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ENZYKLIKA
LABOREM EXERCENS
VON PAPST
JOHANNES PAUL II
AN DIE
VEREHRTEN BRÜDER IM BISCHOFSAMT
DIE PRIESTER UND ORDENSLEUTE
DIE SÖHNE UND TÖCHTER DER KIRCHE
UND AN ALLE MENSCHEN GUTEN WILLENS
ÜBER DIE MENSCHLICHE ARBEIT
ZUM NEUNZIGSTEN JAHRESTAG
DER ENZYKLIKA "RERUM NOVARUM"
Verehrte Mitbrüder im Bischofsamt, liebe Söhne
und Töchter!
Gruß und Apostolischen Segen!
DURCH ARBEIT muß sich der Mensch sein tägliches Brot besorgen,(1) und
nur so kann er beständig zum Fortschritt von Wissenschaft und Technik
sowie zur kulturellen und moralischen Hebung der Gesellschaft beitragen,
in Lebensgemeinschaft mit seinen Brüdern und Schwestern. Hier geht es um
jede Arbeit, die der Mensch verrichtet, unabhängig von ihrer Art und den
Umständen; gemeint ist jedes menschliche Tun, das man unter der reichen
Vielfalt der Tätigkeiten, deren der Mensch fähig ist und zu denen ihn
seine Natur, sein Menschsein, disponiert, als Arbeit anerkennen kann und
muß. Nach Gottes Bild und Gleichnis(2) inmitten des sichtbaren Universums
geschaffen und dorthingestellt, damit er die Erde sich untertan mache,(3)
ist der Mensch daher seit dem Anfang zur Arbeit berufen. Die Arbeit ist
eines der Kennzeichen, die den Menschen von den anderen Geschöpfen
unterscheiden, deren mit der Erhaltung des Lebens verbundene Tätigkeit
man nicht als Arbeit bezeichnen kann; nur der Mensch ist zur Arbeit
befähigt, nur er verrichtet sie, wobei er gleichzeitig seine irdische
Existenz mit ihr ausfüllt. Die Arbeit trägt somit ein besonderes Merkmal
des Menschen und der Menschheit, das Merkmal der Person, die in einer
Gemeinschaft von Personen wirkt; dieses Merkmal bestimmt ihre innere
Qualität und macht in gewisser Hinsicht ihr Wesen aus.
I. EINFÜHRUNG
1. Die menschliche Arbeit 90 Jahre nach »Rerum novarum«
Da es am 15. Mai dieses Jahres neunzig Jahre waren, seitdem Leo XIII., der
große Papst der »Sozialen Frage«, jene entscheidende Enzyklika
veröffentlicht hat, die mit den Worten »Rerum novarum« beginnt, möchte
ich das vorliegende Dokument der menschlichen Arbeit widmen, ja eigentlich
dem Menschen im weitgespannten Rahmen jener Wirklichkeit, die die Welt der
Arbeit darstellt. Wenn - wie ich in der Enzyklika Redemptor hominis sagte,
die ich zu Beginn meines Dienstes auf dem römischen Stuhl Petri
veröffentlicht habe - der Mensch »der erste und grundlegende Weg der
Kirche ist«,(4) und das aufgrund des unerforschlichen Geheimnisses der
Erlösung in Christus, dann ist es notwendig, ständig auf diesen Weg
zurückzukehren und ihm immer wieder aufs neue zu folgen unter den
verschiedenen Aspekten, in denen er uns den ganzen Reichtum und zugleich
die ganze Mühsal der menschlichen Existenz auf Erden offenbart.
Die Arbeit ist einer dieser Aspekte, zeitlos und grundlegend, immer
aktuell, immer neue Aufmerksamkeit und entschiedenes Zeugnis fordernd. Da
unablässig neue Fragen und Probleme auftreten, entstehen immer neue
Erwartungen, aber auch Ängste und Bedrohungen, welche mit dieser
grundlegenden Dimension menschlicher Existenz verbunden sind, die Tag für
Tag das Leben des Menschen aufbaut, aus der es die ihm eigene Würde
bezieht, die aber gleichzeitig das nie fehlende Maß menschlicher Mühen,
des Leidens und auch der Benachteiligung und Ungerechtigkeit in sich
trägt, welche das gesellschaftliche Leben innerhalb der einzelnen
Nationen und auf internationaler Ebene zutiefst durchdringen. Wenn es
zutrifft, daß sich der Mensch von dem Brot ernährt, das er der Arbeit
seiner Hände verdankt,(5) und zwar nicht nur von jenem Brot, das seinen
Leib am Leben hält, sondern auch von dem Brot der Wissenschaft und des
Fortschritts, der Zivilisation und der Kultur, dann trifft ebenso für
alle Zeiten zu, daß er sich von diesem Brot im Schweiße seines
Angesichts(6) ernährt, das heißt nicht nur mit persönlicher Mühe und
Anstrengung, sondern auch inmitten zahlreicher Spannungen, Konflikte und
Krisen, die im Zusammenhang mit der Wirklichkeit der Arbeit das Leben der
einzelnen Völker und auch der gesamten Menschheit erschüttern.
Wir feiern den 90. Jahrestag der Enzyklika Rerum novarum am Vorabend neuer
Entwicklungen in den Bereichen der Technologie, der Wirtschaft und der
Politik, die nach dem Urteil vieler Fachleute auf die Welt der Arbeit und
der Produktion ebenso starke Auswirkungen haben werden wie die
industrielle Revolution des vorigen Jahrhunderts. Es handelt sich dabei um
mehrere Faktoren von allgemeiner Bedeutung: die generelle Einführung der
Automatisierung in vielen Zweigen der Produktion; die wachsenden Kosten
von Energie und Rohstoffen; das steigende Wissen um die Begrenztheit der
Natur und deren untragbare Verschmutzung; das Eintreten von Völkern in
das politische Leben, die jahrhundertelang unterworfen waren und nun den
ihnen gebührenden Platz unter den Nationen und bei Entscheidungen von
internationaler Tragweite fordern. Diese neuen Bedingungen und
Anforderungen werden eine Neuordnung und Revision der heutigen
Wirtschaftsstrukturen und der Verteilung der Arbeit notwendig machen.
Derartige Änderungen können leider für Millionen qualifizierter
Arbeiter zumindest zeitweilig Arbeitslosigkeit bedeuten oder eine
Umschulung erforderlich machen; sie bringen sehr wahrscheinlich für die
stärker entwickelten Länder eine Verringerung oder ein langsameres
Wachstum des materiellen Wohlstandes mit sich, können aber andererseits
den Millionen von Menschen, die heute noch in schmachvollem und
unwürdigem Elend leben, Erleichterung und Hoffnung bringen. Die
wissenschaftliche Analyse der eventuellen Auswirkungen solcher Änderungen
auf das menschliche Zusammenleben ist nicht Aufgabe der Kirche. Wohl aber
hält es die Kirche für ihre Aufgabe, immer wieder auf die Würde und die
Rechte der arbeitenden Menschen hinzuweisen und die Situationen
anzuprangern, in denen diese Würde und diese Rechte verletzt werden, und
auch ihren Teil dazu beizutragen, diesen Änderungen eine solche Richtung
zu geben, daß dabei ein echter Fortschritt für den Menschen und die
Gesellschaft entsteht.
2. Die Arbeit in der organischen Entwicklung der sozialen Aktion und Lehre
der Kirche
Die Arbeit als Problem des Menschen steht eindeutig im Mittelpunkt jener
»Sozialen Frage«, der in den fast hundert Jahren seit der
Veröffentlichung der genannten Enzyklika die Lehre der Kirche und die
vielfältigen Initiativen in besonderer Weise galten, die mit ihrer
apostolischen Sendung im Zusammenhang stehen. Auf dieses Problem der
Arbeit möchte ich die vorliegenden Erwägungen konzentrieren, und das auf
eine Weise, die sich nicht etwa vom Bisherigen absetzt, sondern organisch
an die Tradition dieser Lehre und dieser Initiativen anknüpft.
Gleichzeitig halte ich mich dabei an den Rat des Evangeliums, um aus
seinem Reichtum Altes und Neues hervorzuholen. (7) Die Arbeit ist sicher
etwas »Altes«, so alt wie der Mensch und sein Leben auf der Erde. Die
allgemeine Situation des Menschen in der heutigen Welt, wie sie im Lichte
der verschiedenen geographischen, kulturellen und zivilisatorischen
Gesichtspunkte beurteilt wird, erfordert jedoch die Entdeckung der neuen
Bedeutungsgehalte der menschlichen Arbeit wie auch die Formulierung der
neuen Aufgaben, die auf diesem Gebiet jedem Menschen, der Familie, den
einzelnen Nationen, der ganzen Menschheit und schließlich auch der Kirche
gestellt sind.
Im Verlauf der Jahre seit der Veröffentlichung der Enzyklika Rerum
novarum hat die soziale Frage unablässig die Aufmerksamkeit der Kirche
auf sich gezogen. Das bezeugen die zahlreichen Aussagen des obersten
Lehramtes sowohl der Päpste wie auch des II. Vatikanischen Konzils; das
bezeugen die Verlautbarungen der einzelnen Episkopate; das bezeugt ferner
die Tätigkeit der verschiedenen Zentren für Studien und für konkrete
kirchliche Maßnahmen auf internationaler Ebene wie im Bereich der
Ortskirchen. Es wäre schwierig, hier im einzelnen alle Zeugnisse des
lebendigen Einsatzes der Kirche und der Gläubigen auf dem Gebiet der
sozialen Frage aufzuzählen, da diese überaus zahlreich sind. Als eine
Frucht des letzten Konzils wurde die Päpstliche Kommission »Iustitia et
Pax«, für »Gerechtigkeit und Frieden«, zum wichtigsten
Koordinierungszentrum auf diesem Gebiet; ihr entsprechen ähnliche Organe
im Rahmen der einzelnen Bischofskonferenzen. Der Name dieses Gremiums ist
sehr bedeutsam. Er bringt zum Ausdruck, daß die soziale Frage in ihrer
gesamten, vielschichtigen Dimension behandelt werden muß. Der Einsatz
für die Gerechtigkeit muß in engster Verbindung mit dem Einsatz für den
Frieden in der heutigen Welt stehen. Sicher hat die schmerzliche Erfahrung
der beiden großen Weltkriege, die in den letzten 90 Jahren viele Länder
Europas und zum Teil auch anderer Kontinente erschüttert haben, für
diese doppelte Zielsetzung gesprochen. Für sie spricht - besonders seit
dem Ende des Zweiten Weltkrieges - die andauernde Gefahr eines Atomkrieges
und die erschreckende Möglichkeit einer Selbstvernichtung, die sich
daraus ergibt.
Wenn wir die Hauptentwicklungslinie der Dokumente des obersten Lehramtes
der Kirche verfolgen, finden wir in ihnen die ausdrückliche Bestätigung
gerade dieses Problemansatzes. Die Schlüsselstellung hinsichtlich des
Weltfriedens nimmt die Enzyklika Pacem in terris Johannes' XXIII. ein.
Schaut man jedoch auf die Entwicklung des Problems der sozialen
Gerechtigkeit, so muß man feststellen, daß sich die Lehrtätigkeit der
Kirche in der Zeit zwischen den Enzykliken Rerum novarum und Quadragesimo
anno von Pius XI. zunächst vor allem auf die gerechte Lösung der
sogenannten Arbeiterfrage im Rahmen der einzelnen Nationen konzentriert,
dann aber ihre Blickrichtung auf die ganze Welt ausweitet. Die
unausgeglichene Verteilung von Reichtum und Elend, der Unterschied
zwischen entwickelten und nicht entwickelten Ländern und Kontinenten
fordern eine Angleichung und eine Suche nach Wegen für die gerechte
Entwicklung aller. In diese Richtung geht die Lehre der Enzyklika Mater et
magistra Johannes' XXIII., der Pastoralkonstitution Gaudium et spes des
II. Vatikanischen Konzils und der Enzyklika Populorum progressio Pauls VI.
Diese Richtung in der Entwicklung der Lehre und des Einsatzes der Kirche
in der sozialen Frage entspricht genau der objektiven Beurteilung der
jeweiligen Sachlage. Rückte man früher in dieser Frage vor allem das
Problem der »Klasse« in den Mittelpunkt, so ist in neuerer Zeit das
Problem »der Welt« in den Vordergrund getreten. Es wird also jetzt nicht
nur der Bereich der Klasse beachtet, sondern der weltweite Bereich der
Unausgeglichenheiten und Ungerechtigkeiten und infolgedessen die breite
Dimension der Aufgaben auf dem Weg zur Gerechtigkeit in der Welt von
heute. Die umfassende Analyse der Lage der heutigen Welt hat noch tiefer
und vollständiger die Bedeutung der vorhergehenden Analysen der sozialen
Ungerechtigkeiten gezeigt; und diese Bedeutung muß man heute all jenen
Bemühungen zugrundelegen, deren Ziel der Aufbau der Gerechtigkeit auf
Erden ist, wobei man die ungerechten Strukturen nicht etwa verbirgt, wohl
aber ihre Untersuchung und ihre Überwindung in eine universale Dimension
stellt.
3. Das Problem der Arbeit - Schlüssel der sozialen Frage
Inmitten all dieser Prozesse - sowohl der Diagnose der objektiven sozialen
Wirklichkeit als auch der Lehre der Kirche im Bereich der vielschichtigen
und vielfältigen sozialen Frage - scheint das Problem der menschlichen
Arbeit natürlich oft auf. Es ist gewissermaßen ein durchgehendes Element
des sozialen Lebens wie auch der kirchlichen Lehre. Deren Interesse für
dieses Problem reicht übrigens weit über die letzten 90 Jahre zurück.
Die Soziallehre der Kirche sieht ja ihre Quelle schon in der Heiligen
Schrift selbst, angefangen vom Buch Genesis und dann besonders in den
Evangelien und den Apostelschriften. Diese Lehre gehört von Anfang an zur
Unterweisung der Kirche, zu ihrer Auffassung vom Menschen und vom sozialen
Zusammenleben, und ist im einzelnen ein Teil der Morallehre vom Menschen
als Gemeinschaftswesen, wie sie nach den Erfordernissen der verschiedenen
Epochen erarbeitet worden ist. Dieser Schatz der Tradition wurde dann von
der Unterweisung der Päpste zur »Sozialen Frage« übernommen und
weiterentwickelt, beginnend mit der Enzyklika Rerum novarum. Im
Zusammenhang dieser Frage ist auch das Problem der Arbeit immer wieder neu
und tiefer gesehen worden, wobei es jedoch stets jene grundlegenden
christlichen Wahrheiten beibehalten hat, die wir zeitlos nennen können.
Wenn wir im vorliegenden Dokument wiederum auf dieses Problem
zurückkommen - ohne allerdings vorzuhaben, alle diesbezüglichen
Gesichtspunkte zu berühren -, dann nicht so sehr in der Absicht, die
bisherigen Aussagen des kirchlichen Lehramtes aufzugreifen und zu
wiederholen. Vielmehr geht es darum, vielleicht mehr als bisher
herauszustellen, daß die menschliche Arbeit ein Schlüssel und wohl der
wesentliche Schlüssel in der gesamten sozialen Frage ist, wenn wir sie
wirklich vom Standpunkt des Wohls für den Menschen betrachten wollen.
Wenn die Lösung oder vielmehr die allmähliche Lösung der sozialen
Frage, die sich immer neu stellt und immer komplizierter wird, darauf
abzielen soll, das menschliche Leben menschlicher zu machen,(8) dann
bekommt gerade dieser Schlüssel, die menschliche Arbeit, eine
grundlegende und entscheidende Bedeutung.
II.
DIE ARBEIT UND DER MENSCH
4. Im Buch Genesis
Die Kirche ist überzeugt, daß die Arbeit eine fundamentale Dimension der
Existenz des Menschen auf Erden darstellt. Diese Überzeugung wird ihr
auch vom Blick auf den Erkenntnisschatz der zahlreichen Wissenschaften
bestätigt, deren Objekt der Mensch ist: Anthropologie, Paläontologie,
Geschichte, Soziologie, Psychologie, usw.: alle scheinen diese Tatsache
unwiderlegbar zu beweisen. Vor allem aber schöpft die Kirche diese ihre
Überzeugung aus dem geoffenbarten Wort Gottes, wodurch ihr die Überzeugung
des Verstandes zugleich zur Überzeugung des Glaubens wird. Der Grund dafür
ist - und es lohnt sich, das von allem Anfang an zu beachten -, daß die
Kirche an den Menschen glaubt: nicht nur im Licht der geschichtlichen
Erfahrung, nicht nur mit Hilfe der verschiedenen Methoden
wissenschaftlicher Erkenntnis denkt sie an den Menschen und wendet sich
ihm zu, sondern in erster Linie im Licht des geoffenbarten Wortes des
lebendigen Gottes. In ihrem Sprechen vom Menschen sucht sie jene ewigen
Absichten und jene transzendente Bestimmung zum Ausdruck zu bringen, unter
die ihn der lebendige Gott, sein Schöpfer und Erlöser, gestellt hat.
Die Kirche schöpft bereits aus den ersten Seiten des Buches Genesis die
Überzeugung, daß die Arbeit eine fundamentale Dimension menschlicher
Existenz auf Erden darstellt. Die Untersuchung dieser Texte macht uns bewußt,
daß in ihnen - manchmal in archaischer Ausdrucksweise - die grundlegenden
Wahrheiten über den Menschen bereits ausgesprochen sind, schon hier, beim
Geheimnis seiner Erschaffung. Es sind dies die Wahrheiten, die von Anfang
an über den Menschen entscheiden und die großen Linien seiner Existenz
auf Erden ziehen, sei es im Stand der ursprünglichen Gerechtigkeit, sei
es nach dem durch die Sünde verursachten Bruch des ursprünglichen Bundes
zwischen dem Schöpfer und seiner Schöpfung im Menschen. Wenn dieser, »als
Gottes Abbild... als Mann und Frau«(9) geschaffen, die Worte hört: »Seid
fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde und macht sie euch
untertan«,(10) so beziehen sich diese Worte zwar nicht direkt und ausdrücklich
auf die Arbeit des Menschen, weisen ihn jedoch zweifellos indirekt schon
darauf hin als auf eine Tätigkeit, die er in der Welt zu verrichten hat.
Ja, sie zeigen bereits ihr tiefstes Wesen auf. Der Mensch ist unter
anderem deshalb Abbild Gottes, weil er von seinem Schöpfer den Auftrag
empfangen hat, sich die Erde zu unterwerfen und sie zu beherrschen. Indem
er diesen Auftrag erfüllt, spiegelt der Mensch und jeder Mensch das
Wirken des Weltenschöpfers selber wider.
Die Arbeit - als »transitive« Tätigkeit aufgefaßt, das heißt als ein
Wirken, das vom Menschen als Subjekt ausgeht und auf ein äußeres Objekt
gerichtet ist - setzt eine spezifische Herrschaft des Menschen über die
»Erde« voraus und bestätigt und entwickelt ihrerseits diese Herrschaft.
Unter dem hier vom biblischen Text gebrauchten Ausdruck »Erde« ist natürlich
zunächst jener Bruchteil des sichtbaren Universums zu verstehen, dessen
Bewohner der Mensch ist; in Ausweitung davon kann man jedoch die ganze
sichtbare Welt darunter verstehen, soweit sie sich innerhalb der Sphäre
menschlichen Einflusses und menschlicher Suche nach Befriedigung der
eigenen Bedürfnisse befindet. Die Worte »macht euch die Erde untertan«
sind von ungeheurer Tragweite. Sie beziehen sich auf alle Reichtümer,
welche die Erde (und indirekt die sichtbare Welt) in sich birgt und die
durch bewußte Tätigkeit des Menschen entdeckt und in geeigneter Weise
verwendet werden können. So bleiben diese Worte am Anfang der Bibel zu
jeder Zeit aktuell. Sie schließen alle vergangenen Epochen der
Zivilisation und Wirtschaft ebenso ein wie die heutige Wirklichkeit und
die zukünftigen Entwicklungsphasen, die sich vielleicht zu einem gewissen
Grad bereits abzeichnen, großenteils jedoch dem Menschen noch fast
unbekannt und verborgen sind.
Wenn man gelegentlich von Zeiten der »Beschleunigung« im
wirtschaftlichen Leben und in der Zivilisation der ganzen Menschheit oder
einzelner Nationen spricht und diese »Beschleunigungen« mit dem
Fortschritt der Wissenschaft und Technik und besonders mit den für das
gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben entscheidenden Entdeckungen in
Zusammenhang bringt, so kann man gleichzeitig sagen, daß keine dieser »Beschleunigungen«
über den wesentlichen Gehalt dessen hinausgeht, was jener uralte
Bibeltext aussagt. Während der Mensch durch seine Arbeit immer mehr zum
Herrn der Erde wird und wiederum durch die Arbeit seine Herrschaft über
die sichtbare Welt festigt, bleibt er in jedem Fall und in jeder Phase
dieses Prozesses auf der Linie jener ursprünglichen Weisung des Schöpfers,
welche notwendig und unlösbar an die Tatsache gebunden ist, daß der
Mensch als Mann und Frau »nach dem Abbild Gottes« geschaffen ist. Dieser
Prozeß ist zugleich universal: er umfaßt alle Menschen, jede Generation,
jede Phase der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung, und er ist
gleichzeitig ein Prozeß, der sich in jedem Menschen abspielt, in jedem
mit Einsicht begabten menschlichen Wesen. Er umfaßt zugleich alle und
jeden einzelnen; alle und jeder einzelne nehmen in entsprechendem Maß und
auf unzählige Weisen an diesem gigantischen Prozeß teil, der im »Untertan-machen
der Erde« durch die Arbeit besteht.
5. Die Arbeit im objektiven Sinn: Die Technik
Diese Universalität und zugleich diese Vielfalt im Prozeß des »Untertan-machens
der Erde« werfen Licht auf die menschliche Arbeit; denn die Herrschaft
des Menschen über die Erde vollzieht sich durch die Arbeit und in der
Arbeit. So wird der Sinn der objektiv verstandenen Arbeit deutlich, wie er
in den verschiedenen Epochen der Kultur und Zivilisation zum Ausdruck
kommt. Der Mensch beherrscht die Erde schon dadurch, daß er Tiere zähmt
und züchtet und aus ihnen die nötige Nahrung und Kleidung für sich
gewinnt, und dadurch, daß er aus Erde und Meer verschiedene Naturschätze
entnehmen kann. Viel weitgehender jedoch macht sich der Mensch die Erde »untertan«,
wenn er sie zu bebauen beginnt und dann ihre Produkte seinen Bedürfnissen
entsprechend verarbeitet. Die Landwirtschaft stellt somit einen
vorrangigen Zweig der wirtschaftlichen Tätigkeit und - durch die
menschliche Arbeit - einen unentbehrlichen Produktionsfaktor dar. Die
Industrie wiederum wird immer in der Verbindung der Schätze der Erde -
sowohl der vorgegebenen lebenden Naturprodukte als auch der Produkte der
Landwirtschaft sowie der mineralischen und chemischen Bodenschätze - mit
der Arbeit des Menschen, der körperlichen wie der geistigen, bestehen.
Das gilt in gewissem Sinn auch für den Bereich der sogenannten
Dienstleistungsindustrie sowie der reinen und angewandten Forschung.
In Industrie und Landwirtschaft ist die Arbeit des Menschen heute in
vielen Fällen keine überwiegend körperliche mehr, da die Mühe der Hände
und Muskeln von Maschinen und Mechanismen unterstützt wird, deren
Vervollkommnung unaufhörlich fortschreitet. Nicht nur in der Industrie,
sondern auch in der Landwirtschaft sind wir Zeugen von Umwandlungen, die
durch die stufenweise und ununterbrochene Entwicklung von Wissenschaft und
Technik ermöglicht wurden. Dies alles ist, historisch gesehen, eine
Ursache großer Umwälzungen der Zivilisation geworden, vom Beginn des »Industriezeitalters«
zu den jeweils folgenden, durch neue Techniken bedingten
Entwicklungsphasen wie der Phase der Elektronik oder der Mikroprozessoren
in den letzten Jahren.
Wenn auch der Eindruck entstehen könnte, daß im industriellen Prozeß
die Maschine »arbeitet«, während der Mensch sie nur bedient, indem er
auf verschiedene Weise ihr Funktionieren ermöglicht und unterstützt, so
trifft doch zu, daß die industrielle Entwicklung gerade dadurch Anlaß
gibt, das Problem der menschlichen Arbeit in neuer Weise wieder zu
stellen. Sowohl die erste Industrialisierung, welche die sogenannte
Arbeiterfrage geschaffen hat, als auch die darauf folgenden industriellen
und nachindustriellen Umwandlungen zeigen deutlich, daß auch im Zeitalter
der immer stärker mechanisierten »Arbeit« der Mensch das eigentliche
Subjekt der Arbeit bleibt.
Die Entwicklung der Industrie und der verschiedenen mit ihr in Verbindung
stehenden Sektoren bis zu den modernsten Technologien der Elektronik
insbesondere auf den Gebieten der Miniaturisierung, der Informatik, der
Telematik und anderen zeigt an, welche ungeheure Bedeutung in der
Wechselwirkung zwischen Subjekt und Objekt der Arbeit (im weitesten Sinne
dieses Wortes) gerade jener Verbündeten der menschlichen Arbeit zukommt,
die der menschliche Geist erzeugt hat, nämlich der Technik. Sie ist -
hier nicht als Arbeitsfähigkeit oder -fertigkeit, sondern als die
Gesamtheit der Instrumente verstanden, deren sich der Mensch bei seiner
Arbeit bedient - zweifellos eine Verbündete des Menschen. Sie erleichtert
ihm die Arbeit, vervollkommnet, beschleunigt und vervielfältigt sie. Sie
begünstigt die quantitative Mehrung der Arbeitsprodukte und bei vielen
auch die Verbesserung ihrer Qualität. Doch ist es auch eine Tatsache, daß
sich die Technik in manchen Fällen aus einer Verbündeten fast in eine
Gegnerin des Menschen verwandeln kann, wie etwa dann, wenn die
Mechanisierung der Arbeit den Menschen verdrängt und ihn jeder persönlichen
Befriedigung und des Ansporns zu Kreativität und Verantwortung beraubt,
wenn sie viele Arbeitnehmer um ihre Beschäftigung bringt oder durch die
Verherrlichung der Maschine den Menschen zu deren Sklaven macht.
Wenn die Bibelworte »macht euch die Erde untertan«, die seit dem Anfang
an die Menschen gerichtet sind, von der gesamten modernen industriellen
und nachindustriellen Zeit her verstanden werden, schließen sie
zweifellos auch eine Beziehung zur Technik ein, zu jener Welt der
Mechanismen und Maschinen, die eine Frucht der Verstandesarbeit des
Menschen und eine geschichtliche Bestätigung seiner Herrschaft über die
Natur sind.
Die jüngste Epoche der Menschheitsgeschichte zeigt vor allem bei einigen
Völkern einen berechtigten Triumph der Technik als eines Grundfaktors für
wirtschaftlichen Fortschritt; gleichzeitig jedoch hat dieser Triumph
zentrale Fragen aufgeworfen und wirft sie immer noch auf: Fragen über die
menschliche Arbeit im Verhältnis zu ihrem Subjekt, das eben der Mensch
ist. Diese Fragen sind mit schwerwiegenden Inhalten und Spannungen von
ethischem und ethisch-sozialem Charakter beladen. Sie stellen daher eine
ständige Herausforderung für vielerlei Institutionen dar, für Staaten
und Regierungen, für internationale Systeme und Organisationen; sie sind
eine Herausforderung auch für die Kirche.
6. Die Arbeit im subjektiven Sinn: Der Mensch als Subjekt der Arbeit
Wollen wir unsere Darlegung zur Arbeit nach den Worten der Bibel
fortsetzen, nach denen sich der Mensch die Erde untertan machen soll, so müssen
wir nun unsere Aufmerksamkeit auf die Arbeit im subjektiven Sinne richten,
und zwar viel eingehender, als wir es zum objektiven Sinn der Arbeit getan
haben, wo wir jene weitgespannte Problematik nur eben berührten, die den
Wissenschaftlern der verschiedenen Gebiete und auch, ihrer Spezialisierung
entsprechend, den arbeitenden Menschen selbst vollkommen und in
Einzelheiten bekannt ist. Wenn die Worte des Buches Genesis, auf die wir
uns bei dieser Untersuchung beziehen, von der Arbeit im objektiven Sinne
nur indirekt sprechen, so sprechen sie vom Subjekt der Arbeit zwar
ebenfalls nur indirekt; was sie aber dazu sagen, ist sehr aufschlußreich
und voll tiefer Bedeutung.
Der Mensch soll sich die Erde untertan machen, soll sie beherrschen, da er
als »Abbild Gottes« eine Person ist, das heißt ein subjekthaftes Wesen,
das imstande ist, auf geordnete und rationale Weise zu handeln, fähig, über
sich zu entscheiden, und auf Selbstverwirklichung ausgerichtet. Als Person
ist der Mensch daher Subjekt der Arbeit. Als Person arbeitet er und
vollzieht die verschiedenen Handlungen, die zum Arbeitsprozeß gehören;
unabhängig von ihrem objektiven Inhalt müssen diese alle der
Verwirklichung seines Menschseins dienen, der Erfüllung seiner Berufung
zum Personsein, die ihm eben aufgrund seines Menschseins eigen ist. Die
wichtigsten Wahrheiten zu diesem Thema hat in unserer Zeit das II.
Vatikanische Konzil in der Konstitution Gaudium et spes, insbesondere im
Kapitel I über die Berufung des Menschen, unterstrichen.
So bezieht sich also die »Herrschaft«, von welcher unser Bibeltext
spricht, nicht nur auf die objektive Dimension der Arbeit, sondern führt
uns gleichzeitig zum Begreifen ihrer subjektiven Dimension. Die Arbeit als
Prozeß, durch den sich der Mensch und die Menschheit die Erde untertan
machen, wird jener grundlegenden Auffassung der Bibel nur dann gerecht,
wenn in diesem ganzen Prozeß sich der Mensch zugleich immer als der
erweist und bestätigt, der »herrscht«. Dieses Herrschen bezieht sich in
gewisser Hinsicht sogar mehr auf die subjektive als auf die objektive
Dimension: gerade jene Dimension bedingt ja die ethische Substanz der
Arbeit. Denn es steht außer Zweifel, daß die menschliche Arbeit ihren
ethischen Wert hat, der unmittelbar und direkt mit der Tatsache verbunden
ist, daß der, welcher sie ausführt, Person ist, ein mit Bewußtsein und
Freiheit ausgestattetes Subjekt, das heißt ein Subjekt, das über sich
entscheidet.
Diese Wahrheit, die in gewissem Sinne den fundamentalen und bleibenden
Kern der christlichen Lehre über die menschliche Arbeit darstellt, war
und ist für das Erfassen wichtiger sozialer Probleme epochalen Ausmaßes
von grundlegender Bedeutung.
Die Antike teilte die Menschen nach eigenem, typischem Maßstab nach der
Art der Arbeit ein, die sie verrichteten. Die Arbeit, die vom Arbeitenden
den Einsatz seiner körperlichen Kräfte erforderte, die Arbeit der
Muskeln und der Hände, wurde für freie Menschen als unwürdig
betrachtet; zu ihrer Verrichtung wurden deshalb die Sklaven bestimmt. Das
Christentum bewirkte in Ausweitung einiger schon im Alten Testament
enthaltener Gedanken eine grundlegende Umwälzung solcher Anschauungen,
wobei es von der Botschaft des Evangeliums in ihrer Gesamtheit und vor
allem von der Tatsache ausging, daß derjenige, der Gott war, uns jedoch
in allem gleich geworden ist,(11) den größten Teil seiner irdischen
Lebensjahre der körperlichen Arbeit in der Werkstatt eines Zimmermanns
gewidmet hat. Dieser Umstand ist als solcher das beredteste »Evangelium
der Arbeit«, aus dem hervorgeht, daß die Grundlage zur Bewertung
menschlicher Arbeit nicht in erster Linie die Art der geleisteten Arbeit
ist, sondern die Tatsache, daß der, der sie verrichtet, Person ist. Die Würde
der Arbeit wurzelt zutiefst nicht in ihrer objektiven, sondern in ihrer
subjektiven Dimension.
Bei einer solchen Sicht verschwindet geradezu die Grundlage der in der
Antike gemachten Einteilung der Menschen in verschiedene Gruppen nach der
Art der von ihnen verrichteten Arbeit. Damit soll nicht gesagt sein, daß
die menschliche Arbeit, objektiv verstanden, nicht irgendwie bewertet und
qualifiziert werden könne oder dürfe, sondern lediglich, daß die erste
Grundlage für den Wert der Arbeit der Mensch selbst ist, ihr Subjekt.
Hiermit verbindet sich sogleich eine sehr wichtige Schlußfolgerung
ethischer Natur: So wahr es auch ist, daß der Mensch zur Arbeit bestimmt
und berufen ist, so ist doch in erster Linie die Arbeit für den Menschen
da und nicht der Mensch für die Arbeit. Mit dieser Schlußfolgerung kommt
man logisch zur Anerkennung des Vorranges der subjektiven Bedeutung der
Arbeit vor der objektiven. Aufgrund dieser Auffassung und vorausgesetzt,
daß verschiedene von Menschen verrichtete Arbeiten einen größeren oder
geringeren objektiven Wert haben können, geht es uns vor allem darum,
deutlich zu machen, daß der Maßstab für jede dieser Arbeiten in erster
Linie die Würde ihres Subjekts ist, also der Person, des Menschen, der
sie verrichtet. Noch einmal: Unabhängig von der Arbeit, die jeder Mensch
verrichtet, und vorausgesetzt, daß diese einen Zweck seines Handelns
darstellt - der ihn oft stark engagiert -, ist festzuhalten, daß dieser
Zweck für sich allein keine entscheidende Bedeutung besitzt. Zweck der
Arbeit, jeder vom Menschen verrichteten Arbeit - gelte sie auch in der
allgemeinen Wertschätzung als die niedrigste Dienstleistung, als völlig
monotone, ja als geächtete Arbeit -, bleibt letztlich immer der Mensch
selbst.
7. Eine Bedrohung der rechten Wertordnung
Gerade diese fundamentalen Feststellungen über die Arbeit
kristallisierten sich zu allen Zeiten aus dem Reichtum der christlichen
Wahrheit, insbesondere aus der Botschaft des »Evangeliums der Arbeit«,
und haben die Grundlage für eine neue Art des Denkens, Bewertens und
Handelns unter den Menschen geschaffen. In der Gegenwart, schon seit
Beginn des Industriezeitalters, mußte sich die christliche Wahrheit über
die Arbeit verschiedenen materialistischen und ökonomistischen Strömungen
entgegenstellen.
Manche Anhänger solcher Ideen betrachteten und behandelten die Arbeit als
eine Art »Ware«, die der Arbeitnehmer, vor allem der Industriearbeiter,
dem Arbeitgeber verkauft, der gleichzeitig der Besitzer des Kapitals ist,
das heißt der gesamten Arbeitsgeräte und der Mittel, welche die
Produktion ermöglichen. Diese Auffassung von Arbeit war wohl besonders in
der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbreitet. In der Folgezeit sind
ausdrückliche Formulierungen dieser Art fast gänzlich verschwunden und
haben einer humaneren Sicht und Wertung der Arbeit Platz gemacht. Die
Wechselbeziehung zwischen dem arbeitenden Menschen und dem Gesamt der
Arbeitsgeräte und Produktionsmittel ließ verschiedene Formen des
Kapitalismus und, in Parallele dazu, des Kollektivismus entstehen; hinzu
kamen weitere sozio-ökonomische Elemente als Ergebnis neuartiger
konkreter Umstände oder durch das Wirken der Arbeitnehmerverbände und
der öffentlichen Hand sowie das Auftreten großer übernationaler
Unternehmen. Allerdings bleibt die Gefahr bestehen, die Arbeit wie eine
Art von »Ware sui generis« zu behandeln oder wie eine anonyme, für die
Produktion erforderliche »Kraft« (man spricht geradezu von »Arbeits-Kraft«),
besonders dann, wenn die gesamte Sicht der wirtschaftlichen Problematik
von den Voraussetzungen des materialistischen Ökonomismus geprägt ist.
Eine ständige Gelegenheit und in gewisser Hinsicht sogar ein Anreiz für
diese Weise, zu denken und zu werten, liegt im beschleunigten
Entwicklungsprozeß einer einseitig materialistischen Zivilisation, in der
man in erster Linie der objektiven Dimension der Arbeit Bedeutung beimißt,
während die subjektive Dimension - alles, was in direkter oder indirekter
Beziehung zum Subjekt der Arbeit steht - im Hintergrund bleibt. In allen
solchen Fällen, in jeder sozialen Situation dieser Art geschieht eine
Verwirrung oder sogar Umkehrung der Ordnung, wie sie von Anfang an mit den
Worten des Buches Genesis festgelegt ist: der Mensch wird als bloßes
Werkzeug behandelt, (12) während er - um seiner selbst willen, unabhängig
von der Arbeit, die er tut - als deren verursachendes Subjekt, als deren
wahrer Gestalter und Schöpfer behandelt werden sollte. Gerade diese
Umkehrung der Ordnung, ganz abgesehen vom Programm und vom Namen, unter
dem dieses sich verwirklicht, würde in dem weiter unten ausführlicher
erläuterten Sinne die Bezeichnung »Kapitalismus« verdienen. Der
Kapitalismus hat bekanntlich als System, als wirtschaftlich-soziales
System, seinen genauen, geschichtlich gewachsenen Inhalt aus der Gegenüberstellung
zum »Sozialismus« und »Kommunismus«. Doch im Licht der Analyse der
grundlegenden Wirklichkeit im gesamten wirtschaftlichen Prozeß und vor
allem in der Struktur der Produktion - eben der Arbeit - ist es angebracht
zuzugeben, daß der Irrtum des primitiven Kapitalismus sich überall dort
wiederholen kann, wo der Mensch in irgendeiner Weise dem Gesamt der
materiellen Produktionsmittel gleichgeschaltet und so wie ein Instrument
behandelt wird und nicht entsprechend der wahren Würde seiner Arbeit, das
heißt als ihr Subjekt und Urheber, und ebendadurch als wahres Ziel des
ganzen Produktionsprozesses.
So versteht man, wie eine Analyse der menschlichen Arbeit im Licht jener
Worte, welche die »Herrschaft« des Menschen über die Erde betreffen,
bis in die Mitte der ethisch-sozialen Problematik vordringen sollte. Diese
Sicht müßte auch eine zentrale Stellung im ganzen Bereich der Sozial-
und Wirtschaftspolitik finden, sei es auf der Ebene der einzelnen Länder,
sei es auf der größeren Ebene der internationalen und interkontinentalen
Beziehungen, besonders hinsichtlich der Spannungen, die sich in der Welt
nicht nur längs der Ost-West-, sondern auch längs der Nord-Süd-Achse
abzeichnen. Entschlossene Aufmerksamkeit schenkten Papst Johannes XXIII.
in seiner Enzyklika Mater et magistra und Papst Paul VI. in der Enzyklika
Populorum progressio diesen Dimensionen der heutigen ethisch-sozialen
Problematik.
8. Die Solidarität der arbeitenden Menschen
Wenn man von der menschlichen Arbeit in der fundamentalen Dimension ihres
Subjekts spricht, also vom personalen Menschen, der diese Arbeit ausführt,
so muß man unter diesem Gesichtspunkt auch eine wenigstens summarische
Wertung der Entwicklungen vornehmen, die sich in den 90 Jahren seit der
Enzyklika Rerum novarum in bezug auf den subjektiven Aspekt der Arbeit
vollzogen haben. Denn obwohl das Subjekt der Arbeit immer das gleiche ist,
nämlich der Mensch, so kann man doch im objektiven Bereich eine
beachtliche Vielfalt sehen. Wenn man auch sagen kann, daß die Arbeit
aufgrund ihres Subjektes nur eine (einzig und jeweils unwiederholbar) ist,
muß man im Hinblick auf ihre objektive Ausrichtung doch feststellen, daß
es viele Arbeiten gibt: lauter verschiedene Arbeiten. Die Entwicklung der
menschlichen Zivilisation führt auf diesem Gebiet zu ständiger
Bereicherung. Gleichzeitig jedoch kann man nicht übersehen, daß im
Verlauf dieser Entwicklung nicht nur neue Formen von Arbeit auftauchen,
sondern andere auch verschwinden. Mag man darin auch im großen und ganzen
eine normale Erscheinung sehen, so muß man dennoch darauf achten, ob und
in welchem Maß sich dabei nicht auch gewisse Auswüchse einschleichen,
die in ethisch-sozialer Hinsicht gefährlich sein können.
Gerade infolge eines solchen Auswuchses von großer Tragweite entstand im
vergangenen Jahrhundert die sogenannte Arbeiterfrage, manchmal auch als
Problem des Proletariats bezeichnet. Diese Frage und die mit ihr
verbundenen Probleme haben eine berechtigte soziale Reaktion hervorgerufen
und unter den arbeitenden Menschen, in erster Linie unter den
Industriearbeitern, geradezu einen Sturm der Solidarität ausgelöst. Der
Aufruf zu Solidarität und gemeinsamem Handeln, der an die Arbeiter - vor
allem an jene in eintöniger, nur in Teilvorgängen bestehender,
abstumpfender Arbeit industrieller Großbetriebe, wo die Maschine immer
mehr den Menschen beherrscht - ergangen ist, war vom Standpunkt der
Sozialethik wertvoll und ausdrucksstark. Es war die Reaktion gegen die
Erniedrigung des Menschen als des Subjekts der Arbeit und gegen die damit
verbundene unerhörte Ausbeutung auf dem Gebiet der Löhne, der
Arbeitsbedingungen und der Vorsorge für die Person des Arbeiters. Diese
Reaktion hat die Arbeiterwelt zu einer durch große Solidarität
gekennzeichneten Gemeinschaft zusammengeschlossen.
Im Einklang mit der Enzyklika Rerum novarum und vielen darauffolgenden
Dokumenten des kirchlichen Lehramtes muß man offen anerkennen, daß die
Reaktion gegen das ungerechte und schädliche System, das auf dem
arbeitenden Menschen in jener Zeit rascher Industrialisierung lastete und
das um Rache zum Himmel schrie,(13) sozialmoralisch gerechtfertigt war.
Diese Zustände waren durch das sozio-politische System des Liberalismus
begünstigt, das ja nach seinen ökonomistischen Grundsätzen die
wirtschaftliche Initiative ausschließlich der Kapitaleigentümer stärkte
und sicherte, sich jedoch nicht genügend um die Rechte des arbeitenden
Menschen kümmerte, entsprechend der These, die menschliche Arbeit sei
lediglich ein Produktionsmittel, das Kapital hingegen sei die Grundlage,
der Maßstab und der Zweck der Produktion.
Seitdem hat die Solidarität unter den arbeitenden Menschen, verbunden mit
einem klareren und einsatzbereiteren Bewußtsein der Gegenseite
hinsichtlich der Rechte der Arbeiter, in vielen Fällen tiefgreifende Änderungen
bewirkt. Verschiedene neue Systeme sind erdacht worden. Verschiedene
Formen von Neo-Kapitalismus und Kollektivismus haben sich entwickelt.
Nicht selten können die Arbeiter an der Leitung und an der Produktivitätskontrolle
der Unternehmen teilnehmen und machen von dieser Möglichkeit auch
Gebrauch. Mit der Hilfe entsprechender Verbände nehmen sie auf die
Arbeits- und Lohnbedingungen sowie auf die Sozialgesetzgebung Einfluß.
Gleichzeitig jedoch ließen verschiedene ideologische Systeme oder
Machtgruppierungen sowie auch neue Beziehungen auf den einzelnen Ebenen
menschlichen Zusammenlebens offene Ungerechtigkeiten weiterbestehen oder
haben neue geschaffen. Auf Weltebene hat die Entwicklung von Zivilisation
und Kommunikation eine vollständigere Beurteilung der Lebens- und
Arbeitsbedingungen des Menschen auf der ganzen Erde möglich gemacht, aber
auch neue Weisen von Ungerechtigkeit ans Licht gebracht und zwar weit größeren
Ausmaßes als jene, die im vorigen Jahrhundert den Zusammenschluß der
arbeitenden Menschen durch eine besondere Solidarität in der Welt der
Arbeit angeregt hatten. Das gilt für die Länder, die bereits einen
gewissen Prozeß industrieller Revolution hinter sich haben, wie auch für
jene, wo die vorherrschende Arbeit weiterhin in der Bebauung der Erde oder
ähnlichen Tätigkeiten besteht.
Bewegungen der Solidarität auf dem Gebiet der menschlichen Arbeit - einer
Solidarität, die sich nie dem Dialog und der Zusammenarbeit mit der
anderen Seite verschließen darf - können auch im Hinblick auf die Lage
von sozialen Gruppen erforderlich sein, welche zunächst in diesen
Bewegungen nicht vertreten waren, jedoch unter den sich wandelnden
Gesellschaftssystemen und Lebensbedingungen eine tatsächliche »Proletarisierung«
erfahren oder sich sogar schon in der Situation eines »Proletariates«
befinden, die vielleicht noch nicht mit diesem Namen bezeichnet wird, ihn
jedoch von der Sache her bereits verdient. In dieser Lage können sich
manche Kategorien oder Gruppen der arbeitsabhängigen »Intelligenz«
befinden, besonders dann, wenn zugleich mit einem immer breiteren Zugang
zur Bildung und bei anwachsender Zahl von Personen mit abgeschlossenem
Studium die Nachfrage nach ihrer Arbeit abnimmt. Diese Arbeitslosigkeit
der Intellektuellen ergibt sich oder steigert sich sogar, wenn die
offenstehenden Bildungswege nicht auf die von echten Erfordernissen der
Gesellschaft verlangten Leistungen oder Dienste ausgerichtet sind oder
wenn eine Arbeit, die eine wenigstens berufsbezogene Bildung voraussetzt,
weniger gefragt oder schlechter bezahlt ist als manche manuelle Arbeit.
Selbstverständlich stellt Bildung als solche immer einen Wert und eine
wichtige Bereicherung der menschlichen Persönlichkeit dar; doch bleiben
unabhängig von dieser Tatsache manche Prozesse der »Proletarisierung«
hierbei möglich.
Man muß sich daher weiterhin die Frage nach dem Subjekt der Arbeit und
nach seinen Lebensbedingungen stellen. Will man die soziale Gerechtigkeit
in den verschiedenen Teilen der Welt, in den verschiedenen Ländern und in
den Beziehungen zwischen ihnen verwirklichen, bedarf es immer neuer
Bewegungen von Solidarität der Arbeitenden und mit den Arbeitenden. Diese
Solidarität muß immer dort zur Stelle sein, wo es die soziale Herabwürdigung
des Subjekts der Arbeit, die Ausbeutung der Arbeitnehmer und die
wachsenden Zonen von Elend und sogar Hunger erfordern. Die Kirche setzt
sich in diesem Anliegen kraftvoll ein, weil sie es als ihre Sendung und
ihren Dienst, als Prüfstein ihrer Treue zu Christus betrachtet, um so
wirklich die »Kirche der Armen« zu sein. Die »Armen« treten in
verschiedenem Gewande auf, an verschiedenen Orten und zu verschiedenen
Zeiten; sie treten vielfach auf als Ergebnis einer Verletzung der Würde
der menschlichen Arbeit: sei es, daß die Arbeitsmöglichkeiten beschränkt
sind - also wegen der Plage der Arbeitslosigkeit -, sei es, daß die
Arbeit und die Rechte, die sich aus ihr ergeben, vor allem das Recht auf
angemessene Entlohnung und auf die Sicherheit der Person des Arbeitnehmers
und seiner Familie, entleert werden.
9. Arbeit und personale Würde
Wenn wir bei dieser Sicht des Menschen als Subjekt der Arbeit noch etwas
verweilen, ist es angebracht, zumindest in großen Zügen einige Aspekte
zu berühren, welche die Würde der menschlichen Arbeit näher erläutern,
insofern sie eine vollständigere Kennzeichnung ihres spezifischen
moralischen Wertes gestatten. Dabei muß man sich ständig die in der
Bibel ausgesprochene Berufung vor Augen halten, die »Erde untertan zu
machen«,(14) in welcher der Wille des Schöpfers zum Ausdruck kommt, daß
die Arbeit es dem Menschen ermögliche, die ihm in der sichtbaren Welt
zukommende »Herrschaft« zu verwirklichen.
Diese grundlegende Urabsicht Gottes für den Menschen, den er als sein
Abbild schuf, ihm ähnlich,(15) wurde nicht einmal in dem Augenblick abgeändert
oder ausgelöscht, da der Mensch nach dem Bruch des ersten Bundes mit Gott
die Worte vernahm: »Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot
essen«.(16) Diese Worte beziehen sich auf die manchmal drückende Mühe,
welche seither die menschliche Arbeit begleitet, ändern jedoch nichts an
der Tatsache, daß die Arbeit der Weg ist, auf dem der Mensch die ihm
eigene »Herrschaft« über die sichtbare Welt verwirklicht, indem er sich
die Erde »untertan macht«. Diese Mühe ist eine allgemein bekannte, weil
allgemein erfahrene Realität. Das wissen die Menschen mit körperlicher
Arbeit, deren Tätigkeit manchmal unter äußerst schweren Bedingungen zu
verrichten ist. Das wissen nicht nur die in der Landwirtschaft Tätigen,
deren langes Tagewerk dem Bebauen der Erde gilt, die ihnen manchmal »Dornen
und Disteln«(17) trägt, sondern auch die Arbeiter in den Bergwerken und
Steinbrüchen, die Arbeiter der Metallindustrie an ihren Hochöfen, die
oft an Leben und Gesundheit gefährdeten Bauarbeiter. Das wissen auch die
Menschen in der Werkstatt intellektueller Arbeit; das wissen die
Wissenschaftler und die Menschen, auf denen die schwere Verantwortung für
sozial weitreichende Entscheidungen lastet. Das wissen die Ärzte und die
Krankenpfleger, die Tag und Nacht bei ihren Kranken wachen. Das wissen die
Frauen, die manchmal ohne gebührende Anerkennung seitens der
Gesellschaft, ja sogar der Angehörigen, tagtäglich die Mühe und die
Verantwortung des Haushalts und der Kindererziehung tragen. Das wissen
alle arbeitenden Menschen, und da zu arbeiten die Berufung aller ist,
wissen es alle Menschen.
Dennoch ist die Arbeit mit all dieser Mühe - und in gewissem Sinne
vielleicht gerade aufgrund dieser Mühe - ein Gut für den Menschen. Wenn
dieses Gut das Zeichen eines »bonum arduum« - um mit dem heiligen Thomas
von Aquin(18) zu sprechen -, eines »schwierigen Gutes«, an sich trägt,
so bleibt die Arbeit als solche doch ein Gut für den Menschen, und zwar
nicht nur ein »nützliches« oder ein »angenehmes«, sondern ein »würdiges«,
das heißt der Würde des Menschen entsprechendes Gut, ein Gut, das diese
Würde zum Ausdruck bringt und sie vermehrt. Wenn man die ethische
Bedeutung der Arbeit genauer bestimmen will, muß man in erster Linie
diese Wahrheit vor Augen haben. Die Arbeit ist ein Gut für den Menschen -
für sein Menschsein -, weil er durch die Arbeit nicht nur die Natur
umwandelt und seinen Bedürfnissen anpaßt, sondern auch sich selbst als
Mensch verwirklicht, ja gewissermaßen »mehr Mensch wird«.
Ohne diese Überlegung kann man die Bedeutung der Tugend des Fleißes
nicht verstehen, genauer: man kann nicht verstehen, wieso der Fleiß eine
Tugend sein soll; ist doch die Tugend als moralische Haltung das, wodurch
der Mensch als Mensch gut wird.(19) Dieser positive Zusammenhang ändert
aber nichts an unserer berechtigten Sorge, der Mensch könnte in der
Arbeit, durch welche die Materie veredelt wird, an sich selbst eine
Herabsetzung seiner Würde erleiden.(20) Es ist ja bekannt, daß die
Arbeit verschiedentlich gegen den Menschen verwendet werden kann; daß man
ihn mit dem System der Zwangsarbeit in Konzentrationslagern bestrafen
kann; daß man die Arbeit zu einem Mittel der Unterdrückung des Menschen
machen kann; daß man schließlich in verschiedener Weise die menschliche
Arbeit - das heißt den arbeitenden Menschen! - ausbeuten kann. All dies
spricht für die moralische Verpflichtung, den Fleiß als Tugend mit einer
sozialen Ordnung zu verbinden, die es dem Menschen erlaubt, in der Arbeit
»mehr Mensch zu werden«, statt sich ihretwegen zu erniedrigen und nicht
nur seine Körperkräfte zu verbrauchen (was ja wenigstens zu einem
gewissen Grad unvermeidlich ist), sondern sogar seine ureigene Würde und
Personalität verletzt zu sehen.
10. Arbeit und Gemeinschaft: in Familie und Nation
Nachdem so die personale Dimension der menschlichen Arbeit bekräftigt
ist, müssen wir nun zu einem zweiten Bereich von Werten übergehen, der
mit der Arbeit notwendigerweise verbunden ist. Die Arbeit bildet eine
Grundlage für den Aufbau des Familienlebens, welches ein Recht und eine
Berufung des Menschen ist. Diese beiden Wertbereiche - der eine mit der
Arbeit verbunden, der andere aus dem Familiencharakter des menschlichen
Lebens folgend - müssen auf rechte Art miteinander verbunden sein, auf
rechte Weise einander durchdringen. Die Arbeit ist in gewisser Hinsicht
Vorbedingung für die Gründung einer Familie, da diese für ihren
Unterhalt Mittel braucht, die sich der Mensch normalerweise durch die
Arbeit erwirbt. Arbeit und Fleiß prägen auch den gesamten
Erziehungsprozeß in der Familie, eben deshalb, weil jeder unter anderem
durch die Arbeit »Mensch wird« und dieses Mensch-werden gerade das
Hauptziel des ganzen Erziehungsprozesses ist. Augenscheinlich sind hier in
gewissem Sinne zwei Aspekte der Arbeit miteinander im Spiel: der eine,
welcher der Familie den Lebensunterhalt ermöglicht, und der andere, durch
den sich die Ziele der Familie verwirklichen, vor allem die Erziehung.
Diese beiden Aspekte der Arbeit sind jedoch miteinander verbunden und ergänzen
einander in verschiedenen Punkten.
Insgesamt muß man daran erinnern und feststellen, daß die Familie einen
der wichtigsten Bezugspunkte für den rechten Aufbau einer
sozial-ethischen Ordnung der menschlichen Arbeit bildet. Die Lehre der
Kirche hat diesem Problem immer besondere Aufmerksamkeit geschenkt, und
auch wir werden in diesem Dokument noch darauf zurückkommen müssen. Ist
doch die Familie eine durch die Arbeit ermöglichte Gemeinschaft und die
erste, häusliche Schule der Arbeit für jeden Menschen.
Der dritte Bereich von Werten, der in unserer gegenwärtigen Perspektive -
vom Subjekt der Arbeit her - sichtbar wird, betrifft jene umfassende
Gemeinschaft, welcher der Mensch aufgrund besonderer kultureller und
historischer Bindungen angehört. Die Volksgemeinschaft ist - auch wenn
sie noch nicht die ausgereifte Form einer Nation angenommen hat - nicht
nur die große, wenn auch indirekte »Erzieherin« jedes Menschen (da
jeder sich in der Familie die Gehalte und Werte zu eigen macht, die in
ihrer Gesamtheit die Kultur einer bestimmten Nation ausmachen), sondern
auch eine große historische und soziale Inkarnation der Arbeit aller
Generationen. All das bewirkt, daß der Mensch seine tiefste menschliche
Identität mit der Zugehörigkeit zu einer Nation verbindet und seine
Arbeit auch als eine zusammen mit seinen Landsleuten erarbeitete Mehrung
des Gemeinwohls versteht, wobei ihm auch bewußt wird, daß auf diesem Weg
die Arbeit zur Mehrung der Güter der ganzen Menschheitsfamilie, aller auf
Erden lebenden Menschen, dient.
Diese drei Bereiche behalten ständig ihre Bedeutung für die menschliche
Arbeit in ihrer subjektiven Dimension. Und diese Dimension, die konkrete
Wirklichkeit des arbeitenden Menschen also, hat Vorrang vor der
objektiven. In der subjektiven Dimension vor allem verwirklicht sich jene
»Herrschaft« über die Welt der Natur, zu welcher der Mensch nach den
Worten der Genesis von Anfang an berufen ist. Wenn der Prozeß des »Untertan-machens
der Erde«, also die Arbeit unter dem Gesichtspunkt der Technik, im Lauf
der Geschichte und insbesondere im Lauf der letzten Jahrhunderte von einer
ungeheuren Entwicklung der Produktionsmittel gekennzeichnet ist, so ist
das eine vorteilhafte, positive Gegebenheit, vorausgesetzt, daß die
objektive Dimension der Arbeit nicht die Oberhand über die subjektive
gewinnt und so dem Menschen seine Würde und seine unveräußerlichen
Rechte nimmt oder schmälert.
III.
DER KONFLIKT ZWISCHEN ARBEIT UND KAPITAL
IM GEGENWÄRTIGEN ABSCHNITT DER GESCHICHTE
11. Dimensionen dieses Konfliktes
Die im Vorhergehenden kurz dargelegten grundlegenden Bezüge menschlicher
Arbeit stützen sich einerseits auf die ersten Seiten der Bibel und bilden
andererseits in gewissem Sinne das Grundgerüst der entsprechenden
kirchlichen Lehre, die sich im Lauf der Jahrhunderte und im Zusammenhang
der verschiedenen geschichtlichen Erfahrungen unverändert durchgehalten
hat. Vor dem Hintergrund der Erfahrungen, welche der Enzyklika Rerum
novarum vorangegangen und gefolgt sind, gewinnen sie jedoch besondere
Eindringlichkeit und lebendige Aktualität. So erscheint die Arbeit in
dieser Analyse als eine große Wirklichkeit, die auf die menschenwürdige
Gestaltung der uns vom Schöpfer anvertrauten Welt einen grundlegenden
Einfluß ausübt; sie ist gleichzeitig eine Wirklichkeit, die mit dem
Menschen - als ihrem Subjekt - und mit seinem vernünftigen Handeln eng
verbunden ist.
Diese Wirklichkeit füllt normalerweise das menschliche Leben aus und
prägt maßgebend seinen Wert und Sinn. Wenn auch mit Mühe und
Anstrengung verbunden, bleibt die Arbeit dennoch ein Gut, so daß sich der
Mensch durch die Liebe zu ihr entwickelt. Dieser durchaus positive und
schöpferische, erzieherische und verdienstliche Charakter der
menschlichen Arbeit muß die Grundlage der Wertungen und Entscheidungen
bilden, die heute für den Bereich der Arbeit getroffen werden, und dies
auch hinsichtlich der subjektiven Rechte des Menschen, wie internationale
Erklärungen und auch zahlreiche Arbeitsgesetzgebungen zeigen, die
entweder von den zuständigen gesetzgebenden Organen der einzelnen Länder
oder von den Organisationen ausgearbeit wurden, die ihre soziale oder auch
sozialwissenschaftliche Aktivität der Problematik der Arbeit widmen. Eine
Organisation, die solche Initiativen auf internationaler Ebene fördert,
ist das Internationale Arbeitsamt, die älteste Unterorganisation der
Vereinten Nationen.
In einem späteren Teil unserer Erwägungen möchte ich genauer auf diese
wichtigen Probleme eingehen und zumindest die grundlegenden Elemente der
kirchlichen Lehre zu diesem Thema in Erinnerung rufen. Vorher ist es
jedoch angezeigt, einen sehr wichtigen Problemkreis zu berühren, vor
dessen Hintergrund sich diese Lehre in ihrer letzten Phase herausgebildet
hat, in jenem Zeitabschnitt, für den das Jahr der Veröffentlichung der
Enzyklika Rerum novarum gleichsam das symbolische Datum darstellt.
Bekanntlich wurde während dieses ganzen Zeitabschnittes, der übrigens
noch keinesfalls beendet ist, das Problem der Arbeit zur Grundlage des
großen Konfliktes, der in der Epoche der industriellen Entwicklung und
Hand in Hand mit ihr zwischen der »Welt des Kapitals« und der »Welt der
Arbeit« auftrat, das heißt zwischen der kleinen, aber sehr
einflußreichen Gruppe der Unternehmer, der Eigentümer oder Besitzer der
Produktionsmittel, und der viel zahlreicheren Menge derer, die nicht über
diese Mittel verfügten, sondern am Produktionsprozeß ausschließlich
durch ihre Arbeit teilnahmen. Dieser Konflikt entstand dadurch, daß die
Arbeiter ihre Kräfte der Gruppe der Unternehmer zur Verfügung stellten
und diese, weil vom Prinzip des größten Gewinns geleitet, darum bestrebt
war, für die Leistung der Arbeiter eine möglichst niedrige Entlohnung
festzulegen. Dazu kamen noch andere Elemente der Ausbeutung, die mit dem
Mangel an Sicherheit am Arbeitsplatz und auch an Garantien hinsichtlich
der Gesundheit und des Lebens der Arbeiter und ihrer Familien zu tun
hatten.
Dieser Konflikt, von einigen als sozio-ökonomischer Konflikt mit
Klassencharakter gedeutet, fand seinen Ausdruck im ideologischen Konflikt
zwischen dem Liberalismus - als Ideologie des Kapitalismus verstanden -
und dem Marxismus - als Ideologie des theoretischen Sozialismus und des
Kommunismus aufgefaßt -, der den Anspruch erhebt, als Wortführer der
Arbeiterklasse, des Proletariats der ganzen Welt aufzutreten. Auf diese
Weise wurde der reale Konflikt, der zwischen der Welt der Arbeit und der
Welt des Kapitals bestand, zum programmierten Klassenkampf, der nicht nur
mit ideologischen, sondern gerade und in erster Linie mit politischen
Mitteln geführt wurde. Die Geschichte dieses Konflikts ist bekannt;
bekannt sind auch die Forderungen der einen und der anderen Seite. Das
marxistische Programm, das auf der Philosophie von Marx und Engels
aufbaut, sieht im Klassenkampf den einzigen Weg zur Beseitigung der
klassenbezogenen Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft und auch der
Klassen selbst. Die Verwirklichung dieses Programms setzt an den Anfang
die Kollektivierung der Produktionsmittel, damit durch die Übertragung
dieser Mittel von Privatpersonen auf das Kollektiv die menschliche Arbeit
vor der Ausbeutung bewahrt bleibe.
Dieses Ziel strebt der nicht nur mit ideologischen, sondern auch mit
politischen Mitteln geführte Kampf an. Die Gruppierungen, die sich als
politische Parteien von der marxistischen Ideologie leiten lassen, streben
gemäß dem Prinzip der »Diktatur des Proletariats« und durch die
Ausübung verschiedenartiger Einflüsse - einschließlich des
revolutionären Druckes - nach dem Machtmonopol in den einzelnen Ländern,
um dort durch die Aufhebung des Privateigentums an den Produktionsmitteln
das kollektivistische System einzuführen. Nach den wichtigsten Ideologen
und Führern dieser großen internationalen Bewegung ist es das Ziel eines
solchen Aktionsprogramms, die soziale Revolution zu vollziehen und in der
ganzen Welt den Sozialismus und letzten Endes das kommunistische System
einzuführen.
Wenn wir diesen außerordentlich wichtigen Kreis von Problemen berühren,
die keine bloße Theorie sind, sondern geradezu ein Geflecht von
sozio-ökonomischen, politischen und internationalen Lebensvollzügen
unserer Epoche, ist es nicht möglich, aber auch nicht notwendig, auf
Einzelheiten einzugehen, da diese aufgrund der reichen Literatur wie auch
der praktischen Erfahrungen bekannt sind. Man muß vielmehr von ihrem
geschichtlichen Kontext auf das zugrundeliegende Problem der menschlichen
Arbeit zurückgehen, dem die Erwägungen des vorliegenden Dokumentes vor
allem gelten. Umgekehrt läßt sich natürlich dieses zentrale Problem -
»zentral« wieder im Hinblick auf den Menschen gesagt, stellt es doch
eine der grundlegenden Dimensionen seines irdischen Daseins und seiner
Berufung dar - nur dann klären, wenn man dem ganzen Kontext der
zeitgenössischen Wirklichkeit Rechnung trägt.
12. Der Vorrang der Arbeit
Angesichts der gegenwärtigen Wirklichkeit, in deren Struktur so viele vom
Menschen verursachte Konflikte zutiefst eingefügt sind und in der die
technischen Mittel - eine Frucht der menschlichen Arbeit - eine
erstrangige Rolle spielen (man denke hier auch an die Möglichkeit eines
weltweiten Zusammenbruchs im Falle eines Atomkrieges mit seinen fast
unvorstellbaren Zerstörungskräften), muß man vor allem ein Prinzip in
Erinnerung rufen, das die Kirche immer gelehrt hat: das Prinzip des
Vorranges der Arbeit gegenüber dem Kapital. Dieses Prinzip betrifft
direkt den Produktionsprozeß, für den die Arbeit immer eine der
hauptsächlichen Wirkursachen ist, während das Kapital, das ja in der
Gesamtheit der Produktionsmittel besteht, bloß Instrument oder
instrumentale Ursache ist. Dieses Prinzip ist eine offensichtliche
Wahrheit, die sich aus der ganzen geschichtlichen Erfahrung des Menschen
ergibt.
Wenn wir im ersten Kapitel der Bibel hören, daß der Mensch die Erde sich
untertan machen soll, dann wissen wir, daß sich diese Worte auf alle
Schätze beziehen, welche die sichtbare Welt zur Verfügung des Menschen
in sich birgt. Dennoch können diese Reichtümer nur durch die Arbeit dem
Menschen nutzbar gemacht werden. Mit der Arbeit ist von Anfang an auch das
Problem des Eigentums verbunden. Tatsächlich verfügt der Mensch, will er
die in der Natur verborgenen Schätze sich und den anderen nutzbar machen,
nur über ein einziges Mittel, nämlich die Arbeit. Um aber diese Schätze
durch seine Arbeit ausnützen zu können, eignet sich der Mensch kleine
Teile der Naturschätze des Erdinnern, des Meeres, der Erde, des Weltraums
an. Von all dem eignet er sich etwas an und macht daraus seine Werkstatt.
Diese Aneignung geschieht durch Arbeit und für weitere Arbeit.
Das gleiche Prinzip läßt sich auf die nachfolgenden Phasen dieses
Prozesses anwenden, dessen erste Phase stets die Beziehung des Menschen zu
den Schätzen der Natur bleibt. All das Bemühen des Geistes um die
Entdeckung dieser Schätze und ihrer verschiedenen
Verwendungsmöglichkeiten durch den Menschen und für den Menschen macht
uns bewußt, daß alles, was bei der gesamten Wirtschaftsproduktion vom
Menschen stammt - sowohl die Arbeit als auch die Gesamtheit der
Produktionsmittel und die mit ihnen verbundene Technik, das heißt die
Fähigkeit, diese Mittel bei der Arbeit einzusetzen -, die Schätze der
sichtbaren Welt voraussetzt, die der Mensch vorfindet, nicht schafft. Er
findet sie gewissermaßen schon fertig vor, bereit für die erkennende
Entdeckung und für die richtige Verwendung im Produktionsprozeß. In
jeder Phase seiner Arbeit steht der Mensch vor der Tatsache, daß er
zuallererst von seiten der Natur und letzten Endes von seiten des
Schöpfers beschenkt wird. Am Anfang der menschlichen Arbeit steht das
Geheimnis der Schöpfung. Diese bereits als Ausgangspunkt angegebene
Feststellung zieht sich wie ein roter Faden durch das vorliegende Dokument
und wird in dessen letztem Teil noch weiter entfaltet werden.
Die folgenden Gedanken zu diesem Problem sollen uns bestärken in der
Überzeugung vom Vorrang der menschlichen Arbeit gegenüber dem, was mit
der Zeit allmählich als »Kapital« bezeichnet wurde. Wenn nämlich zum
Bedeutungsbereich dieses Begriffes außer den uns zur Verfügung stehenden
Naturschätzen auch das Gesamt all jener Mittel gehört, durch die der
Mensch sie sich zu eigen macht und seinen Erfordernissen entsprechend
umwandelt, wobei er sie so in gewissem Sinne »humanisiert«, dann muß
man bereits hier feststellen, daß diese Gesamtheit der Mittel das
geschichtlich gewachsene Erbe menschlicher Arbeit ist. Alle
Produktionsmittel, von den primitivsten bis zu den ultramodernen, sind
nach und nach vom Menschen erarbeitet worden, von seiner Erfahrung und
seiner Intelligenz. Auf diese Weise entstanden nicht nur die einfacheren
Werkzeuge, die zur Bebauung der Erde dienen, sondern - dank des
entsprechenden Fortschritts der Wissenschaft und Technik - auch die
moderneren und komplizierteren: Maschinen, Fabriken, Laboratorien und
Computer. So ist alles, was zur Arbeit dient, alles, was beim heutigen
Stand der Technik ihr immer vollkommeneres »Werkzeug« darstellt, eine
Frucht der Arbeit.
Dieses gigantische und mächtige Werkzeug - die Gesamtheit der
Produktionsmittel, die in gewissem Sinne mit dem »Kapital« gleichgesetzt
werden - ist Frucht der menschlichen Arbeit und trägt deren Zeichen. Wenn
der Mensch, das Subjekt der Arbeit, beim heutigen Ausmaß technischen
Fortschritts, sich dieser Gesamtheit moderner Instrumente, der
Produktionsmittel also, bedienen will, muß er sich zuerst die Frucht der
Arbeit jener Menschen geistig aneignen, die diese Instrumente erfunden,
geplant, konstruiert und vervollkommnet haben und dies noch weiterhin tun.
DieArbeitsfähigkeit, das heißt die Fähigkeit wirksamer Teilnahme am
modernen Produktionsprozeß, erfordert eine immer bessere Vorbereitung und
vor allem eine entsprechende Ausbildung. Natürlich bleibt bestehen, daß
jeder Mensch, der am Produktionsprozeß teilnimmt - auch dann, wenn er nur
eine solche Arbeit verrichtet, für die weder eine besondere Ausbildung
noch spezielle Voraussetzungen erforderlich sind -, in diesem Prozeß als
echtes Subjekt wirksam ist, während sämtliche Instrumente, seien sie als
solche auch noch so vollkommen, einzig und allein dem menschlichen Tun
untergeordnete Werkzeuge sind.
Diese Wahrheit, die zum festen Bestand der kirchlichen Lehre gehört, muß
im Zusammenhang mit der Frage der Arbeitsordnung und auch des gesamten
sozio-ökonomischen Systems immer wieder betont werden. Man muß den
Primat des Menschen im Produktionsprozeß, den Primat desMenschen
gegenüber den Dingen unterstreichen und herausstellen. Alles, was der
Begriff »Kapital« - im engeren Sinn - umfaßt, ist nur eine Summe von
Dingen. Der Mensch als Subjekt der Arbeit und unabhängig von der Arbeit,
die er verrichtet, der Mensch und er allein ist Person. Diese Wahrheit
enthält wichtige und entscheidende Folgerungen.
13. Ökonomismus und Materialismus
Vor allem wird im Licht dieser Wahrheit ganz deutlich, daß man das
Kapital nicht von der Arbeit trennen und man keineswegs die Arbeit und das
Kapital in einen Gegensatz zueinander stellen kann, geschweige denn - wie
später erläutert werden wird - die konkreten Menschen, die jeweils
hinter diesen Begriffen stehen. Richtig, das heißt dem Wesen des Problems
entsprechend, richtig, das heißt innerlich wahr und zugleich moralisch
zulässig, kann eine Arbeitsordnung nur dann sein, wenn sie schon in ihren
Grundlagen den Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital überwindet und
versucht, sich nach dem oben dargelegten Prinzip des wesenhaften und
effektiven Vorranges der Arbeit aufzubauen, nach dem Prinzip des Menschen
als des Subjektes der Arbeit und seiner wirksamen Teilnahme am ganzen
Produktionsprozeß, unabhängig von der Art der Leistungen, die der
Arbeitende erbringt.
Der Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital hat seinen Ursprung nicht in der
Struktur des eigentlichen Produktionsprozesses und auch nicht in jener des
allgemeinen Wirtschaftsprozesses. Dieser Prozeß zeigt vielmehr eine
gegenseitige Durchdringung von Arbeit und dem, was wir gewöhnlich als
Kapital bezeichnen, zeigt deren unauflösbare Verbindung. In jeder
Werkstätte, sei sie verhältnismäßig einfach oder auch ultramodern,
kann sich der Mensch leicht darüber klar werden, daß er mit seiner
Arbeit in ein doppeltes Erbe eintritt, in jenes, das die allen Menschen
gegebenen Naturschätze bilden, und in jenes, das andere schon vor ihm aus
diesen Naturschätzen erarbeitet haben vor allem durch die Entwicklung der
Technik, nämlich durch die Herstellung immer vollkommenerer
Arbeitsgeräte: arbeitend tritt der Mensch zugleich in die Arbeit anderer
ein.(21) Vom Verstand und auch von unserem aus dem Wort Gottes
erleuchteten Glauben her nehmen wir ohne Schwierigkeiten ein solches Bild
vom Schauplatz und vom Prozeß menschlicher Arbeit an. Es ist ein
vollständiges, Gott und den Menschen einbeziehendes Bild. Der Mensch ist
darin »Herr« der Geschöpfe, die in der sichtbaren Welt seiner
Verfügung unterstellt sind. Wenn im Lauf des Arbeitsprozesses eine
Abhängigkeit aufscheint, so ist es die Abhängigkeit vom Geber aller
guten Gaben der Schöpfung und dazu diejenige von anderen Menschen, deren
Arbeit und Initiative wir unsere bereits vervollkommneten und erweiterten
Arbeitsmöglichkeiten verdanken. Von alledem, was im Produktionsprozeß
eine Summe von »Sachen« darstellt, von den Instrumenten und vom Kapital,
können wir nur sagen, daß es die Arbeit des Menschen »bedingt«, nicht
aber, daß es gleichsam ein anonymes »Subjekt« bildet, von dem der
Mensch und seine Arbeit abhängig wären.
Das Zerbrechen dieses vollständigen Bildes, in dem das Prinzip des
Primates der Person über die Sachen voll zur Geltung kommt, hat sich im
menschlichen Denken vollzogen - manchmal nach einer langen,
unterschwelligen Vorbereitung im praktischen Leben -, und zwar dergestalt,
daß die Arbeit vom Kapital getrennt und beide in einen Gegensatz
zueinander gestellt wurden, als ob es sich um zwei anonyme Kräfte handle,
um zwei Produktionsfaktoren, beide von derselben »ökonomistischen«
Betrachtungsweise nebeneinander gesetzt. Ein solcher Problemansatz
enthielt den grundlegenden Irrtum, den man als Irrtum des Ökonomismus
bezeichnen kann, wenn er die menschliche Arbeit ausschließlich nach ihrer
wirtschaftlichen Zielsetzung betrachtet. Man kann und muß diesen
fundamentalen Irrtum des Denkens auch einen Irrtum des Materialismus
nennen, insofern der Ökonomismus direkt oder indirekt die Überzeugung
vom Primat und Vorrang des Materiellen enthält, während er das Geistige
und Personhafte (das Wirken des Menschen, die moralischen Werte und
ähnliches) direkt oder indirekt der materiellen Wirklichkeit unterordnet.
Das ist noch nicht der theoretische Materialismus im Vollsinn des Wortes,
aber sicher schon ein praktischer Materialismus, der nicht so sehr wegen
seiner aus der materialistischen Theorie abgeleiteten Voraussetzungen für
fähig gehalten wird, die Bedürfnisse des Menschen zu erfüllen, sondern
aufgrund einer bestimmten Art zu werten, also aufgrund einer gewissen auf
die unmittelbare und größere Anziehungskraft des Materiellen
gegründeten Rangordnung der Werte. Das irrige Denken nach den Kategorien
des Ökonomismus ging Hand in Hand mit dem Auftauchen der
materialistischen Philosophie und mit ihrer Entwicklung von der mehr
elementaren und allgemeinen Phase (auch Vulgärmaterialismus genannt, weil
er beansprucht, die geistige Wirklichkeit zu einem überflüssigen
Phänomen zu machen) zur Phase des sogenannten dialektischen
Materialismus. Allerdings scheint es, daß - im Rahmen der vorliegenden
Erwägungen - der Ökonomismus für das grundlegende Problem der
menschlichen Arbeit und insbesondere für jene Trennung und
Gegenüberstellung von »Arbeit« und »Kapital« als zwei
Produktionsfaktoren, die man beide nur in der oben genannten
ökonomistischen Weise sehen wollte, von entscheidender Bedeutung war und
gerade diesen inhumanen Problemansatz noch vor dem philosophischen System
des Materialismus geprägt hat. Doch ist offensichtlich auch der
Materialismus nicht in der Lage, auch nicht in seiner dialektischen Form,
der Reflexion über die menschliche Arbeit hinreichende und entscheidende
Grundlagen zu bieten, durch die er dem Vorrang des Menschen vor dem
Instrument »Kapital«, dem Vorrang der Person vor der Sache eine
angemessene und unwiderlegbare Begründung und Stütze geben könnte. Auch
im dialektischen Materialismus ist der Mensch nicht in erster Linie
Subjekt der Arbeit und Wirkursache des Produktionsprozesses, sondern wird
in Abhängigkeit vom Materiellen gesehen und behandelt, als eine Art
»Ergebnis« der die betreffende Zeit prägenden Wirtschafts- und
Produktionsverhältnisse.
Selbstverständlich nimmt der Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital, von
dem hier die Rede ist - der Gegensatz, der die Arbeit vom Kapital trennt
und diesem wie ein eigenes »Ding« gegenüberstellt, als wäre sie
irgendein beliebiges Element des wirtschaftlichen Prozesses -, nicht nur
in der Philosophie und in den Wirtschaftstheorien des 18. Jahrhunderts
seinen Anfang, sondern viel mehr noch in der gesamten
wirtschaftlich-sozialen Praxis jener Zeit der beginnenden und rasch
fortschreitenden Industrialisierung, bei der man vor allem die
Möglichkeit einer starken Vermehrung der materiellen Reichtümer, also
der Mittel, entdeckte, während man das Ziel, den Menschen, dem diese
Mittel dienen müssen, aus dem Auge verlor. Gerade dieser praktische
Irrtum hat vor allem die menschliche Arbeit, den arbeitenden Menschen
getroffen und die ethisch gerechtfertigte Reaktion verursacht, von der
bereits die Rede war. Der gleiche Irrtum, der nun bereits sein bestimmtes,
mit dieser Zeit des ersten Kapitalismus und des Liberalismus verbundenes
historisches Profil hat, kann sich unter anderen zeitlichen und örtlichen
Umständen wiederholen, wenn man bei der Reflexion von den gleichen
theoretischen und praktischen Voraussetzungen ausgeht. Eine radikale
Überwindung dieses Irrtums erscheint unmöglich, solange es nicht zu
angemessenen Änderungen kommt sowohl auf theoretischem wie auch auf
praktischem Gebiet, Änderungen auf der Linie einer entschiedenen
Überzeugung vom Primat der Person über die Sache, der menschlichen
Arbeit über das Kapital als die Gesamtheit der Produktionsmittel.
14. Arbeit und Eigentum
Der hier kurz geschilderte historische Prozeß, der sicher sein
Anfangsstadium schon überschritten hat, aber immer noch im Gange ist und
sich durch die Beziehungen zwischen den Nationen und Kontinenten sogar
noch ausweitet, erfordert auch unter einem anderen Gesichtspunkt eine
Klarstellung. Wenn man von einer Antinomie zwischen Arbeit und Kapital
spricht, so sind damit selbstverständlich nicht nur abstrakte oder
»anonyme Kräfte« gemeint, die bei der wirtschaftlichen Produktion am
Werk sind. Hinter beiden Begriffen stehen Menschen, lebende, konkrete
Menschen; auf der einen Seite diejenigen, welche die Arbeit verrichten,
ohne Eigentümer der Produktionsmittel zu sein, auf der anderen Seite
jene, welche die Rolle des Unternehmers innehaben und entweder selbst die
Eigentümer dieser Mittel sind oder deren Vertreter. So ist also im Ganzen
dieses schwierigen historischen Prozesses von Anfang an das Problem des
Eigentums enthalten. Die Enzyklika Rerum novarum, deren Thema die soziale
Frage ist, legt auch auf dieses Problem Gewicht, indem sie die Lehre der
Kirche über das Eigentum, über das Recht auf Privateigentum auch
hinsichtlich der Produktionsmittel in Erinnerung bringt und bestätigt.
Das gleiche tat die Enzyklika Mater et magistra.
Dieses Prinzip, wie es damals betont wurde und noch heute von der Kirche
gelehrt wird, unterscheidet sich radikal vom Programm des Kollektivismus,
das vom Marxismus proklamiert und im Laufe der Jahrzehnte seit der
Enzyklika Leos XIII. in verschiedenen Ländern der Welt verwirklicht
worden ist. Es unterscheidet sich zugleich vom Programm des Kapitalismus,
das vom Liberalismus und den von ihm inspirierten politischen Systemen
verwirklicht wird. In diesem zweiten Fall liegt der Unterschied in der
Auffassung selbst vom Recht auf Eigentum. Die christliche Tradition hat
dieses Recht nie als absolut und unantastbar betrachtet. Ganz im
Gegenteil, sie hat es immer im größeren Rahmen des gemeinsamen Rechtes
aller auf die Nutzung der Güter der Schöpfung insgesamt gesehen: das
Recht auf Privateigentum als dem gemeinsamen Recht auf Nutznießung
untergeordnet, als untergeordnet der Bestimmung der Güter für alle.
Außerdem hat die Lehre der Kirche das Eigentum nie so aufgefaßt, daß es
zur Ursache sozialen Kontrastes in der Arbeit hätte werden können. Wie
bereits erwähnt, erwirbt man Eigentum vor allem durch Arbeit und, damit
es der Arbeit diene. Das gilt besonders für das Eigentum an
Produktionsmitteln. Eine Auffassung, welche diese isoliert betrachtet, als
einen geschlossenen Komplex von Eigentum, der dann als »Kapital« der
»Arbeit« gegenüberstände oder sie gar ausbeuten sollte, steht im
Gegensatz zum Wesen dieser Mittel und ihres Besitzes. Man darf sie nicht
gegen die Arbeit besitzen; man darf sie auch nicht um des Besitzes willen
besitzen, weil das einzige Motiv, das ihren Besitz rechtfertigt - sei es
in der Form des Privateigentums, sei es in der des öffentlichen oder
kollektiven Eigentums -, dies ist, der Arbeit zu dienen und dadurch die
Verwirklichung des ersten Prinzips der Eigentumsordnung zu ermöglichen:
die Bestimmung der Güter für alle und das gemeinsame Recht auf ihren
Gebrauch. Unter diesem Gesichtspunkt also, im Hinblick auf die menschliche
Arbeit und den gemeinsamen Zugang zu den Gütern, die dem Menschen
zugedacht sind, ist unter den entsprechenden Bedingungen auch die
Sozialisierung gewisser Produktionsmittel nicht auszuschließen. All diese
Prinzipien hat die Kirche bei ihrer Unterweisung im Laufe der Jahrzehnte
seit der Veröffentlichung der Enzyklika Rerum novarum immer betont, wobei
sie sich auf Argumente bezog, die eine viel ältere Tradition formuliert
hatte, zum Beispiel auf die bekannten Argumente der Summa Theologiae des
heiligen Thomas von Aquin.(22)
Im vorliegenden Dokument, dessen Hauptthema die menschliche Arbeit ist,
soll all der Nachdruck bestätigt werden, mit dem die Unterweisung der
Kirche über das Eigentum den Primat der Arbeit und damit den
Subjektcharakter des Menschen im sozialen Leben und vor allem in der
dynamischen Struktur des gesamten Wirtschaftsprozesses bisher zu sichern
suchte und dies weiterhin versucht. In dieser Hinsicht bleibt der
Standpunkt des »strengen« Kapitalismus, der das ausschließliche Recht
des Privateigentums an den Produktionsmitteln wie ein unantastbares
»Dogma« des Wirtschaftslebens verteidigt, weiterhin unannehmbar. Der
Grundsatz von der Achtung der Arbeit fordert, daß dieses Recht einer
konstruktiven - theoretischen und praktischen - Revision unterzogen wird.
Denn wenn es wahr ist, daß das Kapital als Gesamtheit der
Produktionsmittel zugleich die Frucht der Arbeit von Generationen
darstellt, so ist es ebenso wahr, daß es ununterbrochen neu entsteht
durch die Arbeit mit diesen Produktionsmitteln, die einer großen Werkbank
gleichen, wo Tag für Tag die gegenwärtige Generation der Arbeitenden im
Einsatz ist. Es handelt sich hier selbstverständlich um die verschiedenen
Arten von Arbeit, nicht nur um die sogenannte Handarbeit, sondern auch um
die vielgestaltige intellektuelle Arbeit von der Forschung bis zur
Führung.
In diesem Licht gewinnen die zahlreichen, von den Fachleuten der
katholischen Soziallehre und auch vom obersten kirchlichen Lehramt(23)
vorgebrachten Anregungen besondere Bedeutung. Sie betreffen das
Miteigentum an den Produktionsmitteln, die Mitbestimmung, die
Gewinnbeteiligung, die Arbeitnehmeraktien und ähnliches. Unabhängig von
der konkreten Möglichkeit, diese verschiedenen Anregungen zu
verwirklichen, bleibt es offensichtlich, daß die Anerkennung der richtig
verstandenen Stellung der Arbeit und des arbeitenden Menschen im
Produktionsprozeß verschiedene Anpassungen des Rechtswesens auf dem
Gebiet des Eigentums an Produktionsmitteln erfordert. Das gilt nicht nur
im Hinblick auf schon länger bestehende Verhältnisse, sondern in erster
Linie für die Realität und Problemlage, die sich in der zweiten Hälfte
dieses Jahrhunderts in der sogenannten Dritten Welt herausgebildet haben
mit den verschiedenen neuen, unabhängigen Ländern, die - vor allem in
Afrika - an der Stelle ehemaliger Kolonialgebiete entstanden sind.
Wenn also der Standpunkt des »strengen« Kapitalismus einer ständigen
Revision mit dem Ziel einer Reform unter der Rücksicht der Menschenrechte
unterzogen werden muß - wobei die Menschenrechte im weitesten Sinn und im
Zusammenhang mit der Arbeit zu verstehen sind -, so muß man unter dem
gleichen Gesichtspunkt feststellen, daß diese vielfältigen und so sehr
erwünschten Reformen nicht a priori durch eine Aufhebung des
Privateigentums an den Produktionsmitteln verwirklicht werden können.
Denn es ist zu bedenken, daß es für eine zufriedenstellende
Sozialisierung der Produktionsmittel (des Kapitals) nicht genügt, sie
einfach den Händen ihrer privaten Eigentümer zu entziehen. Sie hören in
diesem Fall nur auf, Eigentum einer bestimmten Gesellschaftsgruppe, der
privaten Eigentümer, zu sein, um dafür Eigentum der organisierten
Gesellschaft zu werden und dabei unter die Verwaltung und direkte
Kontrolle einer anderen Personengruppe zu geraten, die, ohne Eigentümer
der Produktionsmittel zu sein, durch ihre Machtposition in der
Gesellschaft darüber auf der Ebene der gesamten nationalen oder der
örtlichen Wirtschaft verfügt.
Diese führende und verantwortliche Gruppe kann ihre Aufgaben in einer vom
Standpunkt des Primates der Arbeit befriedigenden Weise erfüllen; sie
kann sie aber auch schlecht erfüllen, indem sie für sich das Monopol in
Anspruch nimmt, die Produktionsmittel zu verwalten und über sie zu
verfügen, und dabei nicht einmal vor der Verletzung fundamentaler
Menschenrechte zurückschreckt. So ist also der bloße Übergang der
Produktionsmittel in Staatseigentum im kollektivistischen System
keineswegs schon gleichbedeutend mit einer »Sozialisierung« dieses
Eigentums. Von Sozialisierung kann man nur dann sprechen, wenn der
Subjektcharakter der Gesellschaft garantiert ist, das heißt wenn jeder
aufgrund der eigenen Arbeit den vollen Anspruch hat, sich zugleich als
Miteigentümer der großen Werkstätte zu betrachten, in der er gemeinsam
mit allen anderen arbeitet. Ein Weg auf dieses Ziel hin könnte sein, die
Arbeit soweit wie möglich mit dem Eigentum am Kapital zu verbinden und
eine große Vielfalt mittlerer Körperschaften mit wirtschaftlicher,
sozialer oder kultureller Zielsetzung ins Leben zu rufen: Körperschaften
mit echter Autonomie gegenüber den öffentlichen Behörden,
Körperschaften, die ihre spezifischen Ziele in ehrlicher Zusammenarbeit
und mit Rücksicht auf die Forderungen des Gemeinwohls verfolgen und sich
in Form und Wesen als lebensvolle Gemeinschaften erweisen, so daß sie
ihre Mitglieder als Personen betrachten und behandeln und zu aktiver
Teilnahme an ihrem Leben anregen.(24)
15. Der personale Gesichtspunkt
So ist also das Prinzip des Primates der Arbeit vor dem Kapital eine
Forderung sozialethischer Natur. Diese Forderung nimmt sowohl in
demjenigen System eine Schlüsselstellung ein, das sich auf dem Grundsatz
des privaten Eigentums an Produktionsmitteln aufbaut, als auch in jenem,
in dem dieses, zuweilen sogar bis an die Wurzel, eingeschränkt worden
ist. Die Arbeit ist in gewisser Hinsicht untrennbar mit dem Kapital
verbunden und duldet in keiner Form jene Antinomie, die sie von den
Produktionsmitteln trennen und ihnen entgegenstellen will und die als
Ergebnis rein wirtschaftlichen Denkens das Leben der Menschen während der
letzten Jahrhunderte belastet hat. Wenn der Mensch arbeitet und sich dabei
der Gesamtheit der Produktionsmittel bedient, so möchte er zugleich, daß
die Früchte dieser Arbeit ihm und den anderen zugute kommen und daß er
bei diesem Arbeitsprozeß Mitverantwortlicher und Mitgestalter in der
Werkstätte sein darf, in der er tätig ist.
Daraus ergeben sich einige spezifische Rechte der Arbeitnehmer, welche der
Verpflichtung zur Arbeit entsprechen. Es wird davon in der Folge die Rede
sein. Schon hier ist jedoch allgemein hervorzuheben, daß der Arbeitende
nicht nur das geschuldete Entgelt für seine Arbeit erwartet, sondern
auch, daß im Produktionsprozeß selbst die Möglichkeit erwogen werde,
daß er bei seiner Arbeit - auch bei Gemeinschaftseigentum - gleichzeitig
das Bewußtsein haben könne, im eigenen Bereich zu arbeiten. Dieses
Bewußtsein wird in ihm ausgelöscht bei einem System übermäßiger
bürokratischer Zentralisierung, wo sich der Arbeitnehmer eher als
Rädchen in einem von oben bewegten Mechanismus vorkommt und sich - aus
mehr als einem Grund - eher als bloßes Produktionsmittel denn als echtes
Subjekt der Arbeit fühlt, das mit Eigeninitiative begabt ist. Die Lehre
der Kirche hat immer die sichere und tiefe Überzeugung zum Ausdruck
gebracht, daß die menschliche Arbeit nicht nur mit der Wirtschaft zu tun
hat, sondern auch und vor allem personale Werte mitbetrifft. Die volle
Achtung dieser personalen Werte gereicht gerade dem Wirtschaftssystem
selbst und dem Produktionsprozeß zum Vorteil. Nach dem heiligen Thomas
von Aquin(25) ist es vor allem dieser Grund, der für das Privateigentum
an den Produktionsmitteln spricht. Wenn wir auch anerkennen, daß aus
bestimmten begründeten Motiven Ausnahmen vom Grundsatz des
Privateigentums gemacht werden können - heutzutage sind wir sogar Zeugen
der Einführung des Systems »sozialisierten« Eigentums -, so verliert
dennoch der personale Gesichtspunkt weder auf grundsätzlicher noch auf
praktischer Ebene seine Bedeutung. Jede Sozialisierung von
Produktionsmitteln, die überlegt und fruchtbar sein will, muß diesen
Gesichtspunkt berücksichtigen. Man muß alles daransetzen, daß der
Mensch auch in einem solchen System das Bewußtsein behalten kann, im
eigenen Bereich zu arbeiten. Sonst ergeben sich im ganzen
Wirtschaftsprozeß unkalkulierbare Schäden, und zwar nicht nur
wirtschaftlicher Art, sondern vor allem Schäden am Menschen.
IV.
DIE RECHTE DES ARBEITENDEN
MENSCHEN
16. Im großen Zusammenhang der Menschenrechte
Wenn die Arbeit eine Pflicht im mehrfachen Sinne dieses Wortes ist, eine
Verpflichtung, dann ist sie zugleich auch eine Quelle von Rechten des
Arbeitnehmers. Diese Rechte müssen untersucht werden im großen
Zusammenhang der Menschenrechte insgesamt, der Rechte, die sich aus der
Natur des Menschen ergeben und von denen viele durch verschiedene
internationale Stellen proklamiert sind und von den einzelnen Staaten für
ihre Bürger immer mehr garantiert werden. Die Achtung dieses weiten
Gefüges der Menschenrechte stellt die Grundbedingung für den Frieden in
der Welt von heute dar: für den Frieden sowohl im Inneren der einzelnen
Länder und Völker als auch auf internationaler Ebene. Das Lehramt der
Kirche hat dies schon oft betont, besonders seit der Enzyklika »Pacem in
terris«. In den weiteren Rahmen dieser fundamentalen Rechte der Person
lassen sich die Menschenrechte, die der Arbeit entspringen, ohne
Schwierigkeit einfügen.
Dennoch weisen sie innerhalb dieses Rahmens einen spezifischen Charakter
auf, welcher der besonderen, oben dargelegten Natur der menschlichen
Arbeit entspricht, und gerade diesem Charakter gemäß müssen wir sie nun
betrachten. Die Arbeit ist, wie gesagt, eine Pflicht, eine Verpflichtung
des Menschen, und das im mehrfachen Sinne dieses Wortes. Der Mensch muß
arbeiten, einmal weil es ihm der Schöpfer aufgetragen hat, dann wegen
seiner Menschennatur, für deren Erhaltung und Entwicklung die Arbeit
erforderlich ist. Der Mensch schuldet die Arbeit auch seinen Mitmenschen,
insbesondere seiner Familie, aber auch der Gesellschaft, der er angehört,
der Nation, deren Sohn oder Tochter er ist, der ganzen Menschheitsfamilie,
deren Glied er ist: Erbe der Arbeit von Generationen und zugleich
Mitgestalter der Zukunft derer, die im Ablauf der Geschichte nach ihm
kommen werden. All das macht die moralische Verpflichtung zur Arbeit aus,
im weiten Sinne jenes Wortes. Wenn es um die moralischen Rechte jedes
Menschen hinsichtlich der Arbeit geht, welche dieser Verpflichtung
entsprechen, muß man also immer das ganze, weite Bezugssystem vor Augen
haben, in dem sich die Tätigkeit jedes arbeitenden Menschen abspielt.
So haben wir, wenn wir von der Verpflichtung zur Arbeit und den Rechten
des Arbeitnehmers sprechen, welche dieser Verpflichtung entsprechen, vor
allem die Beziehung zwischen dem direkten oder indirekten Arbeitgeber und
dem Arbeitnehmer im Sinn.
Die Unterscheidung zwischen direktem und indirektem Arbeitgeber erscheint
sehr wichtig im Hinblick auf die konkrete Organisation der Arbeit wie auch
auf das mögliche Entstehen gerechter oder ungerechter Beziehungen im
Arbeitsbereich.
Wenn direkter Arbeitgeber jene Person oder Institution ist, mit der ein
Arbeitnehmer den Arbeitsvertrag unter bestimmten Bedingungen direkt
abschließt, so muß man als indirekten Arbeitgeber die zahlreichen,
verschiedenartigen Faktoren »hinter« dem direkten Arbeitgeber verstehen,
die sowohl auf die Fassung des Arbeitsvertrages als somit auch auf das
Entstehen mehr oder weniger gerechter Beziehungen im Bereich der
menschlichen Arbeit einwirken.
17. »Indirekter« und »direkter« Arbeitgeber
Der Begriff des indirekten Arbeitgebers umfaßt Personen wie auch
Institutionen verschiedener Art; er umfaßt auch kollektive
Arbeitsverträge und Verhaltensprinzipien, die von diesen Personen und
Institutionen festgelegt sind und das ganze sozio-ökonomische System
bestimmen oder sich aus ihm ergeben. Der Begriff des indirekten
Arbeitgebers bezieht sich somit auf viele verschiedene Elemente. Die
Verantwortung des indirekten Arbeitgebers unterscheidet sich von der des
direkten, wie schon das Wort besagt: die Verantwortung ist weniger direkt,
bleibt jedoch eine echte Verantwortung; der indirekte Arbeitgeber bestimmt
wesentlich den einen oder anderen Aspekt des Arbeitsverhältnisses und
bedingt so das Verhalten des direkten Arbeitgebers, wenn dieser den
Arbeitsvertrag und das Arbeitsverhältnis konkret festlegt. Eine solche
Feststellung verfolgt nicht das Ziel, den direkten Arbeitgeber von der ihm
eigenen Verantwortung zu entbinden, sondern möchte nur die Aufmerksamkeit
auf das Geflecht von Bedingtheiten lenken, die sein Verhalten
beeinflussen. Wenn es um die Fassung einer ethisch korrekten
Arbeitspolitik geht, muß man all diese Bedingtheiten vor Augen haben. Und
sie ist korrekt, wenn die objektiven Rechte des Arbeitnehmers vollauf
gewahrt sind.
Der Begriff des indirekten Arbeitgebers läßt sich auf jedes einzelne
Land und vor allem auf den Staat anwenden. Gerade dem Staat obliegt ja
eine gerechte Arbeitspolitik. Es ist jedoch bekannt, daß im heutigen
System der Weltwirtschaft zahlreiche Verbindungen zwischen den einzelnen
Staaten bestehen, zum Beispiel im Bereich von Ein- und Ausfuhr, also des
gegenseitigen Tausches von Wirtschaftsgütern, seien dies Rohstoffe,
Halbfabrikate oder Fertigprodukte. Diese Beziehungen schaffen auch
gegenseitige Abhängigkeiten, weshalb es heute schwer wäre, bei
irgendeinem Staat, und sei er auch wirtschaftlich der mächtigste, von
voller Selbstversorgung, von Autarkie, zu sprechen.
Ein solches System gegenseitiger Abhängigkeiten ist an sich etwas
Normales; es kann aber leicht zum Anlaß verschiedener Formen von
Ausbeutung und Ungerechtigkeit werden und folglich die Arbeitspolitik der
einzelnen Staaten und somit letzten Endes den einzelnen Arbeitnehmer, das
eigentliche Subjekt der Arbeit, beeinflussen. So suchen zum Beispiel die
hochindustrialisierten Länder und mehr noch jene Unternehmen, welche in
hohem Maß über die industriellen Produktionsmittel bestimmen (die
sogenannten multinationalen oder übernationalen Unternehmen), während
sie die Preise für ihre Produkte möglichst hoch festsetzen, gleichzeitig
die Preise der Rohstoffe oder der Halbfabrikate möglichst niedrig zu
halten, was zusammen mit anderen Ursachen zu einem immer größeren
Mißverhältnis zwischen den Nationaleinkommen der betroffenen Länder
führt. Dieser Abstand zwischen den meisten reichen und den ärmeren
Ländern verringert sich nicht und gleicht sich nicht aus, sondern wird
immer noch größer, natürlich den letzteren zum Schaden. Es liegt auf
der Hand, daß dies nicht ohne Auswirkungen auf die lokale Arbeitspolitik
und auf die Lage des arbeitenden Menschen in den wirtschaftlich
benachteiligten Ländern bleiben kann. Der direkte Arbeitgeber, der in
einem ähnlichen System von Bedingtheiten steht, setzt die
Arbeitsbedingungen unter dem objektiven Bedarf und Anspruch der
Arbeitnehmer an, vor allem dann, wenn er selbst möglichst hohe Gewinne
aus dem von ihm geführten Unternehmen ziehen will (oder aus mehreren von
ihm geführten Unternehmen im Fall von »sozialisiertem« Eigentum an den
Produktionsmitteln).
Dieses System der Abhängigkeiten, die zum Begriff des indirekten
Arbeitgebers gehören, ist, wie man leicht folgern kann, sehr ausgedehnt
und kompliziert. Um es näher zu bestimmen, muß man gewissermaßen die
Gesamtheit der für das wirtschaftliche Leben im Profil des betreffenden
Landes und Staates entscheidenden Elemente berücksichtigen; gleichzeitig
jedoch muß man noch viel weitere Verbindungen und Abhängigkeiten im Auge
haben. Die Verwirklichung der Rechte des Arbeitnehmers darf aber nicht
dazu verurteilt sein, nur einen Ableger von Wirtschaftssystemen
darzustellen, die mehr oder weniger ausschließlich vom Gesichtspunkt des
größtmöglichen Profits geleitet würden. Ganz im Gegenteil, gerade die
Rücksicht auf die objektiven Rechte des Arbeitenden (jede Art von Arbeit
eingeschlossen: körperliche und geistige, in Industrie und
Landwirtschaft) ist es, die einen angemessenen und grundlegenden Maßstab
für den Aufbau der gesamten Wirtschaft bilden muß, sowohl innerhalb von
Land und Staat als auch im Gesamt der Weltwirtschaftspolitik mit den von
ihr bestimmten internationalen Systemen und Beziehungen.
In dieser Richtung sollten alle dazu berufenen internationalen
Organisationen ihren Einfluß geltend machen, angefangen von der
Organisation der Vereinten Nationen. Das Internationale Arbeitsamt (OIT)
und die Unterorganisation der Vereinten Nationen für Ernährung und
Landwirtschaft (FAO) und noch andere mehr können wahrscheinlich gerade
hierzu neue Beiträge anbieten. Auf der Ebene der einzelnen Staaten gibt
es Ministerien, Behörden und auch verschiedene gesellschaftliche
Einrichtungen zu diesem Zweck. All das macht unübersehbar, welch große
Bedeutung, wie erwähnt, dem indirekten Arbeitgeber bei der Verwirklichung
der vollen Achtung der Rechte des Arbeitnehmers zukommt; denn die Rechte
der menschlichen Person sind in der gesamten Sozialmoral das entscheidende
Element.
18. Das Problem des Arbeitsplatzes
Wenn man die Rechte der Arbeitenden gerade im Hinblick auf diesen
»indirekten Arbeitgeber« bedenkt, also im Hinblick auf das Gefüge der
nationalen und internationalen Stellen, die für die ganze Ausrichtung der
Arbeitspolitik verantwortlich sind, muß man seine Aufmerksamkeit zuerst
auf ein grundlegendes Problem richten, nämlich auf das Problem des
Arbeitsplatzes, mit anderen Worten, auf das Problem einer geeigneten
Beschäftigung für alle Arbeitsfähigen. Das Gegenteil einer gerechten
und geordneten Situation auf diesem Gebiet ist die Arbeitslosigkeit, der
Mangel an Arbeitsplätzen für Arbeitsfähige. Es kann sich dabei um eine
allgemeine oder eine auf einzelne Sektoren beschränkte Arbeitslosigkeit
handeln. Aufgabe der genannten Institutionen, die hier unter dem Namen des
indirekten Arbeitgebers verstanden werden, ist es, die Arbeitslosigkeit zu
bekämpfen, die in jedem Fall ein Übel ist und, wenn sie große Ausmaße
annimmt, zu einem echten sozialen Notstand werden kann. Ein besonders
schmerzliches Problem wird sie, wenn sie vor allem die Jugendlichen
trifft, die nach einer entsprechenden allgemeinbildenden, technischen und
beruflichen Vorbereitung keinen Arbeitsplatz finden können und ihren
ehrlichen Arbeitswillen und ihre Bereitschaft, die ihnen zukommende
Verantwortung für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung der
Gesellschaft zu übernehmen, schmerzlich frustriert sehen. Die Pflicht der
Hilfeleistung für die Arbeitslosen, das heißt die Verpflichtung, den
beschäftigungslosen Arbeitnehmern und ihren Familien durch die dazu
nötige entsprechende Unterstützung den Lebensunterhalt zu sichern,
entspringt dem Grundprinzip der für diesen Bereich gültigen sittlichen
Ordnung, nämlich dem Prinzip der gemeinsamen Nutznießung der Güter
oder, anders und einfacher ausgedrückt, dem Recht auf Leben und
Unterhalt.
Um der Gefahr der Arbeitslosigkeit entgegenzutreten und allen einen
Arbeitsplatz zu sichern, müssen die hier als »indirekte Arbeitgeber«
bezeichneten Stellen für eine Gesamtplanung zugunsten jener
differenzierten Werkstatt sorgen, in der sich nicht nur das
wirtschaftliche, sondern auch das kulturelle Leben eines Landes formt;
darüber hinaus müssen sie auf eine korrekte und rationelle Organisation
der Arbeit in dieser Werkstatt achten. Diese Gesamtsorge obliegt letzten
Endes dem Staat, darf jedoch nicht einer einseitigen Zentralisierung durch
die öffentliche Hand gleichkommen . Es geht vielmehr um eine gerechte und
überlegte Koordinierung, in deren Rahmen die freie Initiative der
einzelnen Personen, der unabhängigen Gruppen, der örtlichen Betriebe und
Unternehmen garantiert sein muß, unter Berücksichtigung dessen, was oben
bereits über den subjekthaften Charakter der menschlichen Arbeit gesagt
worden ist.
Die Tatsache der gegenseitigen Abhängigkeit der einzelnen Länder und
Staaten und die Notwendigkeit der Zusammenarbeit auf verschiedenen
Gebieten fordern, daß man - unter Berücksichtigung der souveränen
Rechte eines jeden von ihnen auf den Gebieten der Planung und der
Organisation der Arbeit im eigenen Bereich - in diesem wichtigen Sektor
gleichzeitig auf der Ebene der internationalen Zusammenarbeit durch
entsprechende Verträge und Vereinbarungen tätig wird. Auch hier muß das
Grundanliegen solcher Verträge und Vereinbarungen immer mehr die
menschliche Arbeit werden, als Grundrecht aller Menschen verstanden; die
Arbeit, welche allen, die sie verrichten, analoge Rechte verleiht, so daß
der Lebensstandard der Arbeitenden in den einzelnen Ländern immer weniger
jene ärgerniserregenden Unterschiede aufweise, die ungerecht sind und
sogar gewaltsame Reaktionen hervorrufen können. Die internationalen
Organisationen haben auf diesem Gebiet enorme Aufgaben zu erfüllen. Sie
müssen sich dabei von einer genauen Diagnose der vielschichtigen
Situationen und ihrer naturgegebenen, geschichtlichen, politischen und
sonstigen Bedingungen leiten lassen; darüber hinaus müßten sie in der
Verwirklichung der gemeinsam festgelegten Aktionspläne eine größere
Leistungsfähigkeit und Effiziens erlangen.
Auf diesem Wege ließe sich der Plan eines universalen und ausgeglichenen
Fortschritts aller verwirklichen, wie er den Leitfaden der Enzyklika
Populorum progressio Pauls VI. bildet. Dabei ist hervorzuheben, daß das
entscheidende Element und gleichzeitig der beste Prüfstein eines solchen
Fortschritts im Geist der Gerechtigkeit und des Friedens, wie ihn die
Kirche verkündet und unaufhörlich vom Vater aller Menschen und Völker
erbittet, gerade die ständige Aufwertung der menschlichen Arbeit ist, sei
es unter dem Gesichtspunkt ihrer objektiven Zielsetzung, sei es im
Hinblick auf die Würde des Subjekts jeder Arbeit, das der Mensch ist. Der
Fortschritt, um den es sich handelt, muß sich durch den Menschen und für
den Menschen vollziehen und in ihm Früchte tragen. Prüfstein dieses
Fortschritts wird eine immer echtere Anerkennung der Zielsetzung der
Arbeit und eine immer allgemeinere Achtung der Rechte sein, die sich aus
ihr entsprechend der Würde des Menschen, der das Subjekt der Arbeit ist,
ergeben.
Vernünftige Planung und angemessene Organisation der menschlichen Arbeit
im Rahmen der einzelnen Länder und Staaten sollten auch die Ermittlung
des rechten Verhältnisses zwischen den verschiedenen Arten von
Beschäftigung erleichtern: Arbeit in der Landwirtschaft, in der Industrie
und in den vielfältigen Dienstleistungsberufen, Arbeit in der Verwaltung
wie auch in der Wissenschaft und Kunst, je nach den Fähigkeiten der
einzelnen Menschen und für das Gemeinwohl der einzelnen Länder und der
ganzen Menschheit. Der Organisation des menschlichen Lebens nach den
vielfältigen Arbeitsmöglichkeiten müßte ein angemessenes Unterrichts-
und Erziehungssystem entsprechen; es sollte in erster Linie die
Entwicklung einer reifen Menschlichkeit zum Ziel haben, dann aber auch die
fachliche Befähigung, um nutzbringend einen rechten Platz in der großen
und sozial differenzierten Werkstatt einnehmen zu können.
Wenn wir auf die gesamte Menschheitsfamilie rund um die Erde schauen,
werden wir unvermeidlich von einer erschütternden Tatsache ungeheuren
Ausmaßes schmerzlich berührt: Während einerseits beträchtliche
Naturschätze ungenützt bleiben, gibt es andrerseits Scharen von
Arbeitslosen und Unterbeschäftigten und ungezählte Massen von
Hungernden, eine Tatsache, die zweifelsfrei bezeugt, daß im Inneren der
einzelnen politischen Gemeinschaften wie auch in den Beziehungen zwischen
ihnen auf kontinentaler und globaler Ebene hinsichtlich der Organisation
der Arbeit und der Beschäftigung irgendetwas nicht funktioniert, und zwar
gerade in den entscheidenden und sozial wichtigsten Punkten.
19. Lohn und besondere Sozialleistungen
Nachdem wir die wichtige Rolle beschrieben haben, welche dem Bemühen um
eine Beschäftigung für alle Arbeitnehmer zukommt, um so die Achtung der
unveräußerlichen Rechte des Menschen hinsichtlich seiner Arbeit zu
gewährleisten, ist es angebracht, diese Rechte näher zu betrachten, die
letzten Endes im Verhältnis zwischen dem Arbeitnehmer und dem direkten
Arbeitgeber ins Spiel kommen. Alles, was bisher zum Thema des indirekten
Arbeitgebers gesagt worden ist, dient dem Zweck, eben dieses Verhältnis
genauer zu bestimmen, und zwar durch das Aufzeigen jener vielfältigen
Bedingungen, die es indirekt prägen. Diese Erwägung hat jedoch keinen
ausschließlich beschreibenden Sinn; sie ist auch nicht ein kurzer Traktat
über Wirtschaft oder Politik. Es geht darum, den deontologischen und
moralischen Aspekt eines Problems deutlich zu machen. Das
Schlüsselproblem der Sozialethik ist aber die Frage des gerechten Lohnes
für die geleistete Arbeit. Es gibt heutzutage keine wichtigere Weise, die
Gerechtigkeit im Verhältnis zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber zu
verwirklichen, als eben die Bezahlung der Arbeit. Unabhängig davon, ob
diese Arbeit im System des Privateigentums an den Produktionsmitteln
geleistet wird oder in einem System, wo dieses Eigentum eine Art
»Sozialisierung« erfahren hat, wird das Verhältnis zwischen dem
Arbeitgeber (vor allem direkter Art) und dem Arbeitnehmer durch den Lohn
geregelt, durch das gerechte Entgelt für die geleistete Arbeit.
Es ist auch hervorzuheben, daß die Gerechtigkeit eines
sozio-ökonomischen Systems und auf jeden Fall sein rechtes Funktionieren
letzten Endes nach der Art und Weise einzuschätzen sind, wie in jenem
System die menschliche Arbeit ihre angemessene Entlohnung findet. Hier
sind wir erneut beim Grundprinzip der ganzen sozialethischen Ordnung
angelangt, beim Prinzip der gemeinsamen Nutznießung der Güter. In jedem
System, unabhängig von dem ihm zugrundeliegenden konkreten Verhältnis
zwischen Kapital und Arbeit, bleibt die Bezahlung, das heißt der Lohn
für die geleistete Arbeit, der konkrete Weg, der den meisten Menschen den
Zugang zu jenen Gütern eröffnet, die zur gemeinsamen Nutznießung
bestimmt sind, seien es die Güter der Natur, seien es die Erzeugnisse der
Produktion. Zu beiden Arten hat der Arbeitende durch die Bezahlung Zugang,
die er als Entlohnung für seine Arbeit erhält. Somit wird gerade die
gerechte Bezahlung jeweils zum Prüfstein für die Gerechtigkeit des
gesamten sozio-ökonomischen Systems und für sein rechtes Funktionieren.
Es ist dies nicht der einzige Maßstab hierfür, aber ein besonders
wichtiger und in gewissem Sinne der entscheidende.
Eine solche Überprüfung betrifft vor allem die Familie. Die gerechte
Entlohnung für die Arbeit eines Erwachsenen, der Verantwortung für eine
Familie trägt, muß dafür ausreichen, eine Familie zu gründen,
angemessen zu unterhalten und für die Zukunft zu sichern. Eine solche
Entlohnung kann entweder durch eine sogenannte familiengerechte Bezahlung
zustandekommen - das heißt durch einen dem Familienvorstand für seine
Arbeit ausbezahlten Gesamtlohn, der für die Erfordernisse der Familie
ausreicht, ohne daß die Gattin einem außerhäuslichen Erwerb nachgehen
muß - oder durch besondere Sozialleistungen, wie Familienbeihilfen oder
Zulagen für die Mutter, die sich ausschließlich der Familie widmet;
diese Beihilfen müssen im Einklang mit den tatsächlichen Notwendigkeiten
der Familie stehen, also der Zahl der zu versorgenden Personen
entsprechen, solange diese nicht in der Lage sind, die Verantwortung für
ihr Leben auf angemessene Weise in eigene Hände zu nehmen.
Die Erfahrung bestätigt, daß man sich für die soziale Aufwertung der
mütterlichen Aufgaben einsetzen muß, für die Aufwertung der Mühen, die
mit ihnen verbunden sind, und des Bedürfnisses der Kinder nach Pflege,
Zuwendung und Herzlichkeit, damit sie sich zu verantwortungsbewußten,
sittlich und religiös reifen und psychisch ausgeglichenen
Persönlichkeiten entwickeln können. Es wird einer Gesellschaft zur Ehre
gereichen, wenn sie es der Mutter ermöglicht, sich ohne Behinderung ihrer
freien Entscheidung, ohne psychologische oder praktische Diskriminierung
und ohne Benachteiligung gegenüber ihren Kolleginnen der Pflege und
Erziehung ihrer Kinder je nach den verschiedenen Bedürfnissen ihres
Alters zu widmen. Der notgedrungene Verzicht auf die Erfüllung dieser
Aufgaben um eines außerhäuslichen Verdienstes willen ist im Hinblick auf
das Wohl der Gesellschaft und der Familie unrecht, wenn er jenen
vorrangigen Zielen der Mutterschaft widerspricht oder sie erschwert.(26)
In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, daß, allgemeiner
gesprochen, der ganze Arbeitsprozeß so organisiert und angepaßt werden
muß, daß die Erfordernisse der Person und ihrer Lebensweise, vor allem
ihres häuslichen Lebens, gebührende Beachtung finden, wobei dem Alter
und Geschlecht eines jeden Rechnung zu tragen ist. Es ist eine Tatsache,
daß in vielen Ländern die Frauen in fast allen Lebensbereichen tätig
sind. Sie sollten aber diese Tätigkeiten ihrem eigenen Wesen gemäß
verrichten können, ohne Diskriminierungen und ohne Ausschluß von
Stellungen, für die sie befähigt sind, aber zugleich auch, ohne wegen
ihrer familiären Wünsche oder wegen ihrer spezifischen Rolle bei der
Aufgabe, an der Seite der Männer zum Wohl der Gesellschaft beizutragen,
weniger geachtet zu werden. Die wahre Aufwertung der Frau erfordert eine
Arbeitsordnung, die so strukturiert ist, daß sie diese Aufwertung nicht
mit dem Aufgeben ihrer Eigenheit bezahlen muß und zum Schaden der
Familie, wo ihr als Mutter eine unersetzliche Rolle zukommt.
Neben dem Lohn kommen hier noch verschiedene Sozialleistungen in Betracht,
deren Zweck es ist, das Leben und die Gesundheit des Arbeitnehmers und
seiner Familie zu sichern. Die mit der nötigen Sorge für die Gesundheit
verbundenen Ausgaben, besonders bei Arbeitsunfällen, machen es notwendig,
dem Arbeitnehmer einen leichteren Zugang zu ärztlicher Hilfe zu
verschaffen, und zwar zu einem möglichst geringen Preis oder auch ganz
unentgeltlich. Ein anderer Bereich solcher Leistungen steht im
Zusammenhang mit dem Recht auf Ruhe und Erholung: es handelt sich hier vor
allem um die regelmäßige wöchentliche Ruhezeit, die zumindest den
Sonntag umfassen sollte, ferner um eine längere Erholungszeit, den
sogenannten Urlaub, einmal im Jahr oder eventuell mehrmals im Jahr in
kürzeren Zeitabschnitten. Schließlich geht es um das Recht auf
Ruhestandsgeld, auf Alterssicherung und auf Versicherung bei
Arbeitsunfällen. Im Rahmen dieser hauptsächlichen Rechte gibt es ein
ganzes System einzelner Rechtsansprüche, deren Beachtung zusammen mit der
Entlohnung der Arbeit für ein korrektes Verhältnis zwischen Arbeitnehmer
und Arbeitgeber entscheidend ist. Unter diesen Einzelrechten ist immer
auch der Anspruch auf solche Arbeitsräume und Produktionsprozesse zu
beachten, die dem Arbeitnehmer weder gesundheitlich noch geistig-sittlich
schaden.
20. Die Bedeutung der Gewerkschaften
Aus all diesen Rechtsansprüchen zusammen mit der Notwendigkeit, daß die
Arbeitnehmer selbst sich für deren Gewährleistung einsetzen, ergibt sich
noch ein weiteres Recht, nämlich sich zusammenzuschließen, also
Verbände oder Vereinigungen zu bilden, deren Zweck es ist, die
Lebensinteressen der in den verschiedenen Berufen Tätigen zu vertreten.
Solche Vereinigungen werden als Gewerkschaften bezeichnet. Die
Lebensinteressen der Arbeitnehmer sind bis zu einem gewissen Punkt allen
gemeinsam; gleichzeitig jedoch weist jede Art von Arbeit, jeder Beruf
bestimmte Eigenheiten auf, die in diesen Organisationen ihre besondere
Berücksichtigung finden sollten.
Die Gewerkschaften gehen in gewissem Sinne schon auf die mittelalterlichen
Zünfte zurück, insofern diese Organisationen jeweils Angehörige des
gleichen Handwerks umfaßten, also Menschen aufgrund der von ihnen
verrichteten Arbeit zusammenschlossen. Gleichzeitig besteht jedoch ein
wesentlicher Unterschied zwischen solchen Korporationen und den
Gewerkschaften: Die modernen Gewerkschaften sind aus dem Kampf der
Arbeitnehmer, der Arbeiterschaft und vor allem der Industriearbeiter, für
den Schutz ihrer legitimen Rechte gegenüber den Unternehmern und den
Besitzern der Produktionsmittel entstanden. Ihre Aufgabe ist die
Verteidigung der existentiellen Interessen der Arbeitnehmer in allen
Bereichen, wo ihre Rechte berührt werden. Die historische Erfahrung
lehrt, daß Organisationen dieser Art ein unentbehrliches Element des
sozialen Lebens darstellen, vor allem in den modernen
Industriegesellschaften. Das bedeutet freilich nicht, daß nur
Industriearbeiter Vereinigungen dieser Art errichten könnten. Die
Angehörigen aller Berufe können sich ihrer zur Sicherung der jeweiligen
Rechte bedienen. Es gibt daher auch Gewerkschaften der Landwirte und der
Arbeitnehmer in leitender Stellung wie auch Vereinigungen der Arbeitgeber.
Alle teilen sich dann, wie gesagt, entsprechend den verschiedenen
Berufszweigen noch weiter in Gruppen und Untergruppen auf.
Die katholische Soziallehre vertritt nicht die Meinung, daß die
Gewerkschaften nur Ausdruck der »Klassen«-Struktur einer Gesellschaft
und Teilnehmer des Klassenkampfes seien, der unvermeidlich das
gesellschaftliche Leben beherrsche. Gewiß, sie nehmen teil am Kampf für
die soziale Gerechtigkeit, für die berechtigten Ansprüche der
Arbeitenden in den verschiedenen Berufen. Dieser »Kampf« muß jedoch als
ein normaler Einsatz für ein gerechtes Gut angesehen werden: in diesem
Fall für das Wohl, das den Bedürfnissen und Verdiensten der nach Berufen
zusammengeschlossenen Arbeitnehmern entspricht. Es ist dies aber kein
Kampf gegen andere. Wenn er bei umstrittenen Fragen auch den Charakter
einer Opposition gegen andere annimmt, so geschieht das im Hinblick auf
das Gut der sozialen Gerechtigkeit und nicht um des »Kampfes« willen
oder um den Gegner auszuschalten. Es ist ein Kennzeichen der Arbeit, daß
sie die Menschen vor allem eint; darin besteht ihre soziale Kraft: sie
bildet Gemeinschaft. In dieser Gemeinschaft müssen sich letzten Endes
alle irgendwie zusammenfinden, sowohl jene, die arbeiten, wie auch jene,
die über die Produktionsmittel verfügen oder sie besitzen. Im Licht
dieser grundlegenden Struktur jeder Arbeit - im Licht der Tatsache, daß
schließlich in jedem sozialen System »Arbeit« und »Kapital« die
unentbehrlichen Elemente des Produktionsprozesses sind - bleibt der
arbeitsbedingte Zusammenschluß von Menschen zur Verteidigung der ihnen
zukommenden Rechte ein positiver Faktor der sozialen Ordnung und
Solidarität, von dem man nicht absehen kann.
Der legitime Einsatz zur Sicherung der Rechte von Arbeitnehmern derselben
Berufsgruppe muß allerdings immer den Beschränkungen Rechnung tragen,
welche die allgemeine Wirtschaftslage des Landes auferlegt. Die
gewerkschaftlichen Forderungen dürfen nicht in Gruppen- oder
Klassenegoismus ausarten, wenngleich sie im Interesse des Gemeinwohls der
ganzen Gesellschaft auch auf die Verbesserung all dessen abzielen können
und müssen, was im System des Eigentums an den Produktionsmitteln oder in
der Art, sie einzusetzen und über sie zu verfügen, fehlerhaft ist. Das
gesellschaftliche und wirtschaftlich-soziale Leben ist gewiß wie ein
System »kommunizierender Röhren«, und auch jede soziale Aktivität
zugunsten der Rechte einzelner Gruppen muß sich in dieses System
einfügen.
In diesem Sinn gehört die Aktivität der Gewerkschaften zweifellos in das
Gebiet der »Politik«, wenn sie als kluges Bemühen um das Gemeinwohl
aufgefaßt wird. Andererseits ist es nicht Aufgabe der Gewerkschaften,
»Politik zu machen« im heute üblichen Sinne dieses Ausdrucks. Die
Gewerkschaften haben nicht die Eigenschaft politischer Parteien, die um
die Macht kämpfen, und sollten auch nicht den Entscheidungen der
politischen Parteien unterstellt sein oder in zu enger Verbindung mit
ihnen stehen. Sonst verlieren sie nämlich leicht den Kontakt mit ihrem
eigentlichen Auftrag, der Sicherung der berechtigten Ansprüche der
Arbeitnehmer im Rahmen des Gemeinwohls des ganzen Landes, und werden statt
dessen ein Werkzeug für andere Zwecke.
Wenn vom Schutz der berechtigten Ansprüche der Arbeitnehmer je nach den
verschiedenen Berufen die Rede ist, muß man natürlich immer vor Augen
haben, was in jedem Beruf für den subjekthaften Charakter der Arbeit
entscheidend ist, aber gleichzeitig oder sogar in erster Linie, was die
dem Subjekt der Arbeit eigene Würde bedingt. Hier eröffnen sich der
Tätigkeit der Gewerkschaften vielfältige Möglichkeiten, auch in ihrer
Bildungs- und Erziehungsarbeit und bei ihrer Förderung der
Selbsterziehung. Große Verdienste haben sich dabei Gewerkschaftsschulen,
die sogenannten Arbeiter und Volkshochschulen sowie die Programme und
Kurse für Fortbildung erworben, die gerade derartige Aktivitäten
entwickelt haben und dies weiterhin tun. Es ist stets zu wünschen, daß
es dem Arbeitnehmer dank des Wirkens seiner Gewerkschaft gelingt, nicht
nur mehr zu »haben«, sondern vor allem mehr zu »sein«, sein Menschsein
also in jeder Richtung voller zu verwirklichen.
Bei ihrem Einsatz für die berechtigten Forderungen ihrer Mitglieder
bedienen sich die Gewerkschaften auch der Methode des Streiks, das heißt
der Arbeitsniederlegung als einer Art von Ultimatum, das sich an die
zuständigen Organe und vor allem an die Arbeitgeber richtet. Sie wird von
der katholischen Soziallehre als eine unter den notwendigen Bedingungen
und in den rechten Grenzen erlaubte Methode anerkannt. Auf dieser
Grundlage müßte den Arbeitnehmern das Recht auf Streik garantiert
werden, ohne daß ihre Teilnahme daran negative Folgen für sie nach sich
zieht. Wenn man zugibt, daß der Streik ein erlaubtes Mittel ist, muß man
jedoch gleichzeitig hervorheben, daß er in gewissem Sinn ein äußerstes
Mittel bleibt. Man darf ihn nicht mißbrauchen, vor allem nicht für
politisches Taktieren. Auch darf man nie außer acht lassen, daß die für
das Leben und Zusammenleben der Bürger notwendigen Dienstleistungen auf
jeden Fall sichergestellt werden müssen, wenn nötig, durch besondere
gesetzliche Maßnahmen. Der Mißbrauch des Streiks kann zu einer Lähmung
des ganzen sozio-ökonomischen Lebens führen, und das widerspricht den
Erfordernissen des Gemeinwohls der Gesellschaft, das auch mit der richtig
verstandenen Natur der Arbeit selbst im Einklang steht.
21. Die Würde der Landarbeit
Alles, was bisher über die Würde der Arbeit, über die objektive und
subjektive Dimension der Arbeit des Menschen gesagt worden ist, läßt
sich direkt auf den Bereich der Landarbeit und auf die Situation des
Menschen anwenden, der in harter Feldarbeit die Erde bebaut. Es handelt
sich hier um einen Bereich, der einen großen Teil der arbeitenden
Bevölkerung unseres Planeten umfaßt, der nicht auf den einen oder
anderen Erdteil beschränkt ist und nicht nur jene Länder betrifft, die
bereits einen gewissen Grad von Entwicklung und Fortschritt erreicht
haben. Die Landwirtschaft, die der Gesellschaft die für den täglichen
Lebensunterhalt erforderlichen Güter bietet, ist von grundlegender
Bedeutung. Die Lebensbedingungen im ländlichen Bereich und in der
landwirtschaftlichen Arbeit sind nicht überall die gleichen, wie auch die
soziale Stellung der Landbevölkerung in den einzelnen Ländern
unterschiedlich ist. All das hängt nicht nur vom Grad der Entwicklung der
Agrartechnik ab, sondern ebenso und vielleicht noch mehr von der
Anerkennung der berechtigten Ansprüche der Bauern und Landarbeiter und
schließlich vom Bewußtseinsstand bei der gesamten sozialethischen
Betrachtung der Arbeit.
Die Landarbeit unterliegt starken Belastungen, wie die ständige
körperliche Anstrengung, oft bis hin zur Erschöpfung, die geringe
Achtung, die ihr in der Gesellschaft entgegengebracht wird und die in den
Betroffenen den Eindruck hervorruft, an den Rand des sozialen Lebens
gedrängt zu sein und die hierdurch immer mehr provozierte Landflucht zu
den Städten, die leider in noch entwürdigendere Lebensbedingungen
führt. Dazu kommen das Fehlen einer entsprechenden Berufsausbildung und
der erforderlichen Arbeitsgeräte, ein gewisser untergründiger
Individualismus und auch objektiv ungerechte Situationen.
In manchen Entwicklungsländern sind Millionen von Menschen gezwungen, die
Felder anderer zu bebauen, und werden dabei von den Großgrundbesitzern
ausgenützt, ohne jede Hoffnung, einmal auch nur ein kleines Stück Erde
ihr eigen nennen zu können. Es fehlt an Formen eines gesetzlichen
Schutzes für die Person des Landarbeiters und für seine Familie im Fall
von Alter, Krankheit oder Arbeitslosigkeit. Lange Tagewerke harter Arbeit
werden armselig bezahlt. Nutzbare Bodenflächen werden von den Besitzern
brach liegengelassen. Rechtstitel für den Besitz eines kleinen
Grundstückes, das der Landarbeiter seit Jahren für sich bebaute, werden
übergangen oder sind schutzlos mächtigeren Personen oder Gruppen und
ihrem »Hunger nach Boden« ausgesetzt. Aber auch in den wirtschaftlich
entwickelten Ländern, wo wissenschaftliche Forschung, technologische
Errungenschaften und politische Maßnahmen die Landwirtschaft auf ein sehr
hohes Niveau gebracht haben, kann das Recht auf Arbeit verletzt werden,
wenn man dem Landarbeiter die Möglichkeit verwehrt, an Entscheidungen
bezüglich seiner Arbeitsleistung teilzunehmen, oder wenn ihm das Recht
auf freie Vereinigung für einen berechtigten sozialen, kulturellen und
wirtschaftlichen Fortschritt verweigert wird.
Für zahlreiche solche Situationen sind also radikale Änderungen dringend
notwendig, um der Landwirtschaft und den in ihr Tätigen wieder den wahren
Wert zu geben, der ihnen als Grundlage einer gesunden Volkswirtschaft in
der gesamten Entwicklung der Gesellschaft zukommt. Es gilt also, die
Würde der Arbeit zu proklamieren und zu fördern - jeder Arbeit und
besonders der Landarbeit, durch die sich der Mensch die von Gott als
Geschenk empfangene Erde auf so anschauliche Weise »untertan macht« und
seine »Herrschaft« über die sichtbare Welt ausübt.
22. Der behinderte Mensch und die Arbeit
Erst kürzlich haben die nationalen Gemeinschaften und die internationalen
Organisationen ihre Aufmerksamkeit einem anderen mit der Arbeit in
Verbindung stehenden und sehr einschneidenden Problem zugewandt: dem der
Behinderten. Auch sie sind personales Subjekt mit vollem Menschsein, mit
entsprechenden vorgegebenen, heiligen und unverletzlichen Rechten, die
gerade angesichts der dem Körper und seinen Fähigkeiten auferlegten
Behinderungen und Leiden die Würde und Größe des Menschen besonders
sichtbar machen. Da der Behinderte ein personales Subjekt mit all seinen
Rechten ist, muß ihm die Teilnahme am Leben der Gesellschaft in allen
Dimensionen und auf allen Ebenen, die seinen Fähigkeiten zugänglich
sind, ermöglicht werden. Der Behinderte ist einer von uns und teilt voll
und ganz unsere Menschennatur. Es wäre des Menschen von Grund auf
unwürdig und eine Verleugnung der gemeinsamen Menschennatur, wenn man zum
Leben der Gesellschaft und so auch zur Arbeit nur voll Leistungsfähige
zuließe, weil man damit in eine schwere Form von Diskriminierung
verfiele, nämlich in die Aufteilung von Starken und Gesunden auf der
einen und den Schwachen und Kranken auf der anderen Seite. Die Arbeit im
objektiven Sinne muß auch hier der Würde des Menschen untergeordnet
werden, dem Subjekt der Arbeit und nicht dem wirtschaftlichen Vorteil.
Es obliegt daher den verschiedenen mit Arbeitsfragen befaßten Stellen -
dem direkten wie dem indirekten Arbeitgeber -, mit geeigneten und
wirksamen Maßnahmen das Recht des Behinderten auf berufliche Ausbildung
und auf Arbeit zu fördern, damit er in eine fruchtbare Tätigkeit
eingegliedert werden kann, für die er befähigt ist. Hier stehen wir vor
vielen praktischen, rechtlichen und auch wirtschaftlichen Problemen; es
ist jedoch Aufgabe der Gemeinschaft, also der öffentlichen Stellen, der
Vereinigungen und Gruppen der mittleren Ebene, der Unternehmen und der
Behinderten selbst, gemeinsam ihre Ideen und Kräfte in den Dienst dieses
unverrückbaren Zieles zu stellen: den Behinderten eine ihren
Möglichkeiten entsprechende Arbeit anzubieten ; denn das erfordert ihre
Würde als Menschen und Subjekte der Arbeit. Jede Gemeinschaft wird in der
Lage sein, sich Strukturen zu geben, in denen Arbeitsplätze für
Behinderte ausfindig gemacht oder geschaffen werden können, sei es in den
normalen öffentlichen oder privaten Unternehmen, indem gewöhnliche oder
besonders geeignete Arbeitsplätze angeboten werden, sei es in sogenannten
»beschützten« Unternehmen oder Werkstätten.
Wie bei allen anderen Arbeitnehmern muß auch bei den Behinderten den
körperlichen und psychischen Arbeitsbedingungen, der gerechten
Entlohnung, den Aufstiegsmöglichkeiten und der Beseitigung verschiedener
Hemmnisse große Aufmerksamkeit geschenkt werden. Ohne die Augen davor zu
verschließen, daß es sich hierbei um eine vielschichtige und schwierige
Aufgabe handelt, kann man doch wünschen, daß eine richtige Auffassung
von der Arbeit in ihrer subjektiven Bedeutung zu einer solchen Situation
führe, in der es dem Behinderten möglich wird, sich nicht am Rande der
Arbeitswelt und in Abhängigkeit von der Gesellschaft zu fühlen, sondern
als vollwertiges Subjekt der Arbeit, nützlich für das Ganze, um seiner
Menschenwürde willen geachtet und berufen, zum Fortschritt und Wohl
seiner Familie und der Volksgemeinschaft nach seinen Fähigkeiten
beizutragen.
23. Die Arbeit und das Problem der Emigration
Schließlich sind zumindest einige wenige Worte zum Thema der sogenannten
Arbeitsemigration zu sagen. Sie ist eine schon von früher her bekannte
Erscheinung, die sich jedoch ständig aufs neue abspielt und auch heute
wieder beträchtliche Ausmaße annimmt durch die Komplikationen des
modernen Lebens. Der Mensch hat das Recht, seine Heimat aus verschiedenen
Gründen zu verlassen - wie auch dorthin zurückzukehren - und in einem
anderen Land bessere Lebensbedingungen zu suchen. Dies bringt zweifellos
Schwierigkeiten verschiedener Art mit sich; vor allem stellt es im
allgemeinen einen Verlust für das Land dar, aus dem man auswandert. Es
verliert einen Menschen, ein Mitglied der großen Gemeinschaft, die durch
Geschichte, Tradition und Kultur zusammengehalten wird; dieses Mitglied
beginnt ein Leben inmitten einer anderen Gesellschaft, welche durch eine
andere Kultur und meist auch durch eine andere Sprache geeint ist. Es geht
somit ein arbeitender Mensch verloren, der mit den Leistungen seines
Verstandes oder seiner Hände zur Steigerung des Gemeinwohls im eigenen
Lande hätte beitragen können; nun kommen dieser Beitrag und diese
Leistung einem anderen Land zugute, das in einem gewissen Sinne geringeres
Recht darauf hat als das Heimatland.
Gleichwohl ist die Emigration, wenn auch in mancher Hinsicht ein Übel, so
doch unter bestimmten Umständen ein, wie man sagt, notwendiges Übel. Man
muß darum alles daransetzen - und sicher geschieht bereits vieles zu
diesem Zweck -, daß dieses objektive Übel nicht größere Schäden in
moralischer Hinsicht mit sich bringt, ja daß es sogar so weit wie
möglich zu einem Vorteil für das persönliche, familiäre und soziale
Leben der Emigranten werde, und dies im Hinblick auf das Gastland wie auch
auf das Herkunftsland. In diesem Bereich hängt sehr viel von einer
gerechten Gesetzgebung ab, besonders wenn es um die Rechte des arbeitenden
Menschen geht. Ein solches Problem gehört darum selbstverständlich in
den Rahmen der vorliegenden Erwägungen, gerade wenn man es vom
angegebenen Standpunkt aus betrachtet.
Das Wichtigste ist, daß der Mensch, der als ständiger Emigrant oder auch
als Saisonarbeiter außerhalb seines Heimatlandes arbeitet, im Bereich der
Arbeitnehmerrechte gegenüber den anderen Arbeitern aus dem Gastland
selbst nicht benachteiligt wird. Die Arbeitsemigration darf in keiner
Weise eine Gelegenheit zu finanzieller oder sozialer Ausbeutung werden.
Hinsichtlich des Arbeitsverhältnisses müssen für den eingewanderten
Arbeitnehmer die gleichen Kriterien gelten wie für jeden anderen
Arbeitnehmer des betreffenden Landes. Der Wert der Arbeit muß mit dem
gleichen Maßstab gemessen werden und nicht nach der verschiedenen
Nationalität, Religion oder Rasse. Erst recht darf die Notlage, in der
ein Emigrant sich befindet, nicht ausgenützt werden. Alle diese Umstände
müssen - natürlich unter Berücksichtigung der jeweiligen Besonderheiten
- vor dem fundamentalen Wert der Arbeit zurückstehen, der mit der Würde
der menschlichen Person verbunden ist. Das grundlegende Prinzip sei hier
nochmals wiederholt: Die Rangordnung der Werte und der tiefere Sinn der
Arbeit fordern, daß das Kapital der Arbeit diene und nicht die Arbeit dem
Kapital.
V.
ELEMENTE FÜR EINE SPIRITUALITÄT DER ARBEIT
24. Eine besondere Aufgabe der Kirche
Der letzte Teil der vorliegenden Erwägungen zum Thema der menschlichen
Arbeit aus Anlaß des 90. Jahrestages der Enzyklika Rerum novarum sei der
Spiritualität der Arbeit im christlichen Sinne dieses Ausdrucks gewidmet.
Da die Arbeit in ihrer subjektiven Dimension immer ein personales Tun ist
- actus personae -, ist folglich an ihr der ganze Mensch beteiligt,
Körper und Geist, unabhängig davon, ob es sich um körperliche oder um
geistige Arbeit handelt. Dem ganzen Menschen gilt auch die Frohbotschaft
des Evangeliums, in der wir viele Aussagen finden, die ein besonderes
Licht auf die menschliche Arbeit werfen. Solche Aussagen erfordern aber
eine entsprechende Aneignung; sie verlangen ein inneres Bemühen des
menschlichen Geistes unter der Leitung von Glaube, Hoffnung und Liebe,
wenn sie der Arbeit des konkreten Menschen jene Bedeutung geben sollen,
die sie in den Augen Gottes hat und durch die sie zum Heilsgeschehen
gehört, unbeschadet ihrer weltlichen Struktur und Verpflechtung, die ihre
besondere Bedeutung behalten.
Wenn es die Kirche als ihre Pflicht erachtet, sich zur Arbeit unter dem
Gesichtspunkt ihres menschlichen Wertes und der moralischen Ordnung, zu
der sie gehört, zu äußern, und auch darin eine wichtige Aufgabe im
Rahmen ihres Dienstes an der gesamten Frohbotschaft sieht, so erblickt sie
gleichzeitig eine besondere Verpflichtung in der Herausbildung einer
Spiritualität der Arbeit, deren Sinn es ist, allen Menschen zu helfen,
durch die Arbeit Gott, dem Schöpfer und Erlöser, näherzukommen, an
seinem Heilsplan für Mensch und Welt mitzuwirken und in ihrem Leben die
Freundschaft mit Christus zu vertiefen und durch den Glauben lebendig
teilzunehmen an seiner dreifachen Mission als Priester, Prophet und
König, wie es das II. Vatikanische Konzil in herrlichen Wendungen
beschreibt.
25. Die Arbeit als Teilnahme am Werk des Schöpfers
»Eins steht für die Glaubenden fest«, so das II. Vatikanische Konzil,
»das persönliche und gemeinsame menschliche Schaffen, dieses gewaltige
Bemühen der Menschen im Ablauf der Jahrhunderte, ihre Lebensbedingungen
auf einen stets besseren Stand zu bringen, entspricht an und für sich der
Absicht Gottes. Der nach Gottes Bild geschaffene Mensch hat ja den Auftrag
erhalten, sich die Erde mit allem, was zu ihr gehört, zu unterwerfen und
die Welt in Heiligkeit und Gerechtigkeit zu regieren. Er soll ferner durch
die Anerkennung Gottes als des Schöpfers aller Dinge sich selbst und die
gesamte Wirklichkeit in Beziehung zu Gott bringen, so daß, nachdem alle
Dinge dem Menschen unterworfen sind, Gottes Name wunderbar sei auf der
ganzen Erde«.(27)
Im Wort der göttlichen Offenbarung ist diese fundamentale Wahrheit
zutiefst eingeprägt, daß der Mensch, als Abbild Gottes geschaffen, durch
seine Arbeit am Werk des Schöpfers teilnimmt und es im Rahmen seiner
menschlichen Möglichkeiten in gewissem Sinne weiterentwickelt und
vollendet, indem er unaufhörlich voranschreitet in der Entdeckung der
Schätze und Werte, welche die gesamte Schöpfung in sich birgt. Dieser
Wahrheit begegnen wir schon am Anfang der Heiligen Schrift, im Buch
Genesis, wo das Schöpfungswerk selbst in Form einer »Arbeit«
dargestellt wird, die Gott im Verlauf von »sechs Tagen«(28) verrichtet,
um am siebten Tag zu »ruhen«.(29) Und noch im letzten Buch der Heiligen
Schrift klingt die gleiche Ehrfurcht vor dem Werk an, das Gott durch seine
schöpferische »Arbeit« vollbracht hat, wenn es dort heißt: »Groß und
wunderbar sind deine Taten, Herr, Gott und Herrscher über die ganze
Schöpfung«(30) - die gleiche Ehrfurcht, die im Buch Genesis zum Ausdruck
kommt, wenn es die Beschreibung der einzelnen Schöpfungstage mit der
Feststellung beschließt: »Gott sah, daß es gut war«.(31)
Diese Beschreibung des Schöpfungswerkes, die wir bereits im ersten
Kapitel des Buches Genesis finden, ist zugleich in einem gewissen Sinne
das erste »Evangelium der Arbeit«; zeigt sie doch auf, worin deren
Würde besteht: sie lehrt, daß der Mensch durch seine Arbeit Gott, seinen
Schöpfer, nachahmen soll, da er - und nur er allein - mit dem Privileg
der Ebenbildlichkeit ausgestattet ist. Der Mensch soll Gott nachahmen
sowohl in der Arbeit als auch in der Ruhe, da Gott selbst ihm sein eigenes
schöpferisches Tun in der Form der Arbeit und der Ruhe vor Augen führen
wollte. Dieses Wirken Gottes in der Welt setzt sich unaufhörlich fort,
wie es die Worte Christi bezeugen: »Mein Vater ist noch immer am
Werk...«.(32) Er wirkt mit schöpferischer Kraft, indem er die Welt im
Sein erhält, die er aus dem Nichts ins Sein gerufen hat; er wirkt mit
heilbringender Kraft in den Herzen der Menschen, die er seit Anbeginn zur
»Ruhe«(33) bestimmt hat, bei ihm selbst, »im Haus des Vaters«.(34)
Daher erfordert die menschliche Arbeit auch die Ruhe - an jedem »siebten
Tag«.(35) Vor allem aber darf sie nicht bloß im äußerlichen Einsatz
der menschlichen Kräfte bestehen; sie muß im Inneren des Menschen einen
Freiraum lassen, wo der Mensch immer mehr das wird, was er dem Willen
Gottes entsprechend sein soll, und sich so auf jene »Ruhe«
vorbereitet,die der Herr seinen Dienern und Freunden bereithält.(36)
Das Bewußtsein von der menschlichen Arbeit als einer Teilnahme am Wirken
Gottes muß - wie das Konzil lehrt - auch »das gewöhnliche, alltägliche
Tun (durchdringen); denn Männer und Frauen, die beim Erwerb des
Lebensunterhalts für sich und ihre Familie ihre Tätigkeiten so ausüben,
daß sie ein sinnvoller Dienst für die Gesellschaft sind, dürfen mit
Recht überzeugt sein, daß sie durch ihre Arbeit das Werk des Schöpfers
weiterentwickeln, daß sie dem Wohl ihrer Brüder dienen und durch ihr
persönliches Bemühen zur geschichtlichen Erfüllung des göttlichen
Plans beitragen«.(37)
Es ist darum erforderlich, daß diese christliche Spiritualität der
Arbeit zum gemeinsamen Besitz aller wird. Vor allem heute muß aber die
Spiritualität der Arbeit von jener Reife geprägt sein, welche die
Spannungen und die Unruhe der Geister und Herzen verlangen: »Den Christen
liegt es deshalb fern zu glauben, daß die von des Menschen Geist und
Kraft geschaffenen Werke einen Gegensatz zu Gottes Macht bilden oder daß
dieses mit Vernunft begabte Geschöpf sozusagen als Rivale dem Schöpfer
gegenübertrete. Im Gegenteil, sie sind überzeugt, daß die Siege der
Menschheit ein Zeichen der Größe Gottes und die Frucht seines
unergründlichen Ratschlusses sind. Je mehr aber die Macht des Menschen
wächst, desto mehr weitet sich die Verantwortung der einzelnen wie der
Gemeinschaften aus. Daraus wird klar, daß die Menschen durch die
christliche Botschaft nicht vom Aufbau der Welt abgehalten noch zur
Vernachlässigung des Wohls ihrer Mitmenschen veranlaßt, sondern vielmehr
strenger zur Bewältigung dieser Aufgaben verpflichtet werden«.(38)
Das Bewußtsein des Menschen, durch die Arbeit am Schöpfungswerk
teilzunehmen, bildet für ihn den tiefsten Beweggrund, sie in den
verschiedenen Bereichen auf sich zu nehmen: »Die Gläubigen müssen
also«, so lesen wir in der Konstitution Lumen gentium, »die innerste
Natur der ganzen Schöpfung, ihren Wert und ihre Hinordnung auf das Lob
Gottes anerkennen. Sie müssen auch durch das weltliche Wirken sich
gegenseitig zu einem heiligeren Leben verhelfen. So soll die Welt vom
Geist Christi erfüllt werden und in Gerechtigkeit, Liebe und Frieden ihr
Ziel wirksamer erreichen... Sie sollen also durch ihre Zuständigkeit in
den profanen Bereichen und durch ihre innerlich von der Gnade Christi
erhöhte Tätigkeit einen gültigen Beitrag leisten, daß die geschaffenen
Güter gemäß der Ordnung des Schöpfers und im Lichte seines Wortes
durch menschliche Arbeit, Technik, Zivilisation und Kultur...
entwickelt... werden«.(39)
26. Christus, ein Mann der Arbeit
Die Wahrheit, daß der Mensch durch die Arbeit am Wirken Gottes, seines
Schöpfers, teilnimmt, hat besonders eindringlich Jesus Christus ins Licht
gerückt - Jesus, über den viele seiner ersten Zuhörer in Nazaret
staunten und sagten: »Woher hat er das alles? Was ist das für eine
Weisheit, die ihm gegeben ist?... Ist das nicht der Zimmermann?«.(40) Das
ihm anvertraute »Evangelium«, das Wort der ewigen Weisheit, hat Jesus
nicht nur verkündet, sondern vor allem durch sein Werk vollbracht. Daher
war dieses Evangelium auch ein »Evangelium der Arbeit«, weil der, der es
verkündete, selbst ein Mann der Arbeit war, der handwerklichen Arbeit,
wie Josef von Nazaret.(41) Wenn wir auch in seinen Worten keine besondere
Ermahnung zur Arbeit finden, sondern einmal sogar ein Verbot
übertriebener Sorge um Arbeit und Unterhalt,(42) so ist doch die Sprache
des Lebens Christi selbst eindeutig: Er gehört zur »Welt der Arbeit«,
anerkennt und achtet die menschliche Arbeit. Man kann sogar sagen: Er
schaut mit Liebe auf die Arbeit und ihre verschiedenen Formen, deren jede
ihm ein besonderer Zug in der Ähnlichkeit des Menschen mit Gott, dem
Schöpfer und Vater, ist. Hat er nicht gesagt: »... mein Vater ist ein
Winzer«,(43) hat er nicht auf verschiedene Weise jene grundlegende
Wahrheit über die Arbeit in seine Lehre übernommen, die schon in der
ganzen Tradition des Alten Testamentes, vom Buch Genesis an, zum Ausdruck
kommt?
In den Büchern des Alten Testaments fehlt es nicht an zahlreichen
Hinweisen auf die menschliche Arbeit, auf die verschiedenen Berufe des
Menschen: so auf den Arzt,(44) den Apotheker,(45) den Kunsthandwerker,(46)
den Schmied(47) - man könnte diese Worte auf die Tätigkeit des
Metallarbeiters von heute beziehen -, auf den Töpfer,(48) den
Landwirt,(49) den Gelehrten,(50) den Seefahrer,(51) den Bauarbeiter,(52)
den Musiker,(53) den Hirten,(54) den Fischer.(55) Bekannt sind die
schönen Worte über die Arbeit der Frauen.(56) Jesus Christus bezieht
sich in seinen Gleichnissen über das Reich Gottes ständig auf die
menschliche Arbeit: auf die des Hirten,(57) des Landwirts,(58) des
Arztes,(59) des Sämanns,(60) des Hausherrn,(61) des Dieners,(62) des
Verwalters,(63) des Fischers,(64) des Händlers,(65) des
Landarbeiters.(66) Er spricht auch von den verschiedenen Arbeiten der
Frauen.(67) Er vergleicht das Apostolat mit der körperlichen Arbeit der
Ernte(68) oder des Fischfangs.(69) Auch auf die Arbeit der Gelehrten
bezieht er sich.(70)
Diese Lehre Christi über die Arbeit, deren Grundlage das Beispiel seines
eigenen Lebens während der Jahre in Nazaret ist, findet in der Lehre des
Apostels Paulus ein besonders lebendiges Echo. Paulus rühmte sich seiner
Berufsarbeit - wahrscheinlich war er Zeltmacher(71) -, und dank dieser
Tätigkeit konnte er sich auch als Apostel sein Brot selbst verdienen.(72)
»Wir haben uns gemüht und geplagt, Tag und Nacht haben wir gearbeitet,
um keinem von euch zur Last zu fallen«.(73) Dies ist die Quelle seiner
Anweisungen zum Thema der Arbeit; sie haben ermahnenden und fordernden
Charakter: »Wir ermahnen sie und gebieten ihnen im Namen Jesu Christi,
des Herrn, in Ruhe ihrer Arbeit nachzugehen und ihr selbstverdientes Brot
zu essen«, schreibt er an die Thessalonicher.(74) Im Zusammenhang mit der
Feststellung, daß einige von ihnen »ein unordentliches Leben führen...,
nur nicht arbeiten«,(75) sagt der Apostel auch ohne Bedenken: »Wer nicht
arbeiten will, soll auch nicht essen«.(76) An einer anderen Stelle macht
er Mut: »Tut eure Arbeit gern, als wäre sie für den Herrn und nicht
für Menschen; ihr wißt, daß ihr vom Herrn euer Erbe als Lohn empfangen
werdet«.(77)
Wie man sieht, nehmen die Weisungen des Völkerapostels für die Moral und
Spiritualität der menschlichen Arbeit eine Schlüsselstellung ein. Sie
sind eine wichtige Ergänzung dieses großen, wenn auch diskreten
Evangeliums der Arbeit, das wir in Christi Leben und Gleichnissen finden,
in dem, »was Jesus getan und gelehrt hat«.(78)
Erleuchtet von dieser Urquelle, hat die Kirche immer verkündet, was
seinen modernen Ausdruck in der Weisung des II. Vatikanischen Konzils
gefunden hat: »So wie das menschliche Schaffen aus dem Menschen
hervorgeht, so ist es auch auf den Menschen hingeordnet. Wenn nämlich der
Mensch wirkt, formt er nicht nur die Dinge und die Gesellschaft um,
sondern vollendet auch sich selbst. Er lernt vieles, entwickelt seine
Fähigkeiten, überschreitet sich selbst und wächst über sich hinaus.
Solches Wachstum ist, richtig verstanden, mehr wert als äußerer
Reichtum, der angesammelt werden kann... Richtschnur für das menschliche
Schaffen ist daher, daß es gemäß dem Plan und Willen Gottes mit dem
echten Wohl der Menschheit übereinstimme und dem Menschen als Einzelwesen
und als Glied der Gesellschaft die Entfaltung und Erfüllung seiner vollen
Berufung gestatte«.(79)
Im Licht einer solchen Auffassung von den Werten menschlicher Arbeit,
einer solchen Spiritualität der Arbeit, erklärt sich vollauf das, was
wir an der gleichen Stelle der Pastoralkonstitution des Konzils zum Thema
der rechten Bedeutung des Fortschritts lesen: »Der Mensch ist mehr wert
durch das, was er ist, als durch das, was er hat. Ebenso hat alles, was
die Menschen zur Erreichung einer größeren Gerechtigkeit, einer
umfassenderen Brüderlichkeit und einer humaneren Ordnung der sozialen
Beziehungen tun, größeren Wert als technische Fortschritte. Diese
Fortschritte können zwar gleichsam das Material für den menschlichen
Aufstieg bieten, doch den Aufstieg selbst werden sie durch sich allein
keineswegs zustandebringen«.(80)
Diese Lehraussage zum Problem des Fortschritts und der Entwicklung - ein
im modernen Denken so beherrschendes Thema - kann nur als Frucht einer
erprobten Spiritualität der menschlichen Arbeit verstanden werden, und
nur auf der Grundlage einer solchen Spiritualität kann sie verwirklicht
und in konkrete Praxis umgesetzt werden. Das also ist die Lehre und das
Programm, die aus dem »Evangelium der Arbeit« erwachsen.
27. Die menschliche Arbeit im Licht von Christi Kreuz und Auferstehung
Noch ein Aspekt der menschlichen Arbeit, eine ihrer wesentlichen
Dimensionen, wird von der Spiritualität aus dem Evangelium tief
durchdrungen. Jede Arbeit - ob körperlich oder geistig - ist
unvermeidlich mit Mühen verbunden. Das Buch Genesis bringt dies in
wirklich eindringlicher Weise zum Ausdruck, indem es der ursprünglichen
Segnung der Arbeit, die im Schöpfungsgeheimnis enthalten und mit der
Erhöhung des Menschen zum Abbild Gottes verbunden ist, den Fluch
entgegenstellt, den die Sünde mit sich gebracht hat: »So ist verflucht
der Ackerboden deinetwegen. Unter Mühsal wirst du von ihm essen alle Tage
deines Lebens«.(81) Diese mit der Arbeit verbundene Mühsal kennzeichnet
den Weg des menschlichen Lebens auf Erden und stellt eine Ankündigung des
Todes dar: »Mit Schweiß im Gesicht wirst du dein Brot essen, bis du
zurückkehrst zum Ackerboden. Von ihm bist du ja genommen«.(82) Fast wie
ein Echo auf diese Worte klingen jene aus den Weisheitsbüchern: »Dann
dachte ich nach über alle meine Werke, die meine Hände vollbracht, und
über die Mühe, mit der ich mich plagte, um sie zu vollbringen«.(83) Es
gibt wohl keinen Menschen auf Erden, der nicht in diesen Worten sich
selbst erkennen könnte.
Das Evangelium spricht gewissermaßen sein letztes Wort auch zu dieser
Frage im Paschageheimnis Jesu Christi aus. Dort muß man die Antwort auf
diese für die Spiritualität der menschlichen Arbeit so gewichtigen
Probleme suchen. Das Paschageheimnis umschließt das Kreuz Christi, seinen
Gehorsam bis zum Tod, den der Apostel jenem Ungehorsam entgegenstellt, der
seit Anbeginn über der Geschichte des Menschen auf Erden lastete.(84)
Dieses Geheimnis umfaßt auch die Erhöhung Christi, der durch den
Kreuzestod hindurch mit der Kraft des Heiligen Geistes in der Auferstehung
zu seinen Jüngern zurückkehrt.
Schweiß und Mühsal, welche die Arbeit in der gegenwärtigen
Heilssituation der Menschheit notwendigerweise mit sich bringt, bieten dem
Christen und jedem Menschen, der zur Nachfolge Christi berufen ist, die
Möglichkeit zur liebenden Teilnahme an jenem Werk, für das Christus
gekommen ist.(85) Dieses Heilswerk wurde durch Leid und Kreuzestod
vollzogen. Indem der Mensch die Mühsal der Arbeit in Einheit mit dem für
uns gekreuzigten Herrn erträgt, wirkt er mit dem Gottessohn an der
Erlösung der Menschheit auf seine Weise mit. Er erweist sich als wahrer
Jünger Christi, wenn auch er Tag für Tag bei der ihm aufgegebenen
Tätigkeit sein Kreuz auf sich nimmt.(86)
Christus erduldete »für uns alle, die wir Sünder sind, ... den Tod, und
belehrt uns so durch sein Beispiel, daß auch das Kreuz getragen werden
muß, das Fleisch und Welt denen auf die Schultern legen, die Frieden und
Gerechtigkeit suchen«. Zugleich jedoch »durch seine Auferstehung zum
Herrn eingesetzt, wirkt Christus, dem alle Gewalt im Himmel und auf Erden
gegeben ist, durch die Kraft seines Geistes bereits in den Herzen der
Menschen... (und) beseelt, reinigt und stärkt auch jenes hochherzige
Streben, mit dem die Menschheitsfamilie sich bemüht, ihr eigenes Leben
menschlicher zu gestalten und die ganze Erde diesem Ziel dienstbar zu
machen«.(87)
In der menschlichen Arbeit findet der Christ einen kleinen Teil des
Kreuzes Christi und nimmt ihn mit der gleichen Erlösergesinnung auf sich,
mit der Christus für uns sein Kreuz auf sich genommen hat. In der Arbeit
entdecken wir immer, dank des Lichtes, das uns von der Auferstehung
Christi her durchdringt, einen Schimmer des neuen Lebens und des neuen
Gutes, gleichsam eine Ankündigung des »neuen Himmels und der neuen
Erde«,(88) die gerade durch die Mühsal der Arbeit hindurch dem Menschen
und der Welt zuteil werden: durch die Mühsal - und nie ohne sie. So
bestätigt sich einerseits die Unausweichlichkeit des Kreuzes in der
Spiritualität der menschlichen Arbeit; andererseits enthüllt sich
bereits in diesem Mühsal-Kreuz ein neues Gut, das von der Arbeit ausgeht:
von der Arbeit, verstanden in der Tiefe und Fülle ihrer Bedeutung - und
nie ohne die Arbeit.
Ist dieses neue Gut - eine Frucht der menschlichen Arbeit - schon ein
kleiner Teil jener »neuen Erde«, wo die Gerechtigkeit wohnt?(89) In
welchem Verhältnis steht es zur Auferstehung Christi, wenn die
vielfältige Mühsal der menschlichen Arbeit tatsächlich ein kleiner Teil
des Kreuzes Christi ist? Auch darauf sucht das Konzil eine Antwort zu
geben, wobei es sein Licht von der Quelle des geoffenbarten Wortes selbst
bezieht: »Gewiß, wir werden gemahnt, daß es dem Menschen nichts nützt,
wenn er die ganze Welt gewinnt, sich selbst jedoch dabei verliert (vgl. Lk
9, 25). Trotzdem darf die Erwartung einer neuen Erde die Sorge für die
Gestaltung dieser Erde, auf der sich der wachsende Leib der neuen
Menschheitsfamilie wie ein erster Umriß der zukünftigen Welt darbietet,
nicht abschwächen, sondern sollte sie im Gegenteil ermutigen. Obschon der
irdische Fortschritt vom Wachsen des Reiches Christi sorgsam zu
unterscheiden ist, so hat er doch große Bedeutung für das Reich Gottes,
insofern er zu einer besseren Ordnung der menschlichen Gesellschaft
beitragen kann«.(90)
Wir haben versucht, in den vorliegenden Erwägungen über die menschliche
Arbeit all das hervorzuheben, was unerläßlich für die Überlegung
erschien, daß sich durch die Arbeit unter den »Früchten unseres
Fleißes« vor allem »die Güter der menschlichen Würde, der
brüderlichen Gemeinschaft und der Freiheit«(91) mehren sollen. Der
Christ, der auf das Wort des lebendigen Gottes hört und die Arbeit mit
dem Gebet verbindet, soll wissen, welcher Platz seiner Arbeit zukommt,
nicht nur im irdischen Fortschritt, sondern auch bei der Entfaltung des
Reiches Gottes, in das wir alle berufen sind durch die Kraft des Heiligen
Geistes und das Wort des Evangeliums.
Gerne erteile ich zum Abschluß dieser Überlegungen Euch allen, verehrte
Brüder, geliebte Söhne und Töchter, den Apostolischen Segen.
Dieses Dokument, das ich für eine Veröffentlichung am 15. Mai dieses
Jahres, dem neunzigsten Jahrestag der Enzyklika Rerum novarum, vorbereitet
hatte, konnte ich erst nach meinem Krankenhausaufenthalt endgültig
verabschieden.
Gegeben in Castel Gandolfo, am 14. September, dem Fest Kreuzerhöhung,
im Jahre 1981, dem dritten meines Pontifikates.
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