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ENZYKLIKA
LABOREM EXERCENS
VON PAPST
JOHANNES PAUL II
AN DIE
VEREHRTEN BRÜDER IM BISCHOFSAMT
DIE PRIESTER UND ORDENSLEUTE
DIE SÖHNE UND TÖCHTER DER KIRCHE
UND AN ALLE MENSCHEN GUTEN WILLENS
ÜBER DIE MENSCHLICHE ARBEIT
ZUM NEUNZIGSTEN JAHRESTAG
DER ENZYKLIKA "RERUM NOVARUM"
| Einführung |
I
Einführung |
| Kapitel
1 |
II Die Arbeit und der Mensch |
| Kapitel
2 |
Der Konflikt zwischen Arbeit und Kapital im
gegenwärtigen Abschnitt der Geschichte |
| Kapitel
3 |
IV Die Rechte des arbeitenden Menschen |
| Kapitel
4 |
V Elemente für eine Spiritualität der Arbeit |
Verehrte Mitbrüder im Bischofsamt, liebe Söhne und Töchter!
Gruß und Apostolischen Segen!
DURCH ARBEIT muß sich der Mensch sein tägliches Brot besorgen,(1) und
nur so kann er beständig zum Fortschritt von Wissenschaft und Technik
sowie zur kulturellen und moralischen Hebung der Gesellschaft beitragen,
in Lebensgemeinschaft mit seinen Brüdern und Schwestern. Hier geht es um
jede Arbeit, die der Mensch verrichtet, unabhängig von ihrer Art und den
Umständen; gemeint ist jedes menschliche Tun, das man unter der reichen
Vielfalt der Tätigkeiten, deren der Mensch fähig ist und zu denen ihn
seine Natur, sein Menschsein, disponiert, als Arbeit anerkennen kann und
muß. Nach Gottes Bild und Gleichnis(2) inmitten des sichtbaren Universums
geschaffen und dorthingestellt, damit er die Erde sich untertan mache,(3)
ist der Mensch daher seit dem Anfang zur Arbeit berufen. Die Arbeit ist
eines der Kennzeichen, die den Menschen von den anderen Geschöpfen
unterscheiden, deren mit der Erhaltung des Lebens verbundene Tätigkeit
man nicht als Arbeit bezeichnen kann; nur der Mensch ist zur Arbeit
befähigt, nur er verrichtet sie, wobei er gleichzeitig seine irdische
Existenz mit ihr ausfüllt. Die Arbeit trägt somit ein besonderes Merkmal
des Menschen und der Menschheit, das Merkmal der Person, die in einer
Gemeinschaft von Personen wirkt; dieses Merkmal bestimmt ihre innere
Qualität und macht in gewisser Hinsicht ihr Wesen aus.
I. EINFÜHRUNG
1. Die menschliche Arbeit 90 Jahre nach »Rerum novarum«
Da es am 15. Mai dieses Jahres neunzig Jahre waren, seitdem Leo XIII., der
große Papst der »Sozialen Frage«, jene entscheidende Enzyklika
veröffentlicht hat, die mit den Worten »Rerum novarum« beginnt, möchte
ich das vorliegende Dokument der menschlichen Arbeit widmen, ja eigentlich
dem Menschen im weitgespannten Rahmen jener Wirklichkeit, die die Welt der
Arbeit darstellt. Wenn - wie ich in der Enzyklika Redemptor hominis sagte,
die ich zu Beginn meines Dienstes auf dem römischen Stuhl Petri
veröffentlicht habe - der Mensch »der erste und grundlegende Weg der
Kirche ist«,(4) und das aufgrund des unerforschlichen Geheimnisses der
Erlösung in Christus, dann ist es notwendig, ständig auf diesen Weg
zurückzukehren und ihm immer wieder aufs neue zu folgen unter den
verschiedenen Aspekten, in denen er uns den ganzen Reichtum und zugleich
die ganze Mühsal der menschlichen Existenz auf Erden offenbart.
Die Arbeit ist einer dieser Aspekte, zeitlos und grundlegend, immer
aktuell, immer neue Aufmerksamkeit und entschiedenes Zeugnis fordernd. Da
unablässig neue Fragen und Probleme auftreten, entstehen immer neue
Erwartungen, aber auch Ängste und Bedrohungen, welche mit dieser
grundlegenden Dimension menschlicher Existenz verbunden sind, die Tag für
Tag das Leben des Menschen aufbaut, aus der es die ihm eigene Würde
bezieht, die aber gleichzeitig das nie fehlende Maß menschlicher Mühen,
des Leidens und auch der Benachteiligung und Ungerechtigkeit in sich
trägt, welche das gesellschaftliche Leben innerhalb der einzelnen
Nationen und auf internationaler Ebene zutiefst durchdringen. Wenn es
zutrifft, daß sich der Mensch von dem Brot ernährt, das er der Arbeit
seiner Hände verdankt,(5) und zwar nicht nur von jenem Brot, das seinen
Leib am Leben hält, sondern auch von dem Brot der Wissenschaft und des
Fortschritts, der Zivilisation und der Kultur, dann trifft ebenso für
alle Zeiten zu, daß er sich von diesem Brot im Schweiße seines
Angesichts(6) ernährt, das heißt nicht nur mit persönlicher Mühe und
Anstrengung, sondern auch inmitten zahlreicher Spannungen, Konflikte und
Krisen, die im Zusammenhang mit der Wirklichkeit der Arbeit das Leben der
einzelnen Völker und auch der gesamten Menschheit erschüttern.
Wir feiern den 90. Jahrestag der Enzyklika Rerum novarum am Vorabend neuer
Entwicklungen in den Bereichen der Technologie, der Wirtschaft und der
Politik, die nach dem Urteil vieler Fachleute auf die Welt der Arbeit und
der Produktion ebenso starke Auswirkungen haben werden wie die
industrielle Revolution des vorigen Jahrhunderts. Es handelt sich dabei um
mehrere Faktoren von allgemeiner Bedeutung: die generelle Einführung der
Automatisierung in vielen Zweigen der Produktion; die wachsenden Kosten
von Energie und Rohstoffen; das steigende Wissen um die Begrenztheit der
Natur und deren untragbare Verschmutzung; das Eintreten von Völkern in
das politische Leben, die jahrhundertelang unterworfen waren und nun den
ihnen gebührenden Platz unter den Nationen und bei Entscheidungen von
internationaler Tragweite fordern. Diese neuen Bedingungen und
Anforderungen werden eine Neuordnung und Revision der heutigen
Wirtschaftsstrukturen und der Verteilung der Arbeit notwendig machen.
Derartige Änderungen können leider für Millionen qualifizierter
Arbeiter zumindest zeitweilig Arbeitslosigkeit bedeuten oder eine
Umschulung erforderlich machen; sie bringen sehr wahrscheinlich für die
stärker entwickelten Länder eine Verringerung oder ein langsameres
Wachstum des materiellen Wohlstandes mit sich, können aber andererseits
den Millionen von Menschen, die heute noch in schmachvollem und
unwürdigem Elend leben, Erleichterung und Hoffnung bringen. Die
wissenschaftliche Analyse der eventuellen Auswirkungen solcher Änderungen
auf das menschliche Zusammenleben ist nicht Aufgabe der Kirche. Wohl aber
hält es die Kirche für ihre Aufgabe, immer wieder auf die Würde und die
Rechte der arbeitenden Menschen hinzuweisen und die Situationen
anzuprangern, in denen diese Würde und diese Rechte verletzt werden, und
auch ihren Teil dazu beizutragen, diesen Änderungen eine solche Richtung
zu geben, daß dabei ein echter Fortschritt für den Menschen und die
Gesellschaft entsteht.
2. Die Arbeit in der organischen Entwicklung der sozialen Aktion und Lehre
der Kirche
Die Arbeit als Problem des Menschen steht eindeutig im Mittelpunkt jener
»Sozialen Frage«, der in den fast hundert Jahren seit der
Veröffentlichung der genannten Enzyklika die Lehre der Kirche und die
vielfältigen Initiativen in besonderer Weise galten, die mit ihrer
apostolischen Sendung im Zusammenhang stehen. Auf dieses Problem der
Arbeit möchte ich die vorliegenden Erwägungen konzentrieren, und das auf
eine Weise, die sich nicht etwa vom Bisherigen absetzt, sondern organisch
an die Tradition dieser Lehre und dieser Initiativen anknüpft.
Gleichzeitig halte ich mich dabei an den Rat des Evangeliums, um aus
seinem Reichtum Altes und Neues hervorzuholen. (7) Die Arbeit ist sicher
etwas »Altes«, so alt wie der Mensch und sein Leben auf der Erde. Die
allgemeine Situation des Menschen in der heutigen Welt, wie sie im Lichte
der verschiedenen geographischen, kulturellen und zivilisatorischen
Gesichtspunkte beurteilt wird, erfordert jedoch die Entdeckung der neuen
Bedeutungsgehalte der menschlichen Arbeit wie auch die Formulierung der
neuen Aufgaben, die auf diesem Gebiet jedem Menschen, der Familie, den
einzelnen Nationen, der ganzen Menschheit und schließlich auch der Kirche
gestellt sind.
Im Verlauf der Jahre seit der Veröffentlichung der Enzyklika Rerum
novarum hat die soziale Frage unablässig die Aufmerksamkeit der Kirche
auf sich gezogen. Das bezeugen die zahlreichen Aussagen des obersten
Lehramtes sowohl der Päpste wie auch des II. Vatikanischen Konzils; das
bezeugen die Verlautbarungen der einzelnen Episkopate; das bezeugt ferner
die Tätigkeit der verschiedenen Zentren für Studien und für konkrete
kirchliche Maßnahmen auf internationaler Ebene wie im Bereich der
Ortskirchen. Es wäre schwierig, hier im einzelnen alle Zeugnisse des
lebendigen Einsatzes der Kirche und der Gläubigen auf dem Gebiet der
sozialen Frage aufzuzählen, da diese überaus zahlreich sind. Als eine
Frucht des letzten Konzils wurde die Päpstliche Kommission »Iustitia et
Pax«, für »Gerechtigkeit und Frieden«, zum wichtigsten
Koordinierungszentrum auf diesem Gebiet; ihr entsprechen ähnliche Organe
im Rahmen der einzelnen Bischofskonferenzen. Der Name dieses Gremiums ist
sehr bedeutsam. Er bringt zum Ausdruck, daß die soziale Frage in ihrer
gesamten, vielschichtigen Dimension behandelt werden muß. Der Einsatz
für die Gerechtigkeit muß in engster Verbindung mit dem Einsatz für den
Frieden in der heutigen Welt stehen. Sicher hat die schmerzliche Erfahrung
der beiden großen Weltkriege, die in den letzten 90 Jahren viele Länder
Europas und zum Teil auch anderer Kontinente erschüttert haben, für
diese doppelte Zielsetzung gesprochen. Für sie spricht - besonders seit
dem Ende des Zweiten Weltkrieges - die andauernde Gefahr eines Atomkrieges
und die erschreckende Möglichkeit einer Selbstvernichtung, die sich
daraus ergibt.
Wenn wir die Hauptentwicklungslinie der Dokumente des obersten Lehramtes
der Kirche verfolgen, finden wir in ihnen die ausdrückliche Bestätigung
gerade dieses Problemansatzes. Die Schlüsselstellung hinsichtlich des
Weltfriedens nimmt die Enzyklika Pacem in terris Johannes' XXIII. ein.
Schaut man jedoch auf die Entwicklung des Problems der sozialen
Gerechtigkeit, so muß man feststellen, daß sich die Lehrtätigkeit der
Kirche in der Zeit zwischen den Enzykliken Rerum novarum und Quadragesimo
anno von Pius XI. zunächst vor allem auf die gerechte Lösung der
sogenannten Arbeiterfrage im Rahmen der einzelnen Nationen konzentriert,
dann aber ihre Blickrichtung auf die ganze Welt ausweitet. Die
unausgeglichene Verteilung von Reichtum und Elend, der Unterschied
zwischen entwickelten und nicht entwickelten Ländern und Kontinenten
fordern eine Angleichung und eine Suche nach Wegen für die gerechte
Entwicklung aller. In diese Richtung geht die Lehre der Enzyklika Mater et
magistra Johannes' XXIII., der Pastoralkonstitution Gaudium et spes des
II. Vatikanischen Konzils und der Enzyklika Populorum progressio Pauls VI.
Diese Richtung in der Entwicklung der Lehre und des Einsatzes der Kirche
in der sozialen Frage entspricht genau der objektiven Beurteilung der
jeweiligen Sachlage. Rückte man früher in dieser Frage vor allem das
Problem der »Klasse« in den Mittelpunkt, so ist in neuerer Zeit das
Problem »der Welt« in den Vordergrund getreten. Es wird also jetzt nicht
nur der Bereich der Klasse beachtet, sondern der weltweite Bereich der
Unausgeglichenheiten und Ungerechtigkeiten und infolgedessen die breite
Dimension der Aufgaben auf dem Weg zur Gerechtigkeit in der Welt von
heute. Die umfassende Analyse der Lage der heutigen Welt hat noch tiefer
und vollständiger die Bedeutung der vorhergehenden Analysen der sozialen
Ungerechtigkeiten gezeigt; und diese Bedeutung muß man heute all jenen
Bemühungen zugrundelegen, deren Ziel der Aufbau der Gerechtigkeit auf
Erden ist, wobei man die ungerechten Strukturen nicht etwa verbirgt, wohl
aber ihre Untersuchung und ihre Überwindung in eine universale Dimension
stellt.
3. Das Problem der Arbeit - Schlüssel der sozialen Frage
Inmitten all dieser Prozesse - sowohl der Diagnose der objektiven sozialen
Wirklichkeit als auch der Lehre der Kirche im Bereich der vielschichtigen
und vielfältigen sozialen Frage - scheint das Problem der menschlichen
Arbeit natürlich oft auf. Es ist gewissermaßen ein durchgehendes Element
des sozialen Lebens wie auch der kirchlichen Lehre. Deren Interesse für
dieses Problem reicht übrigens weit über die letzten 90 Jahre zurück.
Die Soziallehre der Kirche sieht ja ihre Quelle schon in der Heiligen
Schrift selbst, angefangen vom Buch Genesis und dann besonders in den
Evangelien und den Apostelschriften. Diese Lehre gehört von Anfang an zur
Unterweisung der Kirche, zu ihrer Auffassung vom Menschen und vom sozialen
Zusammenleben, und ist im einzelnen ein Teil der Morallehre vom Menschen
als Gemeinschaftswesen, wie sie nach den Erfordernissen der verschiedenen
Epochen erarbeitet worden ist. Dieser Schatz der Tradition wurde dann von
der Unterweisung der Päpste zur »Sozialen Frage« übernommen und
weiterentwickelt, beginnend mit der Enzyklika Rerum novarum. Im
Zusammenhang dieser Frage ist auch das Problem der Arbeit immer wieder neu
und tiefer gesehen worden, wobei es jedoch stets jene grundlegenden
christlichen Wahrheiten beibehalten hat, die wir zeitlos nennen können.
Wenn wir im vorliegenden Dokument wiederum auf dieses Problem
zurückkommen - ohne allerdings vorzuhaben, alle diesbezüglichen
Gesichtspunkte zu berühren -, dann nicht so sehr in der Absicht, die
bisherigen Aussagen des kirchlichen Lehramtes aufzugreifen und zu
wiederholen. Vielmehr geht es darum, vielleicht mehr als bisher
herauszustellen, daß die menschliche Arbeit ein Schlüssel und wohl der
wesentliche Schlüssel in der gesamten sozialen Frage ist, wenn wir sie
wirklich vom Standpunkt des Wohls für den Menschen betrachten wollen.
Wenn die Lösung oder vielmehr die allmähliche Lösung der sozialen
Frage, die sich immer neu stellt und immer komplizierter wird, darauf
abzielen soll, das menschliche Leben menschlicher zu machen,(8) dann
bekommt gerade dieser Schlüssel, die menschliche Arbeit, eine
grundlegende und entscheidende Bedeutung.
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