aufdringling oder eine Last sehen, sondern die Gelegenheit zum
Guten an sich, die Möglichkeit zu einem größeren Reichtum. Erst dieses
Bewußtsein wird ihnen den Mut geben, sich dem Risiko und dem Wandel zu
stellen, die in jedem glaubwürdigen Versuch, dem anderen Menschen zu
helfen, inbegriffen sind. Es geht ja nicht bloß darum, vom Überfluß
abzugeben, sondern ganzen Völkern den Zugang in den Kreis der
wirtschaftlichen und menschlichen Entwicklung zu eröffnen, von dem sie
ausgeschlossen oder ausgegrenzt sind. Dafür genügt es nicht, aus dem Überfluß
zu geben, den unsere Welt reichlich produziert. Dazu müssen sich vor
allem die Lebensweisen, die Modelle von Produktion und Konsum und die
verfestigten Machtstrukturen ändern, die heute die Gesellschaften
beherrschen. Es geht auch nicht darum, Instrumente der gesellschaftlichen
Ordnung, die sich bewährt haben, zu zerstören, sondern sie auf ein
richtig verstandenes Gemeinwohl für die ganze Menschheitsfamilie
auszurichten. Heute stehen wir vor den Bestrebungen einer sogenannten »weltweiten
Wirtschaft«, ein Phänomen, das sicher nicht zu verwerfen ist, enthält
es doch außerordentliche Möglichkeiten zu einem größeren Wohlstand.
Immer spürbarer ist jedoch das Verlangen, daß dieser zunehmenden
Internationalisierung der Wirtschaft wirksame internationale Kontroll- und
Leitungsorgane entsprechen, die die Wirtschaft auf das Gemeinwohl
hinlenken. Dazu ist ein einzelner Staat, und wäre es auch der mächtigste
der Erde, allein nicht in der Lage. Um zu einem solchen Ergebnis zu
gelangen, muß das Übereinkommen zwischen den großen Ländern wachsen,
und in den internationalen Organen müssen die Interessen der großen
Menschheitsfamilie gerecht vertreten werden. Es ist auch notwendig, daß
sie bei der Einschätzung der Folgen ihrer Entscheidungen stets jene Völker
und Länder entsprechend berücksichtigen, die auf dem internationalen
Markt kaum ins Gewicht fallen, sondern in denen sich die schlimmste und
bitterste Not ansammelt und die größere Entwicklungshilfe nötig haben.
Auf diesem Gebiet bleibt zweifellos noch viel zu tun.
59. Damit also die Gerechtigkeit verwirklicht wird und die Versuche der
Menschen zu ihrer Verwirklichung Erfolg haben, braucht es das Geschenk der
Gnade, die von Gott kommt. Durch sie vollzieht sich im Zusammenwirken mit
der Freiheit der Menschen jene geheimnisvolle Gegenwart Gottes in der
Geschichte, die die Vorsehung ist.
Die in der Nachfolge Christi erlebte neue Erfahrung muß den anderen
Menschen in der Konkretheit ihrer Schwierigkeiten, Auseinandersetzungen,
Probleme und Herausforderungen mitgeteilt werden, damit sie, vom Licht des
Glaubens erleuchtet und menschlicher gemacht werden. Denn dieser hilft
nicht nur, Lösungen zu finden, sondern macht es auch möglich, die
Situationen des Leidens menschlich zu leben, auf daß sich in ihnen der
Mensch nicht verliert und seine Würde und Berufung nicht vergißt.
Die Soziallehre enthält zudem eine wichtige interdisziplinäre Dimension.
Um in verschiedenen und sich ständig verändernden sozialen,
wirtschaftlichen und politischen Bereichen die eine Wahrheit über den
Menschen besser zur Geltung zu bringen, tritt diese Lehre mit den
verschiedenen Disziplinen, die sich mit dem Menschen befassen, in einen
Dialog ein, integriert ihre Beiträge und hilft ihnen, in einem breiteren
Horizont dem Dienst am einzelnen, in seiner vollen Berufung erkannten und
geliebten Menschen zu öffnen.
Neben der interdisziplinären Dimension muß sodann die praktische und in
gewissem Sinne experimentelle Dimension dieser Lehre erwähnt werden. Sie
liegt im Schnittpunkt des christlichen Lebens und Bewußtseins mit den
Situationen der Welt und findet ihren Ausdruck in den Anstrengungen, die
einzelne, Familien, im Kultur- und Sozialbereich Tätige, Politiker und
Staatsmänner unternehmen, um dem christlichen Leben Gestalt und Anwendung
in der Geschichte zu verleihen.
60. Als Leo XIII. die Grundsätze für die Lösung der Arbeiterfrage verkündete,
schrieb er: »Allerdings ist in dieser wichtigen Frage auch die Tätigkeit
und Anstrengung anderer Faktoren unentbehrlich«.(114) Er war davon überzeugt,
daß die schweren, von der Industriegesellschaft verursachten Probleme nur
durch die Zusammenarbeit aller Kräfte gelöst werden konnten. Diese
Feststellung ist zu einem bleibenden Element der Soziallehre der Kirche
geworden. Das erklärt unter anderem, warum Johannes XXIII. seine
Enzyklika über den Frieden auch an »alle Menschen guten Willens«
richtete.
Papst Leo stellte freilich mit Schmerz fest, daß die Ideologien der
damaligen Zeit, besonders der Liberalismus und der Marxismus, diese
Zusammenarbeit ablehnten. Inzwischen hat sich vieles geändert, besonders
in den letzten Jahren. Die Welt von heute ist sich immer mehr bewußt, daß
die Lösung der ernsten nationalen und internationalen Probleme nicht nur
eine Frage der Wirtschaft oder der Rechts- oder Gesellschaftsordnung ist,
sondern klare sittlich-religiöse Werte sowie die Änderung der Gesinnung,
des Verhaltens und der Strukturen erfordert. Diesen Beitrag anzubieten, fühlt
sich die Kirche in besonderer Weise verantwortlich, und es besteht — wie
ich in der Enzyklika Sollicitudo rei socialis geschrieben habe — die
begründete Hoffnung, daß auch jene große Gruppe, die sich zu keiner
Religion bekennt, dazu beitragen kann, der sozialen Frage das notwendige
sittliche Fundament zu geben.(115)
In demselben Dokument habe ich auch einen Appell an die christlichen
Kirchen und an alle großen Weltreligionen gerichtet und sie aufgefordert,
einstimmig Zeugnis zu geben von den gemeinsamen Überzeugungen von der Würde
des Menschen, der von Gott erschaffen ist.(116) Ich bin nämlich überzeugt,
daß den Religionen heute und morgen eine herausragende Rolle für die
Bewahrung des Friedens und für den Aufbau einer menschenwürdigen
Gesellschaft zufallen wird.
Andererseits gilt die Bereitschaft zum Dialog und zur Zusammenarbeit für
alle Menschen guten Willens und insbesondere für jene Personen und
Gruppen, die sowohl auf nationaler wie auf internationaler Ebene eine
besondere Verantwortung auf politischem, wirtschaftlichem und sozialem
Gebiet haben.
61. Das »nahezu sklavische Joch« am Beginn der Industriegesellschaft nötigte
meinen Vorgänger, zur Verteidigung des Menschen das Wort zu ergreifen.
Dieser Verpflichtung ist die Kirche in diesen hundert Jahren treu
geblieben! Sie hat in die stürmische Phase des Klassenkampfes nach dem
Ersten Weltkrieg eingegriffen, um den Menschen vor der wirtschaftlichen
Ausbeutung und vor der Tyrannei der totalitären Systeme zu verteidigen.
Sie hat die Würde des Menschen in den Mittelpunkt ihrer sozialen
Botschaften nach dem Zweiten Weltkrieg gestellt, als sie auf der
universalen Bestimmung der materiellen Güter, auf einer
Gesellschaftsordnung ohne Unterdrückung und gegründet auf den Geist der
Zusammenarbeit und der Solidarität bestand. Sie hat stets betont, daß
der Mensch und die Gesellschaft nicht allein diese Güter, sondern auch
geistige und religiöse Werte brauchen. Während sie sich immer besser darüber
klar wurde, daß zu viele Menschen nicht im Wohlstand der westlichen Welt,
sondern im Elend der Entwicklungsländer leben und eine Situation
ertragen, die noch immer jene des »nahezu sklavischen Jochs« ist, fühlte
und fühlt sie sich verpflichtet, diese Tatsache mit aller Klarheit und
Offenheit anzukreiden, auch wenn sie weiß, daß ihr Appell nicht immer
von allen wohlwollend aufgenommen werden wird.
Hundert Jahre nach der Veröffentlichung von Rerum novarum steht die
Kirche wiederum vor »Neuem« und vor neuen Herausforderungen. Dieses
Jubiläum soll daher alle Menschen guten Willens und insbesondere die
Glaubenden in ihrem Bemühen bestärken.
62. Meine vorliegende Enzyklika hat in die Vergangenheit geblickt, sie ist
aber vor allem auf die Zukunft ausgerichtet. Wie Rerum novarum steht sie
gleichsam an der Schwelle des neuen Jahrhunderts und will dessen Kommen
mit Gottes Hilfe vorbereiten.
Das wahre und ewig »Neue« kommt zu allen Zeiten aus der unendlichen
Macht Gottes, der spricht: »Seht, ich mache alles neu« (Offb 21, 5 ).
Diese Worte beziehen sich auf die Vollendung der Geschichte, wenn Christus
»seine Herrschaft Gott, dem Vater, übergibt ..., damit Gott herrscht über
alles und in allem« ( 1 Kor 15, 24. 28).Aber der Christ weiß, daß das
Neue, das wir in seiner Fülle bei der Rückkehr des Herrn erwarten, schon
gegenwärtig ist seit der Erschaffung der Welt, und zwar seitdem Gott in
Jesus Christus Mensch geworden und mit ihm und durch ihn den Menschen zu
einer »neuen Schöpfung« gemacht hat (2 Kor 5, 17; Gal 6,5).
Am Ende dieser Enzyklika danke ich dem allmächtigen Gott, der seiner
Kirche das Licht und die Kraft geschenkt hat, den Menschen auf dem
Erdenweg zu seiner ewigen Bestimmung zu begleiten. Auch im dritten
Jahrtausend wird die Kirche treu den Weg des Menschen zu ihrem eigenen
machen, im Bewußtsein, daß sie nicht allein unterwegs ist, sondern mit
Christus, ihrem Herrn. Er hat den Weg des Menschen zu dem seinen gemacht
und geht mit allen Menschen, auch wenn sie sich dessen nicht bewußt sind.
Maria, die Mutter des Erlösers, die an der Seite Christi bleibt auf
seinem Weg zu den Menschen und mit den Menschen und die der Kirche auf der
Pilgerschaft des Glaubens vorangeht, begleite mit ihrer mütterlichen Fürsprache
die Menschheit ins nächste Jahrtausend in Treue zu dem, der »derselbe
ist, gestern, heute und in Ewigkeit« (vgl. Hebr 13, 8), Jesus Christus,
unser Herr, in dessen Namen ich alle von Herzen segne.
Gegeben zu Rom, bei St. Peter, am 1. Mai — Gedächtnis des hl. Josef
des Arbeiters — 1991, im dreizehnten Jahr meines Pontifikates.
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