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ENZYKLIKA
REDEMPTORIS MATER
VON PAPST JOHANNES PAUL II
ÜBER DIE SELIGE JUNGFRAU MARIA
IM LEBEN DER PILGERNDEN KIRCHE
Verehrte Brüder,
Liebe Söhne und Töchter,
Gruß und Apostolischen Segen!
EINLEITUNG
1. Die Mutter des Erlösers hat im Heilsplan eine ganz besondere Stellung;
denn »als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von
einer Frau und dem Gesetz unterstellt, damit er die freikaufe, die unter
dem Gesetze stehen, und damit wir die Sohnschaft erlangen. Weil ihr aber Söhne
seid, sandte Gott den Geist seines Sohnes in unser Herz, den Geist, der
ruft: Abba, Vater« (Gal 4, 4-6).
Mit diesen Worten des Apostels Paulus, die das II. Vatikanische Konzil am
Beginn seiner Darlegungen über die selige Jungfrau Maria(1) aufgreift, möchte
auch ich meine Erwägungen über die Bedeutung Marias im Geheimnis Christi
und über ihre aktive und beispielhafte Gegenwart im Leben der Kirche
einleiten. Diese Worte feiern ja in einem gemeinsamen Lobpreis die Liebe
des Vaters, die Sendung des Sohnes, das Geschenk des Geistes, die Frau,
aus der der Erlöser geboren wurde, unsere göttliche Sohnschaft, und dies
im Geheimnis der »Fülle der Zeit«.(2)
Diese »Fülle« gibt den von aller Ewigkeit her bestimmten Augenblick an,
in dem der Vater seinen Sohn sandte, »damit jeder, der an ihn glaubt,
nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat« (Joh 3, 16). Sie weist
auf die selige Stunde hin, in der das »Wort«, das »bei Gott« war, »Fleisch
geworden ist und unter uns gewohnt hat« (Joh 1, 1. 14) und unser Bruder
wurde. Sie bezeichnet den Moment, an dem der Heilige Geist, der Maria von
Nazaret schon die Fülle der Gnade geschenkt hatte, in ihrem jungfräulichen
Schoß die menschliche Natur Christi formte. Sie bestimmt den Zeitpunkt,
an dem durch das Eingehen des Ewigen in die Zeit die Zeit selbst erlöst
wird und endgültig zur »Heilszeit« wird, indem sie sich mit dem
Geheimnis Christi »füllt«. Sie bezeichnet schließlich den
geheimnisvollen Beginn des Weges der Kirche. In der Liturgie grüßt die
Kirche nämlich Maria von Nazaret als ihren Anfang,(3) weil sie im
Ereignis der Empfängnis ohne Erbsünde bereits die österliche Gnade der
Erlösung, vorweggenommen in ihrem hervorragendsten Mitglied, sich
abzeichnen sieht und vor allem weil sie im Ereignis der Menschwerdung
Christus und Maria untrennbar miteinander verbunden findet: derjenige, der
ihr Herr und Haupt ist (vgl. Kol 1, 18), und diejenige, die durch das
erste Fiat des Neuen Bundes ein Vorbild für ihre Aufgabe als Braut und
Mutter darstellt.
2. Durch die Gegenwart Christi bestärkt (vgl. Mt 28, 20), schreitet die
Kirche in der Zeit voran auf die Vollendung der Geschichte zu und geht
ihrem Herrn entgegen, der kommt. Aber auf dieser Pilgerschaft - das möchte
ich sogleich hervorheben - geht sie denselben Weg, den auch die Jungfrau
Maria zurückgelegt hat, die »den Pilgerweg des Glaubens gegangen ist und
ihre Verbundenheit mit dem Sohn in Treue bewahrt hat«.(4)
Ich möchte diese dichten und bedenkenswerten Worte der Konstitution Lumen
gentium aufgreifen, die in ihrem Schlußteil eine eindrucksvolle Synthese
der Lehre der Kirche über das Thema der Mutter Christi vorlegt, die sie
als ihre geliebte Mutter und als ihr Vorbild im Glauben, in der Hoffnung
und in der Liebe verehrt.
Wenige Jahre nach dem Konzil wollte mein großer Vorgänger Paul VI.
erneut über die heilige Jungfrau Maria sprechen, indem er in der
Enzyklika Christi Matri und dann in den Apostolischen Schreiben Signum
magnum und Marialis cultus(5) die Grundlagen und Kriterien jener
besonderen Verehrung darlegte, welche die Mutter Christi in der Kirche
empfängt, sowie die verschiedenen Formen der Marienfrömmigkeit - in der
Liturgie, im Volkstum, im privaten Bereich -, wie sie dem Geist unseres
Glaubens entsprechen.
3. Der Umstand, der mich nun drängt, das Wort zu diesem Thema zu
ergreifen, ist der Blick auf das bereits nahe Jahr 2000, in dem das
zweitausendjährige Jubiläum der Geburt Christi unsere Augen zugleich auf
seine Mutter lenkt. In den letzten Jahren sind verschiedene Stimmen laut
geworden, die auf die gute Gelegenheit hinweisen, diesem Gedenken ein ähnliches
Jubiläum voraufgehen zu lassen, das der Feier der Geburt Marias gewidmet
ist.
In der Tat, wenn es auch nicht möglich ist, einen genauen Zeitpunkt für
das Datum der Geburt Marias festzustellen, so ist sich die Kirche doch
stets bewußt, daß Maria vor Christus am Horizont der Heilsgeschichte
erschienen ist.(6) Es ist eine Tatsache, daß beim Herannahen der endgültigen
»Fülle der Zeit«, das heißt beim erlösenden Kommen des Immanuel,
diejenige, die von Ewigkeit her dazu bestimmt war, seine Mutter zu sein,
bereits auf der Erde lebte. Diese ihre Anwesenheit schon vor der Ankunft
Christi findet jedes Jahr ihren Ausdruck in der Adventsliturgie. Wenn man
also die Jahre, die uns dem Ende des zweiten Jahrtausends nach Christus
und dem Beginn des dritten näherbringen, mit jener alten geschichtlichen
Erwartung des Retters vergleicht, wird es vollauf verständlich, daß wir
uns in diesem Zeitabschnitt in besonderer Weise an diejenige wenden möchten,
die in der »Nacht« der adventlichen Erwartung als wahrer »Morgenstern«
(Stella matutina) zu leuchten begann. Bekanntlich geht dieser Stern
zusammen mit der »Morgenröte« dem Aufgang der Sonne vorauf: So ist
Maria dem Kommen des Heilands voraufgegangen, dem Aufgehen der »Sonne der
Gerechtigkeit« in der Geschichte des Menschengeschlechtes.(7)
Ihre Anwesenheit in Israel - so unauffällig, daß sie den Augen der
Zeitgenossen fast verborgen blieb - leuchtete ganz hell vor dem ewigen
Gott, der diese verborgene »Tochter Zions« (Zef 3, 14; Sach 2, 14) mit
dem Heilsplan verbunden hatte, der die gesamte Geschichte der Menschheit
umfaßt. Wir Christen, die wissen, daß der Plan der Vorsehung der Göttlichen
Dreifaltigkeit die zentrale Wirklichkeit der Offenbarung und des Glaubens
ist, verspüren also gegen Ende des zweiten Jahrtausends zu Recht die
Notwendigkeit, die einzigartige Gegenwart der Mutter Christi in der
Geschichte hervorzuheben, vor allem in diesen letzten Jahren vor dem Jahr
2000.
4. Auf dies alles bereitet uns das II. Vatikanische Konzil vor, wenn es in
seiner Lehre die Mutter Gottes »im Geheimnis Christi und der Kirche«
vorstellt. Wenn es nämlich stimmt, daß »sich nur im Geheimnis des
fleischgewordenen Wortes das Geheimnis des Menschen wahrhaft aufklärt« -
wie dasselbe Konzil verkündet(8) -, dann muß man dieses Prinzip in ganz
besonderer Weise auf jene außergewöhnliche »Tochter des
Menschengeschlechtes« anwenden, auf jene außerordentliche »Frau«, die
die Mutter Christi wurde. Allein im Geheimnis Christi klärt sich voll und
ganz ihr eigenes Geheimnis. So hat es übrigens die Kirche von Anfang an
zu sehen versucht: Das Geheimnis der Menschwerdung hat es ihr ermöglicht,
das Geheimnis der Mutter des menschgewordenen Wortes immer tiefer zu
durchdringen und aufzuhellen. Für ein solch tieferes Verständnis hatte
das Konzil von Ephesus (431) eine entscheidende Bedeutung: Hier wurde zur
großen Freude der Christen die Wahrheit von der göttlichen Mutterschaft
Marias feierlich als Glaubenswahrheit der Kirche bestätigt. Maria ist die
Mutter Gottes ( = Theotokos), weil sie Jesus Christus, den Sohn Gottes und
eines Wesens mit dem Vater, durch den Heiligen Geist in ihrem jungfräulichen
Schoß empfangen und zur Welt gebracht hat.(9) »Denn er, der Sohn
Gottes..., geboren aus Maria, der Jungfrau, ist in Wahrheit einer aus uns
geworden... »,(10) ist Mensch geworden. Durch das Geheimnis Christi
leuchtet also am Horizont des Glaubens der Kirche das Geheimnis seiner
Mutter voll auf. Das Dogma von der göttlichen Mutterschaft Marias war
seinerseits für das Konzil von Ephesus, und ist es für die Kirche immer
noch, ein Zeichen der Bestätigung für das Dogma von der Menschwerdung,
in der das ewige Wort in der Einheit seiner Person die menschliche Natur
wahrhaft annimmt, ohne sie auszulöschen.
5. Wenn das II. Vatikanische Konzil Maria im Geheimnis Christi darstellt,
findet es so auch den Weg, um die Erkenntnis des Geheimnisses der Kirche
zu vertiefen. Maria ist ja als Mutter Christi in ganz besonderer Weise mit
der Kirche verbunden, »die der Herr als seinen Leib gegründet hat«.(11)
Der Konzilstext stellt diese Wahrheit von der Kirche als Leib Christi
(nach der Lehre der Paulusbriefe) bezeichnenderweise nahe neben die
Wahrheit, daß der Sohn Gottes »durch den Heiligen Geist aus Maria, der
Jungfrau geboren ist«. Die Wirklichkeit der Menschwerdung findet
gleichsam ihre Fortsetzung im Geheimnis der Kirche, des Leibes Christi.
Und an die Wirklichkeit der Menschwerdung wiederum kann man nicht denken,
ohne sich auf Maria, die Mutter des menschgewordenen Wortes, zu beziehen.
In den vorliegenden Erwägungen möchte ich jedoch vor allem auf jenen »Pilgerweg
des Glaubens« hinweisen, den die selige Jungfrau gegangen ist und auf dem
sie »ihre Verbundenheit mit Christus in Treue bewahrt hat«.(12) Auf
diese Weise erhält jenes »doppelte Band«, das die Mutter Gottes mit
Christus und mit der Kirche verbindet, eine gesamtgeschichtliche
Bedeutung. Es geht hierbei nicht nur um die Lebensgeschichte der jungfräulichen
Mutter, um ihren persönlichen Glaubensweg und um den »besseren Teil«,
den sie im Heilsgeheimnis hat, sondern auch um die Geschichte des gesamten
Gottesvolkes, von allen, die am selben »Pilgerweg des Glaubens«
teilnehmen.
Dies drückt das Konzil aus, indem es in einem anderen Abschnitt
feststellt, daß Maria »vorangegangen ist«, weil sie »der Typus der
Kirche auf der Ebene des Glaubens, der Liebe und der vollkommenen Einheit
mit Christus« geworden ist.(13) Dieses »Vorangehen« als Typus oder
Modell bezieht sich auf das innerste Geheimnis der Kirche, die ihre eigene
Heilssendung verwirklicht und vollzieht, indem sie in sich - wie Maria -
die Eigenschaften der Mutter und der Jungfrau vereinigt. Sie ist Jungfrau,
weil sie »das Treuewort, das sie dem Bräutigam gegeben hat, unversehrt
und rein bewahrt«; sie wird »auch selbst Mutter, weil sie... die vom
Heiligen Geist empfangenen und aus Gott geborenen Kinder zu neuem und
unsterblichem Leben gebiert«.(14)
6. Das alles vollzieht sich in einem großen geschichtlichen Prozeß und
gewissermaßen »auf einem Weg«. Der »Pilgerweg des Glaubens« weist auf
die innere Geschichte hin, sozusagen auf die »Geschichte der Seelen«. Er
ist aber auch die Geschichte der Menschen, die auf dieser Erde der Vergänglichkeit
unterworfen und von der geschichtlichen Dimension umfaßt sind. In den
folgenden Erwägungen wollen wir uns vor allem auf die gegenwärtige Phase
konzentrieren, die an sich noch nicht Geschichte ist, aber doch unaufhörlich
Geschichte formt, und dies auch im Sinne von Heilsgeschichte. Hier öffnet
sich ein weiter Raum, in welchem die selige Jungfrau Maria immer noch dem
Gottesvolk »vorangeht«. Ihr außergewöhnlicher Pilgerweg des Glaubens
stellt so einen bleibenden Bezugspunkt dar für die Kirche, für die
einzelnen und für die Gemeinschaften, für die Völker und Nationen und
in gewissem Sinne für die ganze Menschheit. Es ist fürwahr schwierig,
seinen ganzen Umfang zu erfassen und zu ermessen.
Das Konzil unterstreicht, daß die Mutter Gottes bereits die
eschatologische Vollendung der Kirche ist: »Während aber die Kirche in
der seligsten Jungfrau Maria schon zur Vollkommenheit gelangt ist, in der
sie ohne Makel und Runzel ist (vgl. Eph 5, 27), bemühen sich die Christgläubigen
noch, die Sünde zu besiegen und in der Heiligkeit zu wachsen. Daher
richten sie ihre Augen auf Maria, die der ganzen Gemeinschaft der Auserwählten
als Urbild der Tugenden voranleuchtet«.(15) Der Pilgerweg des Glaubens
gehört nicht mehr zur Mutter des Gottessohnes: An der Seite ihres Sohnes
im Himmel verherrlicht, hat Maria bereits die Schwelle zwischen Glauben
und Schauen »von Angesicht zu Angesicht« (1 Kor 13, 12) überwunden.
Zugleich aber bleibt sie in dieser eschatologischen Vollendung der »Meeresstern«
(Maris Stella)(16) für all diejenigen, die noch den Weg des Glaubens
gehen. Wenn diese an den verschiedenen Orten irdischer Existenz die Augen
zu ihr erheben, tun sie dies, weil sie »einen Sohn gebar, den Gott
gesetzt hat zum Erstgeborenen unter vielen Brüdern (Röm 8, 29)«(17) und
auch weil sie »bei der Geburt und Erziehung« vieler Brüder und
Schwestern »in mütterlicher Liebe mitwirkt«.(18)
1. TEIL
MARIA IM GEHEIMNIS CHRISTI
1. Voll der Gnade
7. »Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus: Er hat
uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet durch unsere Gemeinschaft mit
Christus im Himmel« (Eph 1, 3 ). Diese Worte des Epheserbriefes
offenbaren den ewigen Plan Gottes, des Vaters, seinen Heilsplan für den
Menschen in Christus. Es ist ein universaler Plan, der alle Menschen
betrifft, die nach dem Bild und Gleichnis Gottes (vgl. Gen 1, 26)
geschaffen sind. Wie alle »im Anfang« vom Schöpferwirken Gottes umfaßt
sind, so werden sie auch in Ewigkeit vom göttlichen Heilsplan umfaßt,
der sich ganz und gar, bis zur »Fülle der Zeit« in der Ankunft Christi,
offenbaren muß. »Denn in ihm« - so lauten die folgenden Worte desselben
Briefes - hat jener Gott, der der »Vater unseres Herrn Jesus Christus«
ist, »uns erwählt vor der Erschaffung der Welt, damit wir heilig und
untadelig leben vor Gott; er hat uns aus Liebe im voraus dazu bestimmt,
seine Söhne zu werden durch Jesus Christus und nach seinem gnädigen
Willen zu ihm zu gelangen, zum Lob seiner herrlichen Gnade. Er hat sie uns
geschenkt in seinem geliebten Sohn; durch sein Blut haben wir die Erlösung,
die Vergebung der Sünden nach dem Reichtum seiner Gnade« (Eph 1, 4-7).
Der göttliche Heilsplan, der uns mit dem Kommen Christi offenbart worden
ist, hat auf ewig Bestand. Er ist auch - nach der Lehre dieses
Epheserbriefes sowie anderer Paulusbriefe - auf ewig mit Christus
verbunden. Er umfaßt alle Menschen, räumt aber einen besonderen Platz
jener »Frau« ein, die die Mutter dessen ist, dem der Vater das Erlösungswerk
anvertraut hat.(19) »Sie ist«, wie das II. Vatikanische Konzil schreibt,
»schon prophetisch in der Verheißung ..., die den in Sünde gefallenen
Stammeltern gegeben wurde (vgl. Gen 3, 15), schattenhaft angedeutet. Ähnlich
bedeutet sie die Jungfrau, die empfangen und einen Sohn gebären wird,
dessen Name Immanuel sein wird« nach den Worten des Jesaja (vgl. 7,
14).(20) In dieser Weise bereitet das Alte Testament jene »Fülle der
Zeit« vor, wenn Gott seinen Sohn senden wird, »geboren von einer Frau,
... damit wir die Sohnschaft erlangen« (Gal 4, 4-5). Das Kommen des
Gottessohnes in die Welt ist das Ereignis, das in den ersten Kapiteln der
Evangelien nach Lukas und Matthäus dargestellt wird.
8. Durch dieses Ereignis, die Verkündigung des Engels, wird Maria endgültig
in das Geheimnis Christi eingeführt. Dies geschieht in Nazaret in einer
konkreten geschichtlichen Situation Israels, des Volkes, dem die Verheißungen
Gottes zuerst gelten. Der Bote Gottes spricht zu der Jungfrau: »Sei gegrüßt,
du Begnadete, der Herr ist mit dir« (Lk 1, 28). Maria »erschrak über
die Anrede und überlegte, was dieser Gruß zu bedeuten habe« (Lk 1, 29):
was alle jene außergewöhnlichen Worte zu bedeuten haben, insbesondere
der Ausdruck »du Begnadete« (kecharitoméne).(21)
Wenn wir zusammen mit Maria über diese Worte und vor allem über den
Ausdruck »du Begnadete« nachdenken wollen, können wir einen sehr
ergiebigen Ansatzpunkt hierfür gerade im Epheserbrief an der oben
zitierten Stelle finden. Wenn die Jungfrau von Nazaret nach der Verkündigung
des himmlischen Boten sogar »gesegnet ... mehr als alle anderen Frauen«
(vgl. Lk 1, 42) genannt wird, so erklärt sich das durch jenen Segen, mit
dem uns »Gott Vater« »durch unsere Gemeinschaft mit Christus im Himmel«
gesegnet hat. Es ist ein »Segen seines Geistes«, der sich auf alle
Menschen bezieht und jene allumfassende Fülle (»mit allem Segen«) enthält,
wie sie aus der Liebe hervorgeht, die den wesensgleichen Sohn im Heiligen
Geist mit dem Vater verbindet. Zugleich ist es ein Segen, der durch Jesus
Christus in der Menschengeschichte bis zu ihrem Ende über alle Menschen
ausgegossen wird. Maria aber wird von diesem Segen in einem ganz
besonderen und einzigartigen Maße erfüllt. Elisabet begrüßt sie ja als
»gesegnet... mehr als alle anderen Frauen«.
Der Grund für den doppelten Gruß ist also, daß sich in der Seele dieser
»Tochter Zion« gewissermaßen die gesamte »herrliche Gnade« kundgetan
hat, die der »Vater... uns in seinem geliebten Sohn geschenkt hat«. Der
Gottesbote begrüßt Maria ja als die »Begnadete«. Er nennt sie so, als
ob dies ihr wahrer Name sei. Die er anspricht, nennt er nicht mit dem
Namen, der ihr unter den Menschen zu eigen ist: »Miryam« (= Maria),
sondern mit diesem neuen Namen: »Begnadete«. Was bedeutet dieser Name?
Warum nennt der Erzengel die Jungfrau von Nazaret gerade so?
In der Sprache der Bibel bedeutet »Gnade« ein besonderes Geschenk, das
seine Quelle nach dem Neuen Testament im dreifaltigen Leben Gottes selbst
hat, jenes Gottes, der die Liebe ist (vgl. 1 Joh 4, 8). Frucht dieser
Liebe ist die »Erwählung«, von der der Epheserbrief spricht. Von Gott
her ist diese »Erwählung« sein ewiger Wille, den Menschen durch die
Teilhabe an seinem eigenen Leben (vgl. 2 Petr 1, 4) in Christus zu retten:
Es ist die Rettung durch Teilhabe am übernatürlichen Leben. Die Wirkung
dieses ewigen Geschenkes, dieser Gnade der Erwählung des Menschen durch
Gott, ist wie ein Keim der Heiligkeit oder wie eine Quelle, die in der
Seele des Menschen aufsprudelt als Geschenk Gottes selbst, der die Erwählten
durch die Gnade belebt und heiligt. Auf diese Weise erfüllt sich, das heißt
verwirklicht sich jene »Segnung« des Menschen »mit allem Segen seines
Geistes«, jenes »seine Söhne werden in Christus«, in dem, der von
Ewigkeit her der »geliebte Sohn« des Vaters ist.
Wenn wir lesen, daß der Bote zu Maria »du Begnadete« sagt, läßt uns
der Kontext des Evangeliums, in dem alte Offenbarungen und Verheißungen
zusammenfließen, verstehen, daß es sich hier um einen besonderen »Segen«
unter allen »geistlichen Segnungen in Christus« handelt. Sie ist im
Geheimnis Christi bereits »vor der Erschaffung der Welt« gegenwärtig
als diejenige, die der Vater als Mutter seines Sohnes in der Menschwerdung
»erwählt« hat und die zusammen mit dem Vater auch der Sohn erwählt
hat, indem er sie von Ewigkeit her dem Geist der Heiligkeit anvertraute.
Maria ist auf eine besondere und einzigartige Weise mit Christus
verbunden. Auf besondere und einzigartige Weise ist sie zugleich geliebt
in diesem von Ewigkeit her »geliebten Sohn«, in diesem dem Vater
wesensgleichen Sohn, in dem die gesamte »herrliche Gnade« zusammengefaßt
ist. Gleichzeitig ist und bleibt sie vollkommen offen für dieses »Geschenk
von oben« (vgl. Jak 1, 17). Wie das Konzil lehrt, »ragt (Maria) unter
den Demütigen und Armen des Herrn hervor, die das Heil mit Vertrauen von
ihm erhoffen und empfangen«.(22)
9. Wenn auch der Gruß und die Anrede »du Begnadete« all dies bedeuten,
so beziehen sie sich im Zusammenhang der Verkündigung des Engels doch vor
allem auf die Erwählung Marias zur Mutter des Sohnes Gottes. Zugleich
aber weist die Fülle der Gnade auf das gesamte übernatürliche
Gnadengeschenk hin, das Maria besitzt, weil sie zur Mutter Christi erwählt
und bestimmt worden ist. Wenn diese Erwählung grundlegend ist für die
Verwirklichung der Heilspläne Gottes gegenüber der Menschheit, wenn die
Erwählung in Christus von Ewigkeit her und die Berufung zur Würde der
Sohnschaft sich auf alle Menschen beziehen, so ist die Erwählung Marias völlig
einzigartig und einmalig. Hieraus folgt dann auch die Einzigartigkeit
ihrer Stellung im Geheimnis Christi.
Der Gottesbote sagt zu ihr: »Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei
Gott Gnade gefunden. Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären:
Dem sollst du den Namen Jesus geben. Er wird groß sein und Sohn des Höchsten
genannt werden« (Lk 1, 30-32). Und als die Jungfrau, von diesem außergewöhnlichen
Gruß verwirrt, fragt: »Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann
erkenne?«, empfängt sie vom Engel eine Bekräftigung und Deutung der
vorhergehenden Worte. Gabriel sagt ihr: »Der Heilige Geist wird über
dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb
wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden« (Lk 1, 35).
Die Verkündigung ist also die Offenbarung des Geheimnisses der
Menschwerdung am Beginn seiner irdischen Verwirklichung. Die erlösende
Hingabe, in der Gott sich selbst, sein göttliches Leben, in gewisser
Weise der ganzen Schöpfung und unmittelbar dem Menschen schenkt, erreicht
im Geheimnis der Menschwerdung einen Höhepunkt. Dieses ist ja fürwahr
ein Gipfel unter allen Gnadengaben in der Geschichte des Menschen und des
Kosmos. Maria ist »voll der Gnade«, weil die Menschwerdung des göttlichen
Wortes, die Verbindung des Gottessohnes mit der Menschennatur in einer
Person (unio hypostatica), sich gerade in ihr verwirklicht und vollzieht.
Wie das Konzil sagt, ist Maria »die Mutter des Sohnes Gottes und daher
die bevorzugt geliebte Tochter des Vaters und das Heiligtum des Heiligen
Geistes ... Durch dieses hervorragende Gnadengeschenk hat sie bei weitem
den Vorrang vor allen anderen himmlischen und irdischen Kreaturen«.(23)
10. Wo der Epheserbrief von der »herrlichen Gnade« spricht, die »Gott,
der Vater, ... uns in seinem geliebten Sohn geschenkt hat«, fügt er noch
hinzu: »Durch sein Blut haben wir die Erlösung« (Eph 1, 7). Nach der
Lehre, wie sie von der Kirche in feierlichen Dokumenten formuliert worden
ist, hat sich diese »herrliche Gnade« an der Mutter Gottes dadurch
gezeigt, daß sie »auf erhabenere Weise« erlöst worden ist.(24) Kraft
der reichen Gnade des geliebten Sohnes und wegen der Erlöserverdienste
dessen, der ihr Sohn werden wollte, ist Maria vom Erbe der Ursünde
bewahrt worden.(25) Auf diese Weise gehört sie vom ersten Augenblick
ihrer Empfängnis, das heißt ihrer eigenen Existenz, an zu Christus; sie
hat Anteil an der heilenden und heiligmachenden Gnade und an jener Liebe,
die vom »geliebten Sohn« ausgeht, dem Sohn des ewigen Vaters, der durch
die Menschwerdung ihr eigener Sohn geworden ist. Darum ist es zutiefst
wahr, daß Maria durch den Heiligen Geist auf der Ebene der Gnade, das heißt
der Teilhabe an der göttlichen Natur (vgl. 2 Petr 1, 4), von demjenigen
das Leben empfängt, dem sie selbst es, auf der Ebene irdischer Zeugung,
als Mutter gegeben hat. Die Liturgie zögert nicht, sie »Tochter deines göttlichen
Sohnes« zu nennen,(26) und sie mit den Worten, die Dante Alighieri dem
hl. Bernhard in den Mund legt, zu grüßen: »Tochter deines Sohnes«.(27)
Und weil Maria dieses »neue Leben« in einer Fülle empfängt, wie sie
der Liebe des Sohnes zu seiner Mutter, der Würde göttlicher Mutterschaft
also, entspricht, nennt sie der Engel bei der Verkündigung »voll der
Gnade«.
11. Im Heilsplan der Heiligsten Dreifaltigkeit stellt das Geheimnis der
Menschwerdung die überreiche Erfüllung der Verheißung dar, die Gott den
Menschen nach der Ursünde gegeben hatte, nach jener ersten Sünde, deren
Folgen auf der gesamten Geschichte des Menschen auf Erden lasten (vgl. Gen
3, 15). So kommt ein Sohn zur Welt, der »Nachwuchs« einer Frau, der das
Übel der Sünde an der Wurzel selbst besiegen wird: »Er trifft (die
Schlange) am Kopf«. Wie aus den Worten des Protoevangeliums hervorgeht,
wird der Sohn der Frau erst nach einem harten Kampf siegen, der die ganze
Geschichte des Menschen durchziehen muß. Die »Feindschaft«, zu Anfang
angekündigt, wird im Buch der Offenbarung, dem Buch der letzten Dinge der
Kirche und der Welt, bestätigt: Hier begegnet uns erneut das Zeichen
einer »Frau«, diesmal »mit der Sonne bekleidet« (Offb 12, 1).
Maria, Mutter des menschgewordenen ewigen Wortes, wird in die Mitte jener
Feindschaft gestellt, jenes Kampfes, der die Geschichte der Menschheit auf
Erden und auch die Heilsgeschichte selbst begleitet. An diesem Ort trägt
sie, die zu den »Demütigen und Armen des Herrn« gehört, wie kein
anderer unter den Menschen jene »herrliche Gnade« in sich, die der Vater
»uns in seinem geliebten Sohn geschenkt hat«, und diese Gnade bestimmt
die außergewöhnliche Größe und Schönheit ihres ganzen menschlichen
Seins. Maria bleibt so vor Gott und auch vor der ganzen Menschheit
gleichsam das bleibende und unzerstörbare Zeichen jener Erwählung durch
Gott, von der der Paulusbrief spricht: »In ihm (Christus) hat er uns erwählt
vor der Erschaffung der Welt,... dazu bestimmt, seine Söhne zu werden«
(Eph 1, 4. 5). Diese Erwählung ist stärker als jede Erfahrung des Bösen
und der Sünde, all jener »Feindschaft«, von der die Geschichte des
Menschen geprägt ist. In dieser Geschichte bleibt Maria ein Zeichen
sicherer Hoffnung.
2. Selig ist, die geglaubt hat
12. Kurz nach dem Verkündigungsbericht läßt uns der Evangelist Lukas
der Jungfrau von Nazaret auf ihrem Weg in »eine Stadt im Bergland von Judäa«
folgen (Lk 1, 39). Nach den Gelehrten müßte diese Stadt das heutige
Ain-Karim sein, das in den Bergen nicht weit von Jerusalem liegt. Maria »eilte«
dorthin, um Elisabet, ihre Verwandte, zu besuchen. Der Grund für diesen
Besuch liegt auch darin, daß Gabriel bei der Verkündigung in
bedeutungsvoller Weise Elisabet genannt hat, die noch im vorgeschrittenen
Alter durch Gottes mächtiges Wirken einen Sohn von ihrem Mann Zacharias
empfangen hatte: »Elisabet, deine Verwandte, hat noch in ihrem Alter
einen Sohn empfangen; obwohl sie als unfruchtbar galt, ist sie jetzt schon
im sechsten Monat. Denn für Gott ist nichts unmöglich« (Lk 1, 36-37).
Der göttliche Bote verwies auf das Geschehen in Elisabet, um auf die
Frage Marias zu antworten: »Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann
erkenne?« (Lk 1, 34). Ja, es wird möglich durch die »Kraft des Höchsten«,
genauso, und sogar noch mehr, wie bei Elisabet.
Maria begibt sich also aus Liebe in das Haus ihrer Verwandten. Als sie
dort eintritt und Elisabet bei der Antwort auf ihren Gruß das Kind in
ihrem Leib hüpfen fühlt, da grüßt diese, »vom Heiligen Geist erfüllt«,
ihrerseits Maria mit lauter Stimme: »Gesegnet bist du mehr als alle
anderen Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes« (vgl. Lk 1,
40-42). Dieser preisende Ausruf Elisabets sollte dann als Fortsetzung des
Grußes des Engels in das Ave-Maria eingehen und so zu einem der am häufigsten
gesprochenen Gebete der Kirche werden. Noch bedeutungsvoller aber sind die
Worte Elisabets in der Frage, die folgt: »Wer bin ich, daß die Mutter
meines Herrn zu mir kommt?« (Lk 1, 43). Elisabet gibt Zeugnis für Maria:
Sie erkennt und bekennt, daß vor ihr die Mutter des Herrn, die Mutter des
Messias, steht. An diesem Zeugnis beteiligt sich auch der Sohn, den
Elisabet in ihrem Schoß trägt: »Das Kind hüpfte vor Freude in meinem
Leib« (Lk 1, 44). Das Kind ist der künftige Johannes der Täufer, der am
Jordan auf Jesus, den Messias, hinweisen wird.
Jedes Wort im Gruß Elisabets ist voller Bedeutung; doch von grundlegender
Wichtigkeit scheint zu sein, was sie am Ende sagt: »Selig ist die, die
geglaubt hat, daß sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ« (Lk 1,
45).(28) Diese Worte kann man neben die Anrede »du Begnadete« beim Gruß
des Engels stellen. In beiden Texten offenbart sich die Wahrheit ihres
wesentlich mariologischen Inhalts, das heißt die Wahrheit über Maria,
die im Geheimnis Christi gerade darum wirklich gegenwärtig geworden ist,
weil sie »geglaubt hat«. Die Fülle der Gnade, die der Engel verkündet,
bedeutet das Geschenk Gottes selbst; der Glaube Marias, der von Elisabet
beim Besuch gepriesen wird, zeigt, wie die Jungfrau von Nazaret auf dieses
Geschenk geantwortet hat.
13. »Dem offenbarenden Gott ist der " Gehorsam des Glaubens" (Röm
16, 26; vgl. Röm 1, 5; 2 Kor 10, 5-6 ) zu leisten. Darin überantwortet
sich der Mensch Gott als ganzer in Freiheit«, lehrt das Konzil.(29) Diese
Umschreibung des Glaubens fand in Maria ihre vollkommene Verwirklichung.
Der »entscheidende« Augenblick war die Verkündigung, und die Worte
Elisabets: »Selig ist die, die geglaubt hat« beziehen sich in erster
Linie gerade auf diesen Augenblick.(30)
Bei der Verkündigung hat Maria sich ja vollkommen Gott überantwortet,
indem sie demjenigen »den Gehorsam des Glaubens« entgegenbrachte, der
durch seinen Boten zu ihr sprach, indem sie sich ihm »mit Verstand und
Willen voll unterwirft«.(31) Sie hat also mit ihrem ganzen menschlichen,
fraulichen »Ich« geantwortet. In dieser Glaubensantwort waren ein
vollkommenes Zusammenwirken mit der »zuvorkommenden und helfenden Gnade
Gottes« und eine vollkommene Verfügbarkeit gegenüber dem Wirken des
Heiligen Geistes enthalten, der »den Glauben ständig durch seine Gaben
vervollkommnet«.(32)
Das Wort des lebendigen Gottes, das der Engel Maria verkündet, bezieht
sich auf sie selbst: »Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du
gebären« (Lk 1, 31). Wenn Maria diese Ankündigung annahm, sollte sie
die »Mutter des Herrn« werden und das göttliche Geheimnis der
Menschwerdung sich in ihr vollziehen: »Der Vater der Erbarmungen wollte
aber, daß vor der Menschwerdung die vorherbestimmte Mutter ihr
empfangendes Ja sagte«.(33) Und nachdem Maria alle Worte des Boten gehört
hat, gibt sie diese Zustimmung. Sie sagt: »Ich bin die Magd des Herrn;
mir geschehe, wie du es gesagt hast« (Lk 1, 38). Dieses Fiat Marias - »mir
geschehe« - hat von der menschlichen Seite her über die Verwirklichung
des göttlichen Geheimnisses entschieden. Es findet sich hier eine volle
Übereinstimmung mit den Worten des Sohnes, der nach dem Hebräerbrief
beim Eintritt in die Welt zum Vater sagt: »Schlacht- und Speiseopfer hast
du nicht gefordert, doch einen Leib hast du mir geschaffen ... Ja, ich
komme ..., um deinen Willen, Gott, zu tun« (Hebr 10, 5-7). Das Geheimnis
der Menschwerdung hat sich also vollzogen, als Maria ihr Fiat gesprochen
hat: »Mir geschehe, wie du es gesagt hast«, indem sie, soweit es sie
nach dem göttlichen Plan betraf, die Erhörung des Wunsches ihres Sohnes
ermöglicht hat.
Maria hat dieses Fiat im Glauben gesprochen. Im Glauben hat sie sich ohne
Vorbehalte Gott überantwortet und »gab sich als Magd des Herrn ganz der
Person und dem Werk ihres Sohnes hin«.(34) Und diesen Sohn - so lehren
uns die Väter - hat sie, noch bevor sie ihn im Leib empfing, im Geist
empfangen: eben durch den Glauben!(35) Zu Recht also lobt Elisabet Maria:
»Selig ist, die geglaubt hat, daß sich erfüllt, was der Herr ihr sagen
ließ«. Diese Worte haben sich schon erfüllt: Maria tritt über die
Schwelle des Hauses Elisabets und des Zacharias als die Mutter des Sohnes
Gottes. Dies ist die freudige Entdeckung Elisabets: »Die Mutter meines
Herrn kommt zu mir«!
14. Deshalb kann auch der Glaube Marias mit dem Abrahams verglichen
werden, den der Apostel »unseren Vater im Glauben» nennt (vgl. Röm 4,
12). In der Heilsordnung der Offenbarung Gottes bildet der Glaube Abrahams
den Anfang des Alten Bundes. Der Glaube Marias bei der Verkündigung eröffnet
den Neuen Bund. Wie Abraham »gegen alle Hoffnung voll Hoffnung geglaubt
hat, daß er der Vater vieler Völker werde« (vgl. Röm 4, 18), so hat
Maria, nachdem sie im Augenblick der Verkündigung ihre Jungfräulichkeit
bekannt hatte ( »Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?«)
geglaubt, daß sie durch die Kraft des Höchsten, durch den Heiligen
Geist, nach der Offenbarung des Engels die Mutter des Sohnes Gottes werden
würde: »Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden«
(Lk 1, 35).
Doch betreffen die Worte Elisabets: »Selig ist, die geglaubt hat« nicht
nur jenen besonderen Augenblick der Verkündigung. Gewiß ist dies der Höhepunkt
für den Glauben Marias in der Erwartung Christi; sie ist aber auch der
Ausgangspunkt, an dem ihr ganzer »Weg zu Gott«, ihr Glaubensweg
insgesamt, beginnt. Und auf diesem Weg, der herausragend und wahrhaft
heroisch ist, - ja, mit wachsendem Glaubensheroismus - wird sich der »Gehorsam«
verwirklichen, den sie gegenüber dem Wort der göttlichen Offenbarung
bekannt hat. Dieser »Gehorsam des Glaubens« von seiten Marias wird auf
ihrem ganzen Weg überraschende Ähnlichkeiten mit dem Glauben Abrahams
haben. Wie der Patriarch des Volkes Gottes hat auch Maria auf dem Weg
ihres kindlichen und mütterlichen Fiat »geglaubt voll Hoffnung gegen
alle Hoffnung«. Vor allem in einigen Etappen dieses Weges offenbart sich
die Seligpreisung derjenigen, »die geglaubt hat«, mit besonderer
Deutlichkeit. Glauben will besagen, sich der Wahrheit des Wortes des
lebendigen Gottes zu »überantworten«, obwohl man darum weiß und demütig
anerkennt, »wie unergründlich seine Entscheidungen, wie unerforschlich
seine Wege sind« (Röm 11, 33). Maria, die sich nach dem ewigen Willen
des Höchsten sozusagen im Mittelpunkt jener »unerforschlichen Wege« und
jener »unergründlichen Entscheidungen« Gottes befindet, verhält sich
im Halbdunkel des Glaubens entsprechend, indem sie mit offenem Herzen
alles voll und ganz annimmt, was in Gottes Plan verfügt ist.
15. Als Maria bei der Verkündigung vom Sohn sprechen hört, dessen Mutter
sie werden und dem sie »den Namen Jesus (= Erlöser) geben soll«, erfährt
sie auch, daß ihrem Sohn »der Herr den Thron seines Vaters David geben
wird«, daß er »über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen und seine
Herrschaft kein Ende haben wird« (Lk 1, 32-33). In diese Richtung ging
die Hoffnung ganz Israels. Der verheißene Messias sollte »groß« sein,
und auch der himmlische Bote verkündet, daß er »groß sein wird« - groß,
sei es durch den Namen Sohn des Höchsten, sei es durch die Übernahme von
Davids Erbe. Er soll also König sein und »über das Haus Jakob«
herrschen. Konnte Maria, die inmitten dieser Erwartungen ihres Volkes
aufgewachsen ist, im Augenblick der Verkündigung erfassen, welche
wesentliche Bedeutung diese Worte des Engels haben? Wie soll man jenes »Reich«
verstehen, das »kein Ende« haben wird?
Wenn sie sich auch in jenem Augenblick durch ihren Glauben als Mutter des
»Messias-König« fühlte, so antwortete sie doch: »Ich bin die Magd des
Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast« (Lk 1, 38). Vom ersten
Augenblick an hat Maria den »Gehorsam des Glaubens« bekannt, indem sie
sich der geheimnisvollen Bedeutung überantwortete, die jenen Worten der
Verkündigung derjenige gegeben hat, von dem sie kamen: Gott selbst.
16. Auf dem Weg dieses »Gehorsams des Glaubens« hört Maria etwas später
noch andere Worte, die im Tempel von Jerusalem ausgesprochen werden. Es
war der vierzigste Tag nach der Geburt Jesu, als Maria und Josef nach der
Vorschrift des mosaischen Gesetzes »das Kind nach Jerusalem
hinaufbrachten, um es dem Herrn zu weihen« (Lk 2, 22). Die Geburt war in
größter Armut erfolgt. Wir wissen ja von Lukas, daß Maria, als sie sich
anläßlich der von der römischen Obrigkeit angeordneten Volkszählung
mit Josef nach Betlehem begab und sich »in der Herberge kein Platz« für
sie fand, ihren Sohn in einem Stall geboren hat und »ihn in eine Krippe
legte« (vgl. Lk 2, 7).
Ein gerechter und gottesfürchtiger Mann namens Simeon erscheint an jenem
Beginn des Glaubensweges Marias. Seine Worte, die vom Heiligen Geist
eingegeben wurden (vgl. Lk 2, 25-27), bestätigen einerseits die Wahrheit
der Verkündigung. Wir lesen nämlich, daß er das Kind »in seine Arme
nahm«, dem - nach dem Auftrag des Engels - »der Name Jesus gegeben
worden war« (vgl. Lk 2, 21). Die Rede Simeons entspricht dem Inhalt
dieses Namens, der Heiland bedeutet: »Gott ist Heil«. Zum Herrn gewandt,
sagt er: »Meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern
bereitet hast, ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für
dein Volk Israel« (Lk 2, 30. 32). Zugleich aber wendet sich Simeon auch
an Maria mit den folgenden Worten: »Dieser ist dazu bestimmt, daß viele
in Israel durch ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden, und er
wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird. Dadurch sollen die Gedanken
vieler Menschen offenbar werden«. Und mit direktem Bezug auf Maria fügt
er hinzu: »Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen«
(vgl. Lk 2, 34. 35). Die Worte Simeons werfen auf die Verkündigung, die
Maria vom Engel gehört hat, ein neues Licht: Jesus ist der Heiland, er
ist »Licht«, das die Menschen »erleuchtet«. Ist es nicht das, was sich
in gewisser Weise in der Nacht von Weihnachten offenbart hat, als die
Hirten zum Stall gekommen sind? (vgl. Lk 2, 8-20). Ist es nicht das, was
sich noch deutlicher im Kommen der Weisen aus dem Morgenland kundtun
sollte? (vgl. Mt 2, 1-12). Zugleich aber wird der Sohn Marias schon am
Anfang seines Lebens - und mit ihm seine Mutter - auch die Wahrheit der
anderen Worte Simeons an sich erfahren: »Zeichen, dem widersprochen wird«
(Lk 2, 34). Dieses Wort Simeons erscheint wie eine zweite Verkündigung an
Maria; denn es zeigt ihr die konkrete geschichtliche Dimension, in der ihr
Sohn seine Sendung ausführen wird, nämlich im Unverständnis und im
Leid. Wenn eine solche Ankündigung einerseits ihren Glauben an die Erfüllung
der göttlichen Heilsverheißungen bestätigt, so offenbart sie
andererseits auch, daß Maria ihren Glaubensgehorsam im Leid leben muß,
an der Seite des leidenden Heilandes, und daß ihre Mutterschaft
umschattet und schmerzenreich sein wird. Und in der Tat, schon nach dem
Besuch der Weisen, nach ihrer Ehrenbezeugung ( »sie fielen nieder und
huldigten ihm« ), nach der Übergabe der Geschenke (vgl. Mt 2, 11 ) muß
Maria zusammen mit ihrem Kind unter dem sorgenden Schutz Josefs nach Ägypten
fliehen; denn »Herodes suchte das Kind, um es zu töten« (vgl. Mt 2,
13). Und bis zum Tode des Herodes werden sie in Ägypten bleiben müssen
(vgl. Mt 2, 15).
17. Als die heilige Familie nach dem Tode des Herodes nach Nazaret zurückkehrt,
beginnt die lange Periode ihres verborgenen Lebens. Diejenige, »die
geglaubt hat, daß sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ« (Lk 1,
45), lebt jeden Tag den Inhalt dieser Worte. Täglich ist an ihrer Seite
der Sohn, dem sie »den Namen Jesus gegeben hat«; gewiß benutzte sie im
Umgang mit ihm diesen Namen, der übrigens bei niemandem Verwunderung
erregen konnte, da er seit langer Zeit in Israel gebräuchlich war.
Dennoch weiß Maria, daß jener, der den Namen Jesus trägt, vom Engel »Sohn
des Höchsten« genannt worden ist (vgl.Lk 1, 32). Maria weiß, daß sie
ihn empfangen und geboren hat, »ohne einen Mann zu erkennen«, durch den
Heiligen Geist, durch die Kraft des Höchsten, die sie überschattet hat
(vgl. Lk 1, 35), so wie die Wolke zur Zeit des Mose und der Väter die
Gegenwart Gottes umhüllte (vgl. Ex 24,16; 40,34-35; 1 Kön 8,10-12).
Maria weiß also, daß der Sohn, der von ihr auf diese Weise jungfräulich
geboren worden ist, eben jener »Heilige«, »der Sohn Gottes« ist, von
dem der Engel gesprochen hat.
Während der Jahre des verborgenen Lebens Jesu im Haus von Nazaret ist
auch das Leben Marias »mit Christus verborgen in Gott« (vgl. Kol 3,3)
durch den Glauben. Der Glaube ist nämlich eine Berührung mit dem
Geheimnis Gottes. Maria ist ständig, täglich in Berührung mit dem
unaussprechlichen Geheimnis Gottes, der Mensch geworden ist, einem
Geheimnis, das alles übersteigt, was im Alten Bund offenbart worden ist.
Seit dem Augenblick der Verkündigung ist der Geist der Jungfrau und
Mutter in die völlige »Neuheit« der Selbstoffenbarung Gottes eingeführt
und sich dieses Geheimnisses bewußt geworden. Sie ist die erste jener »Kleinen«,
von denen Jesus eines Tages sagen wird: »Vater,... du hast all das den
Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart« (Mt 11, 25).
Denn »niemand kennt den Sohn, nur der Vater« (Mt 11,27). Wie kann also
Maria »den Sohn kennen«? Natürlich kennt sie ihn nicht wie der Vater.
Und doch ist sie die erste unter denen, denen der Vater »ihn hat
offenbaren wollen« (vgl. Mt 11, 26-27; 1 Kor 2, 11). Wenn Maria aber vom
Augenblick der Verkündigung an der Sohn offenbart worden ist, von dem nur
der Vater die volle Wahrheit kennt als derjenige, der ihn im ewigen »Heute«
zeugt (vgl. Ps 2,7), so ist sie, die Mutter, mit der Wahrheit ihres Sohnes
nur im Glauben und durch den Glauben in Berührung! Sie ist also selig,
weil sie »geglaubt hat« und jeden Tag glaubt inmitten der Prüfungen und
Widerwärtigkeiten in der Zeit der Kindheit Jesu und dann während der
Jahre seines verborgenen Lebens in Nazaret, wo Jesus »ihnen gehorsam war«
(Lk 2, 51): gehorsam Maria und auch Josef gegenüber, weil dieser vor den
Menschen die Stelle des Vaters vertrat; deswegen wurde der Sohn Marias von
den Leuten als »der Sohn des Zimmermanns« angesehen (Mt 13, 55).
Die Mutter jenes Sohnes, eingedenk all dessen, was ihr bei der Verkündigung
und den nachfolgenden Begebenheiten gesagt worden ist, trägt also die völlige
»Neuheit« des Glaubens in sich: den Anfang des Neuen Bundes. Dieser ist
der Anfang des Evangeliums, der guten, frohen Botschaft. Es ist aber nicht
schwer, in jenem Anfang auch eine besondere Mühe des Herzens zu erkennen,
die mit einer gewissen »Glaubensnacht« verbunden ist - um ein Wort des
hl. Johannes vom Kreuz zu gebrauchen -, gleichsam ein »Schleier«, durch
den hindurch man sich dem Unsichtbaren nahen und mit dem Geheimnis in
Vertrautheit leben muß.(36) Auf diese Weise lebte Maria viele Jahre in
Vertrautheit mit dem Geheimnis ihres Sohnes und schritt voran auf ihrem »Glaubensweg«,
während Jesus »an Weisheit zunahm und Gefallen fand bei Gott und den
Menschen« (Lk 2, 52). Immer mehr offenbarte sich vor den Augen der
Menschen die besondere Liebe, die Gott für ihn hatte. Die erste unter
diesen menschlichen Geschöpfen, die Christus immer tiefer erkennen
durften, war Maria, die mit Josef im selben Haus in Nazaret lebte.
Als die Eltern den zwölfjährigen Jesus im Tempel wiederfanden und seine
Mutter ihn fragte: »Wie konntest du uns das antun«, antwortete dieser:
»Wußtet ihr nicht, daß ich in dem sein muß, was meinem Vater gehört?«.
Aber der Evangelist fügt hinzu: »Doch sie (Josef und Maria) verstanden
nicht, was er damit sagen wollte« (Lk 2, 48-50). Jesus war sich also bewußt,
daß »den Sohn nur der Vater kennt« (vgl. Mt 11, 27). Sogar diejenige,
der das Geheimnis seiner göttlichen Sohnschaft tiefer offenbart worden
war, seine Mutter, lebte nur durch den Glauben in Vertrautheit mit diesem
Geheimnis! An der Seite ihres Sohnes, unter demselben Dach, »bewahrte sie
die Verbundenheit mit dem Sohn in Treue« und schritt voran »auf dem
Pilgerweg des Glaubens«, wie es das Konzil unterstreicht.(37) So tat sie
es auch während des öffentlichen Lebens Christi (vgl. Mk 3, 21-35),
wobei sich an ihr täglich die Seligpreisung erfüllte, die bei ihrem
Besuch von Elisabet ausgesprochen worden war: »Selig ist, die geglaubt
hat«.
18. Diese Seligpreisung erreicht ihre volle Bedeutung, als Maria unter dem
Kreuze ihres Sohnes steht (vgl. Joh 19, 25). Das Konzil betont, daß das
»nicht ohne göttliche Absicht« geschah: Dadurch daß Maria »heftig mit
ihrem Eingeborenen litt und sich mit seinem Opfer in mütterlichem Geist
verband, indem sie der Darbringung des Opfers, das sie geboren hatte,
liebevoll zustimmte«, bewahrte sie «ihre Verbundenheit mit dem Sohn in
Treue bis zum Kreuz«:(38) die Verbundenheit durch den Glauben, denselben
Glauben, mit dem es ihr möglich geworden war, im Augenblick der Verkündigung
die Offenbarung des Engels anzunehmen. Sie hatte damals auch die Worte
vernommen: »Er wird groß sein... Der Herr wird ihm den Thron seines
Vaters David geben. Er wird über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen,
und seine Herrschaft wird kein Ende haben« (Lk 1, 32-33).
Und nun, zu Füßen des Kreuzes, ist Maria, menschlich gesprochen, Zeuge
einer völligen Verneinung dieser Worte. Ihr Sohn stirbt an jenem Holze
wie ein Ausgestoßener. »Er wurde verachtet und von den Menschen
gemieden, ein Mann voller Schmerzen ...; er war verachtet, und man schätzte
ihn nicht«: fast völlig vernichtet (vgl. Jes 53, 3-5). Wie groß, wie
heroisch ist somit »der Gehorsam des Glaubens«, den Maria angesichts
dieser »unergründlichen Entscheidungen« Gottes zeigt. Wie hat sie sich
ohne Vorbehalt »Gott überantwortet«, indem sie sich demjenigen »mit
Verstand und Willen voll unterwirft«,(39) dessen »Wege unerforschlich
sind« (vgl. Röm 11, 33)! Und wie mächtig ist zugleich das Wirken der
Gnade in ihrer Seele, wie durchdringend der Einfluß des Heiligen Geistes,
seines Lichtes und seiner Kraft.
Durch diesen Glauben ist Maria vollkommen mit Christus in seiner Entäußerung
verbunden. Denn obwohl Jesus Christus »Gott gleich war, hielt er nicht
daran fest ..., sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und
den Menschen gleich«: Gerade hier auf Golgota »erniedrigte er sich und
war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz« (vgl. Phil 2, 8). Und am
Fuß des Kreuzes nahm Maria durch den Glauben teil an dem erschütternden
Geheimnis dieser Entäußerung. Dies ist vielleicht die tiefste »kenosis«
(Entäußerung) des Glaubens in der Geschichte des Menschen: Durch den
Glauben nimmt Maria teil am Tod des Sohnes - an seinem Erlösertod. Im
Gegensatz zum Glauben der Jünger, die flohen, besaß sie aber einen
erleuchteteren Glauben. Durch das Kreuz hat Jesus auf Golgota endgültig
bestätigt, daß er das »Zeichen ist, dem widersprochen wird«, wie
Simeon vorhergesagt hatte. Gleichzeitig haben sich dort auch jene Worte
erfüllt, die dieser an Maria gerichtet hatte: »Dir selbst aber wird ein
Schwert durch die Seele dringen«.(40)
19. In der Tat, wahrhaft »selig ist, die geglaubt hat«! Diese erhabenen
Worte, die Elisabet nach der Verkündigung gesprochen hat, scheinen hier,
zu Füßen des Kreuzes, in ihrer dichtesten Bedeutung widerzuhallen, und
die in ihnen enthaltene Kraft wird überwältigend. Vom Kreuz, sozusagen
von der Herzmitte des Geheimnisses der Erlösung, geht ein Lichtstrahl aus
und erweitert den Horizont jener Seligpreisung des Glaubens. Sie reicht »bis
zum Anfang« zurück und wird in gewissem Sinn das Gegengewicht zum
Ungehorsam und Unglauben, die in der Sünde der Stammeltern enthalten
sind. So lehren die Kirchenväter und vor allem Irenäus, der von der
Konstitution »Lumen gentium« zitiert wird: »Der Knoten des Ungehorsams
der Eva ist gelöst worden durch den Gehorsam Marias; was die Jungfrau Eva
durch den Unglauben gebunden hat, das hat die Jungfrau Maria durch den
Glauben gelöst«.(41) Im Licht dieses Vergleiches mit Eva nennen die Väter
- wie das Konzil weiter sagt - Maria »die Mutter der Lebendigen« und
betonen oft: »Der Tod kam durch Eva, das Leben durch Maria«.(42)
Mit Recht können wir also in jenem Satz »Selig ist, die geglaubt hat«
gleichsam einen Schlüssel suchen, der uns die innerste Wirklichkeit
Marias erschließt: derjenigen, die der Engel im Augenblick der Verkündigung
als »voll der Gnade« bezeichnet hat. Wenn sie als die »Begnadete« seit
Ewigkeit im Geheimnis Christi gegenwärtig gewesen ist, so erhält sie
durch den Glauben in vollem Umfang Anteil an seinem irdischen Lebensweg:
Sie schritt voran auf dem »Pilgerweg des Glaubens«. Zugleich macht sie
auf diskrete, aber unmittelbare und wirksame Weise dieses Geheimnis
Christi für die Menschen gegenwärtig. Und sie tut dies noch immer und
ist durch das Geheimnis Christi auch selbst unter den Menschen zugegen.
3. Siehe, deine Mutter
20. Das Lukasevangelium berichtet von der Begebenheit, da »eine Frau aus
der Menge Jesus zurief: Selig die Frau, deren Leib dich getragen und deren
Brust dich genährt hat!« (Lk 11, 27). Diese Worte sind ein Lob für
Maria als leibliche Mutter Jesu. Die Mutter Jesu war dieser Frau
vielleicht nicht persönlich bekannt; als Jesus nämlich seine
messianische Tätigkeit begann, hat ihn Maria nicht begleitet, sondern
blieb weiterhin in Nazaret. Man könnte sagen, daß die Worte jener
unbekannten Frau sie in gewisser Weise aus ihrer Verborgenheit haben
heraustreten lassen.
Durch jene Worte ist in der Menge, wenigstens für einen Augenblick, das
Evangelium von der Kindheit Jesu aufgeleuchtet. Es ist das Evangelium, in
dem Maria gegenwärtig ist als die Mutter, die Jesus in ihrem Schoß empfängt,
ihn zur Welt bringt und mütterlich stillt: die stillende Mutter, auf die
jene Frau aus der Menge anspielt. Durch diese Mutterschaft ist Jesus - der
Sohn des Höchsten (vgl. Lk 1, 32) - ein wahrer Menschensohn. Er ist »Fleisch«
wie jeder Mensch: »Das Wort ist Fleisch geworden« (vgl. Joh 1, 14). Er
ist Fleisch und Blut Marias!(43)
Auf die Seligpreisung, die jene Frau gegenüber seiner leiblichen Mutter
ausspricht, antwortet Jesus jedoch auf bezeichnende Weise: »Selig sind
vielmehr die, die das Wort Gottes hören und es befolgen« (Lk 11, 28). Er
will die Aufmerksamkeit von der als leibliche Bindung verstandenen
Mutterschaft ablenken, um auf jene geheimnisvollen geistigen Bande
hinzuweisen, die sich im Hören und Befolgen des Wortes Gottes bilden.
Derselbe Verweis auf den Bereich der geistigen Werte zeigt sich noch
deutlicher in einer anderen Antwort Jesu, die von allen Synoptikern
berichtet wird. Als Jesus gemeldet wird, daß seine »Mutter und seine Brüder
draußen stehen und ihn sprechen möchten«, antwortet er: »Meine Mutter
und meine Brüder sind die, die das Wort Gottes hören und danach handeln«
(vgl. Lk 8, 20-21). Das sagte er, indem er »auf die Menschen blickte, die
im Kreis um ihn herumsaßen« wie wir bei Markus lesen (3, 34), nach Matthäus
(12, 49), indem »er die Hand über seine Jünger ausstreckte«.
Diese Aussagen scheinen auf der Linie dessen zu liegen, was der zwölfjährige
Jesus zu Maria und Josef gesagt hat, als sie ihn nach drei Tagen im Tempel
von Jerusalem fanden.
Nun, da Jesus Nazaret verließ und sein öffentliches Leben in ganz Palästina
begann, war er bereits vollkommen und ausschließlich mit dem beschäftigt,
»was seinem Vater gehört« (vgl. Lk 2, 49). Er verkündete das Reich
Gottes: »Reich Gottes« und »Dinge des Vaters« sind auch eine neue
Dimension und eine neue Sinngebung für all das, was menschlich ist, und
somit auch für jede menschliche Bindung hinsichtlich der Ziele und
Aufgaben, die jedem Menschen gestellt sind. In dieser neuen Dimension
bedeutet auch eine Bindung wie jene der »Brüderlichkeit« etwas anderes
als das »Brudersein nach dem Fleisch«, das durch die gemeinsame
Abstammung von denselben Eltern bestimmt wird. Und sogar die »Mutterschaft«
erhält in der Dimension des Reiches Gottes, im Licht der Vaterschaft
Gottes selbst, einen anderen Sinn. Mit den von Lukas berichteten Worten
lehrt Jesus genau diesen neuen Sinn der Mutterschaft.
Entfernt er sich damit von derjenigen, die seine Mutter, seine leibliche
Mutter, ist? Will er sie etwa im Schatten der Verborgenheit lassen, die
sie selber gewählt hat? Wenn es auch nach dem Klang der Worte so scheinen
könnte, so muß man doch feststellen, daß die neue und andere
Mutterschaft, von der Jesus zu den Jüngern spricht, in einer ganz
besonderen Weise gerade auf Maria zutrifft. Ist nicht gerade Maria die
erste unter denen, »die das Wort Gottes hören und danach handeln«? Und
bezieht sich nicht vor allem auf sie jene Seligpreisung, die von Jesus als
Antwort auf die Worte der »Frau aus der Menge« ausgesprochen wird? Ohne
Zweifel ist Maria dieser Seligpreisung würdig schon aufgrund der
Tatsache, daß sie für Jesus die Mutter nach dem Fleisch geworden ist (»Selig
die Frau, deren Leib dich getragen und deren Brust dich genährt hat«),
aber auch und vor allem deswegen, weil sie schon im Augenblick der Verkündigung
das Wort Gottes angenommen hat, weil sie ihm geglaubt hat, weil sie Gott
gegenüber gehorsam war, weil sie das Wort »bewahrte« und »es in ihrem
Herzen erwog« (vgl. Lk 1, 38. 45; 2, 19. 51) und es mit ihrem ganzen
Leben verwirklichte. Wir können deshalb sagen, daß die von Jesus
ausgesprochene Seligpreisung trotz des Anscheins nicht im Gegensatz zu
jener Seligpreisung steht, die von der »Frau aus der Menge« ausgerufen
worden ist, sondern daß sich beide in der Person jener Mutter und
Jungfrau begegnen, die allein sich als »Magd des Herrn« bezeichnet hat
(Lk 1, 38). Wenn es wahr ist, daß »alle Geschlechter sie seligpreisen«
(vgl. Lk 1, 48), kann man sagen, daß jene unbekannte »Frau aus der Menge«
die erste gewesen ist, die ohne ihr Wissen jenen prophetischen Vers von
Marias Magnifikat bestätigt und selbst das Magnifikat der Jahrhunderte eröffnet
hat.
Wenn Maria durch den Glauben die leibliche Mutter des ewigen Sohnes
geworden ist, der ihr in der Kraft des Heiligen Geistes vom Vater gegeben
worden ist, wobei sie ihre Jungfräulichkeit unversehrt bewahrte, so hat
sie in demselben Glauben die andere Dimension der Mutterschaft entdeckt
und angenommen, die von Jesus während seiner messianischen Sendung
offenbart worden ist. Man kann sagen, daß diese Dimension der
Mutterschaft schon von Anfang an, das heißt vom Augenblick der Empfängnis
und Geburt ihres Sohnes an, Maria zu eigen war. Von da an war sie
diejenige, »die geglaubt hat«. Als sich aber allmählich vor ihren Augen
und in ihrem Geiste die messianische Sendung des Sohnes klärte, öffnete
sie selbst sich als Mutter immer mehr jener »Neuheit« der Mutterschaft,
welche ihren »Anteil« an der Seite des Sohnes darstellen sollte. Hatte
sie nicht von Anfang an gesagt: »Ich bin die Magd des Herrn; mir
geschehe, wie du es gesagt hast« (Lk 1, 38)? Im Glauben fuhr sie fort,
jenes Wort zu hören und zu bedenken, in dem ihr in einer Weise, »die
alle Erkenntnis übersteigt« (Eph 3, 19), die Selbstoffenbarung des
lebendigen Gottes immer offenkundiger wurde. Maria, die Mutter, wurde so
in gewissem Sinn die erste »Jüngerin« ihres Sohnes, die erste, der er
zu sagen schien: »Folge mir nach«, noch bevor er diesen Ruf an die
Apostel oder an jemand anderen richtete (vgl. Joh 1, 43).
21. Besonders beredt ist unter diesem Gesichtspunkt der Text des
Johannesevangeliums, der uns Maria bei der Hochzeit zu Kana zeigt. Maria
erscheint hier als Mutter Jesu am Beginn seines öffentlichen Lebens: »Es
fand eine Hochzeit in Kana in Galiläa statt, und die Mutter Jesu war
dabei. Auch Jesus und seine Jünger waren zur Hochzeit eingeladen« (Joh
2, 1-2). Aus dem Text könnte man schließen, daß Jesus und seine Jünger
zusammen mit Maria eingeladen waren, gleichsam wegen ihrer Anwesenheit bei
diesem Fest: Der Sohn scheint wegen der Mutter eingeladen zu sein. Die
Folge der mit dieser Einladung verbundenen Ereignisse ist bekannt, jener
»Anfang der Zeichen« Jesu - die Verwandlung des Wassers in Wein -, der
den Evangelist sagen läßt: Jesus »offenbarte seine Herrlichkeit, und
seine Jünger glaubten an ihn« (Joh 2,11).
Maria ist zu Kana in Galiläa als Mutter Jesu anwesend und trägt in
bezeichnender Weise zu jenem »Anfang der Zeichen« bei, die die
messianische Kraft ihres Sohnes offenbaren: »Als der Wein ausging, sagte
die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. Jesus erwiderte ihr:
Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen« (Joh
2, 3-4). Im Johannesevangelium bezeichnet jene »Stunde« den vom Vater
bestimmten Augenblick, in welchem der Sohn sein Werk erfüllt und
verherrlicht werden soll (vgl. Joh 7, 30; 8, 20; 12, 23.27; 13, 1; 17, 1;
19, 27). Obwohl die Antwort Jesu an seine Mutter scheinbar wie eine Zurückweisung
klingt (vor allem, wenn man weniger seine Frage als vielmehr die
entschiedene Feststellung beachtet: »Meine Stunde ist noch nicht gekommen«),
wendet sich Maria dennoch an die Diener und sagt zu ihnen: »Was er euch
sagt, das tut« (Joh 2, 5). Darauf befiehlt Jesus den Dienern, die Krüge
mit Wasser zu füllen, und das Wasser wird zu Wein, besser als jener, der
zuerst den Gästen des Hochzeitsmahles serviert worden ist.
Welch tiefes Einverständnis gab es zwischen Jesus und seiner Mutter? Wie
soll man das Geheimnis ihrer inneren geistigen Einheit erforschen? Das
Geschehen selbst aber ist deutlich. Es ist gewiß, daß sich in jenem
Ereignis schon recht klar die neue Dimension, der neue Sinn der
Mutterschaft Marias abzeichnet. Sie hat eine Bedeutung, die nicht
ausschließlich in den Worten Jesu und in den verschiedenen Ereignissen
enthalten ist, wie sie die Synoptiker berichten (Lk 11, 27-28; 8,19-21; Mt
12, 46-50; Mk 3, 31-35). In diesen Texten will Jesus vor allem die
Mutterschaft, die sich aus der Geburt selbst ergibt, dem gegenüberstellen,
was jene »Mutterschaft« (wie die »Bruderschaft«) in der Dimension des
Gottesreiches, im Heilsbereich der Vaterschaft Gottes sein soll. Im
johanneischen Text hingegen zeichnet sich in der Darstellung des
Ereignisses von Kana ab, was sich konkret als neue Mutterschaft nach dem
Geist und nicht nur aus dem Fleisch erweist, nämlich die Sorge Marias für
die Menschen, ihre Hinwendung zu ihnen in der ganzen Breite ihrer Bedürfnisse
und Nöte. Zu Kana in Galiläa wird nur ein konkreter Aspekt der
menschlichen Bedürftigkeit gezeigt, scheinbar nur klein und von geringer
Bedeutung (»Sie haben keinen Wein mehr«). Aber er hat symbolischen Wert:
Jene Hinwendung zu den Bedürfnissen der Menschen bedeutet zugleich, sie
in den Bereich der messianischen Sendung und erlösenden Macht Christi zu
führen. Es liegt also eine Vermittlung vor: Maria stellt sich zwischen
ihren Sohn und die Menschen in der Situation ihrer Entbehrungen, Bedürfnisse
und Leiden. Sie stellt sich »dazwischen«, das heißt, sie macht die
Mittlerin, nicht wie eine Fremde, sondern in ihrer Stellung als Mutter,
und ist sich bewußt, daß sie als solche dem Sohn die Nöte der Menschen
vortragen kann, ja sogar das »Recht« dazu hat. Ihre Vermittlung hat also
den Charakter einer Fürsprache: Maria »spricht für« die Menschen.
Nicht nur das: Als Mutter möchte sie auch, daß sich die messianische
Macht des Sohnes offenbart, nämlich seine erlösende Kraft, die darauf
gerichtet ist, dem Menschen im Unglück zur Hilfe zu eilen, ihn vom Bösen
zu befreien, das in verschiedenen Formen und Maßen auf seinem Leben
lastet. Ganz wie es der Prophet Jesaja in dem berühmten Text, auf den
sich Jesus vor seinen Landsleuten in Nazaret berufen hat, vom Messias
angekündet hatte: »... den Armen eine gute Nachricht bringen, den
Gefangenen die Entlassung verkünden und den Blinden das Augenlicht...«
(vgl. Lk 4, 18).
Ein anderes wesentliches Element dieser mütterlichen Aufgabe Marias kommt
in den Worten an die Diener zum Ausdruck: »Was er euch sagt, das tut«.
Die Mutter Christi zeigt sich vor den Menschen als Sprecherin für den
Willen des Sohnes, als Wegweiserin zu jenen Voraussetzungen, die erfüllt
sein müssen, damit sich die erlösende Macht des Messias offenbaren kann.
Wegen der Fürsprache Marias und dem Gehorsam der Diener läßt Jesus in
Kana »seine Stunde« beginnen. In Kana zeigt Maria ihren Glauben an
Jesus: Ihr Glaube führt zum ersten »Zeichen« und trägt dazu bei, den
Glauben der Jünger zu wecken.
22. Wir können also sagen, daß wir in diesem Abschnitt des
Johannesevangeliums gleichsam ein erstes Aufleuchten der Wahrheit von der
mütterlichen Sorge Marias finden. Diese Wahrheit hat auch in der Lehre
des letzten Konzils ihren Ausdruck gefunden. Es ist wichtig festzustellen,
wie dort die mütterliche Aufgabe Marias in ihrer Beziehung zur
Mittlerschaft Christi dargestellt wird. Wir lesen dort nämlich: »Marias
mütterliche Aufgabe gegenüber den Menschen aber verdunkelt oder mindert
diese einzige Mittlerschaft Christi in keiner Weise, sondern zeigt ihre
Wirkkraft«; denn »einer (ist) Mittler zwischen Gott und den Menschen:
der Mensch Christus Jesus« (1 Tim 2, 5). Diese mütterliche Aufgabe fließt
nach dem Wohlgefallen Gottes »aus dem Überfluß der Verdienste Christi,
stützt sich auf seine Mittlerschaft, hängt von ihr vollständig ab und
schöpft aus ihr seine ganze Wirkkraft«.(44) Genau in diesem Sinne bietet
uns das Geschehen zu Kana in Galiläa gleichsam ein erstes Aufleuchten der
Mittlerschaft Marias, die ganz auf Christus bezogen und auf die
Offenbarung seiner Heilsmacht ausgerichtet ist.
Aus dem johanneischen Text geht hervor, daß es sich um eine mütterliche
Vermittlung handelt. Entsprechend verkündet das Konzil: Maria »ist...
uns in der Ordnung der Gnade Mutter«. Diese Mutterschaft in der Ordnung
der Gnade ist aus ihrer göttlichen Mutterschaft selbst hervorgegangen.
Weil sie nach dem Willen der göttlichen Vorsehung Mutter und Ernährerin
des Erlösers war, ist sie auch »in einzigartiger Weise vor den anderen
hochherzige Gefährtin und demütige Magd des Herrn« geworden und hat »beim
Werk der Erlösung... in Gehorsam, Glaube, Hoffnung und brennender Liebe
mitgewirkt zur Wiederherstellung des übernatürlichen Lebens der Seelen«.(45)
»Diese Mutterschaft Marias in der Gnadenordnung dauert unaufhörlich fort
... bis zur ewigen Vollendung aller Auserwählten«.(46)
23. Wenn der Abschnitt des Johannesevangeliums über das Geschehen in Kana
die Muttersorge Marias zu Beginn des messianischen Wirkens Christi
darstellt, bestätigt eine andere Stelle desselben Evangeliums diese
Mutterschaft in der Heilsordnung der Gnade an ihrem Höhepunkt, das heißt,
als sich das Kreuzesopfer Christi, sein österliches Geheimnis, vollendet.
Die Darstellung des Johannes ist kurz und knapp: »Bei dem Kreuz Jesu
standen seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des
Klopas, und Maria von Magdala. Als Jesus seine Mutter sah und bei ihr den
Jünger, den er liebte, sagte er zu seiner Mutter: Frau, siehe, dein Sohn!
Dann sagte er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter! Und von jener Stunde an
nahm sie der Jünger zu sich« (Joh 19, 25-27).
Zweifellos ist in diesem Vorgang ein Ausdruck der besonderen Sorge des
Sohnes für die Mutter zu sehen, die er in einem so tiefen Schmerz zurückläßt.
Über den Sinn dieser Fürsorge sagt das »Kreuzestestament« Christi
jedoch noch mehr aus. Jesus macht ein neues Band zwischen Mutter und Sohn
deutlich, dessen ganze Wahrheit und Wirklichkeit er feierlich bestätigt.
Wenn die Mutterschaft Marias gegenüber den Menschen bereits früher
angedeutet worden ist, wird sie nun - so kann man sagen - klar gefaßt und
festgelegt: Sie geht aus der endgültigen Vollendung des österlichen
Geheimnisses des Erlösers hervor. Die Mutter Christi, die in der
unmittelbaren Reichweite dieses Geheimnisses steht, das den Menschen -
jeden einzelnen und alle - umfaßt, wird diesem - jedem einzelnen und
allen - als Mutter gegeben. Dieser Mensch zu Füßen des Kreuzes ist
Johannes, »der Jünger, den er liebte«.(47) Aber nicht er allein. In
Anlehnung an die Tradition zögert das Konzil nicht, Maria »Mutter
Christi und Mutter der Menschen« zu nennen. In der Tat »findet sie sich
mit allen... Menschen in der Nachkommenschaft Adams verbunden...; ja,
"sie ist wahrhaft Mutter der Glieder (Christi), ... denn sie hat in
Liebe mitgewirkt, daß die Gläubigen in der Kirche geboren würden"«.(48)
Diese »neue Mutterschaft Marias«, aus dem Glauben gezeugt, ist also eine
Frucht der »neuen« Liebe, die in ihr unter dem Kreuz, durch ihre
Teilnahme an der erlösenden Liebe des Sohnes, zur vollen Reife gekommen
ist.
24. Wir befinden uns so mitten in der Erfüllung jener Verheißung, die im
Protoevangelium enthalten ist: Er (der Nachwuchs der Frau) »wird der
Schlange den Kopf zermalmen« (vgl. Gen 3, 15). Jesus Christus besiegt ja
in der Tat mit seinem Erlösertod das Übel der Sünde und des Todes an
der Wurzel selbst. Es ist bezeichnend, daß er, als er sich vom Kreuz
herab an die Mutter wendet, sie »Frau« nennt und zu ihr sagt: »Frau,
siehe, dein Sohn«. Mit dem gleichen Wort hatte er sie ja auch in Kana
angesprochen (vgl. Joh 2, 4). Kann man bezweifeln, daß gerade jetzt, auf
Golgota, dieser Satz in die Tiefe des Geheimnisses Marias vordringt und
die einzigartige Stellung berührt, die sie in der ganzen Heilsordnung
einnimmt? So lehrt das Konzil: Mit Maria »als der erhabenen Tochter Zion
ist schließlich nach langer Erwartung der Verheißung die Zeit erfüllt
und die neue Heilsökonomie begonnen, als der Sohn Gottes die
Menschennatur aus ihr annahm, um durch die Mysterien seines Fleisches den
Menschen von der Sünde zu befreien«.(49)
Die Worte, die Jesus vom Kreuz herab spricht, bedeuten, daß die
Mutterschaft derer, die ihn geboren hat, sich in der Kirche und durch die
Kirche »neu« fortsetzt, die durch Johannes symbolisiert und dargestellt
wird. Sie, die als die »Begnadete« in das Geheimnis Christi eingeführt
worden ist, um seine Mutter zu werden und so heilige Gottesgebärerin zu
sein, bleibt auf diese Weise durch die Kirche in jenem Geheimnis zugegen
als »die Frau«, die vom Buch der Genesis (3, 15) am Anfang und von der
Offenbarung des Johannes (12, 1) am Ende der Heilsgeschichte genannt wird.
Nach dem ewigen Plan der Vorsehung soll sich die göttliche Mutterschaft
Marias über die Kirche ausbreiten, wie es Aussagen der Tradition
andeuten, wonach die Mutterschaft Marias über die Kirche der Abglanz und
die Fortsetzung ihrer Mutterschaft über den Sohn Gottes ist.(50)
Schon die Stunde selbst, da die Kirche geboren wird und ganz offen vor die
Welt tritt, läßt nach dem Konzil diese fortdauernde Mutterschaft Marias
erkennen: »Da es aber Gott gefiel, das Sakrament des menschlichen Heils
nicht eher feierlich zu verkünden, als bis er den verheißenen Heiligen
Geist ausgegossen hatte, sehen wir die Apostel vor dem Pfingsttag
"einmütig im Gebet verharren mit den Frauen und Maria, der Mutter
Jesu, und seinen Brüdern" (Apg 1, 14) und Maria mit ihren Gebeten
die Gabe des Geistes erflehen, der sie schon bei der Verkündigung überschattet
hatte«.(51)
Es gibt also in der Gnadenordnung, die sich unter dem Wirken des Heiligen
Geistes vollzieht, eine einzigartige Entsprechung zwischen dem Augenblick
der Menschwerdung des Wortes und jenem der Geburt der Kirche. Die Person,
die beide Momente vereinigt, ist Maria: Maria in Nazaret und Maria im
Abendmahlssaal von Jerusalem. In beiden Fällen ist ihre zurückhaltende,
aber wesentliche Gegenwart ein Hinweis auf den Weg der »Geburt durch den
Heiligen Geist«. Die im Geheimnis Christi als Mutter gegenwärtig ist,
wird so - durch den Willen des Sohnes und das Wirken des Heiligen Geistes
- auch gegenwärtig im Geheimnis der Kirche. Auch in der Kirche bleibt sie
mütterlich zugegen, wie die am Kreuz gesprochenen Worte anzeigen: »Frau,
siehe, dein Sohn« - »Siehe, deine Mutter«.
2. TEIL
DIE GOTTESMUTTER INMITTEN
DER PILGERNDEN KIRCHE
1. Die Kirche, das Volk Gottes, in allen Völkern der Erde verwurzelt
25. »Die Kirche "schreitet zwischen den Verfolgungen der Welt und
den Tröstungen Gottes auf ihrem Pilgerweg dahin" (52) und verkündet
das Kreuz und den Tod des Herrn, bis er wiederkommt (vgl. 1 Kor 11, 26)«.(53)
»Wie aber schon das Israel dem Fleische nach auf seiner Wüstenwanderung
Kirche Gottes genannt wird (2 Esdr 13, 1; vgl. Num 20, 4; Dtn 23, 1 ff.),
so wird auch das neue Israel... Kirche Christi genannt (vgl. Mt 16, 18).
Er selbst hat sie ja mit seinem Blut erworben (vgl. Apg 20, 28), mit
seinem Geist erfüllt und mit geeigneten Mitteln sichtbarer und
gesellschaftlicher Einheit ausgerüstet. Gott hat die Versammlung derer,
die zu Christus als dem Urheber des Heils und dem Ursprung der Einheit und
des Friedens gläubig aufschauen, zusammengerufen und als seine Kirche
gestiftet, damit sie allen und jedem das sichtbare Sakrament dieser
heilbringenden Einheit sei«.(54)
Das II. Vatikanische Konzil spricht von der Kirche auf dem Wege, wobei es
eine Analogie mit dem Volk Israel des Alten Bundes auf seinem Weg durch
die Wüste herstellt. Ein solcher Weg zeigt sich auch nach außen und wird
sichtbar in der Zeit und dem Raum, wo er sich geschichtlich verwirklicht.
»Bestimmt zur Verbreitung über alle Länder, tritt sie (die Kirche) in
die menschliche Geschichte ein und übersteigt doch zugleich Zeiten und
Grenzen der Völker«.(55) Der wesentliche Charakter ihres Pilgerweges ist
jedoch innerlich. Es handelt sich um eine Pilgerschaft im Glauben, in der
»Kraft des auferstandenen Herrn«,(56) um eine Pilgerschaft im Heiligen
Geist, der der Kirche als unsichtbarer Beistand (Parákletos) gegeben ist
(vgl. Joh 14, 26; 15, 26; 16, 7): »Auf ihrem Weg durch Prüfungen und
Bedrängnis wird die Kirche durch die Kraft der ihr vom Herrn verheißenen
Gnade Gottes gestärkt, damit sie... unter der Wirksamkeit des Heiligen
Geistes nicht aufhöre, sich selbst zu erneuern, bis sie durch das Kreuz
zum Licht gelangt, das keinen Untergang kennt«.(57)
Auf diesem kirchlichen Pilgerweg durch Raum und Zeit und noch mehr in der
Geschichte der Seelen ist Maria zugegen als diejenige, die »selig ist,
weil sie geglaubt hat«, als diejenige, die »den Pilgerweg des Glaubens«
geht, indem sie wie kein anderer Mensch am Geheimnis Christi teilnimmt.
Weiter sagt das Konzil, daß »Maria ..., da sie zuinnerst in die
Heilsgeschichte eingegangen ist, gewissermaßen die größten
Glaubensgeheimnisse in sich vereinigt und widerstrahlt«.(58) Vor allen Gläubigen
ist sie wie ein »Spiegel«, in dem sich »die Großtaten Gottes« (Apg 2,
11) in tiefster und reinster Weise widerspiegeln.
26. Die Kirche, von Christus auf den Aposteln erbaut, ist sich dieser Großtaten
Gottes am Pfingsttag voll bewußt geworden, als die im Abendmahlssaal
Versammelten »mit dem Heiligen Geist erfüllt wurden und begannen, in
fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab« (Apg 2, 4). In
diesem Augenblick beginnt auch jener Weg des Glaubens, die Pilgerschaft
der Kirche durch die Geschichte der Menschen und der Völker. Man weiß,
daß am Beginn dieses Weges Maria gegenwärtig ist, die wir mitten unter
den Aposteln im Abendmahlssaal »mit ihren Gebeten die Gabe des Geistes
erflehen« sehen.(59)
Ihr Glaubensweg ist in einem gewissen Sinne länger. Der Heilige Geist ist
bereits auf sie herabgekommen, die bei der Verkündigung seine treue Braut
geworden ist, indem sie das ewige Wort des wahren Gottes aufnahm und sich
dem offenbarenden Gott mit Verstand und Willen voll unterwarf und seiner
Offenbarung willig zustimmte, ja, sich im »Gehorsam des Glaubens« ganz
und gar Gott überließ(60) und darum dem Engel antwortete: »Ich bin die
Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast«. Der Glaubensweg
Marias, die wir betend im Abendmahlssaal sehen, ist also länger als der
Weg der dort Versammelten: Maria geht ihnen »voraus« und auch »voran«.(61)
Der Pfingsttag in Jerusalem ist, außer durch das Kreuz, auch durch den
Augenblick der Verkündigung in Nazaret vorbereitet worden. Im
Abendmahlssaal trifft sich der Weg Marias mit dem Glaubensweg der Kirche.
In welcher Weise?
Unter denen, die im Abendmahlssaal im Gebet verharrten und sich darauf
vorbereiteten, »in die ganze Welt« zu ziehen, nachdem sie den Heiligen
Geist empfingen, waren einige nach und nach durch Jesus vom Anfang seiner
Sendung in Israel an berufen worden. Elf von ihnen waren als Apostel
eingesetzt worden, und ihnen hatte Jesus die Sendung übergeben, die er
selbst vom Vater erhalten hatte: »Wie mich der Vater gesandt hat, so
sende ich euch« (Joh 20, 21), so hatte er den Aposteln nach der
Auferstehung gesagt. Vierzig Tage später, vor seiner Rückkehr zum Vater,
hatte er hinzugefügt: Wenn »die Kraft des Heiligen Geistes... auf euch
herabkommen wird, ... werdet ihr meine Zeugen sein ... bis an die Grenzen
der Erde« (vgl. Apg 1, 8). Diese Sendung der Apostel beginnt mit dem
Augenblick, da sie den Abendmahlssaal in Jerusalem verlassen. Die Kirche
wird geboren und wächst nun durch das Zeugnis, das Petrus und die anderen
Apostel von Christus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, ablegen (vgl.
Apg 2, 31-34; 3, 15-18; 4, 10-12; 5, 30-32).
Maria hat nicht diese apostolische Sendung direkt empfangen. Sie befand
sich nicht unter denen, die Jesus, als er ihnen jene Sendung verlieh, in
die ganze Welt sandte, um alle Menschen zu seinen Jüngern zu machen (vgl.
Mt 28, 19). Sie war jedoch im Abendmahlssaal, wo sich die Apostel darauf
vorbereiteten, diese Sendung mit dem Kommen des Geistes der Wahrheit zu übernehmen:
Dort war sie bei ihnen. In ihrer Mitte war sie »beharrlich im Gebet« als
die »Mutter Jesu« (Apg 1, 13-14), das heißt als Mutter des gekreuzigten
und auferstandenen Christus. Und jener erste Kern derer, die im Glauben »auf
Jesus, den Urheber des Heils«(62) schauten, war sich bewußt, daß Jesus
der Sohn Marias war und sie seine Mutter und daß sie so vom Augenblick
der Empfängnis und Geburt an eine besondere Zeugin des Geheimnisses Jesu
war, jenes Geheimnisses, das sich vor ihren Augen in Kreuz und
Auferstehung ausgeprägt und bestätigt hatte. Die Kirche »schaute« also
vom ersten Augenblick an auf Maria von Jesus her, wie sie auf Jesus von
Maria her »schaute«. Diese wurde für die Kirche von damals und für
immer eine einzigartige Zeugin der Kindheitsjahre Jesu und seines
verborgenen Lebens in Nazaret, da sie »alles bewahrte, was geschehen war,
und in ihrem Herzen darüber nachdachte« (Lk 2, 19; vgl. v. 51).
Aber in der Kirche von damals und immer war und ist Maria vor allem jene,
die »selig ist, weil sie geglaubt hat«: Als erste hat sie geglaubt. Vom
Augenblick der Verkündigung und der Empfängnis an, seit der Stunde der
Geburt im Stall von Betlehem folgte Maria Jesus Schritt für Schritt auf
ihrer mütterlichen Pilgerschaft des Glaubens. Sie folgte ihm all die
Jahre seines verborgenen Lebens in Nazaret, sie folgte ihm auch in der
Zeit der äußeren Trennung, als er inmitten von Israel »zu handeln und
zu lehren« begann (vgl. Apg 1, 1), sie folgte ihm vor allem in der
tragischen Erfahrung von Golgota. Jetzt, da Maria am Beginn der Kirche mit
den Aposteln im Abendmahlssaal von Jerusalem weilte, fand ihr Glaube, der
aus den Worten der Verkündigung geboren war, seine Bestätigung. Der
Engel hatte ihr damals gesagt: »Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn
wirst du gebären; dem sollst du den Namen Jesus geben. Er wird groß sein
und... über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen, und seine Herrschaft
wird kein Ende haben«. Die gerade zurückliegenden Ereignisse von
Kalvaria hatten diese Verheißung ins Dunkel gehüllt; und doch ist auch
unter dem Kreuz der Glaube Marias nicht erloschen. Sie war dort immer noch
jene, die (wie Abraham) »gegen alle Hoffnung voll Hoffnung« geglaubt hat
(Röm 4, 18). Und siehe, nach der Auferstehung hatte die Hoffnung ihr
wahres Antlitz enthüllt, und die Verheißung hatte begonnen, Wirklichkeit
zu werden. Tatsächlich hatte Jesus ja, ehe er zum Vater zurückkehrte,
den Aposteln gesagt: »Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu
meinen Jüngern.... Seid gewiß! Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende
der Welt« (vgl. Mt 28, 19. 20). So hatte derjenige gesprochen, der sich
durch seine Auferstehung als Sieger über den Tod erwiesen hatte, als
Herrscher des Reiches, das nach der Ankündigung des Engels »kein Ende
haben wird«.
27. Jetzt, an den Anfängen der Kirche, am Beginn ihres langen Weges im
Glauben, der mit dem Pfingstereignis in Jerusalem anfing, war Maria mit
allen zusammen, die den Keim des »neuen Israels« bildeten. Sie war
mitten unter ihnen als außerordentliche Zeugin des Geheimnisses Christi.
Und die Kirche verharrte zusammen mit ihr im Gebet und »betrachtete sie«
zugleich »im Licht des ewigen Wortes, das Mensch geworden war«. So
sollte es immer sein. Wenn die Kirche stets tiefer »in das erhabene
Geheimnis der Menschwerdung eindringt«, denkt sie ja dabei in tiefer
Verehrung und Frömmigkeit auch an die Mutter Christi.(63) Maria gehört
untrennbar zum Geheimnis Christi, und so gehört sie auch zum Geheimnis
der Kirche von Anfang an, seit dem Tag von deren Geburt. Zur Grundlage all
dessen, was die Kirche von Anfang an ist und was sie von Generation zu
Generation inmitten aller Nationen der Erde unaufhörlich werden muß, gehört
diejenige, die »geglaubt hat, daß sich erfüllt, was der Herr ihr sagen
ließ« (Lk 1, 45). Gerade dieser Glaube Marias, der den Beginn des neuen
und ewigen Bundes Gottes mit der Menschheit in Jesus Christus anzeigt,
dieser heroische Glaube »geht« dem apostolischen Zeugnis der Kirche »voran«
und bleibt im Herzen der Kirche zugegen, verborgen als ein besonderes Erbe
der Offenbarung Gottes. Alle, die von Generation zu Generation das
apostolische Zeugnis der Kirche annehmen, haben an diesem geheimnisvollen
Erbe Anteil und nehmen gewissermaßen teil am Glauben Marias.
Auch im Pfingstereignis bleiben die Worte Elisabets »Selig, die geglaubt
hat« mit Maria verbunden; sie folgen ihr durch alle Zeiten überall
dorthin, wo sich durch das apostolische Zeugnis und den Dienst der Kirche
die Kenntnis vom Heilsgeheimnis Christi ausbreitet. Auf diese Weise erfüllt
sich die Verheißung des Magnifikats: »Siehe, von nun an preisen mich
selig alle Geschlechter. Denn der Mächtige hat Großes an mir getan, und
sein Name ist heilig« (Lk 1, 48-49). Die Erkenntnis des Geheimnisses
Christi führt ja zur Lobpreisung seiner Mutter in der Form einer
besonderen Verehrung für die Gottesgebärerin. In dieser Verehrung ist
aber immer der Lobpreis ihres Glaubens eingeschlossen, weil die Jungfrau
von Nazaret nach den Worten Elisabets vor allem durch diesen Glauben selig
geworden ist. Alle, die unter den verschiedenen Völkern und Nationen der
Erde die Generationen hindurch das Geheimnis Christi, des menschgewordenen
Wortes und Erlösers der Welt, gläubig aufnehmen, wenden sich nicht nur
mit Verehrung an Maria und gehen vertrauensvoll zu ihr wie zu einer
Mutter, sondern suchen auch in ihrem Glauben Kraft für den eigenen
Glauben. Und gerade diese lebendige Teilnahme am Glauben Marias
entscheidet über ihre besondere Gegenwart bei der Pilgerschaft der Kirche
als neues Gottesvolk auf der ganzen Erde.
28. Das Konzil sagt hierzu: »Maria... (ist) zuinnerst in die
Heilsgeschichte eingegangen ... Daher ruft ihre Verkündigung und
Verehrung die Gläubigen hin zu ihrem Sohn und seinem Opfer und zur Liebe
des Vaters«.(64) Deshalb wird in gewisser Weise der Glaube Marias auf der
Grundlage des apostolischen Zeugnisses der Kirche unaufhörlich zum
Glauben des Gottesvolkes auf seinem Pilgerweg: zum Glauben der Personen
und Gemeinden, der Kreise und Gemeinschaften sowie der verschiedenen
Gruppen, die es in der Kirche gibt. Es ist ein Glaube, der mit Verstand
und Herz zugleich vermittelt wird; man findet ihn oder erlangt ihn wieder
stets durch das Gebet. »Daher blickt die Kirche auch in ihrem
apostolischen Wirken mit Recht zu ihr auf, die Christus geboren hat, der
dazu vom Heiligen Geist empfangen und von der Jungfrau geboren wurde, daß
er durch die Kirche auch in den Herzen der Gläubigen geboren werde und
wachse«.(65)
Heute, da wir uns auf dieser Pilgerschaft des Glaubens dem Ende des
zweiten christlichen Jahrtausends nähern, erinnert die Kirche durch die
Lehre des II. Vatikanischen Konzils daran, wie sie sich selber sieht, als
»dieses eine Gottesvolk«, das »in allen Völkern der Erde wohnt«; sie
erinnert an die Wahrheit, nach der alle Gläubigen, auch wenn sie »über
den Erdkreis hin verstreut (sind), mit den übrigen im Heiligen Geiste in
Gemeinschaft stehen«,(66) so daß man sagen kann, daß sich in dieser
Einheit das Pfingstgeheimnis ständig verwirklicht. Zugleich bleiben die
Apostel und die Jünger des Herrn unter allen Völkern der Erde »beharrlich
im Gebet zusammen mit Maria, der Mutter Jesu« (vgl. Apg 1, 14). Indem sie
von Generation zu Generation das Zeichen des Reiches bilden, das nicht von
dieser Welt ist,(67) sind sie sich auch bewußt, daß sie sich inmitten
dieser Welt um jenen König sammeln müssen, dem die Völker zum Erbe
gegeben sind (Ps 2, 8), dem Gott Vater »den Thron seines Vaters David«
gegeben hat, so daß er »über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen und
seine Herrschaft kein Ende haben wird«.
Mit diesem Glauben, der sie besonders vom Augenblick der Verkündigung an
selig gemacht hat, ist Maria in dieser Zeit der Erwartung zugegen in der
Sendung der Kirche, zugegen im Wirken der Kirche, die das Reich ihres
Sohnes in die Welt einführt.(68) Diese Gegenwart Marias findet heute wie
in der ganzen Geschichte der Kirche vielfältige Ausdrucksweisen. Sie hat
auch einen vielseitigen Wirkungsbereich: durch den Glauben und die Frömmigkeit
der einzelnen Gläubigen, durch die Traditionen der christlichen Familien
oder der »Hauskirchen«, der Pfarr- und Missionsgemeinden, der
Ordensgemeinschaften, der Diözesen, durch die werbende und ausstrahlende
Kraft der großen Heiligtümer, in denen nicht nur einzelne oder örtliche
Gruppen, sondern bisweilen ganze Nationen und Kontinente die Begegnung mit
der Mutter des Herrn suchen, mit derjenigen, die selig ist, weil sie
geglaubt hat, die die erste unter den Gläubigen ist und darum Mutter des
Immanuel geworden ist. Das ist der Ruf der Erde Palästinas, der geistigen
Heimat aller Christen, weil es die Heimat des Erlösers der Welt und
seiner Mutter ist. Das ist der Ruf so vieler Kirchen, die der christliche
Glaube in Rom und über die ganze Welt hin die Jahrhunderte hindurch
errichtet hat. Das ist auch die Botschaft der Orte wie Guadalupe, Lourdes,
Fatima und der anderen in den verschiedenen Ländern, unter denen auch,
wie könnte ich nicht daran denken, jener Ort meiner Heimat ist, Jasna Góra.
Man könnte von einer eigenen »Geographie« des Glaubens und der
marianischen Frömmigkeit sprechen, die alle diese Orte einer besonderen
Pilgerschaft des Gottesvolkes umfaßt, das die Begegnung mit der
Muttergottes sucht, um im Bereich der mütterlichen Gegenwart »derjenigen,
die geglaubt hat«, den eigenen Glauben bestärkt zu finden. Im Glauben
Marias hat sich ja schon bei der Verkündigung und dann endgültig unter
dem Kreuz von seiten des Menschen jener innere Raum wieder geöffnet, in
welchem der ewige Vater uns »mit allem geistlichen Segen« erfüllen
kann: der Raum »des neuen und ewigen Bundes«.(69) Dieser Raum bleibt in
der Kirche bestehen, die in Christus »gleichsam das Sakrament, das heißt
Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die
Einheit der ganzen Menschheit« ist.(70)
Im Glauben, den Maria bei der Verkündigung als »Magd des Herrn«
bekannte und mit dem sie dem Gottesvolk auf seinem Pilgerweg ständig »vorangeht«,
strebt die Kirche »unablässig danach, die ganze Menschheit... unter dem
einen Haupt Christus zusammenzufassen in der Einheit seines Geistes«.(71)
2. Der Weg der Kirche und die Einheit aller Christen
29. »Der Geist erweckt in allen Jüngern Christi Sehnsucht und Taten, daß
sich alle in der von Christus festgesetzten Weise in der einen Herde unter
dem einen Hirten in Frieden vereinen«.(72)
Der Weg der Kirche ist vor allem in unserer Epoche vom Ökumenismus
gekennzeichnet; die Christen suchen nach Wegen, um jene Einheit wieder
herzustellen, die Christus am Tag vor seinem Leiden für seine Jünger vom
Vater erbeten hat: »Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und
ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, daß
du mich gesandt hast« ( Joh 17, 21 ). Die Einheit der Jünger Christi ist
also ein großes Zeichen, um den Glauben der Welt zu wecken, während ihre
Spaltung ein Ärgernis darstellt.(73)
Die ökumenische Bewegung als klareres und weitverbreitetes Bewußtsein,
daß es die Einheit aller Christen dringlich zu verwirklichen gilt, hat
auf seiten der katholischen Kirche ihren höchsten Ausdruck im Werk des
II. Vatikanischen Konzils gefunden: Die Christen sollen in sich selbst und
in jeder ihrer Gemeinschaften jenen »Glaubensgehorsam« vertiefen, für
den Maria das erste und leuchtendste Beispiel ist. Und weil sie »dem
pilgernden Gottesvolk als Zeichen der sicheren Hoffnung und des Trostes
voranleuchtet«, »bereitet es dieser Heiligen Synode große Freude und
Trost, daß auch unter den getrennten Brüdern solche nicht fehlen, die
der Mutter des Herrn und Erlösers die gebührende Ehre erweisen, und dies
besonders bei den Orientalen«.(74)
30. Die Christen wissen, daß sie ihre Einheit nur dann wahrhaft
wiederfinden, wenn sie diese auf die Einheit ihres Glaubens gründen. Sie
haben dabei keine geringen Unterschiede in der Lehre vom Geheimnis und vom
Dienstamt der Kirche sowie manchmal auch von der Aufgabe Marias im
Heilswerk zu überwinden.(75) Die verschiedenen Dialoge, die von der
katholischen Kirche mit den Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften im
Abendland(76) begonnen worden sind, konzentrieren sich immer mehr auf
diese beiden untrennbar miteinander verbundenen Aspekte des einen
Heilsgeheimnisses. Wenn das Geheimnis des menschgewordenen göttlichen
Wortes uns auch das Geheimnis der göttlichen Mutterschaft erkennen läßt
und die Betrachtung der Gottesmutter uns ihrerseits zu einem tieferen
Verständnis des Geheimnisses der Inkarnation führt, so muß man dasselbe
vom Geheimnis der Kirche und von der Aufgabe Marias im Heilswerk sagen.
Indem die Christen ein tieferes Verständnis des einen wie des anderen
suchen und das eine durch das andere erhellen, werden sie, die darauf
bedacht sind zu tun - wie ihre Mutter ihnen rät -, was Jesus ihnen sagt
(vgl. Joh 2, 5), gemeinsame Fortschritte machen können auf dieser »Pilgerschaft
des Glaubens«, für die Maria selbst das bleibende Beispiel ist: Sie soll
sie zur Einheit führen, wie sie von dem einen, allen gemeinsamen Herrn
gewollt ist und von denjenigen heiß ersehnt wird, die aufmerksam auf das
hören, »was der Geist heute den Kirchen sagt« (vgl. Offb 2, 7. 11. 17).
Indessen ist es ein gutes Vorzeichen, daß diese Kirchen und kirchlichen
Gemeinschaften in grundlegenden Punkten des christlichen Glaubens, auch
was die Jungfrau Maria betrifft, mit der katholischen Kirche übereinstimmen.
Sie erkennen sie ja als Mutter des Herrn an und sind davon überzeugt, daß
dies zu unserem Glauben an Christus, den wahren Gott und wahren Menschen,
gehört. Sie schauen auf sie, die zu Füßen des Kreuzes den Lieblingsjünger
als ihren Sohn empfängt, der wiederum sie als Mutter erhält.
Warum also nicht alle zusammen auf sie als unsere gemeinsame Mutter
schauen, die für die Einheit der Gottesfamilie betet und die allen »vorangeht«
an der Spitze des langen Zuges von Zeugen für den Glauben an den einen
Herrn, der Sohn Gottes ist und durch den Heiligen Geist in ihrem jungfräulichen
Schoß empfangen wurde?
31. Andererseits möchte ich unterstreichen, wie tief sich die katholische
Kirche, die orthodoxe Kirche und die altorientalischen Kirchen in der
Liebe und Verehrung für die Theotokos, die Gottesgebärerin, verbunden
wissen. Nicht nur sind »die grundlegenden Dogmen des christlichen
Glaubens von der Dreifaltigkeit und des aus der Jungfrau Maria
menschgewordenen Wortes Gottes auf ökumenischen Konzilien, die im Orient
stattfanden, definiert worden«,(77) sondern auch in ihrer Liturgie »preisen
die Orientalen in herrlichen Hymnen Maria als die allzeit jungfräuliche
... und heilige Gottesmutter«.(78)
Die Brüder dieser Kirchen haben schwierige Epochen durchlebt; aber immer
war ihre Geschichte von einem lebendigen Verlangen nach christlichem
Einsatz und apostolischer Ausstrahlung durchdrungen, auch wenn oft sogar
unter blutigen Verfolgungen. Es ist eine Geschichte der Treue zum Herrn,
eine wahrhafte »Pilgerschaft im Glauben« durch Orte und Zeiten, während
denen die orientalischen Christen immer mit grenzenlosem Vertrauen auf die
Mutter des Herrn geschaut, sie mit Gesängen gefeiert und mit Gebeten
unaufhörlich angerufen haben. In den schwierigen Augenblicken ihrer mühevollen
christlichen Existenz »haben sie sich unter ihren Schutz geflüchtet«,(79)
weil sie sich bewußt waren, in ihr eine mächtige Helferin zu haben. Die
Kirchen, die sich zur Glaubenslehre von Ephesus bekennen, nennen die
Jungfrau »wahre Mutter Gottes«; denn »unser Herr Jesus Christus, vom
Vater vor aller Zeit in seiner Göttlichkeit geboren, ist als derselbe in
den letzten Tagen für uns und zu unserem Heil von der Jungfrau Maria und
Mutter Gottes in seiner Menschheit geboren worden«.(80) Indem die
griechischen Väter und die byzantinische Tradition die Jungfrau im Licht
des menschgewordenen Wortes betrachteten, haben sie die Tiefe jenes
geistigen Bandes zu durchdringen gesucht, das Maria als Muttergottes mit
Christus und mit der Kirche verbindet: Die Jungfrau bleibt im gesamten
Bereich des Heilsgeheimnisses stets gegenwärtig.
Die koptischen und äthiopischen Traditionen sind durch den hl. Cyrill von
Alexandrien in diese Betrachtungsweise des Geheimnisses Marias eingeführt
worden und haben sie ihrerseits in reichen poetischen Werken gefeiert.(81)
Die dichterische Kunst des hl. Ephräm des Syrers, der »Zither des
Heiligen Geistes« genannt worden ist, hat unermüdlich Maria besungen und
in der Tradition der syrischen Kirche eine noch heute vorhandene Spur
hinterlassen.(82) In seinem Lobgesang an die Theotokos vertieft der hl.
Gregor von Narek, eine der berühmtesten Gestalten Armeniens, mit
machtvoller poetischer Begabung die verschiedenen Aspekte des Geheimnisses
der Inkarnation, und jeder von ihnen ist ihm eine Gelegenheit, die außergewöhnliche
Würde und herrliche Schönheit der Jungfrau Maria, der Mutter des
menschgewordenen Wortes, zu besingen und zu preisen.(83)
Es verwundert darum nicht, daß Maria in der Liturgie der
altorientalischen Kirchen mit einer unvergleichlichen Fülle von Festen
und Hymnen einen bevorzugten Platz einnimmt.
32. In der byzantinischen Liturgie ist in allen Horen des Stundengebetes
mit dem Lobpreis des Sohnes und mit dem Lobpreis, der durch den Sohn im
Heiligen Geist zum Vater aufsteigt, auch der Lobpreis der Mutter
verbunden. In der Anaphora, dem eucharistischen Hochgebet, des heiligen
Johannes Chrysostomus besingt die versammelte Gemeinde gleich nach der
Epiklese die Muttergottes mit folgenden Worten: »Wahrhaft recht ist es,
dich, o Gottesgebärerin, seligzupreisen, der du die seligste und reinste
Mutter unseres Gottes bist. Wir lobpreisen dich, der du an Ehre die
Kerubim übertriffst, an Herrlichkeit die Serafim bei weitem überragst.
Der du, ohne deine Jungfräulichkeit zu verlieren, das Wort Gottes zur
Welt gebracht hast; der du wahrhaft Mutter Gottes bist«.
Diese Lobpreisungen, die sich in jeder Feier der eucharistischen Liturgie
zu Maria erheben, haben den Glauben, die Frömmigkeit und das Gebetsleben
der Gläubigen geformt. Im Laufe der Jahrhunderte haben sie ihre ganze
geistliche Einstellung durchdrungen und in ihnen eine tiefe Verehrung für
die »Hochheilige Mutter Gottes« hervorgerufen.
33. In diesem Jahr werden es 1200 Jahre seit dem II. Ökumenischen Konzil
Nizäa (787), auf dem zur Beendigung der bekannten Auseinandersetzung über
die Verehrung von religiösen Bildern definiert wurde, daß man nach der
Lehre der Väter und der allgemeinen Tradition der Kirche zusammen mit dem
heiligen Kreuz auch die Bilder der Muttergottes, der Engel und der
Heiligen in den Kirchen sowie in den Häusern und an den Straßen den Gläubigen
zur Verehrung anbieten dürfe.(84) Dieser Brauch hat sich im ganzen Osten
und auch im Westen erhalten: Die Bilder der Jungfrau Maria haben in den
Kirchen und Häusern einen Ehrenplatz. Maria ist dort dargestellt als
Thron Gottes, der den Herrn trägt und ihn den Menschen schenkt (Theotokos),
oder als Weg, der zu Christus führt und auf ihn hinweist (Odigitria) oder
als Betende in fürbittender Haltung und als Zeichen der Gegenwart Gottes
auf dem Pilgerweg der Gläubigen bis zum Tag des Herrn (Deisis) oder als
Schirmherrin, die ihren Mantel über die Völker breitet (Prokov) oder als
barmherzige und mitfühlende Jungfrau (Eleousa). Gewöhnlich ist sie
zusammen mit ihrem Sohn dargestellt, mit dem Jesuskind auf dem Arm: Die
Beziehung zum Sohn verherrlicht ja die Mutter. Zuweilen umarmt sie ihn
liebevoll (Glykofilousa); manchmal scheint sie ernst und erhaben der
Betrachtung dessen hingegeben, der der Herr der Geschichte ist (vgl. Offb
5, 9-14).(85)
Es ist angebracht, auch an die Ikone der Madonna von Wladimir zu erinnern,
die den Glaubensweg der Völker des alten Rus' stets begleitet hat. Es nähert
sich die Tausendjahrfeier der Bekehrung zum Christentum jener bedeutenden
Gegenden: Land einfacher Leute, von Denkern und Heiligen. Die Ikonen
werden noch heute unter verschiedenen Titeln in der Ukraine, in Weißrußland
und in Rußland verehrt: Es sind Bilder, die den Glauben und den
Gebetsgeist des einfachen Volkes bezeugen, das ein Gespür für die beschützende
Gegenwart der Muttergottes hat. In ihnen leuchtet die Jungfrau auf als
Abbild der göttlichen Schönheit, als Sitz der ewigen Weisheit, als
Vorbild des betenden Menschen, als Urbild der Kontemplation, als Bild der
Herrlichkeit: diejenige, die seit ihrem irdischen Leben ein geistliches
Wissen besaß, das menschlichem Denken unzugänglich ist, und die durch
den Glauben eine noch tiefere Erkenntnis erlangt hat. Ferner erinnere ich
an die Ikone von der Jungfrau im Abendmahlssaal, mit den Aposteln im Gebet
versammelt in Erwartung des Heiligen Geistes: Könnte sie nicht gleichsam
das Zeichen der Hoffnung für all diejenigen werden, die in brüderlichem
Dialog ihren Glaubensgehorsam vertiefen möchten?
34. Ein solcher Reichtum an Lobpreis, wie er von den verschiedenen Formen
der großen Tradition der Kirche angesammelt worden ist, könnte uns dazu
verhelfen, daß diese wieder ganz mit zwei Lungen atmet: mit Orient und
Okzident. Wie ich schon mehrmals betont habe, ist dies heute mehr denn je
notwendig. Dies wäre eine echte Hilfe, um den Dialog, der zwischen der
katholischen Kirche und den Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften des
Abendlandes im Gange ist, voranzubringen.(86) Es wäre für die pilgernde
Kirche auch der Weg, ihr Magnifikat vollkommener zu singen und zu leben.
3. Das Magnifikat der Kirche auf ihrem Pilgerweg
35. In der gegenwärtigen Phase ihres Pilgerweges sucht die Kirche die
Einheit derer wiederzufinden, die sich in ihrem Glauben zu Christus
bekennen, jene Einheit, die im Laufe der Jahrhunderte verlorengegangen
ist, um sich so ihrem Herrn gegenüber gehorsam zu erweisen, der vor
seinem Leiden für diese Einheit gebetet hat. Indessen »schreitet die
Kirche... auf ihrem Pilgerweg voran und verkündet das Kreuz und den Tod
des Herrn, bis er wiederkommt«.(87) »Auf ihrem Weg durch Prüfungen und
Trübsal wird die Kirche durch die Kraft der ihr vom Herrn verheißenen
Gnade Gottes gestärkt, damit sie in der Schwachheit des Fleisches nicht
abfalle von der vollkommenen Treue, sondern die würdige Braut ihres Herrn
verbleibe und unter der Wirksamkeit des Heiligen Geistes nicht aufhöre,
sich selbst zu erneuern, bis sie durch das Kreuz zum Lichte gelangt, das
keinen Untergang kennt«.(88)
Die Jungfrau und Mutter ist auf diesem Weg des Volkes Gottes im Glauben
zum Licht stets gegenwärtig. Das zeigt in einer besonderen Weise der
Lobgesang des Magnifikat, der, aus der Tiefe des Glaubens Marias auf ihrem
Besuch bei Elisabet entsprungen, unaufhörlich im Herzen der Kirche die
Jahrhunderte hindurch widerhallt. Das beweist seine tägliche Wiederholung
in der Vesperliturgie und in so vielen anderen Momenten persönlicher wie
gemeinschaftlicher Frömmigkeit.
»Meine Seele preist die Größe des Herrn,
und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.
Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut.
Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.
Dennder Mächtige hat Großes an mir getan, und sein Name ist heilig.
Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten.
Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten:
Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind;
er stürzt die Mächtigen vom Thron
und erhöht die Niedrigen.
Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben
und läßt die Reichen leer ausgehen.
Er nimmt sich seines Knechtes Israel an
und denkt an sein Erbarmen,
das er unsern Vätern verheißen hat,
Abraham und seinen Nachkommen auf ewig«
(Lk 1, 46-55).
36. Als Elisabet ihre junge Verwandte begrüßte, die von Nazaret zu ihr
kam, antwortete Maria mit dem Magnifikat. In ihrer Begrüßung hatte
Elisabet zuvor Maria seliggepriesen: wegen der »Frucht ihres Leibes« und
dann wegen ihres Glaubens (vgl. Lk 1, 42. 45). Diese zwei Seligpreisungen
bezogen sich unmittelbar auf den Augenblick der Verkündigung. Jetzt, bei
diesem Besuch, als der Gruß Elisabets auf diesen allesüberragenden
Augenblick hinweist, wird sich Maria ihres Glaubens in einer neuen Weise
bewußt und gibt ihm einen neuen Ausdruck. Was bei der Verkündigung in
der Tiefe des »Gehorsams des Glaubens« verborgen blieb, bricht jetzt
gleichsam hervor wie eine helle, belebende Flamme des Geistes. Die Worte,
die Maria an der Schwelle zum Haus Elisabets benutzt, stellen ein
geistgewirktes Bekenntnis dieses ihres Glaubens dar, bei dem sich ihre
Antwort auf die vernommene Offenbarung in einer frommen und poetischen
Erhebung ihres ganzen Seins zu Gott ausdrückt. Ihre erlesenen Worte, die
so einfach und zugleich ganz durch die heiligen Texte Israels inspiriert
sind,(89) zeigen die tiefe persönliche Erfahrung Marias, den Jubel ihres
Herzens. In ihnen leuchtet ein Strahl des Geheimnisses Gottes auf, der
Glanz seiner unsagbaren Heiligkeit, seine ewige Liebe, die als ein
unwiderrufliches Geschenk in die Geschichte des Menschen eintritt.
Maria ist die erste, die an dieser neuen göttlichen Offenbarung und der
darin liegenden neuen »Selbstmitteilung« Gottes teilhat. Darum ruft sie
aus: »Großes hat der Mächtige an mir getan, und heilig ist sein Name«.
Ihre Worte geben die Freude ihres Geistes wieder, die nur schwer auszudrücken
ist: »Mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter«. Denn »die Tiefe der
durch diese Offenbarung über Gott und über das Heil des Menschen
erschlossenen Wahrheit leuchtet uns auf in Christus, der zugleich der
Mittler und die Fülle der ganzen Offenbarung ist«.(90) Im Jubel ihres
Herzens bekennt Maria, Einlaß gefunden zu haben in die innerste Mitte
dieser Fülle Christi. Sie ist sich bewußt, daß sich an ihr die Verheißung
erfüllt, die an die Väter und vor allem an »Abraham und seine
Nachkommen auf ewig« ergangen ist; daß also auf sie als die Mutter
Christi der gesamte Heilsplan hingeordnet ist, in dem sich »von
Geschlecht zu Geschlecht« derjenige offenbart, der als Gott des Bundes »an
sein Erbarmen denkt«.
37. Die Kirche, die von Anfang an ihren irdischen Weg ähnlich wie die
Mutter Gottes geht, spricht nach ihrem Beispiel immer wieder neu die Worte
des Magnifikat. Aus dem tiefen Glauben der Jungfrau bei der Verkündigung
des Engels und während des Besuches bei Elisabet schöpft die Kirche die
Wahrheit über den Gott des Bundes: über Gott, der allmächtig ist und »Großes«
am Menschen tut; denn »heilig ist sein Name«. Im Magnifikat erkennt sie,
daß die Sünde, die am Anfang der irdischen Geschichte des Mannes und der
Frau steht, die Sünde der Ungläubigkeit, der »Kleingläubigkeit« gegenüber
Gott, an der Wurzel besiegt ist. Gegen den Verdacht, den der »Vater der Lüge«
im Herzen Evas, der ersten Frau, hat aufkeimen lassen, verkündet Maria,
von der Tradition oft »neue Eva«(91) und wahre »Mutter der Lebenden«(92)
genannt, kraftvoll die leuchtende Wahrheit über Gott: über den heiligen
und allmächtigen Gott, der von Anfang an die Quelle jeder Gnadengabe ist,
der »Großes« getan hat. Allem, was ist, schenkt Gott das Dasein im Schöpfungsakt.
Indem er den Menschen erschafft, verleiht er ihm die Würde, sein Bild und
Gleichnis zu sein, und dies auf besondere Weise im Vergleich zu allen
anderen Kreaturen der Erde. Und trotz der Sünde des Menschen läßt sich
Gott in seiner Bereitschaft, zu schenken, nicht aufhalten; er schenkt sich
in seinem Sohn: »Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen
einzigen Sohn hingab« (Joh 3, 16). Maria bezeugt als erste diese
wundervolle Wahrheit, die sich voll verwirklichen wird in den Taten und
Worten (vgl. Apg 1, 1) ihres Sohnes und endgültig in seinem Kreuz und
seiner Auferstehung.
Die Kirche, die auch in »Prüfungen und Bedrängnissen« unablässig mit
Maria die Worte des Magnifikat wiederholt, wird durch die machtvolle
Wahrheit über Gott gestärkt, wie sie damals in einer so außerordentlichen
Schlichtheit verkündet worden ist, und möchte zugleich mit dieser
Wahrheit über Gott die schwierigen und manchmal verschlungenen Wege der
irdischen Existenz der Menschen erhellen. Der Pilgerweg der Kirche gegen
Ende des zweiten christlichen Jahrtausends enthält einen neuen
Sendungsauftrag. Die Kirche, die demjenigen folgt, der von sich gesagt: »Der
Herr... hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe«
(vgl. Lk 4, 18), hat von Generation zu Generation dieselbe Sendung zu
verwirklichen gesucht und tut dies auch heute.
Ihre vorrangige Liebe zu den Armen ist im Magnifikat Marias eindrucksvoll
enthalten. Der Gott des Bundes, im Jubel des Herzens der Jungfrau von
Nazaret besungen, ist zugleich derjenige, der »die Mächtigen vom Thron
stürzt und die Niedrigen erhöht«, der »die Hungernden mit seinen Gaben
beschenkt und die Reichen leer ausgehen läßt«, der »die Hochmütigen
zerstreut« und »sich über alle erbarmt, die ihn fürchten«. Maria ist
tief durchdrungen vom Geist der »Armen Jahwes«, die im Gebet der Psalmen
ihr Heil von Gott erwarteten, in den sie ihre Hoffnung setzten (vgl. Ps
25; 31; 35; 55). Sie verkündet ja die Ankunft des Heilsgeheimnisses, das
Kommen des »Messias der Armen« (vgl. Jes 11, 4; 61, 1). Indem die Kirche
aus dem Herzen Marias schöpft, aus ihrem tiefen Glauben, wie er in den
Worten des Magnifikat zum Ausdruck kommt, wird sich die Kirche immer
wieder neu und besser bewußt, daß man die Wahrheit über Gott, der
rettet, über Gott, die Quelle jeglicher Gabe, nicht von der Bekundung
seiner vorrangigen Liebe für die Armen und Niedrigen trennen kann, wie
sie, bereits im Magnifikat besungen, dann in den Worten und Taten Jesu
ihren Ausdruck findet.
Die Kirche ist sich also nicht nur bewußt - und in unserer Zeit verstärkt
sich dieses Bewußtsein in einer ganz besonderen Weise -, daß sich diese
zwei schon im Magnifikat enthaltenen Elemente nicht voneinander trennen
lassen, sondern auch, daß sie die Bedeutung, die die »Armen« und die »Option
zugunsten der Armen« im Wort des lebendigen Gottes haben,sorgfältig
sicherstellen muß. Es handelt sich hierbei um Themen und Probleme, die
eng verbunden sind mit dem christlichen Sinn von Freiheit und Befreiung.
»Ganz von Gott abhängig und durch ihren Glauben ganz auf ihn hingeordnet,
ist Maria an der Seite ihres Sohnes das vollkommenste Bild der Freiheit
und der Befreiung der Menschheit und des Kosmos. Auf Maria muß die
Kirche, deren Mutter und Vorbild sie ist, schauen, um den Sinn ihrer
eigenen Sendung in vollem Umfang zu verstehen«.(93)
3. TEIL
MÜTTERLICHE VERMITTLUNG
1. Maria, Magd des Herrn
38. Die Kirche weiß und lehrt mit dem hl. Paulus, daß nur einer unser
Mittler ist: »Einer ist Gott, einer auch Mittler zwischen Gott und den
Menschen: der Mensch Christus Jesus, der sich als Lösegeld hingegeben hat
für alle« (1 Tim 2, 5-6 ). »Marias mütterliche Aufgabe gegenüber den
Menschen verdunkelt oder mindert diese einzige Mittlerschaft Christi in
keiner Weise, sondern zeigt ihre Wirkkraft«:(94) Sie ist Mittlerschaft in
Christus.
Die Kirche weiß und lehrt, daß »jeglicher heilsame Einfluß der seligen
Jungfrau auf die Menschen... aus dem Wohlgefallen Gottes kommt und aus dem
Überfluß der Verdienste Christi hervorgeht, sich auf seine Mittlerschaft
stützt, von ihr vollständig abhängt und aus ihr seine ganze Wirkkraft
schöpft; in keiner Weise behindert er die unmittelbare Verbundenheit der
Gläubigen mit Christus, sondern fördert sie sogar«.(95) Dieser heilsame
Einfluß ist vom Heiligen Geist getragen, der ebenso, wie er die Jungfrau
Maria mit seiner Kraft überschattete und in ihr die göttliche
Mutterschaft beginnen ließ, sie fortwährend in ihrer Sorge für die Brüder
ihres Sohnes bestärkt.
Die Mittlerschaft Marias ist ja eng mit ihrer Mutterschaft verbunden und
besitzt einen ausgeprägt mütterlichen Charakter, der sie von der
Mittlerschaft der anderen Geschöpfe unterscheidet, die auf verschiedene,
stets untergeordnete Weise an der einzigen Mittlerschaft Christi
teilhaben, obgleich auch Marias Mittlerschaft eine teilhabende ist.(96)
Wenn »nämlich keine Kreatur mit dem menschgewordenen Wort und Erlöser
jemals verglichen werden kann«, »so schließt (doch) die Einzigkeit der
Mittlerschaft des Erlösers im geschöpflichen Bereich ein
verschiedenartiges Zusammenwirken durch Teilhabe an der einzigen Quelle
nicht aus, sondern regt es sogar an«. So »wird die Güte Gottes in
verschiedener Weise wahrhaft auf die Geschöpfe ausgegossen«.(97)
Die Lehre des II. Vatikanischen Konzils stellt die Wahrheit von der
Mittlerschaft Marias dar als Teilhabe an dieser einzigen Quelle der
Mittlerschaft Christi selbst. So lesen wir dort: »Eine solche
untergeordnete Aufgabe Marias zu bekennen zögert die Kirche nicht, sie
erfährt sie ständig und legt sie den Gläubigen ans Herz, damit sie
unter diesem mütterlichen Schutz dem Mittler und Erlöser inniger
verbunden seien«.(98) Diese Aufgabe ist zugleich besonders und außerordentlich.
Sie entspringt aus ihrer göttlichen Mutterschaft und kann nur dann im
Glauben verstanden und gelebt werden, wenn man die volle Wahrheit über
diese Mutterschaft zugrundelegt. Indem Maria kraft göttlicher Erwählung
die Mutter des dem Vater wesensgleichen Sohnes ist, »ist sie (auch) uns
in der Ordnung der Gnade Mutter geworden«.(99) Diese Aufgabe ist eine
konkrete Weise ihrer Gegenwart im Heilsgeheimnis Christi und der Kirche.
39. Unter diesem Gesichtspunkt müssen wir noch einmal das grundlegende
Ereignis in der Heilsordnung, nämlich die Menschwerdung des Wortes bei
der Verkündigung, betrachten. Es ist bedeutungsvoll, daß Maria, als sie
im Wort des Gottesboten den Willen des Höchsten erkennt und sich seiner
Macht unterwirft, spricht: »Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie
du es gesagt hast« (Lk 1, 38). Der erste Akt der Unterwerfung unter diese
eine Mittlerschaft »zwischen Gott und den Menschen«, die Mittlerschaft
Jesu Christi, ist die Annahme der Mutterschaft durch die Jungfrau von
Nazaret. Maria stimmt der Wahl Gottes zu, um durch den Heiligen Geist die
Mutter des Sohnes Gottes zu werden. Man kann sagen, daß diese ihre
Zustimmung zur Mutterschaft vor allem eine Frucht ihrer vollen Hingabe an
Gott in der Jungfräulichkeit ist. Maria hat die Erwählung zur Mutter des
Sohnes Gottes angenommen, weil sie von bräutlicher Liebe geleitet war,
die eine menschliche Person voll und ganz Gott »weiht«. Aus der Kraft
dieser Liebe wollte Maria immer und in allem »gottgeweiht« sein, indem
sie jungfräulich lebte. Die Worte »Ich bin die Magd des Herrn« bringen
zum Ausdruck, daß sie von Anfang an ihre Mutterschaft angenommen und
verstanden hat als die völlige Hingabe ihrer selbst, ihrer Person, für
den Dienst an den Heilsplänen des Höchsten. Und ihre ganze mütterliche
Teilnahme am Leben Jesu Christi, ihres Sohnes, hat sie bis zum Schluß in
einer Weise vollzogen, wie sie ihrer Berufung zur Jungfräulichkeit
entsprach.
Die Mutterschaft Marias, die ganz von der bräutlichen Haltung einer »Magd
des Herrn« durchdrungen ist, stellt die erste und grundlegende Dimension
jener Mittlerschaft dar, welche die Kirche von ihr bekennt und verkündet(100)
und die sie den Gläubigen fortwährend ans Herz legt, weil sie hierauf
große Hoffnung setzt. Man muß ja bedenken, daß sich zuerst Gott selbst,
der ewige Vater, der Jungfrau von Nazaret anvertraut hat, indem er ihr den
eigenen Sohn im Geheimnis der Menschwerdung schenkte. Diese ihre Erwählung
zur höchsten Aufgabe und Würde, dem Sohn Gottes Mutter zu sein, bezieht
sich auf der Ebene des Seins auf die Wirklichkeit der Verbindung der zwei
Naturen in der Person des ewigen Wortes (hypostatische Union). Diese
grundlegende Tatsache, Mutter des Sohnes Gottes zu sein, bedeutet von
Anfang an ein völliges Offensein für die Person Christi, für all sein
Wirken, für seine ganze Sendung. Die Worte »Ich bin die Magd des Herrn«
bezeugen die geistige Offenheit Marias, die auf vollkommene Weise die der
Jungfräulichkeit eigene Liebe und die charakteristische Liebe der
Mutterschaft in sich vereint, die so beide miteinander verbunden und
gleichsam verschmolzen sind.
Darum ist Maria nicht nur die »Mutter und Ernährerin« des
Menschensohnes geworden, sondern auch die »ganz einzigartige hochherzige
Gefährtin«(101) des Messias und Erlösers. Sie ging - wie schon gesagt -
den Pilgerweg des Glaubens, und auf dieser ihrer Pilgerschaft bis unter
das Kreuz hat sich zugleich ihre mütterliche Mitwirkung an der gesamten
Sendung des Heilandes mit ihren Taten und ihren Leiden vollzogen. Auf dem
Weg dieser Mitwirkung beim Werk ihres Sohnes, des Erlösers, erfuhr die
Mutterschaft Marias ihrerseits eine einzigartige Umwandlung, indem sie
sich immer mehr mit einer »brennenden Liebe« zu all denjenigen anfüllte,
denen die Sendung Christi galt. Durch eine solche »brennende Liebe«, die
darauf gerichtet war, zusammen mit Christus die »Wiederherstellung des übernatürlichen
Lebens der Seelen«(102) zu wirken, ist Maria auf ganz persönliche Weise
in die alleinige Mittlerschaft zwischen Gott und den Menschen eingetreten,
in die Mittlerschaft des Menschen Jesus Christus. Wenn sie selbst als
erste die übernatürlichen Auswirkungen dieser alleinigen Mittlerschaft
an sich erfahren hat - schon bei der Verkündigung war sie als »voll der
Gnade« begrüßt worden -, dann muß man sagen, daß sie durch diese Fülle
an Gnade und übernatürlichem Leben in besonderer Weise für das
Zusammenwirken mit Christus, dem einzigen Vermittler des Heils der
Menschen, vorbereitet war. Und ein solches Mitwirken ist eben diese der
Mittlerschaft Christi untergeordnete Mittlerschaft Marias.
Bei Maria handelt es sich um eine spezielle und außerordentliche
Mittlerschaft, die auf ihrer »Gnadenfülle« beruht, die sich in eine
volle Verfügbarkeit der »Magd des Herrn« übertrug. Als Antwort auf
diese innere Verfügbarkeit seiner Mutter bereitete Jesus Christus sie
immer tiefer vor, den Menschen »Mutter in der Ordnung der Gnade« zu
werden. Darauf weisen wenigstens in direkt bestimmte Einzelangaben der
Synoptiker (vgl. Lk 11, 28; 8, 20-21; Mk 3, 32-34; Mt 12, 47-49) und mehr
noch des Johannesevangeliums (vgl. 2, 1-11; 19, 25-27) hin, die ich
bereits hervorgehoben habe. Die Worte, die Jesus am Kreuz zu Maria und
Johannes gesprochen hat, sind in dieser Hinsicht besonders aufschlußreich.
40. Als Maria nach den Ereignissen von Auferstehung und Himmelfahrt mit
den Aposteln in Erwartung des Pfingstfestes den Abendmahlssaal betrat, war
sie dort zugegen als Mutter des verherrlichten Herrn. Sie war nicht nur
diejenige, die »den Pilgerweg des Glaubens ging« und ihre Verbundenheit
mit dem Sohn »bis zum Kreuz« in Treue bewahrte, sondern auch die »Magd
des Herrn«, die ihr Sohn als Mutter inmitten der soeben entstehenden
Kirche zurückgelassen hatte: »Siehe, deine Mutter!«. So begann sich ein
besonderes Band zwischen dieser Mutter und der Kirche zu bilden. Die
entstehende Kirche war ja die Frucht des Kreuzes und der Auferstehung
ihres Sohnes. Maria, die sich von Anfang an vorbehaltlos der Person und
dem Werk des Sohnes zur Verfügung gestellt hatte, mußte diese ihre mütterliche
Hingabe von Beginn an auch der Kirche zuwenden. Nach dem Weggehen des
Sohnes besteht ihre Mutterschaft in der Kirche fort als mütterliche
Vermittlung: Indem sie als Mutter für alle ihre Kinder eintritt, wirkt
sie mit im Heilshandeln des Sohnes, des Erlösers der Welt. Das Konzil
lehrt: »Diese Mutterschaft Marias in der Gnadenordnung dauert unaufhörlich
fort... bis zur ewigen Vollendung aller Auserwählten«.(103) Die mütterliche
Mittlerschaft der Magd des Herrn hat mit dem Erlösertod ihres Sohnes eine
universale Dimension erlangt, weil das Werk der Erlösung alle Menschen
umfaßt. So zeigt sich auf besondere Weise die Wirksamkeit der einen und
universalen Mittlerschaft Christi »zwischen Gott und den Menschen«. Die
Mitwirkung Marias nimmt in ihrer untergeordneten Art teil am
allumfassenden Charakter der Mittlerschaft des Erlösers, des einen
Mittlers. Darauf weist das Konzil mit den soeben zitierten Worten deutlich
hin.
»In den Himmel aufgenommen« - so lesen wir dort weiter - »hat sie nämlich
diesen heilbringenden Auftrag nicht aufgegeben, sondern fährt durch ihre
vielfältige Fürbitte fort, uns die Gaben des ewigen Heils zu erwirken«.(104)
Mit diesem »fürbittenden« Charakter, der sich zum erstenmal zu Kana in
Galiläa gezeigt hat, setzt sich die Mittlerschaft Marias in der
Geschichte der Kirche und der Welt fort. Wir lesen, daß Maria »in ihrer
mütterlichen Liebe Sorge trägt für die Brüder ihres Sohnes, die noch
auf der Pilgerschaft sind und in Gefahren und Bedrängnissen leben, bis
sie zur seligen Heimat gelangen«.(105) So dauert die Mutterschaft Marias
in der Kirche unaufhörlich fort als Mittlerschaft der Fürbitte, und die
Kirche bekundet ihren Glauben an diese Wahrheit, indem sie Maria »unter
dem Titel der Fürsprecherin, der Helferin, des Beistandes und der
Mittlerin« anruft.(106)
41. Durch ihre Mittlerschaft, die jener des Erlösers untergeordnet ist,
trägt Maria in besonderer Weise zur Verbundenheit der pilgernden Kirche
auf Erden mit der eschatologischen und himmlischen Wirklichkeit der
Gemeinschaft der Heiligen bei, da sie ja schon »in den Himmel aufgenommen«
worden ist.(107) Die Wahrheit von der Aufnahme Marias, die von Pius XII.
definiert wurde, ist vom II. Vatikanischen Konzil bekräftigt worden, das
den Glauben der Kirche auf folgende Weise ausdrückt: »Schließlich wurde
die unbefleckte Jungfrau, von jedem Makel der Erbsünde unversehrt
bewahrt, nach Vollendung des irdischen Lebenslaufs mit Leib und Seele in
die himmlische Herrlichkeit aufgenommen und als Königin des Alls vom
Herrn erhöht, um vollkommener ihrem Sohn gleichgestaltet zu sein, dem
Herrn der Herren (vgl. Offb 19, 16) und dem Sieger über Sünde und Tod«.(108)
Mit dieser Lehre hat Pius XII. an die Tradition angeknüpft, die in der
Geschichte der Kirche, sei es im Orient oder im Okzident, vielfältige
Ausdrucksformen gefunden hat.
Im Geheimnis ihrer Aufnahme in den Himmel haben sich an Maria alle
Wirkungen der alleinigen Mittlerschaft Christi, des Erlösers der Welt und
auferstandenen Herrn, auf endgültige Weise erfüllt: »Alle werden in
Christus lebendig gemacht. Es gibt aber eine bestimmte Reihenfolge: Erster
ist Christus; dann folgen, wenn Christus kommt, alle, die zu ihm gehören«
(1 Kor 15, 22-23). Im Geheimnis der Aufnahme in den Himmel kommt der
Glaube der Kirche zum Ausdruck, nach dem Maria »durch ein enges und
unauflösliches Band« mit Christus verbunden ist. Denn wenn die jungfräuliche
Mutter in einzigartiger Weise mit ihm bei seinem ersten Kommen verbunden
war, wird sie es durch ihr fortwährendes Mitwirken mit ihm auch in der
Erwartung seiner zweiten Ankunft sein; »im Hinblick auf die Verdienste
ihres Sohnes auf erhabenere Weise erlöst«,(109) hat sie jene Aufgabe als
Mutter und Mittlerin der Gnade auch bei seiner endgültigen Ankunft, wenn
alle zum Leben erweckt werden, die Christus angehören, und »der letzte
Feind, der entmachtet wird, der Tod ist« (1 Kor 15, 26).(110)
Mit dieser Erhöhung der »erhabenen Tochter Zion«(111) durch ihre
Aufnahme in den Himmel ist das Geheimnis ihrer ewigen Herrlichkeit
verbunden. Die Mutter Christi ist nämlich als »Königin des Alls«(112)
verherrlicht worden. Diejenige, die sich bei der Verkündigung als »Magd
des Herrn« bezeichnet hat, ist bis zum Ende dem treu geblieben, was diese
Bezeichnung zum Ausdruck bringt. Dadurch hat sie bekräftigt, daß sie
eine wahre »Jüngerin« Christi ist, der den Dienstcharakter seiner
Sendung nachdrücklich unterstrichen hat: Der Menschensohn »ist nicht
gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben
hinzugeben als Lösegeld für viele« (Mt 20, 28). So ist auch Maria die
erste unter denen geworden, die »Christus auch in den anderen dienen und
ihre Brüder in Demut und Geduld zu dem König hinführen, dem zu dienen
herrschen ist«,(113) und hat jenen »Zustand königlicher Freiheit«, der
den Jüngern Christi eigen ist, vollkommen besessen: Dienen bedeutet
herrschen!
»Christus ist gehorsam geworden bis zum Tod. Deshalb wurde er vom Vater
erhöht (vgl. Phil 2, 8-9) und ging in die Herrlichkeit seines Reiches
ein. Ihm ist alles unterworfen, bis er sich selbst und alles Geschaffene
dem Vater unterwirft, damit Gott alles in allem sei (vgl. 1 Kor 15, 27-28)«.(114)
Maria, die Magd des Herrn, nimmt teil an dieser Herrschaft des
Sohnes.(115) Die Herrlichkeit des Dienens bleibt ihre königliche Würde:
Nach ihrer Aufnahme in den Himmel endet nicht jener Heilsdienst, in dem
sich ihre mütterliche Vermittlung »bis zur ewigen Vollendung aller
Auserwählten«(116) ausdrückt. So bleibt diejenige, die hier auf Erden
»ihre Verbundenheit mit dem Sohn in Treue bis zum Kreuz bewahrte«,
weiterhin dem verbunden, dem schon »alles unterworfen ist, bis er selbst
sich und alles Geschaffene dem Vater unterwirft«. So ist Maria bei ihrer
Aufnahme in den Himmel gleichsam von der ganzen Wirklichkeit der
Gemeinschaft der Heiligen umgeben, und ihre eigene Verbundenheit mit dem
Sohn in der Herrlichkeit ist ganz auf jene endgültige Fülle des Reiches
ausgerichtet, wenn »Gott alles in allem sein wird«.
Auch in dieser Phase bleibt die mütterliche Mittlerschaft Marias dem »untergeordnet«,
der der einzige Mittler zwischen Gott und den Menschen ist bis zur endgültigen
Verwirklichung »der Fülle der Zeit«, bis daß alles in Christus vereint
ist (vgl. Eph 1, 10).
2. Maria im Leben der Kirche und jedes Christen
42. Das II. Vatikanische Konzil hat in enger Verbindung mit der Tradition
neues Licht auf die Stellung der Mutter Christi im Leben der Kirche
geworfen. »Die selige Jungfrau ist durch das Geschenk... der göttlichen
Mutterschaft, durch die sie mit ihrem Sohn und Erlöser vereint ist, und
durch ihre einzigartigen Gnaden und Gaben auch mit der Kirche auf das
innigste verbunden. Die Gottesmutter ist... der Typus der Kirche auf der
Ebene des Glaubens, der Liebe und der vollkommenen Einheit mit Christus«.(117)
Schon früher haben wir gesehen, wie Maria von Anfang an in Erwartung des
Pfingsttages mit den Aposteln zusammengeblieben ist und als die »Selige,
die geglaubt hat«, von Generation zu Generation in der im Glauben
pilgernden Kirche gegenwärtig ist, als Modell für die Hoffnung, die
nicht enttäuscht (vgl. Röm 5, 5).
Maria »hat geglaubt, daß sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ«.
Als Jungfrau hat sie geglaubt, daß »sie einen Sohn empfangen und gebären
wird«: den »Heiligen«, dem der Name »Sohn Gottes«, der Name »Jesus«
(= Gott, der rettet) entspricht. Als Magd des Herrn blieb sie der Person
und der Sendung dieses Sohnes vollkommen treu. Als Mutter »gebar sie im
Glauben und Gehorsam den Sohn des Vaters auf Erden, und zwar ohne einen
Mann zu erkennen, vom Heiligen Geist überschattet«.(118)
Aus diesem Grund wird Maria mit Recht »von der Kirche in einem Kult
eigener Art geehrt. Schon seit ältesten Zeiten wird... (sie) unter dem
Titel der "Gottesgebärerin" verehrt, unter deren Schutz die Gläubigen
in allen Gefahren und Nöten bittend Zuflucht nehmen«.(119) Dieser Kult
ist ganz eigener Art: Er beinhaltet und bekundet jene tiefe Verbindung,
die zwischen der Mutter Christi und der Kirche besteht.(120) Als Jungfrau
und Mutter bleibt Maria für die Kirche »beständiges Vorbild«. Man kann
also sagen, daß vor allem durch diesen Aspekt, das heißt als Vorbild
oder vielmehr als »Typus«, Maria, die im Geheimnis Christi zugegen ist,
auch ständig im Geheimnis der Kirche gegenwärtig bleibt. Auch die Kirche
wird ja »Mutter und Jungfrau« genannt, und diese Namen haben eine tiefe
biblische und theologische Berechtigung. (121)
43. Die Kirche »wird selbst Mutter... durch die gläubige Annahme des
Wortes Gottes«.(122) Wie Maria, die als erste geglaubt hat, indem sie das
bei der Verkündigung ihr offenbarte Wort Gottes annahm und ihm in allen
ihren Prüfungen bis zum Kreuz treu blieb, so wird die Kirche Mutter, wenn
sie, indem sie in Treue das Wort Gottes aufnimmt, »durch Predigt und
Taufe die vom Heiligen Geist empfangenen und aus Gott geborenen Kinder zum
neuen und unsterblichen Leben gebiert«.(123) Diese »mütterliche«
Eigenschaft der Kirche ist auf besonders lebhafte Weise vom Völkerapostel
ausgedrückt worden, wenn er schreibt: »Meine Kinder, für die ich von
neuem Geburtswehen erleide, bis Christus in euch Gestalt annimmt!« (Gal
4, 19). In diesem Wort des hl. Paulus ist ein interessanter Hinweis auf
das mütterliche Bewußtsein der Urkirche enthalten, das mit ihrem
apostolischen Dienst unter den Menschen verbunden ist. Dieses Bewußtsein
erlaubte und erlaubt es der Kirche ständig, das Geheimnis ihres Lebens
und ihrer Sendung nach dem Beispiel der Mutter des Sohnes zu verstehen,
der »der Erstgeborene von vielen Brüdern« ist (Röm 8, 29).
Die Kirche lernt sozusagen von Maria auch ihre eigene Mutterschaft. Sie
erkennt die mütterliche Dimension ihrer Berufung, die mit ihrer
sakramentalen Natur wesentlich verbunden ist, indem sie »ihre (Marias)
erhabene Heiligkeit betrachtet und ihre Liebe nachahmt und den Willen des
Vaters treu erfüllt«.(124) Wenn die Kirche Zeichen und Werkzeug für die
innige Vereinigung mit Gott ist, so ist sie dies aufgrund ihrer
Mutterschaft: weil sie, vom Geist belebt, Söhne und Töchter der
Menschheitsfamilie zu einem neuen Leben in Christus »gebiert«. Denn wie
Maria im Dienst des Geheimnisses der Menschwerdung steht, so bleibt die
Kirche im Dienst des Geheimnisses der Annahme an Kindes Statt durch die
Gnade.
Gleichzeitig bleibt die Kirche nach dem Beispiel Marias die ihrem Bräutigam
treue Jungfrau: »Auch sie ist Jungfrau, da sie das Treuewort, das sie dem
Bräutigam gegeben hat, unversehrt und rein bewahrt«.(125) Die Kirche ist
ja die Braut Christi, wie es sich aus den paulinischen Briefen (vgl. z.B.
Eph 5, 21-33; 2 Kor 11, 2) und aus der Bezeichnung des Johannes: »die
Frau des Lammes« (Offb 21, 9) ergibt. Wenn die Kirche als Braut »das
Christus gegebene Treuewort bewahrt«, dann besitzt diese Treue, auch wenn
sie in der Unterweisung des Apostels zum Bild für die Ehe geworden ist
(vgl. Eph 5, 23-30), zugleich den Wert eines Typus für die Ganzhingabe an
Gott in der Ehelosigkeit »um des Himmelreiches willen«, das heißt für
die gottgeweihte Jungfräulichkeit (vgl. Mt 19, 11-12; 2 Kor 11, 2).
Gerade diese Jungfräulichkeit, nach dem Beispiel der Jungfrau von
Nazaret, ist Quelle einer besonderen geistigen Fruchtbarkeit: ist Quelle
der Mutterschaft im Heiligen Geist.
Aber die Kirche hütet auch den von Christus empfangenen Glauben: Nach dem
Beispiel Marias, die alles bewahrte und in ihrem Herzen erwog (vgl. Lk 2,
19. 51), was ihren göttlichen Sohn betraf, ist sie bemüht, das Wort
Gottes zu bewahren, mit Unterscheidungsgabe und Umsicht seinen inneren
Reichtum zu erforschen und davon in jeder Epoche allen Menschen in Treue
Zeugnis zu geben.(126)
44. Aufgrund dieses Vorbildcharakters begegnet die Kirche Maria und sucht,
ihr ähnlich zu werden: »In Nachahmung der Mutter ihres Herrn in der
Kraft des Heiligen Geistes bewahrt sie jungfräulich einen unversehrten
Glauben, eine feste Hoffnung und eine aufrichtige Liebe«.(127) Maria ist
also im Geheimnis der Kirche gegenwärtig als Vorbild. Aber das Geheimnis
der Kirche besteht auch im Gebären zu einem neuen, unsterblichen Leben:
Es ist ihre Mutterschaft im Heiligen Geist. Und hierbei ist Maria nicht
nur Vorbild und Typus der Kirche, sondern weit mehr. Denn »in mütterlicher
Liebe wirkt sie mit bei der Geburt und Erziehung« der Söhne und Töchter
der Mutter Kirche. Die Mutterschaft der Kirche verwirklicht sich nicht nur
nach dem Vorbild und dem Typus der Mutter Gottes, sondern auch durch ihre
»Mitwirkung«. Die Kirche schöpft in reichem Maße aus dieser
Mitwirkung, das heißt aus dieser besonderen mütterlichen Vermittlung, da
Maria schon auf Erden bei der Geburt und Erziehung der Söhne und Töchter
der Kirche als Mutter jenes Sohnes mitgewirkt hat, »den Gott gesetzt hat
zum Erstgeborenen unter vielen Brüdern«.(128)
In mütterlicher Liebe wirkte sie dabei mit, wie das II. Vatikanische
Konzil lehrt.(129) Hier erkennt man die wahre Bedeutung jener Worte, die
Jesus in der Stunde des Kreuzes zu seiner Mutter gesagt hat: »Frau,
siehe, dein Sohn«; und zum Jünger: »Siehe, deine Mutter« ( Joh 19,
26-27). Es sind Worte, die die Stellung Marias im Leben der Jünger
Christi bestimmen. Sie bringen - wie schon gesagt - die neue Mutterschaft
der Mutter des Erlösers zum Ausdruck: die geistige Mutterschaft, die tief
im österlichen Geheimnis des Erlösers der Welt entspringt. Es ist eine
Mutterschaft in der Gnadenordnung, weil sie die Gabe des Heiligen Geistes
erfleht, der die neuen, durch das Opfer Christi erlösten Kinder Gottes
zum Leben erweckt: jener Geist, den zusammen mit der Kirche auch Maria am
Pfingsttag empfangen hat.
Diese ihre Mutterschaft wird vom christlichen Volk in besonderer Weise
wahrgenommen und erlebt bei der heiligen Eucharistie, bei der liturgischen
Feier des Erlösungsgeheimnisses, in der Christus mit seinem wahren, aus
der Jungfrau Maria geborenen Leib gegenwärtig wird.
Zu Recht hat das christliche Volk in seiner Frömmigkeit immer eine tiefe
Verbindung zwischen der Verehrung der heiligen Jungfrau und dem Kult der
Eucharistie gesehen: Dies ist eine Tatsache, die in der westlichen wie östlichen
Liturgie, in der Tradition der Ordensgemeinschaften, in der Spiritualität
heutiger religiöser Bewegungen, auch unter der Jugend, und in der
Pastoral der marianischen Wallfahrtsorte ersichtlich ist. Maria führt die
Gläubigen zur Eucharistie.
45. Es gehört zur Natur der Mutterschaft, daß sie sich auf eine Person
bezieht. Sie führt immer zu einer einzigartigen und unwiederholbaren
Beziehung von zwei Personen: der Mutter zum Kind und des Kindes zur
Mutter. Auch wenn ein und diesselbe Frau Mutter von vielen Kindern ist,
kennzeichnet ihre persönliche Beziehung zu jedem einzelnen von ihnen
wesentlich ihre Mutterschaft. Jedes Kind ist nämlich auf einmalige und
unwiederholbare Weise gezeugt worden, und das gilt sowohl für die Mutter
als auch für das Kind. Jedes Kind wird auf die nämliche Weise von jener
mütterlichen Liebe umgeben, auf der seine menschliche Erziehung und
Reifung gründen.
Man kann sagen, daß »die Mutterschaft in der Ordnung der Gnade« eine Ähnlichkeit
bewahrt mit dem, was »in der Ordnung der Natur« die Verbindung der
Mutter mit ihrem Kind kennzeichnet. In diesem Licht wird es verständlicher,
daß im Testament Christi auf Golgota die neue Mutterschaft seiner Mutter
in der Einzahl, mit Bezug auf einen Menschen, ausgedrückt worden ist: »Siehe,
dein Sohn«.
Man kann ferner sagen, daß in diesen Worten das Motiv für die
marianische Dimension im Leben der Jünger Christi klar angegeben wird:
nicht nur des Johannes, der zu jener Stunde zusammen mit der Mutter seines
Meister unter dem Kreuze stand, sondern jedes Jüngers Christi, jedes
Christen. Der Erlöser vertraut seine Mutter dem Jünger an, und zugleich
gibt er sie ihm zur Mutter. Die Mutterschaft Marias, die zum Erbe des
Menschen wird, ist ein Geschenk, das Christus persönlich jedem Menschen
macht. Wie der Erlöser Maria dem Johannes anvertraut, so vertraut er
gleichzeitig den Johannes Maria an. Zu Füßen des Kreuzes hat jene
besondere vertrauensvolle Hingabe des Menschen an die Mutter Christi ihren
Anfang, die dann in der Geschichte der Kirche auf verschiedene Weise
vollzogen und zum Ausdruck gebracht worden ist. Wenn der gleiche Apostel
und Evangelist, nachdem er die von Jesus am Kreuz an die Mutter und an ihn
selbst gerichteten Worte angeführt hat, noch hinzufügt: »Und von jener
Stunde nahm sie der Jünger zu sich« (Joh 19, 27), will dies gewiß
besagen, daß dem Jünger damit die Rolle eines Sohnes übertragen worden
ist und er die Sorge für die Mutter des geliebten Meisters übernommen
hat. Und weil Maria ihm persönlich zur Mutter gegeben worden ist, meint
diese Aussage, wenn auch nur indirekt, all das, was die innerste Beziehung
eines Kindes zu seiner Mutter ausdrückt. Dies alles kann man in dem Wort
»Vertrauen« zusammenfassen. Vertrauen ist die Antwort auf die Liebe
einer Person und im besonderen auf die Liebe der Mutter.
Die marianische Dimension im Leben eines Jüngers Christi kommt in
besonderer Weise durch ein solches kindliches Vertrauen zur Muttergottes
zum Ausdruck, wie es im Testament des Erlösers auf Golgota seinen
Ursprung hat. Indem der Christ sich wie der Apostel Johannes Maria
kindlich anvertraut, nimmt er die Mutter Christi »bei sich« auf(130) und
führt sie ein in den gesamten Bereich seines inneren Lebens, das heißt
in sein menschliches und christliches »Ich«: »Er nahm sie zu sich«.
Auf diese Weise sucht er in den Wirkungskreis jener »mütterlichen Liebe«
zu gelangen, mit der die Mutter des Erlösers »Sorge für die Brüder
ihres Sohnes trägt«,(131) »bei deren Geburt und Erziehung sie mitwirkt«(132)
nach dem Maß der Gnadengabe, die jeder durch die Kraft des Geistes
Christi besitzt. So entfaltet sich auch jene Mutterschaft nach dem Geist,
die unter dem Kreuz und im Abendmahlssaal Marias Aufgabe geworden ist.
46. Diese kindliche Beziehung, dieses Sichanvertrauen eines Kindes an die
Mutter, hat nicht nur in Christus ihren Anfang, sondern man kann sagen, daß
sie im letzten auf ihn hingeordnet ist. Man kann sagen, daß Maria fortfährt,
für uns alle dieselben Worte zu wiederholen, die sie zu Kana in Galiläa
gesprochen hat: »Was er euch sagt, das tut!«. Denn er, Christus, ist der
einzige Mittler zwischen Gott und den Menschen; er ist »der Weg, die
Wahrheit und das Leben« (Joh 14, 6); er ist derjenige, den der Vater der
Welt gegeben hat, auf daß der Mensch »nicht zugrunde geht, sondern das
ewige Leben hat« (Joh 3, 16). Die Jungfrau von Nazaret ist die erste »Zeugin«
dieser Erlöserliebe des Vaters geworden und möchte auch immer und überall
seine demütige Magd bleiben. Für jeden Christen, jeden Menschen ist
Maria diejenige, die als erste »geglaubt hat«; mit diesem ihrem Glauben
als Jungfrau und Mutter will sie auf alle jene einwirken, die sich ihr als
Kinder anvertrauen. Es ist bekannt, je mehr diese Kinder in einer solchen
Haltung verharren und darin fortschreiten, desto näher führt sie Maria
zu den »unergründlichen Reichtümern Christi« (Eph 3, 8 ). Und ebenso
erkennen sie immer besser die Würde des Menschen und den letzten Sinn
seiner Berufung in ihrer ganzen Fülle, weil Christus »dem Menschen den
Menschen selbst voll kundmacht«.(133)
Diese marianische Dimension im christlichen Leben erhält einen eigenen
Akzent im Blick auf die Frau und ihre Lebenslage. In der Tat enthält das
Wesen der Frau ein besonderes Band zur Mutter des Erlösers, ein Thema,
das an anderer Stelle noch wird vertieft werden können. Hier möchte ich
nur hervorheben, daß die Gestalt Marias von Nazaret schon allein dadurch
die Frau als solche ins Licht stellt, daß sich Gott im erhabenen
Geschehen der Menschwerdung seines Sohnes dem freien und tätigen Dienst
einer Frau anvertraut hat. Man kann daher sagen, daß die Frau durch den
Blick auf Maria dort das Geheimnis entdeckt, wie sie ihr Frausein würdig
leben und ihre wahre Entfaltung bewirken kann. Im Licht Marias erblickt
die Kirche auf dem Antlitz der Frau den Glanz einer Schönheit, die die höchsten
Gefühle widerspiegelt, deren das menschliche Herz fähig ist: die
vorbehaltlose Hingabe der Liebe; eine Kraft, die größte Schmerzen zu
ertragen vermag; grenzenlose Treue und unermüdlicher Einsatz; die Fähigkeit,
tiefe Einsichten mit Worten des Trostes und der Ermutigung zu verbinden.
47. Während des Konzils hat Paul VI. feierlich erklärt, daß Maria die
Mutter der Kirche ist, das heißt »Mutter des ganzen christlichen Volkes,
sowohl der Gläubigen als auch der Hirten«.(134) Später, im Jahre 1968,
bekräftigte er diese Aussage noch nachdrücklicher in dem
Glaubensbekenntnis, das unter dem Namen »Credo des Gottesvolkes« bekannt
ist, mit den folgenden Worten: »Wir glauben, daß die heiligste
Gottesmutter, die neue Eva, Mutter der Kirche, für die Glieder Christi
ihre mütterliche Aufgabe im Himmel fortsetzt, indem sie bei der Geburt
und Erziehung des göttlichen Lebens in den Seelen der Erlösten mitwirkt«.(135)
Das Konzil hat in seiner Lehre betont, daß die Wahrheit über die
heiligste Jungfrau, die Mutter Christi, eine wirksame Hilfe für die
Vertiefung der Wahrheit über die Kirche darstellt. Derselbe Paul VI.
sagte, als er zu der soeben vom Konzil approbierten Konstitution »Lumen
gentium« das Wort ergriff: »Die Kenntnis der wahren katholischen Lehre
über die selige Jungfrau Maria wird immer einen Schlüssel für das
genaue Verständnis des Geheimnisses Christi und der Kirche darstellen«.(136)
Maria ist in der Kirche gegenwärtig als Mutter Christi und zugleich als
jene Mutter, die Christus im Geheimnis der Erlösung in der Person des
Apostels Johannes dem Menschen gegeben hat. Deshalb umfängt Maria mit
ihrer neuen Mutterschaft im Geiste alle und jeden in der Kirche, sie umfängt
auch alle und jeden durch die Kirche. In diesem Sinn ist die Mutter der
Kirche auch deren Vorbild. Die Kirche soll nämlich - wie Paul VI. wünscht
und fordert - »von der Jungfrau und Gottesmutter die reinste Form der
vollkommenen Christusnachfolge übernehmen«.(137)
Dank dieses besonderen Bandes, das die Mutter Christi mit der Kirche
verbindet, erklärt sich besser das Geheimnis jener »Frau«, die von den
ersten Kapiteln des Buches Genesis bis zur Apokalypse die Offenbarung des
Heilsplanes Gottes für die Menschheit begleitet. Maria ist nämlich in
der Kirche gegenwärtig als die Mutter des Erlösers, nimmt mütterlich
teil an jenem »harten Kampf gegen die Mächte der Finsternis..., der die
ganze Geschichte der Menschheit durchzieht«.(138) Durch diese ihre
kirchliche Identifizierung mit der »Frau, mit der Sonne bekleidet« (Offb
12, 1),(139) kann man sagen, daß »die Kirche in der seligsten Jungfrau
schon zur Vollkommenheit gelangt ist, in der sie ohne Makel und Runzeln
ist«. Deshalb erheben die Christen während ihrer irdischen Pilgerschaft
im Glauben ihre Augen zu Maria und bemühen sich, »in der Heiligkeit zu
wachsen«.(140) Maria, die erhabene Tochter Zion, hilft ihren Kindern - wo
und wie auch immer sie gerade leben -, in Christus den Weg zum Hause des
Vaters zu finden.
So weiß sich die Kirche in ihrem ganzen Leben mit der Mutter Christi
durch ein Band verbunden, das Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des
Heilsgeheimnisses umfaßt, und verehrt Maria als geistige Mutter der
Menschheit und Fürsprecherin der Gnade.
3. Der Sinn des Marianischen Jahres
48. Gerade die besondere Verbindung der Menschheit mit dieser Mutter hat
mich veranlaßt, in der Zeit vor dem Abschluß des zweiten Jahrtausends
seit der Geburt Christi in der Kirche ein Marianisches Jahr auszurufen.
Eine ähnliche Initiative fand bereits in der Vergangenheit statt, als
Pius XII. das Jahr 1954 als Marianisches Jahr ausrief, um die außerordentliche
Heiligkeit der Mutter Christi hervorzuheben, wie sie in den Geheimnissen
ihrer Empfängnis ohne Makel der Erbsünde (genau ein Jahrhundert zuvor
definiert) und ihrer Aufnahme in den Himmel zum Ausdruck kommt.(141)
Indem ich der vom II. Vatikanischen Konzil gewiesenen Richtung folge, möchte
ich die besondere Gegenwart der Gottesmutter im Geheimnis Christi und
seiner Kirche hervortreten lassen. Dies ist ja in der Tat eine
grundlegende Dimension, die der marianischen Lehre des Konzils entspringt,
von dessen Abschluß uns inzwischen mehr als zwanzig Jahre trennen. Die außerordentliche
Bischofssynode vom Jahre 1985 hat alle aufgefordert, den Lehren und
Anweisungen des Konzils treu zu folgen. Man kann sagen, daß in beiden -
Konzil und Synode - enthalten ist, was der Heilige Geist selbst in der
gegenwärtigen Phase der Geschichte »der Kirche sagen« will.
In einem solchen Zusammenhang soll das Marianische Jahr dazu dienen, auch
all das erneut und vertieft zu bedenken, was das Konzil über die selige
Jungfrau und Gottesmutter Maria im Geheimnis Christi und der Kirche gesagt
hat und worauf sich die Betrachtungen dieser Enzyklika beziehen. Hierbei
geht es nicht nur um die Glaubenslehre, sondern auch um das Glaubensleben
und folglich auch um die echte »marianische Spiritualität«, wie sie im
Licht der Tradition sichtbar wird, und insbesondere um die Spiritualität,
zu der uns das Konzil ermutigt.(142) Darüber hinaus findet die
marianische Spiritualität, ebenso wie die entsprechende Marienverehrung,
eine überaus reiche Quelle in der geschichtlichen Erfahrung der Personen
und der verschiedenen christlichen Gemeinschaften, die unter den
verschiedenen Völkern und Nationen auf der ganzen Erde leben. In diesem
Zusammenhang erinnere ich unter den vielen Zeugen und Meistern einer
solchen Spiritualität gern an die Gestalt des hl. Ludwig Maria Grignion
de Montfort,(143) der den Christen die Weihe an Christus durch die Hände
Marias als wirksames Mittel empfahl, um die Taufverpflichtungen treu zu
leben. Mit Freuden stelle ich fest, daß es auch in unseren Tagen neue
Zeichen dieser Spiritualität und Frömmigkeit gibt.
Wir haben also sichere Ansatzpunkte, auf die wir uns im Zusammenhang
dieses Marianischen Jahres aufmerksam beziehen wollen.
49. Das Marianische Jahr soll mit dem Pfingstfest am kommenden 7. Juni
beginnen. Es handelt sich ja nicht nur darum zu erinnern, daß Maria dem
Eintritt Christi, des Herrn, in die Menschheitsgeschichte vorausgegangen
ist, sondern ebenso, im Licht Marias zu unterstreichen, daß seit der
Vollendung des Geheimnisses der Menschwerdung die Geschichte der
Menschheit »in die Fülle der Zeit« eingetreten ist und die Kirche das
Zeichen dieser Fülle darstellt. Als Volk Gottes pilgert die Kirche im
Glauben, inmitten aller Völker und Nationen, auf die Ewigkeit zu,
beginnend mit dem Pfingsttag. Die Mutter Christi, die am Beginn der »Zeit
der Kirche« zugegen war, als sie in Erwartung des Heiligen Geistes
beharrlich im Gebet inmitten der Apostel und Jünger ihres Sohnes weilte,
»geht« der Kirche auf ihrem Pilgerweg durch die Geschichte der
Menschheit ständig »voran«. Sie ist es auch, die gerade als »Magd des
Herrn« am Heilswerk Christi, ihres Sohnes, unaufhörlich mitwirkt.
So wird die ganze Kirche durch dieses Marianische Jahr dazu aufgerufen,
sich nicht nur an all das zu erinnern, was in ihrer Vergangenheit das
besondere mütterliche Mitwirken der Gottesmutter am Heilswerk Christi,
des Herrn, bezeugt, sondern auch ihrerseits für die Zukunft die Wege für
dieses Zusammenwirken zu bereiten: Denn das Ende des zweiten christlichen
Jahrtausends eröffnet zugleich einen neuen Blick auf die Zukunft.
50. Wie schon erinnert wurde, verehren und feiern auch unter den
getrennten Brüdern viele die Mutter des Herrn, besonders bei den
Orientalen. Das ist ein marianisches Licht, das auf den Ökumenismus fällt.
Ich möchte hier noch besonders daran erinnern, daß während des
Marianischen Jahres die Tausendjahrfeier der Taufe des hl. Wladimir, des
Großfürsten von Kiew (im Jahre 988), stattfindet, die den Anfang des
Christentums in den Territorien des einstmaligen Rus' und danach in
weiteren Gegenden Osteuropas setzte; und daß sich auf diesem Wege, durch
das Werk der Evangelisierung, das Christentum auch über Europa hinaus bis
zu den nördlichen Bereichen des asiatischen Kontinents ausgebreitet hat.
Wir wollen uns deshalb besonders während dieses Jahres im Gebet mit all
denen vereinen, die die Tausendjahrfeier dieser Taufe begehen, Orthodoxe
und Katholiken, indem wir wiederholen und bestätigen, was das Konzil
geschrieben hat: »Es bereitet große Freude und Trost, daß... sich die
Orientalen an der Verehrung der allzeit jungfräulichen Gottesmutter mit
glühendem Eifer und andächtiger Gesinnung beteiligen«.(144) Auch wenn
wir noch immer die schmerzliche Auswirkung der Trennung erfahren, die
wenige Jahrzehnte später erfolgte (im Jahre 1054), können wir doch
sagen, daß wir uns vor der Mutter Christi als wahre Brüder und
Schwestern innerhalb jenes messianischen Volkes fühlen, das dazu berufen
ist, eine einzige Gottesfamilie auf der Erde zu sein, wie ich schon zu
Beginn des neuen Jahres verkündet habe: »Wir wollen erneut dieses
universale Erbe aller Brüder und Schwestern auf dieser Erde bestätigen«.(145)
Bei der Ankündigung des Marianischen Jahres habe ich ebenso darauf
hingewiesen, daß sein Abschluß im kommenden Jahr am Fest der Aufnahme
der seligsten Jungfrau Maria in den Himmel begangen werden wird, um »das
große Zeichen am Himmel« hervorzuheben, von dem die Offenbarung des
Johannes spricht. In dieser Weise wollen wir auch die Aufforderung des
Konzils erfüllen, das auf Maria als das »Zeichen sicherer Hoffnung und
des Trostes für das pilgernde Gottesvolk« schaut. Dieser Aufruf des
Konzils ist in den folgenden Worten enthalten: »Alle Christgläubigen mögen
inständig zur Mutter Gottes und Mutter der Menschen flehen, daß sie, die
den Anfängen der Kirche mit ihren Gebeten zur Seite stand, auch jetzt, im
Himmel über alle Seligen und Engel erhöht, in Gemeinschaft mit allen
Heiligen bei ihrem Sohn Fürbitte einlege, bis alle Völkerfamilien, mögen
sie den christlichen Ehrennamen tragen oder ihren Erlöser noch nicht
kennen, in Friede und Eintracht glückselig zum einen Gottesvolk
versammelt werden, zur Ehre der heiligsten und ungeteilten Dreifaltigkeit«.(146)
SCHLUSS
51. Am Ende des täglichen Stundengebetes richtet die Kirche neben anderen
diesen Gebetsruf an Maria:
»Alma Redemptoris Mater...«
»Erhabne Mutter des Erlösers,
du allzeit offene Pforte des Himmels
und Stern des Meeres,
komm, hilf deinem Volk,
das sich müht, vom Falle aufzustehn.
Du hast geboren, der Natur zum Staunen,
deinen heiligen Schöpfer«.
»Der Natur zum Staunen« (»natura mirante«)!
Diese Worte der Antiphon geben jenes gläubige Staunen wieder, das das
Geheimnis der göttlichen Mutterschaft Marias begleitet. Es begleitet es
in gewissem Sinne im Herzen der gesamten Schöpfung und unmittelbar im
Herzen des ganzen Gottesvolkes, im Herzen der Kirche. Wie wunderbar weit
ist Gott, der Schöpfer und Herr aller Dinge, in der »Offenbarung seiner
selbst« an den Menschen gegangen (147)! Wie deutlich hat er alle Räume
jener unendlichen »Distanz« überwunden, die den Schöpfer vom Geschöpf
trennt! Wenn er schon in sich selbst unaussprechlich und unerforschlich
bleibt, so ist er noch unaussprechlicher und unerforschlicher in der
Wirklichkeit der Inkarnation des göttlichen Wortes, das durch die
Jungfrau von Nazaret Mensch geworden ist.
Wenn er von Ewigkeit her den Menschen zur »Teilhabe an der göttlichen
Natur« (vgl. 2 Petr 1, 4) berufen hat, kann man sagen, daß er die »Vergöttlichung«
des Menschen zugleich seiner geschichtlichen Lage entsprechend vorgesehen
hat, so daß er auch nach dem Sündenfall bereit ist, den ewigen Plan
seiner Liebe durch die »Vermenschlichung« des Sohnes, der ihm
wesensgleich ist, um einen hohen Preis wiederherzustellen. Die ganze Schöpfung
und noch unmittelbarer der Mensch müssen vom Staunen über dieses
Geschenk getroffen bleiben, das ihnen im Heiligen Geist zuteil geworden
ist: »Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen einzigen
Sohn hingab« ( Joh 3, 16 ).
Im Zentrum dieses Geheimnisses, im Mittelpunkt dieses gläubigen Staunens
steht Maria. Die erhabne Mutter des Erlösers, sie hat es als erste
erfahren: »Du hast geboren, der Natur zum Staunen, deinen heiligen Schöpfer«
(»Tu quae genuisti, natura mirante, tuum sanctum Genitorem«)!
52. In den Worten dieser liturgischen Antiphon kommt auch die Wahrheit von
der »großen Wende« zum Ausdruck, die dem Menschen vom Geheimnis der
Inkarnation bestimmt ist. Diese Wende gehört zu seiner ganzen Geschichte,
von jenem Anfang an, der uns in den ersten Kapiteln der Genesis offenbart
ist, bis zum letzten Ende, im Hinblick auf das Weltenende nämlich, von
dem uns Jesus »weder den Tag noch die Stunde« (vgl. Mt 25, 13) offenbart
hat. Es ist eine unaufhörliche und ständige Wende vom Fallen zum
Wiederaufstehen, vom Menschen der Sünde zum Menschen der Gnade und
Gerechtigkeit. Die Liturgie, vor allem im Advent, zielt auf den
entscheidenden Punkt dieser Wende und erfaßt dabei ihr ständiges »heute
und jetzt«, wenn sie ausruft: »Komm, hilf deinem Volk, das sich müht,
vom Falle aufzustehn« (»Succurre cadenti surgere qui curat populo«).
Diese Worte beziehen sich auf jeden Menschen, auf die Gemeinschaften,
Nationen und Völker, auf die Generationen und Epochen der menschlichen
Geschichte, auf unsere Epoche, auf diese letzten Jahre des Jahrtausends,
das sich dem Ende zuneigt: »Komm, hilf deinem Volk, das fällt« (»Succurre
cadenti . .. populo«)!
Das ist die Bitte an Maria, die »erhabne Mutter des Erlösers« die Bitte
an Christus, der durch Maria in die Geschichte der Menschheit eingetreten
ist. Jahr für Jahr steigt diese Antiphon zu Maria auf und erinnert an den
Augenblick, da sich diese wesentliche geschichtliche Wende vollzogen hat,
die in einem gewissen Sinne unumkehrbar fortdauert: die Wende vom »Fallen«
zum »Auferstehen«.
Die Menschheit hat wunderbare Entdeckungen gemacht und aufsehenerregende
Ergebnisse im Bereich von Wissenschaft und Technik erzielt, sie hat große
Taten auf dem Weg des Fortschritts und der Zivilisation vollbracht, und in
jüngster Zeit, so könnte man sagen, ist es ihr sogar gelungen, den Lauf
der Geschichte zu beschleunigen; aber die grundlegende Wende, jene, die
man »originell« nennen kann, begleitet den Weg des Menschen ständig,
und durch alle geschichtlichen Ereignisse hindurch begleitet sie alle und
jeden. Es ist die Wende vom »Fallen« zum »Auferstehen«, vom Tod zum
Leben. Sie ist auch eine unaufhörliche Herausforderung an das menschliche
Gewissen, eine Herausforderung an das ganze geschichtliche Bewußtsein des
Menschen: die Herausforderung, den Weg des »Nicht-Fallens« auf immer
zugleich alte und neue Weise zu gehen und den Weg des »Aufstehens« zu
beschreiten, wenn man »gefallen« ist.
Während sich die Kirche zusammen mit der ganzen Menschheit dem Übergang
zwischen den zwei Jahrtausenden nähert, nimmt sie von ihrer Seite her mit
der ganzen Gemeinschaft der Gläubigen und in Verbindung mit jedem
Menschen guten Willens die große Herausforderung an, die in diesen Worten
der marianischen Antiphon vom »Volk, das sich müht, vom Falle aufzustehn«,
enthalten ist, und wendet sich an den Erlöser und seine Mutter zugleich
mit der Bitte: »Steh uns bei!«. Sie erblickt ja - und dieses Gebet bestätigt
es - die selige Gottesmutter im erlösenden Geheimnis Christi und in ihrem
eigenen Geheimnis; sie schaut sie tief in der Geschichte der Menschheit
verwurzelt, in der ewigen Berufung des Menschen, nach dem Plan, den Gott
in seiner Vorsehung von Ewigkeit her für ihn vorherbestimmt hat; sie
erblickt sie mütterlich und teilnahmsvoll anwesend bei den vielfältigen
und schwierigen Problemen, die heute das Leben der einzelnen, der Familien
und der Völker begleiten; sie sieht in ihr die Helferin des christlichen
Volkes beim unaufhörlichen Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen, damit
es nicht »falle«, oder, wenn gefallen, wieder «aufstehe«.
Ich wünsche von Herzen, daß auch die Gedanken der vorliegenden Enzyklika
der Erneuerung dieser Sicht in den Herzen aller Gläubigen dienen!
Als Bischof von Rom sende ich allen, an die sich diese Erwägungen
richten, den Friedenskuß mit Gruß und Segen in unserem Herrn Jesus
Christus.
Gegeben zu Rom, bei Sankt Peter, am 25. März, dem Fest Mariä Verkündigung
des Jahres 1987, dem neunten Jahr meines Pontifikates.
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1 Vgl. Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 52 und das ganze 8. Kapitel
mit dem Titel »Die selige jungfräuliche Gottesmutter im Geheimnis
Christi und der Kirche«.
2 Der Ausdruck »Fülle der Zeit« (xxx) entspricht ähnlichen
Formulierungen im biblischen (vgl. Gen 29, 21; 1 Sam 7, 12; Tob 14, 5) wie
außerbiblischen Judentum und vor allem im Neuen Testament (vgl. Mk 1, 15,
Lk 21, 24, Joh 7, 8: Eph 1, 10). Formal betrachtet, bezeichnet er nicht
nur den Abschluß eines zeitlichen Prozesses, sondern vor allem das
Reifwerden oder die Vollendung eines Zeitabschnittes besonderer Bedeutung,
weil ausgerichtet auf die Verwirklichung einer Erwartung, die darum einen
eschatologischen Charakter erlangt. Wenn man von Gal 4, 4 und seinem
Kontext ausgeht, ist es die Ankunft des Gottessohnes, die offenbart, daß
die Zeit sozusagen ihr Maß erfüllt hat; das heißt, der Zeitabschnitt,
der von der Verheißung an Abraham sowie vom mosaischen Gesetz geprägt
war, hat seinen Höhepunkt darin erreicht, daß Christus nunmehr die göttliche
Verheißung erfüllt und das alte Gesetz überwindet.
3 Vgl. Römisches Meßbuch, Präfation vom Hochfest der ohne Erbsünde
empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria, am 8. Dezember; AMBROS1US, De
Institutione Virginis, XV, 93-94: PL 16, 342; II. VATIKANISCHES KONZIL,
Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium, 68.
4 II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche
Lumen gentium, 58.
5 PAUL VI., Enzyklika Christi Matri (15.9.1966): AAS 58 (1966) 745-749;
Apostolisches Schreiben Signum magnum (13.5.1967): AAS 59 (1967) 465-475
Apostolisches Schreiben Marialis cultus (2.2.1974): AAS 66 (1974) 113-168.
6 Das Alte Testament hat das Geheimnis Marias in vielfältiger Weise angekündigt:
vgl. JOHANNES VON DAMASKUS, Hom. in Dormitionem, I, 8-9: S. Ch. 80,
103-107.
7 Vgl. Insegnamenti di Giovanni Paolo II, VI/2 (1983) 225 f.; PIUS IX.,
Apostolisches Schreiben Ineffabilis Deus (8.12.1854): Pii IX P.M. Acta,
pars I, 597-599.
8 Vgl. Pastorale Konstitution über die Kirche in der Welt von heute
Gaudium et spes, 22.
9 KONZIL VON EPHESUS: Conciliorum Oecumenicorum Decreta, Bologna 1973 3,
41-44; 59-62 (DS 250-264); vgl. KONZIL VON CHALZEDON: a.a.O., 84-87 (DS
300-303).
10 II. VATIKANISCHES KONZIL, Pastorale Konstitution über die Kirche in
der Welt von heute Gaudium et spes, 22.
11 Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium, 52.
12 Vgl. ebd., 58.
13 Ebd., 63; vgl. AMBROSIUS, Expos. Evang. sec. Luc., II, 7: CSEL 32, 4, S
. 45; De Instit. Virginis, XIV, 88-89: PL 16, 341.
14 Vgl. Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium, 64.
15 Ebd., 65.
16 »Nimm die Sonne hinweg, die die Welt erleuchtet: Wo bleibt dann der
Tag? Nimm Maria hinweg, den Stern des Meeres, ja des großen, weiten
Meeres: Was wird dann bleiben außer völligem Nebel, Todesschatten und
dichterster Finsternis?«: BERNHARD VON CLAIRVAUX, In Nativitate B. Mariae
Sermo - De aquaeductu, 6: S. Bernardi Opera, V (1968) 279; vgl. In
laudibus Virginis Matris, Homilia II, 17: a.a.O., IV (1966) 34f.
17 II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche
Lumen gentium, 63.
18 Ebd., 63.
19 Über die Vorherbestimmung Marias vgl. JOHANNES VON DAMASKUS, Hom. in
Nativitatem, 7; 10: S. Ch. 80, 65 u. 73; Hom. in Dormitionem, I, 3: S. Ch.
80, 85: »Sie ist es ja, die, seit alter Zeit erwählt, kraft der
Vorherbestimmung und Gnade Gottes, des Vaters, der dich (das Wort Gottes)
außerhalb der Zeit und ohne sich selbst zu verlassen oder zu verändern,
gezeugt hat, sie also ist es, die dich in diesen letzten Zeiten geboren
und mit ihrem Leib genährt hat...«.
20 Lumen gentium, 55.
21 Zu diesem Ausdruck gibt es in der patristischen Tradition eine breite
und vielfältige Auslegung: vgl. ORIGENES, In Lucam homiliae, VI, 7: S. Ch.
87, 148; SEVERIAN VON GABALA, In mundi creationem, Oratio VI, 10: PG 56,
497 f.; JOHANNES CHRYSOSTOMUS (Pseudonym), In Annuntiationem Deiparae et
contra Arium impium: PG 62, 765 f.; BASILIUS VON SELEUKIA, Oratio 39, In
Sanctissimae Deiparae Annuntiationem 5: PG 85, 441-446; ANTIPATER VON
BOSTRA, Hom. II, In Sanctissimae Deiparae Annuntiationem, 3-11: PG 85,
1777-1783; SOPHRONIUS VON JERUSALEM, Oratio II, In Sanctissimae Deiparae
Annuntiationem, 17-19: PG 87/3, 3235-3240; JOHANNES VON DAMASKUS, Hom. in
Dormitionem, I, 7: S. Ch. 80, 96-101; HIERONYMUS, Epistola 65, 9: PL 22,
628; AMBROSIUS Expos. Evang. sec. Lucam, II, 9: CSEL 32/4, 45 f.;
AUGUSTINUS Sermo 291, 4-6: PL 38, 1318 f.; Enchiridion, 36, 11: PL 40,
250; PETRUS CHRYSOLOGUS, Sermo 142: PL 52, 579 f.; Sermo 143: PL 52, 583;
FULGENTIUS VON RUSPE, Epistola 17, VI, 12:PL 65, 458; BERNHARD V. CL., In
laudibus Virginis Matris Homilia III, 2-3: S. Bernardi Opera, IV (1966)
36-38.
22 Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium, 55.
23 Ebd., 53.
24 Vgl. PIUS IX., Apostolisches Schreiben Ineffabilis Deus (8.12.1854):
Pii IX P.M. Acta, pars I, 616. II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische
Konstitution über die Kirche Lumen gentium, 53.
25 Vgl. GERMANUS VON KONSTANTINOPEL, In Annuntiationem SS. Deiparae Hom.:
PG 98, 327 f.; ANDREAS VON KRETA, Canon in B. Mariae Natalem, 4: PG 97,
1321 f.; In Nativitatem B. Mariae, I: PG 97, 811 f.; Hom. in Dormitionem
S. Mariae, 1: PG 97, 1067 f.
26 Stundengebet zum Hochfest von Mariä Aufnahme in den Himmel, am 15.
August, Hymnus zur 1. und 2. Vesper; PETRUS DAMIANI, Carmina et preces,
XLVII: PL 145, 934.
27 Göttliche Komödie, Paradies, XXXIII, 1; vgl. Stundengebet,
Mariengedenken am Samstag, 2. Hymnus zur Lesehore.
28 Vgl. AUGUSTINUS, De Sancta Virginitate, III, 3: PL 40, 398; Sermo 25,
7: PL 46, 937 f.
29 Dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung Dei Verbum,
5.
30 Ein klassisches Thema, das schon von Irenäus behandelt wird: »Durch
eine ungehorsame Jungfrau wurde der Mensch getroffen, stürzte nieder und
starb; in gleicher Weise ist der Mensch mit der Hilfe der dem Wort Gottes
gehorsamen Jungfrau durch das Leben zum Leben wiedergeboren worden. Denn
es war recht und notwendig, ... daß Eva in Maria wiederhergestellt würde,
damit eine Jungfrau für die Jungfrau eintrete und der Ungehorsam der
einen durch den Gehorsam der anderen ausgelöscht und zerstört werde«:
Expositio doctrinae apostolicae, 33: S. Ch. 62, 83-86; vgl. auch Adversus
haereses, V, 19, 1: S. Ch. 153, 248-250.
31 II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die göttliche
Offenbarung Dei Verbum, 5.
32 Ebd., 5; vgl. Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium,
56.
33 II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche
Lumen gentium, 56.
34 Ebd., 56.
35 Vgl. ebd, 53; AUGUSTINUS, De Sancta Virginitate, III, 3:PL 40, 398;
Sermo 215, 4: PL 38, 1074; Sermo 196, 1: PL 38, 1019; De peccatorum
meritis et remissione, I, 29, 57: PL 44, 142; Sermo 25, 7: PL 46, 937 f.;
LEO DER GROSSE, Tractatus 21, De natale Domini, 1: CCL 138, 86.
36 Vgl. Der Aufstieg zum Berge Karmel, Buch II, Kap. 3, 4-6.
37 Vgl. Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium 58.
38 Ebd., 58.
39 Vgl. II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die göttliche
Offenbarung Dei Verbum, 5.
40 Über die Teilnahme oder das »Mitleiden« Marias beim Tode Christi
vgl. BERNHARD VON CLAIRVAUX, In Dominica infra octavam Assumptionis Sermo,
14: S. Bernardi Opera, V (1968) 273.
41 IRENÄUS, Adversus haereses, III, 22, 4: S. Ch. 211, 438-444; vgl.
Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium, 56, Anm. 6.
42 Vgl. Lumen gentium, 56 und die dort in den Anmerkungen 8 u. 9 zitierten
Väter.
43 »Christus ist Wahrheit, Christus ist Fleisch: Christus als Wahrheit im
Geist Marias, Christus als Fleisch im Schoß Marias«: AUGUSTINUS, Sermo
25 (Sermones inediti), 7: PL 46, 938.
44 Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium, 60.
45 Ebd., 61.
46 Ebd., 62.
47 Bekannt ist, was Origenes zur Anwesenheit von Maria und Johannes auf
Kalvaria geschrieben hat: »Die Evangelien sind die Erstlingsfrüchte der
Heiligen Schrift, und das Johannesevangelium ist das erste der Evangelien:
Niemand kann seine Bedeutung erfassen, wenn er nicht den Kopf an die Brust
Jesu gelegt und nicht von Jesus Maria als Mutter erhalten hat«: Comm. in
Ioan. 1, 6: PG 14, 31; vgl. AMBROSIUS, Expos. Evang. sec. Luc., X,
129-131: CSEL 32/4, 504 f.
48 Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium, 54 und 53; der
zweite Konzilstext ist ein Zitat aus AUGUSTINUS, De Sancta Virginitate,
VI, 6: PL 40, 399.
49 Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium, 55.
50 Vgl. LEO DER GROSSE, Tractatus 26, De natale Domini,2:CCL 138, 126.
51 Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium 59.
52 AUGUSTINUS, De Civitate Dei, XVIII, 51: CCL 48, 650 (konzilseigene
Zitation).
53 II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche
Lumen gentium, 8.
54 Ebd., 9.
55 Ebd., 9.
56 Ebd., 8.
57 Ebd., 9.
58 Ebd., 65
59 Ebd., 59.
60 Vgl. II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die göttliche
Offenbarung Dei Verbum, 5.
61 Vgl. II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die
Kirche Lumen gentium, 63.
62 Vgl. ebd., 9
63 Vgl ebd., 65
64 Ebd,. 65
65 Ebd., 65
66 Vgl. ebd., 13
67 Vgl. ebd., 13.
68 Vgl. ebd., 13.
69 Vgl. Römisches Meßbuch, Worte zur Kelchkonsekration in den
Eucharistischen Hochgebeten.
70 II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche
Lumen gentium, 1.
71 Ebd., 13.
72 Ebd., 15.
73 Dekret über den Ökumenismus Unitatis redintegratio, 1.
74 Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium, 68; 69. Zu
Maria als Förderin der Einheit der Christen und zur Marienverehrung im
Orient vgl. LEO XIII., Enzyklika Adiutricem populi (5.9.1895):Acta Leonis,
XV, 300-312.
75 II. VATIKANISCHES KONZIL, Dekret über den Ökumenismus Unitatis
redintegratio, 20.
76 Vgl. ebd., 19.
77 Ebd., 14.
78 Edb., 15.
79 II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche
Lumen gentium, 66.
80 ÖKUMENISCHES KONZlL VON CHALZEDON, Definitio fidei: Conciliorum
Oecumenicorum Decreta, Bologna 1973 3, 86 (DS 301).
81 Vgl. das Buch Weddase Maryam (Marienlob), das sich an das äthiopische
Psalterium anschließt und Hymnen und Gebete zu Maria für jeden Tag der
Woche enthält. Vgl. auch das Buch Matshafa Kidana Mehrat (Buch des Bundes
der Barmherzigkeit); man muß die Bedeutung unterstreichen, die Maria in
der äthiopischen Hymnologie und Liturgie gegeben wird.
82 Vgl. EPHRÄM AUS SYRIEN, Hymn. de Nativitate: Scriptores Syri, 82: CSCO
186.
83 Vgl. GREGOR VON NAREK, Le livre de prières: S. Ch. 78, 160-163;
428-432.
84 II. ÖKUMENISCHES KONZIL VON NIZÄA: Conciliorum Oecumenicorum Decreta,
Bologna 1973³, 135-138 (DS 600-609).
85 Vgl. II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die
Kirche Lumen gentium, 59.
86 Vgl II. VATIKANISCHES KONZIL, Dekret über den Ökumenismus Unitatis
redintegratio, 19.
87 II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche
Lumen gentium, 8.
88 Ebd., 9
89 Bekanntlich sind in den Worten des Magnifikat zahlreiche Stellen des
Alten Testamentes enthalten oder klingen an.
90 II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die göttliche
Offenbarung Dei Verbum, 2.
91 Vgl. z. B. JUSTINUS, Dialogus cum Tryphone Iudaeo, 100 J. C. DE OTTO,
Corpus Apol., II, 358; IRENÄUS, Adversus haereses, III, 22, 4: S. Ch.
211, 439-445; TERTULLIAN, De carne Christi, 17/4-6: CCL II, 904 ff.
92 Vgl. EPIPHANIUS, Panarion, III, 2; Haer. 78, 18: PG 42, 727-730;
AMBROSIUS, Expos. Evang. Lucae, II, 86: CSEL 32/4, 90f.
93 KONGREGATION FÜR DIE GLAUBENSLEHRE, Instruktion über christliche
Freiheit und Befreiung (22. März 1986), 97.
94 II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche
Lumen gentium, 60.
95 Ebd., 60.
96 Vgl. die Formulierung: Mittlerin »ad Mediatorem« (»zum Mittler«)
bei BERNHARD VON CLAIRVAUX, In Dominica infra oct. Assumptionis Sermo, 2:
S. Bernardi Opera, V (1968) 263. Wie ein reiner Spiegel lenkt Maria alle
Verherrlichung und Ehrung, die sie empfängt, auf den Sohn hin: ders., In
Nativitate B. Mariae Sermo - De aquaeductu, 12: Ed. cit., 283.
97 Vgl. II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die
Kirche Lumen gentium, 62.
98 Ebd., 62.
99 Ebd., 61.
100 Ebd., 62
101 Ebd., 61
102 Ebd., 61
103 Ebd, 62.
104 Ebd., 62.
105 Ebd, 62; auch in ihren Gebeten anerkennt und feiert die Kirche das »mütterliche
Wirken« Marias: ihre Aufgabe, »Vergebung zu erbitten, Gnade zu erwirken,
Versöhnung und Frieden zu vermitteln« (vgl. Präfation der Messe von der
seligen Jungfrau Maria, Mutter und Gnadenvermittlerin, in: Collectio
Missarum de Beata Maria Virgine, ed. typ. 1987, I, 120.
106. II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche
Lumen gentium, 62.
107 Ebd, 62; vgl. JOHANNES VON DAMASKUS, Hom. in Dormitionem, I, 11; II,
2, 14; III, 2: S. Ch. 80, 111 f.; 127-131; 157-161, 181-185; BERNHARD VON
CLAIRVAUX, In Assumptione Beatae Mariae Sermo, 1-2: S. Bernardi Opera, V
(1968) 228-238.
108 II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche
Lumen gentium, 59; vgl. PIUS XII., Apostolische Konstitution
Munificentissimus Deus (1.11.1950): AAS 42 (1950) 769-771; BERNHARD v. CL.
stellt Maria dar wie eingetaucht in den Glanz der Herrlichkeit des Sohnes:
In Dominica infra oct. Assumptionis Sermo, 3: S. Bernardi Opera, V (1968)
263f.
109 II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche
Lumen gentium, 53.
110 Über diesen Einzelaspekt der Mittlerschaft Marias als
Gnadenvermittlerin bei ihrem Sohn und Richter vgl. BERNHARD V. CL., In
Dominica infra oct. Assumptionis Sermo, 1-2: S. Bernardi Opera, V (1968)
262 f.; LEO XIII., Enzyklika Octobri Mense (22.9.1891): Acta Leonis, XI,
299-315.
111 II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche
Lumen gentium, 55.
112 Ebd., 59.
113 Ebd., 36.
114 Ebd., 36.
115 Zum Titel »Maria Königin« vgl. JOHANNES VON DAMASKUS, Hom. in
Nativitatem, 6; 12; Hom. in Dormitionem, I, 2, 12, 14; II, 11; III, 4: S.
Ch. 80, 59 f.; 77 f.; 113 f.; 117; 151 f.; 189-193.
116 II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche
Lumen gentium, 62.
117 Ebd., 63.
118 Ebd., 63.
119 Ebd., 66
120 Vgl. AMBROSIUS De Institutione Virginis, XIV, 88-89: PL 16, 341;
AUGUSTINUS, Sermo 215, 4: PL 38, 1074; De Sancta Virginitate, II, 2; V, 5;
VI, 6: PL 40, 397; 398 f.; 399; Sermo 191, II, 3: PL 38, 1010 f.
121 Vgl. II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die
Kirche Lumen gentium, 63.
122 Ebd., 64.
123 Ebd., 64.
124 Ebd., 64.
125 Ebd., 64.
126 Vgl. II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die göttliche
Offenbarung Dei Verbum, 8, BONAVENTURA, Comment. in Evang. Lucae, Ad
Claras Aquas, VII, 53, Nr. 40; 68, Nr. 109.
127 II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche
Lumen gentium, 64.
128 Ebd., 63.
129 Vgl. edb., 63
130 Bekanntlich besagt der Ausdruck xxx des griechischen Textes mehr, als
daß Maria von dem Jünger lediglich für die äußere Unterbringung und
Versorgung in seine Wohnung aufgenommen worden wäre; vielmehr bezeichnet
er eine Lebensgemeinschaft, die sich zwischen beiden aufgrund der Worte
des sterbenden Christus bildet: vgl. AUGUSTINUS, In Ioan. Evang. tract,
119, 3: CCL 36, 659: »Er nahm sie zu sich, nicht in sein Besitztum, weil
er nichts zu eigen besaß, sondern in seine Verantwortung, der er mit
Hingabe nachkam«.
131 II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche
Lumen gentium, 62.
132 Ebd., 63.
133 II. VATIKANISCHES KONZIL, Pastorale Konstitution über die Kirche in
der Welt von heute Gaudium et spes, 22.
134 Vgl. PAUL VI., Ansprache vom 21. Nov. 1964: AAS 56 (1964) 1015.
135 PAUL VI., Feierliches Glaubensbekenntnis (30.6.1968), 15:AAS 60 (1968)
438 f.
136 PAUL VI., Ansprache vom 21. NOV. 1964: AAS 56 (1964) 1015.
137 Ebd., 1016.
138 Vgl. II. VATIKANISCHES KONZIL, Pastorale Konstitution über die Kirche
in der Welt von heute Gaudium et spes, 37.
139 Vgl. BERNHARD v. CL., In Dominica infra oct. Assumptionis Sermo: S.
Bernardi Opera, V (1968) 262-274.
140 II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche
Lumen gentium, 65.
141 Vgl. Enzyklika Fulgens Corona (8.9.1953): AAS 45 (1953) 577-592; Pius
X. hatte mit der Enzyklika Ad diem illum (2.2. 1904) zum 50-jährigen
Gedenken der dogmatischen Definition der Unbefleckten Empfängnis der
seligen Jungfrau Maria ein außerordentliches Jubiläum von einigen
Monaten verkündet: Pii X P.M. Acta I, 147-166.
142 II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche
Lumen gentium, 66-67.
143 Vgl. das Buch Traité de la vraie dévotion à la sainte Vierge.
Diesem Heiligen kann man zu Recht die Gestalt des hl. Alfons Maria de'
Liguori zur Seite stellen, dessen 200. Jahrestag nach seinem Tode wir
dieses Jahr begehen: vgl. unter seinen Werken Le glorie di Maria.
144 II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche
Lumen gentium, 69.
145 Homilie vom. 1 Januar 1987
146 II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche
Lumen gentium, 69.
147 Vgl. II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die göttliche
Offenbarung Dei Verbum, 2: »In dieser Offenbarung redet der unsichtbare
Gott... aus überströmender Liebe die Menschen an wie Freunde... und
verkehrt mit ihnen.... um sie in seine Gemeinschaft einzuladen und
aufzunehmen«.
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