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ENZYKLIKA
REDEMPTOR HOMINIS
SEINER HEILIGKEIT
PAPST JOHANNES PAUL II
AN DIE
VEREHRTEN MITBRÜDER IM BISCHOFSAMT,
DIE PRIESTER UND ORDENSLEUTE,
DIE SÖHNE UND TÖCHTER DER KIRCHE
UND AN ALLE MENSCHEN GUTEN WILLENS
ZUM BEGINN SEINES PÄPSTLICHEN AMTES
Verehrte Mitbrüder im Bischofsamt,
Liebe Söhne und Töchter!
Gruss und Apostolischen Segen!
I. DAS ERBE
1. Am Ende des zweiten Jahrtausends
DER ERLÖSER DES MENSCHEN, Jesus Christus, ist die Mitte des Kosmos und
der Geschichte. Zu ihm wenden sich mein Denken und Fühlen in dieser
feierlichen geschichtlichen Stunde, die die Kirche und die ganze
Menschheitsfamilie heute durchleben. Tatsächlich stehen wir jetzt schon
nahe am Jahr 2000, da Gott in seinem unerforschlichen Ratschluß mir als
Nachfolger des geliebten Papstes Johannes Paul I. das Amt zum Dienst der
ganzen Kirche übertragen hat, das mit der Kathedra des Petrus in Rom
verbunden ist. Es fällt schwer, in diesem Augenblick zu sagen, welche
Bedeutung jenes Jahr im Ablauf der Menschheitsgeschichte haben wird und
wie es für die einzelnen Völker, Nationen, Länder und Kontinente
ausfallen wird, wenn man auch bereits heute versucht, einige Ereignisse
vorauszusehen. Für die Kirche und für das Volk Gottes, das sich - wenn
auch nicht gleichmäßig - bis zu den Enden der Erde ausgebreitet hat,
wird jenes Jahr ein wichtiges Jubiläum darstellen. Wir nähern uns dem
Datum, das uns - bei aller Beachtung der Korrekturen durch größere
chronologische Genauigkeit - die Kernwahrheit unseres Glaubens in
Erinnerung ruft und in besonderer Weise wieder bewußt macht, die der hl.
Johannes am Anfang seines Evangeliums ausgedrückt hat: »Das Wort ist
Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt«(1) und an anderer Stelle: »Gott
hat die Welt so geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder,
der an ihn glaubt, nicht verlorengeht, sondern das ewige Leben hat«.(2)
Wir befinden uns in gewisser Weise in der Zeit eines neuen Advents, in
einer Zeit der Erwartung. »Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott
einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten; in dieser Endzeit hat
er zu uns gesprochen durch den Sohn...«,(3) durch das ewiggezeugte Wort,
das Mensch geworden und von der Jungfrau Maria geboren worden ist. In
dieser Heilstat hat die Geschichte des Menschen, so wie sie in der Liebe
Gottes geplant ist, ihren Höhepunkt erreicht. Gott ist in die
Menschheitsgeschichte eingetreten; als Mensch ist er Subjekt dieser
Geschichte geworden, einer von Milliarden und gleichzeitig dieser eine!
Durch die Menschwerdung hat Gott dem menschlichen Leben jene Dimension
gegeben, die er ihm von Anfang an zugedacht hat. Er hat dies auf eine so
endgültige Weise getan, wie es nur ihm möglich ist: als Frucht seiner
ewigen Liebe und seiner Barmherzigkeit, seiner vollen göttlichen Freiheit
und einer solchen Freigebigkeit, daß es angesichts der Erbschuld und der
langen Geschichte der Sünde in der Menschheit, angesichts der Irrtümer
unseres Verstandes, der Verirrungen unseres Willens und Herzens möglich
ist, staunend die Worte der hl. Liturgie zu wiederholen: »O glückliche
Schuld, welch großen Erlöser hast du gefunden«!(4)
2. Die ersten Worte des neuen Pontifikates
Am 16. Oktober des vergangenen Jahres habe ich mich mit ganzer Seele
Christus, dem Erlöser, zugewandt, als mir nach der rechtmäßig erfolgten
Wahl die Frage gestellt wurde: »Nimmst du an?«. Damals antwortete ich:
»Im Glaubensgehorsam gegenüber Christus, meinem Herrn, und im Vertrauen
auf die Mutter Christi und seiner Kirche nehme ich ungeachtet der großen
Schwierigkeiten an«. Diese meine Antwort möchte ich heute allen ohne
Ausnahme öffentlich bekanntgeben und so bezeugen, daß mit dieser ersten
und grundlegenden Wahrheit der Menschwerdung, die dort erwähnt wird,
gerade jener Dienst verbunden ist, der nach der Annahme der Wahl zum
Bischof von Rom und zum Nachfolger des Apostels Petrus meine besondere
Aufgabe auf diesem Bischofssitz geworden ist.
Ich habe dieselben Namen gewählt wie mein hochverehrter Vorgänger
Johannes Paul I. Als er am 26. August 1978 dem Kardinalskollegium erklärte,
sich Johannes Paul nennen zu wollen - ein Doppelname, wie er in der
Papstgeschichte noch nicht vorgekommen war -, habe ich darin schon ein
deutliches Vorzeichen des Segens Gottes für das neue Pontifikat gesehen.
Weil dieses aber nur 33 Tage gedauert hat, kommt es mir jetzt zu, es nicht
nur fortzusetzen, sondern in gewisser Weise an seinem Beginn wieder
aufzugreifen. Dies findet seine Bestätigung darin, daß ich dieselben
zwei Namen gewählt habe. Durch diese Wahl nach dem Beispiel meines
verehrten Vorgängers möchte ich wie er meine Liebe zu dem einzigartigen
Erbe bekunden, das die beiden Päpste Johannes XXIII. und Paul VI. der
Kirche hinterlassen haben, und mich zugleich persönlich bereit erklären,
es mit der Hilfe Gottes weiterzuentwickeln.
Durch diese zwei Namen und die beiden Pontifikate bin ich mit der gesamten
Tradition dieses apostolischen Bischofssitzes verbunden, mit allen Vorgängern
im Verlauf des 20. Jahrhunderts und der vorausgehenden Jahrhunderte, und
knüpfe so über die verschiedenen Zeitperioden hin bis zur ältesten Zeit
an jene Folge der Sendung und des Dienstes an, die dem Sitz des Petrus
seine einzigartige Stellung in der Kirche verleiht. Johannes XXIII. und
Paul VI. stellen eine geschichtliche Epoche dar, die für mich die
unmittelbare Schwelle sein soll, von der aus ich, gleichsam mit Papst
Johannes Paul I., auf die Zukunft hin voranschreiten will, geführt von
unbegrenztem Vertrauen und vom Gehorsam gegenüber dem Geist, den Christus
seiner Kirche versprochen und gesandt hat. Kurz vor seinem Leiden hat er
ja zu den Aposteln gesagt: »Es ist gut für euch, daß ich fortgehe; denn
wenn ich nicht fortgehe, wird der Beistand nicht zu euch kommen; gehe ich
aber, so werde ich ihn zu euch senden«.(5) »Wenn aber der Beistand
kommt, den ich euch vom Vater senden werde, der Geist der Wahrheit, der
vom Vater herkommt, dann wird er Zeugnis für mich ablegen. Auch ihr seid
Zeugen, weil ihr von Anfang an bei mir seid«.(6) »Wenn aber der Geist
der Wahrheit kommt, wird er euch in die volle Wahrheit einführen. Denn er
wird nicht von sich aus reden, sondern was er hört, wird er reden, und
das Kommende wird er euch verkünden«.(7)
3. Im Vertrauen auf den Geist der Wahrheit und der Liebe
Mit starkem Vertrauen auf den Geist der Wahrheit will ich also das reiche
Erbe der letzten Pontifikate antreten. Dieses Erbe hat im Bewußtsein der
Kirche auf völlig neue, bisher noch nicht gekannte Weise tiefe Wurzeln
geschlagen durch das Werk des II. Vatikanischen Konzils, das von Papst
Johannes XXIII. einberufen und eröffnet und dann von Papst Paul VI. glücklich
abgeschlossen und mit Ausdauer im Leben der Kirche verwirklicht worden
ist. Sein Wirken konnte ich ja selbst aus der Nähe beobachten. Dabei
haben mich immer seine tiefe Weisheit und sein Mut beeindruckt wie auch
seine geduldige Festigkeit in der schwierigen nachkonziliaren Periode
seines Pontifikates. Als Steuermann der Kirche, des Schiffes des Petrus,
verstand er es auf providentielle Weise, Ruhe und Ausgeglichenheit auch in
den kritischsten Augenblicken zu bewahren, wenn es schien, als werde das
Schiff von innen her erschüttert. Dabei blieb er selbst unerschüttert in
seiner Hoffnung auf die Festigkeit des Schiffes. Was der Geist der Kirche
heute durch das Konzil sagt, was er in dieser Kirche allen Kirchen
sagt,(8) dient ganz gewiß - trotz einiger gelegentlicher Unruhe - dem
Ziel, dem ganzen Volk Gottes im Bewußtsein seiner Heilssendung einen noch
festeren Zusammenhalt zu geben.
Gerade dieses gegenwärtige Bewußtsein der Kirche hat Paul VI. zum Thema
seiner grundlegenden Enzyklika Ecclesiam Suam gemacht. Mit dem nun
vorliegenden ersten Dokument, das gleichsam das jetzige Pontifikat eröffnen
soll, möchte ich mich vor allem auf diese Enzyklika beziehen und an ihr
anknüpfen. Das Bewußtsein der Kirche, das erleuchtet und getragen ist
vom Heiligen Geist und das sich im Blick auf ihr göttliches Geheimnis wie
auch auf ihre Sendung in dieser Welt bis hin zu ihren menschlichen Schwächen
stets vertieft: genau dies ist und soll die erste Quelle bleiben für die
Liebe zu dieser Kirche, so wie diese Liebe auch ihrerseits dazu beiträgt,
das Bewußtsein der Kirche zu festigen und zu vertiefen. Paul VI. hat uns
das Zeugnis eines solchen außerordentlich wachen Bewußtseins von der
Kirche hinterlassen. In den vielfältigen und oft leidvollen Ereignissen während
seines Pontifikates hat er uns eine standfeste Liebe zur Kirche gelehrt,
die ja - wie das Konzil feststellt - »das Sakrament, das heißt Zeichen
und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit
der ganzen Menschheit« ist.(9)
4. Der Bezug zur ersten Enzyklika Pauls VI.
Aufgrund dieser Tatsache muß sich das Bewußtsein der Kirche mit einer
weltweiten Öffnung verbinden, damit alle in ihr »den unergründlichen
Reichtum Christi«(10) finden können, von dem der Völkerapostel spricht.
Diese Öffnung, die vom Bewußtsein der eigenen Natur und von der Gewißheit
der eigenen Wahrheit getragen und begleitet ist, von der Christus gesagt
hat: »es ist nicht meine, sondern die des Vaters, der mich gesandt hat«,(11)
bestimmt den apostolischen, das heißt missionarischen Dynamismus der
Kirche, wobei sie unverkürzt die ganze Wahrheit bekennt und verkündet,
die ihr von Christus überliefert worden ist. Gleichzeitig muß sie jenen
Dialog führen, den Paul VI. in seiner Enzyklika Ecclesiam Suam einen »Heilsdialog«
genannt und dabei die einzelnen Bereiche genau unterschieden hat, in denen
er geführt werden soll.(12) Während ich mich heute auf dieses
programmatische Dokument des Pontifikates Pauls VI. beziehe, höre ich
nicht auf, Gott dafür zu danken, daß dieser mein großer Vorgänger und
zugleich wahre Vater es verstanden hat - trotz der verschiedenen internen
Schwächen, die die Kirche in der nachkonziliaren Periode befallen haben
-, ihr wahres Antlitz »ad extra«, nach außen hin, darzustellen. Auf
diese Weise ist auch ein großer Teil der Menschheitsfamilie, so meine
ich, in den verschiedenen vielschichtigen Lebensbereichen sich dessen bewußter
geworden, wie notwendig für sie die Kirche Christi, ihre Sendung und ihr
Dienst wirklich sind. Dieses Bewußtsein hat sich mitunter als stärker
erwiesen als die verschiedenen kritischen Einstellungen, mit denen man die
Kirche, ihre Institutionen und Strukturen, die Männer der Kirche und ihre
Tätigkeit »ab intra«, von innen her, angegriffen hat. Diese wachsende
Kritik hat zweifellos verschiedene Gründe; andererseits sind wir sicher,
daß sie nicht immer ohne echte Liebe zur Kirche erfolgt ist. Gewiß hat
sich unter anderem darin auch die Tendenz gezeigt, den sogenannten
Triumphalismus zu überwinden, von dem während des Konzils so oft die
Rede war. Wenn es richtig ist, daß die Kirche, indem sie dem Beispiel
ihres Meisters folgt, der »demütig von Herzen«(13) war, auch selbst in
der Demut begründet ist, die allem gegenüber, was ihre Eigenart und ihr
menschliches Wirken betrifft, eine kritische Haltung bewahrt und an sich
selbst immer hohe Ansprüche stellt, so muß ebenso auch die Kritik ihre
angemessenen Grenzen haben. Andernfalls hört sie auf, konstruktiv zu
sein, offenbart sie nicht mehr die Wahrheit, die Liebe und Dankbarkeit für
die Gnade, deren wir hauptsächlich und in vollem Maße in der Kirche und
durch die Kirche teilhaftig werden. Ferner bringt sie nicht die Haltung
des Dienens zum Ausdruck, sondern den Willen, die Meinung der anderen nach
der eigenen Meinung zu dirigieren, die man mitunter noch auf allzu
unbedachte Weise verbreitet.
Wir schulden Paul VI. Dank, weil er jedes Körnchen Wahrheit, das sich in
jeder Meinung findet, geachtet und zugleich die providentielle
Ausgeglichenheit des Steuermanns des Schiffes bewahrt hat.(14) Die Kirche,
die mir - über Johannes Paul I. - fast unmittelbar danach an vertraut
worden ist, ist gewiß nicht frei von Schwierigkeiten und internen
Spannungen. Zur gleichen Zeit aber ist sie im Innern mehr gefestigt gegen
Übertreibungen der Selbstkritik: man könnte sagen, daß sie kritischer
ist gegenüber den verschiedenen unbesonnenen Kritiken, widerstandsfähiger
hinsichtlich der verschiedenen »Neuheiten«, reifer im Geist der
Unterscheidung, besser ausgerüstet, um aus dem bleibenden Schatz »Neues
und Altes« hervorzuholen,(15) mehr konzentriert auf ihr eigenes Geheimnis
und darum verfügbarer für ihre Sendung zum Heil aller: Gott »will, daß
alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen«.(16)
5. Kollegialität und Apostolat
Die Kirche ist - entgegen allem Anschein - heute geeinter in der
Gemeinschaft des Dienens und im Bewußtsein des Apostolates. Diese Einheit
entspringt jenem Prinzip der Kollegialität, das vom II. Vatikanischen
Konzil in Erinnerung gerufen worden ist und das Christus selbst dem
Apostelkollegium der Zwölf mit Petrus als Haupt eingestiftet hat und im
Bischofskollegium ständig erneuert, welches auf der ganzen Erde immer
mehr wächst und dabei mit dem Nachfolger des hl. Petrus und unter seiner
Leitung geeint bleibt. Das Konzil hat dieses Prinzip der Kollegialität
der Bischöfe aber nicht nur in Erinnerung gebracht, sondern hat es
zugleich auf sehr intensive Weise neu belebt, indem es unter anderem die
Einrichtung eines ständigen Organs anregte, das dann Paul VI. in der
Bischofssynode errichtet hat, deren Tätigkeit nicht nur seinem Pontifikat
eine neue Dimension gegeben hat, sondern sich auch später von den ersten
Tagen an im Pontifikat Johannes Pauls I. und in dem seines unwürdigen
Nachfolgers deutlich widergespiegelt hat.
Das Prinzip der Kollegialität hat sich in der schwierigen nachkonziliaren
Periode als besonders aktuell erwiesen, da die gemeinsame und einmütige
Haltung des Bischofskollegiums - das vor allem durch die Synode seine
Einheit mit dem Nachfolger Petri bezeugt hat - dazu beigetragen hat, die
Zweifel zu beseitigen, und ebenso die richtigen Wege für die Erneuerung
der Kirche in ihrer weltweiten Dimension aufgezeigt hat. Von der Synode
ist unter anderem jener wesentliche Impuls zur Evangelisierung
ausgegangen, der im Apostolischen Schreiben Evangelii nuntiandi,(17)
seinen Niederschlag gefunden hat, welches mit so großer Freude als
Programm der Erneuerung im Bereich des Apostolates und zugleich der
Pastoral aufgenommen worden ist. Dieselbe Linie ist auch bei den Arbeiten
der letzten ordentlichen Sitzung der Bischofssynode befolgt worden, die
ungefähr ein Jahr vor dem Tode Papst Pauls VI. stattgefunden hat und
bekanntlich der Katechese gewidmet war. Die Ergebnisse dieser Beratungen
erfordern noch von seiten des Heiligen Stuhles eine systematische
Aufarbeitung und Veröffentlichung.
Da wir schon von der offenkundigen Entwicklung der Formen der bischöflichen
Kollegialität sprechen, muß wenigstens auch kurz auf den Prozeß der
Konsolidierung der nationalen Bischofskonferenzen in der ganzen Kirche und
anderer kollegialer Strukturen internationaler oder kontinentaler Art
hingewiesen werden. Hinsichtlich der jahrhundertealten Tradition der
Kirche müssen wir sodann die Aktivität der verschiedenen Synoden der
Ortskirchen hervorheben. Dies war in der Tat die Idee des Konzils, die von
Paul VI. mit Kohärenz verwirklicht worden ist, damit die Strukturen
dieser Art, die schon seit Jahrhunderten in der Kirche erprobt worden
sind, wie auch die anderen Formen der kollegialen Zusammenarbeit unter den
Bischöfen, z.B. der Metropolitanverband, um nicht schon von jeder
einzelnen Diözese zu sprechen, sich lebendig entfalten im vollen Bewußtsein
der eigenen Identität und auch der eigenen Originalität in der
universalen Einheit der Kirche. Derselbe Geist der Zusammenarbeit und der
Mitverantwortung beginnt sich auch unter den Priestern durchzusetzen; das
wird durch die zahlreichen Priesterräte bestätigt, die sich nach dem
Konzil gebildet haben. Dieser Geist hat sich auch unter den Laien
verbreitet, indem nicht nur die schon bestehenden Organisationen des
Laienapostolates gefestigt wurden, sondern auch neue geschaffen worden
sind, die oft ein anderes Profil und eine außergewöhnliche Dynamik
aufweisen. Ferner haben sich die Laien im Bewußtsein ihrer Verantwortung
gegenüber der Kirche in Zusammenarbeit mit den Hirten und den Vertretern
der Ordensgemeinschaften auch im Bereich der Diözesansynoden oder der
Pastoralräte in den Pfarreien und den Diözesen bereitwillig eingesetzt.
Es ist für mich notwendig, all dies am Beginn meines Pontifikates gegenwärtig
zu haben, um Gott zu danken, um alle Brüder und Schwestern zu ermutigen
und um ferner mit großer Dankbarkeit das Werk des II. Vatikanischen
Konzils und meiner großen Vorgänger in Erinnerung zu halten, die diese
neue »Welle« im Leben der Kirche hervorgerufen haben, eine Bewegung, die
weit stärker ist als die Anzeichen des Zweifels, des Verfalls und der
Krise.
6. Der Weg zur Einheit der Christen
Und was ist zu all den Initiativen zu sagen, die durch die neue ökumenische
Ausrichtung entstanden sind? Der unvergeßliche Papst Johannes XXIII. hat
mit biblischer Klarheit das Problem der Einheit der Christen als eine
einfache Folgerung aus dem Willen Jesu Christi, unseres Meisters,
betrachtet, der sie selbst mehrmals betont und zum Ausdruck gebracht hat,
vor allem im Gebet im Abendmahlssaal kurz vor seinem Tode: »Ich bitte...
Vater..., daß sie alle eins seien«.(18) Das II. Vatikanische Konzil hat
dieses wichtige Anliegen in gedrängter Form im Dekret über den Ökumenismus
behandelt. Papst Paul VI. hat unter der Mitarbeit des Sekretariates für
die Einheit der Christen die ersten schwierigen Schritte auf dem Weg der
Wiederherstellung der Einheit unternommen. Sind wir auf diesem Wege weit
vorangeschritten? Ohne darauf eine ins einzelne gehende Antwort geben zu
wollen, können wir feststellen, daß echte und wichtige Fortschritte
gemacht worden sind. Eines ist sicher: wir haben mit Ausdauer und
Konsequenz gearbeitet, und zusammen mit uns haben sich auch die Vertreter
der anderen Kirchen und christlichen Gemeinschaften eingesetzt; dafür
sind wir ihnen aufrichtig dankbar. Ferner steht fest, daß sich in der
gegenwärtigen geschichtlichen Lage der Christenheit und der Welt keine
andere Möglichkeit zeigt, die universale Mission der Kirche im Bereich
der ökumenischen Fragen zu erfüllen, als mit lauterer Absicht, mit
Ausdauer, Demut und auch Mut die Wege der Annäherung und der Einheit zu
suchen, so wie es uns das persönliche Beispiel Papst Pauls VI. gezeigt
hat. Wir müssen uns um die Einheit bemühen, ohne uns durch die
Schwierigkeiten entmutigen zu lassen, die uns begegnen oder sich längs
des Weges anhäufen können; anderenfalls bleiben wir dem Worte Christi
nicht treu, verwirklichen wir nicht sein Testament. Ist es erlaubt, sich
dieser Gefahr auszusetzen?
Es gibt Personen, die sich gern wieder zurückziehen würden, weil sie
sich mit Schwierigkeiten konfrontiert sehen oder die Ergebnisse der ersten
ökumenischen Arbeiten als negativ beurteilen. Einige äußern sogar die
Meinung, daß diese Bemühungen der Sache des Evangeliums schaden, zu
einem weiteren Bruch in der Kirche führen, geistige Verwirrung in den
Fragen des Glaubens und der Moral hervorrufen und in einem entsprechenden
Indifferentismus enden werden. Es ist vielleicht gut, daß die Menschen,
die diese Meinung vertreten, ihrer Besorgnis Ausdruck geben; dennoch muß
man auch in dieser Hinsicht die richtigen Grenzen wahren. Selbstverständlich
verlangt diese neue Etappe im Leben der Kirche von uns einen sehr überzeugten,
tiefen und verantwortungsbewußten Glauben. Die echte ökumenische Arbeit
besagt Öffnung, Annäherung, Bereitschaft zum Dialog, gemeinsame Suche
nach der Wahrheit im vollen biblischen und christlichen Sinn. Keinesfalls
bedeutet sie oder kann sie bedeuten, auf die Schätze der göttlichen
Wahrheit, die von der Kirche beständig bekannt und gelehrt worden ist, zu
verzichten oder ihnen in irgendeiner Weise Abbruch zu tun. Allen denen,
die aus irgendeinem Grund die Kirche von der Suche nach der universalen
Einheit der Christen abbringen möchten, muß ich noch einmal wiederholen:
Ist es erlaubt, untätig zu bleiben? Dürfen wir - trotz aller
menschlichen Schwachheit, trotz der Unzulänglichkeiten der vergangenen
Jahrhunderte - der Gnade unseres Herrn mißtrauen, die sich in der letzten
Zeit geoffenbart hat durch das Wort des Heiligen Geistes, das wir während
des Konzils vernommen haben? Würden wir so handeln, leugneten wir die
Wahrheit über uns selbst, die der Apostel auf so beredte Weise ausgedrückt
hat: »Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin, und sein gnädiges Handeln
an mir blieb nicht ohne Wirkung«.(19)
Was hier gesagt worden ist, muß man auf ähnliche Weise und mit den
notwendigen Unterscheidungen auch auf jene Bemühungen anwenden, die auf
eine Annäherung mit den Vertretern der nichtchristlichen Religionen
abzielen und im Dialog, in Kontakten, im gemeinschaftlichen Gebet und in
der Suche nach den Schätzen der menschlichen Spiritualität, die - wie
wir wissen - auch bei den Mitgliedern dieser Religionen anzutreffen sind,
ihren konkreten Ausdruck finden. Geschieht es nicht manchmal, daß die
starken religiösen Überzeugungen der Anhänger der nichtchristlichen
Religionen - Überzeugungen, die auch schon vom Geist der Wahrheit berührt
worden sind, der über die sichtbaren Grenzen des Mystischen Leibes hinaus
wirksam ist - die Christen beschämen, die ihrerseits oft so leichtfertig
die von Gott geoffenbarten und von der Kirche verkündeten Wahrheiten in
Zweifel ziehen und so sehr dazu neigen, die Grundsätze der Moral
aufzuweichen und dem ethischen Permissivismus die Wege zu öffnen? Es ist
edel, bereit zu sein, jeden Menschen zu verstehen, jedes System zu
analysieren und das, was richtig ist, anzuerkennen; das besagt jedoch
keinesfalls, die Gewißheit des eigenen Glaubens zu verlieren(20) oder die
Grundsätze der Moral aufzuweichen, deren Fehlen sich bald im Leben der
ganzen Gesellschaft bemerkbar macht und unter anderem die entsprechenden
bedauerlichen Folgen verursacht.
II. DAS GEHEIMNIS DER ERLÖSUNG
7. Umfangen vom Geheimnis Christi
Wenn die Wege, auf die das letzte Konzil die Kirche geführt hat und die
uns der verstorbene Papst Paul VI. in seiner ersten Enzyklika aufgezeigt
hat, für lange Zeit die Wege sein werden, die wir alle weiter verfolgen müssen,
können wir uns doch gleichzeitig in dieser neuen Etappe mit Recht fragen:
Und wie? Auf welche Weise muß man sie fortsetzen? Was müssen wir tun,
damit dieser neue Advent der Kirche, der mit dem nahen Ende des zweiten
Jahrtausends parallel geht, uns demjenigen näher bringt, den die Schrift
»Vater in Ewigkeit«, Pater futuri saeculi,(21) nennt? Das ist die
grundlegende Frage, die sich der neue Papst stellen muß, wenn er im Geist
des Glaubensgehorsams den Ruf annimmt nach dem Auftrag, den Christus
mehrere Male an Petrus gerichtet hat: »Weide meine Lämmer«,(22) was
besagen will: Sei der Hirte meiner Herde; und ferner: »... wenn du wieder
zurückgefunden hast, dann stärke deine Brüder«.(23)
Hier nun drängt sich, liebe Brüder, Söhne und Töchter, nur eine grundsätzliche
und wesentliche Antwort auf, und zwar: die einzige Ausrichtung des
Geistes, die einzige Zielsetzung des Intellektes, des Willens und des
Herzens ist für uns dieses: hin zu Christus, dem Erlöser des Menschen,
zu Christus, dem Erlöser der Welt. Auf ihn wollen wir schauen, denn nur
in ihm, dem Sohne Gottes, ist Heil; wir wollen den Ausruf des Petrus
wiederholen: »Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen
Lebens«.(24)
Durch das Bewußtsein der Kirche, das vom Konzil so stark entwickelt
worden ist, durch alle Schichten dieses Bewußtseins und durch alle
Wirkungsbereiche, in denen die Kirche sich äußert, sich vorfindet und
bestätigt, müssen wir beständig zu dem hinstreben, der das Haupt
ist,(25) zu dem, »von dem alles stammt, und auf den hin wir leben«,(26)
zu dem, der zugleich »der Weg, die Wahrheit und das Leben ist«(27) und
»die Auferstehung und das Leben«,(28) zu dem, bei dessen Anblick wir den
Vater sehen,(29) zu dem, der von uns fortgehen mußte(30) - gemeint ist
durch den Tod am Kreuz und durch die Himmelfahrt -, damit der Tröster zu
uns kommen konnte und ständig als Geist der Wahrheit kommt.(31) In ihm
sind »alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis«,(32) und die Kirche
ist sein Leib.(33) Die Kirche ist »in Christus gleichsam das Sakrament,
das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie
für die Einheit der ganzen Menschheit«.(34) Und dafür ist er die
Quelle! Er selbst! Er, der Erlöser!
Die Kirche hört nicht auf, sein Wort zu hören, sie liest es beständig
und bildet mit größter Verehrung jede Einzelheit seines Lebens nach.
Sein Wort wird auch von den Nichtchristen gehört. Das Leben Christi
spricht zugleich zu sehr vielen Menschen, die noch nicht fähig sind, mit
Petrus zu wiederholen: »Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen
Gottes«.(35) Er, der Sohn Gottes, spricht zu den Menschen auch als
Mensch: es ist seine Treue zur Wahrheit, seine Liebe, die alle umfaßt. Es
spricht ferner sein Tod am Kreuz, das heißt die unergründliche Tiefe
seines Leidens und der Verlassenheit. Die Kirche hört nicht auf, seinen
Tod am Kreuz und seine Auferstehung zu vergegenwärtigen, die den Inhalt
ihres täglichen Lebens bilden. Es ist in der Tat das Gebot Christi
selbst, unseres Meisters, daß die Kirche ununterbrochen die Eucharistie
feiert, in der sie »dieQuelle des Lebens und der Heiligkeit«(36) findet,
das wirksame Zeichen der Gnade und der Versöhnung mit Gott, das
Unterpfand des ewigen Lebens. Die Kirche lebt sein Geheimnis, schöpft
unermüdlich daraus und sucht ständig nach Wegen, um dieses Geheimnis
ihres Meisters und Herrn dem Menschengeschlecht nahezubringen: den Völkern,
den Nationen, den aufeinanderfolgenden Generationen, jedem einzelnen
Menschen vor allem, als ob sie stets nach dem Beispiel des Apostels
wiederholen würde: »Ich hatte mich entschlossen, bei euch nichts zu
wissen außer Jesus Christus, und zwar als Gekreuzigten«.(37) Die Kirche
bleibt umfangen vom Geheimnis der Erlösung, das das Grundprinzip ihres
Lebens und ihrer Sendung ist.
8. Die Erlösung: eine neue Schöpfung
Der Erlöser der Welt! In ihm hat sich in neuer und herrlicherer Weise die
Grundwahrheit über die Schöpfung offenbart, die das Buch der Genesis
bezeugt, wenn es mehrere Male wiederholt: »Gott sah, daß es gut war«.(38)
Das Gute hat seine Quelle in der Weisheit und in der Liebe. In Jesus
Christus erhält die sichtbare Welt, die von Gott für den Menschen
geschaffen ist(39) - jene Welt, die mit der Sünde »der Vergänglichkeit
unterworfen« wurde(40) - erneut ihre ursprüngliche Verbindung mit eben
dieser göttlichen Quelle der Weisheit und Liebe zurück. In der Tat, »Gott
hat die Welt so geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab«.(41) Wie im
Menschen-Adam diese Verbindung zerbrochen ist, so wird sie im
Menschen-Christus wiederhergestellt.(42) Überzeugen uns, Menschen des
zwanzigsten Jahrhunderts, etwa nicht die Worte, die der Völkerapostel mit
eindrucksvoller Beredtsamkeit über die Schöpfung gesagt hat, die »bis
zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt«(43) und die »sehnsüchtig
auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes«(44) wartet, über die Schöpfung,
die »der Vergänglichkeit unterworfen ist«? Offenbart nicht sogar der
ungeheuere Fortschritt, den man niemals zuvor gekannt hat und der sich vor
allem während unseres Jahrhunderts in der Beherrschung der Welt durch den
Menschen ereignet hat, auch hier in noch nicht dagewesenem Grade jene
vielfältige Unterwerfung »unter die Vergänglichkeit«? Es genügt an
dieser Stelle, nur auf bestimmte Phänomene hinzuweisen wie die Gefahr der
Umweltverschmutzung in Gegenden, wo eine schnelle Industrialisierung
vonstatten geht, die bewaffneten Konflikte, die ausbrechen und sich
andauernd wiederholen, oder die Aussicht auf eine mögliche Selbstzerstörung
durch den Einsatz von Atomwaffen, der Wasserstoff- oder Neutronenbombe
oder ähnlichem, die mangelnde Achtung vor dem ungeborenen Leben. Ist die
Welt dieser neuen Epoche, die Welt der Weltraumflüge, die Welt der
wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften, die nie zuvor
erreicht worden sind, nicht gleichzeitig auch die Welt, die »seufzt und
in Geburtswehen liegt«(45) und die »sehnsüchtig auf das Offenbarwerden
der Söhne Gottes wartet«?(46)
Das II. Vatikanische Konzil ist in seiner tiefen Analyse »der Welt von
heute« zu jenem wichtigsten Punkt der sichtbaren Welt, nämlich zum
Menschen, gelangt, indem es - wie Christus - in die Tiefe des menschlichen
Bewußtseins hinabgestiegen ist und das innerste Geheimnis des Menschen
berührt hat, das in der biblischen (und auch außerbiblischen) Sprache
mit dem Wort »Herz« bezeichnet wird. Christus, der Erlöser der Welt,
ist derjenige, der in einzigartiger und unwiederholbarer Weise in das
Geheimnis des Menschen eingedrungen und in sein »Herz« eingetreten ist.
Mit Recht lehrt daher dasselbe Konzil: »Tatsächlich klärt sich nur im
Geheimnis des fleischgewordenen Wortes das Geheimnis des Menschen wahrhaft
auf. Denn Adam, der erste Mensch, war das Vorausbild des zukünftigen (Röm
5, 14), nämlich Christi des Herrn; Christus, der neue Adam, macht eben in
der Offenbarung des Geheimnisses des Vaters und seiner Liebe dem Menschen
den Menschen selbst voll kund und erschließt ihm seine höchste Berufung«.
Und weiter heißt es: »Der "das Bild des unsichtbaren Gottes" (Kol
1, 15) ist, er ist zugleich der vollkommene Mensch, der den Söhnen Adams
die Gottebenbildlichkeit wiedergab, die von der ersten Sünde her
verunstaltet war. Da in ihm die menschliche Natur angenommen wurde, ohne
dabei verschlungen zu werden, ist sie dadurch auch schon in uns zu einer
erhabenen Würde erhöht worden. Denn er, der Sohn Gottes, hat sich in
seiner Menschwerdung gewissermaßen mit jedem Menschen vereinigt. Mit
Menschenhänden hat er gearbeitet, mit menschlichem Geist gedacht, mit
einem menschlichen Willen hat er gehandelt, mit einem menschlichen Herzen
geliebt. Geboren aus Maria, der Jungfrau, ist er in Wahrheit einer aus uns
geworden, in allem uns gleich außer der Sünde«.(47) Er, der Erlöser
des Menschen!
9. Die göttliche Dimension im Geheimnis der Erlösung
Während wir diesen wundervollen Text des konziliaren Lehramtes erneut überdenken,
vergessen wir nicht, auch nicht für einen Augenblick, daß Jesus
Christus, der Sohn des lebendigen Gottes, unsere Versöhnung beim
Vater(48) geworden ist. Gerade er, er allein, hat der ewigen Liebe des
Vaters Genüge getan, jener Vaterschaft, die von Anfang an in der Schöpfung
der Welt zum Ausdruck gekommen ist, die dem Menschen den ganzen Reichtum
des Erschaffenen anvertraute und ihn selbst »nur wenig unter die Engel«(49)
gestellt hat, dadurch daß er ihn nach dem Ebenbild und Gleichnis
Gottes(50) geschaffen hat; ebenso hat er auch jener Vaterschaft Gottes und
jener Liebe Genüge getan, die vom Menschen mit dem Bruch des ersten
Bundes(51) und der nachfolgenden, die Gott »immer wieder den Menschen
angeboten hat«,(52) in gewisser Weise zurückgewiesen worden ist. Die Erlösung
der Welt - dieses ehrfurchtgebietende Geheimnis der Liebe, in dem die Schöpfung
erneuert wird(53) - ist in ihrer tiefsten Wurzel die Fülle der
Gerechtigkeit in einem menschlichen Herzen: im Herzen des Erstgeborenen
Sohnes, damit sie Gerechtigkeit der Herzen vieler Menschen werden kann,
die ja im Erstgeborenen Sohn von Ewigkeit vorherbestimmt sind, Kinder
Gottes zu werden,(54) berufen zur Gnade und zur Liebe. Das Kreuz aufdem
Kalvarienberg, durch das Jesus Christus - Mensch, Sohn der Jungfrau Maria,
vor dem Gesetz Sohn des Josef von Nazaret - diese Welt »verläßt«, ist
zur gleichen Zeit eine neue Manifestation der ewigen Vaterschaft Gottes,
der sich in ihm erneut der Menschheit und jedem Menschen nähert, indem er
ihm den dreimalheiligen Geist der Wahrheit schenkt.(55)
Mit dieser Offenbarung des Vaters und der Ausgießung des Heiligen
Geistes, die dem Geheimnis der Erlösung ein unauslöschliches Merkmal
einprägen, erklärt sich der Sinn des Kreuzes und des Todes Christi. Der
Gott der Schöpfung offenbart sich als Gott der Erlösung, als Gott, der
sich selbst treu ist,(56) treu seiner Liebe zum Menschen und zur Welt, wie
sie sich schon am Tag der Schöpfung offenbart hat. Seine Liebe ist eine
Liebe, die vor nichts zurückweicht, was die Gerechtigkeit in ihm selbst
fordert. Und darum hat Gott den Sohn, »der die Sünde nicht kannte, für
uns zur Sünde gemacht«.(57) Wenn er den, der völlig ohne Sünde war, »zur
Sünde gemacht hat«, so tat er dies, um die Liebe zu offenbaren, die
immer größer ist als alles Geschaffene, die Liebe, die er selber ist,
denn »Gott ist Liebe«.(58) Die Liebe ist vor allem größer als die Sünde,
als die Schwachheit und die Vergänglichkeit des Geschaffenen,(59) stärker
als der Tod; es ist eine Liebe, die stets bereit ist, aufzurichten und zu
verzeihen, stets bereit, dem verlorenen Sohn entgegenzugehen(60) und immer
auf der Suche ist nach dem »Offenbarwerden der Söhne Gottes«,(61) die
zur künftigen Herrlichkeit berufen sind.(62) Diese Offenbarung der Liebe
wird auch Barmherzigkeit genannt;(63) diese Offenbarung der Liebe und der
Barmherzigkeit hat in der Geschichte nur eine Form und einen Namen: sie
heißt Jesus Christus.
10. Die menschliche Dimension im Geheimnis der Erlösung
Der Mensch kann nicht ohne Liebe leben. Er bleibt für sich selbst ein
unbegreifliches Wesen; sein Leben ist ohne Sinn, wenn ihm nicht die Liebe
geoffenbart wird, wenn er nicht der Liebe begegnet, wenn er sie nicht erfährt
und sich zu eigen macht, wenn er nicht lebendigen Anteil an ihr erhält.
Und eben darum macht Christus, der Erlöser, wie schon gesagt, dem
Menschen den Menschen selbst voll kund. Dieses ist - wenn man sich so
ausdrücken darf - die menschliche Dimension im Geheimnis der Erlösung.
In dieser Dimension findet der Mensch die Größe, die Würde und den
Wert, die mit seinem Menschsein gegeben sind. Im Geheimnis der Erlösung
wird der Mensch »neu bestätigt« und in gewisser Weise neu geschaffen.
Er ist neu erschaffen! »Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht
Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid
"einer" in Christus Jesus«.(64) Der Mensch, der sich selbst bis
in die Tiefe verstehen will - nicht nur nach unmittelbar zugänglichen,
partiellen, oft oberflächlichen und sogar nur scheinbaren Kriterien und
Maßstäben des eigenen Seins -, muß sich mit seiner Unruhe, Unsicherheit
und auch mit seiner Schwäche und Sündigkeit, mit seinem Leben und Tode
Christus nahen. Er muß sozusagen mit seinem ganzen Selbst in ihn
eintreten, muß sich die ganze Wirklichkeit der Menschwerdung und der Erlösung
»aneignen« und assimilieren, um sich selbst zu finden. Wenn sich in ihm
dieser tiefgreifende Prozeß vollzieht, wird er nicht nur zur Anbetung
Gottes veranlaßt, sondern gerät auch in tiefes Staunen über sich
selbst. Welchen Wert muß der Mensch in den Augen des Schöpfers haben,
wenn »er verdient hat, einen solchen und so großen Erlöser zu haben«,(65)
wenn »Gott seinen Sohn hingegeben hat«, damit er, der Mensch, »nicht
verlorengeht, sondern das ewige Leben hat«.(66) Dieses tiefe Staunen über
den Wert und die Würde des Menschen nennt sich Evangelium, Frohe
Botschaft. Dieses Staunen rechtfertigt die Sendung der Kirche in der Welt,
auch und vielleicht vor allem »in der Welt von heute«. Dieses Staunen
und zugleich die Überzeugung und Gewißheit, die in ihrer tiefsten Wurzel
Glaubensgewißheit ist, die aber auf verborgene und geheimnisvolle Weise
auch jeden Aspekt des wahren Humanismus beseelt, ist eng mit Christus
verbunden. Dies bestimmt auch seinen Platz, sein - wenn man so sagen darf
- besonderes Bürgerrecht in der Geschichte des Menschen und der
Menschheit. Die Kirche, die nicht aufhört, das Geheimnis Christi in
seiner Gesamtheit zu betrachten, weiß mit voller Glaubensgewißheit, daß
die Erlösung, die durch das Kreuz erfolgt ist, dem Menschen endgültig
seine Würde und den Sinn seiner Existenz in der Welt zurückgegeben hat,
den Sinn, den er in beachtlichem Maße durch die Sünde verloren hatte.
Deshalb hat die Erlösung sich im Ostergeheimnis vollendet, das durch das
Kreuz und den Tod zur Auferstehung führt.
Die grundlegende Aufgabe der Kirche in allen Epochen und besonders in der
unsrigen ist es, den Blick des Menschen, das Bewußtsein und die Erfahrung
der ganzen Menschheit auf das Geheimnis Christi zu lenken und
auszurichten, allen Menschen zu helfen, mit dem tiefen Geheimnis der Erlösung,
die sich in Jesus Christus ereignet, vertraut zu werden. Gleichzeitig berührt
man damit auch die tiefste Schicht im Menschen, die Sphäre des
menschlichen Herzens, des Bewußtseins und des Lebensgeschickes der
Menschen.
11. Das Geheimnis Christi als Grundlage der Sendung der Kirche und des
Christentums
Das II. Vatikanische Konzil hat eine ungeheuere Arbeit geleistet, um jenes
volle und universale Bewußtsein der Kirche heranzubilden, von dem Papst
Paul VI. in seiner ersten Enzyklika schreibt. Ein solches Bewußtsein -
oder besser Selbstverständnis der Kirche - entwickelt sich »im Dialog«,
der, bevor er zum Gespräch werden kann, die eigene Aufmerksamkeit auf »den
anderen« lenken muß, das heißt auf den, mit dem wir sprechen wollen.
Das ökumenische Konzil hat einen entscheidenen Impuls gegeben, um das
Selbstverständnis der Kirche zu formen, indem es uns in angemessener und
kompetenter Weise die Sicht des Erdkreises als einer »Karte« mit
verschiedenen Religionen vermittelt hat. Darüber hinaus hat es gezeigt,
wie sich auf dieser Karte der Weltreligionen in vorher nie gekannten und für
unsere Zeit typischen Schichten das Phänomen des Atheismus in seinen
verschiedenen Formen darüberlagert, angefangen vom programmatischen über
den organisierten bis hin zum politisch strukturierten Atheismus.
Was die Religion betrifft, handelt es sich in der Hauptsache um die
Religion als universales Phänomen, das von Anfang an mit der Geschichte
des Menschen verbunden ist; ferner geht es um die verschiedenen
nichtchristlichen Religionen und schließlich um das Christentum selbst.
Das Konzilsdokument, das den nichtchristlichen Religionen gewidmet ist,
ist in besonderer Weise voll tiefer Wertschätzung für die großen
geistigen Werte, ja mehr noch, für den Primat dessen, was geistig ist und
im Leben der Menschheit in der Religion und in den moralischen Prinzipien,
die sich in der jeweiligen Kultur widerspiegeln, seinen Ausdruck findet.
Zu Recht sahen die Kirchenväter in den verschiedenen Religionen gleichsam
auch Reflexe einer einzigen Wahrheit als »Keime des Wortes«,(67) die
bezeugen, daß das tiefste Streben des menschlichen Geistes, wenn auch auf
verschiedenen Wegen, so doch in eine einzige Richtung ausgerichtet ist.
Dieses Streben des Geistes drückt sich aus in der Suche nach Gott und
zugleich - aufgrund seiner Hinordnung auf Gott - in der Suche nach der
vollen Dimension des Menschseins oder der vollen Sinndeutung des
menschlichen Lebens. Das Konzil hat eine besondere Aufmerksamkeit der jüdischen
Religion gewidmet. Es hat die Christen und Juden an das große gemeinsame
geistige Erbe erinnert. Zugleich hat es auch seine Wertschätzung gegenüber
den Gläubigen des Islams bekundet, deren Glaube auch auf Abraham Bezug
nimmt.(68)
Durch die Öffnung, die vom II. Vatikanischen Konzil vollzogen wurde,
konnten die Kirche und alle Christen zu einem vollständigeren Wissen um
das Geheimnis Christi kommen, »das Geheimnis, das seit ewigen Zeiten
verborgen war«(69) in Gott, um geoffenbart zu werden in der Zeit im
Menschen Jesus Christus und um sich ständig jeder Zeit zu offenbaren. In
Christus und durch Christus hat sich Gott der Menschheit vollkommen
geoffenbart und sich ihr endgültig genähert. Gleichzeitig hat der Mensch
in Christus und durch Christus ein volles Wissen um seine Würde, um seine
Erhebung, um den transzendenten Wert des eigenen Menschseins und um den
Sinn seiner Existenz erworben.
Es ist also notwendig, daß wir alle, die wir Jünger Christi sind, uns
zusammenfinden und um ihn vereinigen. Diese Einheit in den verschiedenen
Bereichen des Lebens, der Tradition, der Strukturen und Disziplinen der
einzelnen Kirchen oder kirchlichen Gemeinschaften kann nicht verwirklicht
werden ohne aufrichtiges Bemühen, das nach gegenseitigem Sichkennenlernen
und nach Beseitigung der Hindernisse auf dem Weg zu einer vollkommenen
Einheit strebt. Dennoch können und müssen wir schon von jetzt an unsere
Einheit leben und sie der Welt bekunden: in der Verkündigung des
Geheimnisses Christi, im Aufzeigen der göttlichen und zugleich
menschlichen Dimension der Erlösung, in dem mit unermüdlicher Ausdauer
geführten Kampf für jene Würde, die jeder Mensch in Christus erreicht
hat und beständig erreichen kann. Es ist die Würde der gnadenhaften
Gotteskindschaft und zugleich die Würde der inneren Wahrheit des
Menschseins, das - wenn dieses im allgemeinen Bewußtsein der heutigen
Welt schon eine solche grundlegende Bedeutung erhalten hat - für uns noch
bedeutsamer wird im Lichte jener Wirklichkeit, die er ist: Jesus Christus.
Jesus Christus ist feststehendes Prinzip und beständiges Zentrum des
Auftrags, den Gott selbst dem Menschen anvertraut hat. An diesem Auftrag müssen
wir alle teilnehmen, auf ihn müssen wir alle unsere Kräfte
konzentrieren, da er mehr als je zuvor notwendig ist für die Menschheit
in unserer Zeit. Und wenn ein solcher Auftrag heute größeren Widerständen
als in jeder anderen Zeit zu begegnen scheint, so zeigt dies nur, daß der
Auftrag in unserer Epoche noch dringlicher ist und - trotz der Widerstände
- mehr erwartet wird als je zuvor. Hier berühren wir indirekt jenes
Geheimnis der göttlichen Heilsordnung, das die Erlösung und die Gnade
mit dem Kreuz verbunden hat. Nicht umsonst hat Christus gesagt, daß »dem
Himmelreich Gewalt angetan wird und die Gewalttätigen es an sich reißen«;(70)
und ferner daß »die Kinder dieser Welt (...) klüger sind als die Kinder
des Lichts«.(71) Gern akzeptieren wir diesen Vorwurf, um wie jene »Gewalttäter
Gottes« zu sein, die wir in der Geschichte der Kirche so oft gesehen
haben und auch heute noch erblicken, um uns bewußt im großen Auftrag zu
vereinen, der da heißt: Christus der Welt zu offenbaren, einem jeden
Menschen zu helfen, damit er sich selbst in ihm wiederfinde, den heutigen
Generationen unserer Brüder und Schwestern, Völkern, Nationen, Staaten,
der Menschheit, weniger entwickelten und reichen Ländern, kurz allen zu
helfen, um den »unergründlichen Reichtum Christi«(72) kennenzulernen,
damit dieser jedem Menschen zur Verfügung stehe und zum Besitz jedes
einzelnen werde.
12. Der Auftrag der Kirche und die Freiheit des Menschen
In dieser Verbundenheit im Auftrag, über den vor allem Christus selbst
entscheidet, müssen alle Christen entdecken, was sie bereits vereint,
noch bevor sich ihre volle Gemeinschaft verwirklicht. Das ist die
apostolische und missionarische, die missionarische und apostolische
Einheit. Dank dieser Einheit können wir uns zusammen dem großartigen
Erbe des menschlichen Geistes nähern, das sich in allen Religionen
kundgetan hat, wie die Erklärung Nostra Aetate des II. Vatikanischen
Konzils sagt.(73) Dank dieser Einheit nähern wir uns gleichzeitig allen
Kulturen, allen Weltanschauungen und allen Menschen guten Willens. Wir nähern
uns ihnen mit jener Wertschätzung, mit jenem Respekt und jenem Geist der
Unterscheidung, der seit den Zeiten der Apostel die missionarische Tätigkeit
und die Haltung des Missionars ausgezeichnet haben. Es genügt, an den hl.
Paulus zu erinnern, z.B. an seine Rede vor dem Areopag in Athen.(74) Die
missionarische Verhaltensweise beginnt immer mit einem Gefühl der
Hochachtung vor dem, was »in jedem Menschen ist«,(75) vor dem, was er
selbst im Innersten seines Wesens schon erarbeitet hat bezüglich der
tiefsten und bedeutendsten Probleme; es handelt sich um die Achtung vor
allem, was der Geist in ihm gewirkt hat, der »weht, wo er will«.(76) Die
Mission ist niemals Zerstörung, sondern Aufnahme vorhandener Werte und
Neuaufbau, wenn auch in der Praxis diesem hohen Ideal nicht immer voll
entsprochen worden ist. Dabei wissen wir sehr gut, daß die Bekehrung, die
von der Mission ihren Anfang nehmen muß, Werk der Gnade ist. In ihr muß
der Mensch vollständig zu sich selbst zurückfinden.
Deswegen legt die Kirche in unserer Zeit einen großen Wert auf alles, was
das II. Vatikanische Konzil in der Erklärung über die Religionsfreiheit
dargelegt hat, sei es im ersten, sei es im zweiten Teil des
Dokumentes.(77) Wir spüren zutiefst den verpflichtenden Charakter der
Wahrheit, die Gott uns geoffenbart hat. Wir empfinden insbesondere die große
Verantwortung für diese Wahrheit. Die Kirche ist kraft der Einsetzung
durch Christus Wächterin und Lehrerin der Wahrheit, dadurch daß sie ja
ausgestattet ist mit einem besonderen Beistand des Heiligen Geistes, damit
sie über die Wahrheit treu wachen und sie in ihrer ganzen Fülle unverfälscht
lehren kann.(78) Indem wir diesen Auftrag erfüllen, schauen wir auf
Christus selbst, der der erste Verkünder der Frohen Botschaft ist;(79)
ebenso schauen wir auch auf seine Apostel, Märtyrer und Bekenner. Die
Erklärung über die Religionsfreiheit macht uns in überzeugender Weise
deutlich, wie Christus und folglich seine Apostel in der Verkündigung der
Wahrheit, die nicht von den Menschen, sondern von Gott kommt (»Meine
Lehre stammt nicht von mir, sondern von dem, der mich gesandt hat«), das
heißt vom Vater,(80) obgleich sie alle Überzeugungskünste des Geistes
einsetzen, eine tiefe Wertschätzung für den Menschen, für seinen
Verstand, seinen Willen, sein Gewissen und seine Freiheit bewahren.(81)
Auf diese Weise wird die Würde der menschlichen Person Bestandteil jener
Botschaft, wenn auch nicht in Worten, so doch durch das Verhalten ihr
gegenüber. Diese Verhaltensweise scheint übereinzustimmen mit den
besonderen Bedürfnissen unserer Zeit. Da sich nicht in allem, was die
verschiedenen Systeme und auch einzelne Menschen als Freiheit ansehen und
propagieren, die wahre Freiheit des Menschen findet, wird die Kirche um so
mehr kraft ihrer göttlichen Sendung zur Wächterin dieser Freiheit, die
Bedingung und Grundlage für die wahre Würde der menschlichen Person ist.
Jesus Christus geht dem Menschen jeder Epoche, auch der unseren, mit den
gleichen Worten entgegen: »Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die
Wahrheit wird euch frei machen«.(82) Diese Worte schließen eine
wesentliche Forderung und zugleich eine Ermahnung ein: die Forderung eines
ehrlichen Verhältnisses zur Wahrheit als Bedingung einer authentischen
Freiheit; und auch die Ermahnung, daß jede nur scheinbare Freiheit, jede
oberflächliche und einseitige Freiheit und jede Freiheit, die nicht von
der ganzen Wahrheit über den Menschen und die Welt geprägt ist,
vermieden werde. Auch heute, nach 2000 Jahren, erscheint uns Christus als
der, der dem Menschen die Freiheit bringt, die auf der Wahrheit begründet
ist, als der, der den Menschen befreit von allem, was diese Freiheit in
der Seele des Menschen, in seinem Herzen und in seinem Gewissen beschränkt,
schmälert und gleichsam von den Ursprüngen selbst trennt. Welche
wundervolle Bestätigung haben dafür diejenigen gegeben und geben sie
noch immer, die durch Christus und in Christus zur wahren Freiheit gelangt
sind und sie sogar unter Bedingungen äußerer Nötigung bekundet haben!
Als Jesus Christus als Gefangener vor das Gericht des Pilatus trat und von
ihm zur Anklage befragt wurde, die gegen ihn von den Vertretern des
Synedriums erhoben worden war, hat er da nicht selbst geantwortet: »Ich
bin dazu geboren und in die Welt gekommen, daß ich für die Wahrheit
Zeugnis ablege«?(83) Es ist, als ob er mit diesen Worten vor dem Richter
im entscheidenden Augenblick noch einmal den schon vorher ausgesprochenen
Satz bestätigt hätte: »Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die
Wahrheit wird euch frei machen«. Ist nicht Jesus Christus selbst im
Verlauf so vieler Jahrhunderte und so vieler Generationen, angefangen von
den Zeiten der Apostel, sehr oft an die Seite von Menschen getreten, über
die um der Wahrheit willen gerichtet wurde; ist er nicht auch mit Menschen
in den Tod gegangen, die um der Wahrheit willen verurteilt wurden? Ist er
nicht weiterhin Sprecher und Anwalt des Menschen, der im Geist und in der
Wahrheit(84) lebt? Wie er nicht aufhört, vor dem Vater zu sein, so ist er
auch in der Geschichte des Menschen stets anwesend. Die Kirche läßt
ihrerseits trotz aller Schwächen, die zu ihrer menschlichen Geschichte
gehören, nicht nach, ihm zu folgen, der gesagt hat: »Es kommt die
Stunde, und sie ist jetzt da, in der die wahren Beter zum Vater beten
werden im Geist und in der Wahrheit; denn solche Beter verlangt der Vater.
Gott ist Geist, und alle, die anbeten, müssen ihn im Geist und in der
Wahrheit anbeten«.(85)
III. DER ERLÖSTE MENSCH
UND SEINE SITUATION IN DER WELT VON HEUTE
13. Christus ist mit jedem Menschen verbunden
Wenn wir durch die beständig und immer schneller wachsenden Erfahrungen
der Menschheitsfamilie tiefer in das Geheimnis Jesu Christi eindringen,
erkennen wir immer deutlicher, daß all jenen Wegen, auf denen die Kirche
in unseren Tagen nach den richtungweisenden Worten von Papst Paul VI.(86)
voranschreiten muß, ein besonderer Weg zugrunde liegt, der seit
Jahrhunderten erprobt ist und zugleich in die Zukunft führt. Unser Herr
Jesus Christus hat uns selbst auf diesen Weg verwiesen, da - wie das
Konzil uns lehrt - »der Sohn Gottes durch seine Menschwerdung sich
gleichsam mit jedem Menschen verbunden hat«.(87) Die Kirche sieht es
darum als ihre grundlegende Aufgabe an, darauf hinzuwirken, daß diese
Einheit immer wieder Gestalt und neues Leben gewinnt. Diesem Ziel allein möchte
die Kirche dienen: jeder Mensch soll Christus finden können, damit
Christus jeden einzelnen auf seinem Lebensweg begleiten kann mit jener
kraftvollen Wahrheit über den Menschen und die Welt, wie sie im Geheimnis
der Menschwerdung und der Erlösung enthalten ist, mit der Macht jener
Liebe, die hiervon ausstrahlt. Auf dem Hintergrund von immer vielfältigeren
geschichtlichen Entwicklungen, die zu unserer Zeit im Bereich der
verschiedenen Systeme, Weltanschauungen und Staatsformen besonders
erfolgreich zu sein scheinen, wird Jesus Christus gleichsam noch einmal
gegenwärtig trotz vieler Anzeichen einer scheinbaren Abwesenheit, trotz
aller Einschränkungen, welche die offizielle Gegenwart und Aktivität der
Kirche erfahren. Jesus Christus wird gegenwärtig durch die Kraft jener
Wahrheit und Liebe, die sich in einzigartiger und einmaliger Fülle in ihm
ausgeprägt haben, obgleich sein irdisches Leben nur kurz und noch kürzer
sein öffentliches Wirken war.
Jesus Christus ist der Hauptweg der Kirche. Er selbst ist unser Weg zum
Haus des Vaters(88) und ist auch der Zugang zu jedem Menschen. Auf dieser
Straße, die von Christus zum Menschen führt, auf der Christus jedem
Menschen zur Seite tritt, darf die Kirche sich von niemandem aufhalten
lassen. Das fordert das zeitliche wie auch das ewige Heil des Menschen.
Wenn die Kirche auf Christus sieht und auf das Geheimnis, welches ihr
Leben ausmacht, dann kann sie nicht unempfindlich bleiben für alles, was
dem wahren Wohl des Menschen dient, so wie es ihr auch nicht gleichgültig
sein kann, wenn dieses bedroht wird. Das II. Vatikanische Konzil hat an
verschiedenen Stellen seiner Dokumente diese fundamentale Sorge der Kirche
formuliert, damit »das Leben in dieser Welt mehr der überragenden Würde
des Menschen entspreche«(89) in allen ihren Aspekten »und immer humaner
gestaltet werde«.(90) Das ist die Sorge von Christus selbst, dem Guten
Hirten aller Menschen. Im Namen dieser Hirtensorge - so lesen wir in der
Pastoralkonstitution des Konzils - ist »die Kirche, die in keiner Weise
hinsichtlich ihrer Aufgabe und Zuständigkeit mit der politischen
Gemeinschaft verwechselt werden darf noch auch an irgendein politisches
System gebunden ist, zugleich Zeichen und Schutz der Transzendenz der
menschlichen Person«.(91)
Es geht also hier um den Menschen in seiner vollen Wahrheit, in all seinen
Dimensionen. Es geht nicht um einen »abstrakten« Menschen, sondern um
den realen, den »konkreten« und »geschichtlichen« Menschen. Jeder »einzelne«
Mensch ist gemeint; denn jeder ist vom Geheimnis der Erlösung betroffen,
mit jedem ist Christus für immer durch dieses Geheimnis verbunden. Jeder
Mensch, der im Mutterschoß empfangen und von seiner Mutter in diese Welt
hineingeboren wird, ist gerade wegen dieses Erlösungswerkes der Obhut der
Kirche anvertraut. Ihre Sorge schaut auf den ganzen Menschen und ist ihm
in einzigartiger Weise zugewandt. Sie kümmert sich um den Menschen in
seiner individuellen, unwiederholbaren Wirklichkeit, in der unzerstörbar
das Bild und Gleichnis Gottes enthalten ist.(92) Das meint das Konzil,
wenn es diese Ähnlichkeit erwähnt und dabei daran erinnert, daß »der
Mensch auf Erden die einzige von Gott um ihrer selbst gewollte Kreatur ist«.(93)
So wie dieser Mensch von Gott »gewollt« ist, wie er von Ewigkeit her von
ihm »erwählt« ist, gerufen und bestimmt für die Gnade und das Heil, so
ist jeder Mensch ganz »konkret«, ganz »real«. Dies ist der Mensch im
vollen Licht des Geheimnisses, an dem er durch Jesus Christus teilnimmt,
ein Geheimnis, an dem jeder einzelne der vier Milliarden Menschen teilhat,
die auf unserem Planeten leben, vom ersten Moment an, da er unter dem
Herzen der Mutter empfangen wird.
14. Alle Wege der Kirche führen zum Menschen
Die Kirche darf am Menschen nicht vorbeigehen; denn sein »Geschick«, das
heißt seine Erwählung, seine Berufung, seine Geburt und sein Tod, sein
ewiges Heil oder Unheil sind auf so enge und unaufhebbare Weise mit
Christus verbunden. Dabei geht es wirklich um jeden Menschen auf diesem
Planeten, unserer Erde, die der Schöpfer dem ersten Menschen anvertraut
hat, als er zum Mann und zu der Frau sprach: »Unterwerft sie euch und
herrscht über sie«.(94) Es geht um jeden Menschen in all seiner
unwiederholbaren Wirklichkeit im Sein und im Handeln, im Bewußtsein und
im Herzen. Der Mensch in seiner Einmaligkeit - weil er »Person« ist -
hat seine eigene Lebensgeschichte und vor allem eine eigene Geschichte
seiner Seele. Von der intentionalen Öffnung seines Geistes und zugleich
von den zahlreichen und so verschiedenen Bedürfnissen seines Leibes und
seiner irdischen Existenz bestimmt, schreibt der Mensch diese seine persönliche
Geschichte durch zahllose Bindungen, Kontakte, Situationen und soziale
Strukturen, die ihn mit anderen Menschen verbinden; und dies tut er vom
ersten Augenblick seiner irdischen Existenz an, angefangen bei seiner Empfängnis
und Geburt. Der Mensch in der vollen Wahrheit seiner Existenz, seines persönlichen
und zugleich gemeinschaftsbezogenen und sozialen Seins - im Bereich der
eigenen Familie, auf der Ebene der Gesellschaft und so vieler
verschiedener Umgebungen, auf dem Gebiet der eigenen Nation oder des
eigenen Volkes oder vielleicht auch nur des eigenen Klans oder Stammes,
schließlich auch im Bereich der gesamten Menschheit - dieser Mensch ist
der erste Weg, den die Kirche bei der Erfüllung ihres Auftrags
beschreiten muß: er ist der erste und grundlegende Weg der Kirche, ein
Weg, der von Christus selbst vorgezeichnet ist und unabänderlich durch
das Geheimnis der Menschwerdung und der Erlösung führt.
Diesen Menschen in der ganzen Wirklichkeit seines Lebens, mit seinem Bewußtsein,
mit seiner fortwährenden Neigung zur Sünde und zugleich mit seinem ständigen
Durst nach Wahrheit, nach dem Guten und Schönen, nach Gerechtigkeit und
Liebe, gerade diesen Menschen hatte das II. Vatikanische Konzil im Auge,
als es bei der Beschreibung seiner Lage in der heutigen Welt jeweils von
den äußeren Komponenten dieser Lage zur inneren Wahrheit des Menschseins
vorstieß: »... im Menschen selbst sind viele widersprüchliche Elemente
gegeben. Einerseits erfährt er sich nämlich als Geschöpf vielfältig
begrenzt, andererseits empfindet er sich in seinem Verlangen unbegrenzt
und berufen zu einem Leben höherer Ordnung. Zwischen vielen Möglichkeiten,
die ihn anrufen, muß er dauernd unweigerlich eine Wahl treffen und so auf
dieses oder jenes verzichten. Als schwacher Mensch und Sünder tut er oft
das, was er nicht will, und was er tun wollte, tut er nicht. So leidet er
an einer inneren Zwiespältigkeit, und daraus entstehen viele und schwere
Zerwürfnisse auch in der Gesellschaft«.(95)
Dieser Mensch ist der Weg der Kirche, der in gewisser Weise an der Basis
all jener Wege verläuft, auf denen die Kirche wandert; denn der Mensch -
und zwar jeder Mensch ohne jede Ausnahme - ist von Christus erlöst
worden. Christus ist mit jedem Menschen, ohne Ausnahme, in irgendeiner
Weise verbunden, auch wenn sich der Mensch dessen nicht bewußt ist: »Christus,
der für alle gestorben und auferstanden ist, schenkt dem Menschen« -
jedem einzelnen und allen zusammen - »fortwährend Licht und Kraft durch
seinen Geist, damit er seiner höchsten Berufung entsprechen kann«.(96)
Da also der Mensch der Weg der Kirche ist, der Weg ihres täglichen Lebens
und Erlebens, ihrer Aufgaben und Mühen, muß sich die Kirche unserer Zeit
immer wieder neu die »Situation« des Menschen bewußt machen. Sie muß
seine Möglichkeiten kennen, die eine immer neue Richtung nehmen und so zu
Tage treten; zugleich aber muß die Kirche die Bedrohungen kennen, die über
dem Menschen hängen. Sie muß sich all dessen bewußt sein, was
offenkundig dem Bemühen entgegensteht, das Leben der Menschen »immer
humaner zu gestalten«,(97) damit alle Bereiche dieses Lebens der wahren Würde
des Menschen entsprechen. Mit einem Wort: die Kirche muß alles kennen,
was diesem Prozeß entgegensteht.
15. Die Ängste des heutigen Menschen
Während wir also das Bild vom Menschen lebendig im Gedächtnis behalten,
das uns das II. Vatikanische Konzil in so tiefer und maßgeblicher Weise
gezeichnet hat, wollen wir es doch auch an die heutigen »Zeichen der Zeit«
anpassen und an die Erfordernisse der Lebensumstände, die sich ja fortwährend
ändern und in bestimmte Richtungen entwickeln.
Der Mensch von heute scheint immer wieder von dem bedroht zu sein, was er
selbst produziert, das heißt vom Ergebnis der Arbeit seiner Hände und
noch mehr vom Ergebnis der Arbeit seines Verstandes und seiner
Willensentscheidung. Die Früchte dieser vielgestaltigen Aktivität des
Menschen sind nicht nur Gegenstand von »Entfremdung«, weil sie
demjenigen, der sie hervorgebracht hat, einfachhin genommen werden; allzu
oft und nicht selten unvorhersehbar wenden sich diese Früchte, wenigstens
teilweise, in einer konsequenten Folge von Wirkungen indirekt gegen den
Menschen selbst. So sind sie tatsächlich gegen ihn gerichtet oder können
es jederzeit sein. Hieraus scheint das wichtigste Kapitel des Dramas der
heutigen menschlichen Existenz in seiner breitesten und universellen
Dimension zu bestehen. Der Mensch lebt darum immer mehr in Angst. Er befürchtet,
daß seine Produkte, natürlich nicht alle und auch nicht die Mehrzahl,
aber doch einige und gerade jene, die ein beträchtliches Maß an Genialität
und schöpferischer Kraft enthalten, sich in radikaler Weise gegen ihn
selbst kehren könnten; er fürchtet, sie könnten Mittel und Instrumente
einer unvorstellbaren Selbstzerstörung werden, vor der alle Katastrophen
der Geschichte, die wir kennen, zu verblassen scheinen. Hieraus muß sich
also die Frage ergeben: Wieso wendet sich diese Macht, die von Anfang an
dem Menschen gegeben war, um damit die Erde zu beherrschen,(98) gegen ihn
selbst und ruft diesen verständlichen Zustand der Unruhe, der bewußten
und unbewußten Angst und der Bedrohung hervor, der sich in verschiedener
Weise der gesamten Menschheitsfamilie mitteilt und vielfältige
Erscheinungsformen kennt?
Dieser Zustand der Bedrohung, die die eigenen Produkte dem Menschen
erzeugen, wirkt sich in verschiedenen Richtungen aus und zeigt
unterschiedliche Intensitäten. Wir scheinen uns heute wohl der Tatsache
mehr bewußt zu sein, daß die Nutzung der Erde, jenes Planeten, auf dem
wir leben, eine vernünftige und gerechte Planung erfordert. Gleichzeitig
aber bewirken diese Nutzung zu wirtschaftlichen und sogar militärischen
Zwecken, diese unkontrollierte Entwicklung der Technik, die nicht
eingeordnet ist in einen Gesamtplan eines wirklich menschenwürdigen
Fortschrittes, oft eine Bedrohung der natürlichen Umgebung des Menschen,
sie entfremden ihn in seiner Beziehung zur Natur, sie trennen ihn von ihr
ab. Der Mensch scheint oft keine andere Bedeutung seiner natürlichen
Umwelt wahrzunehmen, als allein jene, die den Zwecken eines unmittelbaren
Gebrauchs und Verbrauchs dient. Dagegen war es der Wille des Schöpfers,
daß der Mensch der Natur als »Herr« und besonnener und weiser »Hüter«
und nicht als »Ausbeuter«und skrupelloser »Zerstörer« gegenübertritt.
Der Fortschritt der Technik und die Entwicklung der heutigen Zivilisation,
die von der Vorherrschaft der Technik geprägt ist, erfordern eine
entsprechende Entwicklung im sittlichen Leben und in der Ethik. Diese
scheint jedoch leider immer zurückzubleiben. Der Fortschritt, der ja
andererseits so staunenswert ist, weil wir in ihm auch echte Zeichen der
Größe des Menschen mühelos entdecken können, wie sie uns in ihren schöpferischen
Anfängen schon im Buch der Genesis bei der Darstellung der Schöpfung(99)
offenbart worden sind, muß darum doch auch vielfältige Sorgen wecken.
Die erste Sorge betrifft die wesentliche und grundlegende Frage: Macht
dieser Fortschritt, dessen Urheber und Förderer der Mensch ist, das
menschliche Leben auf dieser Erde wirklich in jeder Hinsicht »menschlicher«?
Macht er das Leben »menschenwürdiger«? Zweifellos ist dies in mancher
Hinsicht der Fall. Die Frage meldet sich jedoch hartnäckig wieder, wenn
es um das Wesentliche geht: Wird der Mensch als Mensch im Zusammenhang mit
diesem Fortschritt wirklich besser, das heißt geistig reifer, bewußter
in seiner Menschenwürde, verantwortungsvoller, offener für den
Mitmenschen, vor allem für die Hilfsbedürftigen und Schwachen, und
hilfsbereiter zu allen?
Diese Frage müssen sich die Christen stellen, eben weil Jesus Christus
sie so umfassend für das Problem des Menschen empfänglich gemacht hat.
Die gleiche Frage aber stellt sich allen Menschen, besonders denjenigen,
die in solchen sozialen Bereichen leben, die sich aktiv für die
Entwicklung und den Fortschritt in unserer Zeit einsetzen. Wenn wir diese
Entwicklungen beobachten und sogar an ihnen teilnehmen, darf uns nicht
Euphorie überkommen noch dürfen wir uns von einseitigem Enthusiasmus
fortreißen lassen, sondern wir alle müssen uns mit äußerster
Ehrlichkeit, Objektivität und moralischem Verantwortungsbewußtsein den
wesentlichen Fragen stellen, die die Situation des Menschen heute und in
Zukunft betreffen.
Stimmen alle diese Errungenschaften, die bisher erreicht wurden oder von
der Technik für die Zukunft geplant werden, mit dem moralischen und
geistigen Fortschritt des Menschen überein? Entwickelt sich der Mensch
als solcher in diesem Zusammenhang, macht er wirklich Fortschritte oder fällt
er zurück und sinkt in seiner Menschlichkeit nach unten? Überwiegt unter
den Menschen, »in der Welt des Menschen«, die von sich aus das Gute und
das Böse enthält, das Gute vor dem Bösen? Wachsen tatsächlich in den
Menschen und untereinander die Nächstenliebe, die Achtung vor den Rechten
des anderen - sei es der einzelne, eine Nation oder ein Volk - oder nehmen
vielmehr die Egoismen verschiedener Art und die übertriebenen
Nationalismen anstelle einer echten Vaterlandsliebe zu sowie das Streben,
andere über die eigenen legitimen Rechte und Verdienste hinaus zu
beherrschen, wie auch die Tendenz, allen materiellen und wirtschaftlichen
Fortschritt allein zu dem Zweck auszunützen, um die Vorherrschaft über
andere zu besitzen oder diesen oder jenen Imperialismus zu fördern?
Dies sind die wesentlichen Fragen, die die Kirche sich stellen muß, weil
Milliarden von Menschen, die heute auf der Welt leben, mehr oder weniger
ausdrücklich solche Fragen stellen. Das Thema »Entwicklung und
Fortschritt« taucht in allen Gesprächen auf und erscheint in den Spalten
aller Zeitungen und Publikationen in fast allen Sprachen der heutigen
Welt. Dabei dürfen wir jedoch nicht vergessen, daß dieses Thema nicht
nur Feststellungen und gesicherte Aussagen enthält, sondern auch Fragen
und bedrückende Sorgen. Und dies letztere ist genau so wichtig wie das
erste. Sie entsprechen der dialektischen Natur menschlicher Erkenntnis und
vor allem dem Grundbedürfnis der Sorge des Menschen für den Menschen, für
seine eigene Menschlichkeit, für die Zukunft der Menschen auf dieser
Erde. Die Kirche, die aus einem eschatologischen Glauben lebt, betrachtet
diese Besorgnis des Menschen um seine Menschlichkeit, um die Zukunft der
Menschen auf Erden und damit auch um die Richtung von Entwicklung und
Fortschritt als ein wesentliches Element ihrer Sendung, das hiervon nicht
getrennt werden darf. Den Kern dieser Sorge findet die Kirche in Jesus
Christus selbst, wie die Evangelien bezeugen. Gerade darum möchte sie
dieses Engagement aus der Einheit mit ihm verstärken, indem sie die
Situation des Menschen in der heutigen Welt nach den wichtigsten Zeichen
unserer Zeit interpretiert.
16. Fortschritt oder Bedrohung?
Wenn sich diese Zeit, die Zeit unserer Generation, die sich dem Ende des
zweiten Jahrtausends unserer christlichen Ära nähert, uns als eine Zeit
großen Fortschritts offenbart, so erscheint sie uns andererseits auch als
eine Zeit vielfältiger Bedrohungen für den Menschen, über die die
Kirche mit allen Menschen guten Willens sprechen und immer im Gespräch
bleiben muß. Die Situation des Menschen in der heutigen Zeit scheint in
der Tat noch fern zu sein von den objektiven Forderungen der sittlichen
Ordnung wie auch von den Forderungen der Gerechtigkeit und mehr noch von
der sozialen Liebe. Es geht hier darum, was schon in der ersten Botschaft
des Schöpfers an den Menschen in dem Augenblick Ausdruck gefunden hat,
als dieser ihm die Erde anvertraute, damit er sie sich »unterwerfe«.(100)
Diese erste Botschaft ist im Geheimnis der Erlösung von Jesus Christus
neu bekräftigt worden. Das II. Vatikanische Konzil hat dies in den
wunderbaren Lehraussagen über die »Königswürde« des Menschen, das heißt
über seine Berufung zur Teilnahme am Königsamt - munus regale - Christi
dargelegt.(101) Der zentrale Sinn dieser »Königswürde« und dieser »Herrschaft«
des Menschen über die sichtbare Welt, die ihm vom Schöpfer als Aufgabe
anvertraut worden ist, besteht im Vorrang der Ethik vor der Technik, im
Primat der Person über die Dinge, in der Überordnung des Geistes über
die Materie.
Aus diesem Grund muß man alle Phasen des heutigen Fortschritts aufmerksam
verfolgen. Man muß unter diesem Gesichtspunkt gleichsam eine
Durchleuchtung seiner einzelnen Etappen vornehmen. Es handelt sich hier um
die Entwicklung von Personen und nicht nur der vielen Dinge, deren sich
die Personen bedienen können. Es geht - wie ein zeitgenössischer
Philosoph gesagt und auch das Konzil festgestellt hat - nicht so sehr
darum, »mehr zu haben«, sondern »mehr zu sein«.(102) In der Tat
besteht schon eine wirkliche, erkennbare Gefahr, daß der Mensch bei dem
enormen Fortschritt in der Beherrschung der gegenständlichen Welt die
entscheidenden Fäden, durch die er sie beherrscht, aus der Hand verliert
und ihnen auf verschiedene Weise sein Menschsein unterordnet und selbst
Objekt wird von vielfältigen, wenn auch oft nicht direkt wahrnehmbaren
Manipulationen durch die Organisation des gesellschaftlichen Lebens, durch
das Produktionssystem und durch den Druck der sozialen
Kommunikationsmittel. Der Mensch kann nicht auf sich selber verzichten
noch auf den Platz, der ihm in der sichtbaren Welt zukommt; er darf nicht
Sklave der Dinge, Sklave der Wirtschaftssysteme, Sklave der Produktion,
Sklave der eigenen Produkte werden. Eine Zivilisation von rein
materialistischem Charakter verurteilt den Menschen zu solcher Sklaverei,
wenn dies auch mitunter zweifellos gegen die Absichten und Programme ihrer
maßgeblichen Führer geschieht. Der gegenwärtigen Sorge um den Menschen
liegt ganz gewiß dieses Problem zugrunde. Es handelt sich hier nicht nur
darum, auf die Frage: Wer ist der Mensch? eine abstrakte Antwort zu geben.
Es geht vielmehr um den gesamten Dynamismus des Lebens und der
Zivilisation. Es geht um den Sinn der verschiedenen Initiativen des täglichen
Lebens und gleichzeitig um die Voraussetzungen für zahlreiche Programme
der Zivilisation, um politische, wirtschaftliche, soziale, staatliche und
viele andere Programme.
Wenn wir es wagen, die Situation des Menschen in der Welt von heute als
noch fern von den objektiven Forderungen der sittlichen Ordnung, von den
Forderungen der Gerechtigkeit und mehr noch von der sozialen Liebe zu
bezeichnen, so geschieht es deswegen, weil dies von den allgemein
bekannten Tatsachen und Gegenüberstellungen bestätigt wird, die auch
schon mehrmals in päpstlichen, konziliaren und synodalen Verlautbarungen
erwähnt worden sind.(103) Die Situation des Menschen in unserer Epoche
ist sicher nicht einförmig, sie ist auf vielfältige Weise differenziert.
Diese Differenzen haben ihre geschichtlichen Gründe, aber auch eine stark
ethische Komponente. Allgemein bekannt ist das Bild der
Konsumgesellschaft, die einen gewissen Überfluß an den für den Menschen
und die ganze Gesellschaft notwendigen Gütern besitzt - gemeint sind die
reichen und weit fortgeschrittenen Gesellschaften -, während die übrigen,
zumindest in weiten Schichten, Hunger leiden und viele Personen in ihnen täglich
an Hunger und Unterernährung sterben. Hand in Hand damit geht für die
einen ein bestimmter Mißbrauch der Freiheit, der mit einer
konsumistischen Verhaltensweise verbunden ist, die nicht von der Ethik gezügelt
wird; gleichzeitig wird dadurch die Freiheit der anderen beschränkt, die
schon großen Mangel leiden und somit in noch stärkere Armut und ins
Elend getrieben werden.
Dieser Vergleich, der allgemein bekannt ist, und der Gegensatz, auf den
die Päpste unseres Jahrhunderts, in jüngster Zeit Johannes XXIII. und
Paul VI.,(104) in ihren Lehrschreiben des öfteren hingewiesen haben,
erscheinen wie die gigantische Vergrößerung des biblischen Gleichnisses
vom reichen Prasser und dem armen Lazarus.(105)
Der Umfang des Problems führt uns zur Prüfung der Strukturen und
Mechanismen im Bereich der Finanzen und des Geldwertes, der Produktion und
des Handels, die mit Hilfe von verschiedenen politischen Druckmitteln die
Weltökonomie beherrschen: sie zeigen sich unfähig, die aus der
Vergangenheit überkommenen Ungerechtigkeiten aufzufangen oder den
Herausforderungen und ethischen Ansprüchen der Gegenwart standzuhalten.
Indem sie den Menschen selbstverursachten Spannungen aussetzen, in
beschleunigtem Tempo die Reserven an Grundmaterien und Energie vergeuden
und den geophysischen Lebensraum schädigen, bewirken sie, daß sich die
Zonen des Elends mit ihrer Last an Angst, Enttäuschung und Bitterkeit
unaufhörlich weiter ausdehnen.(106)
Diese dramatische Lage darf uns nicht gleichgültig sein: derjenige, der höchsten
Profit daraus zieht, und derjenige, der davon Unrecht und Schaden
erleidet, ist in jedem Fall der Mensch. Die dramatische Situation wird
noch dadurch verschärft, daß bessergestellte Gesellschaftsschichten
sowie die reichen Länder, die Werte im Übermaß anhäufen und oft durch
Mißbrauch von ihrem eigenen Reichtum krank werden, daran beteiligt sind.
Das Fieber der Inflation und die Plage der Arbeitslosigkeit sind weitere
Symptome dieser schweren moralischen Unordnung auf Weltebene, die darum kühne
und schöpferische Entscheidungen nötig macht,(107) wie sie die Würde
der menschlichen Person fordert.
Die Verwirklichung dieser Aufgabe ist nicht unmöglich. Das Prinzip der
Solidarität im weiteren Sinne muß die wirksame Suche nach Institutionen
und geeigneten Mechanismen bestimmen, sowohl im Bereich des Welthandels,
wo man sich von den Gesetzen eines gesunden Wettbewerbs leiten lassen
sollte, wie auch im Bereich einer umfassenden und unmittelbaren
Umverteilung der Reichtümer und ihrer Kontrolle, damit die Völker, die
noch auf dem Weg ihrer wirtschaftlichen Entwicklung sind, nicht nur ihre
wesentlichen Bedürfnisse befriedigen, sondern auch stufenweise, aber doch
wirksam vorankommen können.
Man wird auf diesem schwierigen Weg der unbedingt notwendigen Veränderung
der Strukturen des Wirtschaftslebens nur dann Fortschritte machen, wenn
eine wahre Umkehr der Mentalität, des Willens und des Herzens
stattfindet. Die Aufgabe erfordert den entschlossenen Einsatz der Menschen
und Völker in Freiheit und Solidarität. Allzu oft verwechselt man jedoch
Freiheit mit dem Instinkt für das individuelle oder kollektive Interesse
oder sogar mit dem Instinkt, sich durchzusetzen und zu beherrschen, ganz
gleich, mit welchen ideologischen Farben dies versehen wird. Offenbar
existieren solche Instinkte; es wird aber keine wirklich menschenwürdige
Wirtschaftspraxis geben, wenn diese nicht aufgegriffen, ausgerichtet und
geleitet werden durch die wertvolleren Kräfte im Innern des Menschen, von
denen die wahre Kultur der Völker abhängt. Von diesen Quellen muß das
Bemühen ausgehen, das der echten Freiheit des Menschen Gestalt gibt und
darum fähig sein wird, diese auch für den wirtschaftlichen Bereich zu
sichern. Das notwendige wirtschaftliche Wachstum mit seinen ihm eigenen
Gesetzmäßigkeiten muß in die Perspektive einer ganzheitlichen und
solidarischen Entwicklung der einzelnen Menschen und Völker einbezogen
werden, wie uns mein Vorgänger Paul VI. in der Enzyklika Populorum
Progressio mit Nachdruck in Erinnerung gerufen hat. Sonst wird der
Teilbereich »wirtschaftliches Wachstum«so übermächtig, daß er den
gesamten Bereich des menschlichen Lebens seinen partiellen Erfordernissen
unterordnet, dabei den Menschen erstickt, die Gesellschaft zersetzt und
schließlich in den eigenen Spannungen und Exzessen steckenbleibt.
Es ist durchaus möglich, eine solche Verpflichtung zu übernehmen; das
bezeugen einige sichere Fakten und all jene Resultate, die hier genauer
aufzuzählen schwierig wäre. Eines jedoch ist gewiß: bei dieser
ungeheueren Aufgabe muß man von vornherein den Inhalt der moralischen
Verantwortung, die der Mensch dabei übernehmen soll, genau festsetzen,
annehmen und weiter vertiefen. Subjekt der Verantwortung ist einzig und
allein der Mensch selbst. Für uns Christen wird eine solche Verantwortung
besonders offenkundig, wenn wir - und das sollten wir stets tun - uns an
das Geschehen des Jüngsten Gerichtes erinnern nach den Worten Christi,
die uns im Matthäusevangelium überliefert sind.(108)
Dieses eschatologische Bild muß immer auf die Geschichte des Menschen »angewandt«werden,
muß stets der »Maßstab« für die menschlichen Handlungen sein,
gleichsam ein Grundschema für die Gewissenserforschung eines jeden
einzelnen und von allen zusammen: »Ich war hungrig, und ihr habt mir
nichts zu essen gegeben; ... ich war nackt, und ihr habt mich nicht
bekleidet; ich war ... im Gefängnis, und ihr habt mich nicht besucht«.(109)
Diese Worte erhalten eine noch eindringlichere Mahnung, wenn wir daran
denken, daß anstelle von Brot und kultureller Hilfe den neuen Staaten und
Nationen, die zur Unabhängigkeit erwachen, mitunter große Mengen von
modernen Waffen und Zerstörungsmitteln angeboten werden, die bewaffneten
Auseinandersetzungen und Kriegen dienen sollen, welche in diesen Ländern
nicht so sehr für die Verteidigung ihrer legitimen Rechte oder ihrer
Souveränität notwendig sind, sondern vielmehr eine Form des
Chauvinismus, des Imperialismus, des Neokolonialismus verschiedenster Art
darstellen. Wir alle wissen, daß die Gebiete, in denen auf der Erde Elend
und Hunger herrschen, in kurzer Zeit hätten fruchtbar gemacht werden können,
wenn die ungeheueren Geldsummen anstatt für Waffen, die dem Krieg und der
Zerstörung dienen, zur Nahrungsmittelproduktion eingesetzt worden wären,
die dem Leben dient.
Vielleicht bleiben diese Überlegungen teilweise »abstrakt«, vielleicht
bieten sie der einen oder anderen »Seite« Gelegenheit, sich gegenseitig
anzuklagen, wobei jede ihre eigene Schuld vergißt. Vielleicht werden sie
auch neue Anklagen gegen die Kirche hervorrufen. Diese verfügt über
keine anderen Waffen als nur über die Waffen des Geistes, über Waffen
des Wortes und der Liebe; sie kann es aber nicht unterlassen, »das Wort
zu verkünden... zu gelegener und ungelegener Zeit«.(110) Deswegen hört
sie auch nicht auf, jede der beiden Seiten zu bitten und alle zusammen im
Namen Gottes und im Namen des Menschen aufzufordern: Tötet nicht! Bringt
den Menschen keine Zerstörung und Vernichtung! Denkt an eure Brüder, die
Hunger und Elend erleiden! Achtet die Würde und die Freiheit eines jeden
Menschen!
17. Menschenrechte:»Buchstabe« oder »Geist«
Unser Jahrhundert ist bisher ein Jahrhundert der großen Unglücke für
den Menschen, der großen Verwüstungen, nicht nur der materiellen,
sondern auch und vielleicht sogar vor allem der moralischen, gewesen. Es
ist gewiß nicht leicht, unter diesem Gesichtspunkt Epochen und
Jahrhunderte miteinander zu vergleichen; ihre Beurteilung hängt nämlich
auch von geschichtlichen Kriterien ab, die sich ändern. Aber auch ohne
solche Vergleiche muß man feststellen, daß dieses Jahrhundert bisher
eine Periode gewesen ist, in der die Menschen sich gegenseitig viele
Ungerechtigkeiten und Leiden zugefügt haben. Ist dieser Entwicklung nun
endgültig Einhalt geboten? Wir dürfen es in jedem Fall nicht
unterlassen, mit Achtung und großer Hoffnung für die Zukunft an die großartigen
Anstrengungen zu erinnern, mit denen man die Organisation der Vereinten
Nationen ins Leben gerufen hat; Anstrengungen, die darauf abzielen, die
objektiven und unverletzlichen Menschenrechte zu umschreiben und
festzusetzen, wobei sich die Mitgliedstaaten gegenseitig verpflichteten,
diese genau zu beachten. Die Verpflichtung ist von fast allen heutigen
Staaten übernommen und ratifiziert worden; das sollte eine Garantie dafür
sein, daß die Menschenrechte in der ganzen Welt zum Grundprinzip aller
Bemühungen um das Wohl des Menschen werden.
Die Kirche braucht nicht zu betonen, wie sehr dieses Problem mit ihrer
Sendung in der Welt von heute verbunden ist. Es bildet nämlich eine der
grundlegenden Voraussetzungen für den sozialen und internationalen
Frieden, wie Johannes XXIII., das II. Vatikanische Konzil und auch Paul
VI. in besonderen Dokumenten dargelegt haben. Letztlich führt sich der
Frieden zurück auf die Achtung der unverletzlichen Menschenrechte - opus
iustitiae pax -, während der Krieg aus der Verletzung dieser Rechte
entsteht und noch größere derartige Verletzungen nach sich zieht. Wenn
die Menschenrechte in Friedenszeiten verletzt werden, ist dies besonders
schmerzlich und stellt unter dem Gesichtspunkt des Fortschritts ein
unverständliches Phänomen des Kampfes gegen den Menschen dar, das auf
keine Weise mit irgendeinem Programm, das sich selbst als »humanistisch«
bezeichnet, in Einklang gebracht werden kann. Und welches soziale,
wirtschaftliche, politische und kulturelle Programm könnte auf diese
Bezeichnung verzichten? Wir hegen die tiefe Überzeugung, daß es in der
Welt von heute kein Programm gibt, in dem nicht, nicht einmal auf der
Ebene entgegengesetzter ideologischer Weltanschauungen, der Mensch immer
an die erste Stelle gesetzt wird.
Wenn aber nun trotz dieser Voraussetzungen die Menschenrechte auf
verschiedene Weise verletzt werden, wenn wir Zeugen von
Konzentrationslagern, von Gewalt und Torturen, von Terrorismus und vielfältigen
Diskriminierungen sind, so muß das eine Folge anderer Vorbedingungen
sein, die die Wirksamkeit der humanistischen Voraussetzungen in jenen
modernen Programmen und Systemen bedrohen oder oft auch zunichte machen.
Somit drängt sich notwendig die Pflicht auf, diese Programme unter dem
Gesichtspunkt der objektiven und unverletzlichen Menschenrechte einer ständigen
Revision zu unterziehen.
Die Menschenrechtserklärung, die in Verbindung mit der Errichtung der
Organisation der Vereinten Nationen erfolgte, hatte gewiß nicht nur das
Ziel, sich von den furchtbaren Erfahrungen des letzten Weltkrieges zu
distanzieren, sondern sollte auch eine Grundlage für eine solche ständige
Revision der Programme, Systeme und Regime schaffen, die unter diesem
einzigen grundlegenden Gesichtspunkt zu geschehen hat, dem Wohl des
Menschen, das heißt der Person in der Gesellschaft; dieses muß als
Grundfaktor des Gemeinwohls das wesentliche Kriterium für alle Programme,
Systeme und Regime bilden. Andernfalls ist das menschliche Leben, auch in
Friedenszeiten, zu verschiedenen Leiden verdammt; gleichzeitig damit
entwickeln sich verschiedene Formen von Vorherrschaft, von Totalitarismus,
Neokolonialismus, Imperialismus, die auch das Zusammenleben zwischen den
Nationen gefährden. Es ist in der Tat eine bezeichnende Tatsache, die
mehrmals durch die Erfahrungen der Geschichte bestätigt worden ist, daß
nämlich die Verletzung der Menschenrechte mit der Verletzung der Rechte
der Nation Hand in Hand geht; mit ihr ist der Mensch ja durch organische
Bande wie mit einer großen Familie verbunden.
Schon seit der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts, als sich verschiedene
totalitäre Staatssysteme entwickelten, die dann bekanntlich zu der
furchtbaren Kriegskatastrophe führten, hat die Kirche ihre Haltung gegenüber
diesen Regimen klar umrissen; denn diese handelten nur scheinbar im
Interesse eines höheren Gutes, nämlich für das Wohl des Staates, während
die Geschichte dagegen zeigen sollte, daß dies nur das Wohl einer
bestimmten Partei war, die sich mit dem Staat identifizierte.(111) In
Wirklichkeit haben diese Regime die Rechte der Bürger eingeschränkt,
indem sie ihnen die Anerkennung gerade jener unverletzlichen Bürgerrechte
versagten, die um die Mitte unseres Jahrhunderts auf internationaler Ebene
offiziell festgelegt und anerkannt worden sind. Während die Kirche die
Freude über diese Errungenschaft mit allen Menschen guten Willens, mit
allen Menschen, die die Gerechtigkeit und den Frieden wirklich lieben,
teilt, muß sie im Bewußtsein, daß der »Buchstabe« allein töten kann,
während nur »der Geist lebendig macht«,(112) zusammen mit diesen
Menschen guten Willens ständig fragen, ob die Erklärung der
Menschenrechte und die Annahme ihres »Buchstabens« überall auch die
Verwirklichung ihres »Geistes« bedeuten. Es erheben sich nämlich begründete
Befürchtungen, daß wir sehr oft noch ziemlich fern von dieser
Verwirklichung sind und der Geist des sozialen und öffentlichen Lebens
mitunter in einem schmerzlichen Gegensatz zum erklärten »Buchstaben«
der Menschenrechte steht. Ein solcher Stand der Dinge, der für die
betroffenen Gesellschaften eine Last ist, müßte diejenigen, die ihn
mitverursacht haben, gegenüber diesen Gesellschaften und der Geschichte
des Menschen in besonderer Weise verantwortlich machen.
Das Wesen des Staates als politischer Gemeinschaft besteht darin, daß die
Gesellschaft, die ihn bildet, das Volk, Herr seines eigenen Geschickes
ist. Dieser Sinn wird nicht verwirklicht, wo wir anstelle der Machtausübung
mit moralischer Beteiligung der Gesellschaft oder des Volkes sehen, daß
die Macht von einer bestimmten Gruppe allen anderen Gliedern dieser
Gesellschaft aufgezwungen wird. Dies sind wesentliche Dinge in unserer
Epoche, in der das soziale Bewußtsein der Menschen und damit verbunden
auch das Verlangen nach einer richtigen Beteiligung der Bürger am
politischen Leben der Gemeinschaft enorm gewachsen sind,(113) wenn auch für
die Art dieser Beteiligung die realen Möglichkeiten eines jeden Volkes
sowie die Notwendigkeit einer festen staatlichen Autorität berücksichtigt
werden müssen. Dies sind somit unter dem Gesichtspunkt des persönlichen
Fortschritts des Menschen und der gesamtheitlichen Entwicklung seines
Menschseins Probleme von erstrangiger Bedeutung.
Die Kirche hat stets gelehrt, daß es Pflicht ist, sich für das
Gemeinwohl einzusetzen, und hat dadurch auch für jeden Staat gute Bürger
erzogen. Sie hat ferner immer gelehrt, daß es die grundlegende
Verpflichtung der staatlichen Autorität ist, für das Gemeinwohl der
Gesellschaft Sorge zu tragen; hiervon leiten sich ihre Grundrechte ab.
Gerade wegen dieser Voraussetzungen, die der objektiven ethischen Ordnung
angehören, können die Rechte der staatlichen Gewalt nicht anders
verstanden werden als auf der Grundlage der Achtung der objektiven und
unverletzlichen Menschenrechte. Jenes Gemeinwohl, dem die Autorität im
Staate dient, ist nur dann voll verwirklicht, wenn alle Bürger ihrer
Rechte sicher sind. Andernfalls endet man beim Zusammenbruch der
Gesellschaft, gelangt man zum Widerstand der Bürger gegen die Autorität
oder zu einem Zustand der Unterdrückung, der Einschüchterung, der
Gewalt, des Terrors, wovon uns die Totalitarismen unseres Jahrhunderts
zahlreiche Beispiele gegeben haben. Auf diese Weise berührt das Prinzip
der Menschenrechte zutiefst den Bereich der sozialen Gerechtigkeit und
wird zum Maßstab für ihre grundlegende Überprüfung im Leben der
politischen Institutionen.
Zu diesen Rechten zählt man berechtigterweise auch das Recht auf
Religions- und Gewissensfreiheit. Das II. Vatikanische Konzil hat es als
besonders notwendig erachtet, zu diesem Thema eine ausführliche Erklärung
zu erarbeiten. Gemeint ist das Dokument Dignitatis humana,(114) in dem
nicht nur die theologische Konzeption des Problems ausgedrückt worden
ist, sondern dieses auch unter dem Aspekt des Naturrechts erörtert wird,
das heißt vom »rein menschlichen« Standpunkt aus, von jenen
Voraussetzungen her, die von der Erfahrung des Menschen, von seiner
Vernunft und vom Sinn der Menschenwürde gefordert sind. Die Einschränkung
der religiösen Freiheit von Personen und Gemeinschaften ist gewiß nicht
nur eine schmerzliche Erfahrung, sondern trifft vor allem auch die Würde
des Menschen unabhängig von der Religion, die einer bekennt, oder vom
Weltverständnis, das er hat. Die Beschränkung der Religionsfreiheit und
deren Verletzung stehen im Gegensatz zur Würde des Menschen und zu seinen
objektiven Rechten. Das obengenannte Konzilsdokument sagt hinreichend
deutlich, was eine solche Beschränkung der Religionsfreiheit bedeutet.
Zweifellos stehen wir hier vor einer tiefgreifenden Ungerechtigkeit gegenüber
allem, was den Menschen in seiner Tiefe betrifft, was wesentlich
menschlich ist. Denn sogar das Phänomen der Ungläubigkeit, der
Religionslosigkeit und des Atheismus versteht man als menschliches Phänomen
nur in Bezug zum Phänomen der Religion und des Glaubens. Es ist deshalb
schwierig, auch schon vom »rein menschlichen« Gesichtspunkt her eine
Position hinzunehmen, nach der nur der Atheismus das Bürgerrecht im öffentlichen
und sozialen Leben besitzt, während die gläubigen Menschen fast aus
Prinzip kaum geduldet oder als Bürger zweiter Klasse behandelt werden
oder sogar - was auch schon geschehen ist - der Bürgerrechte völlig
beraubt sind.
Auch dieses Thema mußte hier, wenn auch nur kurz, behandelt werden, weil
es zur Gesamtsituation des Menschen in der heutigen Welt gehört, weil es
bezeugt, wie sehr diese Situation durch Vorurteile und verschiedenartigste
Ungerechtigkeiten belastet ist. Wenn wir davon absehen, auf Einzelheiten
in diesem Bereich einzugehen, für den wir ein besonderes Recht und eine
besondere Pflicht haben, so geschieht das vor allem deshalb, weil wir
zusammen mit allen, die Qualen der Diskriminierung und der Verfolgung um
des Namens Gottes willen erdulden, vom Glauben an die erlösende Kraft des
Kreuzes geleitet werden. Dennoch möchte ich mich kraft meines Amtes im
Namen aller Gläubigen der ganzen Welt an diejenigen wenden, von denen in
irgendeiner Weise die Gestaltung des sozialen und öffentlichen Lebens abhängt.
Wir fordern von ihnen dringend die Achtung der Rechte der Religion und des
Wirkens der Kirche. Wir beanspruchen kein Privileg, sondern die Achtung
eines elementaren Rechtes. Die Verwirklichung dieses Rechtes ist eine der
grundlegenden Proben für den wahren Fortschritt des Menschen in einem
jeden Regime, in jeder Gesellschaft, in jedem System und in jeder Lage.
IV. DIE SENDUNG DER KIRCHE
UND DAS SCHICKSAL DES MENSCHEN
18. Die Kirche in ihrer Sorge um die Berufung des Menschen in Christus
Dieser notwendig summarische Blick auf die Situation des Menschen in der
Welt von heute läßt uns Herzen und Gedanken noch mehr auf Jesus
Christus, auf das Geheimnis der Erlösung richten, dem das Problem des
Menschen mit der starken Kraft der Wahrheit und Liebe eingeprägt ist.
Wenn Christus »sich gewissermaßen mit jedem Menschen vereinigt hat«,(115)
so lebt auch die Kirche, indem sie mit ihrer reichen und universalen
Sprache bis in das Innerste dieses Geheimnisses vordringt, noch tiefer
ihre eigene Natur und Sendung. Nicht umsonst spricht der Apostel Paulus
vom Leib Christi, der die Kirche ist.(116) Wenn nun dieser mystische Leib
Christi das Volk Gottes ist - wie daraufhin das II. Vatikanische Konzil
gestützt auf die ganze biblische und patristische Tradition sagen wird -,
so heißt das, daß jeder Mensch in ihm durchdrungen ist von jenem
Lebenshauch, der von Christus kommt. Auf diese Weise bewirkt auch die
Hinwendung zum Menschen, zu seinen konkreten Problemen, zu seinen erfüllten
und zerschlagenen Hoffnungen und Leiden, daß die Kirche selbst als Leib,
als Organismus, als soziale Einheit, die gleichen göttlichen Impulse, die
Eingebungen und Kräfte des Geistes wahrnimmt, die vom gekreuzigten und
auferstandenen Christus herkommen; und gerade dafür lebt und wirkt sie.
Die Kirche hat kein anderes Leben außer jenem, das ihr von ihrem Bräutigam
und Herrn geschenkt wird. In der Tat, weil Christus in seinem Geheimnis
der Erlösung sich mit ihr vereint hat, muß auch die Kirche mit jedem
Menschen eng verbunden sein.
Diese Vereinigung Christi mit dem Menschen ist in sich selbst ein
Geheimnis, aus dem der »neue Mensch« hervorgeht, berufen zur Teilnahme
am Leben Gottes,(117) neugeschaffen in Christus zur Fülle der Gnade und
Wahrheit.(118) Die Einheit Christi mit dem Menschen ist Kraft und zugleich
Quelle der Kraft, nach dem markanten Wort des hl. Johannes im Prolog
seines Evangeliums: »Das Wort gab Macht, Kinder Gottes zu werden«.(119)
Sie ist die Kraft, die den Menschen innerlich umgestaltet, das Prinzip
eines neuen Lebens, das nicht dahinschwindet und vergeht, sondern Dauer
hat für das ewige Leben.(120) Dieses Leben, einem jeden Menschen zugesagt
und vom Vater angeboten in Jesus Christus, dem ewigen und eingeborenen
Sohn, der in der Fülle der Zeit(121) Fleisch geworden und geboren ist aus
der Jungfrau Maria, ist die endgültige Erfüllung der Berufung des
Menschen. Es ist in gewisser Weise Erfüllung jenes »Schicksals«, das
ihm Gott von Ewigkeit her bereitet hat. Dieses »göttliche Schicksal«
geht weiter, über alle Rätsel, unbekannte Größen, Umwege und Windungen
des »menschlichen Schicksals« in der zeitlichen Welt hinaus. Wenn nämlich
all dies, auch bei allem Reichtum des zeitlichen Lebens, mit
unvermeidbarer Notwendigkeit an die Grenze des Todes und in die Nähe der
Auflösung unseres Leibes führt, dann erscheint uns Christus jenseits
dieser Grenze: »Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich
glaubt, wird in Ewigkeit nicht sterben«.(122) In Jesus Christus, der
gekreuzigt und begraben wurde und wieder auferstanden ist, »erstrahlt uns
die Hoffnung, daß wir zur Seligkeit auferstehn..., die Verheißung der künftigen
Unsterblichkeit«,(123) auf die der Mensch durch den Tod des Leibes
zugeht, da er mit der ganzen sichtbaren Schöpfung demselben Zwang
unterliegt, dem die Materie unterworfen ist. Wir beabsichtigen und
versuchen, den Aussagegehalt jener Wahrheit immer mehr zu vertiefen, die
der Erlöser des Menschen in dem Satz ausgedrückt hat: »Der Geist ist
es, der Leben schafft, das Fleisch nützt nichts«.(124) Diese Worte drücken
entgegen allem Anschein die höchste Bejahung des Menschen aus: die
Bejahung des Leibes, den der Geist lebendig macht!
Die Kirche lebt diese Wirklichkeit, sie lebt aus dieser Wahrheit über den
Menschen, die ihr erlaubt, die Grenzen der Zeitlichkeit zu überschreiten
und gleichzeitig mit besonderer Liebe und Sorge an all das zu denken, was
in den Dimensionen dieser Zeitlichkeit das Leben des Menschen und des
menschlichen Geistes entscheidend prägt, in dem sich nach den Worten des
hl. Augustinus jene immerwährende Unruhe bekundet: »Du hast uns, o Herr,
für dich geschaffen, und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in
dir«.(125) In dieser schöpferischen Unruhe schlägt und pulsiert das,
was zutiefst menschlich ist: die Suche nach der Wahrheit, der unstillbare
Durst nach dem Guten, der Hunger nach Freiheit, die Sehnsucht nach dem Schönen,
die Stimme des Gewissens. Die Kirche, die versucht, den Menschen gleichsam
mit »den Augen Christi selbst« zu betrachten, wird sich immer mehr bewußt,
die Hüterin eines großen Schatzes zu sein, den sie nicht vergeuden darf,
sondern vielmehr ständig mehren muß. In der Tat hat Christus gesagt: »Wer
nicht mit mir sammelt, der zerstreut«.(126) Dieser Schatz der Menschheit,
der durch das unausprechliche Geheimnis der Gotteskindschaft,(127) der
gnadenhaften Annahme an Kindes Statt(128) im eingeborenen Sohn Gottes noch
reicher geworden ist, durch dessen Vermittlung wir zu Gott »Abba, Vater«(129)
sagen, ist zugleich eine gewaltige Kraft, die die Kirche vor allem von
innen her eint und ihrer ganzen Tätigkeit Sinn verleiht. Durch diese
Kraft vereint sich die Kirche mit dem Geist Christi, mit jenem Heiligen
Geist, den der Erlöser versprochen hatte, der sich beständig mitteilt
und dessen Herabkunft am Pfingstfest offenbar geworden ist und für immer
fortdauert. So offenbaren sich in den Menschen die Kräfte des
Geistes,(130) die Gaben des Geistes,(131) die Früchte des Heiligen
Geistes.(132) Die Kirche unserer Zeit scheint mit immer größerem Eifer
inständig und beharrlich zu wiederholen: »Komm, Heiliger Geist!« Komm!
Komm! »Was befleckt ist, wasche rein! Dürrem gieße Leben ein! Heile du,
wo Krankheit quält! Löse, was in sich erstarrt! Wärme du, was kalt und
hart! Lenke, was den Weg verfehlt!«.(133)
Dieses inständige Gebet zum Geist und um den Geist zu empfangen, ist die
Antwort auf alle »Materialismen« unserer Epoche. Sie sind es ja, die so
viele Formen unstillbarer Sehnsucht in unserem Herzen hervorrufen. Diesen
Gebetsruf kann man an verschiedenen Stellen hören, und es scheint, daß
er auch auf verschiedene Weise Frucht bringt. Kann man also sagen, daß
die Kirche mit diesem Gebet nicht allein ist? Ja, das kann man, weil »das
Bedürfnis« nach dem Spirituellen auch bei Personen Ausdruck findet, die
außerhalb der sichtbaren Grenzen der Kirche stehen.(134) Wird dies nicht
auch von jener Wahrheit über die Kirche bestätigt, die vom letzten
Konzil in der Dogmatischen Konstitution Lumen Gentium mit solcher Klarheit
hervorgehoben wurde, indem es lehrt, daß die Kirche »gleichsam das
Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung
mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit« ist?(135) Diese
Anrufung des Geistes und im Geist ist nichts anderes als ein beständiges
Sichvertiefen in die volle Dimension des Geheimnisses der Erlösung, in
der Christus, vereint mit dem Vater und mit jedem Menschen, uns ständig
jenen Geist mitteilt, der in uns das Bewußtsein von Söhnen erzeugt und
uns zum Vater hinlenkt.(136) Deswegen muß sich die Kirche unserer Zeit -
einer Zeit, die besonders nach dem Geist hungert, weil sie hungert nach
Gerechtigkeit und Frieden, nach Liebe und Güte, nach Starkmut und
Verantwortung, nach Menschenwürde - auf jenes Geheimnis konzentrieren und
sich in ihm versammeln, damit sie darin das Licht und die unentbehrliche
Kraft für die eigene Sendung empfängt. Wenn der Mensch - wie schon früher
gesagt worden ist - wirklich der Weg des täglichen Lebens der Kirche ist,
dann muß diese sich der Würde der Gotteskindschaft, die der Mensch in
Christus durch die Gnade des Heiligen Geistes(137) erhält, und seiner
Bestimmung zur Gnade und zur Herrlichkeit immer bewußt sein.(138) Indem
die Kirche all dies immer neu bedenkt und es sich mit immer bewußterem
Glauben und mit immer stärkerer Liebe zu eigen macht, wird sie
gleichzeitig fähiger für jenen Dienst am Menschen, zu dem Christus, der
Herr, sie beruft, wenn er sagt: »Der Menschensohn... ist nicht gekommen,
sich bedienen zu lassen, sondern zu dienen«.(139) Die Kirche verwirklicht
diesen Auftrag, indem sie teilnimmt »am dreifachen Amt«, das ihr Meister
und Erlöser selbst innehat. Diese Lehre, zusammen mit ihrer biblischen
Begründung, ist vom II. Vatikanischen Konzil zum großen Nutzen für das
Leben der Kirche wieder leuchtend herausgestellt worden. Denn wenn wir uns
der Teilnahme und der dreifachen Sendung Christi, an seinem dreifachen Amt
- dem Priester-, Propheten- und Königsamt(140) - bewußt werden,
verstehen wir gleichzeitig besser, welches der Dienst der ganzen Kirche
als Gesellschaft und Gemeinschaft des Volkes Gottes auf Erden ist, und
verstehen ebenfalls, worin die Teilnahme eines jeden von uns an dieser
Sendung und an diesem Dienst bestehen muß.
19. Die Verantwortung der Kirche für die Wahrheit
Im Licht der feierlich verkündeten Lehre des II. Vatikanischen Konzils
steht uns die Kirche als die Gemeinschaft vor Augen, die für die göttliche
Wahrheit verantwortlich ist. In tiefer Ergriffenheit hören wir Christus
selbst sprechen: »Das Wort, das ihr hört, ist nicht mein Wort, sondern
das des Vaters, der mich gesandt hat«.(141) Wird uns nicht in dieser
Aussage unseres Herrn die Verantwortung für die geoffenbarte Wahrheit
deutlich, die ja Gottes persönliches »Eigentum« ist, wenn selbst er, »der
eingeborene Sohn«, der »am Herzen des Vaters ruht«,(142) es für
notwendig hält zu betonen, daß er in vollkommener Treue zu seinem göttlichen
Ursprung handelt, wenn er diese Wahrheit als Prophet und Meister
weitergibt? Die gleiche Treue muß ein wesentlicher Bestandteil des
Glaubens der Kirche sein, wenn sie ihn lehrt oder verkündet. Der Glaube,
der als eine besondere übernatürliche Tugend dem menschlichen Geist
eingegossen ist, läßt uns am Erkennen Gottes teilhaben, wenn wir auf
sein geoffenbartes Wort antworten. Darum muß die Kirche, wenn sie den
Glauben bekennt und lehrt, sich eng an die göttliche Wahrheit anschließen(143)
und sie als den ihr angemessenen Gottesdienst(144) in ihrem Leben ausprägen.
Um diese Treue zur göttlichen Wahrheit zu gewährleisten, hat Christus
der Kirche den besonderen Beistand des Geistes der Wahrheit verheißen. Er
hat jenen die Gabe der Unfehlbarkeit(145) verliehen, die den Auftrag
haben, diese Wahrheiten zu verbreiten und zu lehren,(146) wie es schon das
I. Vatikanische Konzil(147) klar definiert und dann das II. Vatikanische
Konzil(148) wiederholt hat. Das ganze Volk Gottes hat er außerdem mit
einem besonderen Glaubenssinn(149) ausgestattet.
So sind wir also Teilhaber an dieser prophetischen Sendung Christi
geworden, und aus der Kraft der gleichen Sendung dienen wir zusammen mit
ihm der göttlichen Wahrheit in der Kirche. Die Verantwortung für eine
solche Wahrheit bedeutet auch, sie zu lieben und möglichst genau zu
verstehen zu suchen, damit sie uns selbst und den anderen in all ihrer erlösenden
Kraft, in ihrem hellen Glanz, in ihrer Tiefe und zugleich Einfachheit
immer vertrauter wird. Diese Liebe und das Verlangen, die Wahrheit besser
zu verstehen, müssen zusammengehen, wie die Lebensgeschichten der
Heiligen in der Kirche bestätigen. Das wahre Licht, das die göttliche
Wahrheit erhellt und uns so die Wirklichkeit Gottes selbst näherbringt,
hat immer diejenigen am meisten erleuchtet, die in Ehrfurcht und Liebe
dieser Wahrheit begegnet sind: Liebe vor allem zu Christus, dem lebendigen
Wort der göttlichen Wahrheit, und dann Liebe zu dessen menschlichem
Ausdruck im Evangelium, in der Tradition und in der Theologie. Auch heute
brauchen wir vor allem anderen ein solches Verständnis und eine solche
Auslegung des Wortes Gottes sowie eine solche Theologie. Die Theologie ist
heute, genau so wie früher, sehr wichtig dafür, daß die Kirche, das
Volk Gottes, in kreativer und fruchtbarer Weise an der prophetischen
Sendung Christi teilnehmen kann. Darum dürfen die Theologen, wenn sie als
Diener an der göttlichen Wahrheit sich in ihren Studien und Arbeiten
einem immer tiefer eindringenden Verständnis widmen, niemals die
Bedeutung ihres Dienstes in der Kirche aus den Augen verlieren, wie sie in
dem Begriff »intellectus fidei« (= »verstehender Glaube«) enthalten
ist. Dieser Doppelbegriff gilt in zweifacher Richtung nach der Formel »intellege,
ut credas - crede, ut intellegas« (= »verstehe, um zu glauben - glaube,
um zu verstehen«)(150) und kommt dort voll zum Tragen, wo man dem
Lehramt, das in der Kirche den Bischöfen anvertraut ist, die ihrerseits
mit dem Nachfolger des Petrus in hierarchischer Einheit verbunden sind, zu
dienen sucht und sich ihrer Sorge für die Verkündigung und Pastoral
sowie den apostolischen Initiativen des ganzen Gottesvolkes zur Verfügung
stellt.
Wie in früheren Epochen so sind auch heute - und heute vielleicht noch
dringender - die Theologen und alle Wissenschaftler in der Kirche
aufgerufen, den Glauben mit ihrem Wissen und inrer Weisheit zu verbinden,
damit diese sich gegenseitig durchdringen können, wie wir es in der
Oration zum Fest des hl. Kirchenlehrers Albert lesen. Diese Aufgabe hat
sich heute durch den Fortschritt der Wissenschaft, ihrer Methoden und
Resultate in der Kenntnis der Welt und des Menschen enorm erweitert. Das
betrifft die Naturwissenschaften ebenso wie die Geisteswissenschaften und
auch die Philosophie, deren enge Verbindung mit der Theologie das II.
Vatikanische Konzil in Erinnerung gerufen hat.(151)
In diesem Bereich menschlichen Wissens, der sich fortwährend ausweitet
und auffächert, muß sich auch der Glaube beständig vertiefen, indem er
auf die Dimension des geoffenbarten Geheimnisses hinweist und sich um das
Verständnis der Wahrheit bemüht, die in Gott ihre einzige und höchste
Quelle hat. Wenn es auch erlaubt ist - und man sollte es sogar wünschen
-, daß bei der Durchführung dieses weiten Arbeitsauftrages eine gewisse
Vielfalt an Methoden in Betracht kommt, so darf sich doch diese Tätigkeit
nicht von der fundamentalen Einheit in der Verkündigung des Glaubens und
der Moral als einem Ziel, das ihr wesentlich ist, entfernen. Darum ist
eine enge Zusammenarbeit der Theologie mit dem Lehramt unentbehrlich.
Jeder Theologe muß sich in besonderer Weise dessen bewußt sein, was
Christus selbst gemeint hat, wenn er sagte: »Das Wort, das ihr hört, ist
nicht mein Wort, sondern das des Vaters, der mich gesandt hat«.(152)
Niemand darf deshalb aus der Theologie so etwas machen wie eine einfache
Sammlung von eigenen persönlichen Auffassungen; sondern jeder muß darauf
bedacht sein, in enger Verbindung zu bleiben mit dem Sendungsauftrag, die
Wahrheit zu lehren, für die die Kirche verantwortlich ist.
Die Teilnahme am prophetischen Amt Christi formt das Leben der ganzen
Kirche von Grund auf. Einen besonderen Anteil an diesem Auftrag haben die
Hirten der Kirche, die in die Wahrheit Christi einführen und in beständiger,
vielfältiger Weise die Lehre des Glaubens und der christlichen Moral verkündigen
und ausbreiten. Diese Glaubensunterweisung - sei es in der Mission sei es
unter den Christen selbst - trägt dazu bei, daß das Volk Gottes sich um
Christus versammelt; sie bereitet auf die Teilnahme an der Eucharistie vor
und gibt die Wege für ein Leben aus der Kraft des Sakramentes an. Die
Bischofssynode vom Jahre 1977 hat ihre besondere Aufmerksamkeit der
Katechese in der heutigen Welt gewidmet, und die reife Frucht ihrer
Beratungen, Erfahrungen und Anregungen wird bald - einem Vorschlag der
Teilnehmer der Synode entsprechend - in einem eigenen päpstlichen
Dokument erscheinen. Die Katechese ist sicherlich eine dauerhafte und
grundlegende Form des Wirkens der Kirche; hierin zeigt sich ihr
prophetisches Charisma: Glaubenszeugnis und Unterweisung gehören
zusammen. Wenn es hierbei auch in erster Linie um die Priester geht, dürfen
wir doch in keiner Weise die große Zahl von Ordensleuten übersehen, die
aus Liebe zu Christus in der Katechese tätig sind. Ebenso müssen wir
schließlich die zahlreichen Laien erwähnen, die durch solche Tätigkeit
den Glauben und ihre apostolische Verantwortung konkret leben.
Wir müssen außerdem dafür Sorge tragen, daß die verschiedenen Formen
der Katechese in ihren vielfältigen Bereichen - angefangen bei jener
grundlegenden Form, die die Katechese in der Familie darstellt, das heißt
die Katechese der Eltern für ihre eigenen Kinder - die breite Teilnahme
des ganzen Gottesvolkes am prophetischen Amt Christi aufweisen. So muß,
hiermit verbunden, die Verantwortung der Kirche für die göttliche
Wahrheit immer mehr und in unterschiedlicher Weise von allen geteilt
werden. Wir denken dabei auch an die Fachleute der verschiedenen
Disziplinen, an die Vertreter der Natur- und Geisteswissenschaften, an die
Ärzte, die Juristen, die Künstler, die Ingenieure, an die Lehrer der
verschiedenen Grade und Spezialisierungen. Sie alle haben als Mitglieder
des Volkes Gottes ihren eigenen Anteil an der prophetischen Sendung
Christi, an seinem Dienst für die göttliche Wahrheit. Das gilt schon für
ihre lautere Einstellung zu jeglicher Wahrheit und immer dann, wenn sie
andere zur Wahrheit erziehen und sie lehren, in der Liebe und
Gerechtigkeit zu reifen. So stellt das Verantwortungsbewußtsein für die
Wahrheit eine der wichtigsten Stellen dar, wo die Kirche jedem Menschen
begegnen kann, und ist zugleich eine wesentliche Anforderung, die die
Berufung des Menschen in der Gemeinschaft der Kirche bestimmt. Angeleitet
vom Bewußtsein, für die Wahrheit verantwortlich zu sein, muß die Kirche
unserer Tage ihrer eigenen Natur treu bleiben, zu der die prophetische
Sendung gehört, die von Christus selbst herstammt: »Wie mich der Vater
gesandt hat, so sende ich euch.... Empfangt den Heiligen Geist«.(153)
20. Eucharistie und Buße
Im Geheimnis der Erlösung, das heißt im Heilswerk, das Christus wirkt,
hat die Kirche Anteil an der Frohen Botschaft ihres Meisters; nicht nur
durch ihr treues Hören auf sein Wort und durch die Verkündigung dieser
Wahrheit, sondern gleichermaßen auch durch einen Akt gläubiger Hingabe
in Liebe erfährt sie die Kraft seines erlösenden Wirkens, das er in die
Zeichen der Sakramente, vor allem in die hl. Eucharistie,(154)
hineingelegt hat. Diese ist die Mitte und der Gipfel von allem
sakramentalen Leben, durch das jeder Christ die heilende Kraft der Erlösung
empfängt, beginnend beim Geheimnis der Taufe, das uns eintauchen läßt
in den Tod Christi, um uns dann auch an seiner Auferstehung teilnehmen zu
lassen,(155) wie der Apostel Paulus uns lehrt. Im Licht dieser Lehre wird
es noch klarer, warum das ganze sakramentale Leben der Kirche und eines
jeden Christen seinen Höhepunkt und seine Fülle gerade in der
Eucharistie erreicht. In diesem Sakrament erneuert sich ja fortwährend
nach dem Willen Christi das Geheimnis des Opfers, das er selbst durch
seine Hingabe auf dem Altar des Kreuzes dem Vater dargebracht hat: ein
Opfer, das der Vater angenommen hat, indem er für diese Ganzhingabe
seines Sohnes, der »gehorsam wurde bis zum Tod«,(156) die ihm als Vater
eigene Gabe schenkte, ein neues, ewiges Leben in der Auferstehung; denn
der Vater ist die erste Quelle und der Spender des Lebens von Anbeginn.
Dieses neue Leben, das auch die leibliche Verherrlichung Christi, des
Gekreuzigten, umfaßt, ist wirkkräftiges Zeichen der neuen Gabe geworden,
die der Menschheit zuteil geworden ist, der Gabe des Heiligen Geistes,
durch den das göttliche Leben, das der Vater in sich hat und seinem Sohne
gibt,(157) an alle Menschen weitergegeben wird, die mit Christus vereint
sind.
Die Eucharistie ist das vollkommenste Sakrament für diese Einheit. Indem
wir die Eucharistie feiern und uns in sie aufnehmen lassen, gelangen wir
zur Einheit mit dem irdischen und dem verherrlichten Christus, unserem Fürsprecher
beim Vater;(158) diese Einheit aber kommt immer durch den erlösenden Akt
seines Opfers zustande, durch den er uns befreit hat, indem er uns »für
ein teures Lösegeld freigekauft« hat.(159) Der »hohe Preis« unserer
Erlösung beweist zugleich den Wert, den Gott selbst dem Menschen beimißt,
beweist unsere Würde in Christus. Dadurch daß wir »Kinder Gottes«(160)
werden, »an Sohnes Statt angenommen«,(161) werden wir zugleich, ähnlich
wie er, zu »Königen und Priestern«, erhalten wir das »königliche
Priestertum«,(162) das heißt, wir nehmen teil an jener einzigartigen
bleibenden Übergabe des Menschen und der Welt an den Vater, die er, der
Sohn von Ewigkeit her(163) und zugleich wahrer Mensch, ein für allemal
vollzogen hat. Die Eucharistie ist das Sakrament, in dem sich in
vollendeter Weise unser neues Sein ausdrückt: Christus selbst legt hierin
fortwährend und immer wieder neu im Heiligen Geist Zeugnis ab für
unseren Geist,(164) daß jeder von uns durch die Teilnahme am Geheimnis
der Erlösung Zugang hat zu den Früchten der Versöhnung mit Gott,(165)
dem Vater, die der Sohn selbst durch den Dienst der Kirche gewirkt hat und
immer wieder unter uns wirkt.
Es ist eine grundlegende Wahrheit, nicht nur lehrmäßiger, sondern auch
existentieller Natur, daß die Eucharistie die Kirche aufbaut;(166) sie
baut diese auf als die wahre Gemeinschaft des Volkes Gottes, als
Versammlung der Gläubigen, die von demselben Merkmal der Einheit
gekennzeichnet ist, das schon die Apostel und ersten Jünger des Herrn
ausgezeichnet hat. Die Eucharistie baut immer wieder neu diese
Gemeinschaft und Einheit auf; sie baut diese stets auf und erneuert sie in
der Kraft des Opfers Christi, weil sie seines Todes am Kreuze
gedenkt,(167) durch dessen Preis wir von ihm erlöst worden sind. Wir rühren
deshalb in der Eucharistie in gewisser Weise an das Geheimnis selbst des
Leibes und Blutes des Herrn, wie es die Worte im Augenblick der Einsetzung
bezeugen, kraft deren sie auf immer die Worte der Eucharistiefeier für
jene geworden sind, die zu diesem Geheimnis in der Kirche berufen sind.
Die Kirche lebt von der Eucharistie, lebt aus der Fülle dieses
Sakramentes, dessen wunderbarer Gehalt und Sinn in den Verlautbarungen des
Lehramtes der Kirche seit den ältesten Zeiten bis in unsere Tage oft
dargestellt worden sind.(168) Dennoch können wir mit Sicherheit sagen, daß
diese Lehre - die von den tiefsinnigen Theologen, von Männern tiefen
Glaubens und des Gebetes, von Asketen und Mystikern in ihrer Treue zum
eucharistischen Geheimnis stets bekannt worden ist - fast immer nur an der
Schwelle stehenbleibt, da sie das, was die Eucharistie in ihrer ganzen Fülle
ist und bezeichnet und was in ihr geschieht, nicht in Worten auszudrücken
vermag. Sie ist in der Tat ein unaussprechliches Sakrament! Die
entscheidende Pflicht und vor allem die sichtbare Gnade und Quelle der übernatürlichen
Kraft der Kirche als Volk Gottes bestehen darin, im eucharistischen Leben
und in der eucharistischen Frömmigkeit stets zu verharren und
fortzuscheiten und sich selbst unter dem Einfluß der Eucharistie
geistlich zu entfalten. Gerade darum dürfen wir diesem wahrhaft
allerheiligsten Sakrament nicht durch die Art und Weise unseres Denkens,
Lebens und Handelns seine volle Dimension und seine wesentliche Bedeutung
nehmen. Dieses Sakrament ist zugleich Opfer, Kommunion und Gegenwart.
Obgleich es richtig ist, daß die Eucharistie immer die tiefste
Offenbarung und Feier der menschlichen Brüderlichkeit unter den Jüngern
und Zeugen Christi gewesen ist und noch weiter sein muß, darf sie nicht
nur als eine »Gelegenheit« benutzt werden, um diese Brüderlichkeit zu
bekunden. In der Feier des Sakramentes des Leibes und Blutes des Herrn muß
man die volle Dimension des göttlichen Geheimnisses und den vollen Sinn
dieses sakramentalen Zeichens beachten, bei dem der wahrhaft gegenwärtige
Christus empfangen, die Seele mit Gnaden beschenkt und ein Unterpfand der
künftigen Herrlichkeit gegeben wird.(169) Daraus ergibt sich die Pflicht
einer gewissenhaften Beobachtung der liturgischen Normen und alles dessen,
was den gemeinschaftlichen Gottesdienst bezeugt, der Gott selbst
dargebracht wird; und das um so mehr, weil er sich unter diesem
sakramentalen Zeichen mit grenzenlosem Vertrauen uns überantwortet, als
ob er unserer menschlichen Schwäche und Unwürdigkeit, den Gewohnheiten,
der »Routine« oder sogar der Möglichkeit von Beleidigungen keine
Beachtung schenke. In der Kirche müssen alle, besonders aber die Bischöfe
und Priester, darüber wachen, daß dieses Sakrament der Liebe den
Mittelpunkt im Leben des Gottesvolkes bildet, auf daß durch alle
Ausdrucksformen des geschuldeten Kultes Christus »Liebe für Liebe«
erwiesen wird und er wirklich das »Leben unserer Seele«(170) wird. Auf
der anderen Seite können wir niemals die folgenden Worte des hl. Paulus
vergessen: »Jeder soll sich selbst prüfen, und dann soll er von dem Brot
essen und aus dem Kelch trinken«.(171)
Diese Einladung des Apostels zeigt, zumindest indirekt, das enge Band
zwischen der Eucharistie und der Buße. Wenn nämlich das erste Wort in
der Verkündigung Christi, der erste Satz der Frohen Botschaft des
Evangeliums gewesen ist: »Bekehret euch und glaubt an das Evangelium« (metanoeite),(172)
so scheint das Sakrament des Leidens, des Kreuzes und der Auferstehung
diese Einladung in unseren Seelen auf ganz besondere Weise zu verstärken
und zu festigen. Die Eucharistie und die Buße werden so in gewissem Sinn
eine zweifache und zugleich innerlich verbundene Dimension des
authentischen Lebens im Geist des Evangeliums, des wahrhaft christlichen
Lebens. Christus, der zum eucharistischen Mahl einlädt, ist stets
derselbe Christus, der zur Buße ermahnt, der das »Bekehret euch«(173)
wiederholt. Ohne diese ständigen und immer wieder neuen Bemühungen um
die Bekehrung wäre die Teilnahme an der Eucharistie der vollen erlösenden
Wirklichkeit beraubt, würde sie herabgemindert oder in ihr allgemein jene
besondere Fähigkeit geschwächt, Gott das geistige Opfer
darzubringen,(174) in dem sich auf grundlegende und umfassende Weise
unsere Teilnahme am Priestertum Christi ausdrückt. In Christus ist das
Priestertum nämlich verbunden mit dem eigenen Opfer, mit seiner Hingabe
an den Vater. Diese Hingabe ruft, da sie unbegrenzt ist, in uns Menschen,
die wir vielfältigen Begrenzungen unterliegen, das Bedürfnis wach, uns
in immer reiferer Form und durch eine beständige und immer tiefere
Bekehrung zu Gott hinzuwenden.
In den letzten Jahren ist viel unternommen worden, um - im Einklang übrigens
mit der ältesten Tradition der Kirche - den gemeinschaftlichen Aspekt der
Buße und vor allem des Bußsakramentes im praktischen Leben der Kirche
gebührend herauszustellen. Diese Initiativen sind nützlich und werden
gewiß zur Bereicherung der Bußpraxis in der Kirche von heute beitragen.
Wir dürfen jedoch nicht vergessen, daß die Bekehrung ein innerer Akt von
besonderer Tiefe ist, bei dem der Mensch nicht durch andere ersetzt werden
kann noch sich durch die Gemeinschaft »vertreten« lassen kann. Wenn auch
die brüderliche Ge meinschaft der Gläubigen, die an der Bußfeier
teilnehmen, für den Akt der persönlichen Bekehrung von großem Nutzen
ist, muß sich schließlich doch der einzelne selbst in diesem Akt äußern
mit der ganzen Tiefe seines Bewußtseins, in voller Einsicht seiner Schuld
und mit Gottvertrauen, indem er wie der Psalmist vor Gott hintritt, um zu
bekennen: »Gegen dich habe ich gesündigt«.(175) Die Kirche verteidigt
also, indem sie die jahrhundertealte Praxis des Bußsakramentes bewahrt -
die Praxis der individuellen Beichte in Verbindung mit dem persönlichen
Akt der Reue und dem Vorsatz, sich zu bessern und wiedergutzumachen -, das
besondere Recht der menschlichen Seele. Es ist das Recht zu einer mehr
persönlichen Begegnung des Menschen mit dem gekreuzigten Christus, der
verzeiht, mit Christus, der durch den Spender des Sakramentes der Versöhnung
sagt: »Deine Sünden sind dir vergeben«;(176) »Geh und sündige von
jetzt an nicht mehr«.(177) Offenkundig ist es gleichzeitig auch das Recht
Christi selbst hinsichtlich eines jeden Menschen, der von ihm erlöst
worden ist. Es ist das Recht, jedem von uns in jenem entscheidenden
Augenblick des Lebens der Seele, nämlich dem der Bekehrung und des
Verzeihens, zu begegnen. Indem die Kirche das Bußsakrament bewahrt, bekräftigt
sie ausdrücklich ihren Glauben an das Geheimnis der Erlösung als eine
lebendige und lebenspendende Wirklichkeit, die der inneren Wahrheit des
Menschen, der menschlichen Schuld und auch der Sehnsucht des menschlichen
Gewissens entspricht. »Selig, die hungern und dürsten nach der
Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden«.(178) Das Bußsakrament ist
das Mittel, um den Menschen mit jener Gerechtigkeit zu sättigen, die vom
Erlöser selber kommt.
In der Kirche, die sich besonders in unserer Zeit um die Eucharistie
versammelt und dabei wünscht, daß die authentische eucharistische
Gemeinschaft zum Zeichen der Gemeinschaft aller Christen wird, einer
Einheit, die stufenweise heranreift, muß das Bedürfnis nach Buße
lebendig bleiben, sei sie sakramentaler(179) oder mehr asketischer Natur.
Dieser zweite Aspekt ist von Paul VI. in der Apostolischen Konstitution
Paenitemini(180) dargelegt worden. Eine der Aufgaben der Kirche ist es,
die darin enthaltene Lehre in die Praxis umzusetzen. Gewiß muß dieses
Thema von uns auch noch in gemeinsamen Überlegungen vertieft und zum
Gegenstand vieler weiterer Entscheidungen gemacht werden, die im Geist
pastoraler Kollegialität zu treffen sind, wobei man die verschiedenen
diesbezüglichen Traditionen und die verschiedenen Lebensverhältnisse der
Menschen von heute mitberücksichtigen wird. Dennoch ist sicher, daß die
Kirche des neuen Advents, die Kirche, die sich beständig auf die neue
Ankunft des Herrn vorbereitet, die Kirche der Eucharistie und der Buße
sein muß. Nur unter diesem geistlichen Profil ihrer Lebendigkeit und
ihres Handelns ist sie die Kirche der göttlichen Sendung, die Kirche im
Zustand der »Mission«, so wie sie uns das II. Vatikanische Konzil
dargestellt hat.
21. Die Berufung des Christen: dienen und herrschen
Indem das II. Vatikanische Konzil von den Grundlagen her das Bild von der
Kirche als Volk Gottes - durch den Hinweis auf die dreifache Sendung
Christi, durch deren Teilnahme wir wirklich Volk Gottes werden - entfaltet
hat, hat es dadurch auch jenes besondere Kennenzeichen der christlichen
Berufung herausgestellt, das man als »königlich« bezeichnen kann. Um
den ganzen Reichtum der Lehre des Konzils darzustellen, müßte man hier
auf zahlreiche Kapitel und Abschnitte der Konstitution Lumen Gentium und
auf noch viele andere Konzilsdokumente hinweisen. Doch scheint inmitten
dieser Fülle ein Element besonders herauszuragen, gemeint ist die
Teilnahme an der königlichen Sendung Christi, die Tatsache nämlich, daß
wir in uns und in den anderen die besondere Würde unserer Berufung
entdecken, die man »Königswürde« nennen könnte. Diese Würde drückt
sich aus in der Bereitschaft zum Dienst nach dem Beispiel Christi, der »nicht
gekommen ist, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen«.(181) Wenn
man also im Licht dieser Haltung Christi nur wirklich »herrschen« kann,
indem man »dient«, verlangt »das Dienen« gleichzeitig eine solche
geistige Reife, die man geradezu als »herrschen« bezeichnen muß. Um würdig
und wirksam den anderen dienen zu können, muß man sich selbst zu
beherrschen vermögen, muß man jene Tugenden besitzen, die diese
Beherrschung ermöglichen. Unsere Teilnahme an der königlichen Sendung
Christi - an seinem »Königsamt« (munus) - ist eng verbunden mit jedem
Bereich der christlichen und zugleich menschlichen Moral.
Als das II. Vatikanische Konzil das vollständige Bild des Volkes Gottes
dargestellt und daran erinnert hat, welchen Platz darin nicht nur die
Priester, sondern auch die Laien, nicht nur die Vertreter der Hierarchie,
sondern auch die Mitglieder der Ordensgemeinschaften haben, hat es dieses
Bild nicht nur von soziologischen Voraussetzungen abgeleitet. Die Kirche
als menschliche Gesellschaft kann natürlich auch nach solchen Kriterien
untersucht und bestimmt werden, deren sich die Wissenschaften jeder
beliebigen menschlichen Gesellschaft gegenüber bedienen. Doch reichen
diese Kriterien nicht aus. Für die Gemeinschaft des Volkes Gottes als
ganze und für jedes ihrer Glieder geht es aber nicht nur um eine
besondere »soziale Zugehörigkeit«; hier handelt es sich um eine
besondere »Berufung«, die für jeden einzelnen und für alle zusammen
wesentlich ist. Die Kirche ist nämlich als Volk Gottes - entsprechend der
bereits genannten Lehre des hl. Paulus, an die Pius XII. auf wunderbare
Weise erinnert hat - auch der »Mystische Leib Christi«.(182) Die Zugehörigkeit
zu ihm kommt aus einem besonderen Ruf in Verbindung mit dem Heilswirken
der Gnade. Wenn wir also diese Gemeinschaft des Volkes Gottes, die so
umfassend und äußerst differenziert ist, vor Augen haben wollen, müssen
wir vor allem auf Christus blicken, der in gewisser Weise zu jedem Glied
dieser Gemeinschaft sagt: »Folge mir«.(183) Dies ist die Gemeinschaft
der Jünger; jeder einzelne von ihnen folgt auf je eigene Weise Christus,
mitunter sehr bewußt und kohärent, mitunter wenig aufmerksam und sehr
inkonsequent. Darin zeigt sich auch das zutiefst »personale« Profil und
die besondere Dimension dieser Gesellschaft, die - trotz aller Mängel des
gemeinschaftlichen Lebens im menschlichen Sinn dieses Wortes - gerade
dadurch Gemeinschaft ist, daß alle sie mit Christus selbst bilden,
wenigstens dadurch, daß sie in ihrer Seele das unauslöschliche Merkmal
eines Christen tragen.
Dasselbe Konzil hat besondere Aufmerksamkeit darauf verwandt aufzuzeigen,
wie diese »ontologische« Gemeinschaft der Jünger und Gläubigen auch »menschlich«
eine Gemeinschaft werden muß, die sich ihres eigenen Lebens und Wirkens
bewußt ist. Die entsprechenden Initiativen des Konzils haben in
zahlreichen weiteren Initiativen synodaler, apostolischer und
organisatorischer Art ihre Fortsetzung gefunden. Wir müssen aber immer
der Wahrheit eingedenk sein, daß jede Initiative nur so sehr der echten
Erneuerung des Kirche dient und dazu beiträgt, das wahre Licht Christi zu
verbreiten,(184) wie sie sich auf das volle Bewußtsein der Berufung und
der Verantwortung für diese besondere, einzigartige und unwiederholbare
Gnade gründet, durch die jeder Christ in der Gemeinschaft des Volkes
Gottes den Leib Christi bildet. Dieses Prinzip, die Grundregel der
gesamten christlichen Praxis - der Praxis des Apostolates und der
Pastoral, der Praxis des inneren und gesellschaftlichen Lebens -, muß im
richtigen Verhältnis auf alle Menschen und auf jeden einzelnen von ihnen
angewandt werden. Auch der Papst muß sie wie auch jeder Bischof auf sich
anwenden. Diesem Prinzip müssen die Priester, die Ordensmänner und
Ordensfrauen treu sein. Auf dieser Grundlage müssen die Brautleute, die
Eltern, die Männer und Frauen in den verschiedenen Lebenslagen und
Berufen, angefangen von denen, die in der Gesellschaft die höchsten Ämter
innehaben bis zu denen, die die einfachsten Arbeiten verrichten, ihr Leben
aufbauen. Dies ist gerade das Prinzip jenes »königlichen Dienstes«, der
jedem von uns in der Nachfolge Christi die Pflicht auferlegt, von sich
selbst genau das zu verlangen, zu dem wir berufen sind, zu dem wir - um
auf die Berufung zu antworten - mit Gottes Gnade persönlich verpflichtet
sind. Diese Treue zur Berufung, die wir durch Christus von Gott empfangen
haben, bringt jene solidarische Verantwortung für die Kirche mit sich, zu
der das II. Vatikanische Konzil alle Christen erziehen will. In der Kirche
als der Gemeinschaft des Volkes Gottes, das vom Wirken des Heiligen
Geistes geleitet wird, hat nämlich jeder »seine eigene Gabe«, wie der
hl. Paulus lehrt.(185) Obwohl diese »Gabe« eine persönliche Berufung
und Form der Teilnahme am Erlösungswerk der Kirche ist, dient sie
gleichermaßen den anderen und baut die Kirche und die brüderlichen
Gemeinschaften in den verschiedenen Bereichen des menschlichen Lebens auf
Erden auf.
Die Treue zur Berufung, die beständige Verfügbarkeit für den »königlichen
Dienst«, hat eine besondere Bedeutung in diesem vielfältigen Bauwerk,
vor allem für die Aufgaben, die den stärksten Einsatz fordern und größeren
Einfluß haben auf das Leben unseres Nächsten und der ganzen
Gesellschaft. Durch die Treue zur eigenen Berufung müssen sich die
Eheleute auszeichnen, wie es sich aus der Unauflöslichkeit der
sakramentalen Ehe ergibt. Eine ähnliche Treue zur eigenen Berufung muß
die Priester kennzeichnen aufgrund des unauslöschlichen Charakters, den
das Sakrament der Weihe ihrem Herzen einprägt. Indem wir dieses Sakrament
empfangen, verpflichten wir uns in der lateinischen Kirche bewußt und
freiwillig zu einem Leben im Zölibat; deswegen muß jeder von uns mit
Hilfe der Gnade Gottes alles, was möglich ist, tun, um für dieses
Geschenk dankbar zu sein und dieser für immer übernommenen Bindung treu
zu bleiben. Dies ist nicht anders als bei den Eheleuten, die mit all ihren
Kräften danach streben müssen, den Ehebund aufrechtzuerhalten, mit
diesem Zeugnis der Liebe die Gemeinschaft der Familie zu gründen und neue
Generationen von Menschen zu erziehen, die ebenfalls imstande sind, ihr
ganzes Leben der eigenen Berufung zu weihen, das heißt jenem »königlichen
Dienst«, dessen Beispiel und schönstes Modell uns von Jesus Christus
gegeben worden ist. Seine Kirche, die wir alle zusammen bilden, ist »für
die Menschen« da in dem Sinne, daß wir, wenn wir uns auf Christi
Beispiel(186) stützen und mit der uns von ihm erworbenen Gnade mit
arbeiten, jene »Herrschaft« erreichen und so in jedem von uns unser
Menschsein voll entfalten können. Menschliche Reife bedeutet den vollen
Gebrauch des Geschenkes der Freiheit, das wir vom Schöpfer in dem
Augenblick erhalten haben, in dem er den »nach seinem Bild und Gleichnis«
erschaffenen Menschen ins Dasein gerufen hat. Dieses Geschenk findet seine
volle Entfaltung in der vorbehaltlosen Hingabe der eigenen menschlichen
Person an Christus im Geist bräutlicher Liebe und mit Christus an alle,
zu denen er Männer und Frauen sendet, die ihm durch die evangelischen Räte
ganz geweiht sind. Dies ist gerade das Ideal des Ordenslebens, das von den
alten und neuen Orden und Kongregationen sowie von den Säkularinstituten
übernommen worden ist.
In unserer Zeit ist man mitunter der irrtümlichen Meinung, daß die
Freiheit Selbstzweck sei, daß jeder Mensch dann frei sei, wenn er die
Freiheit gebraucht, wie er will, und daß man im Leben der einzelnen und
der Gesellschaft nach einer solchen Freiheit streben solle. Die Freiheit
ist jedoch nur dann ein großes Geschenk, wenn wir es verstehen, sie bewußt
für all das einzusetzen, was das wahre Gute ist. Christus lehrt uns, daß
der beste Gebrauch der Freiheit die Liebe ist, die sich in der Hingabe und
im Dienst verwirklicht. Zu solcher »Freiheit hat Christus uns befreit«(187)
und befreit er uns ständig. Die Kirche schöpft daraus unaufhörlich ihre
Anregungen, die Einladung und den Anstoß zu ihrer Sendung und zu ihrem
Dienst unter allen Menschen. Die volle Wahrheit über die menschliche
Freiheit ist im Geheimnis der Erlösung tief verwurzelt. Die Kirche dient
wahrhaft der Menschheit, wenn sie diese Wahrheit mit unermüdlicher
Aufmerksamkeit, starker Liebe und verantwortungsbewußtem Einsatz schützt
und sie innerhalb der gesamten eigenen Gemeinschaft durch die Treue zur
Berufung eines jeden Christen weitervermittelt und im Leben konkretisiert.
So wird bestätigt, was schon im Vorhergehenden kurz angesprochen worden
ist, daß nämlich der »Weg« des täglichen Lebens der Kirche der Mensch
ist und es immer wieder neu wird.
22. Die Mutter unseres Vertrauens
Wenn ich zu Beginn des neuen Pontiflkates meine Gedanken und mein Herz auf
den Erlöser der Welt richte, so möchte ich mich auf diese Weise in den
tiefsten Rhythmus des Lebens der Kirche einordnen und darin eindringen.
Wenn nämlich die Kirche ihr eigenes Leben vollzieht, dann geschieht das,
weil sie es aus Christus schöpft, der immer nur das eine will, daß wir
das Leben haben und es im Überfluß haben.(188) Die Fülle des Lebens,
die in ihm ist, ist für den Menschen bestimmt. Deshalb wird die Kirche,
wenn sie sich dem ganzen Reichtum des Geheimnisses der Erlösung öffnet,
eine Kirche von lebendigen Menschen; lebendig, weil sie durch das Werk des
»Geistes der Wahrheit«(189) von innen belebt und von der Liebe
heimgesucht sind, die der Heilige Geist in unsere Herzen eingießt.(190)
Das Ziel eines jeden Dienstes in der Kirche, sei er apostolischer,
pastoraler, priesterlicher oder bischöflicher Natur, ist es, diese
dynamische Verbindung zwischen dem Geheimnis der Erlösung und jedem
Menschen aufrechtzuerhalten.
Wenn wir uns dieser Aufgabe bewußt sind, verstehen wir wohl auch besser,
was es heißt zu sagen, daß die Kirche Mutter ist,(191) und auch was es
heißt, daß die Kirche immer und besonders in unserer Zeit das Bedürfnis
nach einer Mutter hat. Einen besonderen Dank schulden wir den Vätern des
II. Vatikanischen Konzils, die diese Wahrheit in der Konstitution Lumen
Gentium durch die dort enthaltene ausführliche mariologische Lehre
entfaltet haben.(192) Da Paul VI., von dieser Lehre inspiriert, die Mutter
Christi zur »Mutter der Kirche«(193) proklamiert und diese Bezeichnung
eine breite Resonanz gefunden hat, sei es auch seinem unwürdigen
Nachfolger erlaubt, sich am Ende der vorliegenden Überlegungen, die sich
zur Eröffnung seines päpstlichen Dienstes nahegelegt haben, an Maria als
Mutter der Kirche zu wenden. Maria ist die Mutter der Kirche, weil sie
kraft unaussprechlicher Erwählung durch den Ewigen Vater selbst(194) und
durch das besondere Wirken des Geistes der Liebe(195) das menschliche
Leben dem Sohn Gottes gegeben hat, »für den und durch den das All ist«(196)
und von dem das ganze Volk Gottes die Gnade und Würde seiner Erwählung
empfängt. Der eigene Sohn wollte die Mutterschaft seiner Mutter ausdrücklich
in einer für jeden Geist und jedes Herz leicht verständlichen Weise
ausweiten, indem er ihr von der Höhe des Kreuzes herab seinen Lieblingsjünger
als Sohn anvertraute.(197) Der Heilige Geist gab ihr ein, daß auch sie
nach der Himmelfahrt unseres Herrn zusammen mit den Aposteln im
Abendmahlssaal in Gebet und Erwartung verharre bis zum Pfingsttag, an dem
die Kirche sichtbar geboren werden sollte, indem sie aus dem Dunkel
hervortrat.(198) In der Folgezeit nahmen alle Generationen von Jüngern
und Gläubigen, die Christus lieben - so wie der Apostel Johannes -, diese
Mutter geistigerweise in ihr Haus auf,(199) so daß sie von Anfang an seit
dem Augenblick der Verkündigung, in die Heilsgeschichte und in die
Sendung der Kirche eingefügt ist. Wir alle also, die wir die heutige
Generation der Jünger Christi bilden, wollen uns in besonderer Weise ihr
anschließen. Wir tun dies in der völligen Treue zur alten Tradition und
gleichzeitig mit liebevollem Respekt vor den Mitgliedern aller
christlichen Gemeinschaften.
Wir wissen uns dazu veranlaßt von dem tiefen Bedürfnis des Glaubens, der
Hoffnung und der Liebe. Wenn wir nämlich in dieser schwierigen und
verantwortungsschweren Phase der Geschichte der Kirche und der Menschheit
ein besonderes Verlangen verspüren, uns an Christus zu wenden, der Herr
seiner Kirche und kraft des Geheimnisses der Erlösung auch Herr der
Geschichte des Menschen ist, so glauben wir, daß kein anderer uns besser
in die göttliche und menschliche Dimension dieses Geheimnisses einführen
kann als Maria. Niemand ist wie Maria von Gott selbst in dieses Geheimnis
eingeführt worden. Darin besteht der Ausnahmecharakter der Gnade der göttlichen
Mutterschaft. Nicht nur die Würde dieser Mutterschaft ist in der
Geschichte des Menschengeschlechtes einzigartig und unwiederholbar;
einzigartig an Tiefe und Wirkung ist auch die Teilnahme Mariens aufgrund
dieser Mutterschaft im göttlichen Heilsplan für den Menschen durch das
Geheimnis der Erlösung.
Dieses Geheimnis hat sich sozusagen unter dem Herzen der Jungfrau von
Nazaret gebildet, als sie ihr »Fiat« gesprochen hat. Von jenem
Augenblick an folgt dieses jungfräuliche und zugleich mütterliche Herz
unter dem besonderen Wirken des Heiligen Geistes immer dem Werk des Sohnes
und nähert sich allen, die Christus in seine Arme geschlossen hat und
noch ständig in seiner unerschöpflichen Liebe umarmt. Deswegen muß
dieses Herz auch als Herz einer Mutter unerschöpflich sein. Das Wesen
dieser mütterlichen Liebe, die die Mutter Gottes in das Geheimnis der Erlösung
und in das Leben der Kirche einbringt, findet seinen Ausdruck in ihrer
besonderen Nähe zum Menschen in allen wechselvollen Ereignissen seines
Lebens. Darin besteht das Geheimnis der Mutter. Die Kirche, die auf sie
mit einer ganz besonderen Liebe und Hoffnung schaut, möchte sich dieses
Geheimnis immer tiefer aneignen. Gerade hier erkennt die Kirche wieder den
Weg ihres täglichen Lebens, den ja jeder Mensch für sie bedeutet.
Die ewige Liebe des Vaters, die sich in der Geschichte der Menschheit
durch den Sohn geoffenbart hat, den der Vater dahingab, »damit jeder, der
an ihn glaubt, nicht verlorengeht, sondern ewiges Leben hat«,(200) diese
Liebe nähert sich einem jeden von uns durch diese Mutter und wird so für
jeden Menschen verständlicher und leichter zugänglich. Darum muß Maria
auf allen Wegen des täglichen Lebens der Kirche gegenwärtig sein. Durch
die Anwesenheit ihrer Mutter gewinnt die Kirche Gewißheit, daß sie
wirklich das Leben ihres Meisters und Herrn lebt, daß sie das Geheimnis
der Erlösung in all ihrer belebenden Tiefe und Fülle vollzieht. Die
Kirche, die ihre Wurzeln in zahlreichen und verschiedenartigen
Lebensbereichen der ganzen heutigen Menschheit hat, gewinnt dabei auch die
Gewißheit und, so könnte man sagen, die Erfahrung, daß sie dem Menschen
nahe ist, jedem einzelnen, daß es seine Kirche ist: die Kirche des Volkes
Gottes.
Vor solchen Aufgaben, die sich entlang der Wege der Kirche ergeben und die
Papst Paul VI. uns in der ersten Enzyklika seines Pontifikates klar
aufgezeigt hat, die wir uns der absoluten Notwendigkeit all dieser Wege
und gleichzeitig der Schwierigkeiten bewußt sind, welche sich auf ihnen
auftürmen, vor solchen Aufgaben also verspüren wir um so stärker das
Bedürfnis einer engen Bindung an Christus. Die Worte, die er gesagt hat,
hallen in uns wie ein Echo wider: »Ohne mich könnt ihr nichts tun«.(201)
Wir fühlen nicht nur das Bedürfnis, sondern geradezu einen kategorischen
Imperativ zu einem großen, intensiven und vermehrten Gebet der ganzen
Kirche. Nur das Gebet kann bewirken, daß all diese großen Aufgaben und
Schwierigkeiten, die sich einander ablösen werden, nicht Anlaß einer
Krise werden, sondern die Gelegenheit und eine Art von Fundament für
immer reifere Fortschritte auf dem Weg des Volkes Gottes hin zum verheißenen
Land in dieser geschichtlichen Etappe, die sich dem Ende des zweiten
Jahrtausends nähert. Wenn ich nun also diese Betrachtung mit einer
innigen und demütigen Einladung zum Gebet beende, dann ist es mein
Wunsch, daß man in diesem Gebet verharrt, vereint mit Maria, der Mutter
Jesu,(202) so wie die Apostel und die Jünger des Herrn nach seiner
Himmelfahrt im Abendmahlssaal von Jerusalem verharrten.(203) Ich bitte vor
allem Maria, die himmlische Mutter der Kirche, sie möchte während dieses
Gebetes im neuen Advent der Menschheit bei uns bleiben, die wir die Kirche
bilden, den Mystischen Leib ihres eingeborenen Sohnes. Ich hoffe, daß wir
dank eines solchen Gebetes den Heiligen Geist aus der Höhe(204) empfangen
können und so Zeugen Christi werden »bis an die Enden der Erde«(205)
wie jene, die am Pfingsttag aus dem Abendmahlssaal in Jerusalem in die
Welt hinausgegangen sind.
Mit meinem Apostolischen Segen!
Gegeben in Rom zu St. Peter, am 4. März, dem ersten Fastensonntag des
Jahres 1979, des ersten meines Pontifikates.
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