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ENZYKLIKA
EVANGELIUM VITAE
VON PAPST
JOHANNES PAUL II
AN DIE BISCHÖFE, PRIESTER UND DIAKONE,
DIE ORDENSLEUTE UND LAIEN
SOWIE ALLE MENSCHEN GUTEN WILLENS
ÜBER DEN WERT UND DIE UNANTASTBARKEIT
DES MENSCHLICHEN LEBENS
Einführung
1. Das Evangelium vom Leben liegt der Botschaft Jesu
am Herzen. Von der Kirche jeden Tag liebevoll aufgenommen soll es mit
beherzter Treue als Frohe Botschaft allen Menschen jeden Zeitalters und
jeder Kultur verkündet werden.
Am Beginn des Heils steht die Geburt eines Kindes, die als frohe Nachricht
verkündet wird: »Ich verkünde euch eine grobe Freude, die dem ganzen
Volk zuteil werden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter
geboren; er ist der Messias, der Herr« (Lk 2, 10-11). Gewib ist es die
Geburt des Erlösers, die diese »grobe Freude« ausstrahlt; aber zu
Weihnachten wird auch der volle Sinn jeder menschlichen Geburt offenbar,
und die messianische Freude erscheint so als Fundament und Erfüllung der
Freude über jedes Kind, das geboren wird (vgl. Joh 16, 21).
Den zentralen Kern seines Erlösungsauftrags stellt Jesus mit den Worten
vor: »Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle
haben« (Joh 10, 10). Tatsächlich bezieht Er sich auf jenes »neue« und
»ewige« Leben, das in der Gemeinschaft mit dem Vater besteht, zu der
jeder Mensch im Sohn durch das Wirken des heiligmachenden Geistes
unentgeltlich gerufen ist. Doch eben in diesem »Leben« gewinnen
sämtliche Aspekte und Momente des Lebens des Menschen ihre volle
Bedeutung.
Der unvergleichliche Wert der menschlichen Person
2. Der Mensch ist zu einer Lebensfülle berufen, die weit über die
Dimensionen seiner irdischen Existenz hinausgeht, da sie in der Teilhabe
am Leben Gottes selber besteht. Die Erhabenheit dieser übernatürlichen
Berufung enthüllt die Gröbe und Kostbarkeit des menschlichen Lebens auch
in seinem zeitlich-irdischen Stadium. Denn das Leben in der Zeit ist
Grundvoraussetzung, Einstiegsmoment und integrierender Bestandteil des
gesamten einheitlichen Lebensprozesses des menschlichen Seins. Eines
Prozesses, der uner- warteter- und unverdienterweise von der Ver- heibung
erleuchtet und vom Geschenk des göttlichen Lebens erneuert wird, das in
der Ewigkeit zu seiner vollen Erfüllung gelangen wird (vgl. 1 Joh 3,
1-2). Zugleich unterstreicht diese übernatürliche Berufung
dieRelativität des irdischen Lebens von Mann und Frau. In Wahrheit ist es
nicht »letzte«, sondern »vorletzte« Wirklichkeit; es ist also heilige
Wirklichkeit, die uns anvertraut wird, damit wir sie mit
Verantwortungsgefühl hüten und in der Liebe und Selbsthingabe an Gott
sowie an die Schwestern und Brüder zur Vollendung bringen.
Die Kirche weib, dab dieses Evangelium vom Leben, das ihr von ihrem Herrn
anvertraut wurde,1 im Herzen jedes gläubigen, aber auch nicht gläubigen
Menschen tiefen und überzeugenden Widerhall findet, weil es seinen
Erwartungen, während es unendlich über diese hinausgeht,
überraschenderweise entspricht. Selbst in Schwierigkeiten und
Unsicherheiten vermag jeder Mensch, der in ehrlicher Weise für die
Wahrheit und das Gute offen ist, im Licht der Vernunft und nicht ohne den
geheimnisvollen Einflub der Gnade im ins Herz geschriebenen Naturgesetz
(vgl. Röm 2, 14-15) den heiligen Wert des menschlichen Lebens vom ersten
Augenblick bis zu seinem Ende zu erkennen und das Recht jedes Menschen zu
bejahen, dab dieses sein wichtigstes Gut in höchstem Mabe geachtet werde.
Auf der Anerkennung dieses Rechtes beruht das menschliche Zusammenleben
und das politische Gemeinwesen.
Besonders verteidigen und fördern müssen dieses Recht die
Christgläubigen im Bewubtsein der wunderbaren Wahrheit, an die das II.
Vatikanische Konzil erinnert: »Der Sohn Gottes hat sich in seiner
Menschwerdung gewissermaben mit jedem Menschen vereinigt«.2 Denn in
diesem Heils- ereignis offenbart sich der Menschheit nicht nur die
unendliche Liebe Gottes, der »die Welt so sehr geliebt (hat), dab er
seinen einzigen Sohn hingab« (Joh 3, 16), sondern auch der
unvergleichliche Wert jeder menschlichen Person.
Und während die Kirche beharrlich das Geheimnis der Erlösung ergründet,
erfabt sie mit immer neuem Staunen 3 diesen Wert und fühlt sich
aufgerufen, dieses »Evangelium«, Quelle unbesiegbarer Hoffnung und
wahrer Freude für jede Epoche der Geschichte, den Menschen aller Zei- ten
zu verkünden. Das Evangelium von der Liebe Gottes zum Menschen, das
Evangelium von der Würde der Person und das Evangelium vom Leben sind ein
einziges, unteilbares Evangelium.
Der Mensch, der lebendige Mensch stellt den ersten und grundlegenden Weg
der Kirche dar.4
Die neuen Bedrohungen des menschlichen Lebens
3. Jeder Mensch ist auf Grund des Geheimnisses vom fleischgewordenen Wort
Gottes (vgl. Joh 1, 14) der mütterlichen Sorge der Kirche anvertraut.
Darum mub jede Bedrohung der Würde und des Lebens des Menschen eine
Reaktion im Herzen der Kirche auslösen, sie mub sie im Zentrum ihres
Glaubens an die erlösende Menschwerdung des Gottessohnes treffen, sie mub
sie miteinbeziehen in ihren Auftrag, in der ganzen Welt und allen
Geschöpfen das Evangelium vom Leben zu verkünden (vgl. Mk 16, 15).
Heute erweist sich diese Verkündigung als besonders dringend angesichts
der erschütternden Vermehrung und Verschärfung der Bedrohungen des
Lebens von Personen und Völkern, vor allem dann, wenn es schwach und
wehrlos ist. Zu den alten schmerzlichen Plagen von Elend, Hunger,
endemischen Krankheiten, Gewalt und Kriegen gesellen sich andere
unbekannter Art und von beunruhigenden Ausmaben.
Schon das Zweite Vatikanische Konzil beklagte an einer Stelle, die von
geradezu dramatischer Aktualität ist, nachdrücklich vielfältige
Verbrechen und Angriffe gegen das menschliche Leben. Wenn ich mir nun im
Abstand von dreibig Jahren die Worte der Konzilsversammlung zu eigen
mache, erhebe ich im Namen der ganzen Kirche und in der Gewibheit, damit
dem echten Empfinden jedes reinen Gewissens Ausdruck zu verleihen, noch
einmal und mit gleichem Nachdruck klagend meine Stimme: »Was ferner zum
Leben selbst in Gegensatz steht, wie jede Art Mord, Völkermord,
Abtreibung, Euthanasie und auch der freiwillige Selbstmord; was immer die
Unantastbarkeit der menschlichen Person verletzt, wie Verstümmelung,
körperliche oder seelische Folter und der Versuch, psychischen Zwang
auszuüben; was immer die menschliche Würde angreift, wie unmenschliche
Lebensbedingungen, willkürliche Verhaftung, Verschleppung, Sklaverei,
Prostitution, Mädchenhandel und Handel mit Jugendlichen, sodann auch
unwürdige Arbeitsbedingungen, bei denen der Arbeiter als blobes
Erwerbsmittel und nicht als freie und verantwortliche Person behandelt
wird: all diese und andere ähnliche Taten sind an sich schon eine
Schande; sie sind eine Zersetzung der menschlichen Kultur, entwürdigen
weit mehr jene, die das Unrecht tun, als jene, die es erleiden. Zugleich
sind sie in höchstem Mabe ein Widerspruch gegen die Ehre des Schöpfers.5
4. Weit davon entfernt, sich einschränken zu lassen, ist dieses
beunruhigende Panorama statt dessen leider in Ausdehnung begriffen: mit
den neuen, vom wissenschaftlich-technologischen Fortschritt eröffneten
Perspektiven entstehen neue Formen von Anschlägen auf die Würde des
Menschen, während sich eine neue kulturelle Situation abzeichnet und
verfestigt, die den Verbrechen gegen das Leben einen bisher unbekannten
und womöglich noch widerwärtigeren Aspekt verleiht und neue ernste
Sorgen auslöst: breite Schichten der öffentlichen Meinung rechtfertigen
manche Verbrechen gegen das Leben im Namen der Rechte der individuellen
Freiheit und beanspruchen unter diesem Vorwand nicht nur Straffreiheit
für derartige Verbrechen, sondern sogar die Genehmigung des Staates, sie
in absoluter Freiheit und unter kostenloser Beteiligung des staatlichen
Gesundheitswesens durchzuführen.
Das alles bewirkt einen tiefgreifenden Wandel in der Betrachtungsweise des
Lebens und der zwischenmenschlichen Beziehungen. Der Umstand, dab die
Gesetzgebung vieler Länder sogar in Abweichung von den Grundprinzipien
ihrer Verfassungen zugestimmt hat, solche gegen das Leben gerichtete
Praktiken nicht zu bestrafen oder ihnen gar volle Rechtmäbigkeit
zuzuerkennen, ist zugleich besorgniserregendes Symptom und keineswegs
nebensächliche Ursache für einen schweren moralischen Verfall:
Entscheidungen, die einst einstimmig als verbrecherisch angesehen und vom
allgemeinen sittlichen Empfinden abgelehnt wurden, werden nach und nach
gesellschaftlich als achtbar betrachtet. Selbst die Medizin, die auf die
Verteidigung und Pflege des menschlichen Lebens ausgerichtet ist,
verwendet sich in einigen ihrer Bereiche immer eingehender für die
Durchführung dieser Handlungen gegen die Person und entstellt auf diese
Weise ihr Gesicht, widerspricht sich selbst und verletzt die Würde all
derer, die sie ausüben. In einem solchen kulturellen und gesetzlichen
Kontext sehen sich auch die schwerwiegenden bevölkerungsstatistischen,
sozialen oder familiären Probleme, die auf zahlreichen Völkern der Welt
lasten und eine verantwortungsvolle und rührige Aufmerksamkeit seitens
der nationalen und internationalen Gemeinschaften erfordern, falschen und
illusorischen Lösungsversuchen ausgesetzt, die zur Wahrheit und zum Wohl
der Menschen und der Nationen im Widerspruch stehen.
Das Ergebnis, zu dem man gelangt, ist dramatisch: so schwerwiegend und
beunruhigend das Phänomen der Beseitigung so vieler menschlicher Leben
vor der Geburt oder auf dem Weg zum Tod auch sein mag, so ist die Tatsache
nicht weniger schwerwiegend und beunruhigend, dab selbst das Gewissen, als
wäre es von so weitreichenden Konditionierungen verfinstert, immer
träger darin wird, die Unterscheidung zwischen Gut und Böse wahrzunehmen
im Hinblick auf den fundamentalen Wert des menschlichen Lebens.
In Gemeinschaft mit allen Bischöfen der Welt
5. Dem Problem der Bedrohungen des menschlichen Lebens in unserer Zeit war
das auberordentliche Konsistorium der Kardinäle gewidmet, das vom 4. bis
7. April 1991 in Rom stattgefunden hat. Nach einer umfassenden und
gründlichen Erörterung des Problems und der Herausforderungen, die sich
der ganzen Menschheitsfamilie und im besonderen der christlichen
Gemeinschaft stellen, haben mich die Kardinäle einstimmig ersucht, den
Wert des menschlichen Lebens und seine Unantastbarkeit unter Bezugnahme
auf die gegenwärtigen Umstände und die Angriffe, von denen es heute
bedroht wird, mit der Autorität des Nachfolgers Petri zu bekräftigen.
Nach Annahme dieses Vorschlags habe ich zu Pfingsten 1991 ein
persönliches Schreiben an jeden Mitbruder gerichtet mit der Bitte, er
möge mir im Geiste der bischöflichen Kollegialität im Hinblick auf die
Erstellung eines eigenen Dokuments seine Mitarbeit zukommen lassen.6 Ich
bin allen Bischö- fen, die geantwortet haben und mir wertvolle
Informationen, Ratschläge und Vorschläge zugehen lieben, zutiefst
dankbar. Sie haben so auch ihre einmütige und überzeugte Teilnahme am
Lehr- und Pastoralauftrag der Kirche in bezug auf das Evangelium vom Leben
unter Beweis gestellt.
In demselben Brief habe ich, wenige Tage vor der Hundertjahrfeier der
Veröffentlichung der Enzyklika Rerum novarum, die Aufmerksamkeit aller
auf diese einzigartige Analogie gelenkt: »Wie es vor einem Jahrhundert
die Arbeiterklasse war, die, in ihren fundamentalsten Rechten
unterdrückt, von der Kirche mit grobem Mut in Schutz genommen wurde,
indem diese die heiligen Rechte der Person des Arbeiters herausstellte, so
weib sie sich auch jetzt, wo eine andere Kategorie von Personen in ihren
grundlegenden Lebensrechten unterdrückt wird, verpflichtet, mit
unvermindertem Mut den Stimmlosen Stimme zu sein. Für immer hat sie sich
den Ruf des Evangeliums nach dem Schutz der Armen zu eigen gemacht, deren
Menschenrechte bedroht, mibachtet und verletzt werden«.7
Das fundamentale Recht auf Leben wird heute bei einer groben Zahl
schwacher und wehrloser Menschen, wie es insbesondere die ungeborenen
Kinder sind, mit Füben getreten. Wenn die Kirche am Ende des vorigen
Jahrhunderts angesichts der damals vorherrschenden Ungerechtigkeiten nicht
schweigen durfte, so kann sie heute noch weniger schweigen, wo sich in
vielen Teilen der Welt zu den leider noch immer nicht überwundenen
sozialen Ungerechtigkeiten der Vergangenheit noch schwerwiegendere
Ungerechtigkeiten und Unterdrückungen gesellen, die möglicherweise mit
Elementen des Fortschritts im Hinblick auf die Gestaltung einer neuen
Weltordnung verwechselt werden.
Die vorliegende Enzyklika, Frucht der Zusammenarbeit des Episkopates jedes
Landes der Welt, will also eine klare und feste Bekräftigung des Wer- tes
des menschlichen Lebens und seiner Unantastbarkeit und zugleich ein
leidenschaftlicher Appell im Namen Gottes an alle und jeden einzelnen
sein: achte, verteidige, liebe das Leben, jedes menschliche Leben und
diene ihm! Nur auf diesem Weg wirst du Gerechtigkeit, Entwicklung, echte
Freiheit, Frieden und Glück finden!
Mögen diese Worte alle Söhne und Töchter der Kirche erreichen! Mögen
sie alle Menschen guten Willens erreichen, die um das Wohl jedes Mannes
und jeder Frau und um das Schicksal der ganzen Gesellschaft besorgt sind!
6. In tiefer Verbundenheit mit jeder Schwester und jedem Bruder im Glauben
und von aufrichtiger Freundschaft für alle beseelt, möchte ich das
Evangelium vom Leben neu überdenken und verkünden, als Glanz der
Wahrheit, das die Gewissen erleuchtet, als helles Licht, das den
verfinsterten Blick erhellt, als unerschöpfliche Quelle der
Beständigkeit und des Mutes, um den immer neuen Herausforderungen
entgegenzutreten, denen wir auf unserem Weg begegnen.
Und während ich an die im Verlauf des Jahres der Familie gesammelte
reiche Erfahrung denke, blicke ich, gleichsam als gedankliche Ergänzung
des Briefes, den ich »an jede konkrete Familie jeder Region der Erde« 8
gerichtet hatte, mit neuem Vertrauen auf alle Hausgemeinschaften und
wünsche mir, dab auf allen Ebenen der Einsatz aller für die
Unterstützung der Familie wieder auflebe und sich verstärke, damit diese
auch heute — trotz zahlreicher Schwierigkeiten und schwerwiegender
Bedrohungen — dem Plan Gottes entsprechend immer als »Heiligtum des
Lebens« 9 erhalten bleibe.
Alle Mitglieder der Kirche, des Volkes des Lebens und für das Leben, lade
ich ganz dringend ein, miteinander dieser unserer Welt neue Zeichen der
Hoffnung zu geben, indem wir bewirken, dab Gerechtigkeit und Solidarität
wachsen und sich durch den Aufbau einer echten Zivilisation der Wahrheit
und der Liebe eine neue Kultur des menschlichen Lebens durchsetzt.
I. KAPITEL
DAS BLUT DEINES BRUDERS SCHREIT ZU MIR VOM ACKERBODEN
DIE GEGENWÄRTIGEN BEDROHUNGEN DES MENSCHLICHEN LEBENS
»Kain griff seinen Bruder Abel an und erschlug ihn« (Gen 4, 8): an der
Wurzel der Gewalt gegen das Leben
7. »Denn Gott hat den Tod nicht gemacht und hat keine Freude am Untergang
der Lebenden. Zum Dasein hat er alles geschaffen... Gott hat den Menschen
zur Unvergänglichkeit geschaffen und ihn zum Bild seines eigenen Wesens
gemacht. Doch durch den Neid des Teufels kam der Tod in die Welt, und ihn
erfahren alle, die ihm angehören« (Weish 1, 13-14; 2, 23-24).
Im Widerspruch zum Evangelium vom Leben, das am Anfang mit der Erschaffung
des Menschen nach dem Ebenbild Gottes zu einem vollen und vollkommenen
Leben (vgl. Gen 2, 7; Weish 9, 2-3) erschallte, steht die qualvolle
Erfahrung des Todes, der in die Welt kommt und auf das ganze Dasein des
Menschen den Schatten des Un-Sinnes wirft. Der Tod kommt durch den Neid
des Teufels (vgl. Gen 3, 1.4-5) und die Sünde der Stamm- eltern (vgl. Gen
2, 17; 3, 17-19) in die Welt. Und er kommt gewaltsam mit der Ermordung
Abels durch seinen Bruder Kain: »Als sie auf dem Feld waren, griff Kain
seinen Bruder Abel an und erschlug ihn« (Gen 4, 8).
Dieser erste Mord wird in einer beispielhaften Episode des Buches Genesis
mit einzigartiger Beredtheit geschildert: eine Episode, die jeden Tag
pausenlos und in bedrückender Wiederholung neu ins Buch der Geschichte
der Völker geschrieben wird.
Wir wollen miteinander diesen Passus aus der Bibel wieder lesen, der trotz
seines archaischen Charakters und seiner äubersten Schlichtheit höchst
lehrreich erscheint.
»Abel wurde Schafhirt und Kain Ackerbauer. Nach einiger Zeit brachte Kain
dem Herrn ein Opfer von den Früchten des Feldes dar; auch Abel brachte
eines dar von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Der Herr
schaute auf Abel und sein Opfer, aber auf Kain und sein Opfer schaute er
nicht.
Da überfiel es Kain ganz heib, und sein Blick senkte sich. Der Herr
sprach zu Kain: 'Warum überläuft es dich heib, und warum senkt sich dein
Blick? Nicht wahr, wenn du recht tust, darfst du aufblicken; wenn du nicht
recht tust, lauert an der Tür die Sünde als Dämon. Auf dich hat er es
abgesehen, doch du werde Herr über ihn!?
Hierauf sagte Kain zu seinem Bruder Abel: Gehen wir aufs Feld! Als sie auf
dem Feld waren, griff Kain seinen Bruder Abel an und erschlug ihn.
Da sprach der Herr zu Kain: 'Wo ist dein Bruder Abel?? Er entgegnete: 'Ich
weib es nicht. Bin ich der Hüter meines Bruders?? Der Herr sprach: 'Was
hast du getan? Das Blut deines Bruders schreit zu mir vom Ackerboden. So
bist du verflucht, verbannt vom Ackerboden, der seinen Mund aufgesperrt
hat, um aus deiner Hand das Blut deines Bruders aufzunehmen. Wenn du den
Ackerboden bestellst, wird er dir keinen Ertrag mehr bringen. Rastlos und
ruhelos wirst du auf der Erde sein.?
Kain antwortete dem Herrn: 'Zu grob ist meine Schuld, als dab ich sie
tragen könnte. Du hast mich heute vom Ackerland verjagt, und ich mub mich
vor deinem Angesicht verbergen; rastlos und ruhelos werde ich auf der Erde
sein, und wer mich findet, wird mich erschlagen.?
Der Herr aber sprach zu ihm: 'Darum soll jeder, der Kain erschlägt,
siebenfacher Rache verfallen.? Darauf machte der Herr dem Kain ein
Zeichen, damit ihn keiner erschlage, der ihn finde. Dann ging Kain vom
Herrn weg und lieb sich im Land Nod nieder, östlich von Eden« (Gen 4,
2-16).
8. Kain »überlief es ganz heib« und sein Blick »senkte sich», weil
»der Herr auf Abel und sein Opfer schaute« (Gen 4, 4). Der biblische
Text enthüllt zwar nicht, aus welchem Grund Gott das Opfer Abels jenem
Kains vorzieht; er weist jedoch mit aller Klarheit darauf hin, dab Gott
trotz der Bevorzugung von Abels Gabe den Dialog mit Kain nicht abbricht.
Er ermahnt ihn, indem er ihn an seine Freiheit gegenüber dem Bösen
erinnert: der Mensch ist keineswegs für das Böse vorherbestimmt.
Sicherlich wird er, wie schon Adam, von der verderblichen Macht der Sünde
in Versuchung geführt, die, einer wilden Bestie gleich, an der Pforte
seines Herzens lauert und darauf wartet, über die Beute herzufallen. Aber
Kain bleibt der Sünde gegenüber frei. Er kann und er soll Herr über sie
sein: »Auf dich hat er es abgesehen, doch du werde Herr über ihn!« (Gen
4, 7).
Eifersucht und Zorn gewinnen Oberhand über die Mahnung des Herrn, und so
greift Kain seinen eigenen Bruder an und erschlägt ihn. Im Katechismus
der katholischen Kirche lesen wir: »Im Bericht über die Ermordung Abels
durch seinen Bruder Kain offenbart die Schrift, dab im Menschen schon von
Anfang seiner Geschichte an Zorn und Eifersucht als Folgen der Erbsünde
wirksam sind. Der Mensch ist zum Feind des Mitmenschen geworden«.10
Der Bruder tötet den Bruder. Wie beim ersten Brudermord wird bei jedem
Mord die »geistige« Verwandtschaft geschändet, die die Menschen zu
einer einzigen groben Familie vereinigt,11 da sie alle an demselben
grundlegenden Gut teilhaben: der gleichen Personwürde. Nicht selten wird
auch die Verwandtschaft »des Fleisches und Blutes« geschändet, wenn zum
Beispiel die Bedrohungen des Lebens im Verhältnis zwischen Eltern und
Kindern ausbrechen, wie es bei der Abtreibung geschieht, oder wenn im
weitesten Familien- und Verwandtenkreis die Euthanasie befürwortet oder
dazu angestiftet wird.
Am Anfang jeder Gewalt gegen den Nächsten steht ein Nachgeben gegenüber
der »Logik« des Bösen, das heibt desjenigen, der »von Anfang an ein
Mörder war« (Joh 8, 44), wie uns der Apostel Johannes in Erinnerung
ruft: »Denn das ist die Botschaft, die ihr von Anfang an gehört habt:
Wir sollen einander lieben und nicht wie Kain handeln, der von dem Bösen
stammte und seinen Bruder erschlug« (1 Joh 3, 11-12). Die Ermordung des
Bruders ist also von Beginn der Geschichte an das traurige Zeugnis dafür,
wie das Böse mit beeindruckender Geschwindigkeit voranschreitet: zum
Aufbegehren des Menschen gegen Gott im irdischen Paradies gesellt sich der
tödliche Kampf des Menschen gegen den Menschen.
Nach dem Verbrechen greift Gott ein, um den Ermordeten zu rächen. Gott
gegenüber, der sich nach dem Schicksal Abels erkundigt, weicht Kain in
Überheblichkeit der Frage aus, statt sich verlegen zu zeigen und um
Verzeihung zu bitten: »Ich weib es nicht. Bin ich der Hüter meines
Bruders?« (Gen 4, 9). »Ich weib es nicht«: mit der Lüge versucht Kain
das Verbrechen zu verdecken. So ist es oft geschehen und geschieht es,
wenn Ideologien verschiedenster Art dazu dienen, um die schrecklichsten
Verbrechen gegen die Person zu rechtfertigen und zu bemänteln. »Bin ich
der Hüter meines Bruders?«: Kain will nicht an den Bruder denken und
lehnt es ab, jene Verantwortung, die jeder Mensch gegenüber dem anderen
hat, zu leben. Das läbt uns unwillkürlich an heutige Bestrebungen
denken, die den Menschen seiner Verantwortung gegenüber seinem
Mitmenschen entheben wollen; Anzeichen dafür sind unter anderem das
Nachlassen der Solidarität gegenüber den schwächsten Gliedern der
Gesellschaft, wie den Alten, den Kranken, den Einwanderern, den Kindern
gegenüber, und die häufig zu bemerkende Gleichgültigkeit in den
Beziehungen der Völker untereinander, selbst dann, wenn fundamentale
Werte wie das Überleben, die Freiheit und der Friede auf dem Spiel
stehen.
9. Doch Gott kann das Verbrechen nicht ungestraft lassen: vom Ackerboden,
auf dem es vergossen wurde, verlangt das Blut des Erschlagenen, dab Er
Gerechtigkeit widerfahren lasse (vgl. Gen 37, 26; Jes 26, 21; Ez 24, 7f).
Aus diesem Text hat die Kirche die Bezeichnung »himmelschreiende
Sünden« abgeleitet und in diese vor allem den beabsichtigten Mord
einbezogen.12 Für die Juden ist, wie für viele Völker der Antike, das
Blut der Sitz des Lebens, ja »das Blut ist Lebenskraft« (Dtn 12, 23),
und das Leben, besonders das menschliche Leben, gehört allein Gott: wer
daher nach dem Leben des Menschen trachtet, trachtet Gott selbst nach dem
Leben.
Kain ist von Gott und ebenso vom Ackerboden, der ihm seinen Ertrag
verweigert, verflucht (vgl. Gen 4, 11-12). Und er wird bestraft: er soll
in der Steppe und in der Wüste wohnen. Die mörderische Gewalttätigkeit
verändert das Lebensmilieu des Menschen tiefgreifend. Aus dem »Garten
von Eden« (Gen 2, 15), einem Ort des Überflusses, der unbeschwerten
zwischenmenschlichen Beziehungen und der Freundschaft mit Gott, wird die
Erde zum »Land Nod« (Gen 4, 16), Ort des »Elends», der Einsamkeit und
der Gottferne. Kain wird »rastlos und ruhelos auf der Erde« sein (Gen 4,
14): Unsicherheit und Unbeständigkeit werden ihn immer begleiten.
Gott jedoch, der stets Barmherzige, auch wenn Er straft, »machte dem Kain
ein Zeichen, damit ihn keiner erschlage, der ihn finde« (Gen 4, 15): Er
versieht ihn also mit einem Zeichen, das nicht den Zweck hat, ihn zur
Verabscheuung durch die anderen Menschen zu verdammen, sondern ihn vor
allen zu schützen und zu verteidigen, die ihn töten wollen, und wäre es
auch, um den Tod Abels zu rächen. Nicht einmal der Mörder verliert seine
Personwürde, und Gott selber leistet dafür Gewähr. Tatsächlich
offenbart sich hier das paradoxe Geheimnis von der barmherzigen
Gerechtigkeit Gottes, wie der hl. Ambrosius schreibt: »Nachdem in dem
Augenblick, als sich die Sünde eingeschlichen hatte, ein Brudermord, also
das gröbte Verbrechen, begangen worden war, mubte sofort das Gesetz von
der göttlichen Barmherzigkeit erweitert werden; damit es nicht geschähe,
dab die Menschen, obwohl die Strafe den Schuldigen unmittelbar getroffen
hatte, beim Bestrafen weder Toleranz noch Milde walten lassen, sondern die
Schuldigen unverzüglich der Strafe ausliefern würden. (...) Gott
verstieb Kain von seinem Angesicht und verbannte den von seinen Eltern
Abtrünnigen an einen anderen Wohnort, weil er von der menschlichen
Zahmheit zur tierischen Wildheit übergegangen war. Doch Gott wollte den
Mörder nicht durch einen Mord bestrafen, da Er mehr die Reue des Sünders
will als seinen Tod«.13
»Was hast du getan?« (Gen 4, 10): die Verfinsterung des Wertes des
Lebens
10. Der Herr sprach zu Kain: »Was hast du getan? Das Blut deines Bruders
schreit zu mir vom Ackerboden!« (Gen 4, 10). Das von den Menschen
vergossene Blut hört nicht auf zu schreien, von Generation zu Generation
nimmt dieses Schreien andere und immer neue Töne und Akzente an.
Die Frage des Herrn »Was hast du getan?«, der Kain nicht entgehen kann,
ist auch an den heutigen Menschen gerichtet, damit er sich den Umfang und
die Schwere der Angriffe auf das Leben bewubt mache, von denen die
Geschichte der Menschheit weiterhin gekennzeichnet ist; damit er auf die
Suche nach den vielfältigen Ursachen gehe, die diese Bedrohungen
hervorrufen und fördern; damit er mit gröbtem Ernst über die Folgen
nachdenke, die sich aus diesen Anschlägen für die Existenz der Menschen
und der Völker ergeben.
Manche Bedrohungen stammen aus der Natur selbst, werden aber durch die
schuldhafte Unbekümmertheit und Nachlässigkeit der Menschen, die nicht
selten Abhilfe schaffen könnten, verschlimmert; andere hingegen sind das
Ergebnis von Gewaltsituationen, Hab und gegensätzlichen Interessen, die
die Menschen veranlassen, mit Mord, Krieg, Blutbädern und Völkermord
über andere Menschen herzufallen.
Und wie sollte man nicht an die Gewalt denken, die dem Leben von Millionen
von Menschen, besonders Kindern, zugefügt wird, die wegen der ungerechten
Verteilung der Reichtümer unter den Völkern und sozialen Klassen zu
Elend, Unterernährung und Hunger gezwungen sind? Oder an die Gewalt, die,
noch ehe Kriege ausbrechen, einem skandalösen Waffenhandel anhaftet, der
einer Spirale von zahllosen bewaffneten Konflikten, die die Welt in Blut
tauchen, Vorschub leistet? Oder an die Todessaat, die durch die unbedachte
Zerstörung des ökologischen Gleichgewichts, durch die kriminelle
Verbreitung der Drogen und dadurch zustande kommt, dab Muster für die
Sexualität Unterstützung finden, die nicht nur in moralischer Hinsicht
unannehmbar, sondern auch Vorboten schwerwiegender Gefahren für das Leben
sind? Es ist gar nicht möglich, die umfangreiche Skala der Bedrohungen
des menschlichen Lebens vollständig aufzuzählen, so zahlreich sind die
offen zutage tretenden oder heimtückischen Formen, die sie in unserer
Zeit annehmen!
11. Unsere Aufmerksamkeit will sich aber im besonderen auf eine andere Art
von Angriffen konzentrieren, die das werdende und das zu Ende gehende
Leben betreffen, Angriffe, die im Vergleich zur Vergangenheit neue
Merkmale aufweisen und ungewöhnlich ernste Probleme aufwerfen: deshalb,
weil die Tendenz besteht, dab sie im Bewubtsein der Öffentlichkeit den
»Verbrechenscharakter« verlieren und paradoxerweise »Rechtscharakter«
annehmen, so dab eine regelrechte gesetzliche Anerkennung durch den Staat
und die darauf folgende Durchführung mittels des kostenlosen Eingriffs
durch das im Gesundheitswesen tätige Personal verlangt wird. Diese
Angriffe treffen das menschliche Leben in äuberst bedenklichen
Situationen, wo es völlig wehrlos ist. Noch schwerwiegender ist die
Tatsache, dab sie grobenteils gerade in der und durch die Familie
ausgetragen werden, die doch grundlegend dazu berufen ist, »Heiligtum des
Lebens« zu sein.
Wie hat es zu einer solchen Situation kommen können? Dabei müssen
vielfältige Faktoren in Betracht gezogen werden. Im Hintergrund steht
eine tiefe Kulturkrise, die Skepsis selbst an den Fundamenten des Wissens
und der Ethik hervorruft und es immer schwieriger macht, den Sinn des
Menschen, seiner Rechte und seiner Pflichten klar zu erfassen. Dazu kommen
die verschiedensten existentiellen und Beziehungsschwierigkeiten, die noch
verschärft werden durch die Wirklichkeit einer komplexen Gesellschaft, in
der die Personen, die Ehepaare, die Familien oft mit ihren Problemen
allein bleiben. Es fehlt nicht an Situationen von besonderer Armut,
Bedrängnis oder Verbitterung, in denen der Kampf um das Überleben, der
Schmerz bis an die Grenzen der Erträglichkeit, die besonders von Frauen
erlittenen Gewaltakte den Entscheidungen zur Verteidigung und Förderung
des Lebens bisweilen geradezu Heroismus abverlangen.
Das alles erklärt wenigstens zum Teil, dab der Wert des Lebens heute eine
Art »Verfinsterung« erleiden kann, mag auch das Gewissen nicht
aufhören, ihn als heiligen und unantastbaren Wert anzuführen, wie die
Tatsache beweist, dab man geneigt ist, manche Verbrechen gegen das
werdende oder zu Ende gehende Leben mit medizinischen Formulierungen zu
bemänteln, die den Blick von der Tatsache ablenken, dab das Existenzrecht
einer konkreten menschlichen Person auf dem Spiel steht.
12. Mögen auch viele und ernste Aspekte der heutigen sozialen Problematik
das Klima verbreiteter moralischer Unsicherheit irgendwie erklären und
manchmal bei den einzelnen die subjektive Verantwortung schwächen, so
trifft es tatsächlich nicht weniger zu, dab wir einer viel weiter
reichenden Wirklichkeit gegenüberstehen, die man als wahre und
ausgesprochene Struktur der Sünde betrachten kann, gekennzeichnet von der
Durchsetzung einer Anti-Solidaritätskultur, die sich in vielen Fällen
als wahre »Kultur des Todes« herausstellt. Sie wird aktiv gefördert von
starken kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Strö- mungen, die
eine leistungsorientierte Auffassung der Gesellschaft vertreten.
Wenn man die Dinge von diesem Gesichtspunkt her betrachtet, kann man in
gewisser Hinsicht von einem Krieg der Mächtigen gegen die Schwachen
sprechen: das Leben, das mehr Annahme, Liebe und Fürsorge verlangen
würde, wird für nutzlos gehalten oder als eine unerträgliche Last
betrachtet und daher auf vielerlei Weise abgelehnt. Wer durch seine
Krankheit, durch seine Behinderung oder, noch viel einfacher, durch sein
blobes Dasein den Wohlstand oder die Lebensgewohnheiten derer in Frage
stellt, die günstiger dastehen, wird zunehmend als Feind angesehen, gegen
den man sich verteidigen bzw. den man ausschalten mub. Auf diese Weise
wird eine Art »Verschwörung gegen das Leben« entfesselt. Sie involviert
nicht nur die einzelnen Personen in ihren individuellen, familiären oder
Gruppenbeziehungen, sondern geht darüber hinaus, um schlieblich auf
Weltebene den Beziehungen zwischen den Völkern und Staaten zu schaden und
sie durcheinanderzubringen.
13. Um die Verbreitung der Abtreibung zu erleichtern, wurden und werden
weiterhin unge- heuere Summen investiert, die für die Abstimmung
pharmazeutischer Präparate bestimmt sind, die die Tötung des Fötus im
Mutterleib ermöglichen, ohne die Hilfe eines Arztes in Anspruch nehmen zu
müssen. Die diesbezügliche wissenschaftliche Forschung scheint fast
ausschlieblich darum bemüht zu sein, zu immer einfacheren und wirksameren
Produkten gegen das Leben zu gelangen, die zugleich die Abtreibung jeder
Form sozialer Kontrolle und Verantwortung entziehen sollen.
Es wird häufig behauptet, die sichere und allen zugänglich gemachte
Empfängnisverhütung sei das wirksamste Mittel gegen die Abtreibung.
Sodann wird die katholische Kirche beschuldigt, de facto der Abtreibung
Vorschub zu leisten, weil sie weiter hartnäckig die moralische
Unerlaubtheit der Empfängnisverhütung lehrt. Bei genauerer Betrachtung
erweist sich der Einwand tatsächlich als trügerisch. Denn es mag sein,
dab viele auch in der Absicht zu Verhütungsmitteln greifen, um in der
Folge die Versuchung der Abtreibung zu vermeiden. Doch die der
»Verhütungsmentalität« — die sehr wohl von der verantwortlichen, in
Achtung vor der vollen Wahrheit des ehelichen Aktes ausgeübten
Elternschaft zu unterscheiden ist — innewohnenden Pseudowerte
verstärken nur noch diese Versuchung angesichts der möglichen
Empfängnis eines unerwünschten Lebens. In der Tat hat sich die
Abtreibungskultur gerade in Kreisen besonders entwickelt, die die Lehre
der Kirche über die Empfängnisverhütung ablehnen. Sicherlich sind vom
moralischen Gesichtspunkt her Empfängnisverhütung und Abtreibung ihrer
Art nach verschiedene Übel: die eine widerspricht der vollständigen
Wahrheit des Geschlechtsaktes als Ausdruck der ehelichen Liebe, die andere
zerstört das Leben eines Menschen; die erste widersetzt sich der Tugend
der ehelichen Keuschheit, die zweite widersetzt sich der Tugend der
Gerechtigkeit und verletzt direkt das göttliche Gebot »du sollst nicht
töten«.
Aber trotz dieses Unterschieds in ihrer Natur und moralischen Bedeutung
stehen sie, als Früchte ein und derselben Pflanze, sehr oft in enger
Beziehung zueinander. Sicherlich gibt es Fälle, in denen jemand unter dem
Druck mannigfacher existentieller Schwierigkeiten zu Empfängnisverhütung
und selbst zur Abtreibung schreitet; selbst solche Schwierigkeiten können
jedoch niemals von der Bemühung entbinden, das Gesetz Gottes voll und
ganz zu befolgen. Aber in sehr vielen anderen Fällen haben solche
Praktiken ihre Wurzeln in einer Mentalität, die von Hedonismus und
Ablehnung jeder Verantwortlichkeit gegenüber der Sexualität bestimmt
wird, und unterstellen einen egoistischen Freiheitsbegriff, der in der
Zeugung ein Hindernis für die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit
sieht. Das Leben, das aus der sexuellen Begegnung hervorgehen könnte,
wird so zum Feind, das absolut vermieden werden mub, und die Abtreibung
zur einzig möglichen Antwort und Lösung bei einer miblungenen
Empfängnisverhütung.
Leider tritt der enge Zusammenhang, der mentalitätsmäbig zwischen der
Praxis der Empfängnisverhütung und jener der Abtreibung besteht, immer
mehr zutage; das beweisen auf alarmierende Weise auch die Anwendung
chemischer Präparate, das Anbringen mechanischer Empfängnishemmer in der
Gebärmutter und der Einsatz von Impfstoffen, die ebenso leicht wie
Verhütungsmittel verbreitet werden und in Wirklichkeit als
Abtreibungsmittel im allerersten Entwicklungsstadium des neuen
menschlichen Lebens wirken.
14. Auch die verschiedenen Techniken künstlicher Fortpflanzung, die sich
anscheinend in den Dienst am Leben stellen und die auch nicht selten mit
dieser Absicht gehandhabt werden, öffnen in Wirklichkeit neuen
Anschlägen gegen das Leben Tür und Tor. Unabhängig von der Tatsache,
dab sie vom moralischen Standpunkt aus unannehmbar sind, da sie die
Zeugung von dem gesamtmenschlichen Zusammenhang des ehelichen Aktes
trennen,14 verzeichnen diese Techniken hohe Prozentsätze an Miberfolgen:
das betrifft nicht so sehr die Befruchtung als die nachfolgende
Entwicklung des Embryos, der der Gefahr ausgesetzt ist, meist innerhalb
kürzester Zeit zu sterben. Zudem werden mitunter Embryonen in gröberer
Zahl erzeugt, als für die Einpflanzung in den Schob der Frau notwendig
sind, und diese sogenannten »überzähligen Embryonen« werden dann
umgebracht oder für Forschungszwecke verwendet, die unter dem Vorwand des
wissenschaftlichen oder medizinischen Fortschritts in Wirklichkeit das
menschliche Leben zum bloben »biologischen Material« degradieren, über
das man frei verfügen könne.
Die vorgeburtlichen Diagnosen, gegen die es keine moralischen Bedenken
gibt, sofern sie vorgenommen werden, um eventuell notwendige Behandlungen
an dem noch ungeborenen Kind fest- zustellen, werden allzu oft zum Anlab,
die Abtreibung anzuraten oder vorzunehmen. Die angebliche Rechtmäbigkeit
der eugenischen Abtreibung entsteht in der öffentlichen Meinung aus einer
Mentalität — sie wird zu Unrecht für kohärent mit den Ansprüchen der
»Behandelbarkeit mit Aussicht auf Heilung« gehalten —, die das Leben
nur unter bestimmten Bedingungen annimmt und Begrenztheit, Behinderung und
Krankheit ablehnt.
Infolge eben dieser Logik ist man soweit gegangen, Kindern, die mit
schweren Schäden oder Krankheiten geboren wurden, die elementarsten
üblichen Behandlungen und sogar die Ernährung zu verweigern. Noch
bestürzender wird das moderne Szenarium darüber hinaus durch da und dort
auftauchende Vorschläge, auf derselben Linie wie das Recht auf Abtreibung
sogar die Kindestötung für rechtmäbig zu erklären: damit würde man in
ein Stadium der Barbarei zurückfallen, das man für immer überwunden zu
haben hoffte.
15. Nicht minder schwerwiegende Bedrohungen kommen auch auf die unheilbar
Kranken und auf die Sterbenden in einem Sozial- und Kulturgefüge zu, das
bei einer sich immer schwieriger gestaltenden Auseinandersetzung mit dem
Leiden und seinem Ertragen die Versuchung verstärkt, das Problem des
Leidens dadurch zu lösen, dab man es an der Wurzel ausreibt und den Tod
in dem Augenblick vorwegnimmt, den man selbst für den geeignetsten hält.
In diese Entscheidung flieben oft verschiedene Elemente ein, die leider
diesem schrecklichen Ausgang zustreben. Entscheidend mag beim Kranken
Angstgefühl sowie das Gespür von Verbitterung, ja Verzweiflung sein,
hervorgerufen durch die Erfahrung eines intensiven und langen Schmerzes.
Dies stellt das manchmal ohnehin schon ins Wanken geratene Gleichgewicht
des persönlichen und familiären Lebens auf eine harte Probe, so dab der
Kranke einerseits trotz der immer wirksamer werdenden Mittel medizinischer
und sozialer Assistenz Gefahr läuft, sich von der eigenen Gebrechlichkeit
erdrückt zu fühlen; andererseits kann bei denen, die ihm liebevoll
verbunden sind, ein Gefühl verständlichen, wenn auch mibverstandenen
Mitleids wirksam sein. Dies alles wird von einem kulturellen Umfeld
verschlimmert, das im Leid keinerlei Bedeutung oder Wert sieht; im
Gegenteil, es betrachtet das Leid als das Übel schlechthin, das es um
jeden Preis auszumerzen gilt; diese Haltung tritt vor allem dann ein, wenn
man keine religiöse Einstellung hat, die helfen kann, das Geheimnis des
Schmerzes positiv zu deuten.
Aber es wird nicht versäumt, dem kulturellen Gesamthorizont auch eine Art
Prometheushaltung des Menschen einzuprägen, der sich derart der Illusion
hingibt, Herr über Leben und Tod werden zu können, dab er über sie
entscheidet, während er in Wirklichkeit von einem Tod überwunden und
erdrückt wird, der sich jeder Sinnperspektive und jeder Hoffnung
unrettbar verschliebt. Einem tragischen Ausdruck von alledem begegnen wir
in der Verbreitung der maskiert und schleichend oder offen durchgeführten
und sogar legalisierten Euthanasie. Sie wird mit einem angeblichen Mitleid
angesichts des Schmerzes des Patienten und darüber hinaus mit einem
utilitaristischen Argument gerechtfertigt, nämlich um unproduktive
Ausgaben zu vermeiden, die für die Gesellschaft zu belastend seien. So
schlägt man die Beseitigung der mibgestalteten Neugeborenen, der geistig
und körperlich Schwerstbehinderten, der Leistungsunfähigen, der Alten,
vor allem wenn sie sich nicht mehr selbst versorgen können, und der
Kranken vor, deren Leben zu Ende geht. Und auch angesichts anderer,
heimlicherer, aber nicht minder schwerwiegender und realer Formen von
Euthanasie dürfen wir nicht schweigen. Sie könnten sich zum Beispiel
dann ereignen, wenn man, um mehr Organe für Transplantationen zur
Verfügung zu haben, die Entnahme dieser Organe vornimmt, ohne die
objektiven und angemessenen Kriterien für die Feststellung des Todes des
Spenders zu respektieren.
16. Ein weiteres aktuelles Phänomen, mit dem häufig Bedrohungen und
Angriffe gegen das Leben einhergehen, ist das Bevölkerungswachstum. Es
stellt sich in den verschiedenen Teilen der Welt in unterschiedlicher
Weise dar: in den reichen und entwickelten Ländern verzeichnet man einen
besorgniserregenden Geburtenrückgang oder -ein- bruch; die armen Länder
dagegen weisen im allgemeinen eine hohe Wachstumsrate der Bevölkerung
auf, die auf dem Hintergrund geringer wirtschaftlicher und sozialer
Entwicklung oder gar schwerwiegender Unterentwicklung kaum tragbar ist.
Angesichts der Überbevölkerung der armen Länder fehlt es auf
internationaler Ebene an weltweiten Mabnahmen — eine ernsthafte
Familien- und Sozialpolitik, Programme kultureller Entwicklung und einer
gerechten Produktion und Verteilung der Ressourcen —, während weiter
eine geburtenfeindliche Politik betrieben wird.
Empfängnisverhütung, Sterilisation und Abtreibung müssen gewib zu den
Ursachen gezählt werden, die zum Zustand des starken Geburtenrückganges
beitragen und ihn wesentlich bestimmen. Die Versuchung, dieselben Methoden
und Angriffe gegen das Leben auch in Situationen von
»Bevölkerungsexplosion« anzuwenden, mag auf der Hand liegen.
Der alte Pharao, der die Anwesenheit der Söhne Israels und ihre
Vermehrung als Alptraum empfand, setzte sie jeder nur möglichen
Unterdrückung aus und befahl, jedes männliche Neugeborene der jüdischen
Frauen zu töten (vgl. Ex 1, 7-22). Genauso verhalten sich heutzutage
viele Mächtige der Erde. Sie empfinden die derzeitige
Bevölkerungsentwicklung als Alptraum und befürchten, dab die
kinderreicheren und ärmeren Völker eine Bedrohung für den Wohlstand und
die Sicherheit ihrer Länder darstellen. Statt diese schwerwiegenden
Probleme aufzugreifen und sie unter Achtung der Würde der einzelnen und
der Familien und des unantastbaren Rechtes jedes Menschen auf Leben zu
lösen, fördern sie daher lieber eine massive Geburtenplanung und setzen
sie mit jeglichem Mittel durch. Selbst die Wirtschaftshilfen, die zu
leisten sie bereit wären, werden ungerechterweise von der Annahme einer
geburtenfeindlichen Politik abhängig gemacht.
17. Die heutige Menschheit bietet uns ein wahrhaft alarmierendes
Schauspiel, wenn wir nicht nur an die verschiedenen Bereiche denken, in
denen die Angriffe auf das Leben ausbrechen, sondern auch an ihr
einzigartiges Zahlenverhältnis sowie an die mannigfache und machtvolle
Unterstützung, die ihnen durch das weitgehende Einverständnis der
Gesellschaft, durch die häufige gesetzliche Anerkennung, durch die
Einbeziehung eines Teils des im Gesundheitswesen tätigen Personals zuteil
wird.
Wie ich anläblich des VIII. Weltjugendtreffens in Denver mit allem
Nachdruck sagen mubte, »nehmen die Bedrohungen des Lebens im Laufe der
Zeit nicht ab. Im Gegenteil, sie nehmen immer gröbere Ausmabe an. Es
handelt sich nicht nur um Bedrohungen des Lebens von auben, von den
Kräften der Natur her oder von weiteren 'Kains?, die die 'Abels?
töten«; nein, es handelt sich um wissenschaftlich und systematisch
geplante Bedrohungen. Das 20. Jahrhundert wird als eine Epoche massiver
Angriffe auf das Leben, als endlose Serie von Kriegen und andauernde
Vernichtung unschuldiger Menschenleben gelten. Die falschen Propheten und
Lehrer erfreuen sich des gröbtmöglichen Erfolges.15 Jenseits der
Absichten, die unterschiedlicher Art sein und möglicherweise sogar im
Namen der Solidarität überzeugende Formen annehmen können, stehen wir
tatsächlich einer objektiven »Verschwörung gegen das Leben«
gegenüber, die auch internationale Institutionen einschliebt, die mit
grobem Engagement regelrechte Kampagnen für die Verbreitung der
Empfängnisverhütung, der Sterilisation und der Abtreibung anregen und
planen. Schlieblich läbt sich nicht leugnen, dab sich die Massenmedien
häufig zu Komplizen dieser Verschwörung machen, indem sie jener Kultur,
die die Anwendung der Empfängnisverhütung, der Sterilisation, der
Abtreibung und selbst der Euthanasie als Zeichen des Fortschritts und als
Errungenschaft der Freiheit hinstellt, in der öffentlichen Meinung
Ansehen verschaffen, während sie Positionen, die bedingungslos für das
Leben eintreten, als freiheits- und entwicklungsfeindlich beschreibt.
»Bin ich der Hüter meines Bruders?« (Gen 4, 9): eine entartete
Vorstellung von Freiheit
18. Das beschriebene Panorama macht erforderlich, dab es nicht nur in den
Todeserscheinungen erkannt wird, die es kennzeichnen, sondern auch in den
vielfältigen Ursachen, die es bestimmen. Die Frage des Herrn »Was hast
du getan?« (Gen 4, 10) scheint gleichsam eine Aufforderung an Kain zu
sein, den materiellen Charakter seiner Mordtat hinter sich zu lassen und
ihre ganze Schwere in den ihr zugrunde liegenden Motivationen und in den
aus ihr erwachsenden Folgen zu erfassen.
Die Entscheidungen gegen das Leben entstehen bisweilen aus schwierigen
oder geradezu dramatischen Situationen tiefen Leides, der Einsamkeit, des
völligen Fehlens wirtschaftlicher Perspektiven, der Depression und
Zukunftsangst. Solche Umstände können die subjektive Verantwortlichkeit
und die daraus folgende Schuld derer vermindern, die diese in sich
verbrecherischen Entscheidungen treffen. Trotzdem geht das Problem heute
weit über die, wenn auch gebotene Anerkennung dieser persönlichen
Situationen hinaus. Es stellt sich auch auf kultureller, sozialer und
politischer Ebene, wo es sein subversivstes und verwirrendstes Gesicht in
der immer weiter um sich greifenden Tendenz zeigt, die erwähnten
Verbrechen gegen das Leben als legitime Äuberungen der individuellen
Freiheit auszulegen, die als wahre und eigene Rechte anerkannt und
geschützt werden müssen.
Auf diese Weise gelangt ein langer historischer Prozeb an einen Wendepunkt
mit tragischen Folgen, ein Prozeb, der nach Entdeckung der Idee der
»Menschenrechte« — als Rechte, die zu jeder Person gehören und jeder
Verfassung und Gesetzgebung der Staaten vorausgehen — heute in einen
überraschenden Widerspruch gerät: gerade in einer Zeit, in der man
feierlich die unverletzlichen Rechte der Person verkündet und öffentlich
den Wert des Lebens geltend macht, wird dasselbe Recht auf Leben,
besonders in den sinnbildhaftesten Augenblicken des Daseins, wie es Geburt
und Tod sind, praktisch verweigert und unterdrückt.
Auf der einen Seite sprechen die verschiedenen Menschenrechtserklärungen
und die vielfältigen Initiativen, die von ihnen inspiriert werden, von
der Durchsetzung einer moralischen Sensibilität auf Weltebene, die
sorgfältiger darauf achtet, den Wert und die Würde jedes Menschen als
solchen anzuerkennen, ohne jede Unterscheidung von Rasse, Nationalität,
Religion, politischer Meinung und sozialem Stand.
Auf der anderen Seite setzt man diesen edlen Proklamationen leider in den
Taten ihre tragische Verneinung entgegen. Diese ist noch bestürzender, ja
skandalöser, weil sie sich in einer Gesellschaft abspielt, die die
Durchsetzung und den Schutz der Menschenrechte zu ihrem Hauptziel und
zugleich zu ihrem Ruhmesblatt macht. Wie lassen sich diese wiederholten
Grundsatzbeteuerungen mit der ständigen Vermehrung und verbreiteten
Legalisierung der Angriffe auf das menschliche Leben in Einklang bringen?
Wie lassen sich diese Erklärungen in Einklang bringen mit der Ablehnung
des Schwächsten, des Bedürftigsten, des Alten, des soeben im Mutterschob
Empfangenen? Diese Angriffe gehen in die genau entgegengesetzte Richtung
wie die Achtung vor dem Leben und stellen eine frontale Bedrohung der
gesamten Kultur der Menschenrechte dar. Eine Bedrohung, die letzten Endes
imstande ist, selbst die Bedeutung des demokratischen Zusammenlebens aufs
Spiel zu setzen: unsere Städte laufen Gefahr, aus einer Gesellschaft von
»zusammenlebenden Menschen« zu einer Gesellschaft von Ausgeschlossenen,
an den Rand Gedrängten, Beseitigten und Unterdrückten zu werden. Mub
man, wenn sich der Blick dann auf einen Welthorizont ausweitet, nicht
daran denken, dab selbst die Beteuerung der Rechte der Personen und der
Völker, wie sie bei ranghohen internationalen Zusammenkünften erfolgt,
zu fruchtloser rhetorischer Übung wird, wenn nicht der Egoismus der
reichen Länder, die den armen Ländern den Zugang zur Entwicklung
verschlieben oder ihn an die Bedingung absurder Fortpflanzungsverbote
knüpfen und so die Entwicklung gegen den Menschen richten, die Maske
fallen läbt? Mub man vielleicht nicht selbst die Wirtschaftsmodelle in
Frage stellen, die von den Staaten häufig auch für Druckmabnahmen und
Konditionierungen auf internationaler Ebene angewandt werden und die
Unrechts– und Gewalt- situationen verursachen und fördern, in denen das
menschliche Leben ganzer Völker erniedrigt und mit Füben getreten wird?
19. Wo liegen die Wurzeln eines derart paradoxen Widerspruchs?
Wir können sie in kulturellen und moralischen Gesamtbewertungen
feststellen, angefangen bei jener Mentalität, die unterVerschärfung und
sogar Entstellung des Subjektivitätsbegriffs nur den als Inhaber von
Rechten anerkennt, der mit voller oder zumindest mit ersten Anzeichen von
Autonomie auftritt und den Zustand totaler Abhängigkeit von den anderen
hinter sich läbt. Aber wie läbt sich dieser Ansatz mit der
Verherrlichung des Menschen als »unverfügbares« Wesen in Einklang
bringen? Die Theorie der Menschenrechte beruht gerade auf der Erwägung
der Tatsache, dab der Mensch zum Unterschied von den Tieren und den Sachen
nicht der Herrschaft von irgend jemandem unterworfen werden kann. Es mub
auch auf jene Logik hingewiesen werden, die dazu neigt, die Personwürde
mit der Fähigkeit zu verbaler, ausdrücklicher, auf alle Fälle
erprobbarer Kommunikation gleichzusetzen. Es ist klar, dab unter solchen
Voraussetzungen in der Welt kein Raum für den ist, der, wie das
ungeborene Kind oder der Sterbende, ein von seiner physischen Konstitution
her schwaches Wesen ist, auf Gedeih und Verderb anderen Menschen
ausgeliefert und radikal von ihnen abhängig ist und mit dem Kommunikation
nur durch die stumme Sprache einer tiefen Symbiose liebender Zuneigung
möglich ist. Damit wird die Stärke zum Entscheidungs– und
Handlungskriterium in den zwischenmenschlichen Beziehungen und im sozialen
Zusammenleben. Doch das ist das genaue Gegenteil von dem, was den
Rechtsstaat historisch als Gemeinschaft bestätigt hat, in der an die
Stelle des »Rechts der Stärke« die »Stärke des Rechts« tritt.
Auf einer anderen Ebene liegen die Wurzeln des Widerspruchs zwischen der
feierlichen Bestätigung der Menschenrechte und ihrer tragischen
Verweigerung in der Praxis in einer Auffassung von Freiheit, die das
einzelne Individuum zum Absoluten erhebt und es nicht zur Solidarität,
zur vollen Annahme des anderen und zum Dienst an ihm veranlabt. Wenn es
wahr ist, dab sich die Auslöschung des ungeborenen oder zu Ende gehenden
Lebens mitunter auch den Anstrich eines mibverstandenen Gefühls von
Altruismus und menschlichen Erbarmens gibt, so kann man nicht bestreiten,
dab eine solche Kultur des Todes in ihrer Gesamtheit eine ganz
individualistische Freiheitsauffassung enthüllt, die schlieblich die
Freiheit der »Stärkeren« gegen die zum Unterliegen bestimmten Schwachen
ist.
Genau in diesem Sinn kann man die Antwort Kains auf die Frage des Herrn
»Wo ist dein Bruder Abel?« auslegen: »Ich weib es nicht. Bin ich der
Hüter meines Bruders?« (Joh 4, 9). Jawohl, jeder Mensch ist »Hüter
seines Bruders», weil Gott den Menschen dem Menschen anvertraut. Und im
Hinblick auf dieses Anvertrauen schenkt Gott auch jedem Menschen die
Freiheit, die eine wesentliche Beziehungsdimension besitzt. Sie ist ein
grobes Geschenk des Schöpfers, so sie in den Dienst der Person und ihrer
Verwirklichung durch die Selbsthingabe und die Annahme des anderen
gestellt wird; wenn die Freiheit jedoch in individualistischer Weise
verabsolutiert wird, wird sie ihres ursprünglichen Inhalts entleert und
steht im Widerspruch zu ihrer Berufung und Würde.
Noch einen tiefgehenderen Aspekt gilt es zu unterstreichen: die Freiheit
verleugnet sich selber, zerstört sich selber und macht sich zur
Vernichtung des anderen bereit, wenn sie ihre grundlegende Verbindung mit
der Wahrheit nicht anerkennt und nicht mehr respektiert. Jedesmal, wenn
die Freiheit sich von jeder Tradition und Autorität befreien will und
sich den wesentlichen Klarheiten einer objektiven und gemeinsamen Wahrheit
als dem Fundament für das persönliche und soziale Leben verschliebt,
hört der Mensch auf, als einzigen und unanfechtbaren Anhaltspunkt für
seine Entscheidungen nicht mehr die Wahrheit über Gut und Böse
anzunehmen, sondern nur noch seine subjektive und wandelbare Meinung oder
gar sein egoistisches Interesse und seine Laune.
20. In dieser Auffassung von Freiheit wird das soziale Zusammenleben
tiefgreifend entstellt. Wenn die Förderung des eigenen Ich als absolute
Autonomie verstanden wird, gelangt man unvermeidlich zur Verneinung des
anderen, der als Feind empfunden wird, gegen den man sich verteidigen mub.
Auf diese Weise wird die Gesellschaft zu einer Gesamtheit von
nebeneinanderstehenden Individuen, die aber keine gegenseitigen
Beziehungen haben: ein jeder will sich unabhängig vom anderen behaupten,
ja seinen eigenen Interessen Vorteil verschaffen. Angesichts gleichartiger
In- teressen des anderen mub man jedoch nachgeben und eine Art Kompromib
suchen, wenn man in der Gesellschaft jedem die gröbtmögliche Freiheit
garantieren will. So schwindet jeder Bezug zu gemeinsamen Werten und zu
einer für alle geltenden absoluten Wahrheit: das gesellschaftliche Leben
läuft Gefahr, in einen vollkommenen Relativismus abzudriften. Da läbt
sich alles vereinbaren, über alles verhandeln: auch über das erste
Grundrecht, das Recht auf Leben.
Das geschieht denn auch in der Tat im eigentlich politisch-staatlichen
Bereich: das ursprüngliche, unveräuberliche Recht auf Leben wird auf
Grund einer Parlamentsabstimmung oder des Willens eines — sei es auch
mehrheitlichen — Teiles der Bevölkerung in Frage gestellt oder
verneint. Es ist das unheilvolle Ergebnis eines unangefochten herrschenden
Relativismus: das »Recht« hört auf Recht zu sein, weil es sich nicht
mehr fest auf die unantastbare Würde der Person gründet, sondern dem
Willen des Stärkeren unterworfen wird. Auf diese Weise beschreitet die
Demokratie ungeachtet ihrer Regeln den Weg eines substantiellen
Totalitarismus. Der Staat ist nicht mehr das »gemeinsame Haus«, in dem
alle nach den Prinzipien wesentlicher Gleichheit leben können, sondern er
verwandelt sich in einen tyrannischen Staat, der sich anmabt, im Namen
einer allgemeinen Nützlichkeit — die in Wirklichkeit nichts anderes als
das Interesse einiger weniger ist — über das Leben der Schwächsten und
Schutzlosesten, vom ungeborenen Kind bis zum alten Menschen, verfügen zu
können.
Alles geschieht scheinbar ganz auf dem Boden der Legalität, zumindest
wenn über die Gesetze zur Freigabe der Abtreibung und der Euthanasie nach
den sogenannten demokratischen Regeln abgestimmt wird. In Wahrheit stehen
wir lediglich einem tragischen Schein von Legalität gegenüber, und das
demokratische Ideal, das es tatsächlich ist, wenn es denn die Würde
jeder menschlichen Person anerkennt und schützt, wird in seinen
Grundlagen selbst verraten: »Wie kann man noch von Würde jeder
menschlichen Person reden, wenn die Tötung des schwächsten und
unschuldigsten Menschen zugelassen wird? Im Namen welcher Gerechtigkeit
begeht man unter den Menschen die ungerechteste aller Diskriminierungen,
indem man einige von ihnen für würdig erklärt verteidigt zu werden,
während anderen diese Würde abgesprochen wird?«.16 Wenn diese Zustände
eintreten, sind bereits jene Dynamismen ausgelöst, die zum Zerfall eines
echten menschlichen Zusammenlebens und zur Zersetzung der staatlichen
Realität führen.
Das Recht auf Abtreibung, Kindestötung und Euthanasie zu fordern und es
gesetzlich anzuerkennen heibt der menschlichen Freiheit eine perverse,
abscheuliche Bedeutung zuzuschreiben: nämlich die einer absoluten Macht
über die anderen und gegen die anderen. Aber das ist der Tod der wahren
Freiheit: »Amen, amen, das sage ich euch: Wer die Sünde tut, ist Sklave
der Sünde« (Joh 8, 34).
»Ich mub mich vor deinem Angesicht verbergen« (Gen 4, 14): die
Verfinsterung des Sinnes für Gott und den Menschen
21. Auf der Suche nach den tiefsten Wurzeln des Kampfes zwischen der
»Kultur des Lebens« und der »Kultur des Todes« dürfen wir nicht bei
der oben erwähnten perversen Freiheitsvorstellung stehen bleiben. Wir
müssen zum Herzen des Dramas vorstoben, das der heutige Mensch erlebt:
die Verfinsterung des Sinnes für Gott und den Menschen, wie sie für das
vom Säkularismus beherrschte soziale und kulturelle Umfeld typisch ist,
der mit seinen durchdringenden Fangarmen bisweilen sogar christliche
Gemeinschaften auf die Probe stellt. Wer sich von dieser Atmosphäre
anstecken läbt, gerät leicht in den Strudel eines furchtbaren
Teufelskreises: wenn man den Sinn für Gott verliert, verliert man bald
auch den Sinn für den Menschen, für seine Würde und für sein Leben;
die systematische Verletzung des Moralgesetzes, besonders was die Achtung
vor dem menschlichen Leben und seiner Würde betrifft, erzeugt ihrerseits
eine Art fortschreitender Verdunkelung der Fähigkeit, die lebenspendende
und rettende Gegenwart Gottes wahrzunehmen.
Und wieder können wir dem Bericht von der Ermordung Abels durch seinen
Bruder folgen. Nach dem von Gott über ihn verhängten Fluch wendet sich
Kain mit den Worten an den Herrn: »Zu grob ist meine Schuld, als dab ich
sie tragen könnte! Du hast mich heute vom Ackerland verjagt, und ich mub
mich vor deinem Angesicht verbergen; rastlos und ruhelos werde ich auf der
Erde sein, und wer mich findet, wird mich erschlagen« (Gen 4, 13-14).
Kain glaubt, dab seine Sünde beim Herrn keine Vergebung erfahren kann und
dab es sein unvermeidliches Schicksal sein wird, »sich vor seinem
Angesicht verbergen« zu müssen. Wenn es Kain fertigbringt zu bekennen,
dab seine Schuld »zu grob« ist, dann deshalb, weil er weib, dab er Gott
und seinem gerechten Rich- terspruch gegenübersteht. Tatsächlich vermag
der Mensch nur vor dem Herrn seine Sünde zu erkennen und ihre ganze
Schwere zu erfassen. Das ist die Erfahrung Davids, der, nachdem er »gegen
den Herrn gesündigt hat«, auf die Vorwürfe des Propheten Natan (vgl. 2
Sam 11-12) ausruft: »Ich erkenne meine bösen Taten, meine Sünde steht
mir immer vor Augen. Gegen dich allein habe ich gesündigt, ich habe
getan, was dir mibfällt« (Ps 51 1, 5-6).
22. Darum wird, wenn der Sinn für Gott schwindet, auch der Sinn für den
Menschen bedroht und verdorben, wie das Zweite Vatikanische Konzil lapidar
feststellt: »Denn das Geschöpf sinkt ohne den Schöpfer ins Nichts...
Überdies wird das Geschöpf selbst durch das Vergessen Gottes
unverständlich«.17 Der Mensch vermag sich nicht mehr als »in
geheimnisvoller Weise anders« als die verschiedenen irdischen Lebewesen
wahrzunehmen; er sieht sich als eines der vielen Lebewesen, als einen
Organismus, der bestenfalls eine sehr hohe Vollkommenheitsstufe erreicht
hat. In den engen Horizont seiner Körperlichkeit eingeschlossen, wird er
gewissermaben zu »einer Sache« und beachtet nicht mehr den »trans-
zendenten« Charakter seines »Existierens als Mensch«. Er sieht das
Leben nicht mehr als ein grobartiges Geschenk Gottes an, als eine
»heilige« Wirklichkeit, die seiner Verantwortung und damit seiner
liebevollen Obhut, seiner »Verehrung« anvertraut ist. Es wird einfach zu
»einer Sache«, die er als sein ausschliebliches, total beherrschbares
und manipulierbares Eigentum beansprucht.
Er ist daher nicht mehr in der Lage, sich angesichts des Lebens, das
geboren wird, und des Lebens, das stirbt, nach dem wahren Sinn seines
Daseins fragen zu lassen, indem er diese entscheidenden Augenblicke des
eigenen »Seins« in echter Freiheit annimmt. Er kümmert sich nur um das
»Machen« und bemüht sich unter Zuhilfenahme jeder Art von Technologie
um die Planung, Kontrolle und Beherrschung von Geburt und Tod. Aus
ursprünglichen Erfahrungen, die »gelebt« werden sollen, werden Geburt
und Tod zu Dingen, die man sich einfach zu »besitzen« oder
»abzulehnen« anmabt.
Wenn im übrigen einmal der Bezug zu Gott ausgeschlossen ist, überrascht
es nicht, dab der Sinn aller Dinge tief entstellt zum Vorschein kommt, und
die Natur selbst, nicht mehr »mater«, zu einem »Material« entwürdigt
wird, das allen Manipulationen offensteht. Zu diesem Punkt scheint eine
gewisse in der modernen Kultur vorherrschende technisch-wissenschaftliche
Rationalität zu führen, die selbst die Vorstellung einer Wahrheit vom
Schöpfer, der anzuerkennen ist, oder eines Planes Gottes vom Leben, das
zu achten ist, leugnet. Und dies gilt genauso, wenn die Angst vor den
Ergebnissen dieser »Freiheit ohne Gesetz« manche zur entgegengesetzten
Vorstellung von einem »Gesetz ohne Freiheit« verleitet, wie es z.B. in
den Ideologien der Fall ist, die die Rechtmäbigkeit eines jeden
Eingriffes in die Natur gleichsam im Namen ihrer »Vergöttlichung«
bestreiten; eine Vorstellung, die wiederum die Abhängigkeit vom Plan des
Schöpfers mibachtet.
Wenn der Mensch wirklich lebt, »als ob es Gott nicht gäbe«, so kommt
ihm nicht nur der Sinn für das Geheimnis Gottes, sondern auch für das
Geheimnis der Welt und seines eigenen Seins abhanden.
23. Die Verfinsterung des Sinnes für Gott und den Menschen führt
unvermeidlich zum praktischen Materialismus, in dem der Individualismus,
der Utilitarismus und der Hedonismus gedeihen. Auch hier offenbart sich
die ewige Gültigkeit dessen, was der Apostel schreibt: »Und da sie sich
weigerten, Gott anzuerkennen, lieferte Gott sie einem verworfenen Denken
aus, so dab sie tun, was sich nicht gehört« (Röm 1, 28). Auf diese
Weise werden die Werte des Seins durch jene des Habens ersetzt. Das
einzige Ziel, auf das es ankommt, ist die Erlangung des eigenen
materiellen Wohlergehens. Die sogenannte »Lebensqualität« wird
vorwiegend oder ausschlieblich als wirtschaftliche Leistung, hemmungsloser
Konsumismus, Schönheit und Genub des physischen Lebens ausgelegt, wobei
die tiefer reichenden — beziehungsmäbigen, geistigen und religiösen
— Dimensionen des Daseins in Vergessenheit geraten.
In einem solchen Gesamtrahmen wird das Leiden, eine unvermeidbare
Belastung der menschlichen Existenz, aber auch ein Faktor möglichen
personalen Wachstums, »beanstandet», als unnütz zurückgewiesen, ja als
immer und auf jeden Fall zu vermeidendes Übel bekämpft. Kann man es
nicht überwinden und schwindet die Aussicht wenigstens auf künftiges
Wohlergehen, dann scheint das Leben jede Bedeutung verloren zu haben, und
im Menschen wächst die Versuchung, das Recht zu seiner Beseitigung
geltend zu machen.
Im selben kulturellen Umfeld wird der Körper nicht mehr als für die
Person typische Wirklichkeit, nämlich als Zeichen und Ort der Beziehung
zu den anderen, zu Gott und zur Welt, wahrge- nommen. Er ist auf einen
rein materiellen Charakter verkürzt: er ist nur ein Komplex von Organen,
Funktionen und Kräften, die nach reinen Kriterien von Genub und Leistung
zu gebrauchen sind. Infolgedessen wird auch die Sexualität
entpersönlicht und instrumentalisiert: aus Zeichen, Ort und Sprache der
Liebe, das heibt der Selbsthingabe und der Annahme des anderen, wie sie
dem ganzen Reichtum der Person entspricht, wird sie immer mehr zu einer
Gelegenheit und einem Werkzeug der Bestätigung des eigenen Ich und der
egoistischen Befriedigung der eigenen Begierden und Instinkte. So wird der
ursprüngliche Inhalt der menschlichen Sexualität entstellt und
verfälscht, und die zwei Bedeutungen, die das Wesen des ehelichen Aktes
ausmachen, nämlich Vereinigung und Zeugung, werden künstlich getrennt:
auf diese Weise wird die Vereinigung verraten, und die Fruchtbarkeit wird
der Willkür des Mannes und der Frau unterworfen. Da wird die Zeugung zum
»Feind«, die es bei der Ausübung der Sexualität zu vermeiden gilt:
wenn man sie zuläbt, dann nur deshalb, weil sie den eigenen Wunsch oder
geradezu den eigenen Willen zum Ausdruck bringt, »um jeden Preis« ein
Kind zu haben, jedoch nicht, weil sie totale Annahme des anderen und damit
Offenheit für die Lebensfülle besagt, deren Träger das Kind ist.
In der bisher beschriebenen materialistischen Sicht erfahren die
zwischenmenschlichen Beziehungen eine schwerwiegende Verarmung. Die
Ersten, die unter den Schäden dieser Verarmung zu leiden haben, sind die
Frau, das Kind, der kranke oder leidende und der alte Mensch. An die
Stelle des eigentlichen Kriteriums der Personwürde — nämlich das der
Achtung, der Unentgeltlichkeit und des Dienstes — tritt das Kriterium
der Leistungsfähigkeit, der Zweckmäbigkeit und der Nützlichkeit: der
andere wird nicht für das anerkannt und geschätzt, was er »ist«,
sondern für das, was er »hat, tut und leistet«. Das ist die Herrschaft
des Stärkeren über den Schwächeren.
24. Die Verfinsterung des Sinnes für Gott und für den Menschen mit allen
ihren mannigfachen, verhängnisvollen Auswirkungen auf das Leben vollzieht
sich im Innern des sittlichen Gewissens. Dabei geht es zunächst um das
Gewissen jedes einzelnen Menschen, der in seiner Einmaligkeit und
Unwiederholbarkeit allein mit Gott ist.18 Doch es geht in gewissem Sinne
auch um das »sittliche Gewissen« der Gesellschaft: sie ist irgendwie
verantwortlich, nicht nur weil sie gegen das Leben gerichtete Haltungen
duldet oder unterstützt, sondern auch weil sie durch die Schaffung und
Festigung regelrechter »Sündenstrukturen« gegen das Leben die »Kultur
des Todes« fördert. Das sittliche Gewissen sowohl des einzelnen wie der
Gesellschaft ist heute auch wegen des aufdringlichen Einflusses vieler
sozialer Kommunikationsmittel einer sehr ernsten und tödlichen Gefahr
ausgesetzt: der Gefahr der Verwirrung zwischen Gut und Böse in bezug auf
das fundamentale Recht auf Leben. Ein Grobteil der heutigen Gesellschaft
zeigt sich ähnlich jener Menschheit, die Paulus im Römerbrief
beschreibt. Sie besteht aus »Menschen, die die Wahrheit durch
Ungerechtigkeit niederhalten« (1, 18): nachdem sie von Gott abgefallen
sind und glaubten, das irdische Gemeinwesen ohne Ihn aufbauen zu können,
»verfielen sie in ihrem Denken der Nichtigkeit, und ihr unverständiges
Herz wurde verfinstert« (1, 21); »sie behaupteten weise zu sein, und
wurden zu Toren« (1, 22); sie wurden zu Urhebern todesträchtiger Werke
und »tun sie nicht nur selber, sondern stimmen bereitwillig auch denen
zu, die so handeln« (1, 32). Wenn das Gewissen, dieses leuchtende Auge
der Seele (vgl. Mt 6, 22-23), »das Gute böse und das Böse gut« nennt (Jes
5, 20), dann ist es auf dem Weg besorgniserregender Entartung und
finsterster moralischer Blindheit.
Doch sämtlichen Konditionierungen und Anstrengungen, das Schweigen
durchzusetzen, gelingt es nicht, die Stimme des Herrn zu ersticken, die
sich im Gewissen jedes Menschen vernehmen läbt: von diesem inneren
Heiligtum des Gewissens kann immer wieder ein neuer Weg der Liebe, der
Annahme und des Dienstes für das menschliche Leben seinen Ausgang nehmen.
»Ihr seid hingetreten zum Blut der Besprengung« (vgl. Hebr 12, 22. 24):
Zeichen der Hoffnung und Einladung zum Engagement
25. »Das Blut deines Bruders schreit zu mir vom Ackerboden!« (Gen 4,
10). Nicht nur das Blut Abels, des ersten unschuldig getöteten Menschen,
schreit zu Gott, Quelle und Verteidiger des Lebens. Auch das Blut jedes
anderen ermordeten Menschen nach Abel schreit zum Herrn. In absolut
einmaliger Weise schreit zu Gott das Blut Christi, dessen prophetische
Gestalt Abel in seiner Unschuld ist, wie der Verfasser des Hebräerbriefes
ausführt: »Ihr seid vielmehr zum Berg Zion hingetreten, zur Stadt des
lebendigen Gottes..., zum Mittler eines neuen Bundes, Jesus, und zum Blut
der Besprengung, das mächtiger ruft als das Blut Abels« (12, 22. 24).
Es ist das Blut der Besprengung. Symbol und Vorauszeichen dafür war das
Blut der Opfer des Alten Bundes gewesen, durch die Gott seinen Willen
kundtat, den Menschen sein Leben durch ihre Reinigung und Heiligung
mitzuteilen (vgl. Ex 24, 8; Lev 17, 11). Das alles erfüllt und
bewahrheitet sich nun in Christus: sein Blut ist das Blut der Besprengung,
das erlöst, reinigt und rettet; das Blut des Mittlers des Neuen Bundes,
»das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden« (Mt 26, 28).
Dieses Blut, das am Kreuz aus der durchbohrten Seite Christi fliebt (vgl.
Joh 19, 34), »ruft mächtiger« als das Blut Abels; es bringt in der Tat
eine tiefere »Gerechtigkeit« zum Ausdruck und verlangt sie, doch vor
allem erfleht es
Barmherzigkeit,19 es tritt beim Vater für die Brüder ein (vgl.Hebr 7,
25), es ist Quelle vollkommener Erlösung und Geschenk neuen Lebens.
Während das Blut Christi die Gröbe der Liebe des Vaters enthüllt, macht
es offenbar, wie kostbar der Mensch in den Augen Gottes ist und welch
unschätzbaren Wert sein Leben besitzt. Daran erinnert uns der Apostel
Petrus: »Ihr wibt, dab ihr aus eurer sinnlosen, von den Vätern ererbten
Lebensweise nicht um einen vergänglichen Preis losgekauft wurdet, nicht
um Silber oder Gold, sondern mit dem kostbaren Blut Christi, des Lammes
ohne Fehl und Makel« (1 Petr 1, 18-19). Beim Betrachten des kostbaren
Blutes Christi, Zeichen seiner Hingabe aus Liebe (vgl. Joh 13, 1), lernt
der Gläubige die gleichsam göttliche Würde jedes Menschen kennen und
schätzen und kann mit immer neuem und dankbarem Staunen ausrufen:
»Welchen Wert mub der Mensch in den Augen des Schöpfers haben, wenn
"er verdient hat, einen solchen und so groben Erlöser zu haben"
(Exultet der Osternacht), wenn "Gott seinen Sohn hingegeben
hat", damit er, der Mensch, "nicht verlorengeht, sondern das
ewige Leben hat" (vgl. Joh 3, 16)!«.20
Zudem offenbart das Blut Christi dem Menschen, dab seine Gröbe und damit
seine Berufung in der aufrichtigen Selbsthingabe besteht. Da es als
Geschenk des Lebens vergossen wird, ist das Blut Christi nicht mehr
Zeichen des Todes, der endgültigen Trennung von den Brüdern, sondern
Werkzeug einer Verbundenheit, die für alle Fülle des Lebens bedeutet.
Wer im Sakrament der Eucharistie dieses Blut trinkt und in Jesus bleibt
(vgl. Joh 6, 56), wird mithineingenommen in seinen Dynamismus der Liebe
und der Hingabe des Lebens, um die ursprüngliche Berufung zur Liebe zu
erfüllen, die zu jedem Menschen gehört (vgl. Gen 1, 27; 2, 18-24).
Noch immer ist es das Blut Christi, aus dem alle Menschen die Kraft
schöpfen, um sich für das Leben einzusetzen. Dieses Blut ist der
stärkste Grund der Hoffnung, ja das Fundament der absoluten Gewibheit,
dab nach Gottes Plan das Leben siegen wird. »Der Tod wird nicht mehr
sein«, ruft die laute Stimme, die vom Thron Gottes im himmlischen
Jerusalem erschallt (Offb 21, 4). Und der hl. Paulus versichert uns, dab
der zeitliche Sieg über die Sünde Zeichen und Vorwegnahme des
endgültigen Sieges über den Tod ist, wenn »sich das Wort der Schrift
erfüllen wird: Ver- schlungen ist der Tod vom Sieg. Tod, wo ist dein
Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?« (1 Kor 15, 54-55).
26. In der Tat fehlt es nicht an Vorzeichen dieses Sieges in unseren
Gesellschaften und Kulturen, obwohl sie so stark von der »Kultur des
Todes« gezeichnet sind. Man würde daher ein einseitiges Bild entwerfen,
das zu fruchtloser Entmutigung verleiten könnte, wenn man zu der
Brandmarkung der Bedrohungen des Lebens nicht die Darstellung der
positiven Zeichen hinzufügte, die in der gegenwärtigen Situation der
Menschheit wirksam sind.
Leider fällt es diesen positiven Zeichen oft schwer, sich darzustellen
und erkannt zu werden, vielleicht auch deshalb, weil sie in den
Massenmedien keine entsprechende Aufmerksamkeit finden. Aber wie viele
Initiativen zur Hilfe und Unterstützung für die schwächsten und
schutzlosesten Menschen sind in der christlichen Gemeinschaft und in der
bürgerlichen Gesellschaft auf lokaler, nationaler und internationaler
Ebene von einzelnen, von Gruppen, Bewegungen und verschiedenartigen
Organisationen ergriffen worden und werden weiterhin in die Wege geleitet!
Noch immer gibt es zahlreiche Eheleute, die mit tiefer Verantwortung die
Kinder als »die kostbarste Gabe der Ehe« 21 annehmen. Und es fehlt auch
nicht an Familien, die über ihren täglichen Dienst am Leben hinaus die
Offenheit besitzen, sich verlassener Kleinkinder, in Notlagen befindlicher
Kinder und Jugendlicher, behinderter Personen und allein gebliebener alter
Menschen anzunehmen. Nicht wenige Zentren für Lebenshilfe oder ähnliche
Einrichtungen werden von Personen und Gruppen gefördert, die mit
bewundernswerter Hingabe und Aufopferung Müttern in schwieriger Lage, die
versucht sind, eine Abtreibung vornehmen zu lassen, moralische und
materielle Hilfe anbieten. Auch entstehen und verbreiten sich engagierte
Freiwilligengruppen, die Menschen Gastfreundschaft gewähren, die keine
Familie haben, die sich in einer besonders miblichen Lage befinden oder
eines erzieherischen Milieus bedürfen, das ihnen hilft, zerstörerische
Gewohnheiten zu überwinden und den Sinn des Lebens zurückzugewinnen.
Die von den Forschern und Fachleuten des Berufs mit grobem Einsatz
geförderte Medizin setzt ihre Anstrengungen fort, immer wirksamere Mittel
für die Heilung und Pflege in Krankheiten zu finden: für das entstehende
Leben, für leidende Menschen und für die Kranken in akutem Zustand oder
in der Endphase werden heute Ergeb- nisse erzielt, die einst ganz
unvorstellbar waren und vielversprechende Perspektiven eröffnen.
Verschiedene Einrichtungen und Organisationen setzen sich in Bewegung, um
auch den am schwersten von Elend und von endemischen Krankheiten
betroffenen Ländern die Vorzüge der neuesten Medizin zu bringen. So
werden auch nationale und internationale Ärztevereinigungen tätig, um
den von Naturkatastrophen, Seuchen oder Kriegen heimgesuchten
Bevölkerungen rechtzeitig Hilfe zu leisten. Warum sollte man nicht, auch
wenn eine tatsächliche internationale Gerechtigkeit bei der Verteilung
der medizinischen Ressourcen von ihrer vollen Verwirklichung noch weit
entfernt ist, in den bisher durchgeführten Schritten das Zeichen einer
wachsenden Solidarität unter den Völkern, einer wertvollen menschlichen
und moralischen Sensibilität und einer gröberen Achtung vor dem Leben
erkennen?
27. Angesichts von Gesetzgebungen zur Freigabe der Abtreibung und da und
dort erfolgreichen Versuchen, die Euthanasie zu legalisieren, sind in der
ganzen Welt Bewegungen und Initiativen zur sozialen Sensibilisierung für
das Leben entstanden. Wenn solche Bewegungen in Übereinstimmung mit ihrer
glaubwürdigen Inspiration mit entschiedener Standhaftigkeit, aber ohne
Anwendung von Gewalt handeln, fördern sie damit eine breitere
Bewubtmachung des Wertes des Lebens. Auberdem regen sie einen
entschiedeneren Einsatz zu seiner Verteidigung an und setzen ihn in die
Praxis um.
Mub man nicht auch an alle jene täglichen Gesten von Annahme, Opfer,
selbstloser Sorge erinnern, die eine unübersehbare Anzahl von Personen
voll Liebe in den Familien, in den Krankenhäusern, in den Waisenhäusern,
in den Altersheimen und in anderen Zentren oder Gemeinschaften zum Schutz
des Lebens vollbringt? Die Kirche, die sich vom Beispiel Jesu vom
»barmherzigen Samariter« (vgl. Lk 10, 29-37) leiten läbt und von seiner
Kraft gestärkt wird, ist an diesen Fronten der Nächstenliebe immer in
vorderster Linie gestanden: viele ihrer Töchter und Söhne, besonders
Ordensleute, weihten und weihen auch heute noch in alten und immer neuen
Formen ihr Leben Gott, indem sie es aus Liebe zum schwächsten und
bedürftigsten Nächsten hingeben.
Diese Gesten bauen von innen her jene »Zivilisation der Liebe und des
Lebens« auf, ohne die die Existenz der Menschen und der Gesellschaft ihre
im wahrsten Sinne menschliche Bedeutung verliert. Auch wenn sie von
niemandem bemerkt und den meisten verborgen bleiben würden, versichert
der Glaube, dab der Vater, »der auch das Verborgene sieht« (Mt 6, 4),
sie nicht nur dereinst belohnen wird, sondern sie schon jetzt mit
bleibenden Früchten für alle ausstattet.
Zu den Hoffnungszeichen mub auch eine in breiten Schichten der
öffentlichen Meinung zunehmende neue Sensibilität gezählt werden, die
immer mehr gegen den Krieg als Instrument zur Lösung von Konflikten
zwischen den Völkern gerichtet ist und nach wirksamen, aber
»gewaltlosen« Mitteln sucht, um den bewaffneten Angreifer zu blockieren.
In dasselbe Blickfeld gehört auch die immer weiter verbreitete Abneigung
der öffentlichen Meinung gegen die Todesstrafe selbst als Mittel sozialer
»Notwehr«, in Anbetracht der Möglichkeiten, über die eine moderne
Gesellschaft verfügt, um das Verbrechen wirksam mit Methoden zu
unterdrücken, die zwar den, der es begangen hat, unschädlich machen, ihm
aber nicht endgültig die Möglichkeit nehmen, wieder zu Ehren zu kommen.
Wohlwollend zu begrüben ist auch die erhöhte Aufmerksamkeit für die
Qualität des Lebens und die Umwelt, die vor allem in den hochentwickelten
Gesellschaften festzustellen ist, in denen sich die Erwartungen der
Menschen nicht mehr so sehr auf die Probleme des Überlebens, als vielmehr
auf die Suche nach einer globalen Verbesserung der Lebensbedingungen
konzentrieren. Besonders bedeutsam ist das Erwachen bzw. Wiederaufleben
einer ethischen Reflexion über das Leben: durch das Aufkommen der
Bioethik und ihre immer mehr intensivierte Entwicklung und Ausweitung
werden — unter Gläubigen und Nichtgläubigen wie auch zwischen den
Gläubigen verschiedener Religionen — die Reflexion und der Dialog über
grundlegende ethische Probleme gefördert, die das Leben des Menschen
betreffen.
28. Dieser Horizont von Licht und Schatten mub uns allen voll bewubt
machen, dab wir einer ungeheuren und dramatischen Auseinandersetzung
zwischen Bösem und Gutem, Tod und Leben, der »Kultur des Todes« und der
»Kultur des Lebens« gegenüberstehen. Wir stehen diesem Konflikt nicht
nur »gegenüber«, sondern befinden uns notgedrungen »mitten drin«: wir
sind alle durch die unausweichliche Verantwortlichkeit in die
bedingungslose Entscheidung für das Leben involviert und daran beteiligt.
Auch an uns ergeht klar und nachdrücklich die Einladung des Mose:
»Hiermit lege ich dir heute das Leben und das Glück, den Tod und das
Unglück vor...; Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle
also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen« (Dtn 30, 15.
19). Es ist eine Einladung, die wohl auch für uns gilt, die wir uns jeden
Tag zwischen der »Kultur des Lebens« und der »Kultur des Todes«
entscheiden müssen. Doch der Appell des Buches Deuteronomium ist noch
tiefgründiger, weil er uns zu einer im eigentlichen Sinn religiösen und
moralischen Entscheidung anhält. Es geht darum, dem eigenen Dasein eine
grundsätzliche Orientierung zu geben und in Treue und Übereinstimmung
mit dem Gesetz des Herrn zu leben: »... die Gebote des Herrn deines
Gottes, auf die ich dich heute verpflichte, ... indem du den Herrn deinen
Gott liebst, auf seinen Wegen gehst und auf seine Gebote, Gesetze und
Rechtsvorschriften achtest ... Wähle also das Leben, damit du lebst, du
und deine Nachkommen. Liebe den Herrn, deinen Gott, höre auf seine
Stimme, und halte dich an ihm fest; denn er ist dein Leben. Er ist die
Länge deines Lebens« (30, 16. 19-20).
Die Fülle ihrer religiösen und moralischen Bedeutung erreicht die
bedingungslose Entscheidung für das Leben dann, wenn sie aus dem Glauben
an Christus erwächst, von ihm geformt und gefördert wird. Bei einer
positiven Auseinandersetzung mit dem Konflikt zwischen Tod und Leben, in
dem wir stecken, hilft uns nichts so sehr wie der Glaube an den Sohn
Gottes, der Mensch geworden und zu den Menschen gekommen ist, »damit sie
das Leben haben und es in Fülle haben« (Joh 10, 10): es ist der Glaube
an den Auferstandenen, der den Tod besiegt hat; es ist der Glaube an das
Blut Christi, »das mächtiger ruft als das Blut Abels« (Hebr 12, 24).
Durch das Licht und die Kraft dieses Glaubens wird sich die Kirche
angesichts der Herausforderungen der gegenwärtigen Situation stärker der
ihr vom Herrn aufgetragenen Gnade und Verantwortung bewubt, das Evangelium
vom Leben zu verkünden, zu feiern und ihm zu dienen.
II. KAPITEL
ICH BIN GEKOMMEN, DAMIT SIE DAS LEBEN HABEN
DIE CHRISTLICHE BOTSCHAFT ÜBER DAS LEBEN
»Das Leben wurde offenbart, wir haben es gesehen« (1 Joh 1, 2): der
Blick ist auf Christus, »das Wort des Lebens« gerichtet
29. Angesichts der unzähligen ernsten Bedrohungen des Lebens in der
modernen Welt könnte man von einem Gefühl unüberwindlicher Ohnmacht
übermannt werden: das Gute wird nie die Kraft haben können, das Böse zu
überwinden!
Das ist der Augenblick, in dem das Volk Gottes und in ihm jeder Gläubige
aufgerufen ist, demütig und mutig seinen Glauben an Jesus Christus, »das
Wort des Lebens« (1 Joh 1, 1), zu bekennen. Das Evangelium vom Leben ist
nicht blob eine, wenn auch originelle und tiefgründige Reflexion über
das menschliche Leben; und es ist auch nicht nur ein Gebot, dazu bestimmt,
das Gewissen zu sensibilisieren und gewichtige Veränderungen in der
Gesellschaft zu bewirken; und noch weniger ist es eine illusorische
Verheibung einer besseren Zukunft. Das Evangelium vom Leben ist eine
konkrete und personale Wirklichkeit, weil es in der Verkündigung der
Person Jesu selber besteht. Dem Apostel Thomas und in ihm jedem Menschen
zeigt sich Jesus mit den Worten: »Ich bin der Weg und die Wahrheit und
das Leben« (Joh 14, 6). Mit derselben Identität weist er sich Marta, der
Schwester des Lazarus gegenüber aus: »Ich bin die Auferstehung und das
Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der
lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben« (Joh 11, 25-26).
Jesus ist der Sohn, der von Ewigkeit her vom Vater das Leben empfängt
(vgl. Joh 5, 26) und zu den Menschen gekommen ist, um sie an diesem
Geschenk teilhaben zu lassen: »Ich bin gekommen, damit sie das Leben
haben und es in Fülle haben« (Joh 10, 10).
Vom Wort, von der Tat, und selbst von der Person Jesu wird also dem
Menschen die Möglichkeit gegeben, die ganze Wahrheit über den Wert des
menschlichen Lebens zu »erkennen«; aus jener »Quelle« erwächst ihm
insbesondere die Fähigkeit, vollkommen diese Wahrheit »zu tun« (vgl.
Joh 3, 21), das heibt, die Verantwortung zur Liebe des menschlichen Lebens
und zum Dienst an ihm, zu seiner Verteidigung und Förderung voll
anzunehmen und zu verwirklichen. Denn in Christus wird jenes bereits in
der Offenbarung des Alten Testamentes dargebotene und jedem Mann und jeder
Frau sogar irgendwie ins Herz geschriebe Evangelium vom Leben endgültig
verkündet und in seiner Fülle verschenkt; es erfüllt jedes sittliche
Bewubtsein »von Anfang an», das heibt von der Erschaffung an, so dab es
trotz der negativen Beeinflussungen durch die Sünde in seinen
wesentlichen Zügen auch von der menschlichen Vernunft erkannt werden
kann. Christus ist es, wie das II. Vatikansche Konzil schreibt, »der
durch sein ganzes Dasein und seine ganze Erscheinung, durch Worte und
Werke, durch Zeichen und Wunder, vor allem aber durch seinen Tod und seine
herrliche Auferstehung von den Toten, schlieblich durch die Sendung des
Geistes der Wahrheit die Offenbarung erfüllt und abschliebt und durch
göttliches Zeugnis bekräftigt, dab Gott mit uns ist, um uns aus der
Finsternis von Sünde und Tod zu befreien und zu ewigem Leben zu
erwecken«.22
30. Während wir den Blick auf den Herrn Jesus gerichtet haben, wollen wir
also von ihm wieder »die Worte Gottes« (Joh 3, 34) hören und neu
nachdenken über das Evangelium vom Leben. Den tieferen und
ursprünglichen Sinn dieser Meditation über die geoffenbarte Botschaft
vom menschlichen Leben hat der Apostel Johannes erfabt, als er in seinem
ersten Brief einleitend schrieb: »Was von Anfang an war, was wir gehört
haben, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut und was unsere
Hände angefabt haben, das verkünden wir: das Wort des Lebens. Denn das
Wort wurde offenbart; wir haben gesehen und bezeugen und verkünden euch
das ewige Leben, das beim Vater war und uns offenbart wurde. Was wir
gesehen und gehört haben, das verkünden wir auch euch, damit auch ihr
Gemeinschaft mit uns habt« (1, 1-3).
In Jesus, dem »Wort des Lebens«, wird also das göttliche und ewige
Leben verkündet und mitgeteilt. Durch diese Verkündigung und dieses
Geschenk gewinnt das physische und geistige Leben des Menschen auch in
seiner irdischen Phase vollen Wert und Bedeutung: das göttliche und ewige
Leben ist in der Tat das Ziel, auf das hin der in dieser Welt lebende
Mensch ausgerichtet und zu dem er berufen ist. Das Evangelium vom Leben
schliebt somit alles ein, was die menschliche Erfahrung und die Vernunft
über den Wert des menschlichen Lebens sagen, nimmt es an, erhöht es und
bringt es zur Vollendung.
»Meine Stärke und mein Lied ist der Herr, er ist für mich zum Retter
geworden« (Ex 15, 2): das Leben ist immer ein Gut
31. Die evangelische Fülle der Botschaft über das Leben ist in
Wirklichkeit schon im Alten Testament vorbereitet. Vor allem im Geschehen
des Exodus, dem Kern der Glaubenserfahrung des Alten Testamentes, entdeckt
Israel, wie kostbar sein Leben in Gottes Augen ist. Als es schon der
Ausrottung preisgegeben zu sein scheint, weil alle seine männlichen
Neugeborenen vom Tod bedroht sind (vgl. Ex 1, 15-22), offenbart sich ihm
der Herr als Retter, der den Hoffnungslosen eine Zukunft sicherzustellen
vermag. So wird in Israel ein klares Bewubtsein geboren: sein Leben ist
nicht einem Pharao ausgeliefert, der sich seiner mit despotischer Willkür
bedienen kann; es ist vielmehr das Objekt einer zärtlichen und starken
Liebe Gottes.
Die Befreiung aus der Knechtschaft ist das Geschenk einer Identität, die
Anerkennung einer unauslöschlichen Würde und der Beginn einer neuen
Geschichte, in der die Entdeckung Gottes und Selbstentdeckung miteinander
einhergehen. Das Erlebnis des Exodus ist eine exemplarische
Gründungserfahrung. Israel lernt dabei, dab es sich jedesmal, wenn es in
seiner Existenz bedroht ist, nur mit neuem Vertrauen an Gott zu wenden
braucht, um bei Ihm wirksame Hilfe zu finden: »Ich habe dich geschaffen,
du bist mein Knecht; Israel, ich vergesse dich nicht« (Jes 44, 21).
Während Israel so den Wert seiner Existenz als Volk erkennt, macht es
auch Fortschritte in der Wahrnehmung des Sinnes und Wertes des Lebens als
solchen. Eine Reflexion, die, ausgehend von der täglichen Erfahrung der
Ungewibheit des Lebens und von der Kenntnis der es gefährdenden
Bedrohungen, besonders in den Weisheitsbüchern entfaltet wird. Der Glaube
wird angesichts der Gegensätzlichkeiten des Daseins herausgefordert, eine
Antwort anzubieten.
Vor allem das Problem des Schmerzes setzt dem Glauben zu und stellt ihn
auf die Probe. Soll man etwa in der Meditation des Buches Ijob nicht das
universale Stöhnen des Menschen vernehmen? Der vom Leid geschlagene
Unschuldige ist verständlicherweise geneigt sich zu fragen: »Warum
schenkt er dem Elenden Licht und Leben denen, die verbittert sind? Sie
warten auf den Tod, der nicht kommt, sie suchen ihn mehr als verborgene
Schätze« (3, 20-21). Aber auch in der tiefsten Finsternis veranlabt der
Glaube zur vertrauensvollen und anbetenden Erkenntnis des
»Geheimnisses»: »Ich habe erkannt, dab du alles vermagst; kein Vorhaben
ist dir verwehrt« (Ijob 42, 2).
Nach und nach macht die Offenbarung mit immer gröberer Klarheit den Keim
unsterblichen Lebens begreiflich, der vom Schöpfer ins Herz der Menschen
gelegt wurde: »Gott hat das alles zu seiner Zeit auf vollkommene Weise
getan. Überdies hat er die Ewigkeit in alles hineingelegt« (Koh 3, 11).
Dieser Keim von Ganzheit und Fülle wartet darauf, sich in der Liebe zu
offenbaren und sich durch die unentgeltliche Hingabe Gottes in der
Teilhabe an seinem ewigen Leben zu verwirklichen.
»Der Name Jesu hat diesen Mann zu Kräften gebracht« (Apg 3, 16): in der
Ungewibheit des menschlichen Daseins bringt Jesus den Sinn des Lebens zur
Vollendung
32. Die Erfahrung des Bundesvolkes erneuert sich in der Erfahrung aller
»Armen», die Jesus von Nazaret begegnen. Wie schon Gott, der »Freund
des Lebens« (Weish 11, 26), Israel inmitten der Gefahren beruhigt hatte,
so verkündet nun der Gottessohn allen, die sich in ihrer Existenz bedroht
und behindert fühlen, dab auch ihr Leben ein Gut ist, dem die Liebe des
Vaters Sinn und Wert verleiht.
»Blinde sehen wieder, Lahme gehen, und Aussätzige werden rein; Taube
hören, Tote stehen auf, und den Armen wird das Evangelium verkündet«
(Lk 7, 22). Mit diesen Worten des Propheten Jesaja (35, 5-6; 61, 1) legt
Jesus die Bedeutung seiner Sendung dar: so vernehmen alle, die unter einer
irgendwie von Behinderung gekennzeichneten Existenz leiden, von ihm die
frohe Kunde von der Anteilnahme Gottes ihnen gegenüber und finden
bestätigt, dab auch ihr Leben eine in den Händen des Vaters
eifersüchtig gehütete Gabe ist (vgl. Mt 6, 25-34).
Es sind besonders die »Armen», an die sich die Verkündigung und das
Wirken Jesu richtet. Die Massen von Kranken und Ausgegrenzten, die ihm
folgen und ihn suchen (vgl. Mt 4, 23-25), finden in seinem Wort und in
seinen Taten offenbart, welch groben Wert ihr Leben besitzt und wie
begründet ihre Heilserwartungen sind.
Nicht anders geschieht es in der Sendung der Kirche seit ihren Anfängen.
Sie, die Jesus als den verkündet, der »umherzog, Gutes tat und alle
heilte, die in der Gewalt des Teufels waren; denn Gott war mit ihm« (Apg
10, 38), weib sich als Trägerin einer Heilsbotschaft, die in ihrer ganzen
Neuartigkeit gerade in den von Elend und Armut geprägten
Lebenssituationen des Menschen zu vernehmen ist. So macht es Petrus bei
der Heilung des Gelähmten, der jeden Tag an die »Schöne Pforte« des
Tempels von Jerusalem gesetzt wurde, wo er um Almosen betteln sollte:
»Silber und Gold besitze ich nicht. Doch was ich habe, das gebe ich dir:
Im Namen Jesu Christi, des Nazoräers, geh umher!« (Apg 3, 6). Im Glauben
an Jesus, den »Urheber des Lebens« (Apg 3, 15), gewinnt das verlassen
und bedauernswert daniederliegende Leben wieder Selbstbewubtsein und volle
Würde.
Das Wort und die Taten Jesu und seiner Kirche gelten nicht nur dem, der
von Krankheit, von Leiden oder von den verschiedenen Formen sozialer
Ausgrenzung betroffen ist. Tiefgehender berühren sie den eigentlichen
Sinn des Lebens jedes Menschen in seinen moralischen und geistlichen
Dimensionen. Nur wer erkennt, dab sein Leben von der Krankheit der Sünde
gezeichnet ist, kann in der Begegnung mit dem Retter Jesus die Wahrheit
und Glaubwürdigkeit der eigenen Existenz entsprechend dessen eigenen
Worten wiederfinden: »Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die
Kranken. Ich bin gekommen, um die Sünder zur Umkehr zu rufen, nicht die
Gerechten« (Lk 5, 31-32).
Wer hingegen wie der reiche Landwirt im Gleichnis des Evangeliums meint,
er könne sein Leben durch den Besitz allein der materiellen Güter
sichern, täuscht sich in Wirklichkeit: das Leben entgleitet ihm, und er
wird es sehr bald verlieren, ohne dazu gekommen zu sein, seine wahre
Bedeutung zu erfassen: »Du Narr! Noch in dieser Nacht wird man dein Leben
von dir zurückfordern. Wem wird dann all das gehören, was du angehäuft
hast?« (Lk 12, 20).
33. Im Leben Jesu selbst begegnet man von Anfang bis Ende dieser
einzigartigen »Dialektik« zwischen der Erfahrung der Gefährdung des
menschlichen Lebens und der Geltendmachung seines Wertes. Denn gefährdet
ist das Leben Jesu von seiner Geburt an. Gewib findet er Aufnahme von
seiten der Gerechten, die sich dem bereiten und freudigen »Ja« Marias
anschlieben (vgl. Lk 1, 38). Aber da ist auch sofort die Ablehnung durch
eine Welt, die feindselig auftritt und das Kind »zu töten« trachtet (Mt
2, 13) oder sich gegenüber der Erfüllung des Geheimnisses dieses Lebens,
das in die Welt eintritt, gleichgültig und achtlos verhält: »in der
Herberge war kein Platz für sie« (Lk 2, 7). Gerade aus dem Gegensatz
zwischen den Bedrohungen und Unsicherheiten einerseits und der
Mächtigkeit des Gottesgeschenkes andererseits leuchtet mit um so
gröberer Kraft die Herrlichkeit, die vom Haus in Nazaret und von der
Krippe in Betlehem ausstrahlt: dieses hier geborene Leben bedeutet Heil
für die ganze Menschheit (vgl. Lk 2, 11).
Widersprüche und Gefahren des Lebens werden von Jesus voll angenommen:
»Er, der reich war, wurde euretwegen arm, um euch durch seine Armut reich
zu machen« (2 Kor 8, 9). Die Armut, von der Paulus spricht, besteht nicht
nur darin, dab sich Jesus der göttlichen Vorrechte entäubert, sondern
auch die niedrigsten und unsichersten Bedingungen menschlichen Lebens
teilt (vgl. Phil 2, 6-7). Jesus lebt diese Armut sein ganzes Leben
hindurch bis zu dessen Höhepunkt am Kreuz: »er erniedrigte sich und war
gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott über alle
erhöht und ihm den Namen verliehen, der gröber ist als alle Namen« (Phil
2, 8-9). Gerade in seinem Tod macht Jesus die ganze Gröbe und den Wert
des Lebens offenbar, weil sein Sichhingeben am Kreuz zur Quelle neuen
Lebens für alle Menschen wird (vgl. Joh 12, 32). Auf diesem Pilger- weg
durch die Widersprüche des Lebens und selbst bei dessen Verlust läbt
sich Jesus von der Gewibheit leiten, dab es in den Händen des Vaters
liegt. Darum kann er am Kreuz zu ihm sagen: »Vater, in deine Hände lege
ich meinen Geist« (Lk 23, 46), das heibt mein Leben. Der Wert des
menschlichen Lebens ist in der Tat grob, wenn der Sohn Gottes es
angenommen und zu dem Ort gemacht hat, an dem sich das Heil für die ganze
Menschheit verwirklicht!
»Sie sind dazu bestimmt, an Wesen und Gestalt seines Sohnes teilzuhaben«
(vgl. Röm 8, 29): die Herrlichkeit Gottes leuchtet auf dem Antlitz des
Menschen
34. Das Leben ist immer ein Gut. Das ist eine intuitive Ahnung oder sogar
eine Erfahrungstatsache, deren tiefen Grund zu erfassen der Mensch berufen
ist.
Warum ist das Leben ein Gut? Die Frage durchzieht die ganze Bibel und
findet bereits auf ihren ersten Seiten eine wirkungsvolle und wunderbare
Antwort. Das Leben, das Gott dem Menschen schenkt, ist anders und
eigenständig gegenüber dem eines jeden anderen Lebewesens, weil der
Mensch, auch wenn er mit dem Staub der Erde verwandt ist (vgl. Gen 2, 7;
3, 19; Ijob 34, 15; Ps 103 1, 14; 104 2, 29), in der Welt Offenbarung
Gottes, Zeichen seiner Gegenwart, Spur seiner Herrlichkeit ist (vgl. Gen
1, 26-27; Ps 8, 6). Das wollte auch der hl. Irenäus von Lyon mit seiner
berühmten Definition unterstreichen: »Der lebendige Mensch ist die
Herrlichkeit Gottes«.23 Dem Menschen wird eine erhabene Würde geschenkt,
die ihre Wurzeln in den innigen Banden hat, die ihn mit seinem Schöpfer
verbinden: im Menschen erstrahlt ein Widerschein der Wirklichkeit Gottes
selbst.
Das führt das erste Buch der Genesis im ersten Schöpfungsbericht aus,
indem es den Menschen als Höhepunkt des Schöpfungswerkes Gottes, als
seine Krönung, an das Ende eines Prozesses stellt, der vom
unterschiedslosen Chaos zum vollkommensten Geschöpf führt. Alles in der
Schöpfung ist auf den Menschen hingeordnet und alles ist ihm
untergeordnet: »Bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht...
über alle Tiere, die sich auf dem Land regen« (1, 28), gebietet Gott dem
Mann und der Frau. Eine ähnliche Botschaft stammt auch aus dem zweiten
Schöpfungsbericht: »Gott, der Herr, nahm also den Menschen und setzte
ihn in den Garten von Eden, damit er ihn bebaue und hüte« (Gen 2, 15).
So wird die Vorrangstellung des Menschen über die Dinge bekräftigt: sie
sind auf ihn hin ausgerichtet und seiner Verantwortung anvertraut,
während er selbst unter keinen Umständen an seinesgleichen versklavt
werden und gleichsam auf die Ebene einer Sache herabgestuft werden kann.
In der biblischen Erzählung wird die Unterscheidung des Menschen von den
anderen Geschöpfen vor allem dadurch herausgestellt, dab nur seine
Erschaffung als Frucht eines besonderen Entschlusses Gottes dargestellt
wird, als Ergebnis einer Entscheidung, die in der Herstellung einer
eigenen und besonderen Verbindung mit dem Schöpfer besteht: »Lab uns
Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich« (Gen 1, 26). Das Leben,
das Gott dem Menschen anbietet, ist ein Geschenk, durch das Gott sein
Geschöpf an etwas von sich selbst teilhaben läbt.
Israel wird noch lange Fragen nach dem Sinn dieser eigenen und besonderen
Bindung des Menschen an Gott stellen. Auch das Buch Jesus Sirach räumt
ein, dab Gott die Menschen bei ihrer Erschaffung »ihm selbst ähnlich mit
Kraft bekleidet und nach seinem Abbild erschaffen hat« (17, 3). Darauf
führt der Verfasser nicht nur ihre Beherrschung der Welt zurück, sondern
auch die wesentlichsten geistigen Fähigkeiten des Menschen, wie Vernunft,
Erkenntnis von Gut und Böse, den freien Willen: »Mit kluger Einsicht
erfüllte er sie und lehrte sie, Gutes und Böses zu erkennen« (Sir 17,
7). Die Fähigkeit, Wahrheit und Freiheit zu erlangen, sind Vorrechte des
Menschen, geschaffen nach dem Abbild seines Schöpfers, des wahren und
gerechten Gottes (vgl. Dtn 32, 4). Unter allen sichtbaren Kreaturen ist
nur der Mensch »fähig, seinen Schöpfer zu erkennen und zu lieben«.24
Das Leben, das Gott dem Menschen schenkt, ist weit mehr als ein
zeitlich-irdisches Dasein. Es ist ein Streben nach einer Lebensfülle; es
ist Keim einer Existenz, die über die Grenzen der Zeit hinausgeht: »Gott
hat den Menschen zur Unvergänglichkeit erschaffen und ihn zum Bild seines
eigenen Wesens gemacht« (Weish 2, 23).
35. Auch der jahwistische Schöpfungsbericht bringt dieselbe Überzeugung
zum Ausdruck. Die ältere Erzählung spricht nämlich von einem
göttlichen Hauch, der in den Menschen geblasen wird, damit er ins Leben
trete: »Gott, der Herr, formte den Menschen aus Erde vom Ackerboden und
blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem
lebendigen Wesen« (Gen 2, 7).
Der göttliche Ursprung dieses Lebensgeistes erklärt das ständige
Unbefriedigtsein, das den Menschen in seinen Erdentagen begleitet. Da er
von Gott geschaffen wurde und eine unauslöschliche Spur Gottes in sich
trägt, trachtet der Mensch natürlich nach ihm. Jeder Mensch mub, wenn er
die tiefe Sehnsucht seines Herzens vernimmt, sich das Wort der vom hl.
Augustinus ausgesprochenen Wahrheit zu eigen machen: »Du, o Herr, hast
uns für Dich geschaffen, und unruhig ist unser Herz, bis es ruht in
Dir«.25
Äuberst vielsagend ist das Unbefriedigtsein, von dem das Leben des
Menschen im Garten Eden geplagt wird, solange sein einziger Bezug die
natürliche Welt der Pflanzen und Tiere ist (vgl. Gen 2, 20). Erst das
Auftreten der Frau, das heibt eines Wesens, das Fleisch von seinem Fleisch
und Bein von seinem Bein ist (vgl. Gen 2, 23) und in dem ebenfalls der
Geist des Schöpfergottes lebt, vermag sein Verlangen nach interpersonalem
Dialog, der für die menschliche Existenz so wichtig ist, zu befriedigen.
Im anderen, Mann oder Frau, spiegelt sich Gott selbst, endgültiger und
befriedigender Anlegepunkt jedes Menschen.
»Was ist der Mensch, dab du an ihn denkst, des Menschen Kind, dab du dich
seiner annimmst?«, fragt der Psalmist (Ps 8, 5). Angesichts der
Unermeblichkeit des Universums ist er klein und unbedeutend; aber gerade
dieser Gegensatz läbt seine Gröbe sichtbar werden: »Du hast ihn nur
wenig geringer gemacht als Gott (man könnte auch übersetzen: als die
Engel), hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt« (Ps 8, 6). Die
Herrlichkeit Gottes leuchtet auf dem Antlitz des Menschen. In ihm findet
der Schöpfer seine Ruhe, wie der hl. Ambrosius voll Erstaunen und
Ergriffenheit kommentiert: »Der sechste Tag ist zu Ende und die
Schöpfung der Welt wird mit der Gestaltung des Hauptwerkes abgeschlossen,
des Menschen, der die Herrschaft über alle Lebewesen ausübt und
gleichsam der Gipfel des Universums und die höchste Schönheit jedes
geschaffenen Wesens ist. Wir mübten wahrhaftig in verehrungsvollem
Schweigen verharren, da sich der Herr von jedem Werk der Welt ausruhte. Er
ruhte sich dann im Innern des Menschen aus, er ruhte sich aus in seinem
Verstand und seinem Denken; denn er hatte den Menschen erschaffen, ihn mit
Vernunft ausgestattet und ihn befähigt, ihn nachzuahmen, seinen Tugenden
nachzueifern, nach den himmlischen Gnaden zu dürsten. In diesen seinen
Gaben ruht Gott, der gesagt hat: 'Was wäre das für ein Ort, an dem ich
ausruhen könnte?... Ich blicke auf den Armen und Zerknirschten und auf
den, der zittert vor meinem Wort? (Jes 66, 1-2). Ich danke dem Herrn,
unserem Gott, dab er ein so wunderbares Werk geschaffen hat, in dem er den
Ort zum Ausruhen finden kann«.26
36. Leider wird Gottes herrlicher Plan durch den Einbruch der Sünde in
die Geschichte getrübt. Mit der Sünde lehnt sich der Mensch gegen den
Schöpfer auf, bis er am Ende die Geschöpfe vergöttert: »Sie beteten
das Geschöpf an und verehrten es anstelle des Schöpfers« (Röm 1, 25).
Auf diese Weise entstellt der Mensch nicht nur in sich selbst das Bild
Gottes, sondern ist versucht, es auch in den anderen dadurch zu
beleidigen, dab er die Beziehungen der Gemeinschaft durch Verhaltensweisen
wie Mibtrauen, Gleichgültigkeit, Feindschaft bis hin zum mörderischen
Hab ersetzt. Wenn man nicht Gott als Gott anerkennt, verrät man die tiefe
Bedeutung des Menschen und beeinträchtigt die Gemeinschaft der Menschen
untereinander.
Mit der Menschwerdung des Gottessohnes erstrahlt im Leben des Menschen
wieder das Bild Gottes und offenbart sich in seiner ganzen Fülle: »Er
ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes« (Kol 1, 15), »der Abglanz
seiner Herrlichkeit und das Abbild seines Wesens« (Hebr 1, 3), lebt das
vollkommene Ebenbild des Vaters.
Der dem ersten Adam übertragene Lebensplan findet schlieblich in Christus
seine Vollendung. Während der Ungehorsam Adams Gottes Plan bezüglich des
Lebens des Menschen zerstört und entstellt und den Tod in die Welt
bringt, ist der erlösende Gehorsam Christi Quelle der Gnade, die sich
über die Menschen ergiebt, indem sie für alle die Tore zum Reich des
Lebens aufreibt (vgl. Röm 5, 12-21). Der Apostel Paulus sagt: »Adam, der
Erste Mensch, wurde ein irdisches Lebewesen. Der Letzte Adam wurde
lebendigmachender Geist« (1 Kor 15, 45).
Allen, die sich zustimmend in die Nachfolge Christi stellen, wird die
Fülle des Lebens geschenkt: in ihnen wird das göttliche Bild
wiederhergestellt, erneuert und zur Vollendung geführt. Das ist der Plan
Gottes mit den Menschen: dab sie »an Wesen und Gestalt seines Sohnes
teilhaben« (Röm 8, 29). Nur so, im Glanz dieses Bildes, kann der Mensch
von der Knechtschaft des Götzendienstes befreit werden, die zerbrochene
Brüderlichkeit wiederherstellen und seine Identität wiederfinden.
»Jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben« (Joh
11, 26): das Geschenk des ewigen Lebens
37. Das Leben, das der Sohn Gottes den Menschen geschenkt hat, beschränkt
sich nicht blob auf das zeitlich-irdische Dasein. Das Leben, das von
Ewigkeit her »in ihm« und »das Licht der Menschen« ist (Joh 1, 4),
beruht darauf, dab es aus Gott geboren ist und an der Fülle seiner Liebe
teilhat: »Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu
werden, allen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht
aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus
Gott geboren sind« (Joh 1, 12-13).
Manchmal nennt Jesus dieses Leben, das zu schenken er gekommen ist,
einfach: »das Leben»; und stellt die Geburt aus Gott als eine notwendige
Bedingung dar, um das Ziel erreichen zu können, für das Gott den
Menschen erschaffen hat: »Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann
er das Reich Gottes nicht sehen« (Joh 3, 3). Das Geschenk dieses Lebens
bildet den eigentlichen Zweck der Sendung Jesu: er ist der, der »vom
Himmel herabkommt und der Welt das Leben gibt« (Joh 6, 33), so dab er mit
voller Wahrheit sagen kann: »Wer mir nachfolgt, ... wird das Licht des
Lebens haben« (Joh 8, 12).
An anderen Stellen spricht Jesus vom »ewigen Leben», wobei das Adjektiv
nicht nur auf eine überirdische Perspektive verweist. »Ewig« ist das
Leben, das Jesus verheibt und schenkt, weil es Fülle der Teilhabe am
Leben des »Ewigen« ist. Jeder, der an Jesus glaubt und in Gemeinschaft
mit ihm tritt, hat das ewige Leben (vgl. Joh 3, 15; 6, 40), weil er von
ihm die einzigen Worte hört, die seinem Dasein Lebensfülle offenbaren
und einflöben; es sind die »Worte des ewigen Lebens», die Petrus in
seinem Glaubensbekenntnis anerkennt: »Herr, zu wem sollen wir gehen? Du
hast Worte des ewigen Lebens. Wir sind zum Glauben gekommen und haben
erkannt: Du bist der Heilige Gottes« (Joh 6, 68-69). Worin dann das ewige
Leben besteht, erklärt Jesus selbst, wenn er sich im Hohenpriesterlichen
Gebet an den Vater wendet: »Das ist das ewige Leben: dich, den einzigen
wahren Gott zu erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast« (Joh 17,
3).
Gott und seinen Sohn erkennen heibt, das Geheimnis der Liebesgemeinschaft
des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes im eigenen Leben
anzunehmen, das sich schon jetzt in der Teilhabe am göttlichen Leben dem
ewigen Leben öffnet.
38. Das ewige Leben ist also das Leben Gottes selbst und zugleich das
Leben der Kinder Gottes. Immer neues Staunen und grenzenlose Dankbarkeit
müssen den Gläubigen angesichts dieser unerwarteten und
unaussprechlichen Wahrheit erfassen, die uns von Gott in Christus zuteil
wird. Der Gläubige macht sich die Worte des Apostels Johannes zu eigen:
»Wie grob die Liebe ist, die der Vater uns geschenkt hat: wir heiben
Kinder Gottes, und wir sind es... Liebe Brüder, jetzt sind wir Kinder
Gottes. Aber was wir sein werden, ist noch nicht offenbar geworden. Wir
wissen, dab wir ihm ähnlich sein werden, wenn er offenbar wird; denn wir
werden ihn sehen, wie er ist« (1 Joh 3, 1-2).
So erreicht die christliche Wahrheit über das Leben ihren Höhepunkt. Die
Würde dieses Lebens hängt nicht nur von seinem Ursprung, von seiner
Herkunft von Gott ab, sondern auch von seinem Endziel, von seiner
Bestimmung als Gemeinschaft mit Gott im Erkennen und in der Liebe zu ihm.
Im Lichte dieser Wahrheit präzisiert und vervollständigt der hl.
Irenäus seine Lobpreisung des Menschen: »Herrlichkeit Gottes« ist »der
lebendige Mensch», aber »das Leben des Menschen besteht in der Schau
Gottes«.27
Daraus erwachsen unmittelbare Konsequenzen für das menschliche Leben in
seiner irdischen Situation, in dem allerdings bereits das ewige Leben
keimt und heranwächst. Wenn der Mensch instinktiv das Leben liebt, weil
es ein Gut ist, so findet diese Liebe weitere Motivierung und Kraft, neue
Fülle und Tiefe in den göttlichen Dimensionen dieses Gutes. So gesehen
beschränkt sich die Liebe, die jeder Mensch zum Leben hat, nicht auf die
einfache Suche eines Raumes der Selbstäuberung und der Beziehung zu den
anderen, sondern sie entwickelt sich aus dem freudigen Bewubtsein, die
eigene Existenz zu dem »Ort« der Offenbarwerdung Gottes sowie der
Begegnung und der Gemeinschaft mit ihm machen zu können. Das Leben, das
Jesus uns schenkt, entwertet nicht unser zeitliches Dasein, sondern nimmt
es an und führt es seiner letzten Bestimmung zu: »Ich bin die
Auferstehung und das Leben...; jeder, der lebt und an mich glaubt, wird
auf ewig nicht sterben« (Joh 11, 25. 26).
»Für das Leben des Menschen fordere ich Rechenschaft von jedem seiner
Brüder« (Gen 9, 5): Achtung und Liebe für das Leben aller
39. Das Leben des Menschen kommt aus Gott, es ist sein Geschenk, sein
Abbild und Ebenbild, Teilhabe an seinem Lebensatem. Daher ist Gott der
einzige Herr über dieses Leben: der Mensch kann nicht darüber verfügen.
Gott selbst bekräftigt dies gegenüber Noach nach der Sintflut: »Für
das Leben des Menschen fordere ich Rechenschaft von jedem seiner Brüder«
(Gen 9, 5). Und der biblische Text ist darauf bedacht zu unterstreichen,
dab die Heiligkeit des Lebens in Gott und in seinem Schöpfungswerk
begründet ist: »Denn als Abbild Gottes hat er den Menschen gemacht«
(Gen 9, 6).
Leben und Tod des Menschen liegen also in den Händen Gottes, in seiner
Macht: »In seiner Hand ruht die Seele allen Lebens und jeden
Menschenleibes Geist«, ruft Ijob aus (12, 10). »Der Herr macht tot und
lebendig, er führt zum Totenreich hinab und führt auch herauf« (1 Sam
2, 6). Er allein kann sagen: »Ich bin es, der tötet und der lebendig
macht« (Dtn 32, 39).
Aber diese Macht übt Gott nicht als bedrohliche Willkür aus, sondern als
liebevolle Umsicht und Sorge gegenüber seinen Geschöpfen. Wenn es wahr
ist, dab das Leben des Menschen in Gottes Händen ruht, so ist es ebenso
wahr, dab es liebevolle Hände sind wie die einer Mutter, die ihr Kind
annimmt, nährt und sich um es sorgt: »Ich lieb meine Seele ruhig werden
und still; wie ein kleines Kind bei der Mutter ist meine Seele still in
dir« (Ps 131 1, 2; vgl. Jes 49, 15; 66, 12-13; Hos 11, 4). So sieht
Israel im Geschehen der Völker und im Schicksal der einzelnen nicht das
Ergebnis einer bloben Zufälligkeit oder eines blinden Schicksals, sondern
das Ergebnis eines Planes der Liebe, in den Gott sämtliche
Lebensmöglichkeiten aufnimmt und den aus der Sünde entstehenden Kräften
des Todes entgegenstellt: »Denn Gott hat den Tod nicht gemacht und hat
keine Freude am Untergang der Lebenden. Zum Dasein hat er alles
geschaffen« (Weish 1, 13-14).
40. Aus der Heiligkeit des Lebens erwächst seine Unantastbarkeit, die von
Anfang an dem Herzen des Menschen, seinem Gewissen, eingeschrieben ist.
Die Frage »Was hast du getan?« (Gen 4, 10), mit der sich Gott an Kain
wendet, nachdem dieser seinen Bruder Abel getötet hat, gibt die Erfahrung
jedes Menschen wieder: in der Tiefe seines Gewissens wird er immer an die
Unantastbarkeit des Lebens — seines Lebens und jenes der anderen —
erinnert, als Realität, die nicht ihm gehört, weil sie Eigentum und
Geschenk Gottes, des Schöpfers und Vaters, ist.
Das auf die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens bezügliche Gebot
steht im Zentrum der »zehn Worte« im Bund vom Sinai (vgl.Ex 34, 28). Es
verbietet zuallererst den Mord: »Du sollst nicht morden« (Ex 20, 13);
»Wer unschuldig und im Recht ist, den bring nicht um sein Leben« (Ex 23,
7); aber es verbietet auch — wie in der weiteren Gesetzgebung Israels
genau bestimmt wird — jede dem anderen zugefügte Verletzung (vgl. Ex
21, 12-27). Sicher mub man zugeben, dab im Alten Testament diese
Sensibilität für den Wert des Lebens, selbst wenn sie bereits so
hervorgehoben wird, noch nicht den Scharfsinn der Bergpredigt erreicht,
wie aus manchen Aspekten der damals geltenden Gesetzgebung hervorgeht, die
schwere Körperstrafen und sogar die Todesstrafe vorsah. Aber die
Gesamtbotschaft, die das Neue Testa- ment zur Vervollkommnung bringen
wird, ist ein mächtiger Appell zur Achtung der Unantastbarkeit des
physischen Lebens und der persönlichen Integrität und erreicht ihren
Höhepunkt in dem positiven Gebot, das dazu verpflichtet, seinen Nächsten
zu lieben wie sich selbst: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich
selbst« (Lev 19, 18).
41. Das Gebot »du sollst nicht töten», das in jenem positiven Gebot von
der Nächstenliebe eingeschlossen und vertieft ist, wirdvom Herrn Jesus in
seiner ganzen Gültigkeit bekräftigt. Dem reichen Jüngling, der ihn
fragt: »Meister, was mub ich Gutes tun, um das ewige Leben zu
gewinnen?», antwortet er: »Wenn du das Leben erlangen willst, halte die
Gebote!« (Mt 19, 16.17). Und als erstes nennt er das Gebot »du sollst
nicht töten« (Mt 19, 18). In der Bergpredigt verlangt Jesus von den
Jüngern auch im Bereich der Achtung vor dem Leben eine höhere
Gerechtigkeit als die der Schriftgelehrten und Pharisäer: »Ihr habt
gehört, dab zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; wer
aber jemand tötet, soll dem Gericht verfallen sein. Ich aber sage euch:
Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen
sein« (Mt 5, 21-22).
Durch sein Wort und sein Tun verdeutlicht Jesus die positiven Forderungen
des Gebots von der Unantastbarkeit des Lebens noch weiter. Sie waren
bereits im Alten Testament vorhanden, wo es der Gesetzgebung darum ging,
Daseinsbeziehungen schwachen und bedrohten Lebens zu gewährleisten und es
zu schützen: den Fremden, die Witwe, den Waisen, den Kranken, überhaupt
den Armen, ja selbst das Leben vor der Geburt (vgl. Ex 21, 22; 22, 20-26).
Mit Jesus erlangen diese positiven Forderungen neue Kraft und neuen
Schwung und werden in ihrer ganzen Weite und Tiefe offenbar: sie reichen
von der Sorge um das Leben des Bruders (des Familienangehörigen, des
Angehörigen desselben Volkes, des Ausländers, der im Land Israel wohnt)
zur Sorge um den Fremden bis hin zur Liebe des Feindes.
Der Fremde ist nicht länger ein Fremder für den, der für einen anderen
Menschen in Not zum Nächsten werden mub, bis zu dem Punkt, dab er die
Verantwortung für sein Leben übernimmt, wie das Gleichnis vom
barmherzigen Samariter sehr anschaulich und einprägsam schildert (vgl. Lk
10, 25-37). Auch der Feind ist für den kein Feind mehr, der ihn zu lieben
(vgl. Mt 5, 38-48; Lk 6, 27-35) und dem er »Gutes zu tun« verpflichtet
ist (vgl. Lk 6, 27. 33. 35), indem er auf die Nöte seines Lebens rasch
und in der Gesinnung der Unentgeltlichkeit eingeht (vgl. Lk 6, 34-35).
Höhepunkt dieser Liebe ist das Gebet für den Feind, durch das man sich
mit der sorgenden Liebe Gottes in Einklang bringt: »Ich aber sage euch:
Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne
eures Vaters im Himmel werdet; denn er läbt seine Sonne aufgehen über
Bösen und Guten, und er läbt regnen über Gerechte und Ungerechte« (Mt
5, 44-45; vgl. Lk 6, 28. 35).
Gottes Gebot zum Schutz des Lebens des Menschen hat also seinen tiefsten
Aspekt in der Forderung von Achtung und Liebe gegenüber jedem Menschen
und seinem Leben. Mit dieser Lehre wendet sich der Apostel Paulus an die
Christen von Rom, indem er dem Wort Jesu (vgl. Mt 19, 17-18) beistimmt:
»Denn die Gebote: Du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht
töten, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht begehren!, und alle
anderen Gebote sind in dem einen Satz zusammengefabt: Du sollst deinen
Nächsten lieben wie dich selbst. Die Liebe tut dem Nächsten nichts
Böses. Also ist die Liebe die Erfüllung des Gesetzes« (Röm 13, 9-10).
»Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie
euch« (Gen 1, 28): die Verantwortung des Menschen gegenüber dem Leben
42. Das Leben zu verteidigen und zu fördern, in Ehren zu halten und zu
lieben ist eine Aufgabe, die Gott jedem Menschen aufträgt, wenn er ihn
als sein pulsierendes Abbild zur Teilhabe an seiner Herrschaft über die
Welt beruft: »Gott segnete sie und sprach: "Seid fruchtbar und
vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch, und herrscht
über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle
Tiere, die sich auf dem Land regen"« (Gen 1, 28).
Der biblische Text legt die Weite und Tiefe der Herrschaft an den Tag, die
Gott dem Menschen schenkt. Es geht zunächst um die Herrschaft über die
Erde und über alle Tiere, wie das Buch der Weisheit erwähnt: »Gott der
Väter und Herr des Erbarmens... den Menschen hast du durch deine Weisheit
erschaffen, damit er über deine Geschöpfe herrscht. Er soll die Welt in
Heiligkeit und Gerechtigkeit leiten« (9, 1. 2-3). Auch der Psalmist
preist die Herrschaft des Menschen als Zeichen der vom Schöpfer
empfangenen Herrlichkeit und Ehre: »Du hast ihn als Herrscher eingesetzt
über das Werk deiner Hände, hast ihm alles zu Füben gelegt: All die
Schafe, Ziegen und Rinder und auch die wilden Tiere, die Vögel des
Himmels und die Fische im Meer, alles, was auf den Pfaden der Meere
dahinzieht« (Ps 8. 7-9).
Der Mensch, der berufen wurde, den Garten der Welt zu bebauen und zu
hüten (vgl. Gen 2, 15), hat eine besondere Verantwortung für die
Lebensumwelt, das heibt für die Schöpfung, die Gott in den Dienst seiner
personalen Würde, seines Lebens gestellt hat: Verantwortung nicht nur in
bezug auf die gegenwärtige Menschheit, sondern auch auf die künftigen
Generationen. Die ökologische Frage — von der Bewahrung des
natürlichen Lebensraumes der verschiedenen Tierarten und der
vielfältigen Lebensformen bis zur »Humanökologie« im eigentlichen
Sinne des Wortes 28 — findet in dem Bibeltext eine einleuchtende und
wirksame ethische Anleitung für eine Lösung, die das grobe Gut des
Lebens, jeden Lebens, achtet. In Wirklichkeit ist »die vom Schöpfer dem
Menschen anvertraute Herrschaft keine absolute Macht noch kann man von der
Freiheit sprechen, sie zu 'gebrauchen oder mibbrauchen' oder über die
Dinge zu verfügen, wie es beliebt. Die Beschränkung, die der Schöpfer
selber von Anfang an auferlegt hat, ist symbolisch in dem Verbot
enthalten, 'von der Frucht des Baumes zu essen' (vgl. Gen 2, 16-17); sie
zeigt mit genügender Klarheit, dab wir im Hinblick auf die sichtbare
Natur nicht nur biologischen, sondern auch moralischen Gesetzen
unterworfen sind, die man nicht ungestraft übertreten darf«.29
43. Eine gewisse Teilhabe des Menschen an der Herrschaft Gottes offenbart
sich auch in der besonderen Verantwortung, die ihm gegenüber dem
eigentlich menschlichen Leben anvertraut wird. Eine Verantwortung, die
ihren Höhepunkt in der Weitergabe des Lebens durch die Zeugung seitens
des Mannes und der Frau in der Ehe erreicht, wie das II. Vatikanische
Konzil ausführt: »Derselbe Gott, der gesagt hat: 'Es ist nicht gut, dab
der Mensch allein sei' (Gen 2, 18), und der 'den Menschen von Anfang an
als Mann und Frau schuf' (Mt 19, 4), wollte ihm eine besondere Teilnahme
an seinem schöpferischen Wirken verleihen, segnete darum Mann und Frau
und sprach: 'Wachset und vermehrt euch' (Gen 1, 28)«.30
Wenn das Konzil von »einer besonderen Teilnahme« von Mann und Frau am
»schöpferischen Wirken« Gottes spricht, will es hervorheben, dab die
Zeugung des Kindes ein zutiefst menschliches und in hohem Mabe religiöses
Ereignis ist, weil sie die Ehegatten, die »ein Fleisch« werden (Gen 2,
24), und zugleich Gott selber hineinzieht, der gegenwärtig ist. Wenn, wie
ich in meinem Brief an die Familien geschrieben habe, »aus der ehelichen
Vereinigung der beiden ein neuer Mensch entsteht, so bringt er ein
besonderes Abbild Gottes, eine besondere Ähnlichkeit mit Gott selber in
die Welt: in die Biologie der Zeugung ist die Genealogie der Person
eingeschrieben. Wenn wir sagen, die Ehegatten seien als Eltern bei der
Empfängnis und Zeugung eines neuen Menschen Mitarbeiter des
Schöpfergottes, beziehen wir uns nicht einfach auf die Gesetze der
Biologie; wir wollen vielmehr hervorheben, dab in der menschlichen
Elternschaft Gott selber in einer anderen Weise gegenwärtig ist als bei
jeder anderen Zeugung »auf Erden«. Denn nur von Gott kann jenes »Abbild
und jene Ähnlichkeit« stammen, die dem Menschen wesenseigen ist, wie es
bei der Schöpfung geschehen ist. Die Zeugung ist die Fortführung der
Schöpfung«.31
Das lehrt in direkter und beredter Sprache der Bibeltext, wenn er vom
Freudenschrei der ersten Frau, der »Mutter aller Lebendigen« (Gen 3,
20), berichtet. Eva, die sich des Eingreifens Gottes bewubt ist, ruft aus:
»Ich habe einen Mann vom Herrn erworben« (Gen 4, 1). Durch die
Weitergabe des Lebens von den Eltern an das Kind wird also bei der Zeugung
dank der Erschaffung der unsterblichen Seele 32 das Abbild und Gleichnis
Gottes selbst übertragen. In diesem Sinne heibt es zu Beginn der »Liste
der Geschlechterfolge nach Adam«: »Am Tag, da Gott den Menschen erschuf,
machte er ihn Gott ähnlich. Als Mann und Frau erschuf er sie, er segnete
sie und nannte sie Mensch an dem Tag, da sie erschaffen wurden. Adam war
hundertdreibig Jahre alt, da zeugte er einen Sohn, der ihm ähnlich war,
wie sein Abbild, und nannte ihn Set« (Gen 5, 1-3). Auf dieser ihrer Rolle
von Mitarbeitern Gottes, der sein Bild auf das neue Geschöpf überträgt,
beruht gerade die Gröbe der Eheleute, die bereit sind »zur Mitwirkung
mit der Liebe des Schöpfers und Erlösers, der durch sie seine eigene
Familie immer mehr vergröbert und bereichert«.33 In diesem Licht pries
Bischof Amphilochios die »heilige, erwählte und über alle irdischen
Gaben erhabene Ehe« als »Erzeuger der Menschheit, Urheber von
Ebenbildern Gottes«.34
So werden Mann und Frau nach Vereinigung in der Ehe zu Teilhabern am
göttlichen Werk: durch den Zeugungsakt wird Gottes Geschenk angenommen,
und ein neues Leben öffnet sich der Zukunft.
Aber über den spezifischen Auftrag der Eltern hinaus betrifft die
Aufgabe, das Leben anzunehmen und ihm zu dienen, alle und mub sich vor
allem gegenüber dem im Zustand gröbter Schwachheit befindlichen Leben
erweisen. Christus selber erinnert uns daran, wenn er verlangt, dab man
ihn liebt und ihm in den von jeder Art von Leid heimgesuchten Brüdern
dient: Hungernden, Dürstenden, Fremden, Nackten, Kranken, Gefangenen...
Was einem jeden von ihnen getan wird, wird Christus selbst getan (vgl. Mt
25, 31-46).
»Du hast mein Inneres geschaffen« (Ps 139 2, 13): die Würde des
ungeborenen Kindes
44. Das menschliche Leben befindet sich in einer Situation grober
Gefährdung, wenn es in die Welt eintritt und wenn es das irdische Dasein
verläbt, um in den Hafen der Ewigkeit einzugehen. Die Aufforderungen zu
Sorge und Achtung vor allem gegenüber dem von Krankheit und Alter
gefährdeten Sein sind im Wort Gottes sehr wohl vorhanden. Wenn es an
direkten und ausdrücklichen Aufforderungen zum Schutz des menschlichen
Lebens in seinen Anfängen, insbesondere des noch ungeborenen wie auch des
zu Ende gehenden Lebens fehlt, so läbt sich das leicht daraus erklären,
dab schon allein die Möglichkeit, das Leben in diesen Situationen zu
verletzen, anzugreifen oder gar zu leugnen, der religiösen und
kulturellen Sicht des Gottesvolkes fremd ist.
Im Alten Testament wird die Unfruchtbarkeit als ein Fluch gefürchtet,
während die zahlreiche Nachkommenschaft als ein Segen empfunden wird:
»Kinder sind eine Gabe des Herrn, die Frucht des Leibes ist sein
Geschenk« (Ps 127 3, 3; vgl. Ps 128 4, 3-4). Eine Rolle spielt bei dieser
Überzeugung auch das Bewubtsein Israels, das Volk des Bundes und berufen
zu sein, sich gemäb der an Abraham ergangenen Verheis- sung zu vermehren:
»Sieh doch zum Himmel hinauf, und zähl die Sterne, wenn du sie zählen
kannst... So zahlreich werden deine Nachkommen sein« (Gen 15, 5). Wirksam
ist aber vor allem die Gewibheit, dab das von den Eltern weitergegebene
Leben seinen Ursprung in Gott hat, wie die vielen Bibelstellen bezeugen,
die voll Achtung und Liebe von der Empfängnis, von der Formung des Lebens
im Mutterleib, von der Geburt und von der engen Verbindung sprechen, die
zwischen dem Anfang des Seins und dem Tun Gottes, des Schöpfers, besteht.
»Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen, noch
ehe du aus dem Mutterschob hervorkamst, habe ich dich geheiligt« (Jer 1,
5): die Existenz jedes einzelnen Menschen ist von ihren Anfängen an im
Plan Gottes vorgegeben. Ijob in seinem tiefen Schmerz hält inne, um eine
Betrachtung anzustellen über das Wirken Gottes bei der wunderbaren
Formung seines Leibes im Schob der Mutter; daraus schliebt er den Grund
der Zuversicht und äubert die Gewibheit, dab es einen göttlichen Plan
für sein Leben gebe: »Deine Hände haben mich gebildet, mich gemacht;
dann hast du dich umgedreht und mich vernichtet. Denk daran, dab du wie
Ton mich geschaffen hast. Zum Staub willst du mich zurückkehren lassen.
Hast du mich nicht ausgegossen wie Milch, wie Käse mich gerinnen lassen?
Mit Haut und Fleisch hast du mich umkleidet, mit Knochen und Sehnen mich
durchflochten. Leben und Huld hast du mir verliehen, deine Obhut schützte
meinen Geist« (10, 8-12). Hinweise anbetenden Staunens über Gottes
Eingreifen bei der Bildung des Lebens im Mutterleib finden sich auch in
den Psalmen.35
Wie sollte man annehmen, dab auch nur ein Augenblick dieses wundervollen
Prozesses des Hervorquellens des Lebens dem weisen und liebevollen Wirken
des Schöpfers entzogen sein und der Willkür des Menschen überlassen
bleiben könnte? Die Mutter der sieben Brüder ist jedenfalls nicht dieser
Meinung: sie bekennt ihren Glauben an Gott, Anfang und Gewähr des Lebens
von seiner Empfängnis an und zugleich Grund der Hoffnung auf das neue
Leben über den Tod hinaus: »Ich weib nicht, wie ihr in meinem Leib
entstanden seid, noch habe ich euch Atem und Leben geschenkt; auch habe
ich keinen von euch aus den Grundstoffen zusammengefügt. Nein, der
Schöpfer der Welt hat den werdenden Menschen geformt, als er entstand; er
kennt die Entstehung aller Dinge. Er gibt euch gnädig Atem und Leben
wieder, weil ihr jetzt um seiner Gesetze willen nicht auf euch achtet« (2
Makk 7, 22-23).
45. Die Offenbarung des Neuen Testamentes bestätigt dieunbestrittene
Anerkennung des Wertes des Lebens von seinen Anfängen an. Die Lobpreisung
der Fruchtbarkeit und die beflissene Erwartung des Lebens sind aus den
Worten herauszuhören, mit denen Elisabet ihrer Freude über ihre
Schwangerschaft Ausdruck verleiht: »Der Herr... hat gnädig auf mich
geschaut und mich von der Schande befreit« (Lk 1, 25). Aber noch
deutlicher verherrlicht wird der Wert der Person von ihrer Empfängnis an
in der Begegnung zwischen der Jungfrau Maria und Elisabet und zwischen den
beiden Kindern, die sie im Schob tragen. Es sind gerade die Kinder, die
den Anbruch des messianischen Zeitalters offenbaren: in ihrer Begegnung
beginnt die erlösende Kraft der Anwesenheit des Gottessohnes unter den
Menschen wirksam zu werden. »Sogleich — schreibt der hl. Ambrosius —
machen sich die Segnungen des Kommens Marias und der Gegenwart des Herrn
bemerkbar... Elisabet hörte als erste die Stimme, aber Johannes nahm als
erster die Gnade wahr; sie hörte nach den Gesetzen der Natur, er hörte
kraft des Geheimnisses; sie bemerkte die Ankunft Marias, er die des Herrn:
die Frau die Ankunft der Frau, das Kind die Ankunft des Kindes. Die Frauen
sprechen von den empfangenen Gnaden, die Kinder im Schob der Mütter
verwirklichen die Gnade und das Geheimnis der Barmherzigkeit zum Nutzen
der Mütter selber: und diese sprechen auf Grund eines zweifachen Wunders
unter der Inspiration der Kinder, die sie tragen, Prophezeiungen aus. Von
dem Sohn heibt es, dab er sich freute, von der Mutter, dab sie vom
Heiligen Geist erfüllt wurde. Nicht die Mutter wurde zuerst vom Heiligen
Geist erfüllt, sondern der vom Heiligen Geist erfüllte Sohn war es, der
auch die Mutter mit ihm erfüllte«.36
»Voll Vertrauen war ich, auch wenn ich sagte: Ich bin so tief gebeugt« (Ps
116 1, 10): das Leben im Alter und im Leiden
46. Auch was die letzten Augenblicke der Existenz betrifft, wäre es
anachronistisch, aus der biblischen Offenbarung einen ausdrücklichen
Bezug auf die aktuelle Problematik der Achtung der alten und kranken
Menschen und eine ausdrückliche Verdammung von Versuchen zu erwarten, das
Ende gewaltsam vorwegzunehmen: denn wir befinden uns hier in einem
kulturellen und religiösen Umfeld, das einer derartigen Versuchung nicht
ausgesetzt ist, sondern, was den alten Menschen betrifft, in seiner
Weisheit und Erfahrung einen unersetzlichen Reichtum für die Familie und
die Gesellschaft erkennt.
Das Alter wird von Ansehen gekennzeichnet und von Achtung umgeben (vgl. 2
Makk 6, 23). Und der Gerechte bittet nicht darum, vom Alter und seiner
Last verschont zu bleiben; er betet im Gegenteil so: »Herr, mein Gott, du
bist ja meine Zuversicht, meine Hoffnung von Jugend auf... Auch wenn ich
alt und grau bin, o Gott, verlab mich nicht, damit ich von deinem
machtvollen Arm der Nachwelt künde, den kommenden Geschlechtern von
deiner Stärke« (Ps 71 2, 5. 18). Das Ideal der messianischen Zeit wird
als das hingestellt, in dem »es keinen... Greis 3, der nicht das volle
Alter erreicht« (Jes 65, 20).
Aber wie soll man im Alter dem unvermeidlichen Verfall des Lebens
begegnen? Wie soll man sich dem Tod gegenüber verhalten? Der Gläubige
weib, dab sein Leben in Gottes Händen ruht: »Herr, du hältst mein Los
in deinen Händen« (vgl. Ps 16 4, 5), und nimmt auch das Sterben von ihm
an: »Er (der Tod) ist das Los, das allen Sterblichen von Gott bestimmt
ist. Was sträubst du dich gegen das Gesetz des Höchsten?« (Sir 41, 4).
Wie der Mensch nicht Herr über das Leben ist, so auch nicht über den
Tod; sowohl in seinem Leben wie in seinem Tod mub er sich ganz dem
»Willen des Höchsten«, seinem Plan der Liebe anvertrauen.
Auch zum Zeitpunkt der Krankheit ist der Mensch aufgerufen, dasselbe
Vertrauen zum Herrn zu leben und seine grundsätzliche Zuversicht in ihn
zu erneuern, der »alle Gebrechen heilt« (vgl. Ps 103 5, 3). Selbst dann,
wenn sich vor dem Menschen jede Aussicht auf Gesundheit zu verschlieben
scheint — so dab er sich veranlabt sieht auszurufen: »Meine Tage
schwinden dahin wie Schatten, ich verdorre wie Gras« (Ps 102 6, 12) —,
ist der Gläubige von dem unerschütterlichen Glauben an die
lebenspendende Macht Gottes erfüllt. Die Krankheit treibt ihn nicht zur
Verzweiflung und auf die Suche nach dem Tod, sondern zu dem
hoffnungsvollen Ausruf: »Voll Vertrauen war ich, auch wenn ich sagte: Ich
bin tief gebeugt« (Ps 116 7, 10); »Herr, mein Gott, ich habe zu dir
geschrien, und du hast mich geheilt. Herr, du hast mich herausgeholt aus
dem Reich des Todes, aus der Schar der Todgeweihten mich zum Leben
gerufen« (Ps 30 8, 3-4).
47. Die Sendung Jesu zeigt mit den zahlreichen von ihm vollbrachten
Krankenheilungen an, wie sehr Gott auch das physische Leben des Menschen
am Herzen liegt. »Als Leib- und Seelenarzt« 37 wird Jesus vom Vater
gesandt, den Armen die Frohe Botschaft zu verkünden und alle zu heilen,
deren Herz zerbrochen ist (vgl. Lk 4, 18; Jes 61, 1). Als er dann seine
Jünger in die Welt sendet, erteilt er ihnen einen Auftrag, in dem die
Heilung der Kranken mit der Verkündigung des Evangeliums einhergehen
soll: »Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe. Heilt Kranke, weckt
Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus!« (Mt 10, 7-8; vgl.
Mk 6, 13; 16, 18).
Sicher ist für den Gläubigen das physische Leben in seinem irdischen
Zustand kein Absolutum, so dab von ihm gefordert werden kann, es um eines
höheren Gutes willen aufzugeben; denn, wie Jesus sagt, »wer sein Leben
retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen und um
des Evangeliums willen verliert, wird es retten« (Mk 8, 35). Dazu gibt es
im Neuen Testa- ment eine Reihe von Zeugnissen. Jesus zögert nicht, sich
selbst zu opfern und macht freiwillig sein Leben zu einer Opfergabe an den
Vater (vgl. Joh 10, 17) und an die Seinen (vgl. Joh 10, 15). Auch der Tod
Johannes des Täufers, des Vorläufers des Erlösers, bezeugt, dab das
irdische Leben nicht das absolute Gut ist: wichtiger ist die Treue zum
Wort des Herrn, auch wenn sie das Leben aufs Spiel setzen kann (vgl. Mk 6,
17-29). Und Stephanus, während er als treuer Zeuge der Auferstehung des
Herrn das irdische Leben verliert, folgt dem Beispiel des Meisters und
geht mit den Worten der Vergebung auf die zu, die ihn steinigen (vgl. Apg
7, 59-60), womit er den Weg für die zahllose Schar von Märtyrern
öffnet, die von der Kirche von Anfang an verehrt werden.
Kein Mensch darf jedoch willkürlich über Leben oder Tod entscheiden;
denn absoluter Herr über eine solche Entscheidung ist allein der
Schöpfer, der, »in dem wir leben, uns bewegen und sind« (Apg 17, 28).
»Alle, die an ihm festhalten, finden das Leben« (Bar 4, 1): vom Gesetz
des Sinai zur Spendung des Geistes
48. Das Leben trägt unauslöschlich eine ihm wesenseigene Wahrheit in
sich. Der Mensch mub sich, wenn er das Geschenk Gottes annimmt, bemühen,
das Leben in dieser Wahrheit zu erhalten, die für jenes wesentlich ist.
Die Abwendung von ihr ist gleichbedeutend mit der eigenen Verurteilung zu
Bedeutungslosigkeit und Unglück, was zur Folge hat, dab man auch zu einer
Bedrohung für das Leben anderer werden kann, sobald die Schutzdämme
niedergerissen sind, die in jeder Situation die Achtung und Verteidigung
des Lebens garantieren.
Die dem Leben eigene Wahrheit wird vom Gebot Gottes geoffenbart. Das Wort
des Herrn gibt konkret an, welcher Richtung das Leben folgen mub, um seine
Wahrheit respektieren und seine Würde schützen zu können. Nicht nur das
spezifische Gebot »du sollst nicht töten« (Ex 20, 13; Dtn 5, 17)
gewährleistet den Schutz des Lebens: das ganze Gesetz des Herrn steht im
Dienst dieses Schutzes, weil es jene Wahrheit offenbart, in der das Leben
seine volle Bedeutung findet.
Es verwundert daher nicht, dab der Bund Gottes mit seinem Volk so stark an
die Perspektive des Lebens, auch in seiner physischen Dimension, gebunden
ist. Das Gebot wird in ihm als Weg des Lebens angeboten: »Hiermit lege
ich dir heute das Leben und das Glück, den Tod und das Unglück vor. Wenn
du auf die Gebote des Herrn, deines Gottes, auf die ich dich heute
verpflichte, hörst, indem du den Herrn, deinen Gott, liebst, auf seinen
Wegen gehst und auf seine Gebote, Gesetze und Rechtsvorschriften achtest,
dann wirst du leben und zahlreich werden, und der Herr, dein Gott, wird
dich in dem Land, in das du hineinziehst, um es in Besitz zu nehmen,
segnen« (Dtn 30, 15-16). Hier geht es nicht nur um das Land Kanaan und um
die Existenz des Volkes Israel, sondern um die heutige und zukünftige
Welt und um die Existenz der ganzen Menschheit. Denn es ist absolut
unmöglich, dab das Leben voll glaubwürdig bleibt, wenn es sich vom Guten
entfernt; und das Gute wiederum ist wesentlich an die Gebote des Herrn
gebunden, das heibt an das »lebenspendende Gesetz« (Sir 17, 11). Das
Gute, das erfüllt werden soll, kommt nicht wie eine beschwerende Last zum
Leben hinzu, weil der Grund des Lebens selbst ja das Gute ist und das
Leben nur durch die Erfüllung des Guten aufgebaut wird.
Das Gesetz in seiner Gesamtheit schützt also voll das Leben des Menschen.
Daraus erklärt sich, wie schwierig es ist, sich getreu an das Gebot »du
sollst nicht töten« zu halten, wenn die anderen »Worte des Lebens« (Apg
7, 38), mit denen dieses Gebot zusammenhängt, nicht eingehalten werden.
Auberhalb dieser Sichtweise wird das Gebot schlieblich zu einer blob
äuberlichen Verpflichtung, deren Grenzen sehr rasch sichtbar werden und
für die man nach Abschwächungen oder Ausnahmen suchen wird. Nur wenn man
sich der Fülle der Wahrheit über Gott, über den Menschen und über die
Geschichte öffnet, erstrahlt das Wort »du sollst nicht töten« wieder
als Gut für den Menschen in allen seinen Dimensionen und Beziehungen. Aus
dieser Sicht können wir die Wahrheitsfülle begreifen, die in der Stelle
des Buches Deuteronomium enthalten ist, die Jesus in der Antwort auf die
erste Versuchung aufgreift: »Der Mensch lebt nicht nur von Brot,
sondern... von allem, was der Mund des Herrn spricht« (8, 3; vgl. Mt 4,
4).
Wenn der Mensch das Wort des Herrn hört, kann er würdig und gerecht
leben; wenn der Mensch das Gesetz Gottes befolgt, kann er Früchte bringen
an Leben und Glück: »Alle, die an ihm festhalten, finden das Leben; doch
alle, die es verlassen, verfallen dem Tod« (Bar 4, 1).
49. Die Geschichte Israels zeigt, wie schwierig es ist, die Treue zum
Gesetz vom Leben aufrechtzuerhalten, das Gott den Menschen ins Herz
geschrieben und dem Bundesvolk am Berg Sinai anvertraut hat. Angesichts
der Suche nach alternativen Lebensprojekten zum Plan Gottes weisen
insbesondere die Propheten mit Nachdruck darauf hin, dab allein der Herr
die authentische Quelle des Lebens ist. So schreibt Jeremia: »Mein Volk
hat doppeltes Unrecht verübt: Mich hat es verlassen, den Quell des
lebendigen Wassers, um sich Zisternen zu graben, Zisternen mit Rissen, die
das Wasser nicht halten« (2, 13). Die Propheten weisen mit anklagendem
Finger auf alle, die das Leben mibachten und die Rechte der Menschen
verletzen: »Sie treten die Kleinen in den Staub« (Am 2, 7); »Mit dem
Blut Unschuldiger haben sie diesen Ort angefüllt« (Jer 19, 4). Und unter
ihnen prangert der Prophet Ezechiel wiederholt die Stadt Jerusalem an und
nennt sie »die Stadt voll Blutschuld« (22, 2; 24, 6.9), die »Stadt, die
in ihrer Mitte Blut vergiebt« (22, 3).
Aber während die Propheten die Angriffe auf das Leben anzeigen, kümmern
sie sich vor allem darum, die Erwartung eines neuen Lebensprinzips
anzuregen, das in der Lage ist, eine erneuerte Beziehung zu Gott und zu
den Schwestern und Brüdern zu begründen. So eröffnen sie noch
unbekannte und auberordentliche Möglichkeiten für das Verständnis und
die Verwirklichung aller im Evangelium vom Leben enthaltenen Forderungen.
Das wird einzig und allein dank der Gabe Gottes möglich sein, die reinigt
und erneuert: »Ich giebe reines Wasser über euch aus, dann werdet ihr
rein. Ich reinige euch von aller Unreinheit und von allen euren Götzen.
Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch« (Ez
36, 25-26; vgl. Jer 31, 31-34). Dank dieses »neuen Herzens« vermag man
den eigentlichen und tiefsten Sinn des Lebens zu begreifen und zu
verwirklichen: nämlich eine Gabe zu sein, die sich in der Hingabe
erfüllt. Das ist die lichtvolle Botschaft über den Wert des Lebens, die
uns von der Gestalt des Gottesknechtes zuteil wird: »Der Herr rettete
den, der sein Leben als Sühneopfer hingab. Er wird Nachkommen sehen und
lange leben... Nachdem er vieles ertrug, erblickt er das Licht« (Jes 53,
10. 11).
In der Person Jesu von Nazaret erfüllt sich das Gesetz, und durch seinen
Geist wird uns das neue Herz geschenkt. Jesus hebt nämlich das Gesetz
nicht auf, sondern bringt es zur Erfüllung (vgl. Mt 5, 17): Gesetz und
Propheten lassen sich in der goldenen Regel von der gegenseitigen Liebe
zusammenfassen (vgl. Mt 7, 12). In Ihm wird das Gesetz endgültig zum
»Evangelium«, zur Frohbotschaft von der Herrschaft Gottes über die
Welt, die das ganze Dasein auf seine Wurzeln und seine ursprünglichen
Perspektiven zurückführt. Es ist das Neue Gesetz, »das Gesetz des
Geistes und des Lebens in Christus Jesus« (Röm 8, 2), dessen
grundlegender Ausdruck — in Nachahmung des Herrn, der sein Leben hingibt
für seine Freunde (vgl. Joh 15, 13) — die Selbsthingabe in der Liebe zu
den Schwestern und Brüdern ist: »Wir wissen, dab wir aus dem Tod in das
Leben hinübergegangen sind, weil wir die Brüder lieben« (1 Joh 3, 14).
Es ist das Gesetz der Freiheit, der Freude und der Seligkeit.
»Sie werden auf den blicken, den sie durchbohrt haben« (Joh 19, 37): am
Stamm des Kreuzes erfüllt sich das Evangelium vom Leben
50. Zum Abschlub dieses Kapitels, in dem wir Betrachtungen zur
christlichen Botschaft über das Leben angestellt haben, möchte ich mit
einem jeden von euch innehalten, um uns in den zu versenken, den sie
durchbohrt haben und der alle an sich zieht (vgl. Joh 19, 37; 12, 32).
Wenn wir »das Schauspiel« der Kreuzigung (vgl. Lk 23, 48) betrachten,
werden wir an diesem glorreichen Stamm die Erfüllung und volle
Offenbarung des ganzen Evangeliums vom Leben entdecken können.
In den frühen Nachmittagsstunden des Karfreitag, »brach eine Finsternis
über das ganze Land herein... Die Sonne verdunkelte sich. Der Vorhang im
Tempel rib mitten entzwei« (Lk 23, 44. 45). Das ist das Symbol einer
gewaltigen kosmischen Umwälzung und eines schrecklichen Kampfes zwischen
den Mächten des Guten und den Mächten des Bösen, zwischen Leben und
Tod. Auch wir befinden uns heute inmitten eines dramatischen Kampfes
zwischen der »Kultur des Todes« und der »Kultur des Lebens«. Aber von
dieser Finsternis wird der Glanz des Kreuzes nicht verdunkelt; ja, dieses
hebt sich noch klarer und leuchtender ab und offenbart sich als
Mittelpunkt, Sinn und Vollendung der ganzen Geschichte und jedes
Menschenlebens.
Der an das Kreuz genagelte Jesus wird erhöht. Er erlebt den Augenblick
seiner gröbten »Ohnmacht«, und sein Leben scheint völlig dem Hohn und
Spott seiner Widersacher und den Händen seiner Mörder preisgegeben zu
sein: er wird verspottet, verhöhnt, geschmäht (vgl. Mk 15, 24-36). Doch
gerade angesichts all dessen ruft der römische Hauptmann aus, als er
»ihn auf diese Weise sterben sah«: »Wahrhaftig, dieser Mensch war
Gottes Sohn!« (Mk 15, 39). So wird im Augenblick seiner äubersten
Schwachheit die Identität des Gottessohnes offenbar: am Kreuz offenbart
sich seine Herrlichkeit!
Durch seinen Tod erhellt Jesus den Sinn des Lebens und des Todes jedes
Menschen. Vor seinem Tod betet Jesus zum Vater und ruft ihn um Vergebung
für seine Verfolger an (vgl. Lk 23, 34), und dem Verbrecher, der ihn
bittet, an ihn zu denken, wenn er in sein Reich kommt, antwortet er:
»Amen, das sage ich dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein«
(Lk 23, 43). Nach seinem Tod »öffneten sich die Gräber, und die Leiber
vieler Heiligen, die entschlafen waren, wurden auferweckt« (Mt 27, 52).
Das von Jesus gewirkte Heil ist Geschenk des Lebens und der Auferstehung.
Während seines Erdendaseins hatte Jesus auch Heil geschenkt, indem er
alle heilte und segnete (vgl. Apg 10, 38). Aber die Wunder, die
Krankenheilungen und selbst die Auferweckungen waren Zeichen für ein
anderes Heil, das in der Vergebung der Sünden, das heibt in der Befreiung
des Menschen von der tiefsten Krankheit, und in seiner Erhebung zum Leben
Gottes selbst besteht.
Am Kreuz erneuert und verwirklicht sich in seiner ganzen, endgültigen
Vollendung das Wunder von der von Mose in der Wüste erhöhten Schlange
(vgl. Joh 3, 14-15; Num 21, 8-9). Auch heute begegnet jeder in seiner
Existenz bedrohte Mensch, wenn er auf den blickt, der durchbohrt wurde,
der sicheren Hoffnung, Befreiung und Erlösung zu finden.
51. Aber da ist noch eine andere genaue Begebenheit, die meinen Blick auf
sich zieht und ein ergriffenes Nachdenken bei mir auslöst: »Als Jesus
von dem Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! Und er neigte
das Haupt und gab seinen Geist auf« (Joh 19, 30). Und der römische
Soldat »stieb mit der Lanze in seine Seite, und sogleich flob Blut und
Wasser heraus« (Joh 19, 34).
Nun hat alles seine ganze Vollendung erlangt. Das »Aufgeben des Geistes«
beschreibt den Tod Jesu ähnlich dem jedes anderen Menschen, spielt aber,
wie es scheint, auch auf die »Spendung des Geistes« an, durch die er uns
vom Tod befreit und uns einem neuen Leben öffnet.
Es ist das Leben Gottes selbst, das dem Menschen zuteil wird. Es ist das
Leben, das durch die Sakramente der Kirche — deren Symbole sind das aus
der Seite Christi geflossene Blut und Wasser — ständig den Kindern
Gottes mitgeteilt wird, die so das Volk des neuen Bundes bilden. Vom
Kreuz, der Quelle des Lebens her entsteht das »Volk des Lebens« und
breitet sich aus.
Die Betrachtung des Kreuzes führt uns so zu den tiefsten Wurzeln des
ganzen Geschehens. Jesus, der beim Eintritt in die Welt gesagt hatte:
»Ja, Gott, ich komme, um deinen Willen zu tun« (vgl. Hebr 10, 9), war in
allem dem Vater gehorsam, und da er »die Seinen, die in der Welt waren,
liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung« (Joh 13, 1),
indem er sich ganz für sie hingab.
Er, der »nicht gekommen ist, um sich dienen zu lassen, sondern um zu
dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele« (Mk 10, 45),
erreicht am Kreuz den Gipfel der Liebe. »Es gibt keine gröbere Liebe,
als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt« (Joh 15, 13). Und
er ist für uns gestorben, als wir noch Sünder waren (vgl. Röm 5, 8).
Solcherart verkündet er, dab das Leben seinen Mittelpunkt, seinen Sinn
und seine Fülle erreicht, wenn es verschenkt wird.
An diesem Punkt wird die Meditation zu Lobpreis und Dank und spornt uns
gleichzeitig an, Jesus nachzuahmen und seinen Spuren zu folgen (vgl. 1
Petr 2, 21).
Auch wir sind aufgerufen, unser Leben für die Brüder hinzugeben und so
den Sinn und die Bestimmung unseres Daseins in ihrer Wahrheitsfülle zu
verwirklichen.
Wir können das fertigbringen, weil Du, o Herr, uns das Beispiel gegeben
und uns die Kraft deines Geistes mitgeteilt hast. Wir können das
fertigbringen, wenn wir jeden Tag mit Dir und wie Du, dem Vater gehorsam
sind und seinen Willen tun.
Lab uns daher mit bereitem und selbstlosem Herzen jedes Wort hören, das
aus dem Mund des Herrn kommt: so werden wir lernen, nicht nur das Leben
des Menschen »nicht zu töten«, sondern es in Ehren zu halten, zu lieben
und zu fördern.
III. KAPITEL
DU SOLLST NICHT TÖTEN
DAS HEILIGE GESETZ GOTTES
»Wenn du das Leben erlangen willst, halte die Gebote« (Mt 19, 17):
Evangelium und Gebot
52. »Es kam ein Mann zu Jesus und fragte: Meister, was mub ich Gutes tun,
um das ewige Leben zu gewinnen?« (Mt 19, 16). Jesus antwor- tete: »Wenn
du das Leben erlangen willst, halte die Gebote« (Mt 19, 17). Der Meister
spricht vom ewigen Leben, das heibt von der Teilhabe am Leben Gottes
selbst. Dieses Leben erlangt man durch die Einhaltung der Gebote des
Herrn, also einschlieblich des Gebotes »du sollst nicht töten«. Genau
dieses ist denn auch das erste der Zehn Gebote, an das Jesus den jungen
Mann erinnert, der ihn fragt, welche Gebote er einhalten müsse: »Jesus
antwortete: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du
sollst nicht stehlen...« (Mt 19, 18).
Gottes Gebot ist niemals getrennt von seiner Liebe: es ist stets ein
Geschenk zu Wachstum und Freude des Menschen. Als solches stellt es einen
wesentlichen Aspekt und ein unverzichtbares Element des Evangeliums dar,
ja, es nimmt selbst Gestalt an als »Evangelium«, das heibt als frohe
Botschaft. Auch das Evangelium vom Leben ist für den Menschen ein grobes
Gottesgeschenk und zugleich eine verpflichtende Aufgabe. Es weckt beim
freien Menschen Staunen und Dankbarkeit und erfordert, mit lebendigem
Verantwortungsbewubtsein angenommen, bewahrt und erschlossen zu werden:
Gott fordert vom Menschen, dem er das Leben schenkt, dab er es liebt,
achtet und fördert. Auf diese Weise wird das Geschenk zum Gebot, und das
Gebot selbst offenbart sich als Geschenk.
Der Mensch, lebendiges Abbild Gottes, war von seinem Schöpfer als König
und Herr gewollt. »Gott hat den Menschen so gemacht — schreibt der hl.
Gregor von Nyssa —, dab er seine Rolle als König der Erde erfüllt...
Der Mensch ist nach dem Bild dessen geschaffen worden, der der Herrscher
über das Universum ist. Alles weist darauf hin, dab sein Wesen von Anfang
an vom Königtum gekennzeichnet ist... Auch der Mensch ist König.
Geschaffen, um die Welt zu beherrschen, hat er die Ähnlichkeit mit dem
universalen König empfangen, ist er das lebendige Abbild, das durch seine
Würde an der Vollkommenheit des göttlichen Vorbildes teilhat«.38 Der
Mensch, der aufgerufen ist fruchtbar zu sein und sich zu vermehren, sich
die Erde zu unterwerfen und über die anderen Geschöpfe zu herrschen
(vgl. Gen 1, 28), ist nicht nur König und Herr über die Dinge, sondern
auch und vor allem über sich selbst 39 und in gewissem Sinne über das
Leben, das ihm geschenkt wird und das er durch den in Liebe und in der
Achtung vor Gottes Plan vollzogenen Zeugungsakt weitergeben kann. Bei
seiner Herrschaft handelt es sich jedoch nicht um eine absolute, sondern
um eine übertragene; sie ist realer Widerschein der alleinigen und
unendlichen Herrschaft Gottes. Darum mub sie der Mensch durch Teilhabe an
der unermeblichen Weisheit und Liebe Gottes mit Weisheit und Liebe leben.
Und das geschieht durch den Gehorsam gegenüber seinem heiligen Gesetz:
ein freier und froher Gehorsam (vgl. Ps 119 1), der aus dem Bewubtsein
erwächst und genährt wird, dab die Gebote des Herrn ein Gnadengeschenk
sind und dem Menschen immer nur zu seinem Besten um des Schutzes seiner
persönlichen Würde und der Erreichung seines Glücks willen anvertraut
werden.
Wie schon in bezug auf die Sachwelt, so gilt noch mehr in bezug auf das
Leben, dab der Mensch nicht absoluter Herr und unanfechtbarer
Schiedsrichter ist, sondern — und darauf beruht seine unvergleichliche
Gröbe — »Vollstrecker des Planes Gottes«.40
Das Leben wird dem Menschen anvertraut als ein Schatz, den er nicht
zerstreuen, als ein Talent, das er wirtschaftlich verwalten soll. Darüber
mub der Mensch seinem Herrn Rechenschaft ablegen (vgl. Mt 25, 14-30; Lk
19, 12-27).
»Für das Leben des Menschen fordere ich Rechenschaft vom Menschen« (Gen
9, 5): das menschliche Leben ist heilig und unantastbar
53. »Das menschliche Leben ist als etwas Heiliges anzusehen, da es ja
schon von seinem Anfang an 'das Handeln des Schöpfers erfordert? und
immer in einer besonderen Beziehung mit dem Schöpfer, seinem einzigen
Ziel, verbunden bleibt. Gott allein ist der Herr des Lebens vom Anfang bis
zum Ende: Niemand kann sich — unter keinen Umständen — das Recht
anmaben, einem unschuldigen menschlichen Geschöpf direkt den Tod
zuzufügen«.41 Mit diesen Worten legt die Instruktion Donum vitae den
zentralen Inhalt der Offenbarung Gottes über die Heiligkeit und
Unantastbarkeit des menschlichen Lebens dar.
Denn die Heilige Schrift legt dem Menschen die Vorschrift »Du sollst
nicht töten« als göttliches Gebot vor (Ex 20, 13; Dtn 5, 17). Es steht
— wie ich schon unterstrichen habe — im Dekalog, im Herzen des Bundes,
den der Herr mit dem auserwählten Volk schliebt; doch enthalten war es
bereits in dem allerersten Bund Gottes mit der Menschheit nach der
reinigenden Strafe der Sintflut, die durch das Überhandnehmen von Sünde
und Gewalt ausgelöst worden war (vgl. Gen 9, 5-6).
Gott erklärt sich zum absoluten Herrn über das Leben des nach seinem
Bild und Gleichnis gestalteten Menschen (vgl. Gen 1, 26-28). Das
menschliche Leben weist somit einen heiligmäbigen und unverletzlichen
Charakter auf, in dem sich die Unantastbarkeit des Schöpfers selber
widerspiegelt. Eben deshalb wird Gott zum strengen Richter einer jeden
Verletzung des Gebotes »du sollst nicht töten«, das die Grundlage des
gesamten menschlichen Zusammenlebens bildet. Er ist der »goel«, das
heibt der Verteidiger des Unschuldigen (vgl. Gen 4, 9-15; Jes 41, 14; Jer
50, 34; Ps 19 2, 15). Auch auf diese Weise macht Gott deutlich, dab er
keine Freude am Untergang der Lebenden hat (vgl. Weish 1, 13). Nur der
Teufel vermag sich darüber zu freuen: durch seinen Neid kam der Tod in
die Welt (vgl. Weish 2, 24). Er, der »ein Mörder von Anfang an« ist,
ist auch »ein Lügner und der Vater der Lüge« (Joh 8, 44): durch
Irreführung lenkt er den Menschen auf die Ziele Sünde und Tod, die als
Lebensziele und Erfolge hingestellt werden.
54. Das Gebot »du sollst nicht töten« besitzt einen ausgesprochen
starken negativen Inhalt: es zeigt die äuberste Grenze auf, die niemals
überschritten werden darf. Implizit jedoch spornt es zu einem positiven
Verhalten der absoluten Achtung vor dem Leben an mit dem Ziel, es zu
fördern und auf dem Weg der Liebe, die sich verschenkt, die annimmt und
dient, fortzuschreiten. Auch das Volk des Alten Bundes hat, wenn auch
langsam und mit Widersprüchen, nach dieser Auffassung eine
fortschreitende Reife gekannt und sich so auf die grobartige Verkündigung
Jesu vorbereitet: das Gebot der Nächstenliebe ist dem Gebot der
Gottesliebe ähnlich; »an diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz
samt den Propheten« (vgl. Mt 22, 36-40). »Denn die Gebote... du sollst
nicht töten... und alle anderen Gebote — unterstreicht der hl. Paulus
— sind in dem einen Satz zusammengefabt: Du sollst deinen Nächsten
lieben wie dich selbst« (Röm 13, 9; vgl. Gal 5, 14). Nachdem es in das
Neue Gesetz übernommen und in ihm zur Vollendung gebracht worden ist,
bleibt das Gebot »du sollst nicht töten« unverzichtbare Voraussetzung,
um »das Leben erlangen« zu können (vgl. Mt 19, 16-19). Aus dieser Sicht
klingt auch das Wort des Apostels Johannes endgültig: »Jeder, der seinen
Bruder habt, ist ein Mörder, und ihr wibt: Kein Mörder hat ewiges Leben,
das in ihm bleibt« (1 Joh 3, 15).
Die lebendige Tradition der Kirche hat von ihren Anfängen an — wie die
Didaché, die älteste auberbiblische christliche Lehrschrift bezeugt —
das Gebot »du sollst nicht töten« in kategorischer Form wieder
aufgegriffen: »Es gibt zwei Wege, der eine ist der Weg des Lebens, der
andere der des Todes; zwischen ihnen besteht ein grober Unterschied...
Nach der Vorschrift der Lehre: Du sollst nicht töten..., du sollst ein
Kind weder abtreiben noch ein Neugeborenes töten... Der Weg des Todes ist
folgender:... sie haben kein Mitleid mit dem Armen, sie leiden nicht mit
dem Leidenden, sie anerkennen nicht ihren Schöpfer, sie töten ihre
Kinder und bringen durch Abtreibung Geschöpfe Gottes um; sie schicken den
Bedürftigen fort, unterdrücken den Geplagten, sind Anwälte der Reichen
und ungerechte Richter der Armen; sie sind voller Sünde. Mögt ihr, o
Söhne, euch stets von all dieser Schuld fernhalten!«.42
Im Laufe der Zeit hat die Tradition der Kirche immer einmütig den
absoluten und bleibenden Wert des Gebotes »du sollst nicht töten«
gelehrt. Bekanntlich wurde in den ersten Jahrhunderten der Mord —
zusammen mit Abtrünnigkeit vom Glauben und Ehebruch — unter die drei
schwersten Sünden gereiht und eine besonders schwere und lange
öffentliche Bube verlangt, ehe dem reuigen Mörder Vergebung und die
Wiederaufnahme in die kirchliche Gemeinschaft gewährt wurden.
55. Das darf uns nicht erstaunen: das Töten eines Menschen, in dem das
Bild Gottes gegenwärtig ist, ist eine besonders schwere Sünde. Gott
allein ist Herr des Lebens! Doch angesichts der vielfältigen und oft
dramatischen Begebenheiten, die das Leben des einzelnen und der
Gemeinschaft bereithält, haben die Gläubigen seit eh und je darüber
nachgedacht und versucht, zu einer vollständigeren und tieferen Einsicht
dessen zu gelangen, was das Gebot Gottes verbietet und vorschreibt.43 Es
gibt nämlich Situationen, in denen die vom Gesetz Gottes festgelegten
Werte in Form eines wirklichen Widerspruchs erscheinen. Das kann zum
Beispiel bei der Notwehr der Fall sein, in der das Recht, das eigene Leben
zu schützen, und die Pflicht, das Leben des anderen nicht zu verletzen,
sich nur schwer miteinander in Einklang bringen lassen. Zweifellos
begründen der innere Wert des Lebens und die Verpflichtung, sich selbst
nicht weniger Liebe entgegenzubringen als den anderen, ein wirkliches
Recht auf Selbstverteidigung. Selbst das vom Alten Testament verkündete
und von Jesus bekräftigte anspruchsvolle Gebot der Liebe zu den anderen
setzt die Eigenliebe als Vergleichsbegriff voraus: »Du sollst deinen
Nächsten lieben wie dich selbst« (Mk 12, 31). Auf das Recht sich zu
verteidigen könnte demnach niemand aus mangelnder Liebe zum Leben oder zu
sich selbst, sondern nur kraft einer heroischen Liebe verzichten, die die
Eigenliebe vertieft und gemäb dem Geist der Seligpreisungen des
Evangeliums (vgl. Mt 5, 38-48) in die aufopfernde Radikalität verwandelt,
deren erhabenstes Beispiel der Herr Jesus selber ist.
Andererseits »kann die Notwehr für den, der für das Leben anderer oder
für das Wohl seiner Familie oder des Gemeinwesens verantwortlich ist,
nicht nur ein Recht, sondern eine schwerwiegende Verpflichtung sein«.44
Es geschieht leider, dab die Notwendigkeit, den Angreifer unschädlich zu
machen, mitunter seine Tötung mit sich bringt. In diesem Fall wird der
tödliche Ausgang dem Angreifer zur Last gelegt, der sich ihm durch seine
Tat ausgesetzt hat, auch für den Fall, dab er aus Mangel an
Vernunftgebrauch moralisch nicht verantwortlich wäre.45
56. In diesen Problemkreis gehört auch die Frage der Todesstrafe, wobei
in der Kirche wie in der weltlichen Gesellschaft zunehmend eine Tendenz
festzustellen ist, die eine sehr begrenzte Anwendung oder überhaupt die
völlige Abschaffung der Todesstrafe fordert. Das Problem mub in die Optik
einer Strafjustiz eingeordnet werden, die immer mehr der Würde des
Menschen und somit letzten Endes Gottes Plan bezüglich des Menschen und
der Gesellschaft entsprechen soll. Tatsächlich soll die von der
Gesellschaft verhängte Strafe »in erster Linie die durch das Vergehen
herbeigeführte Unordnung wiedergutmachen«.46 Die öffentliche Autorität
mub die Verletzung der Rechte des einzelnen und der Gemeinschaft dadurch
wiedergutmachen, dab sie dem Schuldigen als Vorbedingung für seine
Wiederentlassung in die Freiheit eine angemes- sene Sühne für d as
Vergehen auferlegt. Auf diese Weise erreicht die Autorität auch das Ziel,
die öffentliche Ordnung und die Sicherheit der Person zu verteidigen und
zugleich dem Schuldigen selbst einen Ansporn und eine Hilfe zur Besserung
und Heilung anzubieten.47
Um alle diese Ziele zu erreichen, müssen Ausmab und Art der Strafe
sorgfältig abgeschätzt und festgelegt werden und dürfen auber in
schwerwiegendsten Fällen, das heibt wenn der Schutz der Gesellschaft
nicht anders möglich sein sollte, nicht bis zum Äubersten, nämlich der
Verhängung der Todesstrafe gegen den Schuldigen, gehen. Solche Fälle
sind jedoch heutzutage infolge der immer angepabteren Organisation des
Strafwesens schon sehr selten oder praktisch überhaupt nicht mehr
gegeben.
Jedenfalls bleibt der vom neuen Katechismus der Katholischen Kirche
angeführte Grundsatz gültig: »soweit unblutige Mittel hinreichen, um
das Leben der Menschen gegen Angreifer zu verteidigen und die öffentliche
Ordnung und die Sicherheit der Menschen zu schützen, hat sich die
Autorität an diese Mittel zu halten, denn sie entsprechen besser den
konkreten Bedingungen des Gemeinwohls und sind der Menschenwürde
angemessener«.48
57. Wenn auf die Achtung jeden Lebens, sogar des Schuldigen und des
ungerechten Angreifers, so grobe Aufmerksamkeit verwendet wird, hat das
Gebot »du sollst nicht töten« absoluten Wert, wenn es sich auf den
unschuldigen Menschen bezieht. Und das umso mehr, wenn es sich um ein
schwaches und schutzloses menschliches Lebewesen handelt, das einzig in
der absoluten Kraft des Gebotes Gottes seinen radikalen Schutz gegenüber
der Willkür und Gewalttätigkeit der anderen findet.
Die absolute Unantastbarkeit des unschuldigen Menschenlebens ist in der
Tat eine in der Heiligen Schrift ausdrücklich gelehrte, in der Tradition
der Kirche ständig aufrechterhaltene und von ihrem Lehramt einmütig
vorgetragene sittliche Wahrheit. Diese Einmütigkeit ist sichtbare Frucht
jenes vom Heiligen Geist geweckten und getragenen »übernatürlichen
Glaubenssinnes«, der das Gottesvolk vor Irrtum bewahrt, wenn es »seine
allgemeine Übereinstimmung in Sachen des Glaubens und der Sitten äubert«.49
Da im Bewubtsein der Menschen und in der Gesellschaft das
Wahrnehmungsvermögen dafür, dab die direkte, d.h. vorsätzliche Tötung
jedes unschuldigen Menschenlebens, besonders in seinem Anfangs– und
Endstadium, ein absolutes und schweres sittliches Vergehen darstellt,
zunehmend schwächer wird, hat das Lehramt der Kirche seine Interventionen
zur Verteidigung der Heiligkeit und Unantastbarkeit des menschlichen
Lebens verstärkt. Mit dem besonders insistierenden päpstlichen Lehramt
hat sich das bischöfliche Lehramt mit zahlreichen umfassenden Lehr– und
Pastoraldokumenten der Bischofskonferenzen wie einzelner Bischöfe stets
vereinigt. Und auch der feste und in seiner Kürze markante Beitrag des
II. Vatikanischen Konzils blieb nicht aus.50
Mit der Petrus und seinen Nachfolgern von Christus verliehenen Autorität
bestätige ich daher in Gemeinschaft mit den Bischöfen der katholischen
Kirche, dab die direkte und freiwillige Tötung eines unschuldigen
Menschen immer ein schweres sittliches Vergehen ist. Diese Lehre, die auf
jenem ungeschriebenen Gesetz begründet ist, das jeder Mensch im Lichte
der Vernunft in seinem Herzen findet (vgl. Röm 2, 14-15), ist von der
Heiligen Schrift neu bestätigt, von der Tradition der Kirche überliefert
und vom ordentlichen und allgemeinen Lehramt gelehrt.51
Die willentliche Entscheidung, einen unschuldigen Menschen seines Lebens
zu berauben, ist vom moralischen Standpunkt her immer schändlich und kann
niemals, weder als Ziel noch als Mittel zu einem guten Zweck gestattet
werden. Sie ist in der Tat ein schwerer Ungehorsam gegen das Sittengesetz,
ja gegen Gott selber, seinen Urheber und Garanten; sie widerspricht den
Grundtugenden der Gerechtigkeit und der Liebe. »Niemand und nichts kann
in irgendeiner Weise zulassen, dab ein unschuldiges menschliches Lebewesen
getötet wird, sei es ein Fötus oder ein Embryo, ein Kind oder ein
Erwachsener, ein Greis, ein von einer unheilbaren Krankheit Befallener
oder ein im Todeskampf Befindlicher. Auberdem ist es niemandem erlaubt,
diese todbringende Handlung für sich oder für einen anderen, der seiner
Verantwortung anvertraut ist, zu erbitten, ja man darf in eine solche 3
nicht einmal explizit oder implizit einwilligen. Auch kann sie keine
Autorität rechtmäbig auferlegen oder erlauben«.52
Was das Recht auf Leben betrifft, ist jedes unschuldige menschliche
Lebewesen allen anderen absolut gleich. Diese Gleichheit bildet die
Grundlage jeder echten sozialen Beziehung, die, wenn sie wirklich eine
solche sein soll, auf der Wahrheit und der Gerechtigkeit gründen mub,
indem sie jeden Mann und jede Frau als Person anerkennt und schützt und
nicht als eine Sache betrachtet, über die man verfügen könne. Im
Hinblick auf die sittliche Norm, die die direkte Tötung eines
unschuldigen Menschen verbietet, »gibt es für niemanden Privilegien oder
Ausnahmen. Ob einer der Herr der Welt oder der Letzte, »Elendeste« auf
Erden ist, macht keinen Unterschied: Vor den sittlichen Ansprüchen sind
wir alle absolut gleich«.53
»Deine Augen sahen, wie ich entstand« (Ps 139 4, 16): das
verabscheuungswürdige Verbrechen der Abtreibung
58. Unter allen Verbrechen, die der Mensch gegen das Leben begehen kann,
weist die Vornahme der Abtreibung Merkmale auf, die sie besonders
schwerwiegend und verwerflich machen. Das II. Vatikanische Konzil
bezeichnet sie und die Tötung des Kindes als »verabscheuungswürdiges
Verbrechen«.54
Doch heute hat sich im Gewissen vieler die Wahrnehmung der Schwere des
Vergehens nach und nach verdunkelt. Die Billigung der Abtreibung in
Gesinnung, Gewohnheit und selbst im Gesetz ist ein beredtes Zeichen für
eine sehr gefährliche Krise des sittlichen Bewubtseins, das immer weniger
imstande ist, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, selbst dann, wenn
das Grundrecht auf Leben auf dem Spiel steht. Angesichts einer so ernsten
Situation bedarf es mehr denn je des Mutes, der Wahrheit ins Gesicht zu
schauen und die Dinge beim Namen zu nennen, ohne bequemen Kompromissen
oder der Versuchung zur Selbsttäuschung nachzugeben. In diesem
Zusammenhang klingt der Tadel des Propheten kategorisch: »Weh denen, die
das Böse gut und das Gute böse nennen, die die Finsternis zum Licht und
das Licht zur Finsternis machen« (Jes 5, 20). Gerade in bezug auf die
Abtreibung ist die Verbreitung eines zweideutigen Sprachgebrauchs
festzustellen, wie die Formulierung »Unterbrechung der Schwangerschaft«,
die darauf abzielt, deren wirkliche Natur zu verbergen und ihre Schwere in
der öffentlichen Meinung abzuschwächen. Vielleicht ist dieses
sprachliche Phänomen selber Symptom für ein Unbehagen des Gewissens.
Doch kein Wort vermag die Realität der Dinge zu ändern: die
vorsätzliche Abtreibung ist, wie auch immer sie vorgenommen werden mag,
die beabsichtigte und direkte Tötung eines menschlichen Geschöpfes in
dem zwischen Empfängnis und Geburt liegenden Anfangsstadium seiner
Existenz.
Die sittliche Schwere der vorsätzlichen Abtreibung wird in ihrer ganzen
Wahrheit deutlich, wenn man erkennt, dab es sich um einen Mord handelt,
und insbesondere, wenn man die spezifischen Umstände bedenkt, die ihn
kennzeichnen. Getötet wird hier ein menschliches Geschöpf, das gerade
erst dem Leben entgegengeht, das heibt das absolut unschuldigste Wesen,
das man sich vorstellen kann: es könnte niemals als Angreifer und schon
gar nicht als ungerechter Angreifer angesehen werden! Es ist schwach,
wehrlos, so dab es selbst ohne jenes Minimum an Verteidigung ist, wie sie
die flehende Kraft der Schreie und des Weinens des Neugeborenen darstellt.
Es ist voll und ganz dem Schutz und der Sorge derjenigen anvertraut, die
es im Schob trägt. Doch manchmal ist es gerade sie, die Mutter, die seine
Tötung beschliebt und darum ersucht und sie sogar vornimmt.
Gewib nimmt der Entschlub zur Abtreibung für die Mutter sehr oft einen
dramatischen und schmerzlichen Charakter an, wenn die Entscheidung, sich
der Frucht der Empfängnis zu entledigen, nicht aus rein egoistischen und
Bequemlichkeitsgründen gefabt wurde, sondern weil manche wichtigen
Güter, wie die eigene Gesundheit oder ein anständiges Lebensniveau für
die anderen Mitglieder der Familie gewahrt werden sollten. Manchmal sind
für das Ungeborene Existenzbedingungen zu befürchten, die den Gedanken
aufkommen lassen, es wäre für dieses besser nicht geboren zu
werden.Niemals jedoch können diese und ähnliche Gründe, mögen sie noch
so ernst und dramatisch sein, die vorsätzliche Vernichtung eines
unschuldigen Menschen rechtfertigen.
59. Den Tod des noch ungeborenen Kindes beschlieben auber der Mutter
häufig andere Personen. Schuldig sein kann vor allem der Vater des
Kindes, nicht nur, wenn er die Frau ausdrücklich zur Abtreibung drängt,
sondern auch, wenn er ihre Entscheidung dadurch indirekt begünstigt, dab
er sie mit den Problemen der Schwangerschaft allein läbt: 55 auf diese
Weise wird die Familie tödlich verletzt und in ihrem Wesen als
Liebesgemeinschaft und in ihrer Berufung, »Heiligtum des Lebens« zu
sein, entwürdigt. Nicht verschwiegen werden dürfen sodann die
Beeinflussungen, die aus dem weiteren Familienverband und von Freunden
kommen. Nicht selten ist die Frau einem so starken Druck ausgesetzt, dab
sie sich psychologisch gezwungen fühlt, in die Abtreibung einzuwilligen:
ohne Zweifel lastet in diesem Fall die sittliche Verantwortung besonders
auf denen, die sie direkt oder indirekt gezwungen haben, eine Abtreibung
vorzunehmen. Verantwortlich sind auch die Ärzte und das Pflegepersonal,
wenn sie ihre berufliche Kompetenz, die sie erworben haben, um das Leben
zu fördern, in den Dienst des Todes stellen.
Aber in die Verantwortung miteinbezogen sind auch die Gesetzgeber, die
Abtreibungsgesetze gefördert und beschlossen haben, und in dem Mabe, in
dem die Sache von ihnen abhängt, die Verwalter der Einrichtungen des
Gesundheitswesens, die für die Durchführung von Abtreibungen benutzt
werden. Eine nicht minder schwere allgemeine Verantwortung betrifft sowohl
alle, die die Verbreitung einer Mentalität sexueller Freizügigkeit und
Geringschätzung der Mutterschaft begünstigt haben, als auch diejenigen,
die wirksame familien– und sozialpolitische Mabnahmen zur Unterstützung
der Familien, namentlich der kinderreichen oder mit besonderen
wirtschaftlichen und erzieherischen Schwierigkeiten belasteten Familien,
hätten sicherstellen müssen, dies aber nicht getan haben. Nicht
unterschätzt werden darf schlieblich das Netz der Mittäterschaft, das
sich bis auf internationale Institutionen, Stiftungen und Vereinigungen
ausdehnt, die systematisch für die Legalisierung und Verbreitung der
Abtreibung in der Welt kämpfen. Damit übersteigt die Abtreibung die
Verantwortung der einzelnen Personen und den ihnen verursachten Schaden
und nimmt eine stark soziale Dimension an: sie ist eine sehr schwere
Verletzung, die der Gesellschaft und ihrer Kultur von denen zugefügt
wird, die sie aufbauen und verteidigen sollten. Wie ich in meinem Brief an
die Familien schrieb, »stehen wir vor einer enormen Bedrohung des Lebens,
nicht nur einzelner Individuen, sondern auch der ganzen Zivilisation«.56
Wir stehen vor dem, was als eine gegen das noch ungeborene menschliche
Leben gerichtete »Sündenstruktur« definiert werden kann.
60. Manche versuchen, die Abtreibung durch die Behauptung zu
rechtfertigen, die Frucht der Empfängnis könne, wenigstens bis zu einer
bestimmten Zahl von Tagen, noch nicht als ein persönliches menschliches
Leben angesehen werden. In Wirklichkeit »beginnt in dem Augenblick, wo
das Ei befruchtet wird, ein Leben, das nicht das des Vaters oder der
Mutter, sondern eines neuen menschlichen Geschöpfes ist, das sich
eigenständig entwickelt. Es wird nie menschlich werden, wenn es das nicht
von dem Augenblick an gewesen ist. Für die Augenfälligkeit dieser alten
Einsicht... liefert die moderne genetische Forschung wertvolle
Bestätigungen. Sie hat gezeigt, dab vom ersten Augenblick an das Programm
für das, was dieses Lebewesen sein wird, festgelegt ist: eine Person,
diese individuelle Person mit ihren bekannten, schon genau festgelegten
Wesensmerkmalen. Bereits mit der Befruchtung hat das Abenteuer eines
Menschenlebens begonnen, von dessen groben Fähigkeiten jede einzelne Zeit
braucht, um sich zu organisieren und funktionsbereit zu sein«.57 Auch
wenn das Vorhandensein einer Geistseele von keiner experimentellen
Beobachtung ausgemacht werden kann, liefern die Schlubfolgerungen der
Wissenschaft über den menschlichen Embryo »einen wertvollen Hinweis, um
das Vorhandensein einer Person von diesem ersten Erscheinen eines
menschlichen Lebens an rational zu erkennen: sollte ein menschliches
Individuum etwa nicht eine menschliche Person sein?« 58
Im übrigen ist der Einsatz, der auf dem Spiel steht, so grob, dab unter
dem Gesichtspunkt der moralischen Verpflichtung schon die blobe
Wahrscheinlichkeit, eine menschliche Person vor sich zu haben, genügen
würde, um das strikteste Verbot jedes Eingriffs zu rechtfertigen, der zur
Tötung des menschlichen Embryos vorgenommen wird. Eben deshalb hat die
Kirche jenseits der wissenschaftlichen Auseinandersetzungen und selbst der
philosophischen Aussagen, auf die sich das Lehramt nicht ausdrücklich
eingelassen hat, stets gelehrt und lehrt noch immer, dab der Frucht der
menschlichen Zeugung vom ersten Augenblick ihrer Existenz an jene
unbedingte Achtung zu gewährleisten ist, die dem Menschen in seiner
leiblichen und geistigen Ganzheit und Einheit moralisch geschuldet wird:
»Ein menschliches Geschöpf ist von seiner Empfängnis an als Person zu
achten und zu behandeln, und deshalb sind ihm von jenem Augenblick an die
Rechte einer Person zuzuerkennen, als deren erstes das unverletzliche
Recht auf Leben angesehen wird, dessen sich jedwedes unschuldige
menschliche Geschöpf erfreut«.59
61. Auch wenn die Texte der Heiligen Schrift nie von einer vorsätzlichen
Abtreibung sprechen und deshalb keine direkten und spezifischen
Verurteilungen diesbezüglich enthalten, so weisen sie doch auf eine
Betrachtung des menschlichen Lebewesens im Mutterleib hin, deren logische
Konsequenz die Forderung ist, dab Gottes Gebot: »du sollst nicht töten«
auch auf dieses noch ungeborene Leben anzuwenden sei.
Das menschliche Leben ist in jedem Augenblick seiner Existenz, auch in
jenem Anfangsstadium, das der Geburt vorausgeht, heilig und unantastbar.
Der Mensch gehört vom Mutterschob an Gott, der alles erforscht hat und
kennt, der ihn mit seinen Händen formt und gestaltet, der ihn sieht,
während er noch ein kleiner formloser Embryo ist, und der in ihm bereits
den Erwachsenen von morgen sieht, dessen Tage gezählt sind und dessen
Berufung schon in dem »Buch des Lebens« verzeichnet ist (vgl. Ps 139 1,
1. 13-16). Auch da, wenn er sich also noch im Mutterschob befindet, ist
— wie zahlreiche Bibeltexte bezeugen 60 — der Mensch das
persönlichste Ziel der liebenden und väterlichen Vorsehung Gottes.
Die christliche Überlieferung stimmt — wie die von der Kongregation
für die Glaubenslehre diesbezüglich herausgegebene Erklärung gut
hervorhebt 61 — von den Anfängen bis in unsere Tage klar darin
überein, dab sie die Abtreibung als besonders schwerwiegende sittliche
Verwilderung einstuft. Die erste christliche Gemeinde hat sich seit der
ersten Konfrontation mit der griechisch-römischen Welt, in der die
Abtreibung und die Kindestötung weitgehend praktiziert wurden, durch ihre
Lehre und ihre Praxis den in jener Gesellschaft herrschenden
Gepflogenheiten radikal widersetzt, wofür die bereits zitierte Didachè
ein klarer Beweis ist.62 Unter den kirchlichen Schriftstellern aus dem
griechischen Raum erwähnt Athenagoras, dab die Christen Frauen, die auf
medizinische Eingriffe zur Abtreibung zurückgreifen, als Mörderinnen
ansehen, weil die Kinder, auch wenn sie noch im Mutterschob sind,
»bereits das Objekt der Fürsorge der göttlichen Vorsehung sind«.63
Unter den lateinischen Schriftstellern behauptet Tertullian: »Die
Verhinderung der Geburt ist vorzeitiger Mord; es kommt nicht darauf an, ob
man die schon geborene Seele tötet oder sie beim Zurweltkommen
auslöscht. Es ist bereits der Mensch, der er später sein wird«.64
Diese selbe Lehre ist während ihrer nunmehr zweitausendjährigen
Geschichte von den Vätern der Kirche, von ihren Hirten und Lehrern
ständig gelehrt worden. Auch die wissenschaftlichen und philosophischen
Diskussionen darüber, zu welchem Zeitpunkt genau das Eingieben der Geist-
seele erfolge, haben nie auch nur den geringsten Zweifel an der sittlichen
Verurteilung der Abtreibung aufkommen lassen.
62. Das päpstliche Lehramt der jüngsten Zeit hat diese allgemeine Lehre
mit grobem Nachdruck bekräftigt. Insbesondere Pius XI. hat in der
Enzyklika Casti connubii die als Vorwand dienenden Rechtfertigungen der
Abtreibung zurückgewiesen; 65 Pius XII. hat jede direkte Abtreibung
ausgeschlossen, das heibt jede Handlung, die das noch ungeborene
menschliche Leben direkt zu vernichten trachtet, »mag diese Vernichtung
nun als Ziel oder nur als Mittel zum Zweck verstanden werden«; 66
Johannes XXIII. hat neuerlich beteuert, dab das menschliche Leben heilig
ist, denn »es erfordert von seinem Anbeginn an das Wirken Gottes, des
Schöpfers«.67 Das II. Vatikanische Konzil hat, wie bereits erwähnt, die
Abtreibung sehr streng verurteilt: »Das Leben ist von der Empfängnis an
mit höchster Sorgfalt zu schützen. Abtreibung und Tötung des Kindes
sind verabscheuungswürdige Verbrechen«.68
Die Rechtsordnung der Kirche hat von den ersten Jahrhunderten an über
jene, die sich der Abtreibung schuldig machten, Strafsanktionen verhängt.
Diese Praxis mit mehr oder weniger schweren Strafen wurde in den
verschiedenen Abschnitten der Geschichte bestätigt. Der Codex des
kanonischen Rechtes von 1917 drohte für die Abtreibung die Strafe der
Exkommunikation an.69 Auch die erneuerte kanonische Gesetzgebung stellt
sich auf diese Linie, wenn sie bekräftigt: »Wer eine Abtreibung
vornimmt, zieht sich mit erfolgter Ausführung die Tatstrafe der
Exkommunikation latae sententiae zu«,70 das heibt die Strafe tritt von
selbst durch Begehen der Straftat ein.
Die Exkommunikation trifft alle, die diese Straftat in Kenntnis der Strafe
begehen, somit auch jene Mittäter, ohne deren Handeln sie nicht begangen
worden wäre.71 Mit dieser erneut bestätigten Sanktion stellt die Kirche
diese Straftat als eines der schwersten und gefährlichsten Verbrechen hin
und spornt so den, der sie begeht, an, rasch auf den Weg der Umkehr
zurückzufinden. Denn in der Kirche hat die Strafe der Exkommunikation den
Zweck, die Schwere einer bestimmten Sünde voll bewubt zu machen und somit
eine entsprechende Umkehr und Reue zu begünstigen.
Angesichts einer solchen Einmütigkeit in der Tradition der Lehre und
Disziplin der Kirche konnte Paul VI. erklären, dab sich diese Lehre
»nicht geändert hat und unveränderlich ist«.72 Mit der Autorität, die
Christus Petrus und seinen Nachfolgern übertragen hat, erkläre ich
deshalb in Gemeinschaft mit den Bischöfen — die mehrfach die Abtreibung
verurteilt und, obwohl sie über die Welt verstreut sind, bei der eingangs
erwähnten Konsultation dieser Lehre einhellig zugestimmt haben — dab
die direkte, das heibt als Ziel oder Mittel gewollte Abtreibung immer ein
schweres sittliches Vergehen darstellt, nämlich die vorsätzliche Tötung
eines unschuldigen Menschen. Diese Lehre ist auf dem Naturrecht und auf
dem geschriebenen Wort Gottes begründet, von der Tradition der Kirche
überliefert und vom ordentlichen und allgemeinen Lehramt der Kirche
gelehrt.73
Kein Umstand, kein Zweck, kein Gesetz wird jemals eine Handlung für die
Welt statthaft machen können, die in sich unerlaubt ist, weil sie dem
Gesetz Gottes widerspricht, das jedem Menschen ins Herz geschrieben, mit
Hilfe der Vernunft selbst erkennbar und von der Kirche verkündet worden
ist.
63. Die sittliche Bewertung der Abtreibung mub auch auf die neuen Formen
des Eingriffs auf menschliche Embryonen angewandt werden, die
unvermeidlich mit der Tötung des Embryos verbunden sind, auch wenn sie
Zwecken dienen, die an sich erlaubt sind. Das ist bei der Durchführung
von Versuchen an Embryonen gegeben, die auf dem Gebiet der
biomedizinischen Forschung in wachsender Zunahme begriffen und in einigen
Staaten gesetzlich erlaubt ist. Auch wenn »die Eingriffe am menschlichen
Embryo unter der Bedingung als erlaubt angesehen werden 2, dab sie das
Leben und die Unversehrtheit des Embryos achten und dab sie nicht Gefahren
mit sich bringen, die nicht verhältnismäbig sind, sondern dab sie auf
die Heilung der Krankheit, auf die Wandlung des Gesundheitszustands zum
besseren hin und auf die Sicherstellung des Überlebens des einzelnen
Fötus ausgerichtet sind«,74 mub man jedoch geltend machen, dab die
Verwendung von Embryonen oder Föten als Versuchsobjekt ein Verbrechen
darstellt gegen ihre Würde als menschliche Geschöpfe, die dasselbe Recht
haben, das dem bereits geborenen Kind und jeder Person geschuldet wird.75
Aus sittlichen Gründen zu verwerfen ist ebenso auch die Vorgehensweise,
die — bisweilen eigens zu diesem Zweck mit Hilfe der In-vitro-Be-
fruchtung »erzeugte« — noch lebende menschliche Embryonen und Föten
mibbraucht, sei es als zu verwertendes »biologisches Material« oder als
Lieferanten von Organen oder Geweben zur Transplantation für die
Behandlung bestimmter Krankheiten. Die Tötung unschuldiger menschlicher
Geschöpfe, und sei es auch zum Vorteil anderer, stellt in Wirklichkeit
eine absolut unannehmbare Handlung dar.
Besondere Aufmerksamkeit mub der sittlichen Bewertung der Verfahren
vorgeburtlicher Diagnose gelten, die die frühzeitige Feststellung
eventueller Mibbildungen oder Krankheiten des ungeborenen Kindes erlauben.
Wegen der Komplexität dieser Verfahren mub eine solche Bewertung in der
Tat sorgfältiger und artikulierter erfolgen. Wenn sie ohne
unverhältnismäbige Gefahren für das Kind und für die Mutter sind und
zum Ziel haben, eine frühzeitige Therapie zu ermöglichen oder auch eine
gefabte und bewubte Annahme des Ungeborenen zu begünstigen, sind diese
Verfahren sittlich erlaubt. Da jedoch die Behandlungsmöglichkeiten vor
der Geburt heute noch recht begrenzt sind, kommt es nicht selten vor, dab
diese Verfahren in den Dienst einer Eugenetik-Mentalität gestellt werden,
die die selektive Abtreibung in Kauf nimmt, um die Geburt von Kindern zu
verhindern, die von Mibbildungen und Krankheiten verschiedener Art
betroffen sind. Eine solche Denkart ist niederträchtig und höchst
verwerflich, weil sie sich anmabt, den Wert eines menschlichen Lebens
einzig und allein nach Mabstäben wie »Normalität« und physisches
Wohlbefinden zu beurteilen und auf diese Weise auch der Legitimation der
Kindestötung und der Euthanasie den Weg bahnt.
In Wirklichkeit stellen jedoch gerade der Mut und die Gefabtheit, mit
denen viele unserer von schweren Gebrechen betroffenen Brüder und
Schwestern ihr Dasein meistern, wenn sie von uns angenommen und geliebt
werden, ein besonders wirkungsvolles Zeugnis für die echten Werte dar,
die das Leben kennzeichnen und es auch unter den schwierigsten Bedingungen
für sich selbst und für die anderen wertvoll machen. Die Kirche ist
jenen Eheleuten nahe, die unter grober Angst und viel Schmerz bereit sind,
ihre von Behinderung schwer heimgesuchten Kinder anzunehmen; und sie ist
all jenen Familien dankbar, die durch Adoption Kinder aufnehmen, die wegen
Behinderungen oder Krankheiten von ihren Eltern im Stich gelassen worden
sind.
»Ich bin es, der tötet und der lebendig macht« (Dtn 32, 39): das Drama
der Euthanasie
64. Am anderen Ende seines Daseins steht der Mensch vor dem Geheimnis des
Todes. Infolge der Fortschritte auf medizinischem Gebiet und in einem
kulturellen Umfeld, das sich der Transzendenz zumeist verschliebt, weist
die Erfahrung des Sterbens heute einige neue Wesensmerkmale auf. Denn wenn
die Neigung vorherrscht, das Leben nur in dem Mabe zu schätzen, wie es
Vergnügen und Wohlbefinden mit sich bringt, erscheint das Leiden als eine
unerträgliche Niederlage, von der man sich um jeden Preis befreien mub.
Der Tod, der als »absurd« angesehen wird, wenn er ein Leben plötzlich
unterbricht, das noch für eine an möglichen interessanten Erfahrungen
reiche Zukunft offen ist, wird dagegen dann zu einer »beanspruchten
Befreiung«, wenn das Dasein bereits für sinnlos gehalten wird, weil es
in Schmerz getaucht und unerbittlich für weiteres noch heftigeres Leiden
bestimmt ist.
Auberdem glaubt der Mensch, der seine wesentliche Beziehung zu Gott
ablehnt oder vergibt, er sei sich selber Mabstab und Norm, und mabt sich
das Recht an, auch von der Gesellschaft zu verlangen, sie solle ihm
Möglichkeiten und Formen garantieren, damit er in voller und
vollständiger Autonomie über sein Leben entscheiden könne. Es ist
besonders der Mensch in den entwickelten Ländern, der sich so verhält:
veranlabt fühlt er sich dazu auch durch die ständigen Fortschritte der
Medizin und ihre immer mehr fortgeschrittenen Verfahren. Mit Hilfe
äuberst spitzfindiger Systeme und Apparate sind Wissenschaft und
ärztliche Praxis heute in der Lage, nicht nur für früher unlösbare
Fälle eine Lösung zu finden und Schmerzen zu lindern oder zu beheben,
sondern auch das Leben selbst im Zustand äuberster Schwäche zu erhalten
und zu verlängern, Personen nach dem plötzlichen Zusammenbruch ihrer
biologischen Grundfunktionen künstlich wiederzubeleben sowie Eingriffe
vorzunehmen, um Organe für Transplantationen zu gewinnen.
In einem solchen Umfeld zeigt sich immer stärker die Versuchung zur
Euthanasie, das heibt, sich zum Herrn über den Tod zu machen, indem man
ihn vorzeitig herbeiführt und so dem eigenen oder dem Leben anderer »auf
sanfte Weise« ein Ende bereitet. In Wirklichkeit stellt sich, was als
logisch und menschlich erscheinen könnte, wenn man es zutiefst
betrachtet, als absurd und unmenschlich heraus. Wir stehen hier vor einem
der alarmierendsten Symptome der »Kultur des Todes«, die vor allem in
den Wohlstandsgesellschaften um sich greift, die von einem Leistungsdenken
gekennzeichnet sind, das die wachsende Zahl alter und geschwächter
Menschen als zu belastend und unerträglich erscheinen läbt. Sie werden
sehr oft von der Familie und von der Gesellschaft isoliert, de- ren
Organisation fast ausschlieblich auf Kriterien der Produktion und
Leistungsfähigkeit beruht, wonach ein hoffnungslos arbeitsunfähiges
Leben keinen Wert mehr hat.
65. Für ein korrektes sittliches Urteil über die Euthanasie gilt es
zunächst, diese klar zu definieren. Unter Euthanasie im eigentlichen Sinn
versteht man eine Handlung oder Unterlassung, die ihrer Natur nach und aus
bewubter Absicht den Tod herbeiführt, um auf diese Weise jeden Schmerz zu
beenden. »Bei Euthanasie dreht es sich also wesentlich um den Vorsatz des
Willens und um die Vorgehensweisen, die angewandt werden«.76
Von ihr zu unterscheiden ist die Entscheidung, auf »therapeutischen
Übereifer« zu verzichten, das heibt auf bestimmte ärztliche Eingriffe,
die der tatsächlichen Situation des Kranken nicht mehr angemessen sind,
weil sie in keinem Verhältnis zu den erhofften Ergebnissen stehen, oder
auch, weil sie für ihn und seine Familie zu beschwerlich sind. In diesen
Situationen, wenn sich der Tod drohend und unvermeidlich ankündigt, kann
man aus Gewissensgründen »auf (weitere) Heilversuche verzichten, die nur
eine ungewisse und schmerzvolle Verlängerung des Lebens bewirken
könnten, ohne dab man jedoch die normalen Bemühungen unterläbt, die in
ähnlichen Fällen dem Kranken geschuldet werden«.77 Sicherlich besteht
die moralische Verpflichtung sich pflegen und behandeln zu lassen, aber
diese Verpflichtung mub an den konkreten Situationen gemessen werden; das
heibt, es gilt abzuschätzen, ob die zur Verfügung stehenden
therapeutischen Mabnahmen objektiv in einem angemessenen Verhältnis zur
Aussicht auf Besserung stehen. Der Verzicht auf aubergewöhnliche oder
unverhältnismäbige Heilmittel ist nicht gleichzusetzen mit Selbstmord
oder Euthanasie; er ist vielmehr Ausdruck dafür, dab die menschliche
Situation angesichts des Todes akzeptiert wird.78
Besondere Bedeutung gewinnen in der modernen Medizin die sogenannten »palliativen
Behandlungsweisen«, die das Leiden im Endstadium der Krankheit
erträglicher machen und gleichzeitig für den Patienten eine angemessene
menschliche Begleitung gewährleisten sollen. In diesem Zusammenhang
erhebt sich unter anderem das Problem, inwieweit die Anwendung der
verschiedenen Schmerzlinderungs– und Beruhigungsmittel, um den Kranken
vom Schmerz zu befreien, erlaubt ist, wenn das die Gefahr einer
Verkürzung des Lebens mit sich bringt. Auch wenn jemand, der das Leiden
aus freien Stücken annimmt, indem er auf schmerzlindernde Mabnahmen
verzichtet, um seine volle Geistesklarheit zu bewahren und, wenn er
gläubig ist, bewubt am Leiden des Herrn teilzuhaben, in der Tat des Lobes
würdig ist, so kann diese »heroische« Haltung doch nicht als für alle
verpflichtend angenommen werden. Schon Pius XII. hatte gesagt, den Schmerz
durch Narkotika zu unterdrücken, auch wenn das eine Trübung des
Bewubtseins und die Verkürzung des Lebens zur Folge habe, sei erlaubt,
»falls keine anderen Mittel vorhanden sind und unter den gegebenen
Umständen dadurch nicht die Erfüllung anderer religiöser und
moralischer Verpflichtungen behindert wird«.79 Denn in diesem Fall wird
der Tod nicht gewollt oder gesucht, auch wenn aus berechtigten Gründen
die Gefahr dazu gegeben ist: man will einfach durch Anwendung der von der
Medizin zur Verfügung gestellten Analgetika den Schmerz wirksam lindern.
Doch »darf man den Sterbenden nicht ohne schwerwiegenden Grund seiner
Bewubtseinsklarheit berauben«: 80 die Menschen sollen vor dem
herannahenden Tod in der Lage sein, ihren moralischen und familiären
Verpflichtungen nachkommen zu können, und sich vor allem mit vollem
Bewubtsein auf die endgültige Begegnung mit Gott vorbereiten können.
Nach diesen Unterscheidungen bestätige ich in Übereinstimmung mit dem
Lehramt meiner Vorgänger 81 und in Gemeinschaft mit den Bischö- fen der
katholischen Kirche, dab die Euthanasie eine schwere Verletzung des
göttlichen Gesetzes ist, insofern es sich um eine vorsätzliche Tötung
einer menschlichen Person handelt, was sittlich nicht zu akzeptieren ist.
Diese Lehre ist auf dem Naturrecht und auf dem geschriebenen Wort Gottes
begründet, von der Tradition der Kirche überliefert und vom ordentlichen
und allgemeinen Lehramt der Kirche gelehrt.82
Eine solche Handlung setzt, je nach den Umständen, die Bosheit voraus,
wie sie dem Selbstmord oder dem Mord eigen ist.
66. Nun ist Selbstmord immer ebenso sittlich unannehmbar wie Mord. Die
Tradition der Kirche hat ihn immer als schwerwiegend böse Entscheidung
zurückgewiesen.83 Obwohl bestimmte psychologische, kulturelle und soziale
Gegebenheiten einen Menschen dazu bringen können, eine Tat zu begehen,
die der natürlichen Neigung eines jeden zum Leben so radikal
widerspricht, und dadurch die subjektive Verantwortlichkeit vermindert
oder aufgehoben sein mag, ist der Selbstmord aus objektiver Sicht eine
schwer unsittliche Tat, weil er verbunden ist mit der Absage an die
Eigenliebe und mit der Ausschlagung der Verpflichtungen zu Gerechtigkeit
und Liebe gegenüber dem Nächsten, gegenüber den verschiedenen
Gemeinschaften, denen der Betreffende angehört, und gegenüber der
Gesellschaft als ganzer.84 In seinem tiefsten Kern stellt der Selbstmord
eine Zurückweisung der absoluten Souveränität Gottes über Leben und
Tod dar, wie sie im Gebet des alten Weisen Israels verkündet wird: »Du
hast Gewalt über Leben und Tod; du führst zu den Toren der Unterwelt
hinab und wieder herauf« (Weish 16, 13; vgl. Tob 13, 2).
Die Selbstmordabsicht eines anderen zu teilen und ihm bei der Ausführung
durch die sog. »Beihilfe zum Selbstmord« behilflich zu sein heibt
Mithelfer und manchmal höchstpersönlich Täter eines Unrechts zu werden,
das niemals, auch nicht, wenn darum gebeten worden sein sollte,
gerechtfertigt werden kann. »Es ist niemals erlaubt — schreibt mit
überraschender Aktualität der hl. Augustinus —, einen anderen zu
töten: auch wenn er es wollte, ja selbst, wenn er darum bitten würde,
weil er, zwischen Leben und Tod schwebend, fleht, ihm zu helfen die Seele
zu befreien, die gegen die Fesseln des Leibes kämpft und sich von ihnen
zu lösen sucht; es ist nicht einmal dann erlaubt, wenn ein Kranker nicht
mehr zu leben imstande wäre«.85 Auch wenn sie nicht durch die
egoistische Weigerung motiviert ist, sich mit der Existenz des leidenden
Menschen zu belasten, mub die Euthanasie als falsches Mitleid, ja als eine
bedenkliche »Perversion« desselben bezeichnet werden: denn echtes
»Mitleid« solidarisiert sich mit dem Schmerz des anderen, tötet nicht
den, dessen Leiden unerträglich ist. Die Tat der Euthanasie erscheint um
so perverser, wenn sie von denen ausgeführt wird, die — wie die
Angehörigen — ihrem Verwandten mit Geduld und Liebe beistehen sollten,
oder von denen, die — wie die Ärzte — auf Grund ihres besonderen
Berufes den Kranken auch im leidvollsten Zustand seines zu Ende gehenden
Lebens behandeln mübten.
Schwerwiegender wird die Entscheidung für die Euthanasie, wenn sie sich
als Mord herausstellt, den die anderen an einem Menschen begehen, der sie
keineswegs darum gebeten und niemals seine Zustimmung dazu gegeben hat.
Der Höhepunkt der Willkür und des Unrechts wird dann erreicht, wenn sich
einige Ärzte oder Gesetzgeber die Macht anmaben darüber zu entscheiden,
wer leben und wer sterben darf. Hier zeigt sich wieder die Versuchung von
Eden: werden wie Gott und »Gut und Böse erkennen« (vgl. Gen 3, 5). Doch
Gott allein hat die Macht, zu töten und zum Leben zu erwecken: »Ich bin
es, der tötet und der lebendig macht« (Dtn 32, 39; vgl. 2 Kön 5, 7; 1
Sam 2, 6). Er verwirklicht seine Macht immer nur nach einem Plan der
Weisheit und Liebe. Wenn sich der Mensch im Bann einer Logik von Torheit
und Egoismus diese Macht anmabt, benützt er sie unweigerlich zu Unrecht
und Tod. So wird das Leben des Schwächsten in die Hände des Stärksten
gelegt; in der Gesellschaft geht der Sinn für Gerechtigkeit verloren und
das gegenseitige Vertrauen, Grundlage jeder echten Beziehung zwischen den
Menschen, wird an der Wurzel untergraben.
67. Ganz anders hingegen ist der Weg der Liebe und des echten Mitleids,
den unser gemeinsames Menschsein vorschreibt und den der Glaube an
Christus, den Erlöser, der gestorben und aufer- standen ist, mit neuen
Einsichten erhellt. Die Bitte, die bei der äubersten Konfrontation mit
dem Leid und dem Tod besonders dann aus dem Herzen des Menschen kommt,
wenn er versucht ist, sich in seine Verzweiflung zurückzuziehen und in
ihr unterzugehen, ist vor allem Bitte um Beglei- tung, um Solidarität und
um Beistand in der Prüfung. Sie ist flehentliche Bitte um Hilfe, um
weiter hoffen zu können, wenn alle menschlichen Hoffnungen zerrinnen. Wie
uns das II. Vatikanische Konzil zu bedenken gab, wird für den Menschen
»angesichts des Todes das Rätsel des menschlichen Daseins am gröbten«;
und trotzdem »urteilt er im Instinkt seines Herzens richtig, wenn er die
völlige Zerstörung und den endgültigen Untergang seiner Person mit
Entsetzen ablehnt. Der Keim der Ewigkeit im Menschen läbt sich nicht auf
die blobe Materie zurückführen und wehrt sich gegen den Tod«.86
Erhellt und zum Abschlub gebracht werden diese natürliche Abneigung gegen
den Tod und diese keimhafte Hoffnung auf Unsterblichkeit durch den
christlichen Glauben, der die Teilhabe am Sieg des auferstandenen Christus
verheibt und anbietet: es ist der Sieg dessen, der durch seinen
Erlösungstod den Menschen vom Tod, dem »Lohn der Sünde« (Röm 6, 23),
befreit und ihm den Geist, das Unterpfand für Auferstehung und Leben,
geschenkt hat (vgl. Röm 8, 11). Die Gewibheit über die zukünftige
Unsterblichkeit und die Hoffnung auf die verheibene Auferstehung werfen
ein neues Licht auf das Geheimnis des Leidens und Sterbens und erfüllen
den Gläubigen mit einer auberordentlichen Kraft, sich dem Plan Gottes
anzuvertrauen.
Der Apostel Paulus hat dieses Neue in den Worten von einer völligen
Zugehörigkeit zum Herrn, der den Menschen in jeder Lage umfängt, zum
Ausdruck gebracht: »Keiner von uns lebt sich selber, und keiner stirbt
sich selber: Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben
wir dem Herrn. Ob wir leben oder ob wir sterben, wir gehören dem Herrn«
(Röm 14, 7-8). Sterben für den Herrn heibt den eigenen Tod als letzten
Gehorsamsakt gegenüber dem Vater erleben (vgl. Phil 2, 8), indem wir die
Begegnung mit dem Tod in der von Ihm gewollten und beschlossenen
»Stunde« annehmen (vgl. Joh 13, 1), der allein zu sagen vermag, wann
unser irdischer Weg zu Ende ist. Leben für den Herrn heibt auch
anerkennen, dab das Leid, auch wenn es an sich ein Übel und eine Prüfung
bleibt, immer zu einer Quelle des Guten werden kann. Das ist der Fall,
wenn es aus Liebe und mit Liebe, aus freiwilliger Hingabe an Gott und aus
freier persönlicher Entscheidung in der Teilhabe am Leiden des
gekreuzigten Christus selber gelebt wird. Auf diese Weise wird der, der
sein Leiden im Herrn lebt, Ihm vollkommener ähnlich (vgl. Phil 3, 10; 1
Petr 2,
21) und hat zutiefst teil an seinem Erlösungswerk für die Kirche und die
Menschheit 87 Das ist die Erfahrung des Apostels, die auch jeder leidende
Mensch nachzuleben aufgerufen ist: »Jetzt freue ich mich in den Leiden,
die ich für euch ertrage. Für den Leib Christi, die Kirche, ergänze ich
in meinem irdischen Leben das, was an den Leiden Christi noch fehlt« (Kol
1, 24).
»Man mub Gott mehr gehorchen als den Menschen« (Apg 5, 29): Staatliches
Gesetz und Sittengesetz
68. Eines der Wesensmerkmale der — schon mehrmals erwähnten —
derzeitigen Anschläge auf das menschliche Leben besteht in dem Bestreben,
gesetzliche Legitimation für sie zu fordern, so als würde es sich um
Rechte handeln, die der Staat, zumindest unter bestimmten Bedingungen, den
Bürgern zuerkennen müsse, und demzufolge in dem Bestreben, die Umsetzung
dieser Rechte mit dem sicheren und unentgeltlichen Beistand der Ärzte und
des Pflegepersonals zu verlangen.
Nicht selten wird behauptet, das Leben eines ungeborenen oder eines sich
in völliger Schwäche befindlichen Menschen sei nur ein relatives Gut:
entsprechend einer Logik der Verhältnismäbigkeit oder des kalten
Kalküls sollte es mit anderen Gü- tern verglichen und abgewogen werden.
Und es wird auch behauptet, dab nur jemand, der sich in der konkreten
Situation befindet und persönlich involviert ist, eine gerechte Abwägung
der Güter vornehmen könne, um die es geht: infolgedessen könnte nur er
über die Sittlichkeit seiner Entscheidung bestimmen. Der Staat sollte
daher im Interesse des zivilen Zusammenlebens und der sozialen Eintracht
diese Entscheidung respektieren und endlich auch Abtreibung und Euthanasie
zulassen.
Bisweilen wird die Meinung vertreten, das staatliche Gesetz könne nicht
verlangen, dab alle Bürger einem Sittlichkeitsgrad gemäb leben, der
höher ist als jener, den sie selber anerkennen und teilen. Deshalb sollte
das Gesetz immer Ausdruck der Meinung und des Willens der Mehrheit der
Bürger sein und ihnen, wenigstens in bestimmten Extremfällen, auch das
Recht auf Abtreibung und auf Euthanasie zuerkennen. Im übrigen würde das
Verbot und die Bestrafung von Abtreibung und Euthanasie in diesen Fällen
— so wird behauptet — unvermeidbar zu einer Zunahme illegaler
Praktiken führen: diese wären allerdings nicht der notwendigen sozialen
Kontrolle unterworfen und würden ohne die erforderliche ärztliche
Sicherheit vorgenommen. Hier fragt man sich auberdem, ob das Festhalten an
einem konkret nicht anwendbaren Gesetz nicht am Ende bedeute, dab auch die
Glaubwürdigkeit jedes anderen Gesetzes untergraben werde.
Die radikalsten Meinungsäuberungen gehen schlieblich soweit zu behaupten,
in einer modernen und pluralistischen Gesellschaft mübte jedem Menschen
volle Autonomie zuerkannt werden, über das eigene Leben und das Leben des
ungeborenen Kindes zu verfügen: die Wahl und Entscheidung zwischen den
verschiedenen Moralauffassungen wäre in der Tat nicht Sache des Gesetzes,
und noch weniger könnte es sich die Auferlegung einer einzelnen dieser
Auffassungen zum Nachteil der anderen anmaben.
69. Auf jeden Fall ist in der demokratischen Kultur unserer Zeit die
Meinung weit verbreitet, wonach sich die Rechtsordnung einer Gesellschaft
darauf beschränken sollte, die Überzeugungen der Mehrheit zu verzeichnen
und anzunehmen, und daher nur auf dem aufbauen, was die Mehrheit selber
als moralisch anerkennt und lebt. Wenn dann sogar die Meinung vertreten
wird, eine allgemeine und objektive Wahrheit sei de facto unannehmbar,
würde es die Achtung vor der Freiheit der Bürger — die in einem
demokratischen System als die eigentlichen Souveräne gelten —
erfordern, dab man auf Gesetzgebungsebene die Autonomie der einzelnen
Gewissen anerkennt und daher bei der Festlegung jener Normen, die auf
jeden Fall für das soziale Zusammenleben notwendig sind, ausschlieblich
dem Willen der Mehrheit, welcher Art immer sie sein mag, gerecht wird. Auf
diese Weise mübte jeder Politiker in seinem Tun den Bereich des privaten
Gewissens klar von dem des öffentlichen Verhaltens trennen.
Es lassen sich infolgedessen zwei anscheinend diametral entgegengesetzte
Tendenzen feststellen. Auf der einen Seite machen die einzelnen Individuen
für sich die vollständigste sittliche Entscheidungsautonomie geltend und
fordern, dab sich der Staat keine ethische Auffassung zu eigen macht und
diese vorschreibt, sondern sich darauf beschränkt, der Freiheit jedes
einzelnen weitestmöglichen Raum zu garantieren mit der einzigen äuberen
Einschränkung, den Raum von Autonomie nicht zu verletzen, auf den auch
jeder andere Bürger ein Recht hat. Auf der anderen Seite vertritt man die
Meinung, dab bei der Ausübung der öffentlichen und beruflichen Aufgaben
die Achtung vor der Entscheidungsfreiheit des anderen es einem jedem
auferlege, von den eigenen Überzeugungen abzurücken, um sich in den
Dienst jeder Forderung der Bürger zu stellen, die die Gesetze anerkennen
und schützen, wobei als einziges sittliches Kriterium für die Ausübung
der eigenen Funktionen akzeptiert wird, was eben von diesen Gesetzen
festgelegt wurde. Auf diese Weise wird unter Verzicht auf das eigene
sittliche Gewissen zumindest im Bereich des öffentlichen Wirkens die
Verantwortlichkeit des Menschen dem staatlichen Gesetz überlassen.
70. Gemeinsame Wurzel all dieser Tendenzen ist der ethische Relativismus,
der für weite Teile der modernen Kultur bezeichnend ist. Manche
behaupten, dieser Relativismus sei eine Voraussetzung für die Demokratie,
weil nur er Toleranz, gegenseitige Achtung der Menschen untereinander und
Bindung an die Entscheidungen der Mehrheit gewährleisten würde, während
die als objektiv und bindend angesehenen sittlichen Normen zu
Autoritarismus und Intoleranz führen würden.
Doch gerade die Problematik der Achtung vor dem Leben zeigt, welche
Mibverständnisse und Widersprüche, begleitet von entsetzlichen
praktischen Folgen, sich hinter dieser Einstellung verbergen.
Es stimmt, dab die Geschichte Fälle kennt, in denen im Namen der
»Wahrheit« Verbrechen begangen worden sind. Aber nicht minder schwere
Verbrechen und radikale Leugnungen der Freiheit wurden und werden weiter
auch im Namen des »ethischen Relativismus« begangen. Fabt eine
parlamentarische oder gesellschaftliche Mehrheit, wenn sie die
Rechtmäbigkeit der unter bestimmten Bedingungen vorgenommenen Tötung des
ungeborenen menschlichen Lebens beschliebt, nicht vielleicht einen
»tyrannischen« Beschlub gegen das schwächste und wehrloseste
menschliche Geschöpf? Das Weltgewissen reagiert mit Recht auf die
Verbrechen gegen die Menschlichkeit, mit denen unser Jahrhundert so
traurige Erfahrungen gemacht hat. Würden diese Untaten vielleicht nicht
mehr länger Verbrechen sein, wenn sie, statt von skrupellosen Tyrannen
begangen worden zu sein, durch des Volkes Zustimmung für rechtmäbig
erklärt worden wären?
Tatsächlich darf die Demokratie nicht solange zum Mythos erhoben werden,
bis sie zu einem Ersatzmittel für die Sittlichkeit oder einem
Allheilmittel gegen die Unsittlichkeit gemacht wird. Sie ist ihrem Wesen
nach eine »Ordnung« und als solche ein Werkzeug und nicht ein Ziel. Ihr
»sittlicher« Charakter ist nicht automatisch gegeben, sondern hängt von
der Übereinstimmung mit dem Sittengesetz ab, dem sie, wie jedes andere
menschliche Verhalten, unterstehen mub: das heibt, er hängt von der
Sittlichkeit der Ziele ab, die sie verfolgt, und der Mittel, deren sie
sich bedient. Wenn heute ein beinahe weltweites Einvernehmen über den
Wert der Demokratie festzustellen ist, wird das als ein positives
»Zeichen der Zeit« angesehen, wie auch das Lehramt der Kirche wiederholt
hervorgehoben hat.88 Aber der Wert der Demokratie steht und fällt mit den
Werten, die sie verkörpert und fördert: grundlegend und unumgänglich
sind sicherlich die Würde jeder menschlichen Person, die Achtung ihrer
unverletzlichen und unveräuberlichen Rechte sowie die Übernahme des
»Gemeinwohls« als Ziel und regelndes Kriterium für das politische
Leben.
Grundlage dieser Werte können nicht vorläufige und wechselnde Meinungs«mehrheiten«
sein, sondern nur die Anerkennung eines objektiven Sittengesetzes, das als
dem Menschen ins Herz geschriebene »Naturgesetz« normgebender
Bezugspunkt eben dieses staatlichen Gesetzes ist. Wenn infolge einer
tragischen kollektiven Trübung des Gewissens der Skeptizismus schlieblich
sogar die Grundsätze des Sittengesetzes in Zweifel zöge, würde selbst
die demokratische Ordnung in ihren Fundamenten erschüttert, da sie zu
einem bloben Mechanismus empirischer
Regelung der verschiedenen und gegensätzlichen Interessen verkäme.89
Mancher könnte sich vorstellen, dab in Ermangelung eines Besseren auch
eine solche Funktion um des sozialen Friedens willen anerkannt werden
müsse. Selbst wenn man in einer solchen Einschätzung einen gewissen
Wahrheitsaspekt anerkennt, mub man doch sehen, dab ohne eine objektive
sittliche Verankerung auch die Demokratie keinen stabilen Frieden
sicherstellen kann, um so mehr als der Friede, der nicht an den Werten der
Würde jedes Menschen und der Solidarität unter allen Menschen gemessen
wird, nicht selten eine illusorische Angelegenheit ist. Denn in den die
demokratische Beteiligung einschliebenden Regierungssystemen selbst
erfolgt die Regelung der Interessen häufig zum Vorteil der Stärkeren,
vermögen sie doch am besten nicht nur die Hebel der Macht, sondern auch
das Zustandekommen des Konsenses zu steuern. In einer solchen Situation
wird Demokratie leicht zu einem leeren Wort.
71. Im Hinblick auf die Zukunft der Gesellschaft und die Entwicklung einer
gesunden Demokratie ist es daher dringend notwendig, das Vorhandensein
wesentlicher, angestammter menschlicher und sittlicher Werte
wiederzuentdecken, die der Wahrheit des menschlichen Seins selbst
entspringen und die Würde der Person zum Ausdruck bringen und schützen:
Werte also, die kein Individuum, keine Mehrheit und kein Staat je werden
hervorbringen, verändern oder zerstören können, sondern die sie nur
anerkennen, achten und fördern werden müssen.
In diesem Sinne mub man wieder die Grundzüge der Auffassung von den
Beziehungen zwischen staatlichem Gesetz und Sittengesetz aufgreifen, die
von der Kirche vorgelegt werden, die aber auch zum Erbe der groben
Rechtstraditionen der Menschheit gehören.
Sicherlich ist die Aufgabe des staatlichen Gesetzes im Vergleich zu der
des Sittengesetzes anders und von begrenzterem Umfang. Jedoch »kann in
keinem Lebensbereich das staatliche Gesetz das Gewissen ersetzen, noch
kann es Normen über das vorschreiben, was über seine Zuständigkeit
hinausgeht«,90 die darin besteht, das Gemeinwohl der Menschen durch die
Anerkennung und den Schutz ihrer Grundrechte, durch die Förderung des
Friedens und der öffentlichen Sittlichkeit sicherzustellen.91 Denn die
Aufgabe des staatlichen Gesetzes besteht darin, ein geordnetes soziales
Zusammenleben in wahrer Gerechtigkeit zu gewährleisten, damit wir alle
»in aller Frömmigkeit und Rechtschaffenheit ungestört und ruhig leben
können« (1 Tim 2, 2). Eben deshalb mub das staatliche Gesetz für alle
Mitglieder der Gesellschaft die Achtung einiger Grundrechte sicherstellen,
die dem Menschen als Person eigen sind und die jedes positive Gesetz
anerkennen und garantieren mub. Erstes und grundlegendes aller Rechte ist
das unverletzliche Recht auf Leben eines jeden unschuldigen Menschen. Auch
wenn die öffentliche Autorität bisweilen auf die Unterdrückung von
etwas verzichten kann, was im Fall des Verbots einen schwereren Schaden
anrichten wür- de,92 kann sie doch niemals zulassen, die Verletzung, die
anderen Menschen durch die Nicht- Anerkennung eines ihrer Grundrechte wie
das auf Leben zugefügt wird, als Recht der einzelnen zu legitimieren —
selbst wenn diese die Mehrheit der Mitglieder der Gesellschaft ausmachen
würden. Die gesetzliche Tolerierung von Abtreibung oder Euthanasie kann
sich gerade deshalb keinesfalls auf die Respektierung des Gewissens der
anderen berufen, weil die Gesellschaft das Recht und die Pflicht hat, sich
vor den Mibbräuchen zu schützen, die im Namen des Gewissens und unter
dem Vorwand der Freiheit zustande kommen können.93
Papst Johannes XXIII. hatte diesbezüglich in der Enzyklika Pacem in
terris festgestellt: »Da man in unserer Zeit annimmt, das Gemeinwohl
beste- he vor allem in der Wahrung der Rechte und Pflichten der
menschlichen Person, mub die Aufgabe der Staatslenker vor allem darin
bestehen, dab einerseits die Rechte anerkannt, geachtet, untereinander in
Einklang gebracht, verteidigt und gefördert werden, und andererseits
jeder seine Pflichten leichter erfüllen kann. Denn 'die den Menschen
eigenen unverletzlichen Rechte zu schützen und dafür zu sorgen, dab
jeder seine Aufgaben leichter erfülle, das ist die vornehmliche Pflicht
jeder öffentlichen Gewalt'. Wenn deshalb Behörden die Rechte des
Menschen entweder nicht anerkennen oder verletzen, so weichen sie nicht
nur selbst von ihrer Pflicht ab, sondern es entbehrt auch das, was von
ihnen befohlen wurde, jeder Verbindlichkeit«.94
72. In Kontinuität mit der gesamten Tradition der Kirche steht auch die
Lehre über die notwendige Übereinstimmung des staatlichen Gesetzes mit
dem Sittengesetz, wie sie gleichfalls aus der genannten Enzyklika
Johannes' XXIII. hervorgeht: »Die Befehlsgewalt wird von der sittlichen
Ordnung erfordert und geht von Gott aus. Falls daher Staatslenker entgegen
dieser Ordnung und insofern entgegen dem Willen Gottes Gesetze erlassen
oder etwas gebieten, dann können weder die erlassenen Gesetze noch die
gewährten Vollmachten das Gewissen der Bürger verpflichten... Vielmehr
bricht dann die Autorität selbst völlig zusammen, und es folgt
scheubliches Unrecht«.95 Das ist die klare Lehre des hl. Thomas von Aquin,
der unter anderem schreibt: »Das menschliche Gesetz hat nur insoweit den
Charakter eines Gesetzes, insoweit es der rechten Vernunft gemäb ist; und
insofern ist es offensichtlich, dab es vom ewigen Gesetz her abgeleitet
wird. Wenn es aber von der Vernunft abweicht, wird es ungerechtes Gesetz
genannt und hat nicht den Charakter eines Gesetzes, sondern vielmehr den
einer Gewalttätigkeit«.96 Und weiter: »Jedes von Menschen erlassene
Gesetz hat insoweit den Charakter eines Gesetzes, insoweit es vom
Naturgesetz abgeleitet wird. Wenn es aber in irgend etwas von dem
Naturgesetz abweicht, dann wird es nicht mehr Gesetz, sondern die
Zersetzung des Gesetzes sein«.97
Die erste und unmittelbarste Anwendung dieser Lehre betrifft das
menschliche Gesetz, welches das jedem Menschen eigene fundamentale
Grundrecht auf Leben nicht anerkennt. Auf diese Weise befinden sich die
Gesetze, die in Form der Abtreibung und der Euthanasie die unmittelbare
Tötung unschuldiger Menschen für rechtmäbig erklären, in totalem und
unversöhnlichem Widerspruch zu dem allen Menschen eigenen unverletzlichen
Recht auf Leben und leugnen somit die Gleichheit aller vor dem Gesetz. Man
könnte einwenden, dab das auf die Euthanasie dann nicht zutreffe, wenn
der betreffende Mensch bei vollem Bewubtsein um sie gebeten hat. Aber ein
Staat, der ein derartiges Ersuchen legitimieren und seine Durchführung
gestatten würde, würde gegen die Grundprinzipien der Unverfügbarkeit
des Lebens und des Schutzes jedes menschlichen Lebens einen Selbstmord-
bzw. Mordfall legalisieren. Auf diese Weise wird dem Nachlassen der
Achtung vor dem Leben Vorschub geleistet und Haltungen der Weg geebnet,
die das Vertrauen in die sozialen Beziehungen zerstören.
Die Gesetze, die Abtreibung und Euthanasie zulassen und begünstigen,
stellen sich also nicht nur radikal gegen das Gut des einzelnen, sondern
auch gegen das Gemeinwohl und sind daher ganz und gar ohne glaubwürdige
Rechtsgültigkeit. Tatsächlich ist es die Nicht-Anerkennung des Rechtes
auf Leben, die sich, gerade weil sie zur Tötung des Menschen führt —
in dessen Dienst zu stehen die Gesellschaft ja den Grund ihres Bestehens
hat —, am frontalsten und irreparabel der Möglichkeit einer
Verwirklichung des Gemeinwohls entgegenstellt. Daraus folgt, dab ein
staatliches Gesetz, wenn es Abtreibung und Euthanasie billigt, eben darum
kein wahres, sittlich verpflichtendes staatliches Gesetz mehr ist.
73. Abtreibung und Euthanasie sind also Verbrechen, die für rechtmäbig
zu erklären sich kein menschliches Gesetz anmaben kann. Gesetze dieser
Art rufen nicht nur keine Verpflichtung für das Gewissen hervor, sondern
erheben vielmehr die schwere und klare Verpflichtung, sich ihnen mit Hilfe
des Einspruchs aus Gewissensgründen zu widersetzen. Seit den
Anfangszeiten der Kirche hat die Verkündigung der Apostel den Christen
die Verpflichtung zum Gehorsam gegenüber den rechtmäbig eingesetzten
staatlichen Autoritäten eingeschärft (vgl. Röm 13, 1-7; 1 Petr 2,
13-14), sie aber gleichzeitg entschlossen ermahnt, dab »man Gott mehr
gehorchen mub als den Menschen« (Apg 5, 29). Schon im Alten Testament
finden wir in bezug auf die Bedrohungen gegen das Leben ein gewichtiges
Beispiel für den Widerstand gegen das ungerechte Gebot der staatlichen
Autorität. Die hebräischen Hebammen widersetzten sich dem Pharao, der
angeordnet hatte, jeden neugeborenen Knaben zu töten. Sie »taten nicht,
was ihnen der König von Ägypten gesagt hatte, sondern lies- sen die
Kinder am Leben« (Ex 1, 17). Wichtig ist aber, auf den tieferen Grund
dieses ihres Verhaltens hinzuweisen: »Die Hebammen fürchteten Gott«
(ebd.). Aus dem Gehorsam gegenüber Gott — dem allein jene Furcht
gebührt, die Anerkennung seiner absoluten Souveränität ist —
erwachsen die Kraft und der Mut, den ungerechten Gesetzen der Menschen zu
widerstehen. Die Kraft und der Mut dessen, der bereit ist, auch ins
Gefängnis zu gehen oder durch das Schwert umzukommen in der Gewibheit,
dab »sich hier die Standhaftigkeit und die Glaubenstreue der Heiligen
bewähren« mub (Offb 13, 10).
Es ist daher niemals erlaubt, sich einem in sich ungerechten Gesetz, wie
jenem, das Abtreibung und Euthanasie zuläbt, anzupassen, »weder durch
Beteiligung an einer Meinungskampagne für ein solches Gesetz noch
dadurch, dab man bei der Abstimmung dafür stimmt«.98
Ein besonderes Gewissensproblem könnte sich in den Fällen ergeben, in
denen sich eine parlamentarische Abstimmung als entscheidend dafür
herausstellen würde, in Alternative zu einem bereits geltenden oder zur
Abstimmung gestellten ungleich freizügigeren Gesetz ein restriktiveres
Gesetz zu begünstigen, das heibt ein Gesetz, das die Anzahl der erlaubten
Abtreibungen begrenzt. Solche Fälle sind nicht selten. Man kann nämlich
Folgendes feststellen: Während in manchen Teilen der Welt die nicht
selten von mächtigen internationalen Organisationen unterstützten
Kampagnen für die Einführung von Gesetzen zur Freigabe der Abtreibung
weitergehen, werden dagegen in anderen Nationen — besonders in jenen,
die bereits die bittere Erfahrung mit derartigen freizügigen Gesetzen
hinter sich haben — Anzeichen eines Umdenkens sichtbar. In dem
hypothetisch angenommenen Fall ist es einleuchtend, dab es einem
Abgeordneten, dessen persönlicher absoluter Widerstand gegen die
Abtreibung klargestellt und allen bekannt wäre, dann, wenn die Abwendung
oder vollständige Aufhebung eines Abtreibungsgesetzes nicht möglich
wäre, gestattet sein könnte, Gesetzesvorschläge zu unterstützen, die
die Schadensbegrenzung eines solchen Gesetzes zum Ziel haben und die
negativen Auswirkungen auf das Gebiet der Kultur und der öffentlichen
Moral vermindern. Auf diese Weise ist nämlich nicht eine unerlaubte
Mitwirkung an einem ungerechten Gesetz gegeben; vielmehr wird ein
legitimer und gebührender Versuch unternommen, die ungerechten Aspekte zu
begrenzen.
74. Die Einführung ungerechter Gesetzgebungen stellt moralisch korrekte
Menschen oft vor schwierige Gewissensprobleme, was die Mitwirkung im
Verhältnis zur gebührenden Geltendmachung des eigenen Rechtes betrifft,
nicht zur Teilnahme an sittlich schlechten Handlungen gezwungen zu sein.
Manchmal sind die Entscheidungen, die nötig erscheinen, schmerzlich und
können sogar das Opfer einer renommierten beruflichen Stellung oder den
Verzicht auf berechtigte Aufstiegs- und Karriereaussichten erfordern. In
anderen Fällen kann sich herausstellen, dab die Durchführung von an sich
indifferenten oder sogar positiven Handlungen, die in den Artikeln von
insgesamt ungerechten Gesetzgebungen vorgesehen sind, den Schutz bedrohter
Menschenleben erlaubt. Andererseits darf man jedoch mit Recht befürchten,
dab die Bereitschaft zur Durchführung solcher Handlungen nicht nur zu
einem Stein des Anstobes wird und dem Nachlassen des notwendigen
Widerstandes gegen Anschläge gegen das Leben Vorschub leistet, sondern
unmerklich dazu verleitet, immer mehr einer permissiven Logik nachzugeben.
Zur Erhellung dieses schwierigen sittlichen Problems mub an die
allgemeinen Grundsätze über die Mitwirkung an schlechten Handlungen
erinnert werden. Wie alle Menschen guten Willens sind die Christen
aufgerufen, aus ernster Gewissenspflicht nicht an jenen Praktiken formell
mitzuwirken, die, obgleich von der staatlichen Gesetzgebung zugelassen, im
Gegensatz zum Gesetz Gottes stehen. Denn unter sittlichem Gesichtspunkt
ist es niemals erlaubt, formell am Bösen mitzuwirken. Solcher Art ist die
Mitwirkung dann, wenn die durchgeführte Handlung entweder auf Grund ihres
Wesens oder wegen der Form, die sie in einem konkreten Rahmen annimmt, als
direkte Beteiligung an einer gegen das unschuldige Menschenleben
gerichteten Tat oder als Billigung der unmoralischen Absicht des
Haupttäters bezeichnet werden mub. Diese Mitwirkung kann niemals
gerechtfertigt werden, weder durch Berufung auf die Achtung der Freiheit
des anderen, noch dadurch, dab man sich auf die Tatsache stützt, dab das
staatliche Gesetz diese Mitwirkung vorsehe und fordere: denn für die
Handlungen, die ein jeder persönlich vornimmt, gibt es eine sittliche
Verantwortlichkeit, der sich niemand entziehen kann und nach der Gott
selber einen jeden richten wird (vgl. Röm 2, 6; 14, 12).
Die Beteiligung am Begehen eines Unrechts zu verweigern, ist nicht nur
eine moralische Verpflichtung, sondern auch ein menschliches Grundrecht.
Wenn es nicht so wäre, würde der Mensch gezwungen sein, eine mit seiner
Würde an sich unvereinbare Handlung durchzuführen, und auf diese Weise
würde seine Freiheit, deren glaubwürdiger Sinn und deren Ziel auf der
Hinordnung zum Wahren und Guten beruhen, radikal gefährdet sein. Es
handelt sich also um ein wesentliches Recht, das eben als solches vom
staatlichen Gesetz selbst vorgesehen und geschützt werden mübte. In
diesem Sinne mübte für die Ärzte, das Pflegepersonal und die
verantwortlichen Träger von Krankenhäusern, Kliniken und Pflegeheimen
die Möglichkeit sichergestellt sein, die Beteiligung an der Phase der
Beratung, Vorbereitung und Durchführung solcher Handlungen gegen das
Leben zu verweigern. Wer zum Mittel des Einspruchs aus Gewissensgründen
greift, mub nicht nur vor Strafmabnahmen, sondern auch vor jeglichem
Schaden auf gesetzlicher, disziplinarischer, wirtschaftlicher und
beruflicher Ebene geschützt sein.
»Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst« (Lk 10, 27):
»fördere« das Leben
75. Die Gebote Gottes lehren uns den Weg des Lebens. Die negativen
sittlichen Vorschriften, also jene, die die Wahl einer bestimmten Handlung
für sittlich unannehmbar erklären, haben einen absoluten Wert für die
menschliche Freiheit: sie gelten ausnahmslos immer und überall. Sie
weisen darauf hin, dab die Wahl bestimmter Verhaltens- weisen mit der
Liebe zu Gott und mit der Würde des nach seinem Bild geschaffenen
Menschen radikal unvereinbar ist: eine solche Wahl kann daher keinesfalls
durch die dahinterstehende gute Absicht und die sich ergebenden guten
Folgen aufgewogen werden; sie steht in unversöhnlichem Gegensatz zu der
Gemeinschaft zwischen den Menschen, sie widerspricht der
Grundentscheidung, sein Leben auf Gott hinzuordnen.99
Schon in diesem Sinne haben die negativen sittlichen Vorschriften eine
äuberst wichtige positive Funktion: das »Nein«, das sie bedingungslos
fordern, nennt die unüberschreitbare Grenze, unter die der freie Mensch
nicht gehen darf, und zugleich gibt es das Minimum an, das er respektieren
und von dem er ausgehen mub, um unzählige »Ja« auszusprechen, die in
der Lage sind, immer mehr den Gesamthorizont des Guten zu erfassen (vgl.
Mt 5, 48). Die Gebote, insbesondere die negativen sittlichen Vorschriften,
sind der Anfang und die erste notwendige Etappe des Weges zur Freiheit:
»Die erste Freiheit — schreibt der hl. Augustinus — besteht im
Freisein von Verbrechen..., als da sind Mord, Ehebruch, Unzucht,
Diebstahl, Betrug, Gotteslästerung usw. Wenn einer mit diesen Vergehen
nichts zu tun hat (und kein Christ darf mit ihnen zu tun haben), beginnt
er sein Haupt zur Freiheit zu erheben, aber das ist erst der Anfang der
Freiheit, nicht die vollkommene Freiheit«.100
76. Das Gebot »du sollst nicht töten« bestimmt also den Ausgangspunkt
für einen Weg in wahrer Freiheit, der uns dahin führt, das Leben aktiv
zu fördern und bestimmte Haltungen und Verhaltensweisen im Dienst am
Leben zu entwickeln: dadurch erfüllen wir unsere Verantwortlichkeit
gegenüber den Menschen, die sich uns anvertraut haben, und bringen in den
Taten und in der Wahrheit Gott unsere Dankbarkeit für das grobe Geschenk
des Lebens zum Ausdruck (vgl. Ps 139 1, 13-14).
Der Schöpfer hat das Leben des Menschen seiner verantwortlichen Fürsorge
anvertraut, nicht damit er willkürlich darüber verfüge, sondern damit
er es mit Weisheit bewahre und in liebevoller Treue verwalte. Der Gott des
Bundes hat entsprechend dem Gesetz der Gegenseitigkeit von Geben und
Empfangen, von Selbsthingabe und Annahme des anderen das Leben eines jeden
Menschen dem anderen Menschen, seinem Bruder, anvertraut. Als die Zeit
erfüllt war, hat der Sohn Gottes dadurch, dab er Mensch wurde und sein
Leben für den Menschen hingab, gezeigt, welche Höhe und Tiefe dieses
Gesetz der Gegenseitigkeit erreichen kann. Durch das Geschenk seines
Geistes verleiht Christus dem Gesetz der Gegenseitigkeit, dem Anvertrauen
des Menschen an den Menschen neue Inhalte und Bedeutungen. Der Geist, der
Baumeister von Gemeinschaft in Liebe ist, stellt zwischen den Menschen
eine neue Brüderlichkeit und Solidarität her, einen echten Abglanz des
der heiligsten Dreifaltigkeit eigenen Geheimnisses von gegenseitiger
Hingabe und Annahme. Der Geist selbst wird zum neuen Gesetz, das den
Gläubigen die Kraft gibt und ihre Verantwortlichkeit dazu anspornt, durch
Teilhabe an der Liebe Jesu Christi selbst und nach ihrer Mabgabe
gegenseitig die Selbsthingabe und die Annahme des anderen zu leben.
77. Von diesem neuen Gesetz wird auch das Gebot »du sollst nicht töten«
beseelt und geformt. Für den Christen schliebt es letzten Endes das
Pflichtgebot ein, den Ansprüchen und Dimensionen der Liebe Gottes in
Jesus Christus gemäb das Leben jedes Bruders zu achten, zu lieben und zu
fördern. »Er hat sein Leben für uns hingegeben. So müssen auch wir
für die Brüder das Leben hingeben« (1 Joh 3, 16).
Das Gebot »du sollst nicht töten« verpflichtet jeden Menschen auch in
seinen positivsten Inhalten, nämlich Achtung, Liebe und Förderung des
menschlichen Lebens. Es läbt sich in der Tat als ein ununterdrückbares
Echo des ursprünglichen Bundes Gottes, des Schöpfers, mit dem Menschen
im sittlichen Bewubtsein eines jeden Menschen vernehmen; es kann von allen
im Licht der Vernunft erkannt und dank des geheimnisvollen Wirkens des
Geistes wahrgenommen werden, der, da er weht, wo er will (vgl. Joh 3, 8),
jeden in dieser Welt lebenden Menschen erreicht und miteinbezieht.
Es ist also ein Liebesdienst, den wir verpflichtet sind unserem Nächsten
zu leisten, damit seinem Leben immer, vor allem aber, wenn es am
schwächsten oder bedroht ist, Schutz und Förderung zuteil werde. Es ist
nicht nur persönliche, sondern soziale Fürsorge, die wir alle dadurch
ausüben müssen, dab wir die bedingungslose Achtung vor dem menschlichen
Leben zum tragenden Fundament einer erneuerten Gesellschaft machen.
Es wird von uns verlangt, das Leben jedes Mannes und jeder Frau zu lieben
und zu ehren und mit Standhaftigkeit und Mut daran zu arbeiten, dab in
unserer Zeit, die allzu viele Zeichen des Todes aufweist, endlich eine
neue Kultur des Lebens als Frucht der Kultur der Wahrheit und der Liebe
entstehen möge.
IV. KAPITEL
DAS HABT IHR MIR GETAN
FÜR EINE NEUE KULTUR DES MENSCHLICHEN LEBENS
»Ihr aber seid ein Volk, das Gottes besonderes Eigentum wurde, damit es
seine groben Taten verkünde« (1 Petr 2, 9): das Volk des Lebens und für
das Leben
78. Die Kirche hat das Evangelium als Ankündigung und Quelle von Freude
und Heil empfangen. Sie hat es als Geschenk von Jesus empfangen, der vom
Vater gesandt wurde, »damit Er den Armen eine gute Nachricht bringe« (Lk
4, 18). Sie hat es durch die Apostel empfangen, die von Ihm in die ganze
Welt ausgesandt wurden (vgl. Mk 16, 15; Mt 28, 19-20). Die aus diesem
Einsatz für die Verkündigung des Evangeliums entstandene Kirche vernimmt
in sich selbst jeden Tag das mahnende Wort des Apostels: »Weh mir, wenn
ich das Evangelium nicht verkünde« (1 Kor 9, 16). »Evangelisieren ist
— schrieb Paul VI. — in der Tat die Gnade und eigentliche Berufung der
Kirche, ihre tiefste Identität. Sie ist da, um zu evangelisieren«.101
Evangelisierung ist eine globale und dynamische Aktion, die die Kirche in
ihrer Teilhabe an der prophetischen, priesterlichen und königlichen
Sendung des Herrn Jesus einbezieht. Sie ist daher untrennbar mit den
Dimensionen der Verkündigung, der Feier und des Dienstes der
Nächstenliebe verbunden. Sie ist ein zutiefst kirchliches Tun, das alle
heranzieht, die auf verschiedenste Weise für das Evangelium tätig sind,
einen jeden nach seinen Gaben und seinem Amt.
Das gilt auch für die Verkündigung des Evangeliums vom Leben, eines
wesentlichen Bestandteils des Evangeliums, das Jesus Christus ist. Wir
stehen im Dienst dieses Evangeliums, getragen von dem Bewubtsein, dab wir
es als Geschenk empfangen haben und ausgesandt sind, es der ganzen
Menschheit »bis an die Grenzen der Erde« (Apg 1, 8) zu verkünden. Darum
hegen wir das demütige und dankbare Bewubtsein, das Volk des Lebens und
für das Leben zu sein, und treten so vor allen auf.
79. Wir sind das Volk des Lebens, weil Gott uns in seiner unentgeltlichen
Liebe das Evangelium vom Leben geschenkt hat und wir von diesem Evangelium
verwandelt und gerettet worden sind. Wir sind vom »Urheber des Lebens« (Apg
3, 15) um den Preis seines kostbaren Blutes erkauft (vgl. 1 Kor 6, 20; 7,
23; 1 Petr 1, 19) und durch die Taufe in Ihn eingegliedert worden (vgl.
Röm 6, 4-5; Kol 2, 12) wie Zweige, die aus dem einen Stamm Lebenssaft und
Fruchtbarkeit ziehen (vgl. Joh 15, 5). Innerlich erneuert durch die Gnade
des Geistes, der »Herr ist und lebendig macht«, sind wir zu einem Volk
für das Leben geworden und sind aufgerufen, uns auch so zu verhalten.
Wir sind gesandt: im Dienst des Lebens zu stehen, ist für uns nicht
Prahlerei, sondern eine Verpflichtung, die aus dem Bewubtsein entsteht,
»ein Volk« zu sein, »das Gottes besonderes Eigentum wurde, damit es
seine groben Taten verkünde« (1 Petr 2, 9). Auf unserem Weg führt und
trägt uns das Gesetz der Liebe: es ist die Liebe, deren Quelle und
Vorbild der menschgewordene Gottessohn ist, der »durch seinen Tod der
Welt das Leben geschenkt hat«.102
Wir sind als Volk gesandt. Die Verpflichtung zum Dienst am Leben lastet
auf allen und auf jedem einzelnen. Es handelt sich um eine »kirchliche«
Verantwortlichkeit im eigentlichen Sinn, die das aufeinander abgestimmte
hochherzige Handeln aller Mitglieder und aller Gruppierungen der
christlichen Gemeinde erfordert. Die gemeinschaftliche Aufgabe hebt jedoch
die Verantwortung des einzelnen Menschen, an den das Gebot des Herrn, für
jeden Menschen »zum Nächsten zu werden«, gerichtet ist: »Dann geh und
handle genauso!« (Lk 10, 37), weder auf noch verringert sie diese.
Wir spüren alle miteinander die Verpflichtung, das Evangelium vom Leben
zu verkünden, es in der Liturgie und in unserem gesamten Dasein zu
feiern, ihm mit verschiedenen Initiativen und Strukturen zu dienen, die
seine Unterstützung und Förderung zum Ziele haben.
»Was wir gesehen und gehört haben, das verkünden wir auch euch« (1 Joh
1, 3): das Evangelium vom Leben verkünden
80. »Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir mit unseren
Augen gesehen, was wir geschaut und was unsere Hände angefabt haben, ...
das Wort des Lebens..., das verkünden wir auch euch, damit auch ihr
Gemeinschaft mit uns habt« (1 Joh 1, 1.3). Jesus ist das einzige
Evangelium: wir haben nichts anderes zu sagen und zu bezeugen.
Die Verkündigung Jesu ist die Verkündigung des Lebens. Denn Er ist »das
Wort des Lebens« (1 Joh 1, 1). In Ihm »wurde das Leben offenbart« (1
Joh 1, 2); ja, Er ist selber »das ewige Leben, das beim Vater war und uns
offenbart wurde« (ebd.). Dank der Gabe des Geistes wurde dieses Leben dem
Menschen mitgeteilt. Wenn es auf das Leben in Fülle, auf das »ewige
Leben«, hingeordnet ist, gewinnt auch das »irdische Leben« seinen
vollen Sinn.
Wenn wir von diesem Evangelium vom Leben erleuchtet werden, empfinden wir
das Bedürfnis, es in dem überraschend Neuen, das es kennzeichnet, zu
verkünden und zu bezeugen: da es sich mit Jesus selbst, dem Überbringer
alles Neuen 103 und Sieger über das »Alter«, das aus der Sünde stammt
und zum Tod führt,104 gleichsetzt, übersteigt dieses Evangelium jede
menschliche Erwartung und macht offenbar, zu welchen erhabenen Höhen sich
die Würde der Person durch die Gnade zu erheben vermag. Der hl. Gregor
von Nyssa stellt folgende Betrachtung darüber an: »Der Mensch, der unter
den Lebewesen nichts zählt, der Staub, Gras, Vergänglichkeit ist, wird,
sobald vom Gott des Universums an Kindes Statt angenommen, zum Vertrauten
dieses Gottes, dessen Vollkommenheit und Gröbe niemand sehen, hören und
begreifen kann. Mit welchem Wort, Gedanken oder Aufschwung des Geistes
wird man je vermögen, den Überflub dieser Gnade zu preisen? Der Mensch
übersteigt seine Natur: vom Sterblichen wird er zum Unsterblichen, vom
Vergänglichen zum Unvergänglichen, vom Vorübergehenden zum Ewigen, er
wird vom Menschen zu Gott«.105
Die Dankbarkeit und Freude angesichts der unermeblichen Würde des
Menschen spornt uns an, alle an dieser Botschaft teilhaben zu lassen:
»Was wir gesehen und gehört haben, das verkünden wir auch euch, damit
auch ihr Gemeinschaft mit uns habt« (1 Joh 1, 3). Man mub das Evangelium
vom Leben zum Herzen jedes Mannes und jeder Frau gelangen lassen und es in
die verborgensten Winkel der ganzen Gesellschaft einführen.
81. Es geht darum, zunächst die Mitte dieses Evangeliums zu verkünden.
Das bedeutet Verkündigung eines lebendigen und nahen Gottes, der uns in
eine tiefe Verbindung mit sich ruft und uns öffnet für die sichere
Hoffnung auf das ewige Leben; es bedeutet Geltendmachung des untrenn-
baren Zusammenhangs, der zwischen der menschlichen Person, ihrem Leben und
ihrer Leiblichkeit besteht; es bedeutet Darstellung des menschlichen
Lebens als Leben der Beziehung, als Gottesgeschenk, als Frucht und Zeichen
seiner Liebe; es bedeutet Verkündigung der aubergewöhnlichen Beziehung
Jesu zu jedem Menschen, der es ermöglicht, in jedem menschlichen Antlitz
das Ant- litz Christi zu erkennen; es bedeutet Aufzeigen der
»aufrichtigen Selbsthingabe« als Aufgabe und Ort voller Verwirklichung
der eigenen Freiheit.
Gleichzeitig gilt es sämtliche Konsequenzen aufzuzeigen, die sich aus
diesem Evangelium ergeben und die man wie folgt zusammenfassen kann: das
menschliche Leben, ein wertvolles Geschenk Gottes, ist heilig und
unantastbar und daher sind insbesondere die vorsätzliche Abtreibung und
die Euthanasie absolut unannehmbar; das Leben des Menschen darf nicht nur
nicht ausgelöscht, sondern es mub mit aller liebevollen Aufmerksamkeit
geschützt werden; das Leben findet seinen Sinn in der empfangenen und
geschenkten Liebe, in de- ren Blickfeld Sexualität und menschliche
Fortpflanzung volle Wahrheit erlangen; in dieser Liebe haben auch das
Leiden und der Tod einen Sinn und können, wenngleich das Geheimnis, das
sie umfängt, weiterbesteht, zu Heilsereignissen werden; die Achtung vor
dem Leben erfordert, dab Wissenschaft und Technik stets auf den Menschen
und seine ganzheitliche Entwicklung hingeordnet werden; die ganze
Gesellschaft mub die Würde jeder menschlichen Person in jedem Augenblick
und in jeder Lage ihres Lebens achten, verteidigen und fördern.
82. Um wahrhaftig ein Volk im Dienst am Leben zu sein, müssen wir von der
ersten Verkündigung des Evangeliums an und später in der Katechese und
in den verschiedenen Verkündigungsformen, im persönlichen Gespräch und
in jeder erzieherischen Tätigkeit mit Standhaftigkeit und Mut diese
Inhalte vorlegen. Den Erziehern, Lehrern, Katecheten und Theologen obliegt
die Aufgabe, die anthropologischen Gründe hervorzuheben, auf die sich die
Achtung vor jedem Menschenleben gründet und stützt. Während wir das
eigenartig Neue des Evangeliums vom Leben zum Strahlen bringen, werden wir
auf diese Weise allen helfen können, auch im Licht der Vernunft und der
Erfahrung zu entdecken, dab die christliche Botschaft den Menschen und die
Bedeutung seines Seins und seiner Existenz voll erhellt; wir werden
wertvolle Punkte für Begegnung und Dialog auch mit den Nichtglaubenden
finden, sind wir doch alle miteinander verpflichtet, eine neue Kultur des
Lebens erstehen zu lassen.
Während wir von den widersprüchlichsten Stimmen umgeben sind und viele
die gesunde Lehre über das Leben des Menschen verwerfen, spüren wir, dab
die inständige Bitte des Paulus an Timotheus auch an uns gerichtet ist:
»Verkünde das Wort, tritt dafür ein, ob man es hören will oder nicht;
weise zurecht, tadle, ermahne, in unermüdlicher und geduldiger
Belehrung« (2 Tim 4, 2). Diese Ermahnung mub besonders im Herzen derer
kräftigen Widerhall finden, die in der Kirche auf verschiedene Weise an
ihrer Sendung als »Lehrerin« der Wahrheit am unmittelbarsten teilhaben.
Sie soll vor allem bei uns Bischöfen Widerhall finden: wir sind als erste
dazu angehalten, unermüdliche Verkünder des Evangeliums vom Leben zu
sein; uns ist auch die Aufgabe anvertraut, über die zuverlässige und
getreue Weitergabe der in dieser Enzyklika neu vorgelegten Lehre zu wachen
und die geeignetsten Mabnahmen zu ergreifen, damit die Gläubigen vor
jeder Lehre, die ihr widerspricht, geschützt werden. Besondere
Aufmerksamkeit müssen wir darauf legen, dab an den theologischen
Fakultäten, in den Priesterseminarien und in den verschiedenen
katholischen Institutionen die Kenntnis der gesunden Lehre verbreitet,
erklärt und vertieft wird.106 Die Ermahnung des Paulus möge von allen
Theologen, von den Seelsorgern und von allen anderen vernommen werden, die
Aufgaben der Lehre, Katechese und Gewissensbildung wahrnehmen: mögen sie
im Bewubtsein der ihnen zukommenden Rolle niemals die schwerwiegende
Verantwortung auf sich nehmen, die Wahrheit und ihren eigenen Auftrag
dadurch zu verraten, dab sie persönliche Ideen vortragen, die im
Gegensatz zum Evangelium vom Leben stehen, wie es das Lehramt getreu vor–
und auslegt.
Bei der Verkündigung dieses Evangeliums dürfen wir nicht Feindseligkeit
und Unpopularität fürchten, wenn wir jeden Kompromib und jede
Zweideutigkeit ablehnen, die uns der Denkweise dieser Welt angleichen
würde (vgl. Röm 12, 2). Wir sollen in der Welt, aber nicht von der Welt
sein (vgl. Joh 15, 19; 17, 16) mit der Kraft, die uns von Christus kommt,
der durch seinen Tod und seine Auferstehung die Welt besiegt hat (vgl. Joh
16, 33).
»Ich danke dir, dab du mich so wunderbar gestaltet hast« (Ps 139 1, 14):
das Evangelium vom Leben feiern
83. Da wir als »Volk für das Leben« in die Welt gesandt sind, soll
unsere Verkündigung auch zu einer echten Feier des Evangeliums vom Leben
werden. Ja, durch die beschwörende Kraft ihrer Gesten, Symbole und Riten
wird diese Feier zum wertvollen und bedeutsamen Ort für die Weitergabe
der Schönheit und Gröbe dieses Evangeliums.
Dazu ist es vor allem dringend notwendig, in uns und in den anderen eine
kontemplative Sicht zu pflegen.107 Diese entsteht aus dem Glauben an den
Gott des Lebens, der jeden Menschen geschaffen und wunderbar gestaltet hat
(vgl. Ps 139 2, 14). Es ist die Sicht dessen, der das Leben dadurch in
seiner Tiefe sieht, dab er dessen Dimensionen der Unentgeltlichkeit, der
Schönheit, der Herausforderung zu Freiheit und Verantwortlichkeit erfabt.
Es ist die Sicht dessen, der sich nicht anmabt, der Wirklichkeit habhaft
zu werden, sondern sie als ein Geschenk annimmt und dabei in jedem Ding
den Widerschein des Schöpfers und in jedem Menschen sein lebendiges
Abbild entdeckt (vgl. Gen 1, 27; Ps 8, 6). Diese Sicht kapituliert nicht
mutlos angesichts derer, die sich in Krankheit, in Leid, am Rande der
Gesellschaft und an der Schwelle des Todes befinden; sondern sie läbt
sich von allen diesen Situationen befragen, um nach einem Sinn zu suchen,
und beginnt gerade unter diesen Gegebenheiten, auf dem Antlitz jedes
Menschen einen Aufruf zu Gegenüberstellung, zu Dialog, zu Solidarität zu
entdecken.
Es ist an der Zeit, dab alle diese Sicht übernehmen und so wieder fähig
werden, mit dem von ehrfürchtigem Staunen erfüllten Herzen jeden
Menschen zu ehren und zu achten, wie uns Paul VI. in einer seiner ersten
Weihnachtsbotschaften einlud zu tun.108 Beseelt von dieser kontemplativen
Sicht, kann das neue Volk der Erlösten gar nicht anders als in Freudes-,
Lobes– und Dankeshymnen auszubrechen über das unschätzbare Geschenk
des Lebens, über das Geheimnis der Berufung jedes Menschen, in Christus
am Gnadenleben und an einer Existenz unendlicher Gemeinschaft mit Gott,
dem Schöpfer und Vater, teilzuhaben.
84. Das Evangelium vom Leben feiern heibt, den Gott des Lebens, den Gott,
der das Leben schenkt, feiern: »Wir müssen das ewige Leben feiern, von
dem jedes andere Leben herrührt. Von ihm empfängt jedes Wesen, das in
irgendeiner Weise am Leben teilhat, proportional zu seinen Fähigkeiten
das Leben. Dieses göttliche Leben, das über jedem Leben steht, belebt
und bewahrt das Leben. Jedes Leben und jede Lebensregung haben ihren
Ursprung in diesem Leben, das jedes Leben und jeden Lebensursprung
übersteigt. Ihm verdanken die Seelen ihre Unvergänglichkeit, sowie dank
ihm alle Tiere und Pflanzen leben, die das schwächste Echo des Lebens
empfangen. Den Menschen, Wesen, die aus Geist und Materie bestehen,
schenkt das (göttliche) Leben das Leben. Wenn es dann geschieht, dab wir
es verlassen müssen, dann verwandelt uns das Leben wegen seiner
überströmenden Liebe zum Menschen und ruft uns zu sich. Nicht nur das:
es verheibt uns, uns, Seelen und Körper, in das vollkommene Leben, in die
Unsterblichkeit zu geleiten. Es ist zu wenig, wenn man sagt, dieses Leben
ist lebendig: es ist Lebensursprung, einzige Lebensursache und
Lebensquelle. Jedes Lebewesen mub es betrachten und preisen: es ist Leben,
das in Leben überströmt«.109
Wie der Psalmist, so loben und preisen auch wir im persönlichen und
gemeinschaftlichen täglichen Gebet Gott, unseren Vater, der uns im
Mutterschob gewoben und uns gesehen und geliebt hat, als wir noch ohne
Gestalt waren (vgl. Ps 139 3, 13. 15-16), und mit unbezähmbarer Freude
rufen wir aus: »Ich danke dir, dab du mich so wunderbar gestaltet hast.
Ich weib: Staunenswert sind deine Werke« (Ps 139 4, 14). Ja, »dieses
sterbliche Leben ist trotz seiner Mühen, seiner dunklen Geheimnisse,
seiner Leiden, seiner unabwendbaren Hinfälligkeit eine sehr schöne
Sache, ein immer originelles und ergreifendes Wunder, ein Ereignis,
würdig mit Freude und Lobpreis besungen zu werden«.110 Mehr noch, der
Mensch und sein Leben erscheinen uns nicht nur als eines der gröbten
Wunderwerke der Schöpfung: Gott hat dem Menschen eine beinahe göttliche
Würde verliehen (vgl. Ps 8, 6-7). In jedem Kind, das geboren wird, und in
jedem Menschen, der lebt oder der stirbt, erkennen wir das Abbild der
Herrlichkeit Gottes: diese Herrlichkeit feiern wir in jedem Menschen, der
Zeichen des lebendigen Gottes, Ikone Jesu Christi ist.
Wir sind aufgerufen, Staunen und Dankbarkeit über das als Geschenk
empfangene Leben zum Ausdruck zu bringen und das Evangelium vom Leben
nicht nur im persönlichen und gemeinschaftlichen Gebet, sondern vor allem
in den Feiern des liturgischen Jahres anzunehmen, zu genieben und
mitzuteilen. Hier mub im besonderen an die Sakramente als wirksame Zeichen
für die Gegenwart und das Heilswirken des Herrn Jesus in der christlichen
Existenz erinnert werden: sie machen die Menschen dadurch zu Teilhabern am
göttlichen Leben, dab sie ihnen die nötige geistliche Kraft
sicherstellen, um in ihrer vollen Wahrheit die Bedeutung des Lebens, des
Leidens und des Sterbens zu realisieren. Dank einer echten
Wiederentdeckung des Sinnes der Riten und dank ihrer angemessenen
Bewertung werden die liturgischen Feiern, vor allem jene sakramentalen
Charakters, immer mehr in der Lage sein, die volle Wahrheit über die
Geburt, das Leben, das Leiden und den Tod auszudrücken und so dazu
verhelfen, diese Wirklichkeit als Teilhabe am Ostermysterium des
gestorbenen und auferstandenen Christus zu erleben.
85. Bei der Feier des Evangeliums vom Leben mub man auch die Gesten und
die Symbole zu würdigen und zu schätzen wissen, an denen die
verschiedenen kulturellen und volkstümlichen Traditionen und Bräuche so
reich sind. Es handelt sich um Gelegenheiten und Formen der Begegnung, mit
denen in den verschiedenen Ländern und Kulturen die Freude über ein
neugeborenes Leben, die Achtung und die Verteidigung jedes menschlichen
Lebens, die Sorge für den Kranken oder Notleidenden, die Nähe zum Alten
oder Sterbenden, die Teilnahme am Schmerz des Trauernden, die Hoffnung und
die Sehnsucht nach Unsterblichkeit zum Ausdruck gebracht werden.
Aus dieser Sicht greife ich auch die von den Kardinälen im Konsistorium
von 1991 gebotene Anregung auf und schlage vor, man möge in den
verschiedenen Nationen jedes Jahr einen Tag für das Leben feiern, wie er
bereits auf Initiative einiger Bischofskonferenzen begangen wird. Dieser
Tag mub unter der aktiven Beteiligung aller Mitglieder der Ortskirche
vorbereitet und gefeiert werden. Sein wesentliches Ziel ist es, in den
Gewissen, in den Familien, in der Kirche und in der zivilen Gesellschaft
das Erkennen des Sinnes und Wertes zu wecken, den das menschliche Leben zu
jedem Zeitpunkt und unter jeder Bedingung hat; in das Zentrum der
Aufmerksamkeit soll dabei besonders das schwerwiegende Problem von
Abtreibung und Euthanasie gerückt werden, ohne jedoch die anderen
Augenblicke und Aspekte des Lebens zu übergehen, die je nachdem, was die
geschichtliche Entwicklung nahelegt, jeweils aufmerksame Beachtung
verdienen.
86. In der Logik des gottgefälligen geistlichen Kultes (vgl. Röm 12, 1)
soll sich die Feier des Evangeliums vom Leben vor allem in dem in Liebe zu
den anderen und in Selbsthingabe gelebten Alltagsdasein vollziehen. Auf
diese Weise wird unsere ganze Existenz zur glaubwürdigen und
verantwortungsbewubten Aufnahme des Geschenkes des Lebens und zu einem
aufrichtigen, dankbaren Lobpreis an Gott, der uns dieses Geschenk gemacht
hat. Das geschieht bereits in vielen, vielen Akten eines oft schlichten
und verborgenen Sichverschenkens, die von Männern und Frauen, Kindern und
Erwachsenen, Jungen und Alten, Gesunden und Kranken vollbracht werden.
In diesem an Menschlichkeit und Liebe reichen Rahmen entstehen auch die
heroischen Taten. Sie sind die feierlichste Verherrlichung des Evangeliums
vom Leben, weil sie es mit totaler Selbsthingabe verkünden; sie sind die
leuchtende Offenbarung des höchsten Grades von Liebe, der darin besteht,
dab einer sein Leben für den geliebten Menschen hingibt (vgl. Joh 15,
13); sie sind die Teilhabe am Geheimnis des Kreuzes, an dem Jesus offenbar
macht, welchen Wert für Ihn das Leben jedes Menschen hat und wie es sich
in der aufrichtigen Selbsthingabe voll verwirklicht. Jenseits
aufsehenerregender Taten gibt es den Heroismus im Alltag, der aus kleinen
und groben Gesten des Teilens besteht, die eine echte Kultur des Lebens
fördern. Unter diesen Gesten verdient die in ethisch annehmbaren Formen
durchgeführte Organspende besondere Wertschätzung, um Kranken, die
bisweilen jeder Hoffnung beraubt sind, die Möglichkeit der Gesundheit
oder sogar des Lebens anzubieten.
Zu diesem Heroismus im Alltag gehört das stille, aber um so fruchtbarere
und beredtere Zeugnis »aller mutigen Mütter, die sich vorbehaltlos ihrer
Familie widmen, die unter Schmerzen ihre Kinder zur Welt bringen und dann
bereit sind, jede Mühe und jedes Opfer auf sich zu nehmen, um ihnen das
Beste weiterzugeben, was sie in sich tragen«.111 Wenn sie ihre Sendung
leben, »finden diese heroischen Mütter dabei in ihrer Umgebung nicht
immer Unterstützung. Ja, die Vorbilder der Zivilisation, wie sie häufig
von den Massenmedien vorgestellt und verbreitet werden, begünstigen nicht
die Mutterschaft. Im Namen des Fortschritts und der Moderne werden die
Werte der Treue, der Keuschheit und des Opfers heute als überholt
hingestellt, und doch haben sich in diesen Werten ganze Scharen von
christlichen Gattinnen und Müttern ausgezeichnet und tun es weiter... Wir
danken euch, heroische Mütter, für eure unbesiegbare Liebe! Wir danken
euch für euer unerschrockenes Vertrauen auf Gott und seine Liebe. Wir
danken euch für das Opfer eures Lebens... Im Ostergeheimnis erstattet
euch Christus das Geschenk zurück, das ihr Ihm gemacht habt. Denn Er hat
die Macht, euch das Leben zurückzugeben, das ihr Ihm als Opfer
dargebracht habt«.112
»Meine Brüder, was nützt es, wenn einer sagt, er habe Glauben, aber es
fehlen die Werke?« (Jak 2, 14): dem Evangelium vom Leben dienen
87. Kraft der Teilhabe an der königlichen Sendung Christi müssen sich
die Unterstützung und Förderung des menschlichen Lebens durch den Dienst
der Nächstenliebe verwirklichen, der im persönlichen Zeugnis, in den
verschiedenen Formen des freiwilligen Einsatzes, im sozialen Handeln und
im politischen Engagement zum Ausdruck kommt. Das ist zur Stunde eine
besonders dringende Forderung, da sich die »Kultur des Todes« so
mächtig der »Kultur des Lebens« widersetzt und bisweilen die Oberhand
zu gewinnen scheint. Davor liegt jedoch noch eine Forderung, die aus dem
Glauben entsteht, »der in der Liebe wirksam ist« (Gal 5, 6), wie uns der
Jakobusbrief ermahnt: »Meine Brüder, was nützt es, wenn einer sagt, er
habe Glauben, aber es fehlen die Werke? Kann etwa der Glaube ihn retten?
Wenn ein Bruder oder eine Schwester ohne Kleidung ist und ohne das
tägliche Brot, und einer von euch zu ihnen sagt: Geht in Frieden, wärmt
und sättigt euch!, ihr gebt ihnen aber nicht, was sie zum Leben brauchen
— was nützt das? So ist auch der Glaube für sich allein tot, wenn er
nicht Werke vorzuweisen hat« (2, 14-17).
Beim Dienst der Nächstenliebe mub uns eine Haltung beseelen und
kennzeichnen: wir müssen uns des anderen als Person annehmen, die von
Gott unserer Verantwortung anvertraut worden ist. Als Jünger Jesu sind
wir berufen, uns zum Nächsten jedes Menschen zu machen (vgl. Lk 10,
29-37) und dabei dem Ärmsten, Einsamsten und Bedürftigsten besonderen
Vorzug zu gewähren. Dadurch, dab wir dem Hungernden, dem Dürstenden, dem
Fremden, dem Nackten, dem Kranken, dem Gefangenen — wie auch dem
ungeborenen Kind, dem alten Menschen in seinem Leiden oder unmittelbar vor
seinem Tod — helfen, dürfen wir Jesus dienen, wie Er selber gesagt hat:
»Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr
mir getan« (Mt 25, 40). Daher müssen wir uns von dem immer noch
aktuellen Wort des hl. Johannes Chrysostomus angesprochen und beurteilt
fühlen: »Willst du dem Leib Christi Ehre erweisen? Vernachlässige ihn
nicht, wenn er nackt ist. Ehre ihn nicht hier im Tempel mit Seidenstoffen,
um ihn dann drauben, wo er unter Kälte und Nacktheit leidet, unbeachtet
zu lassen«.113
Der Dienst der Liebe gegenüber dem Leben mub zutiefst einheitlich sein:
er darf keine Einseitigkeiten und Diskriminierungen dulden, denn das
menschliche Leben ist in jeder Phase und in jeder Situation heilig und
unverletzlich; es ist ein unteilbares Gut. Es geht also darum, sich des
ganzen Lebens und des Lebens aller »anzunehmen«. Ja, noch
tiefgründiger: es gilt, bis an die eigentlichen Wurzeln des Lebens und
der Liebe zu gehen.
Ausgehend von einer tiefen Liebe zu jedem Mann und jeder Frau hat sich im
Laufe der Jahrhunderte eine aubergewöhnliche Geschichte der Liebe
entwickelt, die in das kirchliche und staatliche Leben zahlreiche
Strukturen für den Dienst am Leben eingeführt hat, die bei jedem
unvoreinge- nommenen Beobachter Bewunderung hervorrufen. Es ist eine
Geschichte, die mit erneuertem Verantwortungsgefühl jede christliche
Gemeinde durch ein vielfältiges pastorales und soziales Handeln
weiterschreiben mub. In diesem Sinne müssen ausreichende und wirksame
Formen der Begleitung des werdenden Lebens in die Tat umgesetzt werden,
wobei es darum geht, jenen Müttern besonders nahe zu sein, die sich auch
ohne Unterstützung durch den Vater nicht scheuen, ihr Kind zur Welt zu
bringen und zu erziehen. Gleiche Fürsorge mub dem Leben am Rande der
Gesellschaft oder im Leiden, besonders in seiner Schlubphase, erwiesen
werden.
88. Das alles erfordert eine geduldige und mutige Erziehungsarbeit, die
alle und jeden einzelnen dazu anhalten soll, die Last der anderen zu
tragen (vgl. Gal 6, 2); es verlangt besonders unter der Jugend eine
ständige Förderung von Berufungen zum Dienst; es schliebt die
Durchführung konkreter, fester und vom Evangelium angeregter Vorhaben und
Initiativen ein.
Vielfältig sind die Mittel, die mit Kompetenz und ernsthaftem Einsatz
abgeschätzt werden müssen. Im Hinblick auf den Ursprung des Lebens gilt
es, die Zentren für die natürlichen Methoden der Fruchtbarkeitsregelung
als eine wirksame Hilfe für die verantwortliche Elternschaft zu fördern,
wobei jeder Mensch, vom Kind angefangen, um seiner selbst willen anerkannt
und geachtet und jede Entscheidung vom Kriterium der aufrichtigen
Selbsthingabe angeregt und geleitet wird. Auch die Ehe- und
Familienberater leisten durch ihre spezifische Tätigkeit der Beratung und
Vorbeugung, die sie im Licht einer der christlichen Auffassung vom
Menschen, vom Paar und von der Sexualität entsprechenden Anthropologie
ausüben, einen wertvollen Dienst, um den Sinn der Liebe und des Lebens
wiederzuentdecken und jede Familie in ihrer Sendung als »Heiligtum des
Lebens« zu unterstützen und zu begleiten. In den Dienst am werdenden
Leben stellen sich auch die Zentren für Lebenshilfe und die Häuser oder
Zentren zur Aufnahme des Lebens. Dank ihrer Arbeit gewinnen viele
unverheiratete Mütter und in Schwierigkeiten geratene Paare wieder Sinn
und Überzeugungen und finden Beistand und Hilfe, um Unbehagen und Ängste
bei der Annahme eines werdenden oder gerade zur Welt gekommenen Lebens zu
überwinden.
Angesichts des Lebens in elendem, herabgekommenem Zustand, in der
Situation der Entgleisung, in Krankheit und am Rande der Gesellschaft sind
andere Instrumente — wie die Gemeinschaften zur Wiederherstellung von
Drogenabhängigen, die Wohngemeinschaften für die Minderjährigen oder
die Geisteskranken, die Zentren zur Behandlung und Aufnahme von
AIDS-Kranken, die Solidaritätsgemeinschaften vor allem für die
Behinderten — beredter Ausdruck dessen, was sich die Liebe auszudenken
vermag, um einem jeden neuen Grund zur Hoffnung und konkrete
Lebensmöglichkeiten zu geben.
Wenn sich dann das irdische Dasein seinem Ende zuneigt, ist es wiederum
die Liebe, die die geeignetsten Bedingungen ausfindig macht, damit alte
Menschen, besonders wenn sie sich nicht mehr selbst versorgen können, und
die sogenannten Kranken im Endstadium sich einer wirklich menschlichen
Fürsorge erfreuen und Antworten erhalten können, die ihren
Bedürfnissen, insbesondere ihrer Angst und Einsamkeit angemessen sind.
Unersetzlich ist in diesen Fällen die Rolle der Familien; aber diese
können in den sozialen Strukturen der Fürsorge und — falls notwendig
— bei der Anwendung der palliativen Behandlungsmethoden grobe Hilfe
finden, wenn sie sich geeigneter Gesundheits– und Sozialdienste
bedienen, die sowohl in den öffentlichen Krankenhäu- sern, Kliniken und
Pflegeheimen als auch zu Hause tätig sind.
Neu nachgedacht werden mub über die Rolle der Krankenhäuser, der
Kliniken und der Pflegeheime: ihre wahre Identität ist nicht einfach jene
von Strukturen, in denen man sich der Kranken und Sterbenden annimmt,
sondern vor allem die Identität einer Umgebung, in welcher das Leiden,
der Schmerz und der Tod in ihrer menschlichen und spezifisch christlichen
Bedeutung erkannt und gedeutet werden. In besonderer Weise als klar und
wirksam erweisen mub sich diese Identität in den Instituten, die von
Ordensleuten abhängig oder jedenfalls an die Kirche gebunden sind.
89. Diese Strukturen und Orte des Dienstes am Leben und alle anderen
Initiativen zu Hilfe und Solidarität, die die jeweiligen Situationen
wachrufen können, müssen von Personen belebt werden, die auf hochherzige
Weise verfügbar und sich zutiefst dessen bewubt sind, wie entscheidend
das Evangelium vom Leben für das Wohl des einzelnen und der Gesellschaft
ist.
Von besonderer Art ist die den im Gesundheitswesen Tätigen anvertraute
Verantwortung: der Ärzte, Apotheker, Krankenschwestern und
Krankenpfleger, der Seelsorger, Ordensleute, Verwalter und der
freiwilligen Helfer. Ihr Beruf macht sie zu Hütern und Dienern des
menschlichen Lebens. In dem heutigen kulturellen und sozialen Umfeld, in
dem die Wissenschaft und die ärztliche Kunst Gefahr laufen, die ihnen
eigene ethische Dimension zu verlieren, können sie bisweilen stark
versucht sein, zu Urhebern der Manipulation des Lebens oder gar zu
Todesvollstreckern zu werden. Angesichts dieser Versuchung ist ihre
Verantwortung heute enorm gewachsen und findet ihre tiefste Inspiration
und stärkste Stütze gerade in der dem Ärzteberuf innewohnenden,
unumgänglichen ethischen Dimension, wie schon der alte und immer noch
aktuelle hippokratische Eid erkannte, demgemäb von jedem Arzt verlangt
wird, sich zur absoluten Achtung vor dem menschlichen Leben und seiner
Heiligkeit zu verpflichten.
Die absolute Achtung jedes unschuldigen Menschenlebens erfordert auch die
Ausübung des Einspruchs aus Gewissensgründen gegen vorsätzliche
Abtreibung und Euthanasie. »Sterben lassen« darf niemals als eine
medizinische Behandlung angesehen werden, auch dann nicht, wenn man nur
die Absicht hätte, damit einer Bitte des Patienten nachzukommen: es ist
vielmehr die Verneinung des ärztlichen Berufes, der sich als
leidenschaftliches und hartnäckiges »Ja« zum Leben qualifiziert. Auch
die biomedizinische Forschung, ein faszinierendes und neue grobe Wohltaten
für die Menschheit verheibendes Gebiet, mub immer die Durchführung von
Experimenten, Forschungen bzw. Anwendungen ablehnen, die infolge der
Mibachtung der unverletzlichen Würde des Menschen nicht mehr im Dienst
der Menschen stehen und zu Realitäten werden, die sie, obwohl sie ihnen
zu helfen scheinen, tatsächlich unterdrücken.
90. Zu einer besonderen Rolle berufen sind die Personen, die sich im
Freiwilligendienst engagieren: sie leisten einen wertvollen Beitrag im
Dienst am Leben, wenn sie berufliche Fähigkeit und hochherzige,
unentgeltliche Liebe zu verbinden verstehen. Das Evangelium vom Leben
spornt sie an, die Gefühle einfacher Menschenliebe auf die Höhe der
Christusliebe emporzuheben; jeden Tag inmitten von Ermüdung und Überdrub
das Bewubtsein von der Würde jedes Menschen zurückzugewinnen; die
Bedürfnisse der Menschen ausfindig zu machen und dabei, wenn nötig, dort
neue Wege einzuschlagen, wo die Not am dringendsten ist und Beachtung und
Hilfe am schwächsten sind.
Der hartnäckige Realismus der Liebe erfordert, dab dem Evangelium vom
Leben auch durch Formen sozialen Handelns und politischen Engagements,
durch die Verteidigung und Förderung des Wertes des Lebens in unseren
immer komplexeren und pluralistischeren Gesellschaften gedient wird.
Einzelne, Familien, Gruppen, Gemeinschaften haben, und sei es auch in je
verschiedener Weise, eine Verantwortung im sozialen Handeln und in der
Erarbeitung kultureller, wirtschaftlicher, politischer und
gesetzgeberischer Vorhaben, die unter Achtung aller und nach der Logik des
demokratischen Zusammenlebens zum Aufbau einer Gesellschaft beitragen
sollen, in der die Würde jedes Menschen anerkannt und geschützt und das
Leben aller verteidigt und gefördert wird.
Diese Aufgabe lastet im besonderen auf den Verantwortlichen für die
Staatsangelegenheiten. Da sie dazu bestellt sind, dem Menschen und dem
Gemeinwohl zu dienen, haben sie die Pflicht, vor allem im Bereich der von
der Gesetzgebung getroffenen Verfügungen mutige Entscheidungen zugunsten
des Lebens zu treffen. In einer demokratischen Regierungsform, in der auf
Grund der Zustimmung vieler die Gesetze verabschiedet und die
Entscheidungen gefällt werden, kann sich im Gewissen der einzelnen, die
mit Autorität ausgestattet sind, der Sinn für die persönliche
Verantwortung abschwächen. Aber niemand kann auf sie je verzichten, vor
allem dann nicht, wenn er ein Gesetzgebungs– oder Entscheidungsmandat
innehat, das ihn ruft, sich vor Gott, vor dem eigenen Gewissen und vor der
Gesamtgesellschaft über Entscheidungen, die eventuell dem wirklichen
Gemeinwohl entgegenstehen, zu verantworten. Wenn die Gesetze auch nicht
das einzige Mittel sind, um das menschliche Leben zu verteidigen, so
spielen sie doch eine sehr wichtige und manchmal entscheidende Rolle bei
der Förderung einer Denkweise und einer Gewohnheit. Ich wiederhole noch
einmal, dab eine Vorschrift, die das natürliche Recht auf Leben eines
Unschuldigen verletzt, unrecht ist und als solche keinen Geset- zeswert
haben kann. Deshalb erneuere ich mit Nachdruck meinen Appell an alle
Politiker, keine Gesetze zu erlassen, die durch Mibachtung der Würde der
Person das bürgerliche Zusammenleben selber an der Wurzel bedrohen.
Die Kirche weib, dab es im Rahmen pluralistischer Demokratien wegen des
Vorhandenseins starker kultureller Strömungen mit verschiedenem Ansatz
schwierig ist, einen wirksamen gesetzlichen Schutz des Lebens in die Tat
umzusetzen. Doch veranlabt von der Gewibheit, dab die sittliche Wahrheit
im Inneren jedes Gewissens ein Echo haben mub, ermutigt sie die Politiker,
angefangen bei jenen, die Christen sind, nicht zu resignieren und jene
Entscheidungen zu treffen, die unter Berücksichtigung der konkreten
Möglichkeiten zur Wiederherstellung einer gerechten Ordnung bei der
Geltendmachung und Förderung des Wertes des Lebens führen sollen. Im
Hinblick darauf mub unterstrichen werden, dab es mit der Aufhebung der
ungerechten Gesetze nicht getan ist. Man wird die Ursachen beseitigen
müssen, die den Angriffen gegen das Leben Vorschub leisten, indem man vor
allem für Familie und Mutterschaft die gebührende Unterstützung
sicherstellt: die Familienpolitik mub Grundlage und Motor jeder
Sozialpolitik sein. Es gilt daher, soziale und gesetzgeberische
Initiativen in Gang zu setzen, die imstande sind, bei der Entscheidung
bezüglich der Elternschaft Bedingungen echter Freiheit zu garantieren;
auberdem ist es notwendig, die Arbeitspolitik, die Städtebaupolitik, die
Wohnungsbau– und Dienstleistungspolitik neu zu ordnen, damit die
Arbeitszeiten und der Zeitplan der Familie aufeinander abgestimmt werden
können und die Betreuung der Kinder und der alten Menschen tatsächlich
möglich wird.
91. Ein wichtiges Kapitel der Politik für das Leben stellt heute die
Problematik des Bevökerungswachstums dar. Die staatlichen Behörden haben
gewib die Verantwortung, mit Initiativen »auf das
Bevölkerungswachstum einzuwirken«; 114 aber solche Initiativen müssen
immer die vorrangige und unveräuberliche Verantwortlichkeit der Ehegatten
und der Familien voraussetzen und respektieren und dürfen nicht Methoden
anwenden, die die Person und ihre Grundrechte mibachten, angefangen bei
dem Recht jedes unschuldigen menschlichen Geschöpfes auf Leben. Es ist
daher sittlich unannehmbar, dab man wegen der Geburtenregelung zur
Anwendung von Mitteln wie Empfängnisverhütung, Sterilisation und
Abtreibung ermutigt, ja sie sogar auferlegt.
Es gibt sehr wohl andere Wege, um das Problem des Bevölkerungswachstums
zu lösen: die Regierungen und die verschiedenen internationalen
Einrichtungen müssen vor allem die Schaffung wirtschaftlicher, sozialer,
medizinisch-sanitärer und kultureller Verhältnisse anstreben, die es den
Eheleuten erlauben, ihre die Fortpflanzung betreffenden Entscheidungen in
voller Freiheit und mit wirklicher Verantwortung zu treffen; sodann
müssen sie sich »um die Vermehrung der Mittel und die gerechtere
Verteilung des Reichtums kümmern, so dab alle gleichmäbig an den Gütern
der Schöpfung beteiligt werden. Es mub nach Lösungen auf Weltebene
gesucht werden durch Einrichtung einer glaubwürdigen
Wirtschaftsgemeinschaft und Güterverteilung sowohl auf internationaler
wie auf nationaler Ebene«.115 Das ist der einzige Weg, der nicht nur die
Würde der Person und der Familien, sondern auch das authentische
Kulturerbe der Völker achtet.
Der Dienst am Evangelium vom Leben ist daher umfassend und vielschichtig.
Er erscheint uns zunehmend als wertvoller und geeigneter Rahmen für eine
tatkräftige Zusammenarbeit mit den Brüdern der anderen christlichen
Kirchen und Gemeinschaften, und zwar auf der Linie jenes Ökumenismus der
Werke, zu dem das II. Vatikanische Konzil mabgebend ermutigt hat.116
Auberdem erscheint er als willkommener Raum für den Dialog und die
Zusammenarbeit mit den Anhängern anderer Religionen und mit allen
Menschen guten Willens: niemand besitzt das Monopol auf den Schutz und die
Förderung des Lebens, sondern sie sind Aufgabe und Verantwortung aller.
Es ist eine schwierige Herausforderung, die vor dem nahen dritten
Jahrtausend vor uns liegt: allein die einträchtige Zusammenarbeit aller,
die an den Wert des Lebens glauben, wird eine Niederlage der Zivilisation
von unvorhersehbaren Ausmaben vermeiden können.
»Kinder sind eine Gabe des Herrn, die Frucht des Leibes ist sein
Geschenk« (Ps 127 1, 3): die Familie »Heiligtum des Lebens«
92. Innerhalb des »Volkes des Lebens und für das Leben« kommt es
entscheidend auf die Verantwortlichkeit der Familie an: eine
Verantwortlichkeit, die dem der Familie eigenen Wesen — nämlich auf die
Ehe gegründete Lebens– und Liebesgemeinschaft zu sein — und ihrer
Sendung, »die Liebe zu hüten, zu offenbaren und mitzuteilen« 117
entspringt. Es geht um die Liebe Gottes selbst, dessen Mitwirkende und
gleichsam Interpreten seiner Liebe die Eltern sind, wenn sie dem Plan des
Vaters entsprechend das Leben weitergeben und erziehen.118 Die Liebe wird
somit zu unentgelt- lichem Dienst, zu Aufnahme, zum Geschenk: in der
Familie wird ein jeder anerkannt, geachtet und geehrt, weil er Person ist,
und wenn einer es nötig hat, wird ihm intensivere und aufmerksamere
Fürsorge zuteil.
Die Familie wird in die gesamte Lebensspanne ihrer Mitglieder
hineingezogen, von der Geburt bis zum Tod. Sie ist wahrlich »das
Heiligtum des Lebens..., der Ort, an dem das Leben, Gabe Gottes, in
angemessener Weise angenommen und gegen die vielfältigen Angriffe, denen
es ausgesetzt ist, geschützt wird und wo es sich entsprechend den
Forderungen eines echten menschlichen Wachstums entfalten kann«.119 Darum
ist die Rolle der Familie beim Aufbau der Kultur des Lebens entscheidend
und unersetzlich.
Als Hauskirche ist die Familie aufgerufen, das Evangelium vom Leben zu
verkünden, zu feiern und ihm zu dienen. Dies ist vor allem Aufgabe der
Eheleute, die berufen sind, das Leben weiterzugeben auf der Grundlage
eines immer wieder erneuerten Bewubtseins vom Sinn der Zeugung als
bevorzugtem Ereignis, in dem offenbar wird, dab das menschliche Leben ein
Geschenk ist, um seinerseits weitergeschenkt zu werden. Bei der Zeugung
eines neuen Lebens werden die Eltern gewahr, dab ihr Kind, »wenn es
Frucht ihrer gegenseitigen Schenkung aus Liebe ist, seinerseits ein
Geschenk für beide ist: eine Gabe, die der Gabe entspringt«.120
Vor allem durch die Erziehung der Kinder erfüllt die Familie ihre
Sendung, das Evangelium vom Leben zu verkünden. Durch das Wort und das
Beispiel in den täglichen Beziehungen und Entscheidungen und durch
konkrete Gesten und Zeichen führen die Eltern ihre Kinder in die echte
Freiheit ein, die sich in der aufrichtigen Selbsthingabe verwirklicht, und
bilden in ihnen die Achtung vor dem anderen, den Gerechtigkeitssinn, die
herzliche Aufnahme, den Dialog, den grobzügigen Dienst, die Solidarität
und jeden anderen Wert aus, der helfen soll, das Leben als ein Geschenk zu
leben. Die Erziehungsarbeit der christlichen Eltern mub zum Dienst am
Glauben der Kinder und zu ihnen angebotener Hilfe werden, damit sie die
von Gott empfangene Berufung erfüllen können. Es gehört zum
Erziehungsauftrag der Eltern, die Kinder durch Zeugnis den wahren Sinn des
Leidens und Sterbens zu lehren: das wird ihnen gelingen, wenn sie jedes
Leiden in ihrer Umgebung beachten und wenn sie noch vorher für die
Entwicklung von Haltungen sorgen wie Nähe, Fürsorge, Anteilnahme
gegenüber Kranken und Alten im Familienkreis.
93. Des weiteren feiert die Familie das Evangelium vom Leben durch das
tägliche Gebet, das persönliche und das Gebet in der Familie: mit ihm
lobt sie den Herrn und dankt Ihm für die Gabe des Lebens und fleht um
Licht und Kraft, um mit schwierigen Situationen und Leiden fertigzuwerden,
ohne die Hoffnung zu verlieren. Aber die Feier, die jeder anderen Gebets-
und Kultform erst Sinn gibt, ist diejenige, die sich im alltäglichen
Dasein der Familie ausdrückt, wenn es denn ein Dasein ist, das von Liebe
und Sichverschenken bestimmt wird.
Die Feier wird so zu einem Dienst am Evangelium vom Leben, der sich durch
die innerhalb und auberhalb der Familie als zuvorkommende, wachsame und
herzliche Aufmerksamkeit in den kleinen und anspruchslosen Handlungen des
Alltags erlebte Solidarität ausdrückt. Einen besonders bedeutsamen
Ausdruck findet die Solidarität zwischen den Familien in der
Bereitschaft, von ihren Eltern verlassene oder in schlimmen, elenden
Verhältnissen lebende Kinder zu adoptieren oder sich ihrer anzunehmen.
Die wahre Elternliebe kann über die Bande des Fleisches und Blutes
hinausgehen und Kinder anderer Familien aufnehmen, indem ihnen geboten
wird, was für ihr Leben und ihre Entfaltung nötig ist. Unter den
Adoptionsmöglichkeiten verdient auch die Adoption aus der Ferne
Beachtung; ihr ist in den Fällen der Vorzug zu geben, in denen die grobe
Armut der Familie der einzige Grund dafür ist, dab ein Kind im Stich
gelassen wird. Durch diesen Adoptionstyp werden den Eltern die nötigen
Mittel bereitgestellt, damit sie ihre Kinder erhalten und erziehen
können, ohne sie ihrer natürlichen Umgebung entwurzeln zu müssen.
Die Solidarität, die als »feste und beständige Entschlossenheit, sich
für das Gemeinwohl einzusetzen« 121 verstanden wird, mub auch durch
Formen sozialer und politischer Beteiligung in die Tat umgesetzt werden.
Infolgedessen ist der Dienst am Evangelium vom Leben damit verbunden, dab
sich die Familien besonders durch aktive Mitgliedschaft in eigenen
Familienverbänden darum bemühen, dab die Gesetze und Einrichtungen des
Staates auf keinen Fall das Recht auf Leben von der Empfängnis bis zum
natürlichen Tod verletzen, sondern es schützen und fördern.
94. Ein Sonderplatz mub den alten Menschen eingeräumt werden. Während in
einigen Kulturen der Mensch vorgerückten Alters mit einer wichtigen
aktiven Rolle in die Familie eingebunden bleibt, wird hingegen in anderen
Kulturen der alte Mensch als eine unnütze Last empfunden und sich selbst
überlassen: in einem solchen Umfeld kann leichter die Versuchung zum
Rückgriff auf die Euthanasie auftauchen.
Die Abschiebung oder gar Ablehnung der alten Menschen ist unerträglich.
Ihre Anwesenheit in der Familie oder wenigstens die Nähe der Familie zu
ihnen, wenn es wegen beengter Wohnverhältnisse oder aus anderen Gründen
keine realen Alternativen zum Krankenhaus oder Altenheim geben sollte,
sind von grundlegender Bedeutung, um ein Klima gegenseitigen Austausches
und bereichernder Kommunikation zwischen den verschiedenen Altersgruppen
herzustellen. Es ist deshalb sehr wichtig, dab man eine Art »Vertrag«
zwischen den Generationen beibehält bzw. dort, wo er verloren gegangen
ist, wiederherstellt, so dab die alten Eltern, wenn sie am Ende ihres
Weges angekommen sind, bei den Kindern die Aufnahme und die Solidarität
finden können, die sie ihnen ihrerseits entgegengebracht haben, als diese
dem Leben entgegengingen: das fordert der Gehorsam gegen das göttliche
Gebot, Vater und Mutter zu ehren (vgl. Ex 20, 12; Lev 19, 3). Aber das ist
nicht alles. Der alte Mensch ist nicht nur als Objekt der Aufmerksamkeit,
der Nähe und des Dienstes zu betrachten. Auch er hat einen wertvollen
Beitrag zum Evangelium vom Leben zu leisten. Dank des im Laufe der Jahre
erworbenen reichen Erfahrungsschatzes kann und mub er einer sein, der
Weisheit weitergibt sowie Zeugnis von Hoffnung und Liebe ablegt.
Auch wenn es stimmt, dab »die Zukunft der Menschheit über die Familie
geht«,122 mub man zugeben, dab die heutigen sozialen, wirtschaftlichen
und kulturellen Bedingungen die Aufgabe der Familie, dem Leben zu dienen,
oft erschweren und mühsam gestalten. Damit sie ihre Berufung als
»Heiligtum des Lebens«, als Zelle einer Gesellschaft, die das Leben
liebt und aufnimmt, verwirklichen kann, ist es dringend nötig, dab die
Familie selbst Hilfe und Unterstützung erfährt. Die Gesellschaften und
die Staaten müssen ihr alle jene, auch wirtschaftliche Hilfe
sicherstellen, die die Familien brauchen, damit sie ihren Problemen auf
humanere Weise nachkommen können. Die Kirche ihrerseits mub unermüdlich
eine Familienpastoral fördern, die jede Familie anzuspornen vermag, mit
Freude und Mut ihre Sendung gegenüber dem Evangelium vom Leben
wiederzuentdecken und zu leben.
»Lebt als Kinder des Lichts!« (Eph 5, 8): um eine kulturelle Wende
herbeizuführen
95. »Lebt als Kinder des Lichts... Prüft, was dem Herrn gefällt, und
habt nichts gemein mit den Werken der Finsternis« (Eph 5, 8. 10-11). Im
heutigen gesellschaftlichen Kontext, der von einem dramatischen Kampf
zwischen der »Kultur des Lebens« und der »Kultur des Todes«
gekennzeichnet ist, mub man einen starken kritischen Geist zum Reifen
bringen, der die wahren Werte und die echten Erfordernisse zu erkennen in
der Lage ist.
Es bedarf dringend einer allgemeinen Mobilisierung der Gewissen und einer
gemeinsamen sittlichen Anstrengung, um eine grobe Strategie zu Gunsten des
Lebens in die Tat umzusetzen. Wir müssen alle zusammen eine neue Kultur
des Lebens aufbauen: neu, weil sie in der Lage sein mub, die heute neu
anstehenden Probleme in bezug auf das Leben des Menschen aufzugreifen und
zu lösen; neu, weil sie eben mit stärkerer und tätiger Überzeugung von
seiten aller Christen aufgebaut werden mub; neu, weil sie in der Lage sein
mub, zu einer ernsthaften und mutigen kulturellen Gegenüberstellung mit
allen anzuregen. Die Dringlichkeit dieser kulturellen Wende hängt mit der
historischen Situation zusammen, in der wir uns befinden, aber sie wurzelt
vor allem im Evangelisierungsauftrag, der wesenhaft zur Kirche gehört.
Denn das Evangelium hat zum Ziel, »die Menschheit von innen her
umzuwandeln, sie zu erneuern«; 123 es ist wie die Hefe, die den ganzen
Teig durchsäuert (vgl. Mt 13, 33), und als solches dazu bestimmt, alle
Kulturen zu durchdringen und sie von innen her zu beleben,124 damit sie
die ganze Wahrheit über den Menschen und über sein Leben zum Ausdruck
bringen.
Beginnen mub man bei der Erneuerung der Kultur des Lebens innerhalb der
christlichen Gemeinden selbst. Allzu oft verfallen die Gläubigen, sogar
jene, die aktiv am kirchlichen Leben teilnehmen, auf eine Art Trennung
zwischen dem christlichen Glauben und seinen sittlichen Forderungen in
bezug auf das Leben, was schlieblich zum moralischen Subjektivismus und zu
manchen unannehmbaren Verhaltensweisen führt. Wir müssen uns also mit
grober Klarheit und mutig fragen, welche Kultur des Lebens heutzutage
unter den einzelnen Christen, in den Familien, den Gruppen und den
Gemeinden unserer Diözesen verbreitet ist. Mit derselben Klarheit und
Entschiedenheit müssen wir feststellen, welche Schritte wir vorzunehmen
aufgerufen sind, um dem Leben der Fülle seiner Wahrheit entsprechend zu
dienen. Zugleich müssen wir mit allen, auch mit den Nichtglaubenden, an
den Stätten des Denkens und geistigen Schaffens ebenso wie in den
verschiedenen Berufsbereichen und dort, wo sich täglich das Leben eines
jeden abspielt, eine ernsthafte und gründliche Auseinandersetzung über
die Grundprobleme des menschlichen Lebens anstellen.
96. Der erste und grundlegende Schritt für die Verwirklichung dieser
kulturellen Wende besteht in der Bildung des sittlichen Gewissens
hinsichtlich des unermeblichen und unverletzlichen Wertes jedes
Menschenlebens. Von gröbter Bedeutung ist die Wiederentdeckung des
untrennbaren Zusammenhanges zwischen Leben und Freiheit. Das sind
voneinander untrennbare Güter: wo das eine verletzt wird, wird zum Schlub
auch das andere verletzt. Es gibt keine wahre Freiheit, wo das Leben nicht
aufgenommen und geliebt wird; und Leben im Vollsinn gibt es nur in der
Freiheit. Diese beiden Wirklichkeiten haben auberdem eine angestammte
Sonderbeziehung, die sie unlösbar verbindet: die Berufung zur Liebe.
Diese Liebe als aufrichtige Selbsthingabe 125 ist der eigentlichste Sinn
des Lebens und der Freiheit der Person.
Nicht minder entscheidend bei der Gewissensbildung ist die
Wiederentdeckung des Zusammenhanges, der zwischen Freiheit und Wahrheit
besteht. Wie ich wiederholt hervorgehoben habe, macht es die Entwurzelung
der Freiheit von der objektiven Wahrheit unmöglich, die Rechte der Person
auf einer festen rationalen Basis zu begründen, und schafft die
Vorbedingungen dafür, dab sich in der Gesellschaft die unlenkbare
Willkür einzelner oder der beschämende Totalitarismus der staatlichen
Macht durchsetzen.126
Es kommt also wesentlich darauf an, dab der Mensch die urgegebene
Augenfälligkeit seines Zustandes als Geschöpf anerkennt, das von Gott
das Sein und das Leben als Gabe und Aufgabe empfängt: nur wenn er diese
seine angeborene Abhängigkeit im Sein annimmt, kann der Mensch voll sein
Leben und seine Freiheit verwirklichen und zugleich zutiefst das Leben und
die Freiheit jedes anderen Menschen achten. Hier vor allem erweist sich,
dab »im Mittelpunkt jeder Kultur die Haltung steht, die der Mensch dem
gröbten Geheimnis gegenüber einnimmt: dem Geheimnis Gottes«.127 Wenn
Gott geleugnet wird und man lebt, als ob Er nicht existierte oder wenn man
sich nicht an seine Gebote hält, wird man am Ende auch leicht die Würde
der menschlichen Person und die Unantastbarkeit ihres Lebens leugnen oder
kompromittieren.
97. In engem Zusammenhang mit der Gewissensbildung steht
dieErziehungsarbeit, die dem Menschen hilft, immer mehr Mensch zu sein,
die ihn immer tiefer in die Wahrheit einführt, ihn zu einer wachsenden
Achtung vor dem Leben anleitet und ihn für die rechten
zwischenmenschlichen Beziehungen heranbildet.
Besonders notwendig ist es, zum Wert des Lebens von seinen Ursprüngen an
zu erziehen. Es ist eine Illusion zu meinen, man könne eine echte Kultur
des menschlichen Lebens aufbauen, wenn man den jungen Menschen nicht
hilft, die Sexualität, die Liebe und das ganze Sein in ihrer wahren
Bedeutung und in ihrer tiefen Wechselbeziehung zu begreifen und zu leben.
Die Geschlechtlichkeit, ein Reichtum der ganzen Person, »zeigt ihre
tiefste Bedeutung darin, dab sie die Person zur Hingabe ihrer selbst in
der Liebe führt«.128 Die Banalisierung der Sexualität gehört zu den
hauptsächlichen Faktoren, in denen die Verachtung des werdenden Lebens
ihren Ursprung hat: nur eine echte Liebe vermag das Leben zu hüten. Man
kann also nicht umhin, vor allem den Heranwachsenden und Jugendlichen die
authentische Erziehung zur Sexualität und zur Liebe anzubieten, eine
Erziehung, die dieErziehung zur Keuschheit als Tugend beinhaltet, die die
Reife der Person fördert und sie befähigt, die »bräutliche« Bedeutung
des Körpers zu achten.
Das Werk der Erziehung zum Leben schliebt die Formung der Eheleute im
Hinblick auf die verantwortliche Zeugung der Nachkommenschaft ein. Diese
erfordert in ihrer wahren Bedeutung, dab sich die Ehegatten dem Ruf des
Herrn fügen und als treue Interpreten seines Planes handeln: das ist der
Fall, wenn die Familie sich grobherzig neuem Leben öffnet und auch dann
in einer Haltung der Offenheit für das Leben und des Dienstes an ihm
bleibt, wenn die Ehepartner aus ernstzunehmenden Gründen und unter
Achtung des Moralgesetzes entscheiden, vorläufig oder für unbestimmte
Zeit eine neue Geburt zu vermeiden. Das Moralgesetz verpflichtet sie in
jedem Fall, die Neigungen des Instinkts und der Leidenschaften zu
beherrschen und die ihrer Person eingeschriebenen biologischen Gesetze zu
beachten. Im Dienst der Verantwortlichkeit bei der Zeugung erlaubt gerade
diese Beachtung die Anwendung der natürlichen Methoden der
Fruchtbarkeitsregelung: sie werden vom wissenschaftlichen Standpunkt her
immer besser erklärt und bieten konkrete Möglichkeiten für
Entscheidungen an, die mit den sittlichen Werten im Einklang stehen. Eine
gewissenhafte Betrachtung der erzielten Ergebnisse mübte noch zu sehr
verbreitete Vorurteile fallen lassen und die Gatten sowie das im
Gesundheits- und im Sozialdienst tätige Personal von der Wichtigkeit
einer diesbezüglich angemessenen Aufklärung überzeugen. Die Kirche ist
denjenigen dankbar, die sich unter persönlichen Opfern und mit oft
verkannter Hingabe für die Erforschung und Verbreitung solcher Methoden
einsetzen und gleichzeitig eine Erziehung zu den sittlichen Werten
fördern, die deren Anwendung voraussetzt.
Die Erziehungsarbeit mub auch das Leiden und den Tod in Betracht ziehen.
Tatsächlich gehören sie ja zur menschlichen Erfahrung, und es ist
vergeblich und darüber hinaus abwegig zu versuchen, sie einer Zensur zu
unterwerfen oder zu verdrängen. Hingegen soll jedem geholfen werden, ihr
tiefes Geheimnis in der konkreten und harten Wirklichkeit zu erfassen.
Auch der Schmerz und das Leiden haben einen Sinn und einen Wert, wenn sie
in enger Verbindung mit der empfangenen und verschenkten Liebe gelebt
werden. In dieser Perspektive wollte ich, dab man jedes Jahr den Welttag
der Kranken begehe, wobei ich »den Heilswert der Aufopferung des
Leidens« betonte, »das, in Vereinigung mit Christus ertragen, zum
eigentlichen Wesen der Erlösung gehört«.129 Im übrigen ist sogar der
Tod alles andere als ein Abenteuer ohne Hoffnung: er ist das Tor des
Lebens, das sich zur Ewigkeit hin auftut, und für alle, die ihn bewubt in
Christus leben, ist er Erfahrung der Teilhabe am Geheimnis von Tod und
Auferstehung.
98. Zusammenfassend können wir sagen, dab die hier herbeigewünschte
kulturelle Wende von allen den Mut verlangt, einen neuen Lebensstil zu
entfalten, der sich darin ausdrückt, dab den konkreten Entscheidungen —
auf persönlicher, familiärer, gesellschaftlicher und internationaler
Ebene — die rechte Werteskala zugrunde gelegt wird: der Vorrang des
Seins vor dem Haben,130 der Person vor den Dingen.131 Dieser erneuerte
Lebensstil schliebt auch ein, dab wir uns ändern von der
Gleichgültigkeit zur Anteilnahme für den anderen und von der Ablehnung
zu seiner Aufnahme: die anderen sind nicht Konkurrenten, vor denen wir uns
verteidigen müssen, sondern Brüder und Schwestern, mit denen wir
solidarisch sein sollen; sie müssen um ihrer selbst willen geliebt
werden; sie bereichern uns durch ihre Gegenwart.
Bei der Mobilisierung für eine neue Kultur des Lebens darf sich niemand
ausgeschlossen fühlen: alle haben eine wichtige Rolle zu erfüllen. Neben
der Aufgabe der Familien ist jene der Lehrer und der Erzieher besonders
wertvoll. Es wird sehr von ihnen abhängen, ob die auf eine echte Freiheit
vorbereiteten jungen Leute imstande sein werden, echte Ideale vom Leben in
sich zu bewahren und um sich herum zu verbreiten und in der Achtung vor
jedem und im Dienst an jedem Menschen in Familie und Gesellschaft zu
wachsen.
Auch die Intellektuellen können viel für den Aufbau einer neuen Kultur
des menschlichen Lebens tun. Eine besondere Aufgabe obliegt den
katholischen Intellektuellen, die aufgerufen sind, aktiv präsent zu sein
an den bevorzugten Stätten des kulturellen Schaffens, in der Welt der
Schule und der Universität, in den Kreisen der wissenschaftlichen und
technischen Forschung, an den Orten des künstlerischen Schaffens und der
humanistischen Reflexion. Sie sollen ihren Geist und ihr Handeln aus den
klaren lebenspendenden Säften des Evangeliums nähren und sich engagieren
im Dienst einer neuen Kultur des Lebens, durch die Erstellung ernsthafter,
gut dokumentierter Beiträge, die wegen ihres Wertes das Ansehen und das
Interesse aller auf sich zu ziehen vermögen. Gerade aus dieser Sicht habe
ich die Päpstliche Akademie für das Leben mit der Aufgabe eingerichtet,
»zu studieren, zu informieren und zu bilden über die Hauptprobleme der
Biomedizin und des Rechts, die im Zusammenhang mit der Förderung und der
Verteidigung des Lebens stehen, vor allem in der direkten Beziehung, die
sie mit der christlichen Moral und den Anweisungen des Lehramtes der
Kirche haben«.132 Ein Beitrag spezifischer Art wird auch von den
Universitäten, im besonderen von den katholischen, und von den Zentren,
Instituten und Komitees für Bioethik kommen müssen.
Grob und schwer ist die Verantwortung der in den Massenmedien Tätigen,
die aufgerufen sind, sich dafür einzusetzen, dab die mit so grober
Wirksamkeit weitergegebenen Botschaften zur Kultur des Lebens beitragen
mögen. Sie müssen also erhabene und vornehme Lebensbeispiele
präsentieren und den positiven und mitunter heroischen Zeugnissen von der
Liebe zum Menschen Raum verschaffen; mit grobem Respekt die Werte der
Sexualität und der Liebe vorstellen, ohne sich über das zu verbreiten,
was die Würde des Menschen entstellt und herabsetzt. Beim Lesen der
Wirklichkeit müssen sie sich weigern etwas herauszustellen, was Gefühle
oder Haltungen der Gleichgültigkeit, Verachtung oder Ablehnung gegenüber
dem Leben wecken oder wachsen lassen kann. In gewissenhafter Treue zur
Wahrheit der Tatsachen sind sie aufgerufen, die Freiheit der Information,
die Achtung vor jeder Person und einen tiefen Sinn für Humanität
miteinander zu verbinden.
99. Bei der kulturellen Wende zu Gunsten des Lebens haben die Frauen einen
einzigartigen und vielleicht entscheidenden Denk– und
Handlungsspielraum: sie sind es, die einen »neuen Feminismus« fördern
müssen, der, ohne in die Versuchung zu verfallen, »Männlichkeits«-Vorbildern
nachzujagen, durch den Einsatz zur Überwindung jeder Form von
Diskriminierung, Gewalt und Ausbeutung den echten weiblichen Geist in
allen Ausdrucksformen des bürgerlichen Zusammenlebens zu erkennen und zu
bekunden versteht.
Indem ich die Worte der Schlubbotschaft des II. Vatikanischen Konzils
aufgreife, richte auch ich an die Frauen die dringende Aufforderung:
Versöhnt die Menschen mit dem Leben!«.133 Ihr seid berufen, den Sinn der
echten Liebe zu bezeugen, jener Selbsthingabe und jener Aufnahme des
anderen, die sich zwar auf besondere Weise in der ehelichen Beziehung
verwirklichen, die aber die Seele jeder anderen zwischenmenschlichen
Beziehung sein sollen. Die Erfahrung der Mutterschaft begünstigt in euch
eine scharfe Sensibilität für den anderen Menschen und überträgt euch
zugleich eine besondere Aufgabe: »Die Mutterschaft enthält eine
besondere Gemeinschaft mit dem Geheimnis des Lebens, das im Schob der Frau
heranreift... Diese einmalige Weise des Kontaktes mit dem neuen Menschen,
der Gestalt annimmt, schafft seinerseits eine derartige Einstellung zum
Menschen — nicht nur zum eigenen Kind, sondern zum Menschen als solchem
—, dab dadurch die ganze Persönlichkeit der Frau tief geprägt
wird«.134 Denn die Mutter nimmt einen anderen Menschen auf und trägt ihn
in sich, gibt ihm die Möglichkeit, in ihr heranzuwachsen, macht ihm Platz
und achtet ihn zugleich in seinem Anderssein. So nimmt die Frau wahr und
lehrt, dab die menschlichen Beziehungen glaubwürdig sind, wenn sie sich
der Aufnahme des anderen Menschen öffnen, der um der Würde willen
anerkannt und geliebt wird, die ihm aus der Tatsache seines Personseins
und nicht aus anderen Faktoren, wie Nützlichkeit, Kraft, Intelligenz,
Schönheit, Gesundheit, zukommt. Das ist der fundamentale Beitrag, den
sich die Kirche und die Menschheit von den Frauen erwarten. Und es ist die
unersetzliche Voraussetzung für eine echte kulturelle Wende.
Einen besonderen Gedanken möchte ich euch, den Frauen, vorbehalten, die
sich für eine Abtreibung entschieden haben. Die Kirche weib, wie viele
Bedingtheiten auf eure Entscheidung Einflub genommen haben können, und
sie bezweifelt nicht, dab es sich in vielen Fällen um eine leidvolle,
vielleicht dramatische Entscheidung gehandelt hat. Die Wunde in eurem
Herzen ist wahrscheinlich noch nicht vernarbt. Was geschehen ist, war und
bleibt in der Tat zutiefst unrecht. Labt euch jedoch nicht von
Mutlosigkeit ergreifen und gebt die Hoffnung nicht auf. Sucht vielmehr das
Geschehene zu verstehen und interpretiert es in seiner Wahrheit. Falls ihr
es noch nicht getan habt, öffnet euch voll Demut und Vertrauen der Reue:
der Vater allen Erbarmens wartet auf euch, um euch im Sakrament der
Versöhnung seine Vergebung und seinen Frieden anzubieten. Ihr werdet
merken, dab nichts verloren ist, und werdet auch euer Kind um Vergebung
bitten können, das jetzt im Herrn lebt. Mit Hilfe des Rates und der Nähe
befreundeter und zuständiger Menschen werdet ihr mit eurem erlittenen
Zeugnis unter den beredtesten Verfechterinnen des Rechtes aller auf Leben
sein können. Durch euren Einsatz für das Leben, der eventuell von der
Geburt neuer Geschöpfe gekrönt und mit der Aufnahme und Aufmerksamkeit
gegenüber dem ausgeübt wird, der der Nähe am meisten bedarf, werdet ihr
eine neue Betrachtungsweise des menschlichen Lebens schaffen.
100. Bei dieser groben Anstrengung für eine neue Kultur des Lebens werden
wir von dem Vertrauen derer unterstützt und angeregt, die wissen, dab das
Evangelium vom Leben wie das Reich Gottes wächst und seine reichen
Früchte bringt (vgl. Mk 4, 26-29). Sicherlich besteht ein enormes
Mibverhältnis zwischen den zahllosen und mächtigen Mitteln, mit denen
die Kräfte ausgestattet sind, die zur Unterstützung der »Kultur des
Todes« am Werk sind, und jenen, über die die Förderer einer »Kultur
des Lebens und der Liebe« verfügen. Doch wissen wir, dab wir auf die
Hilfe Gottes vertrauen dürfen, für den nichts unmöglich ist (vgl. Mt
19, 26).
Mit dieser Gewibheit im Herzen und bewegt von der betrübten Sorge um das
Schicksal jedes Mannes und jeder Frau, wiederhole ich heute für alle, was
ich den Familien gesagt habe, die sich unter den sie bedrohenden Gefahren
in ihren schwierigen Aufgaben engagieren: 135 es bedarf dringend eines
grobangelegten Gebetes für das Leben, das die ganze Welt durchdringen
soll. Mit auberordentlichen Initiativen und im gewohnten Gebet möge von
jeder christlichen Gemeinde, von jeder Gruppe oder Vereinigung, von jeder
Familie und vom Herzen jedes Gläubigen ein leidenschaftliches,
inständiges Bittgebet zu Gott, dem Schöpfer und Freund des Lebens,
emporsteigen. Jesus selber hat uns durch sein Beispiel gezeigt, dab Gebet
und Fasten die hauptsächlichen und wirksamsten Waffen gegen die Kräfte
des Bösen sind (vgl. Mt 4, 1-11), und hat seine Jünger gelehrt, dab
manche Dämonen sich nur auf diese Weise austreiben lassen (vgl. Mk 9,
29). Finden wir also wieder die Demut und den Mut zum Beten und Fasten, um
zu erreichen, dab die Kraft, die vom Himmel kommt, die Mauern aus Betrug
und Lüge zum Einsturz bringt, die die perverse Natur lebensfeindlicher
Verhaltensweisen und Gesetze vor den Blicken vieler unserer Brüder und
Schwestern verbergen, und ihre Herzen für die Vorschläge und Absichten
öffnet, die sich an der Zivilisation des Lebens und der Liebe
inspirieren.
»Wir schreiben dies, damit unsere Freude vollkommen ist« (1 Joh 1, 4):
das Evangelium vom Leben ist für die Gesellschaft der Menschen
101. »Wir schreiben dies, damit unsere Freude vollkommen ist« (1 Joh 1,
4). Die Offenbarung des Evangeliums vom Leben ist uns als Gut gegeben, das
allen mitgeteilt werden soll: damit alle Menschen mit uns und mit der
Dreifaltigkeit Gemeinschaft haben (vgl. 1 Joh 1, 3). Unsere Freude könnte
gar nicht vollkommen sein, wenn wir dieses Evangelium den anderen nicht
mitteilten, sondern es nur für uns behielten.
Das Evangelium vom Leben ist nicht ausschlieblich für die Gläubigen da:
es ist für alle da. Die Frage des Lebens und seiner Verteidigung und
Förderung ist nicht alleiniges Vorrecht der Christen. Auch wenn es vom
Glauben auberordentliches Licht und Kraft empfängt, gehört es jedem
menschlichen Gewissen, das sich nach der Wahrheit sehnt und um das
Schicksal der Menschheit bedacht und besorgt ist. Es gibt im Leben
sicherlich einen heiligen und religiösen Wert, aber er betrifft
keineswegs nur die Gläubigen: es geht in der Tat um einen Wert, den jeder
Mensch auch im Lichte der Vernunft erfassen kann und der deshalb
notwendigerweise alle betrifft.
Unser Handeln als »Volk des Lebens und für das Leben« verlangt daher,
richtig ausgelegt und mit Sympathie aufgenommen zu werden. Wenn die Kirche
die unbedingte Achtung vor dem Recht auf Leben jedes unschuldigen Menschen
— von der Empfängnis bis zu seinem natürlichen Tod — zu einer der
Säulen erklärt, auf die sich jede bürgerliche Gesellschaft stützt,
»will sie lediglich einen humanen Staat fördern. Einen Staat, der die
Verteidigung der Grundrechte der menschlichen Person, besonders der
schwächsten, als ihre vorrangige Pflicht anerkennt«.136
Das Evangelium vom Leben ist für die Gesellschaft der Menschen da. Für
das Leben eintreten heibt zur Erneuerung der Gesellschaft durch den Aufbau
des Gemeinwohls beitragen. Denn ohne Anerkennung und Schutz des Rechtes
auf Leben, auf dem alle anderen unveräuberlichen Rechte des Menschen
beruhen und sich entwickeln, läbt sich das Gemeinwohl unmöglich
aufbauen. Noch kann eine Gesellschaft gesicherte Grundlagen haben, die —
während sie Werte wie Würde der Person, Gerechtigkeit und Frieden
geltend macht — sich von Grund auf widerspricht, wenn sie die
verschiedensten Formen von Mibachtung und Verletzung des menschlichen
Lebens akzeptiert oder duldet, vor allem, wenn es sich um schwaches oder
ausgegrenztes Leben handelt. Nur die Achtung vor dem Leben kann die
wertvollsten und notwendigsten Güter der Gesellschaft, wie die Demokratie
und den Frieden, stützen und garantieren.
Es kann in der Tat keine echte Demokratie geben, wenn nicht die Würde
jeder Person anerkannt wird und seine Rechte nicht respektiert werden.
Und es kann auch keinen wahren Frieden geben, wenn man nicht das Leben
verteidigt und fördert. Daran erinnerte Paul VI.: »Jedes Vergehen gegen
das Leben ist ein Attentat auf den Frieden, besonders wenn dabei die
Sitten des Volkes verletzt werden 1. Wo aber die Menschenrechte wirklich
ernst genommen und öffentlich anerkannt und verteidigt werden, dort kann
der Friede zu einer Atmosphäre werden, in der sich das soziale
Zusammenleben glücklich und wirkungsvoll entwickelt«.137
Das »Volk des Lebens« freut sich, seinen Einsatz mit vielen anderen
teilen zu können, so dab das »Volk für das Leben« immer zahlreicher
wird und die neue Kultur der Liebe und Solidarität wachsen kann zum
wahren Wohl der Gesellschaft der Menschen.
SCHLUSS
102. Am Ende dieser Enzyklika kehrt der Blick unwillkürlich zum Herrn
Jesus zurück, »der uns als Kind geboren worden ist« (vgl. Jes 9, 5), um
in ihm »das Leben« zu betrachten, »das offenbart wurde« (1 Joh 1, 2).
Im Geheimnis dieser Geburt vollzieht sich die Begegnung Gottes mit dem
Menschen und beginnt der Weg des Gottessohnes auf Erden, ein Weg, der im
Verschenken seines Lebens am Kreuz seinen Höhepunkt erreichen wird: mit
seinem Tod wir Er den Tod besiegen und für die ganze Menschheit zum
Prinzip neuen Lebens werden.
Maria, die Jungfrau und Mutter, war es, die »das Leben« im Namen aller
und zum Heil aller empfing. Sie steht also in engster persönlicher
Beziehung zum Evangelium vom Leben. Die Zustimmung Mariens bei der
Verkündigung und ihre Mutterschaft stehen am Ursprung des Geheimnisses
des Lebens, das den Menschen zu schenken Christus gekommen ist (vgl. Joh
10, 10). Durch ihre Aufnahme und ihre bereitwillige Fürsorge um das Leben
des fleischgewordenen Wortes ist das Leben des Menschen der Verdammnis des
endgültigen und ewigen Todes entzogen worden.
Darum ist Maria »Mutter aller, die zum Leben wiedergeboren werden,
genauso wie die Kirche, deren Vorbild sie ist. Sie ist Mutter jenes
Lebens, von dem alle leben. Dadurch, dab sie das Leben gebar, hat sie jene
zu neuem Leben erweckt, die von diesem Leben leben sollten«.138
Bei der Betrachtung der Mutterschaft Mariens entdeckt die Kirche den Sinn
ihrer eigenen Mutterschaft und die Art, wie sie diese zum Ausdruck zu
bringen berufen ist. Gleichzeitig enthüllt die Muttererfahrung der Kirche
die tiefgründigste Sicht, um die Erfahrung Mariens als unvergleichliches
Vorbild für die Aufnahme und Pflege des Lebens zu begreifen.
»Es erschien ein grobes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne
bekleidet« (Offb 12, 1): die Mutterschaft Mariens und der Kirche
103. Die gegenseitige Beziehung zwischen dem Geheimnis der Kirche und
Maria drückt sich deutlich im »groben Zeichen« aus, wie es in der
Offenbarung beschrieben ist: »Dann erschien ein grobes Zeichen am Himmel:
eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füs- sen und
ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt« (12, 1). In diesem Zeichen
erkennt die Kirche ein Bild ihres Geheimnisses: auch wenn sie in die
Geschichte eingetaucht ist, ist sie sich zugleich bewubt, dab sie diese
übersteigt, insofern sie auf Erden den »Keim und Anfang« des Reiches
Gottes darstellt.139 Dieses Geheimnis sieht die Kirche voll und
beispielhaft in Maria verwirklicht. Sie ist die glorreiche Frau, in der
der Plan Gottes mit gröbter Vollkommenheit ausgeführt werden konnte.
Die »mit der Sonne bekleidete Frau« — berichtet das Buch der
Offenbarung — »war schwanger« (12, 2). Die Kirche ist sich voll dessen
bewubt, dab sie den Retter der Welt, den Herrn Christus, in sich trägt
und berufen ist, ihn der Welt zu schenken, indem sie die Menschen wieder
zum Leben Gottes selbst erweckt. Sie kann jedoch nicht vergessen, dab
diese ihre Sendung nur durch die Mutterschaft Mariens möglich geworden
ist, die den empfangen und zur Welt gebracht hat, der »Gott von Gott«,
»wahrer Gott vom wahren Gott« ist. Maria ist wahrhaft Gottesmutter, die
Theotokos, in deren Mutterschaft die von Gott jeder Frau eingeschriebene
Berufung zur Mutterschaft auf die höchste Stufe erhoben wurde. So wird
Maria zum Vorbild für die Kirche, dazu berufen, die »neue Eva«, Mutter
der Glaubenden, Mutter der »Lebenden« zu sein (vgl. Gen 3, 20).
Die geistige Mutterschaft der Kirche — auch dessen ist sich die Kirche
bewubt — verwirklicht sich nur inmitten der Schmerzen und
»Geburtswehen« (Offb 12, 2), d.h. in der ewigen Auseinandersetzung mit
den Kräften des Bösen, die die Welt auch weiterhin überziehen und im
Widerstand gegen Christus das Herz der Menschen markieren: »In ihm war
das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht
leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfabt« (Joh
1, 4-5).
Wie die Kirche, so mubte auch Maria ihre Mutterschaft im Zeichen des
Leidens leben: »Dieser... wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird.
Dadurch sollen die Gedanken vieler Menschen offenbar werden. Dir selbst
aber wird ein Schwert durch die Seele dringen« (Lk 2, 34-35). In den
Worten, die am Beginn des Erdendaseins des Erlösers Simeon an Maria
richtet, ist jene Ablehnung gegenüber Jesus und mit Ihm gegenüber Maria
bildlich zusammengefabt, die auf dem Kalvarienberg ihren Höhepunkt
erreichen wird. »Bei dem Kreuz Jesu« (Joh 19, 25) hat Maria teil an dem
Sichverschenken ihres Sohnes: sie bietet Jesus dar, sie schenkt ihn, sie
bringt ihn endgültig für uns zur Welt. Das »Ja« vom Tag der
Verkündigung gelangt am Tag des Kreuzes zur vollen Reife, als für Maria
die Zeit kommt, jeden Menschen, der zum Jünger geworden ist, als Sohn
aufzunehmen und zur Welt zu bringen, indem sie die erlösende Liebe des
Sohnes über ihn ausgiebt: »Als Jesus seine Mutter sah und bei ihr den
Jünger, den er liebte, sagte er zu seiner Mutter: 'Frau, siehe, dein
Sohn!?« (Joh 19, 26).
»Der Drache stand vor der Frau...; er wollte ihr Kind verschlingen,
sobald es geboren war« (Offb 12, 4): das von den Mächten des Bösen
bedrohte Leben
104. Im Buch der Offenbarung wird das »grobe Zeichen« der »Frau« (12,
1) von »einem anderen Zeichen am Himmel« begleitet: »einem Drachen,
grob und feuerrot« (12, 3), der Satan verkörpert, die verderbenbringende
Macht in Person, und zugleich alle Kräfte des Bösen, die in der
Geschichte am Werk sind und sich der Sendung der Kirche widersetzen.
Auch darin erleuchtet Maria die Gemeinschaft der Glaubenden: die
Feindseligkeit der Kräfte des Bösen ist tatsächlich ein heimlicher
Widerstand, der sich, ehe er die Jünger Jesu trifft, gegen seine Mutter
richtet. Um das Leben des Sohnes vor denen zu retten, die ihn als eine
gefährliche Bedrohung fürchten, mub Maria mit Josef und dem Kind nach
Ägypten fliehen (vgl. Mt 2, 13-15).
Maria hilft so der Kirche, sich bewubt zu werden, dab das Leben immer im
Mittelpunkt eines groben Kampfes zwischen Gut und Böse, zwischen Licht
und Finsternis steht. Das Kind, das, »sobald es geboren war« (Offb 12,
4), will der Drache verschlingen; es ist die Gestalt Christi, den Maria,
»als die Zeit erfüllt war« (Gal 4, 4), zur Welt bringt und den die
Kirche beständig den Menschen der verschiedenen Epochen der Geschichte
anbieten mub. Aber es ist in gewisser Weise auch die Gestalt jedes
Menschen, jedes Kindes, besonders jedes schwachen und bedrohten
Geschöpfes, denn — wie uns das Konzil erinnert — »der Sohn Gottes
hat sich in seiner Menschwerdung gewissermaben mit jedem Menschen
vereinigt«.140 Gerade im »Fleisch« jedes Menschen offenbart sich
Christus weiter und tritt in Gemeinschaft mit uns, so dab die Ablehnung
des Lebens des Menschen in ihren verschiedenen Formen tatsächlich eine
Ablehnung Christi ist. Das ist die faszinierende und zugleich
anspruchsvolle Wahrheit, die uns Christus offenbart und die seine Kirche
unermüdlich vorstellt: »Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt,
der nimmt mich auf« (Mt 18, 5); »Amen, ich sage euch: Was ihr für einen
meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan« (Mt 25,
40).
»Der Tod wird nicht mehr sein« (Offb 21, 4): die Herrlichkeit der
Auferstehung
105. Die Verkündigung des Engels an Maria ist in die beruhigenden Worte
eingeschlossen: »Fürchte dich nicht, Maria« und »Für Gott ist nichts
unmöglich« (Lk 1, 30.37). In Wahrheit ist die ganze Existenz der
Jungfrau und Mutter eingehüllt von der Gewibheit, dab Gott ihr nahe ist
und sie begleitet mit seinem sorgenden Wohlwollen. Das gilt auch für die
Kirche, die »einen Zufluchtsort« (Offb 12, 6) in der Wüste findet, dem
Ort der Prüfung, aber auch der Offenbarung der Liebe Gottes zu seinem
Volk (vgl. Hos 2, 16). Maria ist das lebendige Wort des Trostes für die
Kirche in ihrem Kampf gegen den Tod. Indem sie uns auf den Sohn verweist,
versichert sie uns, dab in Ihm die Kräfte des Todes bereits besiegt sind:
»Tod und Leben, die kämpften unbegreiflichen Zweikampf; des Lebens
Fürst, der starb, herrscht nun lebend«.141
Das geschlachtete Lamm lebt mit den Zeichen der Passion in der
Herrlichkeit der Auferstehung. Es allein beherrscht das ganze Geschehen
der Geschichte: es öffnet deren »Siegel« (vgl. Offb 5, 1-10) und macht
in der Zeit und über sie hinaus die Macht des Lebens über den Tod
geltend. Im »neuen Jerusalem«, d.h. in der neuen Welt, auf die die
Geschichte der Menschen gerichtet ist, wird »der Tod nicht mehr sein,
keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist
vergangen« (Offb 21, 4).
Und während wir als pilgerndes Volk, als Volk des Lebens und für das
Leben, vertrauensvoll auf »einen neuen Himmel und eine neue Erde« (Offb
21, 1) zugehen, wenden wir den Blick auf sie, die für uns »Zeichen der
sicheren Hoffnung und des Trostes« 142 ist.
O Maria,
Morgenröte der neuen Welt,
Mutter der Lebendigen,
Dir vertrauen wir die Sache des Lebens an:
o Mutter, blicke auf die grenzenlose Zahl
von Kindern, denen verwehrt wird,
geboren zu werden,
von Armen, die es schwer haben zu leben,
von Männern und Frauen,
die Opfer unmenschlicher Gewalt wurden,
von Alten und Kranken,
die aus Gleichgültigkeit
oder angeblichem Mitleid getötet wurden.
Bewirke, dab alle,
die an deinen Sohn glauben,
den Menschen unserer Zeit
mit Freimut und Liebe
das Evangelium vom Leben verkünden können.
Vermittle ihnen die Gnade, es anzunehmen
als je neues Geschenk
die Freude, es über ihr ganzes Dasein hinweg
in Dankbarkeit zu feiern,
und den Mut, es mit mühseliger Ausdauer
zu bezeugen,
um zusammen mit allen Menschen
guten Willens
die Zivilisation der Wahrheit und der Liebe
zu errichten,
zum Lob und zur Herrlichkeit Gottes,
des Schöpfers und Freundes des Lebens.
Gegeben zu Rom, bei Sankt Peter, am 25. März 1995, dem Hochfest der
Verkündigung des Herrn, im siebzehnten Jahr meines Pontifikats.
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