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ENZYKLIKA
UT UNUM SINT
VON PAPST
JOHANNES PAUL II
ÜBER DEN EINSATZ FÜR DIE ÖKUMENE
EINFÜHRUNG
1. Ut unum sint! Der Aufruf zur Einheit der Christen, den das II.
Vatikanische Konzil mit so grober Eindringlichkeit vorgebracht hat, findet
im Herzen der Gläubigen immer stärkeren Widerhall, besonders beim
Näherrücken des Jahres Zweitausend, das für sie ein heiliges
Jubiläumsjahr sein wird zum Ge- dächtnis der Fleischwerdung des
Gottessohnes, der Mensch geworden ist, um den Menschen zu retten.
Das mutige Zeugnis so vieler Märtyrer unseres Jahrhunderts, die auch
anderen nicht in voller Gemeinschaft mit der katholischen Kirche
befindlichen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften angehören, verleiht
dem Konzilsaufruf neue Kraft und erinnert uns an die Verpflichtung, seine
Aufforderung anzunehmen und in die Tat umzusetzen. Vereint in der
hochherzigen Hingabe ihres Lebens für das Reich Gottes sind diese unsere
Brüder und Schwestern der bedeutendste Beweis dafür, dab in der
Ganzhingabe seiner selbst an die Sache des Evangeliums jedes Element der
Spaltung bewältigt und überwunden werden kann.
Christus ruft alle seine Jünger zur Einheit. Mein brennender Wunsch ist
es, diese Aufforderung heute zu erneuern, sie mit Entschiedenheit wieder
aufzuwerfen, wobei ich an das erinnere, was ich am Karfreitag 1994 zum
Abschlub der von den Worten unseres verehrten Bruders, des Ökumeni- schen
Patriarchen Bartholomäus von Konstantinopel geführten Kreuzwegmeditation
am Kolosseum in Rom unterstrichen habe. Ich habe bei jenem Anlab gesagt,
dab diejenigen, die an Christus glauben und durch die lange Reihe der
Märtyrer miteinander verbunden sind, nicht gespalten bleiben können.
Wenn sie gegen das Bestreben der Welt, das Geheimnis der Erlösung zu
entleeren, wahrhaftig und wirksam ankämpfen wollen, müssen sie gemeinsam
dieselbe Wahrheit über das Kreuz bekennen.1 Das Kreuz! Die
antichristliche Strömung setzt sich zum Ziel, den Wert des Kreuzes zu
zerstören, es seiner Bedeutung zu entleeren, indem sie leug- net, dab der
Mensch in ihm die Wurzeln seines neuen Lebens hat; indem sie behauptet,
das Kreuz vermöge weder Aussichten noch Hoffnungen zu nähren: der
Mensch, so heibt es, ist nur ein irdisches Wesen, das so leben soll, als
ob es Gott nicht gäbe.
2. Niemandem entgeht die Herausforderung, die all das an die Gläubigen
stellt. Sie müssen sie annehmen. Wie könnten sie in der Tat ablehnen,
mit Gottes Hilfe alles in ihrer Macht Stehende zu unternehmen, um Mauern
der Trennung und des Mibtrauens niederzureiben, um Hindernisse und
Vorurteile zu überwinden, die die Verkündigung des Evangeliums vom Heil
durch das Kreuz Jesu, des einzigen Erlösers des Menschen, jedes Menschen,
verhindern?
Ich danke dem Herrn, dab er uns dazu angehalten hat, auf dem Weg der
Einheit und der Gemeinschaft unter den Christen voranzuschreiten, der zwar
schwierig, aber so reich an Freude ist. Die interkonfessionellen Dialoge
auf theologischer Ebene haben positive und greifbare Ergebnisse erbracht:
das ermutigt zum Weitermachen.
Doch auber den Divergenzen in den Lehrmeinungen, die gelöst werden
müssen, können die Christen die Last uralter, aus der Vergangenheit
ererbter Verständnislosigkeit, gegenseitiger Mibverständnisse und
Vorurteile nicht verringern. Erschwert wird diese Situation nicht selten
durch Unbeweglichkeit, Gleichgültigkeit und eine unzureichende Kenntnis
voneinander. Das Engagement für die Ökumene mub sich daher auf die
Umkehr der Herzen und auf das Gebet stützen, was auch zur notwendigen
Läuterung der geschichtlichen Erinnerung führen wird. Durch die Gnade
des Heiligen Geistes sind die Jünger des Herrn, beseelt von der Liebe,
vom Mut zur Wahrheit und von dem aufrichtigen Willen, einander zu
verzeihen und sich zu versöhnen, aufgerufen, ihre schmerzvolle
Vergangenheit und jene Wunden, die diese leider auch heute noch immer
hervorruft, gemeinsam neu zu bedenken. Von der stets jungen Kraft des
Evangeliums werden sie eingeladen, gemeinsam aufrichtig und völlig
objektiv die begangenen Irrtümer sowie die Begleiterscheinungen
anzuerkennen, die am Beginn ihrer unglückseligen Trennungen standen. Dazu
braucht es einen ruhigen und klaren, der Wahrheit verpflichteten und von
der göttlichen Barmherzigkeit belebten Blick, der imstande ist, den Geist
zu befreien und in einem jeden eine neue Bereitschaft zu wecken im
Hinblick auf die Verkündigung des Evangeliums an die Menschen jedes
Volkes und jeder Nation.
3. Mit dem II. Vatikanischen Konzil hat sich die katholische Kirche
unumkehrbar dazu verpflichtet, den Weg der Suche nach der Ökumene
einzuschlagen und damit auf den Geist des Herrn zu hören, der uns lehrt,
aufmerksam die »Zeichen der Zeit« zu lesen. Die Erfahrungen, die die
Suche nach Einheit in diesen Jahren erlebt hat und weiter erlebt,
erleuchten sie noch tiefer über ihre Identität und ihre Sendung in der
Geschichte. Die katholische Kirche sieht die Schwächen ihrer Söhne und
Töchter und bekennt sie im Bewubtsein, dab deren Sünden ebenfalls
Treuebrüche und Hindernisse für die Verwirklichung des Planes des
Erlösers darstellen. Da sie sich unablässig zur Erneuerung nach dem
Evangelium aufgerufen fühlt, hört sie nicht auf Bube zu tun.
Gleichzeitig erkennt und preist sie jedoch noch mehr die Macht des Herrn,
der sie mit dem Geschenk der Heiligkeit überhäuft hat, sie an sich zieht
und sie seinem Leiden und seiner Auferstehung angleicht.
Im Wissen um die vielfältigen Wechselfälle ihrer Geschichte setzt sich
die Kirche dafür ein, sich von jedem rein menschlichen Rückhalt zu
befreien, um das Gesetz der Seligpreisungen aus dem Evangelium in seiner
ganzen Tiefe zu leben. Da sie sich bewubt ist, dab sich die Wahrheit nicht
anders durchsetzt «als kraft der Wahrheit selbst, die sanft und zugleich
stark den Geist durchdringt«,2 erstrebt sie für sich selber nichts auber
die Freiheit, das Evangelium zu verkünden. In der Tat erprobt sich ihre
Autorität im Dienst an der Wahrheit und der Liebe.
Ich selbst möchte jeden nützlichen Schritt fördern, damit das Zeugnis
der gesamten katholischen Gemeinschaft in seiner vollen Reinheit und
Konsequenz verstanden werden kann, vor allem im Hinblick auf jenes Ziel,
das die Kirche an der Schwelle des neuen Jahrtausends erwartet, eines
auberordentlichen Augenblicks, angesichts dessen sie den Herrn bittet, dab
die Einheit zwischen allen Christen bis hin zur Erlangung der vollen
Gemeinschaft wachsen möge.3 Dieses edle Ziel hat auch die vorliegende
Enzyklika im Auge, die in ihrem vorwiegend pastoralen Charakter einen
Beitrag dazu leisten will, das Bemühen aller zu unterstützen, die für
das Anliegen der Einheit tätig sind.
4. Dies ist eine klare Verpflichtung des Bischofs von Rom als Nachfolger
des Apostels Petrus. Ich erfülle sie mit der tiefen Überzeugung, dem
Herrn zu gehorchen, und im vollen Bewubtsein meiner menschlichen
Schwachheit. Denn auch wenn Christus dem Petrus diese besondere Sendung in
der Kirche anvertraut und ihm aufgetragen hat, die Brüder zu stärken, so
lieb er ihn gleichzeitig seine menschliche Schwachheit und die besondere
Notwendigkeit seiner Bekehrung erkennen: »Und wenn du dich wieder bekehrt
hast, dann stärke deine Brüder« (Lk 22, 32). Gerade in der menschlichen
Schwachheit des Petrus wird vollständig offenkundig, dab der Papst
völlig von der Gnade und vom Gebet des Herrn abhängt, um dieses
besondere Amt in der Kirche erfüllen zu können: »Ich habe für dich
gebetet, dab dein Glaube nicht erlischt« (Lk 22, 32). Die Bekehrung des
Petrus und seiner Nachfolger stützt sich auf das Gebet des Erlösers
selber, und die Kirche nimmt ständig an diesem Bittgebet teil. In
unserer, vom II. Vatikanischen Konzil geprägten ökumenischen Epoche ist
die Sendung des Bischofs von Rom in besonderer Weise darauf ausgerichtet,
an das Erfordernis der vollen Gemeinschaft der Jünger Christi zu
erinnern.
Der Bischof von Rom selbst mub sich das Gebet Christi um die Bekehrung,
die für »Petrus« unabdingbar ist, voll Inbrunst zu eigen machen, um den
Brüdern dienen zu können. Von Herzen bitte ich darum, dab die Gläubigen
der katholischen Kirche und alle Christen an diesem Gebet teilnehmen.
Zusammen mit mir mögen alle für diese Bekehrung beten.
Wir wissen, dab die Kirche auf ihrem irdischen Pilgerweg unter
Gegnerschaft und Verfolgungen gelitten hat und weiter leiden wird. Doch
die Hoffnung, die sie trägt, ist unerschütterlich, so wie die Freude
unzerstörbar ist, die aus solcher Hoffnung erwächst. Denn der starke und
ewige Fels, auf dem sie gegründet ist, ist Jesus Christus, ihr Herr.
I.
DIE ÖKUMENISCHE VERPFLICHTUNG
DER KATHOLISCHEN KIRCHE
Der Plan Gottes und die Gemeinschaft
5. Zusammen mit allen Jüngern Christi gründet die katholische Kirche
ihre ökumenische Verpflichtung, alle in der Einheit zu versammeln, auf
dem Plan Gottes. Denn »die Kirche ist nicht eine in sich selbst
geschlossene Wirklichkeit, sondern fortwährend offen für die
missionarische und ökumenische Dynamik, da sie ja in die Welt gesandt
ist, um das Geheimnis der Gemeinschaft, das sie konstituiert, zu
verkünden und zu bezeugen, zu vergegenwärtigen und zu verbreiten: alle
und alles in Christus zu vereinen, allen 'untrenn- bares Sakrament der
Einheit? zu sein«.4
Schon im Alten Testament brachte der Prophet Ezechiel unter Bezugnahme auf
die damalige Situation des Gottesvolkes den göttlichen Willen zum
Ausdruck, die Mitglieder seines zerrissenen Volkes »von allen Seiten zu
sammeln«; der Prophet bediente sich dazu des einfachen Symbols zweier
zunächst verschiedener Holzstücke, die dann zu einem einzigen Stück
zusammengefügt wurden: »Ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein
Volk sein. Die Völker werden erkennen, dab ich der Herr bin, der Israel
heiligt« (vgl. 37, 16-28). Das Johannesevangelium sieht angesichts der
Situation des Gottesvolkes zu jener Zeit in Jesu Tod den Grund für die
Einheit der Kinder Gottes: »Der Hohepriester 1 sagte 2, dab Jesus für
das Volk sterben werde. Aber er sollte nicht nur für das Volk sterben,
sondern auch, um die versprengten Kinder Gottes wieder zu sammeln« (11,
51-52). Tatsächlich wird der Brief an die Epheser erklären: »Er rib 3
die trennende Wand der Feindschaft nieder 4 durch das Kreuz 5. Er hat in
seiner Person die Feindschaft getötet« (2, 14-16), aus dem, was getrennt
war, hat er eine Einheit geschaffen.
6. Die Einheit der ganzen zerrissenen Menschheit ist Gottes Wille. Aus
diesem Grund hat er seinen Sohn gesandt, damit dieser durch seinen Tod und
seine Auferstehung uns seinen Geist der Liebe schenke. Am Vorabend seines
Opfertodes am Kreuz bittet Jesus selbst den Vater für seine Jünger und
für alle, die an ihn glauben, dab sie eins seien, eine lebendige
Gemeinschaft. Von daher rührt nicht nur die Pflicht, sondern auch die
Verantwortung, die vor Gott, gegenüber seinem Plan, jenen Menschen
obliegt, die durch die Taufe zum Leib Christi werden sollen, zu dem Leib,
in dem sich die Versöhnung und die Gemeinschaft voll verwirklichen
sollen. Wie ist es nur möglich, getrennt zu bleiben, wenn wir doch mit
der Taufe »eingetaucht« wurden in den Tod des Herrn, das heibt in den
Akt selbst, in dem Gott durch den Sohn die Wände der Trennung
niedergerissen hat? Die »Spaltung widerspricht ganz offenbar dem Willen
Christi, sie ist ein Ärgernis für die Welt und ein Schaden für die
heilige Sache der Verkündigung des Evangeliums vor allen Geschöpfen«.5
Der ökumenische Weg: der Weg der Kirche
7. »Der Herr der Geschichte, der seinen Gnadenplan mit uns Sündern in
Weisheit und Langmut verfolgt, hat in jüngster Zeit begonnen, über die
gespaltene Christenheit ernste Reue und Sehnsucht nach Einheit reichlicher
auszugieben. Von dieser Gnade sind heute überall sehr viele Menschen
ergriffen, und auch unter unseren getrennten Brüdern ist unter der
Einwirkung der Gnade des Heiligen Geistes eine sich von Tag zu Tag
ausbreitende Bewegung zur Wiederherstellung der Einheit aller Christen
entstanden. Diese Einheitsbewegung, die man als ökumenische Bewegung
bezeichnet, wird von Menschen getragen, die den dreieinigen Gott anrufen
und Jesus als Herrn und Erlöser bekennen, und zwar nicht nur einzeln für
sich, sondern auch in ihren Gemeinschaften, in denen sie die frohe
Botschaft vernommen haben und die sie ihre Kirche und Gottes Kirche
nennen. Fast alle streben, wenn auch auf verschiedene Weise, zu einer
einen, sichtbaren Kirche Gottes hin, die in Wahrheit allumfassend und zur
ganzen Welt gesandt ist, damit sich die Welt zum Evangelium bekehre und so
ihr Heil finde zur Ehre Gottes«.6
8. Diese Aussage des Dekretes Unitatis redintegratio mub im
Gesamtzusammenhang des Konzilslehramtes gelesen werden. Das II.
Vatikanische Konzil bringt die Entschlossenheit der Kirche zum Ausdruck,
die ökumenische Aufgabe zugunsten der Einheit der Christen anzunehmen und
sie mit Überzeugung und Entschiedenheit voranzutreiben: »Dieses Heilige
Konzil mahnt alle katholischen Gläubigen, dab sie, die Zeichen der Zeit
erkennend, mit Eifer an dem ökumenischen Werk teilnehmen«.7
Unitatis redintegratio hält sich, wenn es die katholischen Prinzipien des
Ökumenismus anführt, vor allem an die Lehre über die Kirche, wie sie in
der Konstitution Lumen gentium, und zwar in dem Kapitel über das Volk
Gottes niedergelegt ist.8 Zugleich denkt es an die Aussagen der
Konzilserklärung Dignitatis humanae über die Religionsfreiheit.9
Die katholische Kirche nimmt hoffnungsvoll die ökumenische Verpflichtung
an als einen Imperativ des vom Glauben erleuchteten und von der Liebe
geleiteten christlichen Gewissens. Auch hier läbt sich das Wort des hl.
Paulus an die ersten Christen von Rom anwenden: »Die Liebe Gottes ist
ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist« (5, 5); daher »läbt«
uns unsere »Hoffnung nicht zugrunde gehen« (Röm 5, 5). Es ist die
Hoffnung auf die Einheit der Christen, die in der trinitarischen Einheit
des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes ihre göttliche Quelle
hat.
9. Jesus selbst hat in der Stunde seines Leidens gebetet, dab »alle eins
seien« (Joh 17, 21). Diese Einheit, die der Herr seiner Kirche geschenkt
hat und in der er alle umfangen wollte, ist nicht etwas Nebensächliches,
sondern steht im Zentrum seines Wirkens. Und sie ist auch nicht
gleichbedeutend mit einem zweitrangigen Attribut der Gemeinschaft seiner
Jünger. Sie gehört vielmehr zum Wesen dieser Gemeinschaft selbst. Gott
will die Kirche, weil er die Einheit will und in der Einheit die ganze
Tiefe seiner agape zum Ausdruck kommt.
Denn diese vom Heiligen Geist geschenkte Einheit besteht nicht blob in
einer Ansammlung von Personen, die sich zu einer Summe addieren. Es ist
eine Einheit, die durch die Bande des Glaubensbekenntnisses, der
Sakramente und der hierarchischen Leitung und Gemeinschaft gebildet
wird.10 Die Gläubigen sind eins, weil sie sich im Geist in der
Gemeinschaft des Sohnes und in ihm in seiner Gemeinschaft mit dem Vater
befinden: »Wir haben Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus
Christus« (1 Joh 1, 3). Für die katholische Kirche ist daher die
Gemeinschaft der Christen nichts anderes als das Offenbarwerden der Gnade
an ihnen, durch die Gott sie zu Teilhabern an seiner eigenen Gemeinschaft
macht, die sein ewiges Leben ist. Die Worte Christi, dab »alle eins
seien«, sind also das Gebet an den Vater, damit sich sein Plan voll
erfülle, auf dab allen enthüllt werde, »wie jenes Geheimnis
Wirklichkeit geworden ist, das von Ewigkeit her in Gott, dem Schöpfer des
Alls, verborgen war« (Eph 3, 9). An Christus glauben heibt, die Einheit
wollen; die Einheit wollen heibt, die Kirche wollen; die Kirche wollen
heibt, die Gnadengemeinschaft wollen, die dem Plan des Vaters von Ewigkeit
her entspricht. Das also ist die Bedeutung des Gebetes Christi: »Ut unum
sint«.
10. Im gegenwärtigen Zustand der Spaltung unter den Christen und der
zuversichtlichen Suche nach der vollen Gemeinschaft fühlen sich die
katholischen Gläubigen zutiefst ermahnt vom Herrn der Kirche. Das II.
Vatikanische Konzil hat durch ein klares und für alle, auch unter den
anderen Christen vorhandene kirchliche Werte offenes Kirchenbild ihren
Einsatz gestärkt. Die katholischen Gläubigen stellen sich im Geist des
Glaubens der ökumenischen Problematik.
Das Konzil sagt, dab »die Kirche Christi in der katholischen Kirche
verwirklicht ist, die vom Nachfolger Petri und von den Bischöfen in
Gemeinschaft mit ihm geleitet wird«, und anerkennt gleichzeitig, »dab
auberhalb ihres Gefüges vielfältige Elemente der Heiligung und der
Wahrheit zu finden sind, die als der Kirche Christi eigene Gaben auf die
katholische Einheit hindrängen«.11
»Daher sind die getrennten Kirchen und Gemeinschaften trotz der Mängel,
die ihnen nach unserem Glauben anhaften, nicht ohne Bedeutung und Gewicht
im Geheimnis des Heiles. Denn der Geist Christi hat sich gewürdigt, sie
als Mittel des Heiles zu gebrauchen, deren Wirksamkeit sich von der der
katholischen Kirche anvertrauten Fülle der Gnade und Wahrheit
herleitet«.12
11. Auf diese Weise bestätigt die katholische Kirche, dab sie während
ihrer zweitausendjährigen Geschichte in der Einheit mit sämtlichen Gü-
tern, mit denen Gott seine Kirche ausstatten möchte, erhalten geblieben
ist, und das trotz der oft schweren Krisen, die sie erschüttert haben,
trotz mangelnder Treue einiger ihrer Amtsträger und der Fehler, in die
ihre Mitglieder tagtäglich verfallen. Die katholische Kirche weib, dab
namens der Hilfe, die ihr vom Heiligen Geist zukommt, die Schwächen, die
Mittelmäbigkeiten, die Sünden, mitunter die Treuebrüche mancher ihrer
Söhne und Töchter das nicht zerstören können, was Gott auf Grund
seines Planes an Gnaden in sie eingegossen hat. Auch »die Mächte der
Unterwelt werden sie nicht überwältigen« (Mt 16, 18). Die katholische
Kirche vergibt jedoch nicht, dab viele in ihren Reihen Gottes Plan
trüben. Wenn das Dekret über den Ökumenismus die Spaltung der Christen
ins Gedächtnis zurückruft, weib es sehr wohl um die »Schuld der
Menschen auf beiden Seiten« 13 und erkennt an, dab die Verantwortung
nicht ausschlieblich den »anderen« zugeschrieben werden kann. Durch
Gottes Gnade ist jedoch das, was den Aufbau der Kirche Christi ausmacht,
und auch jene Gemeinschaft, die mit den anderen Kirchen und kirchlichen
Gemeinschaften fortbesteht, nicht zerstört worden.
Die Elemente der Heiligung und der Wahrheit, die in den anderen
christlichen Gemeinschaften in je unterschiedlichem Grad vorhanden sind,
bilden in der Tat die objektive Grundlage der, wenn auch unvollkommenen,
Gemeinschaft, die zwischen ihnen und der katholischen Kirche besteht.
In dem Mabe, in dem diese Elemente in den anderen christlichen
Gemeinschaften vorhanden sind, ist die eine Kirche Christi in ihnen
wirksam gegenwärtig. Deshalb spricht das II. Vatikanische Konzil von
einer gewissen, wenngleich unvollkommenen Gemeinschaft. Die Konstitution
Lumen gentium unterstreicht, dab die katholische Kirche sich mit diesen
Gemeinschaften sogar durch eine bestimmte, echte Verbindung im Heiligen
Geist »aus mehrfachem Grunde verbunden weib«.14
12. Dieselbe Konstitution hat ausführlich »die Elemente der Heiligung
und Wahrheit« dargelegt, die in unterschiedlicher Weise auberhalb der
sichtbaren Grenzen der katholischen Kirche vorhanden und wirksam sind:
»Viele nämlich halten die Schrift als Glaubens- und Lebensnorm in Ehren,
zeigen einen aufrichtigen religiösen Eifer, glauben in Liebe an Gott, den
allmächtigen Vater, und an Christus, den Sohn Gottes und Erlöser,
empfangen das Zeichen der Taufe, wodurch sie mit Christus verbunden
werden; ja, sie anerkennen und empfangen auch andere Sakramente in ihren
eigenen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften. Mehrere unter ihnen
besitzen auch einen Episkopat, feiern die heilige Eucharistie und pflegen
die Verehrung der jungfräulichen Gottesmutter. Dazu kommt die
Gemeinschaft im Gebet und in anderen geistlichen Gütern; ja sogar eine
wahre Verbindung im Heiligen Geiste, der in Gaben und Gnaden auch in ihnen
mit seiner heilig- machenden Kraft wirksam ist und manche von ihnen bis
zur Vergiebung des Blutes gestärkt hat. So erweckt der Geist in allen
Jüngern Christi Sehnsucht und Tat, dab alle in der von Christus
angeordneten Weise in der einen Herde unter dem einen Hirten in Frieden
geeint werden mögen«.15
Unter Bezugnahme auf die orthodoxen Kirchen erklärte das Konzilsdekret
über den Ökumenismus im besonderen, dab »durch die Feier der
Eucharistie des Herrn in diesen Einzelkirchen die Kirche Gottes sich
aufbaut und wächst«.16 Das alles anzuerkennen ist ein Erfordernis der
Wahrheit.
13. Dasselbe Dokument arbeitet die Auswirkungen dieser Situation auf die
Lehre mit aller Nüchternheit heraus. Es erklärt bezüglich der
Mitglieder dieser Gemeinschaften: »Nichtsdestoweniger sind sie durch den
Glauben in der Taufe gerechtfertigt und Christus eingegliedert, darum
gebührt ihnen der Ehrenname des Christen, und mit Recht werden sie von
den Söhnen der katholischen Kirche als Brüder im Herrn anerkannt«.17
Unter Bezugnahme auf die vielfältigen Güter, die in den anderen Kirchen
und kirchlichen Gemeinschaften vorhanden sind, fügt das Dekret hinzu:
»All dieses, das von Christus ausgeht und zu ihm hinführt, gehört
rechtens zu der einzigen Kirche Christi. Auch zahlreiche liturgische
Handlungen der christlichen Religion werden bei den von uns getrennten
Brüdern vollzogen, die auf verschiedene Weise je nach der verschiedenen
Verfabtheit einer jeden Kirche und Gemeinschaft ohne Zweifel tatsächlich
das Leben der Gnade zeugen können und als geeignete Mittel für den
Zutritt zur Gemeinschaft des Heiles angesehen werden müssen«.18
Hier handelt es sich um ökumenische Texte von allergröbter Bedeutung.
Auberhalb der Grenzen der katholischen Gemeinschaft besteht also kein
kirchliches Vakuum. Viele und bedeutende (eximia) Elemente, die in der
katholischen Kirche zur Fülle der Heilsmittel und der Gnadengaben
gehören, die die Kirche ausmachen, finden sich auch in den anderen
christlichen Gemeinschaften.
14. Alle diese Elemente tragen den Hinweis auf die Einheit in sich, in der
sie ihre Fülle finden sollen. Es geht also nicht darum, alle in den
christlichen Gemeinschaften verstreuten Reichtümer einfach summarisch
aneinanderzureihen, um schlieblich zu einer Kirche zu gelangen, die Gott
für die Zukunft anstreben würde. Gemäb der gros- sen, von den
Kirchenvätern des Orients und des Abendlandes bezeugten Tradition glaubt
die katholische Kirche, dab im Pfingstereignis Gott bereits die Kirche in
ihrer eschatologischen Wirklichkeit offenbar gemacht hat, wie er sie
»seit der Zeit des gerechten Abel« 19 vorbereitete. Sie ist bereits eine
Gegebenheit. Aus diesem Grund befinden wir uns bereits in der Endzeit. Die
Elemente dieser bereits gegebenen Kirche existieren in ihrer ganzen Fülle
in der katholischen Kirche und noch nicht in dieser Fülle in den anderen
Gemeinschaften,20 wo gewisse Aspekte des christlichen Geheimnisses
bisweilen sogar wirkungsvoller zutage treten. Das Bestreben des
Ökumenismus ist es eben, die zwischen den Christen bestehende teilweise
Gemeinschaft bis zur vollen Gemeinschaft in der Wahrheit und in der Liebe
wachsen zu lassen.
Erneuerung und Bekehrung
15. Von den Anfängen, vom Imperativ des christlichen Gewissens bis hin
zur Verwirklichung des ökumenischen Weges zur Einheit hebt das II.
Vatikanische Konzil vor allem die Notwendigkeit der Bekehrung des Herzens
hervor. Die messianische Verkündigung »die Zeit ist erfüllt, das Reich
Gottes ist nahe« und der darauf folgende Aufruf »Kehrt um und glaubt an
das Evangelium!« (Mk 1, 15), mit dem Jesus seine Sendung beginnt, nennen
das grundlegende Element, das jeden Neubeginn kennzeichnen mub: das
Grunderfordernis der Evangelisierung in jedem Abschnitt des Heilsweges der
Kirche. Das betrifft in besonderer Weise den Prozeb, den das II.
Vatikanische Konzil dadurch eingeleitet hat, dab es in die Erneuerung die
ökumenische Aufgabe aufgenommen hat, die voneinander getrennten Christen
zu vereinen. »Es gibt keinen echten Ökumenismus ohne innere
Bekehrung«.21
Das Konzil ruft sowohl zur persönlichen wie zur gemeinschaftlichen
Bekehrung auf. Das Streben jeder christlichen Gemeinschaft nach der
Einheit mub Schritt halten mit ihrer Treue zum Evangelium. Handelt es sich
um Personen, die ihre christliche Berufung leben, spricht das Konzil von
innerer Umkehr, von einem Neuwerden des Geistes.22
Ein jeder mub sich also grundlegender zum Evangelium bekehren und, ohne je
den Plan Gottes aus den Augen zu verlieren, seinen Blick ändern. Durch
den Ökumenismus wurde die Betrachtung von »Gottes groben Taten« (mirabilia
Dei) um neue Räume bereichert, in denen der dreieinige Gott das Wirken
der Gnade weckt: die Wahrnehmung, dab der Heilige Geist in den anderen
christlichen Gemeinschaften tätig ist; die Entdeckung von Beispielen der
Heiligkeit; die Erfahrung der unbegrenzten Reichtümer der Gemeinschaft
der Heiligen; der Kontakt mit unvorhersehbaren Aspekten des christlichen
Engagements. Dementsprechend hat auch das Bubbedürfnis zugenommen: das
Bewubtsein von gewissen Ausschlüssen, die die brüderliche Liebe
verletzen; von gewissen Verweigerungen zu verzeihen; eines gewissen
Stolzes; jenes nicht dem Evangelium entsprechenden Sich-Abkapselns in die
Verdammung der »anderen«; einer Verachtung, die aus einer unlauteren
Anmabung herrührt. Auf diese Weise wird das ganze Leben der Christen von
der ökumenischen Sorge geprägt, und sie sind aufgerufen, sich gleichsam
von ihr formen zu lassen.
16. Im Lehramt des Konzils besteht ein klarer Zusammenhang zwischen
Erneuerung, Bekehrung und Reform. Es führt aus: »Die Kirche wird auf dem
Wege ihrer Pilgerschaft von Christus zu dieser dauernden Reform gerufen,
deren sie allzeit bedarf, soweit sie menschliche und irdische Einrichtung
ist; was also etwa je nach den Umständen und Zeitverhältnissen 6 nicht
genau genug bewahrt worden ist, mub deshalb zu gegebener Zeit sachgerecht
und pflichtgemäb erneuert werden«.23 Keine christliche Gemeinschaft kann
sich diesem Aufruf entziehen.
Durch den offenen Dialog helfen sich die Gemeinschaften, sich gemeinsam im
Lichte der apo- stolischen Überlieferung zu betrachten. Das veranlabt sie
sich zu fragen, ob sie wirklich in angemes- sener Weise all das zum
Ausdruck bringen, was der Heilige Geist durch die Apostel weitergegeben
hat.24 Was die katholische Kirche betrifft, so habe ich auf diese
Erfordernisse und Ausblicke wiederholt hingewiesen, wie zum Beispiel
anläb- lich der Tausendjahrfeier der Taufe der Rus 25 oder zur Erinnerung
an das Werk der Evangelisierung der Heiligen Cyrill und Methodius vor
elfhundert Jahren.26 Erst kürzlich hat das vom Päpstlichen Rat zur
Förderung der Einheit der Christen mit meiner Approbation herausgegebene
Direktorium zur Ausführung der Prinzipien und Normen über den
Ökumenismus diese Erfordernisse auf den Pastoralbereich angewandt.27
17. Was die anderen Christen betrifft, so haben die Hauptdokumente der
Kommission Glaube und Verfassung 28 und die Erklärungen anläblich
zahlreicher bilateraler Gespräche den christlichen Gemeinschaften bereits
nützliche Werkzeuge geliefert, um zu erkennen, was für die ökumenische
Bewegung und für die Umkehr, die sie auslösen soll, notwendig ist. Diese
Studien sind unter einem doppelten Blickwinkel wichtig: sie zeigen die
schon erreichten beachtlichen Fortschritte auf und erfüllen mit Hoffnung,
weil sie eine sichere Grundlage für die Forschung darstellen, die
fortgesetzt und vertieft werden mub.
Die Gemeinschaft, die in einer dauernden, im Lichte der apostolischen
Überlieferung durchgeführten Reform wächst, ist in der gegenwärtigen
Situation des christlichen Volkes zweifellos einer der kennzeichnenden und
wichtigsten Züge des Ökumenismus. Andererseits ist sie auch eine
grundlegende Garantie für seine Zukunft. Die Gläubigen der katholischen
Kirche können nicht übersehen, dab der ökumenische Aufschwung des II.
Vatikanischen Konzils eines der Ergebnisse des damaligen Bemühens der
Kirche ist, sich im Lichte des Evangeliums und der groben Überlieferung
selbst zu erforschen. Mein Vorgänger Papst Johannes XXIII. hatte das gut
verstanden, als er bei der Einberufung des Konzils ablehnte, Aggiornamento
und ökumenische Öffnung zu trennen.29 Die ökumenische Berufung des
Konzils hat Papst Paul VI. zum Abschlub jener Konzilsversammlung dadurch
gewürdigt, dab er den Dialog der Liebe mit den Kirchen, die sich in
Einheit mit dem Patriarchen von Konstantinopel befinden, wiederaufnahm und
zusammen mit ihm die konkrete und höchst bedeutungsvolle Handlung
vollzog, die die Exkommunikationen der Vergangenheit »vergessen gemacht«
— ja »aus dem Gedächtnis und aus der Mitte der Kirche getilgt« hat.
Es mub daran erinnert werden, dab die Schaffung einer eigenen Einrichtung
für den Ökumenismus mit dem Beginn der Vorbereitung des II.
Vatikanischen Konzils zusammenfällt 30 und dab durch diese Einrichtung
die Meinungen und Einschätzungen der anderen christlichen Gemeinschaften
ihren Anteil an den groben Debatten über die Offenbarung, über die
Kirche, über das Wesen des Ökumenismus und über die Religionsfreiheit
gehabt haben.
Fundamentale Bedeutung der Lehre
18. Während das Ökumenismusdekret einen Gedanken aufgreift, den Papst
Johannes XXIII. selbst bei der Eröffnung des Konzils geäubert hatte,31
nennt es die Art der Lehrverkündigung unter den Elementen der dauernden
Reform.32 Es geht in diesem Zusammenhang nicht darum, das Glaubensgut zu
modifizieren, die Bedeutung der Dogmen zu ändern, wesentliche Worte aus
ihnen zu streichen, die Wahrheit an den Zeitgeschmack anzupassen,
bestimmte Artikel aus dem Credo zu streichen mit der falschen Vorgabe, sie
würden heute nicht mehr verstanden. Die von Gott gewollte Einheit kann
nur in der gemeinsamen Zustimmung zur Unversehrtheit des Inhalts des
geoffenbarten Glaubens Wirklichkeit werden. Was den Glauben betrifft,
steht der Kompromib im Widerspruch zu Gott, der die Wahrheit ist. Wer
könnte im Leib Christi, der »der Weg, die Wahrheit und das Leben« ist
(Joh 14, 6), eine Versöhnung für rechtmäbig halten, die um den Preis
der Wahrheit erreicht würde? Die Konzilserklärung über die
Religionsfreiheit Dignitatis humanae schreibt der menschlichen Würde die
Suche nach der Wahrheit, »besonders in dem, was Gott und seine Kirche
angeht«,33 und die Zustimmung zu seinen Forderungen zu. Ein
»Miteinander«, das die Wahrheit verraten würde, stünde daher im
Gegensatz zum Wesen Gottes, der seine Gemeinschaft anbietet, und zum
Wahrheitsbedürfnis, das tief in jedem Menschenherzen wohnt.
19. Doch die Lehre mub in einer Weise dargelegt werden, die sie
denjenigen, für die Gott sie bestimmt, verständlich macht. In der
Enzyklika Slavorum apostoli erinnerte ich daran, dab Cyrill und Methodius
aus diesem Grunde bemüht waren, die Ausdrücke der Bibel und die
Vorstellungen der griechischen Theologie in einen Zusammenhang von sehr
verschiedenen geschichtlichen Erfahrungen und Ideen zu übertragen. Sie
wollten, dab das eine Wort Gottes »auf diese Weise in den
Ausdrucksformen, die jeder einzelnen Zivilisation eigen sind,
zugänglich« werde.34 Sie begriffen, dab sie nicht »den Völkern, die
ihrer Verkündigung zugewiesen waren, die unbestrittene Überlegenheit der
griechischen Sprache und der byzantinischen Kultur oder die Sitten und
Gebräuche der fortgeschrittenen Gesellschaft aufdrängen« konnten, »in
welcher sie selbst aufgewachsen waren«.35 So realisierten sie jene
»vollkommene Gemeinschaft in der Liebe, 7 die Kirche vor jeglicher Form
von ethnischem Partikularismus oder Exklusivität oder vor rassischem
Vorurteil wie auch vor jeder nationalistischen Über- heblichkeit
bewahrt«.36 In eben diesem Geist habe ich zu den Ureinwohnern Australiens
gesagt: »Ihr dürft kein in zwei Teile gespaltenes Volk sein 8. Jesus
ruft euch, seine Worte und seine Werte innerhalb eurer eigenen Kultur
anzunehmen«.37 Da die Gabe des Glaubens ihrer Natur nach für die ganze
Menschheit bestimmt ist, ist es erforderlich, sie in alle Kulturen zu
übersetzen. Denn das Element, das über die Gemeinschaft in der Wahrheit
entscheidet, ist die Bedeutung der Wahrheit. Die Ausdrucksform der
Wahrheit kann vielgestaltig sein. Und die Erneuerung der Ausdrucksformen
erweist sich als notwendig, um die Botschaft vom Evangelium in ihrer
unwandelbaren Bedeutung an den heutigen Menschen weiterzugeben.38
»Dieser Erneuerung kommt also eine besondere ökumenische Bedeutung
zu«.39 Und dabei geht es nicht nur um Erneuerung in der Weise, wie der
Glaube ausgedrückt wird, sondern um die Erneuerung des Glaubenslebens
selbst. Nun könnte man fragen: wer soll diese Erneuerung vornehmen? Das
Konzil gibt auf diese Frage eine klare Antwort: »Sie ist Sache der ganzen
Kirche, sowohl der Gläubigen wie auch der Hirten, und geht einen jeden
an, je nach seiner Fähigkeit, sowohl in seinem täglichen christlichen
Leben wie auch bei theologischen und historischen Untersuchungen«.40
20. Das alles ist äuberst wichtig und von grundlegender Bedeutung für
die ökumenische Tätigkeit. Daraus ergibt sich unmibverständlich, dab
der Ökumenismus, die Bewegung für die Einheit der Christen, nicht blob
irgendein »Anhängsel« ist, das der traditionellen Tätigkeit der Kirche
angefügt wird. Im Gegenteil, er gehört organisch zu ihrem Leben und zu
ihrem Wirken und mub infolgedessen dieses Miteinander durchdringen und so
etwas wie die Frucht eines Baumes sein, der gesund und üppig
heranwächst, bis er seine volle Entwicklung erreicht.
So glaubte Papst Johannes XXIII. an die Einheit der Kirche, und so sah er
der Einheit aller Christen entgegen. Bezüglich der anderen Christen, der
groben christlichen Familie stellte er fest: »Das, was uns verbindet, ist
viel stärker als das, was uns trennt«. Und das II. Vatikanische Konzil
mahnt seinerseits: »Alle Christgläubigen sollen sich bewubt sein, dab
sie die Einheit der Christen um so besser fördern, ja sogar einüben, je
mehr sie nach einem reinen Leben gemäb dem Evangelium streben. Je inniger
die Gemeinschaft ist, die sie mit dem Vater, dem Wort und dem Geist
vereint, um so inniger und leichter werden sie imstande sein, die
gegenseitige Brüderlichkeit zu vertiefen«.41
Vorrang des Gebetes
21. »Diese Bekehrung des Herzens und die Heiligkeit des Lebens ist in
Verbindung mit dem privaten und öffentlichen Gebet für die Einheit der
Christen als die Seele der ganzen ökumenischen Bewegung anzusehen; sie
kann mit Recht geistlicher Öku- menismus genannt werden«.42
Man schreitet auf dem Weg, der zur Bekehrung der Herzen führt, zum
Rhythmus der Liebe voran, die sich Gott und zugleich den Brüdern
zuwendet: allen Brüdern, auch jenen, die sich nicht in voller
Gemeinschaft mit uns befinden. Aus der Liebe entsteht die Sehnsucht nach
der Einheit auch bei denen, die das Erfordernis der Einheit stets
ignoriert haben. Die Liebe ist Baumeisterin der Gemeinschaft unter den
Menschen und unter den Gemeinschaften. Wenn wir uns lieben, sind wir
bestrebt, unsere Gemeinschaft zu vertiefen, sie auf die Vollkommenheit hin
auszurichten. Die Liebe wendet sich an Gott als vollkommene Quelle der
Gemeinschaft — die Einheit des Vaters, des Sohnes und des Heiligen
Geistes —, um daraus die Kraft zu schöpfen, die Gemeinsamkeit unter den
Menschen und Gemeinschaften zu wecken oder sie unter den getrennten
Christen wiederherzustellen. Die Liebe ist der tiefe Strom, der den Prozeb
auf die Einheit hin belebt und mit Kraft erfüllt.
Diese Liebe findet ihren vollendetsten Ausdruck im gemeinsamen Gebet. Wenn
die Brüder, die miteinander nicht in vollkommener Gemeinschaft stehen,
zum gemeinsamen Gebet zusammenkommen, so nennt das II. Vatikanische Konzil
ihr Gebet die Seele der ganzen ökumenischen Bewegung. Es ist »ein sehr
wirksames Mittel, um die Gnade der Einheit zu erflehen«, »ein echter
Ausdruck der Gemeinsamkeit, in der die Katholiken mit den getrennten
Brüdern immer noch verbunden sind«.43 Auch wenn man nicht im formalen
Sinn für die Einheit der Christen, sondern für andere Anliegen, wie zum
Beispiel für den Frieden, betet, wird das Gebet an und für sich Ausdruck
und Bekräftigung der Einheit. Das gemeinsame Gebet der Christen ist eine
Einladung an Christus selbst, die Gemeinschaft derer zu besuchen, die zu
ihm flehen: »Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da
bin ich mitten unter ihnen« (Mt 18, 20).
22. Wenn Christen miteinander beten, erscheint das Ziel der Einheit
näher. Es hat den Anschein, als würde die lange Geschichte der durch
mannigfache Zersplitterungen gezeichneten Christen wieder zusammengefügt,
wenn sie nach jener Quelle ihrer Einheit strebt, die Jesus Christus ist.
Er »ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit!« (Hebr 13, 8). In der
Gemeinsamkeit des Gebetes ist Christus wirklich gegenwärtig; Er betet
»in uns«, »mit uns« und »für uns«. Er leitet unser Gebet in dem
Tröstergeist, den er seiner Kirche schon im Abendmahlssaal in Jerusalem
verheiben und geschenkt hat, als er sie in ihrer ursprünglichen Einheit
gegründet hat.
Der Vorrang auf dem ökumenischen Weg zur Einheit gebührt sicherlich dem
gemeinsamen Gebet, der Verbundenheit all derer im Gebet, die sich um
Christus selbst zusammenschlieben. Wenn es die Christen ungeachtet ihrer
Spaltungen fertigbringen, sich immer mehr im gemeinsamen Gebet um Christus
zu vereinen, wird ihr Bewubtsein dafür wachsen, dab das, was sie trennt,
im Vergleich zu dem, was sie verbindet, gering ist. Wenn sie sich immer
öfter und eifriger vor Christus im Gebet begegnen, werden sie Mut
schöpfen können, um der ganzen schmerzlichen menschlichen Realität der
Spaltungen entgegentreten zu können, und sie werden sich miteinander in
jener Gemeinschaft der Kirche wiederfinden, die Christus trotz aller
menschlichen Schwachheiten und Begrenztheiten unaufhörlich im Heiligen
Geist aufbaut.
23. Schlieblich führt die Gebetsgemeinschaft dazu, die Kirche und das
Christentum mit neuen Augen zu sehen. Man darf nämlich nicht vergessen,
dab der Herr vom Vater die Einheit seiner Jünger erfleht hat, damit sie
Zeugnis gäbe von seiner Sendung und die Welt glauben könnte, dab der
Vater ihn gesandt hatte (vgl. Joh 17, 21). Man kann sagen, dab die
ökumenische Bewegung in gewissem Sinne ihren Ausgang von der negativen
Erfahrung derer genommen hat, die sich bei der Verkündigung des einen
Evangeliums jeweils auf ihre Kirche oder kirchliche Gemeinschaft beriefen;
ein Widerspruch, der keinem entgehen konnte, der die Heilsbotschaft
hörte, und der darin ein Hindernis für die Annahme des Evangeliums fand.
Leider ist dieses schwerwiegende Hindernis noch nicht überwunden. Es ist
wahr, wir befinden uns noch nicht in voller Gemeinschaft. Doch trotz
unserer Spaltungen befinden wir uns auf dem Weg zur vollen Einheit, jener
Einheit, die die apostolische Kirche in ihren Anfängen kennzeichnete und
nach der wir aufrichtig suchen: unser vom Glauben geleitetes gemeinsames
Gebet ist dafür ein Beweis. Zu ihm versammeln wir uns im Namen Christi,
der Einer ist. Er ist unsere Einheit.
Das »ökumenische« Gebet steht im Dienst an der christlichen Sendung und
ihrer Glaubwürdigkeit. Darum mub es besonders im Leben der Kirche und bei
jeder Tätigkeit präsent sein, die die Förderung der Einheit der
Christen zum Ziel hat. Es ist, als sollten wir uns immer wieder im
Abendmahlssaal des Gründonnerstag versammeln, obwohl unsere gemeinsame
Anwesenheit an jenem Ort noch auf ihre vollkommene Erfüllung wartet, bis
sich nach Überwindung der Hindernisse, die der vollkommenen kirchlichen
Gemeinschaft im Wege stehen, alle Christen zu der einen Eucharistiefeier
versammeln werden.44
24. Es besteht Grund zur Freude festzustellen, dab die vielen
ökumenischen Begegnungen fast immer das Gebet einschlieben und sogar in
ihm ihren Höhepunkt erreichen. Die Gebetswoche für die Einheit der
Christen, die im Monat Januar oder in einigen Ländern in der Pfingstwoche
begangen wird, ist zu einer verbreiteten und festen Tradition geworden.
Aber auch darüber hinaus gibt es zahlreiche Gelegenheiten, die im Laufe
des Jahres die Christen zum gemeinsamen Gebet zusammenführen. In diesem
Zusammenhang möchte ich jene besondere Erfahrung in Erinnerung rufen, die
die Pilgerschaft des Papstes zwischen den Kirchen in den verschiedenen
Erdteilen und Ländern der heutigen oikoumene darstellt. Ich bin mir
bewubt, dab das II. Vatikanische Konzil den Papst auf diese besondere
Aufgabe seines apostolischen Amtes hinorientiert hat. Das Konzil hat diese
Pilgerschaft des Papstes in der Erfüllung der Rolle des Bischofs von Rom
im Dienst der Gemeinschaft zu einer klaren Notwendigkeit gemacht.45 Meine
Pastoralbesuche haben fast immer eine ökumenische Begegnung und das
gemeinsame Gebet von Brüdern und Schwestern eingeschlossen, die nach der
Einheit in Christus und seiner Kirche suchen. Mit ganz besonderer innerer
Bewegung erinnere ich mich an das gemeinsame Gebet mit dem Primas der
anglikanischen Gemeinschaft in der Kathedrale von Canterbury am 29. Mai
1982, als ich in jenem wunderbaren Kirchenbau »ein beredtes Zeugnis
sowohl für die langen Jahre unseres gemeinsamen Erbes als auch für die
traurigen Jahre der darauffolgenden Spaltung« 46 erkannte. Unvergeblich
sind mir auch meine Besuche in den skandinavischen und nordischen Ländern
(1.-10. Juni 1989), in Nord- und Südamerika oder in Afrika oder am Sitz
des Ökumenischen Rates der Kirchen (12. Juni 1984), jener Einrichtung,
die sich zum Ziel setzt, die Mitgliedskirchen und kirchlichen
Gemeinschaften aufzurufen »zum Ziel der sichtbaren Einheit in einem
einzigen Glauben und in einer einzigen eucharistischen Gemeinschaft, die
sich im gemeinsamen Kult und im gemeinsamen Leben in Christus
ausdrückt«.47 Und wie könnte ich je meine Teilnahme an der
Eucharistiefeier in der Georgioskirche im Phanar am Sitz des Ökume-
nischen Patriarchates (30. November 1979) und den feierlichen Gottesdienst
in der Petersbasilika anläblich des Besuches meines verehrten Bruders,
des Patriarchen Dimitrios I., in Rom (6. Dezember 1987) vergessen? Bei
jenem Anlab sprachen wir am Konfessio-Altar gemeinsam das nicaeno-
konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis nach dem griechischen
Originaltext. Die besonderen Merkmale, von denen jede dieser Begegnungen
im Gebet gekennzeichnet war, lassen sich nicht mit wenigen Worten
beschreiben. Wegen der Vorbehalte aus der Vergangenheit, die auf jeder
dieser Begegnungen in unterschiedlicher Weise lasteten, haben alle eine
eigene und einzigartige Bedeutsamkeit; alle haben sich dem Gedächtnis der
Kirche eingeprägt, die vom Tröster auf die Suche nach der Einheit aller
Christgläubigen gelenkt wird.
25. Aber nicht nur der Papst ist zum Pilger geworden. In diesen Jahren
haben mich viele hochrangige Vertreter anderer Kirchen und kirchlicher
Gemeinschaften in Rom besucht, und ich konnte bei öffentlichen und
privaten Anlässen mit ihnen beten. Auf die Anwesenheit des Ökumenischen
Patriarchen Dimitrios I. habe ich bereits hingewiesen. Ich möchte nun
auch an jene Begegnung im Gebet erinnern, die mich anläblich des 600.
Jahrestages der Heiligsprechung der hl. Brigitta gleichfalls hier in der
Petersbasilika mit den lutherischen Erzbischöfen, dem Primas von Schweden
und dem Primas von Finnland, zur Feier der Vesper vereint hat (5. Oktober
1991). Es handelt sich um ein Musterbeispiel dafür, dab das Bewubtsein
der Verpflichtung, für die Einheit zu beten, zum integrierenden
Bestandteil des Lebens der Kirche geworden ist. Es gibt kein wichtiges,
bedeutsames Ereignis, das nicht von der Anwesenheit beider Seiten und dem
Gebet der Christen begleitet würde. Ich kann unmöglich all diese
Begegnungen aufzählen, obwohl jede verdienen würde genannt zu werden.
Der Herr hat uns tatsächlich an der Hand genommen und leitet uns. Dieser
vielfältige Gedankenaustausch, diese Gebete haben bereits Seite um Seite
unseres »Buches der Einheit« beschrieben, eines »Buches«, das wir
immer aufschlagen und neu lesen müssen, um daraus Inspiration und
Hoffnung zu schöpfen.
26. Das Gebet, die Gemeinschaft im Gebet, läbt uns immer die Wahrheit der
Worte aus dem Evangelium wiederfinden: »nur einer ist euer Vater« (Mt
23, 9), jener Vater, Abbà, den Christus selber anruft, Er, der sein
eingeborener Sohn und eines Wesens mit ihm ist. Und dann: »nur einer ist
euer Meister, ihr alle aber seid Brüder« (Mt 23, 8). Das
»ökumenische« Gebet enthüllt diese grundlegende Dimension der
Brüderlichkeit in Christus, der gestorben ist, um die Kinder Gottes, die
zerstreut waren, zusammenzuführen, auf dab wir im Sohn zu Söhnen werden
(vgl. Eph 1, 5) und die unergründliche Wirklichkeit der Vaterschaft
Gottes und zugleich die Wahrheit über die Menschlichkeit eines jeden und
aller vollkommener widerspiegeln.
Das »ökumenische« Gebet, das Gebet der Brüder und Schwestern bringt
das alles zum Ausdruck. Eben weil sie voneinander getrennt sind, vereinen
sie sich mit um so gröberer Hoffnung in Christus und vertrauen ihm die
Zukunft ihrer Einheit und ihrer Gemeinschaft an. Auf diesen Umstand
könnte man wieder einmal treffend die Lehre des Konzils anwenden: »Wenn
der Herr Jesus zum Vater betet, 'dab alle sollen eins seien 1 wie auch wir
eins sind? (Joh 17, 20-22), und damit Horizonte aufreibt, die der
menschlichen Vernunft unerreichbar sind, legt er eine gewisse Ähnlichkeit
nahe zwischen der Einheit der göttlichen Personen und der Einheit der
Kinder Gottes in der Wahrheit und in der Liebe«.48
Ja, die Bekehrung des Herzens, Grundvoraussetzung für jede glaubwürdige
Suche nach der Einheit, erwächst aus dem Gebet und wird von ihm auf ihre
Erfüllung hin orientiert: »Denn aus dem Neuwerden des Geistes, aus der
Selbstverleugnung und aus dem freien Strömen der Liebe erwächst und
reift das Verlangen nach der Einheit. Deshalb müssen wir vom göttlichen
Geiste die Gnade aufrichtiger Selbstverleugnung, der Demut und des
geduldigen Dienstes sowie der brüderlichen Herzensgüte zueinander
erflehen«.49
27. Für die Einheit zu beten ist jedoch nicht denen vorbehalten, die in
einem Umfeld der Spaltung unter den Christen leben. In jenem intimen und
persönlichen Dialog, den jeder von uns mit dem Herrn im Gebet führen
soll, darf die Sorge um die Einheit nicht ausgeschlossen werden. Denn nur
so wird sie voll zum Bestandteil der Wirklichkeit unseres Lebens und der
Verpflichtungen werden, die wir in der Kirche übernommen haben. Um dieses
Erfordernis neuerlich zu bekräftigen, habe ich den Gläubigen der
katholischen Kirche ein für mich beispielhaftes Vorbild vor Augen
gestellt, nämlich das der Trappistin Maria Gabriella von der Einheit, die
ich am 25. Januar 1983 seliggesprochen habe.50 Auf Grund ihrer Berufung zu
einem Leben in Abgeschiedenheit von der Welt hat Schwester Maria Gabriella
ihr Dasein der Meditation und dem Gebet mit dem Schwerpunkt auf dem 17.
Kapitel des Johannesevangeliums gewidmet und es für die Einheit der
Christen dargebracht. Genau das ist der Ansatz und Kern jedes Gebetes: die
totale und vorbehaltlose Hingabe des eigenen Lebens an den Vater durch den
Sohn im Heiligen Geist. Das Beispiel von Schwester Maria Gabriella lehrt
uns und läbt uns begreifen, dab es keine besonderen Zeiten, Situationen
oder Orte gibt, um für die Einheit zu beten. Das Gebet Christi zum Vater
ist Modell für alle, immer und an jedem Ort.
Ökumenischer Dialog
28. Wenn das Gebet die »Seele« der ökumenischen Erneuerung und der
Sehnsucht nach der Einheit ist, stützt sich alles, was das Konzil
»Dialog« nennt, auf das Gebet und erhält von ihm Auftrieb. Diese
Definition ist gewib nicht ohne Zusammenhang mit dem heutigen
personalistischen Denken. Die »Dialog«-Haltung ist auf der Ebene des
Wesens der Person und ihrer Würde angesiedelt. Vom Standpunkt der
Philosophie her verbindet sich eine solche Einstellung mit der vom Konzil
ausgesprochenen christlichen Wahrheit über den Menschen: er ist in der
Tat »auf Erden die einzige von Gott um ihrer selbst willen gewollte
Kreatur«; daher kann der Mensch »sich selbst nur durch die aufrichtige
Hingabe seiner selbst vollkommen finden«.51 Der Dialog ist ein
unerläblicher Durchgang auf dem Weg zur Selbsterfüllung des Menschen,
des Individuums wie auch jeder menschlichen Gemeinschaft. Obwohl an dem
Begriff »Dialog« in erster Linie das Erkenntnismoment (dia-logos)
hervorzuragen scheint, hat jeder Dialog eine globale, existentielle
Dimension in sich. Er bezieht das menschliche Subjekt in seiner Ganzheit
ein; der Dialog zwischen den Gemeinschaften nimmt die Subjektivität einer
jeden von ihnen in besonderer Weise in Anspruch.
Diese Wahrheit über den Dialog, die von Papst Paul VI. in seiner
Enzyklika Ecclesiam suam 52 so tiefgründig dargelegt wurde, ist auch von
der Lehre und der ökumenischen Praxis des Konzils aufgegriffen worden.
Der Dialog ist nicht nur ein Gedankenaustausch. Er ist gewissermaben immer
ein »Austausch von Gaben und Geschenken«.53
29. Aus diesem Grund stellt auch das Konzilsdekret über den Ökumenismus
in den Vordergrund »alles Bemühen zur Ausmerzung aller Worte, Urteile
und Taten, die der Lage der getrennten Brüder nach Gerechtigkeit und
Wahrheit nicht entsprechen und dadurch die gegenseitigen Beziehungen mit
ihnen erschweren«.54 Dieses Dokument setzt sich vom Standpunkt der
katholischen Kirche mit der Frage auseinander und bezieht sich auf das
Kriterium, das sie gegenüber den anderen Christen anwenden soll. Bei all
dem besteht jedoch ein Erfordernis der Gegenseitigkeit. Die Beachtung
dieses Kriteriums ist für alle Seiten, die in den Dialog eintreten
wollen, Verpflichtung und Vorbedingung, um ihn in Gang zu bringen. Man mub
von einer Position des Gegeneinander und des Konflikts auf eine Ebene
gelangen, auf der man sich gegenseitig als Partner anerkennt. Wenn der
Dialog aufgenommen wird, mub jede Seite bei ihrem Gesprächspartner einen
Willen zur Versöhnung und zur Einheit in der Wahrheit annehmen. Um das
alles zu verwirklichen, mub das zur Schau getragene
Sich-Gegeneinander-Stellen ein Ende haben. Nur auf diese Weise wird der
Dialog die Spaltung überwinden helfen und die Einheit näherbringen
können.
30. Man darf mit grober Dankbarkeit gegenüber dem Geist der Wahrheit
sagen, dab das II. Vatikanische Konzil eine segensreiche Zeit gewesen ist,
während der die Grundvoraussetzungen für die Teilnahme der katholischen
Kirche am ökumenischen Dialog verwirklicht wurden. Auf der anderen Seite
haben die Anwesenheit der zahlreichen Beobachter verschiedener Kirchen und
kirchlicher Gemeinschaften, ihre starke Einbeziehung in das
Konzilsereignis und die vielen Begegnungen und gemeinsamen Gebete, die das
Konzil ermöglicht hat, zur Schaffung der Bedingungen beigetragen, um den
gemeinsamen Dialog aufzunehmen. Die Vertreter der anderen christlichen
Kirchen und Gemeinschaften haben während des Konzils die Bereitschaft zum
Dialog seitens der katholischen Bischöfe der ganzen Welt und insbesondere
des Apostolischen Stuhles erfahren.
Lokale Strukturen des Dialogs
31. Die Verpflichtung zum ökumenischen Dialog, so wie sie seit dem Konzil
zutage getreten ist, ist weit davon entfernt, ein Vorrecht des
Apostolischen Stuhles zu sein und obliegt deshalb auch den einzelnen Orts-
oder Teilkirchen. Von den Bischofskonferenzen und von den Synoden der
katholischen Ostkirchen sind Sonderkommissionen zur Förderung des
ökumenischen Geistes und des ökumenischen Handelns eingerichtet worden.
Auf der Ebene der einzelnen Diözesen gibt es analoge zweckmäbige
Strukturen. Solche Initiativen beweisen das konkrete und allgemeine Enga-
gement der katholischen Kirche bei der Anwendung der vom Konzil
erarbeiteten Richtlinien über den Ökumenismus: das ist ein wesentlicher
Aspekt der ökumenischen Bewegung.55 Der »Dialog« ist nicht nur
aufgenommen worden; er ist eine erklärte Notwendigkeit, eine der
Prioritäten der Kirche geworden; infolgedessen hat man die »Technik«
der Dialogführung verfeinert und gleichzeitig das Wachsen des Geistes des
Dialogs gefördert. In diesem Zusammenhang soll vor allem auf den Dialog
zwischen den Christen aus den verschiedenen Kirchen oder Gemeinschaften
eingegangen werden, der »von wohlunterrichteten Sachverständigen
geführt wird, wobei ein jeder die Lehre seiner Gemeinschaft tiefer und
genauer erklärt, so dab das Charakteristische daran deutlich
hervortritt«.56 Es ist jedoch für jeden Gläubigen nützlich, die
Methode des Dialogs kennenzulernen.
32. Wie die Konzilserklärung über die Religionsfreiheit feststellt, mub
»die Wahrheit auf eine Weise gesucht werden, die der Würde der
menschlichen Person und ihrer Sozialnatur eigen ist, d.h. auf dem Wege der
freien Forschung, mit Hilfe des Lehramtes oder der Unterweisung, des
Gedankenaustauschs und des Dialogs, wodurch die Menschen einander die
Wahrheit, die sie gefunden haben oder gefunden zu haben glauben,
mitteilen, damit sie sich bei der Erforschung der Wahrheit gegenseitig zu
Hilfe kommen; an der einmal erkannten Wahrheit jedoch mub man mit
personaler Zustimmung festhalten«.57
Dem ökumenischen Dialog kommt eine grundlegende Bedeutung zu. Denn
»durch diesen Dialog erwerben alle eine bessere Kenntnis der Lehre und
des Lebens jeder von beiden Gemeinschaften und eine gerechtere Würdigung
derselben. Von hier aus gelangen diese Gemeinschaften auch zu einer
stärkeren Zusammenarbeit in den Aufgaben des Gemeinwohls, die jedes
christliche Gewissen fordert, und sie kommen, wo es erlaubt ist, zum
gemeinsamen Gebet zusammen. Schlieblich prüfen hierbei alle ihre Treue
gegenüber dem Willen Christi hinsichtlich der Kirche und gehen
tatkräftig ans Werk der notwendigen Erneuerung und Reform«.58
Dialog als Gewissensprüfung
33. Im Verständnis des Konzils hat der ökumenische Dialog den Charakter
einer gemeinsamen Suche nach der Wahrheit, besonders über die Kirche. Die
Wahrheit formt nämlich das Gewissen und orientiert sein Handeln in
Richtung Einheit. Gleichzeitig verlangt sie, dab das Gewissen der
Christen, untereinander gespaltener Brüder, und ihre Taten dem Gebet
Christi für die Einheit untergeordnet werden. Hier gibt es ein
Zusammenwirken von Gebet und Dialog. Ein tieferes und bewubteres Gebet
läbt den Dialog reichere Früchte erbringen. Wenn einerseits das Gebet
die Voraussetzuung für den Dialog ist, so wird es andererseits in immer
reiferer Gestalt zu dessen Frucht.
34. Dank des ökumenischen Dialogs können wir von einer gröberen Reife
unseres beiderseitigen gemeinsamen Gebetes sprechen. Das ist möglich,
insoweit der Dialog auch und zugleich die Funktion einer Gewissensprüfung
erfüllt. Wie sollte man sich in diesem Zusammenhang nicht der Worte des
ersten Johannesbriefes erinnern? »Wenn wir sagen, dab wir keine Sünde
haben, führen wir uns selbst in die Irre, und die Wahrheit ist nicht in
uns. Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist er (Gott) treu und gerecht; er
vergibt uns die Sünden und reinigt uns von allem Unrecht« (1, 8-9).
Johannes geht noch weiter, wenn er sagt: »Wenn wir sagen, dab wir nicht
gesündigt haben, machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in
uns« (1, 10). Eine derartig radikale Mahnung, unseren Zustand als Sünder
anzuerkennen, mub auch ein Wesensmerkmal des Geistes sein, mit dem man
sich dem ökumenischen Dialog stellt. Wenn er nicht zu einer
Gewissensprüfung, gleichsam zu einem »Dialog der Gewissen« würde,
könnten wir dann mit jener Gewibheit rechnen, die uns derselbe Brief
mitteilt? »Meine Kinder, ich schreibe euch dies, damit ihr nicht
sündigt. Wenn aber einer sündigt, haben wir einen Beistand beim Vater:
Jesus Christus, den Gerechten. Er ist die Sühne für unsere Sünden, aber
nicht nur für unsere Sünden, sondern auch für die der ganzen Welt« (2,
1-2). Alle Sünden der Welt sind in dem Heilsopfer Christi
miteingeschlossen, somit auch jene, die gegen die Einheit der Kirche
begangen worden sind: die Sünden der Christen, der Hirten ebenso wie der
Gläubigen. Auch nach den so vielen Sünden, die zu den historischen
Spaltungen beigetragen haben, ist die Einheit der Christen möglich,
vorausgesetzt, wir sind uns demütig bewubt, gegen die Einheit gesündigt
zu haben, und von der Notwendigkeit unserer Bekehrung überzeugt. Nicht
allein die persönlichen Sünden müssen vergeben und überwunden werden,
sondern auch jene sozialen, das heibt die eigentlichen »Strukturen« der
Sünde, die zur Spaltung und ihrer Verfestigung beigetragen haben und
beitragen können.
35. Wiederum kommt uns das II. Vatikanische Konzil zu Hilfe. Man kann
sagen, das ganze Dekret über den Ökumenismus ist vom Geist der Bekehrung
durchdrungen.59 Der ökumenische Dialog gewinnt in diesem Dokument einen
eigenen Charakter; er wandelt sich zum »Dialog der Bekehrung« und damit,
gemäb der Formulierung Papst Pauls VI., zum echten »Dialog des
Heiles«.60 Der Dialog kann sich nicht entfalten, wenn er einen
ausschlieblich horizontalen Verlauf nimmt und sich auf die Begegnung, auf
den Austausch von Standpunkten oder sogar von jeder Gemeinschaft eigenen
Gaben beschränkt. Er strebt auch und vor allem eine vertikale Dimension
an, die ihn auf den Erlöser der Welt und Herrn der Geschichte hinlenkt,
der unsere Versöhnung ist. Die vertikale Dimension des Dialogs liegt in
der gemeinsamen und gegenseitigen Anerkennung unseres Zustandes als
Menschen, die gesündigt haben. Der Dialog öffnet gerade in den Brüdern
und Schwestern, die innerhalb von Gemeinschaften leben, die keine volle
Gemeinschaft miteinander haben, jenen inneren Raum, in dem Christus, die
Quelle der Einheit der Kirche, mit der ganzen Kraft seines Tröstergeistes
wirksam tätig werden kann.
Dialog zur Lösung der Gegensätze
36. Der Dialog ist auch ein natürliches Instrument, um die verschiedenen
Standpunkte miteinander zu vergleichen und vor allem jene Gegensätze zu
untersuchen, die für die volle Gemeinschaft der Christen untereinander
ein Hindernis darstellen. Das Ökumenismusdekret widmet sich zunächst den
moralischen Haltungen, denen sich die Gespräche über Lehrfragen stellen
müssen: »Beim ökumenischen Dialog müssen die katholischen Theologen,
wenn sie in Treue zur Lehre der Kirche in gemeinsamer Forschungsarbeit mit
den getrennten Brüdern die göttlichen Geheimnisse zu ergründen suchen,
mit Wahrheitsliebe, mit Liebe und Demut vorgehen«.61
Die Wahrheitsliebe ist die tiefste Dimension einer glaubwürdigen Suche
nach der vollen Gemeinschaft der Christen. Ohne diese Liebe wäre es
unmöglich, sich den objektiven theologischen, kulturellen,
psychologischen und sozialen Schwierigkeiten zu stellen, denen man bei der
Untersuchung der Gegensätze begegnet. Zu dieser inneren, persönlichen
Dimension mub untrennbar der Geist der Liebe und Demut hinzukommen. Liebe
gegenüber dem Gesprächspartner, Demut gegenüber der Wahrheit, die man
entdeckt und die Revisionen von Aussagen und Haltungen erforderlich machen
könnte.
Was die Erforschung der Gegensätze betrifft, fordert das Konzil, dab die
ganze Lehre in Klarheit vorgelegt werde. Gleichzeitig verlangt es, dab die
Art und Weise und die Methode, wie der katholische Glaube verkündet wird,
kein Hindernis für den Dialog mit den Brüdern darstellen soll.62 Es ist
gewib möglich, den eigenen Glauben zu bezeugen und die Lehre auf eine
Weise zu erklären, die korrekt, aufrichtig und verständlich ist und sich
gleichzeitig sowohl die geistigen Kategorien wie die konkrete
geschichtliche Erfahrung des anderen vergegenwärtigt.
Selbstverständlich wird sich die volle Gemeinschaft in der Annahme der
ganzen Wahrheit verwirklichen müssen, in die der Heilige Geist die
Jünger Christi einführt. Daher mub jede Form von Verkürzung oder
leichtfertiger »Übereinstim- mung« absolut vermieden werden. Die
ernsten Fragen müssen gelöst werden; denn wenn das nicht geschähe,
würden sie zu einem anderen Zeitpunkt in gleicher Gestalt oder unter
anderem Namen wieder auftauchen.
37. Das Dekret Unitatis redintegratio führt auch ein Kriterium an, das
befolgt werden soll, wenn es für die Katholiken darum geht, die Lehren
darzulegen oder miteinander zu vergleichen: Dabei »soll man nicht
vergessen, dab es eine Rangordnung oder 'Hierarchie? der Wahrheiten
innerhalb der katholischen Lehre gibt, je nach der verschiedenen Art ihres
Zusammenhangs mit dem Fundament des christlichen Glaubens. So wird der Weg
bereitet werden, auf dem alle in diesem brüderlichen Wettbewerb zur
tieferen Erkenntnis und deutlicheren Darstellung der unerforschlichen
Reichtümer Christi angeregt werden«.63
38. Im Dialog stöbt man unweigerlich auf das Problem der
unterschiedlichen Formulierungen, mit denen die Lehre in den verschiedenen
Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften ausge drückt wird, was natürlich
mehr als nur eine Konsequenz für die ökumenische Aufgabe hat.
Angesichts von Lehrformeln, die von jenen in der Gemeinschaft, der man
angehört, üblichen abweichen, gilt es zunächst natürlich zu klären,
ob die Worte nicht einen identischen Inhalt meinen; ein konkretes Beispiel
dafür sind diesbezügliche Feststellungen in gemeinsamen Erklärungen der
jüngsten Zeit, die von meinen Vorgängern und von mir zusammen mit
Patriarchen von Kirchen unterzeichnet worden sind, mit denen es seit
Jahrhunderten einen christologischen Streit gab. Was die Formulierung der
geoffenbarten Wahrheiten betrifft, führt die Erklärung Mysterium
ecclesiae aus: »Schlieblich unterscheiden sich zwar die Wahrheiten, die
die Kirche in ihren dogmatischen Formeln wirklich zu lehren beabsichtigt,
von den wandelbaren Vorstellungen einer Zeit und können ohne diese
ausgedrückt werden; trotzdem kann es aber bisweilen geschehen, dab jene
Wahrheiten auch vom Heiligen Lehramt mit Worten vorgetragen werden, die
Spuren solcher Vorstellungen an sich tragen. Unter dieser Voraussetzung
mub man sagen, dab die dogmatischen Formeln des Lehramtes der Kirche von
Anfang an stimmig und geeignet waren, die geoffenbarte Wahrheit zu
vermitteln, und dab sie immer stimmig und geeignet bleiben, sie dem, der
sie richtig versteht, mitzuteilen«.64 In dieser Hinsicht erlaubt der
ökumenische Dialog, der die an ihm beteiligten Partner dazu anspornt,
sich gegenseitig zu fragen, zu verstehen, zu erklären, unerwartete
Entdeckungen. Die Polemiken und intoleranten Streitigkeiten haben das, was
tatsächlich bei der Ergründung ein und derselben Wirklichkeit, aber eben
aus zwei verschiedenen Blickwinkeln, das Ergebnis zweier Sicht- weisen
war, zu unvereinbaren Aussagen gemacht. Heute gilt es, die Formel zu
finden, die es dadurch, dab sie die Wirklichkeit in ihrer Ganzheit
einfängt, erlaubt, über partielle Lesarten hinauszugehen und falsche
Interpretationen auszumerzen.
Ein Vorteil des Ökumenismus besteht darin, dab durch ihn den christlichen
Gemeinschaften geholfen wird, den unerforschlichen Reichtum der Wahrheit
zu entdecken. Auch in diesem Zusammenhang kann alles, was der Geist in den
»anderen« wirkt, zum Aufbau jeder Gemeinschaft beitragen 65 und
gewissermaben zur Belehrung über das Geheimnis Christi. Der echte
Ökumenismus ist ein Gnadengeschenk der Wahrheit.
39. Schlieblich stellt der Dialog die Gesprächs- partner vor
richtiggehende Gegensätze, die den Glauben berühren. Vor allem diesen
Gegensätzen mub man sich stellen im aufrichtigen Geist brüderlicher
Liebe, in der Achtung vor den Forderungen des eigenen und des Gewissens
des Nächsten sowie in tiefer Demut und Liebe gegenüber der Wahrheit. Der
Vergleich auf diesem Gebiet hat zwei wesentliche Bezugspunkte: die Heilige
Schrift und die grobe Tradition der Kirche. Den Katholiken kommt dabei das
stets lebendige Lehramt der Kirche zu Hilfe.
Die praktische Zusammenarbeit
40. Die Beziehungen der Christen untereinander zielen nicht nur auf das
gegenseitige Kennenlernen, auf das gemeinsame Gebet und auf den Dialog ab.
Sie sehen vor und fordern schon jetzt jede nur mögliche praktische
Zusammenarbeit auf den verschiedenen Ebenen: pastoral, kulturell, sozial
und auch im Zeugnis für die Botschaft des Evangeliums.66
»Durch die Zusammenarbeit der Christen kommt die Verbundenheit, in der
sie schon untereinander vereinigt sind, lebendig zum Ausdruck, und das
Antlitz Christi, des Gottesknechtes, tritt in hellerem Licht zutage«.67
Eine solche auf dem gemeinsamen Glauben begründete Zusammenarbeit ist
nicht nur von brüderlicher Gemeinschaft erfüllt, sondern stellt eine
Epiphanie Christi selbst dar.
Die ökumenische Zusammenarbeit ist zudem eine echte Schule des
Ökumenismus, ein dynamischer Weg zur Einheit. Die Einheit im Handeln
führt zur vollen Einheit im Glauben: »Bei dieser Zusammenarbeit können
alle, die an Christus glauben, unschwer lernen, wie sie einander besser
kennen und höher achten können und wie der Weg zur Einheit der Christen
bereitet wird«.68
Vor den Augen der Welt nimmt die Zusammenarbeit unter den Christen die
Dimensionen des gemeinsamen christlichen Zeugnisses an und gereicht als
Werkzeug der Evangelisierung den einen wie den anderen zum Wohl.
II.
DIE FRÜCHTE DES DIALOGS
Die wiederentdeckte Brüderlichkeit
41. Was oben zum ökumenischen Dialog seit dem Ende des Konzils gesagt
wurde, veranlabt uns, dem Geist der Wahrheit zu danken, der von Christus,
dem Herrn, den Aposteln und der Kirche verheiben worden ist (vgl. Joh 14,
26). Es ist das erste Mal in der Geschichte, dab der Einsatz für die
Einheit der Christen so grobe Ausmabe und einen so gewaltigen Umfang
angenommen hat. Schon das ist ein unermebliches Geschenk, das Gott
gewährt hat und das alle unsere Dankbarkeit verdient. Aus der Fülle
Christi empfangen wir »Gnade über Gnade« (Joh 1, 16). Anzuerkennen, was
Gott schon gewährt hat, ist die Voraussetzung, die uns darauf
vorbereitet, jene noch unerläblichen Gaben zu empfangen, um das
ökumenische Werk der Einheit zur Vollendung zu führen.
Ein Überblick über die letzten dreibig Jahre läbt uns besser viele der
Früchte dieser gemeinsamen Bekehrung zum Evangelium erfassen, zu de- ren
Werkzeug der Geist Gottes die ökumenische Bewegung gemacht hat.
42. So geschieht es zum Beispiel, dab — ganz im Geist der Bergpredigt
— die einer Konfession zugehörigen Christen die anderen Christen nicht
mehr als Feinde oder Fremde betrachten, sondern in ihnen Brüder und
Schwestern sehen. Andererseits besteht im Sprachgebrauch die Tendenz,
sogar den Ausdruck getrennte Brüder heute durch Bezeichnungen zu
ersetzen, die treffender die Tiefe der — an den Taufcharakter gebundenen
— Gemeinschaft wachrufen, die der Heilige Geist ungeachtet der
historischen und kanonischen Brüche nährt. Man spricht von den »anderen
Christen«, von den »anderen Getauften«, von den »Christen der anderen
Gemeinschaften«. Das Direktorium zur Ausführung der Prinzipien und
Normen über den Ökumenismus bezeichnet die Gemeinschaften, denen diese
Christen angehören, als »Kirchen und kirchliche Gemeinschaften, die
nicht in voller Gemeinschaft mit der katholischen Kirche stehen«.69 Diese
Erweiterung des Wort- schatzes ist Ausdruck einer bemerkenswerten
Entwicklung der Geisteshaltungen. Das Bewubtsein der gemeinsamen
Zugehörigkeit zu Christus vertieft sich. Das habe ich wiederholt
persönlich feststellen können während der ökumenischen Gottesdienste,
die zu den wichtigen Ereignissen meiner apostolischen Reisen in die
verschiedenen Teile der Welt gehören, oder bei den Begegnungen und
ökumenischen Feiern, die in Rom stattfanden. Die »universale
Brüderlichkeit« der Christen ist zu einer festen ökumenischen Überzeu-
gung geworden. Nach der Aufhebung des gegenseitigen Kirchenbannes der
Vergangenheit helfen sich die einst rivalisierenden Gemeinschaften heute
in vielen Fällen gegenseitig; so werden mitunter die Kultgebäude zur
Verfügung gestellt oder Stipendien für die Ausbildung der Amtsträger
der mittellosen Gemeinschaften angeboten; oder man interveniert bei den
staatlichen Behörden zur Verteidigung anderer Christen, die zu Unrecht
beschuldigt wurden, oder beweist die Haltlosigkeit der Verleumdungen,
deren Opfer bestimmte Gruppen sind.
Mit einem Wort, die Christen haben sich zu einer brüderlichen Liebe
bekehrt, die alle Jünger Christi umfabt. Wenn es vorkommt, dab im Zuge
gewaltsamer politischer Umwälzungen in konkreten Situationen eine gewisse
Aggressivität oder ein Rachegeist zutage tritt, bemühen sich die
Autoritäten der betroffenen Seiten im allgemeinen darum, das »neue
Gesetz« des Geistes der Liebe Oberhand gewinnen zu lassen. Leider
vermochte es ein solcher Geist nicht, alle blutigen Konfliktsituationen
umzuwandeln. Unter diesen Umständen erfordert der ökumenische Einsatz
von dem, der ihn ausübt, nicht selten wahrhaft heroische Entscheidungen.
In diesem Zusammenhang mub unterstrichen werden, dab die Anerkennung der
Brüderlichkeit nicht die Folge eines liberalen Philanthropismus oder
eines vagen Familiengeistes ist. Sie wurzelt in der Anerkennung der einen
Taufe und in dem daraus folgenden Erfordernis, dab Gott in seinem Werk
verherrlicht werde. Das Direktorium zur Ausführung der Prinzpien und
Normen über den Ökumenismus wünscht eine gegenseitige offizielle
Anerkennung der Taufen.70 Das geht weit über einen ökumenischen
Höflichkeitsakt hinaus und stellt eine ekklesiologische Grundaussage dar.
Es mub zweckmäbiger Weise daran erinnert werden, dab der grundlegende
Charakter der Taufe bei der Aufbauarbeit der Kirche auch dank des
vielseitigen Dialoges deutlich in den Vordergrund gestellt worden ist.71
Die Solidarität im Dienst an der Menschheit
43. Es kommt immer häufiger vor, dab die Verantwortlichen der
christlichen Gemeinschaften zu wichtigen Problemen, die die menschliche
Berufung, die Freiheit, die Gerechtigkeit, den Frieden, die Zukunft der
Welt betreffen, gemeinsam im Namen Christi Stellung beziehen. Dadurch sind
sie in einem tragenden Element der christlichen Sendung »miteinander
verbunden«: nämlich die Gesellschaft auf möglichst realistische Weise
an den Willen Gottes zu erinnern, indem sie die Autoritäten und die
Bürger davor warnen, dem Trend zu folgen, der dazu führen würde, dab
die Menschenrechte mit Füben getreten werden. Es versteht sich von
selbst, und die Erfahrung beweist es, dab unter gewissen Umständen die
gemeinsame Stimme der Christen mehr Durchschlagskraft besitzt als eine
Einzelstimme.
Die Verantwortlichen der Gemeinschaften sind jedoch nicht die einzigen,
die sich in diesem Einsatz für die Einheit zusammenschlieben. Zahlreiche
Christen aus allen Gemeinschaften beteiligen sich auf Grund ihres Glaubens
gemeinsam an mutigen Projekten, die sich vornehmen, die Welt dahingehend
zu verändern, dab der Achtung der Rechte und der Bedürfnisse aller,
besonders der Armen, der Gedemütigten und der Schutzlosen, zum Sieg
verholfen wird. In der Enzyklika Sollicitudo rei socialis habe ich mit
Freude diese Zusammenarbeit erwähnt und unterstrichen, dab sich die
katholische Kirche ihr nicht entziehen darf.72 In der Tat engagieren sich
jetzt die Christen, die einst unabhängig voneinander handelten,
miteinander im Dienst an diesem Anliegen, damit Gottes Güte triumphieren
könne.
Die Logik ist die des Evangeliums. Unter Betonung dessen, was ich in
meiner ersten Enzyklika Redemptor hominis geschrieben hatte, hielt ich
daher die Gelegenheit für angebracht, »auf diesen Punkt zu dringen und
jede in dieser Richtung unternommene Bemühung auf allen Ebenen, in denen
wir uns mit unseren christlichen Brüdern begegnen, zu ermutigen«,73 und
ich sagte Gott Dank »für das, was er bereits in den anderen Kirchen und
Gemeinschaften und durch sie« wie auch durch die katholische Kirche
»gewirkt hat«.74 Heute stelle ich mit Befriedigung fest, dab das
ausgedehnte Netz ökumenischer Zusammenarbeit sich immer mehr ausweitet.
Auch durch den Einflub des Ökumenischen Rates der Kirchen wird grobartige
Arbeit auf diesem Gebiet geleistet.
Übereinstimmungen im Wort Gottes und im Gottesdienst
44. Gewichtige Fortschritte der ökumenischen Bekehrung gibt es auch auf
einem anderen Gebiet, nämlich in bezug auf das Wort Gottes. Ich denke vor
allem an ein für verschiedene Sprachgruppen so wichtiges Ereignis wie die
ökumenischen Bibelübersetzungen. Nach der Promulgation der Konstitution
Dei verbum durch das II. Vatikanische Konzil mubte die katholische Kirche
diesen Schritt mit Freude annehmen.75 Diese von Fachgelehrten erstellten
Übersetzungen bieten im allgemeinen eine sichere Grundlage für das Gebet
und die pastorale Tätigkeit aller Jünger Christi. Wer sich erinnert, wie
sehr die Debatten rund um die Heilige Schrift besonders im Abendland die
Spaltungen beeinflubt haben, vermag zu erfassen, was für einen
beachtlichen Fortschritt diese Gemeinschaftsübersetzungen darstellen.
45. Der von der katholischen Kirche vollzogenen liturgischen Erneuerung
entsprach in mehreren kirchlichen Gemeinschaften die Initiative, ihren
Gottesdienst zu erneuern. Einige von ihnen haben auf Grund des auf
ökumenischer Ebene geäuberten Wunsches 76 die Gewohnheit aufgegeben,
ihren Abendmahlsgottesdienst nur bei seltenen Gelegenheiten zu feiern, und
sich für eine sonntägliche Abendmahlsfeier entschieden. Andererseits
stellt man bei einem Vergleich der Zyklen der liturgischen Lesungen
verschiedener christlicher Gemeinschaften im Westen fest, dab sie im
wesentlichen übereinstimmen. Ebenso werden auf ökumenischer Ebene 77
ganz besonders die Liturgie und die liturgischen Zeichen (Bilder, Ikonen,
Paramente, Licht, Weihrauch, Gebärden) hervorgehoben. Darüber hinaus
beginnt man in den Instituten für Theologie, wo die künftigen
Geistlichen ausgebildet werden, dem Studium der Geschichte und der
Bedeutung der Liturgie einen festen Platz in den Lehrprogrammen
einzuräumen und sieht das als eine Notwendigkeit, die man wiederentdeckt.
Es handelt sich um Zeichen der Übereinstim- mung, die verschiedene
Aspekte des sakramentalen Lebens betreffen. Gewib ist es wegen der den
Glauben berührenden Divergenzen noch nicht möglich, miteinander die
Eucharistie zu feiern. Doch haben wir den sehnlichen Wunsch, gemeinsam die
eine Eucharistie des Herrn zu feiern, und dieser Wunsch wird schon zu
einem gemeinsamen Lob, zu ein und demselben Bittgebet. Gemeinsam wenden
wir uns an den Vater und tun das zunehmend »mit nur einem Herzen«. Diese
»reale, obgleich noch nicht volle« Gemeinschaft endlich besiegeln zu
können, scheint manchmal näher zu sein. Wer hätte vor einem Jahrhundert
auch nur an so etwas denken können?
46. Ein Grund zur Freude ist in diesem Zusammenhang, daran zu erinnern,
dab die katholischen Priester in bestimmten Einzelfällen die Sakramente
der Eucharistie, der Bube und der Krankensalbung anderen Christen spenden
können, die zwar noch nicht in voller Gemeinschaft mit der katholischen
Kirche stehen, aber sehnlich den Empfang der Sakramente wünschen, von
sich aus darum bitten und den Glauben bezeugen, den die katholische Kirche
in diesen Sakramenten bekennt. Umgekehrt können sich in bestimmten
Fällen und unter besonderen Umständen auch die Katholiken zum Empfang
derselben Sakramente an die Geistlichen jener Kirchen wenden, in denen sie
gültig gespendet werden. Die Bedingungen für diesen gegenseitigen
Empfang sind in Normen festgelegt, und ihre Einhaltung erscheint für die
Förderung der Ökumene nötig.78
Anerkennung der bei den anderen Christen vorhandenen Güter
47. Der Dialog bewegt sich nicht ausschlieblich um die Lehre, sondern
bezieht die ganze Person ein: er ist auch ein Dialog der Liebe. Das Konzil
sagte: »Es ist notwendig, dab die Katholiken die wahrhaft christlichen
Güter aus dem gemeinsamen Erbe mit Freude anerkennen und hochschätzen,
die sich bei den von uns getrennten Brüdern finden. Es ist billig und
heilsam, die Reichtümer Christi und das Wirken der Geisteskräfte im
Leben der anderen anzuerkennen, die für Christus Zeugnis geben, manchmal
bis zur Hingabe des Lebens: Denn Gott ist immer wunderbar und
bewunderungswürdig in seinen Werken«.79
48. Die Beziehungen, die die Mitglieder der katholischen Kirche seit dem
Konzil zu den anderen Christen hergestellt haben, führten zur Entdeckung
dessen, was Gott in den Angehörigen der anderen Kirchen und kirchlichen
Gemeinschaften wirkt. Dieser direkte Kontakt auf verschiedenen Ebenen
zwischen den Hirten und zwischen den Mitgliedern der Gemeinschaften hat
uns das Zeugnis zu Bewubtsein gebracht, das die anderen Christen für Gott
und für Christus geben. Auf diese Weise hat sich für die ganze
ökumenische Erfahrung ein weiter Raum aufgetan, der zugleich die
Herausforderung ist, die sich unserer heutigen Zeit stellt. Ist das 20.
Jahrhundert etwa nicht eine Zeit groben Zeugnisses, das »bis zum
Vergieben des Blutes« reicht? Und betrifft dieses Zeugnis etwa nicht auch
die verschiedenen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, die ihren Namen
von Christus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, nehmen?
Dieses gemeinsame Zeugnis der Heiligkeit als Treue zu dem einzigen Herrn
ist ein auberordentliches gnadenreiches ökumenisches Potential. Das II.
Vatikanische Konzil hat unterstrichen, dab die bei den anderen Christen
vorhandenen Güter zur Auferbauung der Katholiken beitragen können: »Man
darf auch nicht übergehen, dab alles, was von der Gnade des Heiligen
Geistes in den Herzen der getrennten Brüder gewirkt wird, auch zu unserer
eigenen Auferbauung beitragen kann. Denn was wahrhaft christlich ist,
steht niemals im Gegensatz zu den echten Gütern des Glaubens, sondern
kann immer dazu helfen, dab das Geheimnis Christi und der Kirche
vollkommener erfabt werde«.80 Der ökumenische Dialog wird es als echter
Heilsdialog nicht versäumen, diesen schon in sich selbst gut
eingeleiteten Prozeb voranzubringen, um in Richtung der wahren und vollen
Einheit fortzuschreiten.
Wachsen der Gemeinschaft
49. Kostbare Frucht der Beziehungen der Christen untereinander und des von
ihnen geführten theologischen Dialogs ist das Wachsen der Gemeinschaft.
Beides hat den Christen die Glaubenselemente bewubt gemacht, die sie
gemeinsam haben. Das diente der weiteren Festigung ihres Einsatzes für
die volle Einheit. Bei alldem bleibt das II. Vatikanische Konzil
mächtiges Antriebs- und Orientierungszentrum.
Die dogmatische Konstitution Lumen gentium stellt die Verbindung her
zwischen der Lehre über die katholische Kirche und der Anerkennung der
heilbringenden Elemente, die sich in den anderen Kirchen und kirchlichen
Gemeinschaften finden.81 Es handelt sich dabei nicht um eine
Bewubtseinsnahme statischer Elemente, die in diesen Kirchen und
Gemeinschaften passiv vorhanden sind. Denn Güter der Kirche Christi
drängen auf Grund ihrer Natur zur Wiederherstellung der Einheit. Daraus
folgt, dab die Suche nach der Einheit der Christen kein Akt
opportunistischer Beliebigkeit ist, sondern ein Erfordernis, das aus dem
Wesen der christlichen Gemeinschaft selbst erwächst.
Ähnlich gehen die bilateralen theologischen Dialoge mit den gröberen
christlichen Gemeinschaften von der Anerkennung der bereits erreichten
Stufe der Gemeinschaft aus, um dann fortschreitend die mit einer jeden
bestehenden Divergenzen zu erörtern. Der Herr hat den Christen unserer
Zeit zugestanden, den traditionellen Streit vermindern zu können.
Der Dialog mit den orientalischen Kirchen
50. In diesem Zusammenhang mub man mit besonderer Dankbarkeit an die
göttliche Vorsehung vor allem feststellen, dab sich die Verbindung mit
den orientalischen Kirchen, die im Laufe der Jahrhunderte rissig und
brüchig geworden war, mit dem II. Vatikanischen Konzil wieder gefestigt
hat. Die Beobachter dieser Kirchen, die zusammen mit Vertretern der
Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften des Abendlandes beim Konzil zugegen
waren, haben bei einem für die katholische Kirche so feierlichen Anlab
öffentlich den gemeinsamen Willen bekundet, wieder nach der Gemeinschaft
zu suchen.
Das Konzil seinerseits hat mit Objektivität und tiefer Zuneigung auf die
orientalischen Kirchen geblickt und ihre Kirchlichkeit und objektiven
Gemeinschaftsbande hervorgehoben, die sie mit der katholischen Kirche
verbinden. Das Dekret über den Ökumenismus stellt fest: »So baut sich
auf und wächst durch die Feier der Eucharistie des Herrn in diesen
Einzelkirchen die Kirche Gottes«, um konsequenterweise hinzuzufügen, dab
diese Kirchen »trotz ihrer Trennung wahre Sakramente besitzen, vor allem
aber in der Kraft der apostolischen Sukzession das Priestertum und die
Eucharistie, wodurch sie in ganz enger Verwandtschaft bis heute mit uns
verbunden sind«.82
Anerkannt wurden die grobe liturgische und spirituelle Tradition der
orientalischen Kirchen, die besondere Eigenart ihrer historischen
Entwicklung, die eigenen Kirchenordnungen, die von ihnen seit den
ältesten Zeiten befolgt und von den Kirchenvätern und ökumenischen
Konzilien bekräftigt worden sind, sowie die ihnen eigene Weise, die Lehre
zu verkünden. Das alles in der Überzeugung, dab die legitime
Verschiedenartigkeit in keiner Weise der Einheit der Kirche entgegensteht,
sondern vielmehr ihre Zierde und Schönheit vermehrt und zur Erfüllung
ihrer Sendung in nicht geringem Mabe beiträgt.
Das II. Vatikanische Konzil will den Dialog auf die bestehende
Gemeinsamkeit gründen und lenkt die Aufmerksamkeit auf die reichhaltige
Wirklichkeit der orientalischen Kirchen: »Deshalb ermahnt das Heilige
Konzil alle, besonders aber diejenigen, die sich um die so erwünschte
Wiederherstellung der vollen Gemeinschaft zwischen den orientalischen
Kirchen und der katholischen Kirche bemühen wollen, dab sie diese
besonderen Umstände der Entstehung und des Wachstums der Kirchen des
Orients sowie der Art der vor der Trennung zwischen ihnen und dem
Römischen Stuhl bestehenden Beziehungen gebührend berücksichtigen und
sich über dies alles ein rechtes Urteil bilden«.83
51. Diese Anleitung des Konzils hat sich als fruchtbar erwiesen sowohl
für die brüderlichen Beziehungen, die durch den Dialog der Liebe
heranreiften und sich entfalteten, als auch für die Diskussion über die
Lehre im Bereich der Gemischten Kommission für den theologischen Dialog
zwischen der katholischen Kirche und der orthodoxen Kirche in ihrer
Gesamtheit. Desgleichen war sie in den Beziehungen zu den
altorientalischen Kirchen reich an Früchten.
Es handelte sich um einen langsamen und mühsamen Prozeb, der jedoch
Quelle grober Freude war; und die Entwicklung hatte auch etwas
Faszinierendes an sich, da sie uns fortschreitend die Brüderlichkeit
wiederfinden lieb.
Die Wiederaufnahme der Kontakte
52. Was die Kirche von Rom und das Öku- menische Patriarchat von
Konstantinopel betrifft, so setzte der Prozeb, auf den wir soeben
hingewiesen haben, dank der gegenseitigen Öffnung ein, die von den
Päpsten Johannes XXIII. und Paul VI. einerseits und dem Ökumenischen
Patriarchen Athenagoras I. und seinen Nachfol- gern andererseits
eingeleitet wurde. Die bewirkte Veränderung erfährt ihren historischen
Ausdruck in dem kirchlichen Akt, durch dessen Verwirklichung man die
Erinnerung an den gegenseitigen Bann »aus dem Gedächtnis und aus der
Mitte der Kirchen getilgt hat«,84 der neunhundert Jahre zuvor, im Jahr
1054, zum Symbol des Schismas zwischen Rom und Konstantinopel geworden
war. Jenes für das ökumenische Engagement so bedeutungsvolle historische
kirchliche Ereignis fand am 7. Dezember 1965 während der letzten Tage des
Konzils statt. Auf diese Weise schlob die Konzilsversammlung mit einem
feierlichen Akt, der gleichzeitig Reinigung der historischen Erinnerung,
gegenseitige Vergebung und solidarische Verpflichtung zur Suche nach der
Gemeinschaft war.
Vorausgegangen war dieser Geste die Begeg- nung Pauls VI. mit dem
Patriarchen Athenagoras I. im Januar 1964 in Jerusalem während der
Pilgerreise des Papstes in das Heilige Land. Bei jener Gelegenheit konnte
er auch mit dem orthodoxen Patriarchen Benedictos von Jerusalem
zusammmentreffen. In der Folge konnte Papst Paul am 25. Juli 1967
Patriarch Athenagoras im Phanar (Istanbul) einen Besuch abstatten, und im
Oktober desselben Jahres wurde der Patriarch in Rom feierlich empfangen.
Diese Begegnungen im Gebet wiesen den Weg, dem man für die
Wiederannäherung zwischen der Kirche des Orients und der Kirche des
Abendlandes sowie für die Wiederherstellung der Einheit, die im ersten
Jahrtausend zwischen ihnen bestanden hatte, zu folgen hat.
Als mir nach dem Tod Papst Pauls VI. und dem kurzen Pontifikat Papst
Johannes Pauls I. das Amt des Bischofs von Rom anvertraut wurde, habe ich
es für eine der ersten Aufgaben meines päpstlichen Dienstes gehalten,
einen persönlichen Kontakt zum Ökumenischen Patriarchen Dimitrios I.
herzustellen, der inzwischen die Nachfolge des Patriarchen Athenagoras auf
dem Stuhl von Konstantinopel angetreten hatte. Während meines Besuches im
Phanar am 29. November 1979 konnten der Patriarch und ich die Aufnahme des
theologischen Dialogs zwischen der katholischen Kirche und allen
kirchenrechtlich in Gemeinschaft mit dem Stuhl von Konstantinopel
stehenden orthodoxen Kirchen beschlieben. Wichtig scheint mir in diesem
Zusammenhang hinzuzufügen, dab damals bereits die Vorbereitungen für die
Einberufung des künftigen Konzils der orthodoxen Kirchen im Gang waren.
Die Suche nach ihrer Eintracht ist ein Beitrag zum Leben und zur
Lebendigkeit jener Schwesterkirchen, und das auch im Hinblick auf die
Funktion, die zu erfüllen sie auf dem Weg zur Einheit berufen sind. Der
Ökumenische Patriarch wollte mir den Besuch, den ich ihm abgestattet
hatte, erwidern, und im Dezember 1987 hatte ich die Freude, ihn mit
aufrichtiger Zuneigung und mit der ihm gebührenden Feierlichkeit in Rom
zu empfangen. In diesem Rahmen kirchlicher Brüderlichkeit mub an die seit
Jahren zur festen Gewohnheit gewordene Gepflogenheit erinnert werden, in
Rom am Fest der hll. Apostel Petrus und Paulus eine Delegation des Ökume-
nischen Patriarchats zu empfangen sowie eine Delegation des Heiligen
Stuhles zu den Feierlichkeiten zu Ehren des hl. Andreas in den Phanar zu
entsenden.
53. Diese regelmäbigen Kontakte erlauben unter anderem einen direkten
Informations- und Meinungsaustausch für eine brüderliche Abstimmung
aufeinander. Andererseits macht es uns unsere gegenseitige Teilnahme am
Gebet wieder zur vertrauten Gewohnheit, Seite an Seite zu leben, hält uns
dazu an, den Willen des Herrn für seine Kirche miteinander anzunehmen und
somit in die Tat umzusetzen.
Auf dem Weg, den wir seit dem II. Vatikanischen Konzil zurückgelegt
haben, müssen wenigstens zwei Ereignisse erwähnt werden, die von
besonderer Bedeutung und von grober ökumenischer Relevanz für die
Beziehungen zwischen Orient und Abendland sind: da ist zunächst das
Jubiläum von 1984, das angesagt wurde, um des 11-hundertjährigen
Jubiläums des Evangelisierungswerkes der hll. Cyrill und Methodius zu
gedenken und das es mir ermöglichte, die beiden heiligen Apostel der
Slawen und Glaubensboten zu Mitpatronen Europas zu erklären. Schon Papst
Paul VI. hatte im Jahr 1964 während des Konzils den hl. Benedikt zum
Patron Europas erklärt. Dab die beiden Brüder aus Thessaloniki dem
groben Begründer des abendländischen Mönchtums an die Seite gestellt
werden, soll indirekt jene kirchliche und kulturelle Doppeltradition
herausstellen, die für die zweitausend Jahre Christentum, die die
Geschichte des europäischen Kontinents geprägt haben, so bedeutsam war.
Es ist daher nicht überflüssig zu erwähnen, dab Cyrill und Methodius
aus dem Bereich der damaligen byzantinischen Kirche kamen, also einer
Epoche, in der diese noch in Gemeinschaft mit Rom stand. Indem ich sie
zusammen mit dem hl. Benedikt zu Patronen Europas erklärte, wollte ich
nicht nur die historische Wahrheit über das Christentum auf dem
europäischen Kontinent bekräftigen, sondern auch ein wichtiges Thema
für jenen Dialog zwischen Orient und Abendland liefern, der in der
Nachkonzilszeit so viele Hoffnungen geweckt hat. Wie im hl. Benedikt, so
findet Europa in den hll. Cyrill und Methodius seine geistlichen Wurzeln
wieder. Nun, da sich das zweite Jahrtausend nach Christi Geburt seinem
Ende zuneigt, müssen sie gemeinsam als Patrone unserer Vergangenheit und
als Heilige verehrt werden, denen die Kirchen und die Nationen des
europäischen Kontinents ihre Zukunft anvertrauen.
54. Das andere Ereignis, an das ich gern erinnern möchte, ist die
Tausendjahrfeier der Taufe der Rus' (988-1988). Die katholische Kirche und
in besonderer Weise der Apostolische Stuhl wollten an den
Jubiläumsfeierlichkeiten teilnehmen und haben zu unterstreichen versucht,
dab die Taufe, die der hl. Wladimir in Kiew empfangen hat, eines der
zentralen Ereignisse für die Evangelisierung der Welt gewesen ist. Ihm
verdanken nicht nur die groben slawischen Nationen Osteuropas ihren
Glauben, sondern auch jene Völker, die jenseits des Ural bis nach Alaska
leben.
In dieser Perspektive findet eine Formulierung, die ich wiederholt
gebraucht habe, ihren tiefsten Grund: die Kirche mub mit ihren beiden
Lungen atmen! Diese Formulierung bezieht sich im ersten Jahrtausend der
Geschichte des Christentums vor allem auf die Dualität Byzanz-Rom; seit
der Taufe der Rus' dehnt diese Formulierung ihre Grenzen aus: die
Evangelisierung hat sich auf ein viel weiteres Gebiet erstreckt, so dab
sie nunmehr die ganze Kirche umfabt. Wenn man sodann bedenkt, dab dieses
Heilsereignis, das sich an den Ufern des Dnjepr vollzogen hat, in eine
Zeit zurückreicht, in der es zwischen der Kirche im Orient und jener im
Abendland noch keine Spaltung gab, begreift man sehr klar, dab die
Perspektive, gemäb der nach der vollen Einheit gesucht wird, jene der
Einheit in der legitimen Verschiedenartigkeit sein soll. Das habe ich in
der den hll. Cyrill und Methodius gewidmeten Enzyklika Slavorum apostoli
85 und in dem Apostolischen Schreiben Euntes in mundum,86 das zum Gedenken
an den tausendsten Jahrestag der Taufe der Kiewer Rus' an die Gläubigen
der katholischen Kirche gerichtet ist, mit Nachdruck ausgeführt.
Schwesterkirchen
55. Das Konzilsdekret Unitatis redintegratio hat in seinem geschichtlichen
Blickfeld die Einheit gegenwärtig, die trotz allem im ersten Jahrtausend
gelebt wurde. Sie nimmt in gewissem Sinne Modellgestalt an. »Mit Freude
möchte die Heilige Synode 1 allen die Tatsache in Erinnerung rufen, dab
im Orient viele Teilkirchen oder Ortskirchen bestehen, unter denen die
Patriarchalkirchen den ersten Rang einnehmen und von denen nicht wenige
sich ihres apostolischen Ursprungs rühmen«.87 Seinen Anfang hat der Weg
der Kirche am Pfingsttag in Jerusalem genommen, und ihre ganze
ursprüngliche Entwicklung in der damaligen oikoumene konzentrierte sich
um Petrus und die Elf (vgl. Apg 2, 14). Die Strukturen der Kirche im
Orient und im Abendland bildeten sich also in bezug auf jenes apostolische
Erbe heraus. Ihre Einheit im ersten Jahrtausend erhielt sich in eben jenen
Strukturen durch die Bischöfe als Nachfolger der Apostel in Gemeinschaft
mit dem Bischof von Rom. Wenn wir heute, am Ende des zweiten Jahrtausends,
die volle Einheit wiederherzustellen trachten, müssen wir uns auf diese
so strukturierte Einheit berufen.
Das Ökumenismusdekret hebt noch einen weiteren charakteristischen Aspekt
hervor, dank dem alle Teilkirchen in der Einheit verblieben, nämlich
»den Eifer und die Sorge 2, jene brüderlichen Bande der Gemeinschaft im
Glauben und in der Liebe zu bewahren, die zwischen Lokalkirchen als
Schwesterkirchen bestehen müssen«.88
56. Nach dem II. Vatikanischen Konzil und im Zusammenhang mit jener
Tradition wurde die Gepflogenheit wiedereingeführt, den um ihren Bischof
versammelten Teil- oder Ortskirchen die Bezeichnung »Schwesterkirchen«
zuzuerkennen. Ein sehr bedeutsamer Schritt auf dem Weg zur vollen
Gemeinschaft war dann die Aufhebung der gegenseitigen Exkommunikationen,
wodurch ein schmerzliches Hindernis kirchenrechtlicher und psychologischer
Art beseitigt wurde.
Die Strukturen der Einheit, die vor der Spaltung bestanden, sind ein Erbe
an Erfahrung, das unseren Weg zur Wiederfindung der vollen Gemeinschaft
leitet. Natürlich hat der Herr während des zweiten Jahrtausends nicht
aufgehört, seiner Kirche reiche Früchte an Gnade und Wachstum zu
schenken. Doch leider hat die fortschreitende gegenseitige Entfremdung
zwischen den Kirchen des Abendlandes und des Ostens sie des Reich- tums
gegenseitiger Geschenke und Hilfen beraubt. Es mub mit Gottes Gnade eine
grobe Anstrengung unternommen werden, um zwischen ihnen die volle
Gemeinschaft wiederherzustellen, die Quelle so vieler Güter für die
Kirche Christi ist. Diese Anstrengung erfordert allen unseren guten
Willen, das demütige Gebet und eine dauernde Zusammenarbeit, die sich
durch nichts entmutigen lassen darf. Der hl. Paulus spornt uns an: »Einer
trage des anderen Last« (Gal 6, 2). Wie passend für uns und wie aktuell
ist diese Aufforderung des Apostels! Die traditionelle Bezeichnung »Schwesterkirchen«
sollte uns auf diesem Weg ständig begleiten.
57. Wie Papst Paul VI. wünschte, ist es unser erklärtes Ziel, gemeinsam
wieder zur vollen Einheit in der legitimen Verschiedenartigkeit zu finden:
»Gott hat uns gewährt, dieses Zeugnis der Apostel im Glauben zu
empfangen. Durch die Taufe sind wir einer in Christus Jesus (vgl. Gal 3,
28). Kraft der apostolischen Sukzession verbinden uns das Priestertum und
die Eucharistie enger; durch die Teilhabe an den Gaben Gottes an seine
Kirche sind wir in Gemeinschaft mit dem Vater durch den Sohn im Heiligen
Geist 3. In jeder Ortskirche verwirklicht sich dieses Geheimnis der
göttlichen Liebe. Ist nicht vielleicht das der Grund für den
traditionellen und sehr schönen Ausdruck, mit dem sich die Ortskirchen
gern als Schwesterkirchen bezeichneten (vgl. Dekret Unitatis redintegratio,
14)? Dieses Leben von Schwesterkirchen haben wir Jahrhunderte lang gelebt,
als wir gemeinsam die ökumenischen Konzilien abhielten, die das
Glaubensgut gegen jegliche Verfälschung verteidigten. Nach einer langen
Periode der Spaltung und des gegenseitigen Unverständnisses erlaubt uns
der Herr, trotz der Hindernisse, die sich in der Vergangenheit zwischen
uns gelegt hatten, uns als Schwesterkirchen wiederzuentdecken«.89 Wenn
wir heute, an der Schwelle des dritten Jahrtausends, nach der
Wiederherstellung der vollen Gemeinschaft suchen, müssen wir die
Verwirklichung dieser realen Gegebenheit anstreben, auf die wir Bezug
nehmen müssen.
Die Verbindung mit dieser glorreichen Tradition ist für die Kirche
fruchtbar. »Die Kirchen des Orients — so das Konzil — (besitzen) von
Anfang an einen Schatz, aus dem die Kirche des Abendlandes in den Dingen
der Liturgie, in ihrer geistlichen Tradition und in der rechtlichen
Ordnung vielfach geschöpft hat«.90
Zu diesem »Schatz« gehören auch »die Reich- tümer jener geistlichen
Traditionen, die besonders im Mönchtum ihre Ausprägung gefunden haben.
Denn seit den glorreichen Zeiten der heiligen Väter blühte dort jene
monastische Spiritualität, die sich von dorther auch im Abendland
ausbreitete«.91 Wie ich im jüngsten Apostolischen Schreiben Orientale
lumen Gelegenheit hatte zu betonen, haben die Ostkirchen mit grober
Hochherzigkeit das vom monastischen Leben bezeugte Engagement gelebt,
»angefangen bei der Evangelisierung, dem erhabensten Dienst, den der
Christ dem Bruder anbieten kann, und weiter in vielen anderen Formen
geistlichen und materiellen Dienstes. Ja, man kann sagen, das Mönchtum
ist in der Antike — und verschiedentlich auch in späterer Zeit — das
bevorzugte Werkzeug für die Evangelisierung der Völker gewesen«.92
Das Konzil beschränkt sich nicht darauf, all das zu betonen, was die
Kirchen im Orient und im Abendland einander ähnlich macht. Es zaudert im
Einklang mit der geschichtlichen Wahrheit nicht mit der Aussage: »Es darf
nicht wundernehmen, dab von der einen und von der anderen Seite bestimmte
Aspekte des offenbarten Mysteriums manchmal besser verstanden und
deutlicher ins Licht gestellt wurden, und zwar so, dab man bei jenen
verschiedenartigen theologischen Formeln oft mehr von einer gegenseitigen
Ergänzung als von einer Gegensätzlichkeit sprechen mub«.93 Der
Austausch von Gaben zwischen den Kirchen in ihrer gegenseitigen Ergänzung
macht die Gemeinschaft fruchtbar.
58. Aus der Wiederbeteuerung der bereits bestehenden Glaubensgemeinschaft
zog das II. Vatikanische Konzil nützliche pastorale Konsequenzen für das
konkrete Leben der Gläubigen und für die Förderung des Geistes der
Einheit. Wegen der bestehenden engen sakramentalen Bande zwischen der
katholischen Kirche und den orthodoxen Kirchen hat das Dekret Orientalium
ecclesiarum betont: »Die Seelsorgepraxis zeigt 1, dab bei den in Frage
kommenden ostkirchlichen Brüdern mancherlei persönliche Umstände in
Betracht zu ziehen sind, unter denen weder die Einheit der Kirche verletzt
wird noch irgendeine Gefahr zu fürchten ist, vielmehr ein Heilsnotstand
und das geistliche Wohl der Seelen drängt. Daher hat die katholische
Kirche je nach zeitlichen, örtlichen und persönlichen Umständen in
Vergangenheit und Gegenwart oft eine mildere Handlungsweise angewandt und
allen die Mittel zum Heil und das Zeugnis gegenseitiger christlicher Liebe
durch Teilnahme an Sakramenten und anderen heiligen Handlungen und Sachen
dargeboten«.94
Diese theologische und pastorale Orientierung ist auch auf Grund der
Erfahrung in den Jahren nach dem Konzil von den beiden Codices des
kanonischen Rechtes übernommen worden.95 Unter pastoralem Gesichtspunkt
wurde sie vom Direktorium zur Ausführung der Prinzipien und Normen über
den Ökumenismus erläutert.96
In dieser so wichtigen und heiklen Frage ist es unerläblich, dab die
Hirten die Gläubigen sorgfältig unterrichten, damit diese die besonderen
Gründe für diese Teilnahme am liturgischen Gottesdienst und die
unterschiedlichen Ordnungen kennenlernen, die es in diesem Bereich gibt.
Man darf niemals die ekklesiologische Dimension der Teilnahme an den
Sakramenten, vor allem an der heiligen Eucharistie, aus den Augen
verlieren.
Fortschritte des Dialogs
59. Die Gemischte Internationale Kommission für den theologischen Dialog
zwischen der katholischen Kirche und der orthodoxen Kirche in ihrer
Gesamtheit hat seit ihrer Einsetzung im Jahr 1979 intensive Arbeit
geleistet, wobei sie ihre Forschung zunehmend an jenen Perspektiven
orientierte, die in gemeinsamem Einvernehmen mit dem Ziel festgelegt
worden waren, die volle Gemeinschaft zwischen den beiden Kirchen
wiederherzustellen. Diese Gemeinschaft, die auf der Einheit im Glauben, in
Kontinuität der Erfahrung und Tradition der alten Kirche gründet, wird
in der gemeinsamen Feier der heiligen Eucharistie ihren vollen Ausdruck
finden. Indem sie sich auf alles stützte, was wir gemeinsam haben, konnte
die gemischte Kommission in einem positiven Geist wesentliche Fortschritte
machen; und sie vermochte, wie ich zusammen mit dem hochverehrten Bruder,
dem Ökumenischen Patriarchen Seiner Heiligkeit Dimitrios I., erklären
konnte, schlieblich auszudrücken, »was die katholische Kirche und die
orthodoxe Kirche schon miteinander als gemeinsamen Glauben an das
Geheimnis der Kirche und das Band zwischen Glaube und Sakramenten bekennen
können«.97 Sodann konnte die Kommission feststellen und bestätigen, dab
»in unseren Kirchen die apostolische Sukzession für die Heiligung und
die Einheit des Gottesvolkes grundlegend ist«.98 Es handelt sich um
wichtige Bezugspunkte für die Weiterführung des Dialogs. Ja mehr noch:
diese gemeinsam abgegebenen Erklärungen bilden die Grundlage, die die
Katholiken und die Orthodoxen berechtigt, schon jetzt, in unserer Zeit,
ein gemeinsames treues und einvernehmliches Zeugnis zu geben, damit der
Name des Herrn verkündet und verherrlicht werde.
60. Vor kurzem hat die gemischte internationale Kommission in der so
heiklen Frage der Methode, die bei der Suche nach der vollen Gemeinschaft
zwischen der katholischen Kirche und der orthodoxen Kirche befolgt werden
solle, einer Frage, die oft die Beziehungen zwischen Katholiken und
Orthodoxen verschlechtert hat, einen bedeutsamen Schritt vollzogen. Sie
hat die lehrmäbigen Grundlagen für eine positive Lösung des Problems
gelegt, die sich auf die Lehre von den Schwesterkirchen stützt. Auch in
diesem Zusammenhang ist klar geworden, dab die Methode, die auf dem Weg
zur vollen Gemeinschaft befolgt werden soll, der Dialog der Wahrheit ist,
der vom Dialog der Liebe genährt und unterstützt wird. Das den
katholischen orientalischen Kirchen zuerkannte Recht, sich zu organisieren
und ihr Apostolat auszuüben, sowie die tatsächliche Einbeziehung dieser
Kirchen in den Dialog der Liebe und in den theologischen Dialog werden
nicht nur eine wirkliche und brüderliche gegenseitige Achtung zwischen
den in demselben Gebiet lebenden Orthodoxen und Katholiken, sondern auch
ihren gemeinsamen Einsatz auf der Suche nach der Einheit begünstigen.99
Ein Schritt vorwärts ist getan worden. Der Einsatz mub weitergehen. Schon
jetzt kann man aber eine Beruhigung der Geister feststellen, die die Suche
fruchtbarer macht.
Was die orientalischen Kirchen betrifft, die sich in Gemeinschaft mit der
katholischen Kirche befinden, hatte das Konzil die folgende Wertschätzung
zum Ausdruck gebracht: »Dieses Heilige Konzil erklärt, dab dies ganze
geistliche und liturgische, disziplinäre und theologische Erbe mit seinen
verschiedenen Traditionen zur vollen Katholizität und Apostolizität der
Kirche gehört; und es sagt Gott dafür Dank, dab viele orientalische
Söhne der katholischen Kirche 2 schon jetzt mit den Brüdern, die die
abendländische Tradition pflegen, in voller Gemeinschaft leben«.100
Sicher werden die katholischen Ostkirchen im Geist des Ökumenismusdekrets
in positiver Weise am Dialog der Liebe und am theologischen Dia- log
sowohl auf lokaler wie auf universaler Ebene teilnehmen können und so zum
gegenseitigen Verständnis und zu einer dynamischen Suche nach der vollen
Einheit beitragen.101
61. Nach dieser Auffassung will die katholische Kirche nichts anderes als
die volle Gemeinschaft zwischen Orient und Abendland. Dabei inspiriert sie
sich an der Erfahrung des ersten Jahrtausends. In jener Zeit war in der
Tat »die Herausbildung unterschiedlicher Erfahrungen kirchlichen Lebens 3
kein Hindernis dafür, dab die Christen durch gegenseitige Beziehungen
weiterhin die Gewibheit empfinden konnten, in jeder Kirche zu Hause zu
sein, weil von allen in einer wunderbaren Vielfalt von Sprachen und
Modulationen das Lob des einen Vaters durch Christus im Heiligen Geist
emporstieg; alle haben sich versammelt, um die Eucharistie zu feiern, Herz
und Vorbild für die Gemeinschaft nicht nur im Hinblick auf die
Spiritualität oder das sittliche Leben, sondern auch für die Struktur
der Kirche in der Vielfalt der Ämter und Dienste unter dem Vorsitz des
Bischofs, des Nachfolgers der Apostel. Die ersten Konzilien sind ein
beredtes Zeugnis für die fortdauernde Einheit in Vielfalt«.102 Wie läbt
sich nach fast tausend Jahren diese Einheit wiederherstellen? Das ist die
grobe Aufgabe, die sie lösen mub und die auch der orthodoxen Kirche
obliegt. Von daher begreift man die ganze Aktualität des Dialogs, der
gestützt wird vom Licht und der Kraft des Heiligen Geistes.
Beziehungen zu den alten Kirchen des Orients
62. Seit dem II. Vatikanischen Konzil hat die katholische Kirche mit
Unterschieden hinsichtlich der Vorgangsweisen und zeitlichen Abläufe auch
zu jenen alten Kirchen des Orients wieder brüderliche Beziehungen
aufgenommen, die die dogmatischen Formeln der Konzilien von Ephesus und
Chalkedon angefochten haben. Alle diese Kirchen haben Beobachter zum II.
Vatikanischen Konzil entsandt; ihre Patriarchen haben uns mit ihrem Besuch
geehrt, und der Bischof von Rom hat mit ihnen wie mit Brüdern sprechen
können, die sich nach langer Zeit in der Freude wiederfinden.
Die Wiederaufnahme der brüderlichen Beziehungen zu den alten Kirchen des
Orients, Zeugen des christlichen Glaubens in oft feindseligen und
tragischen Situationen, ist ein konkretes Zeichen dafür, dab uns trotz
der historischen, politischen, sozialen und kulturellen Hindernisse
Christus miteinander vereint. Und gerade was das christologische Thema
betrifft, haben wir gemeinsam mit den Patriarchen einiger dieser Kirchen
unseren gemeinsamen Glauben an Jesus Christus erklären können, den
wahren Gott und wahren Menschen. Papst Paul VI. seligen Andenkens hatte in
diesem Sinne Erklärungen mit Seiner Heiligkeit Shenouda III., dem
koptisch-orthodoxen Papst und Patriarchen,103 und mit dem
syrisch-orthodoxen Patriarchen von Antiochien, Seiner Heiligkeit Jacoub
III.,104 unterzeichnet. Ich selbst konnte diese christologische
Übereinstimmung bestätigen und daraus die Konsequenzen ziehen: für die
Entwicklung des Dialogs mit Papst Shenouda 105 und für die pastorale
Zusammenarbeit mit dem syrischen Patriarchen von Antiochien, Mar Ignatius
Zakka I. Iwas.106
Gemeinsam mit dem ehrwürdigen Patriarchen der Kirche Äthiopiens, Abuna
Paulos, der mich am 11. Juni 1993 in Rom besuchte, haben wir die zwischen
unseren beiden Kirchen bestehende tiefe Gemeinschaft hervorgehoben: »Wir
teilen den von den Aposteln empfangenen Glauben, dieselben Sakramente und
dasselbe in der apostolischen Sukzession verwurzelte Amt 4. Heute können
wir tatsächlich behaupten, denselben Glauben an Christus zu haben,
nachdem er lange Zeit Ursache der Spaltung zwischen uns gewesen war«.107
Vor kurzer Zeit hat mir der Herr die grobe Freude beschert, eine
gemeinsame christologische Erklärung mit dem assyrischen Patriarchen des
Orients, Seiner Heiligkeit Mar Dinkha IV., zu unterschreiben, der mich aus
diesem Anlab im November 1994 in Rom besuchte. Unter Berücksichtigung der
differenzierten theologischen Formulierungen konnten wir so gemeinsam den
wahren Glauben an Christus bekennen.108 Meiner Freude über all das
möchte ich mit den Worten der seligen Jungfrau Ausdruck verleihen:
»Meine Seele preist den Herrn« (Lk 1, 46).
63. Hinsichtlich der traditionellen Auseinandersetzungen über die
Christologie haben die ökumenischen Kontakte also grundlegende Klärungen
ermöglicht, so dab wir miteinander jenen Glauben bekennen können, der
uns gemeinsam ist. Noch einmal sei festgestellt, dab diese bedeutende
Errungenschaft sicherlich Ergebnis der theologischen Forschung und des
brüderlichen Dialogs ist. Und nicht nur das. Sie ist für uns auch
Ermutigung: denn sie zeigt uns, dab der eingeschlagene Weg richtig ist und
dab man vernünftigerweise darauf hoffen kann, miteinander die Lösung
für die anderen Streitfragen zu finden.
Dialog mit den anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften im Abendland
64. Im umfassenden, für die Wiederherstellung der Einheit unter allen
Christen vorgezeichneten Plan berücksichtigt das Ökumenismusde- kret
ebenso auch die Beziehungen zu den Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften
des Abendlandes. In der Absicht, ein Klima der christlichen
Brüderlichkeit und des Dialogs zu schaffen, führt das Konzil seine
Angaben und Hinweise im Rahmen zweier allgemeiner Betrachtungen aus: die
eine hat historisch-psychologischen und die andere theologisch-doktrinalen
Charakter. Einerseits stellt das Dokument fest: »Die Kirchen und
kirchlichen Gemeinschaften, die in der schweren Krise, die im Abendland
schon vom Ende des Mittelalters ihren Ausgang genommen hat, oder auch in
späterer Zeit vom Römischen Apostolischen Stuhl getrennt wurden, sind
mit der katholischen Kirche durch das Band besonderer Verwandtschaft
verbunden, da ja das christliche Volk in den Jahrhunderten der
Vergangenheit so lange Zeit sein Leben in kirchlicher Gemeinschaft
geführt hat«.109 Andererseits wird mit ebensolchem Realismus
festgestellt: »Dabei mub jedoch anerkannt werden, dab es zwischen diesen
Kirchen und Gemeinschaften und der katholischen Kirche Unterschiede von
grobem Gewicht gibt, nicht nur in historischer, soziologischer,
psychologischer und kultureller Beziehung, sondern vor allem in der
Interpretation der geoffenbarten Wahrheit«.110
65. Gemeinsam sind die Wurzeln und trotz der Unterschiede sind die
Orientierungen ähnlich, die die Entwicklung der katholischen Kirche und
der aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen und Gemeinschaften im
Abendland geleitet haben. Sie besitzen daher eine gemeinsame
abendländische Charakteristik. Die oben genannten »Unterschiede«, wenn
sie auch von Bedeutung sind, schlieben also gegenseitige Durchdringungen
und Ergänzungen nicht aus.
Die ökumenische Bewegung hat gerade im Bereich der Kirchen und
Gemeinschaften der Reformation ihren Ausgang genommen. Zur gleichen Zeit,
bereits im Januar 1920, hatte das Ökumenische Patriarchat den Wunsch
geäubert, es solle eine Zusammenarbeit zwischen den christlichen
Gemeinschaften aufgebaut werden. Dieser Umstand zeigt, dab die Auswirkung
des kulturellen Hintergrundes nicht entscheidend ist. Wesentlich ist
vielmehr die Frage des Glaubens. Das Gebet Christi, unseres einzigen
Herrn, Erlösers und Meisters, spricht alle in derselben Weise an, den
Orient ebenso wie das Abendland. Es wird zu einem Imperativ, der gebietet,
die Trennungen aufzugeben, um die Einheit zu suchen und wiederzufinden,
angespornt gerade auch durch die bitteren Erfahrungen der Spaltung.
66. Das II. Vatikanische Konzil beabsichtigt nicht, das »nachreformatorische«
Christentum »zu beschreiben«, denn diese Kirchen und kirchlichen
Gemeinschaften weisen »wegen ihrer Verschiedenheit nach Ursprung, Lehre
und geistlichem Leben nicht nur uns gegenüber, sondern auch untereinander
nicht wenige Unterschiede« auf.111 Auberdem bemerkt dasselbe Dekret, dab
sich die ökumenische Bewegung und der Wunsch nach Frieden mit der
katholischen Kirche noch nicht überall durchgesetzt hat.112 Ungeachtet
dieser Umstände schlägt das Konzil jedoch den Dialog vor.
Das Konzilsdekret versucht dann, »einige Gesichtspunkte hervorzuheben,
die das Fundament und ein Anstob zu diesem Dialog sein können und
sollen«.113
»Unser Geist wendet sich 5 den Christen zu, die Jesus Christus als Gott
und Herrn und einzigen Mittler zwischen Gott und den Menschen offen
bekennen zur Ehre des einen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des
Heiligen Geistes«.114
Diese Brüder pflegen Liebe und Hochschätzung für die Heilige Schrift:
»Unter Anrufung des Heiligen Geistes suchen sie in der Heiligen Schrift
Gott, wie er zu ihnen spricht in Christus, der von den Propheten
vorherverkündigt wurde und der das für uns fleischgewordene Wort Gottes
ist. In der Heiligen Schrift betrachten sie das Leben Christi und was der
göttliche Meister zum Heil der Menschen gelehrt und getan hat,
insbesondere die Geheimnisse seines Todes und seiner Aufer- stehung 6; sie
bejahen die göttliche Autorität der Heiligen Schrift«.115
Gleichzeitig »haben sie jedoch 7 eine von uns verschiedene Auffassung von
dem Verhältnis zwischen der Schrift und der Kirche, wobei nach dem
katholischen Glauben das authentische Lehramt bei der Erklärung und
Verkündigung des geschriebenen Wortes Gottes einen besonderen Platz
einnimmt«.116 »Nichtsdestoweniger ist die Heilige Schrift gerade beim
(ökumenischen) Dialog ein ausgezeichnetes Werkzeug in der mächtigen Hand
Gottes, um jene Einheit zu erreichen, die der Erlöser allen Menschen
anbietet«.117
Zudem stellt das Sakrament der Taufe, das wir gemeinsam haben, »ein
sakramentales Band der Einheit zwischen allen (dar), die durch sie
wiedergeboren sind«.118 Die theologischen, pastoralen und ökumenischen
Verflechtungen der gemeinsamen Taufe sind zahlreich und bedeutsam. Obwohl
dieses Sakrament »nur ein Anfang und Ausgangspunkt« ist, »ist es
hingeordnet auf das vollständige Bekenntnis des Glaubens, auf die
völlige Eingliederung in die Heilsveranstaltung, wie Christus sie gewollt
hat, und schlieblich auf die vollständige Einfügung in die
eucharistische Gemeinschaft«.119
67. Lehrmäbige und historische Unterschiede der Reformationszeit haben
sich in bezug auf die Kirche, die Sakramente und das Weiheamt ergeben. Das
Konzil verlangt daher, dab »die Lehre vom Abendmahl des Herrn, von den
übrigen Sakramenten, von der Liturgie und von den Dienstämtern der
Kirche notwendig Gegenstand des Dialogs sind«.120
Während das Dekret Unitatis redintegratio hervorhebt, dab den
nachreformatorischen Gemeinschaften die »aus der Taufe hervorgehende
volle Einheit mit uns fehlt«, stellt es zugleich fest, dab sie »vor
allem wegen des Fehlens des Weihesakramentes die ursprüngliche und
vollständige Wirklichkeit des eucharistischen Mysteriums nicht bewahrt
haben«, obwohl sie »bei der Gedächtnisfeier des Todes und der
Auferstehung des Herrn im Heiligen Abendmahl bekennen, dab hier die
lebendige Gemeinschaft mit Christus bezeichnet werde, und sie seine
glorreiche Wiederkunft erwarten«.121
68. Das Dekret läbt das geistliche Leben und die moralischen Konsequenzen
nicht auber acht: »Das christliche Leben dieser Brüder wird ge- nährt
durch den Glauben an Christus, gefördert durch die Gnade der Taufe und
das Hören des Wortes Gottes. Dies zeigt sich im privaten Gebet, in der
biblischen Betrachtung, im christlichen Familienleben und im Gottesdienst
der zum Lob Gottes versammelten Gemeinde. Übrigens enthält ihr
Gottesdienst nicht selten deutlich hervortretende Elemente der alten
gemeinsamen Liturgie«.122
Das Konzilsdokument beschränkt sich allerdings nicht auf diese
geistlichen, moralischen und kulturellen Aspekte, sondern weitet seine
Wertschätzung auf das starke Gerechtigkeitsgefühl und auf die
aufrichtige Nächstenliebe aus, die bei diesen Brüdern vorhanden sind;
auberdem verkennt es nicht ihre Initiativen zur Schaffung menschlicher
sozialer Lebensbedingungen und zur Festigung des Friedens. Das alles
geschieht in dem ehrlichen Willen, an dem Wort Christi als Quelle des
christlichen Lebens festzuhalten.
So hebt der Text eine Problematik hervor, die auf ethisch-moralischem
Gebiet in unserer Zeit immer dringlicher wird, nämlich dab »viele
Christen das Evangelium« nicht immer »in der gleichen Weise auslegen wie
die Katholiken«.123 Auf diesem weiten Gebiet gibt es einen breiten Raum
für den Dialog über die moralischen Prinzipien des Evangeliums und ihre
Anwendung.
69. Die Vorgaben und die Einladung des II. Vatikanischen Konzils sind in
die Tat umgesetzt worden, und nach und nach wurde der bilaterale
theologische Dialog mit den verschiedenen Kirchen und weltweiten
christlichen Gemeinschaften des Abendlandes aufgenommen.
Andererseits begann für den multilateralen Dialog bereits 1964 der Prozeb
zur Errichtung einer »Gemischten Arbeitsgruppe« mit dem Ökumenischen
Rat der Kirchen, und seit 1968 gehören katholische Theologen als
Vollmitglieder der theologischen Abteilung dieses Rates an, nämlich der
Kommission »Glaube und Verfassung«.
Der Dialog war und ist fruchtbar und verheibungsvoll. Mit den vom
Konzilsdekret als Gegenstand des Dialogs empfohlenen Themen hat man sich
bereits auseinandergesetzt oder wird das in Kürze tun können. Wenn man
die verschiedenen bilateralen Gespräche betrachtet, die mit einer Hingabe
geführt werden, die das Lob der ganzen ökumenischen Gemeinschaft
verdient, so haben sie sich auf viele Streitfragen konzentriert, wie die
Taufe, die Eucharistie, das Weiheamt, den sakramentalen Charakter und die
Autorität der Kirche und die apostolische Sukzession. Auf diese Weise
wurden unverhoffte Aussichten auf eine Lösung entworfen, und zugleich hat
man begriffen, wie notwendig die tiefere Ergründung mancher Themen wäre.
70. Diese schwierige und heikle Untersuchung, die Probleme des Glaubens
und der Achtung des eigenen und des Gewissens des anderen einbezieht,
wurde auch vom Gebet der katholischen Kirche und der anderen Kirchen und
kirchlichen Gemeinschaften begleitet und unterstützt. Das im kirchlichen
Gefüge bereits so tief verwurzelte und verbreitete Gebet für die Einheit
zeigt, dab den Christen die Bedeutung der ökumenischen Frage nicht
entgeht. Gerade weil die Suche nach der vollen Einheit eine
Glaubensgegenüberstellung zwischen Gläubigen verlangt, die sich auf den
einen Herrn berufen, ist das Gebet die Quelle der Erleuchtung über die
Wahrheit, die als ganze angenommen werden mub.
Durch das Gebet erstreckt sich zudem die Suche nach der Einheit, die ja
nicht auf einen Kreis von Spezialisten beschränkt ist, auf jeden
Getauften. Unabhängig von ihrer Rolle in der Kirche und von ihrer
kulturellen Bildung können alle in einer geheimnisvollen, tiefgründigen
Dimension einen aktiven Beitrag leisten.
Kirchliche Beziehungen
71. Wir müssen der göttlichen Vorsehung auch für alle Ereignisse
danken, die Zeugnis geben vom Fortschritt auf dem Weg der Suche nach der
Einheit. Neben dem theologischen Dialog müssen angebrachterweise die
anderen Begeg- nungsformen erwähnt werden, nämlich das gemeinsame Gebet
und die praktische Zusammenarbeit. Papst Paul VI. gab diesem Prozeb mit
seinem Besuch am Sitz des Ökumenischen Rates der Kirchen in Genf am 10.
Juni 1969 einen starken Anstob und traf dann wiederholt mit den Vertretern
verschiedener Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften zusammen. Diese
Kontakte tragen wirksam dazu bei, die gegenseitige Kenntnis voneinander zu
verbessern und die christliche Brüderlichkeit wachsen zu lassen.
Papst Johannes Paul I. brachte während seines so kurzen Pontifikats den
Willen zur Fortsetzung des Weges zum Ausdruck.124 Der Herr hat mir
gewährt, in dieser Richtung zu wirken. Auber den wichtigen ökumenischen
Begegnungen in Rom ist ein bedeutender Teil meiner Pastoralbesuche
regelmäbig dem Zeugnis für die Einheit der Christen gewidmet. Einige
meiner Reisen weisen sogar eine ökumenische »Priorität« auf, besonders
in den Ländern, in denen die katholischen Gemeinden gegenüber den aus
der Reformation hervorgegangenen Gemeinschaften eine Minderheit
darstellen; oder wo diese letzteren in einer bestimmten Gesellschaft einen
beachtlichen Anteil der an Christus Glaubenden darstellen.
72. Das gilt vor allem für die europäischen Länder, wo diese Spaltungen
ihren Ausgang ge- nommen haben, und für Nordamerika. In diesem
Zusammenhang verdienen, ohne deshalb die anderen Besuche schmälern zu
wollen, jene besondere Aufmerksamkeit, die mich auf dem europäischen
Kontinent zweimal nach Deutschland geführt haben: im November 1980 und im
April- Mai 1987; der Besuch im Vereinigten Königreich (England,
Schottland und Wales) im Mai-Juni 1982; in der Schweiz im Juni 1984; und
in den skandinavischen und nordischen Ländern (Finnland, Schweden,
Norwegen, Dänemark und Island), wohin ich mich im Juni 1989 begeben habe.
Mit Freude, in gegenseitiger Achtung, in christlicher Solidarität und im
Gebet bin ich vielen, vielen Brüdern und Schwestern begegnet, die alle in
der Suche nach der Treue zum Evangelium engagiert sind. Das alles
festzustellen war für mich eine Quelle grober Ermutigung. Wir haben die
Gegenwart des Herrn mitten unter uns erfahren.
In diesem Zusammenhang möchte ich an eine von brüderlicher Liebe
bestimmte und von tiefer Glaubensklarheit durchdrungene Haltung erinnern,
die ich mit starker Anteilnahme erlebt habe. Sie bezieht sich auf die
Eucharistiefeiern, denen ich während meiner Reise in die nordischen und
skandinavischen Länder in Finnland und in Schweden vorstand. Bei der
Kommunion präsentierten sich die lutherischen Bischöfe dem Zelebranten.
Sie wollten mit einer einvernehmlichen Geste ihren sehnlichen Wunsch nach
Erreichung des Zeitpunktes bekunden, an dem wir, Katholiken und
Lutheraner, an derselben Eucharistie werden teilnehmen können, und sie
wollten den Segen des Zelebranten empfangen. Voll Liebe habe ich sie
gesegnet. Dieselbe so bedeutungsreiche Geste hat sich in Rom während der
Messe wiederholt, die ich am 6. Oktober 1991 anläblich des 600.
Jahrestages der Heiligsprechung der hl. Birgitta auf der Piazza Farnese
feierte.
Ähnlichen Empfindungen begegnete ich auch jenseits des Atlantik im
September 1984 in Kanada und besonders im September 1987 in den
Vereinigten Staaten, wo man eine grobe ökumenische Aufgeschlossenheit
feststellt. Hier sei als Beispiel die ökumenische Begegnung in Columbia,
South Carolina, vom 11. September 1987 erwähnt. Wichtig ist an sich die
Tatsache, dab diese Begeg- nungen zwischen den Brüdern »aus der Refor-
mationszeit« und dem Papst mit gewisser Regelmäbigkeit stattfinden. Ich
bin zutiefst dafür dankbar, dab mich sowohl die Verantwortlichen der
verschiedenen Gemeinschaften als auch die Gemeinschaften in ihrer
Gesamtheit gern aufgenommen haben. Unter diesem Gesichtspunkt halte ich
den ökumenischen Wortgottesdienst für äuberst wichtig, der in Columbia
stattgefunden hat und die Familie zum Thema hatte.
73. Ein weiterer Grund zu grober Freude ist die Feststellung, dab es in
der nachkonziliaren Zeit und in den einzelnen Ortskirchen reichlich
Initiativen und Aktionen zur Förderung der Einheit der Christen gibt, die
ihr auf Mitwirkung aller abzielendes Tun auf der Ebene der
Bischofskonferenzen, der einzelnen Diözesen und der Pfarrgemeinden wie
auch der verschiedenen kirchlichen Bereiche und Bewegungen ausweiten.
Verwirklichte Zusammenarbeit
74. »Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich
kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt« (Mt
7, 21). Die Kohärenz und Redlichkeit der Absichten und der
Grundsatzaussagen erfüllen sich durch deren Anwendung auf das konkrete
Leben. Das Konzilsdekret über den Ökumenis- mus führt an, dab bei den
anderen Christen »der Christusglaube seine Früchte in Lobpreis und
Danksagung für die von Gott empfangenen Wohltaten zeitigt; hinzu kommt
ein lebendiges Gerechtigkeitsgefühl und eine aufrichtige
Nächstenliebe«.125
Der soeben beschriebene Bereich ist ein fruchtbarer Boden nicht nur für
den Dialog, sondern auch für eine tätige Zusammenarbeit: Der
»werktätige Glaube hat auch viele Einrichtungen zur Behebung der
geistlichen und leiblichen Not, zur Förderung der Jugenderziehung, zur
Schaffung menschenwürdiger Verhältnisse im sozialen Leben und zur
allgemeinen Festigung des Friedens hervorgebracht«.126
Das soziale und kulturelle Leben bietet weite Räume für ökumenische
Zusammenarbeit. Immer häufiger finden sich die Christen zusammen, um die
Menschenwürde zu verteidigen, das Gut des Friedens, die Anwendung des
Evangeliums auf das soziale Leben zu fördern sowie in Wissenschaft und
Kunst den christlichen Geist präsent zu machen. Sie finden sich immer
mehr zusammen, wenn es darum geht, der Not und dem Elend unserer Zeit
entgegenzutreten: dem Hunger, den Katastrophen und der sozialen
Ungerechtigkeit.
75. Diese Zusammenarbeit, die ihre Inspiration aus dem Evangelium selbst
bezieht, ist für die Christen niemals eine blob humanitäre Aktion. Sie
hat ihren eigentlichen Grund im Wort des Herrn: »Ich war hungrig, und ihr
habt mir zu essen gegeben« (Mt 25, 35). Wie ich bereits hervorgehoben
habe, macht die Zusammenarbeit aller Christen klar jenen zwischen ihnen
bereits bestehenden Grad von Gemeinschaft offenbar.127
Vor der Welt gewinnt das gemeinsame Wirken der Christen in der
Gesellschaft dann den transparenten Wert eines Zeugnisses, das gemeinsam
im Namen des Herrn abgelegt wird. Es nimmt auch die Dimensionen einer
Verkündigung an, weil es das Antlitz Christi enthüllt.
Die noch bestehenden gegensätzlichen Auffassungen in der Lehre üben
einen negativen Einflub aus und setzen auch der Zusammenarbeit Grenzen.
Die zwischen den Christen bereits bestehende Glaubensgemeinschaft bietet
jedoch nicht nur für ihre gemeinsame Tätigkeit auf sozialem Gebiet eine
solide Grundlage, sondern auch im religiösen Bereich.
Diese Zusammenarbeit wird die Suche nach der Einheit erleichtern. Wie das
Ökumenismus- dekret bemerkte, können bei dieser Zusammenarbeit »alle,
die an Christus glauben, unschwer lernen, wie sie einander besser kennen
und höher achten können und wie der Weg zur Einheit der Christen
bereitet wird«.128
76. Wie sollte man in diesem Zusammenhang nicht an das ökumenische
Interesse für den Frieden erinnern, das unter wachsender Beteiligung der
Christen und mit einer immer tiefgründigeren theologischen Motivation im
Gebet und im Tun Ausdruck findet? Es könnte gar nicht anders sein.
Glauben wir etwa nicht an Jesus Christus, den Friedensfürsten? Die
Christen sind sich zunehmend einig in der Ablehnung der Gewalt, und zwar
jeder Art von Gewalt, von Kriegen bis zur sozialen Ungerechtigkeit.
Wir sind zu einem immer tätigeren Einsatz aufgerufen, damit noch klarer
zutage tritt, dab nicht die religiösen Gründe die wahre Ursache der
herrschenden Konflikte darstellen, auch wenn leider die Gefahr der
Instrumentalisierung zu politischen und feindseligen Zwecken nicht gebannt
ist.
Während des Weltgebetstages für den Frieden 1986 in Assisi haben die
Christen der verschiedenen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften mit
einer einzigen Stimme zum Herrn der Geschichte für den Frieden in der
Welt gebetet. An jenem Tag haben parallel dazu, wenn auch in anderer
Weise, ebenso die Juden und die Vertreter der nichtchristlichen Religionen
um den Frieden gebetet — in einem Einklang von Gefühlen, die die
tiefsten Seiten des menschlichen Geistes zum Schwingen brachten.
Nicht vergessen möchte ich auch den Weltgebetstag für den Frieden in
Europa, besonders auf dem Balkan, der mich am 9. und 10. Januar 1993
wieder als Pilger in die Stadt des hl. Franziskus geführt hat, und die
Messe für den Frieden auf dem Balkan und insbesondere in
Bosnien-Herzegowina, die ich im Rahmen der Gebetswoche für die Einheit
der Christen am 23. Januar 1994 in der Petersbasilika feierte.
Wenn unser Blick durch die Welt streift, erfüllt Freude unser Herz. Denn
wir stellen fest, dab sich die Christen immer mehr von der Frage des
Friedens ermahnt fühlen. Sie sehen sie in engem Zusammenhang mit der
Verkündigung des Evangeliums und mit der Ankunft des Reiches Gottes.
III.
QUANTA EST NOBIS VIA?
(WIE LANG IST DER WEG, DER NOCH VOR UNS LIEGT?)
Den Dialog weiter intensivieren
77. Nun können wir uns fragen, wie lang der Weg ist, der uns noch von
jenem segensreichen Tag trennt, an dem die volle Einheit im Glauben
erreicht sein wird und wir einträchtig miteinander die heilige
Eucharistie des Herrn werden feiern können. Die bessere gegenseitige
Kenntnis und die Übereinstimmungen in Fragen der Lehre, die wir schon
erreicht haben und die eine effektive Zunahme des Gemeinschaftsgefühls
zur Folge hatten, können dem Gewissen der Christen, die die eine,
heilige, katholische und apostolische Kirche bekennen, freilich noch nicht
genügen. Das letzte Ziel der ökumenischen Bewegung ist die
Wiederherstellung der sichtbaren vollen Einheit aller Getauften.
Im Hinblick auf dieses Ziel sind alle bisher erreichten Ergebnisse nur
ein, wenn auch vielversprechendes und positives Wegstück.
78. In der ökumenischen Bewegung hat nicht nur die katholische Kirche,
zusammen mit den orthodoxen Kirchen, diese anspruchsvolle Auffassung von
der von Gott gewollten Einheit. Das Streben nach einer solchen Einheit
wird auch von anderen zum Ausdruck gebracht.129
Zum Ökumenismus gehört, dab sich die christlichen Gemeinschaften
gegenseitig helfen, damit in ihnen tatsächlich der ganze Inhalt und alle
Ansprüche dessen gegenwärtig sind, »was uns seit den Zeiten der Apostel
überkommen ist«.130 Ohne dies wird eine volle Gemeinschaft nie möglich
sein. Diese gegenseitige Hilfe bei der Suche nach der Wahrheit ist eine
vortreffliche Form der Liebe im Sinne des Evangeliums.
Die Suche nach der Einheit findet in den verschiedenen Dokumenten der
zahlreichen internationalen gemischten Dialog-Kommissionen Ausdruck.
Ausgehend von einer gewissen Grundeinheit in der Lehre geht es in diesen
Texten um die Taufe, die Eucharistie, das Amt und die Autorität.
Von dieser grundlegenden, aber eben nur teilweisen Einheit gilt es nun zu
der notwendigen und hinreichenden sichtbaren Einheit zu gelangen, die sich
in die konkrete Wirklichkeit einschreibt, damit die Kirchen tatsächlich
das Zeichen jener vollen Gemeinschaft in der einen, heiligen, katholischen
und apostolischen Kirche verwirklichen, die in der gemeinsamen Feier der
Eucharistie Ausdruck finden wird.
Dieser Weg zur notwendigen und ausreichenden sichtbaren Einheit in der
Gemeinschaft der einen von Christus gewollten Kirche erfordert eine noch
geduldige und beherzte Arbeit. Dabei gilt es, keine weiteren
Verpflichtungen über die unverzichtbaren hinaus aufzuerlegen (vgl. Apg
15, 28).
79. Schon jetzt ist es möglich, die Themen festzulegen, die vertieft
werden müssen, um zu einer echten Übereinstimmung im Glauben zu
gelangen: 1) die Beziehungen zwischen Heiliger Schrift als oberster
Autorität in Sachen des Glaubens und der heiligen Tradition als
unerläblicher Interpretation des Wortes Gottes; 2) die Eucharistie,
Sakrament des Leibes und Blutes Christi, dargebracht zum Lob des Vaters,
Gedächtnis des Opfers und Realpräsenz Christi, heiligmachende Ausgiebung
des Heiligen Geistes; 3) die Weihe als Sakrament zum Dienstamt in seinen
drei Stufen: Bischofsamt, Priestertum und Diakonat; 4) das Lehramt der
Kirche, dem Papst und den in Gemeinschaft mit ihm stehenden Bischöfen
anvertraut, verstanden als Verantwortung und Autorität im Namen Christi
für die Unterweisung im Glauben und seine Bewahrung; 5) die Jungfrau
Maria, Gottesmutter und Ikone der Kirche, geistliche Mutter, die für die
Jünger Christi und für die ganze Menschheit Fürbitte leistet.
Auf diesem mutigen Weg zur Einheit halten uns die Klarheit und die
Klugheit des Glaubens an, die falsche Irenik und die Nichtbeachtung der
Normen der Kirche zu vermeiden.131 Umgekehrt gebieten uns dieselbe
Klarheit und dieselbe Klugheit, die Lauheit beim Einsatz für die Einheit
und noch mehr den vorgefabten Widerstand zu meiden oder auch den
Defätismus, der dazu neigt, alles negativ zu sehen.
An einer Sicht der Einheit festhalten, die allen Forderungen der
geoffenbarten Wahrheit Rechnung trägt, heibt jedoch nicht der
ökumenischen Bewegung Einhalt zu gebieten.132 Im Gegenteil, es bedeutet
zu vermeiden, dab sie sich mit Scheinlösungen zufriedengibt, die zu
keinem stabilen und echten Ergebnis führen würden.133 Der Anspruch der
Wahrheit mub bis auf den Grund gehen. Ist das etwa nicht das Gesetz des
Evangeliums?
Annahme der erreichten Ergebnisse
80. Während der Dialog über neue Themenbereiche weitergeht oder sich auf
tiefer reichenden Ebenen entwickelt, haben wir eine neue Aufgabe zu
lösen: wie nämlich die bisher erzielten Ergebnisse angenommen werden
sollen. Sie dürfen nicht Aussagen der bilateralen Kommissionen bleiben,
sondern müssen Gemeingut werden. Damit das geschieht und sich auf diese
Weise die Gemeinschaftsbande festigen, bedarf es einer ernsthaften
Untersuchung, die in verschiedenen Weisen, Formen und Zuständigkeiten das
Volk Gottes als ganzes einbeziehen mub. Es handelt sich nämlich um
Fragen, die häufig den Glauben betreffen, und sie erfordern die
allseitige Überein- stimmung, die von den Bischöfen bis zu den
gläubigen Laien reicht, die alle die Salbung mit dem Heiligen Geist
empfangen haben.134 Es ist derselbe Geist, der dem Lehramt beisteht und
den sensus fidei weckt.
Für die Annahme der Ergebnisse des Dialogs braucht es daher einen
umfangreichen und sorgfältigen kritischen Prozeb, der sie analysiert und
mit Strenge ihre Übereinstimmung mit der Glaubenstradition überprüft,
die uns von den Aposteln überkommen ist und in der um den Bischof als
ihrem rechtmäbigen Hirten versammelten Gemeinschaft der Gläubigen gelebt
wird.
81. Dieser Prozeb, der mit Klugheit und in der Haltung des Glaubens
vorgenommen werden mub, wird vom Heiligen Geist begleitet werden. Damit er
günstig ausgeht, müssen seine Ergebnisse zweckmäbigerweise von
kompetenten Personen verständlich dargestellt werden. Sehr wichtig ist
dafür der Beitrag, den die Theologen und die Theologischen Fakultäten in
Erfüllung ihres Charismas in der Kirche anzubieten berufen sind. Auberdem
ist klar, dab die ökumenischen Kommissionen diesbezüglich ganz
einzigartige Verantwortlichkeiten und Aufgaben haben.
Der gesamte Prozeb wird von den Bischöfen und vom Heiligen Stuhl verfolgt
und unterstützt. Die Lehrautorität hat die Verantwortung, das
endgültige Urteil zu sprechen.
Bei all dem wird es eine grobe Hilfe sein, sich methodisch an die
Unterscheidung zwischen dem Glaubensgut (depositum fidei) und der
Formulierung, in der es ausgedrückt wird, zu halten, wie es Papst
Johannes XXIII. in seiner Ansprache zur Eröffnung des II. Vatikanischen
Konzils empfahl.135
Den geistlichen Ökumenismus fortsetzen und Zeugnis geben von der
Heiligkeit
82. Man begreift, wie der Ernst der ökumenischen Verpflichtung die
katholischen Gläubigen zutiefst betrifft. Der Heilige Geist lädt sie zu
einer ernsthaften Gewissensprüfung ein. Die katholische Kirche mub in
jenen Dialog eintreten, den man »Dialog der Bekehrung« nennen könnte;
in ihm wird das innere Fundament für den ökumenischen Dialog gelegt. In
diesem Dialog, der sich vor Gott vollzieht, mub jeder nach dem eigenen
Unrecht suchen, seine Schuld bekennen und sich in die Hände dessen
begeben, der der Fürsprecher beim Vater ist, Jesus Christus.
Sicher findet man in dieser Beziehung von Bekehrung zum Willen des Vaters
und gleichzeitig von Reue und absolutem Vertrauen auf die versöhnende
Macht der Wahrheit, die Christus ist, die Kraft, um die lange und
schwierige ökumenische Pilgerschaft zu einem guten Ende zu führen. Der
»Dialog der Bekehrung« mit dem Vater, den jede Gemeinschaft ohne
Nachsicht für sich selber führen mub, ist das Fundament brüderlicher
Beziehungen, die etwas anderes sind als ein herzliches Einverständnis
oder eine rein äuberliche Tischgemeinschaft. Die Bande der brüderlichen
koinonia müssen vor Gott und in Christus Jesus verflochten werden.
Nur das Hintreten vor Gott vermag eine feste Grundlage für jene Bekehrung
der einzelnen Christen und für jene dauernde Reform der Kirche auch als
menschliche und irdische Einrichtung 136 zu bieten, die die Vorbedingungen
für jedes ökumenische Engagement sind. Eines der grundlegenden Verfahren
des ökumenischen Dialogs ist das Bemühen, die christlichen
Gemeinschaften in diesen innersten geistlichen Raum einzubeziehen, in dem
Christus in der Macht des Geistes sie alle ohne Ausnahme dazu bringt, sich
vor dem Vater zu prüfen und sich zu fragen, ob sie seinem Plan über die
Kirche treu gewesen sind.
83. Ich habe vom Willen des Vaters gesprochen, von dem geistlichen Raum,
in dem jede Gemeinschaft den Aufruf zu einer Überwindung der Hindernisse
vernimmt, die der Einheit im Weg stehen. Nun wissen alle christlichen
Gemeinschaften, dab eine solche Forderung und eine solche Überwindung mit
Hilfe der Kraft, die der Geist schenkt, nicht auberhalb ihrer Reichweite
liegen. Denn alle besitzen ja Märtyrer des christlichen Glaubens.137
Trotz des Dramas der Spaltung haben diese Brüder in sich selber eine so
radikale und absolute Hingabe an Christus und an seinen Vater bewahrt, dab
sie so weit zu gehen vermochten, ihr Blut zu vergieben. Aber besagt nicht
vielleicht genau diese Hingabe Einbezogen–werden in das, was ich als
»Dialog der Bekehrung« bezeichnet habe? Soll nicht gerade dieser Dialog
die Notwendigkeit unterstreichen, um der vollen Gemeinschaft willen in der
Erfahrung der Wahrheit bis zum Äubersten zu gehen?
84. Aus einer theozentrischen Sicht haben wir Christen bereits ein
gemeinsames Martyrologium. Es enthält auch die Märtyrer unseres
Jahrhunderts, die viel zahlreicher sind, als man glauben würde, und
zeigt, wie auf einer tiefen Ebene Gott unter den Getauften die
Gemeinschaft unter dem höchsten Anspruch des mit dem Opfer des Lebens
bezeugten Glaubens aufrechterhält.138 Wenn man für den Glauben zu
sterben vermag, beweist das, dab man das Ziel auch dann erreichen kann,
wenn es sich um andere Formen desselben Anspruchs handelt. Ich habe
bereits mit Freude festgestellt, dab die zwar unvollkommene, aber real
gegebene Gemeinschaft in vielen Bereichen des kirchlichen Lebens bewahrt
wird und wächst. Ich glaube nun, dab sie darin schon vollkommen ist, was
wir als den Gipfel des Gnadenlebens betrachten, den Märtyrertod, die
intensivste Gemeinschaft, die es mit Christus geben kann, der sein Blut
vergiebt und durch dieses Opfer jene, die einst in der Ferne waren, in die
Nähe kommen läbt (vgl. Eph 2, 13).
Auch wenn für alle christlichen Gemeinschaften die Märtyrer der Beweis
für die Macht der Gnade sind, so sind sie dennoch nicht die einzigen, die
von dieser Macht Zeugnis ablegen. Obgleich auf unsichtbare Weise, ist die
noch nicht volle Gemeinsamkeit unserer Gemeinschaften in Wahrheit fest
verankert in der vollen Gemeinschaft der Heiligen, das heibt derjenigen,
die sich nach einem Leben in Treue zur Gnade in der Gemeinschaft mit dem
verherrlichten Christus befinden. Diese Heiligen kommen aus allen Kirchen
und kirchlichen Gemeinschaften, die ihnen den Eintritt in die
Heilsgemeinschaft eröffnet haben.
Wenn man von einem gemeinsamen Erbgut spricht, mub man dazu nicht nur die
Einrichtungen, die Riten, die Heilsmittel und die Traditionen zählen, die
alle Gemeinschaften bewahrt haben und von denen sie geformt worden sind,
sondern an erster Stelle und vor allem diese Tatsache der Heiligkeit.139
In der Ausstrahlung, die vom »Erbe der Heiligen« ausgeht, die allen
Gemeinschaften angehören, erscheint der »Dialog der Bekehrung« zur
vollen und sichtbaren Einheit nun unter einem Licht der Hoffnung. Diese
Allgegenwart der Heiligen liefert nämlich den Beweis für die
Transzendenz der Macht des Geistes. Sie ist Zeichen und Beweis für den
Sieg Gottes über die Kräfte des Bösen, die die Menschheit spalten. Wie
es in den Liturgien besungen wird, krönt Gott in der Krönung der
»Verdienste der Heiligen das Werk seiner Gnade«.140
Dort, wo der aufrichtige Wille zur Nachfolge Christi besteht, giebt der
Geist seine Gnade oft auf anderen als den gewöhnlichen Pfaden aus. Die
ökumenische Erfahrung hat uns dies besser begreifen lassen. Wenn es die
Gemeinschaften in dem inneren geistlichen Raum, den ich beschrieben habe,
tatsächlich fertigbringen, sich zur Suche nach der vollen und sichtbaren
Gemeinschaft »zu bekehren«, wird Gott für sie das tun, was Er für ihre
Heiligen getan hat. Er wird die aus der Vergangenheit ererbten Hindernisse
überwinden und wird die Gemeinschaften auf seinen Wegen führen, wohin Er
will: zur sichtbaren koinonia, die zugleich Lobpreis seiner Herrlichkeit
und Dienst an seinem Heilsplan ist.
85. Da Gott in seiner grenzenlosen Barmher- zigkeit immer das Gute auch
aus den Situationen gewinnen kann, die seinen Plan verletzen, können wir
also entdecken, dab durch das Einwirken des Geistes unter bestimmten
Umständen die Gegensätzlichkeiten dazu dienen würden, Aspekte der
christlichen Berufung, wie sie sich im Leben der Heiligen ereignet,
deutlich darzulegen. Trotz der Zersplitterung, die ein Übel ist, von dem
wir geheilt werden müssen, verwirklichte sich also so etwas wie eine
Mitteilung der Fülle der Gnade, die zur Verschönerung der koinonia
bestimmt ist. Die Gnade Gottes wird mit all denen sein, die dem Beispiel
der Heiligen folgen und sich bemühen, den Ansprüchen der Gnade zu
entsprechen. Wie können wir da zögern, uns zu den Erwartungen des Vaters
zu bekehren? Er ist mit uns.
Beitrag der katholischen Kirche auf der Suche nach der Einheit der
Christen
86. Die Konstitution Lumen gentium schreibt in einer Grundsatzaussage, die
das Dekret Unitatis redintegratio aufgreift,141 dab die einzige Kirche
Christi in der katholischen Kirche fortbesteht.142 Das Dekret über den
Ökumenismus unterstreicht die Gegenwart der Fülle (plenitudo) der
Heilsmittel in ihr.143 Die volle Einheit wird dann Wirklichkeit werden,
wenn alle an der Fülle der Heilsmittel teilhaben werden, die Christus
seiner Kirche anvertraut hat.
87. Auf dem Weg, der zur vollen Einheit führt, bemüht sich der
ökumenische Dialog, eine brüderliche Hilfe füreinander zu wecken, durch
die sich die Gemeinschaften gegenseitig das geben sollen, was eine jede
braucht, um dem Plan Gottes entsprechend zur endgültigen Fülle zu
wachsen (vgl. Eph 4, 11-13). Ich habe gesagt, dab wir uns als katholische
Kirche bewubt sind, vom Zeugnis, von der Suche und sogar von der Art und
Weise gewonnen zu haben, wie bestimmte gemeinsame christliche Güter von
den anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften hervorgehoben und
gelebt worden sind. Unter den Fortschritten, die während der letzten
dreibig Jahre erzielt worden sind, mub diesem gegenseitigen brüderlichen
Einflub ein herausragender Platz eingeräumt werden. Auf dem Wegstück, an
dem wir angekommen sind,144 mub diese Tatkraft gegenseitiger Bereicherung
ernsthaft in Betracht gezogen werden. Gestützt auf die Gemeinschaft, die
dank der in den christlichen Gemeinschaften vorhandenen kirchlichen
Elemente bereits besteht, wird sie jedenfalls zur vollen und sichtbaren
Gemeinschaft anspornen, dem ersehnten Ziel des Weges, den wir
zurücklegen. Das ist die ökumenische Form des dem Evangelium gemäben
Gesetzes vom Einander-Mitteilen und Miteinander-Teilen. Das läbt mich
noch einmal wiederholen: »Es gilt, in allem das Bemühen zu beweisen, dab
wir dem entgegenkommen wollen, was unsere christlichen Brüder
berechtigterweise wünschen und von uns erwarten, da wir ihre Denkweise
und ihre Gefühle kennen 1. Die Gaben jedes einzelnen müssen zum Nutzen
und Vorteil aller entwickelt und entfaltet werden«.145
Der Dienst des Bischofs von Rom an der Einheit
88. Unter allen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften ist sich die
katholische Kirche bewubt, das Amt des Nachfolgers des Apostels Petrus,
des Bischofs von Rom, bewahrt zu haben, den Gott als »immerwährendes und
sichtbares Prinzip und Fundament der Einheit« 146 eingesetzt hat und dem
der Heilige Geist beisteht, damit er alle anderen an diesem wesentlichen
Gut teilhaben läbt. Wie es Papst Gregor der Grobe treffend formulierte,
ist mein Amt das eines servus servorum Dei (eines Dieners der Diener
Gottes). Diese Definition schützt am besten vor der Gefahr, die
Amtsvollmacht (und im besonderen den Primat) vom Dienstamt zu trennen, was
der Bedeutung von Amtsvollmacht im Sinne des Evangeliums widersprechen
würde: »Ich aber bin unter euch wie der, der bedient« (Lk 22, 27), sagt
unser Herr Jesus Christus, das Haupt der Kirche. Wie ich anläblich der
wichtigen Begegnung beim Ökumenischen Rat der Kirchen in Genf am 12. Juni
1984 ausführen konnte, stellt andererseits die Überzeugung der
katholischen Kirche, in Treue zur apostolischen Überlieferung und zum
Glauben der Väter im Amt des Bischofs von Rom das sichtbare Zeichen und
den Garanten der Einheit bewahrt zu haben, freilich eine Schwierigkeit
für den Grobteil der anderen Christen dar, deren Gedächtnis durch
gewisse schmerzliche Erinnerungen gezeichnet ist. Soweit wir dafür
verantwortlich sind, bitte ich mit meinem Vorgänger Paul VI. um
Verzeihung.147
89. Es ist jedoch bedeutungsvoll und ermutigend, dab die Frage des Primats
des Bischofs von Rom gegenwärtig zum Gegenstand einer unmittelbaren bzw.
bevorstehenden Untersuchung wurde, und bedeutungsvoll und ermutigend ist
es auch, dab diese Frage nicht nur in den theologischen Gesprächen der
katholischen Kirche mit den anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften
als wesentliches Thema vertreten ist, sondern auch allgemeiner in der
ökumenischen Bewegung insgesamt. Vor kurzem haben die Teilnehmer an der
in Santiago de Compostela abgehaltenen fünften Weltversammlung der
Kommission »Glaube und Verfassung« des Ökumenischen Rates der Kirchen
empfohlen, die Versammlung »möge die Anregung geben zu einer neuen
Untersuchung über die Frage eines universalen Dienstamtes an der
christlichen Einheit«.148 Nach Jahrhunderten erbitterter Polemiken
stellen die anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften zunehmend mit
einem neuen Blick Untersuchungen über diesen Dienst an der Einheit an.149
90. Der Bischof von Rom ist der Bischof der Kirche, die die prägende Spur
des Martyriums des Petrus und des Paulus bewahrt: »Durch einen
geheimnisvollen Plan der Vorsehung beendete er 2 seinen Weg in der
Nachfolge Jesu in Rom und in Rom leistet er diesen höchsten Beweis der
Liebe und der Treue. In Rom erbringt auch der Völkerapostel Paulus das
höchste Zeugnis. Auf diese Weise wurde die Kirche von Rom die Kirche des
Petrus und des Paulus«.150
Im Neuen Testament nimmt die Gestalt des Petrus einen herausragenden Platz
ein. Im ersten Teil der Apostelgeschichte erscheint er als der Leiter und
Wortführer des als »Petrus 3 zusammen mit den Elf« (2, 14; vgl. auch 2,
37; 5, 29) bezeichneten Kollegiums der Apostel. Der dem Petrus zugewiesene
Platz gründet sich auf die Worte Christi selbst, wie sie in den
Überliefe- rungen der Evangelien wiedergegeben werden.
91. Das Matthäusevangelium beschreibt und präzisiert die pastorale
Sendung des Petrus in der Kirche: »Selig bist du, Simon Barjona; denn
nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im
Himmel. Ich aber sage dir: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich
meine Kirche bauen, und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht
überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was
du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was
du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein« (16,
17-19). Lukas hebt hervor, dab Christus dem Petrus aufträgt, die Brüder
zu stärken, ihn aber gleichzeitig seine menschliche Schwäche und die
Notwendigkeit seiner Bekehrung erkennen läbt (vgl. Lk 22, 31-32). Es ist
gerade so, als würde vor dem Hintergrund der menschlichen Schwachheit des
Petrus voll offenkundig werden, dab sein besonderes Amt in der Kirche
vollständig seinen Ursprung aus der Gnade hat; es ist, als würde sich
der Meister ganz besonders seiner Bekehrung widmen, um ihn auf die Aufgabe
vorzubereiten, die er sich anschickt, ihm in seiner Kirche anzuvertrauen,
und würde ihm gegenüber sehr anspruchsvoll sein. Dieselbe Aufgabe des
Petrus, gleichfalls verbunden mit einer realistischen Aussage über seine
Schwachheit, findet sich im vierten Evangelium: »Simon, Sohn des
Johannes, liebst du mich mehr als diese? 4 Weide meine Schafe« (vgl. Joh
21, 15-19). Bezeichnend ist auberdem, dab nach dem ersten Brief des Paulus
an die Korinther der auferstandene Christus dem Kephas erscheint, dann den
Zwölfen (vgl. 15, 5).
Wichtig ist festzuhalten, dab die Schwachheit des Petrus und des Paulus
offenbar macht, dab die Kirche auf der unendlichen Macht der Gnade
gründet (vgl. Mt 16, 17; 2 Kor 12, 7-10). Gleich nach seiner Einsetzung
wird Petrus von Christus mit seltener Strenge gerügt, der zu ihm sagt:
»Du willst mich zu Fall bringen!« (Mt 16, 23). Sollte man nicht in dem
Erbarmen, das Petrus braucht, einen Bezug zu dem Amt jener Barmherzigkeit
sehen, die er als erster erfährt? Dennoch wird er Jesus dreimal verraten.
Auch das Johannesevangelium hebt hervor, dab Petrus die Aufgabe, die Herde
zu weiden, in einem dreifachen Liebesbekenntnis (vgl. 21, 15-17)
empfängt, das dem dreifachen Verrat entspricht (vgl. 13, 38). Lukas
seinerseits beharrt in dem bereits zitierten Wort Christi, an dem die
erste Überlieferung in der Absicht, die Sendung des Petrus zu
beschreiben, festhalten wird, darauf, dab dieser, »sobald er sich bekehrt
hat, seine Brüder stärken« soll (vgl. Lk 22, 32).
92. Was Paulus betrifft, so kann er die Beschreibung seines Dienstes mit
der ergreifenden Feststellung abschlieben, die er aus dem Mund des Herrn
vernehmen darf: »Meine Gnade genügt dir; denn sie erweist ihre Kraft in
der Schwachheit«, und kann daher ausrufen: »denn wenn ich schwach bin,
dann bin ich stark« (2 Kor 12, 9-10). Das ist ein grundlegendes Merkmal
der christlichen Erfahrung.
Als Erbe der Sendung des Petrus in der vom Blut der Apostelfürsten
befruchteten Kirche übt der Bischof von Rom ein Amt aus, das seinen
Ursprung in der vielgestaltigen Barmherzigkeit Gottes hat, die die Herzen
bekehrt und mit der Kraft der Gnade erfüllt, während der Jünger den
bitteren Geschmack seiner Schwachheit und seines Elends wahrnimmt. Die
diesem Amt eigene Autorität steht ganz im Dienst des barmherzigen Planes
Gottes und mub immer in dieser Perspektive gesehen werden. Aus ihm
erklärt sich die Vollmacht dieses Amtes.
93. Durch seine Bindung an das dreifache Liebesbekenntnis des Petrus, das
dem dreifachen Verrat entspricht, weib sein Nachfolger, dab er Zeichen der
Barmherzigkeit sein mub. Sein Dienst ist ein Dienst der Barmherzigkeit,
geboren aus einem Barmherzigkeitsakt Christi. Diese ganze Lehre aus dem
Evangelium mub dauernd neu gelesen werden, damit die Ausübung des
Petrusamtes nichts von ihrer Glaubwürdigkeit und Transparenz verliert.
Die Kirche Gottes ist von Christus dazu berufen, einer im Gewirr ihrer
Schuld und ihrer üblen Vorhaben verfangenen Welt kundzutun, dab trotz
allem Gott in seiner Barmherzigkeit die Herzen zur Einheit zu bekehren
vermag, indem er sie zur Gemeinschaft mit ihm gelangen läbt.
94. Dieser im Werk der göttlichen Barmher- zigkeit verwurzelte Dienst an
der Einheit wird innerhalb des Bischofskollegiums einem von denen
anvertraut, die vom Heiligen Geist den Auftrag erhalten haben, nicht die
Macht über das Volk auszuüben — wie das die Führer der Nationen und
die Mächtigen tun (vgl. Mt 20, 25; Mk 10, 42) —, sondern es zu leiten,
damit es sich ruhigen Weiden zuwenden kann. Diese Aufgabe kann die Hingabe
des eigenen Lebens erfordern (vgl. Joh 10, 11-18). Nachdem der hl.
Augustinus dargelegt hat, dab Christus »der einzige Hirte (ist), in
dessen Einheit alle eins sind«, fordert er auf, »dab daher alle Hirten
eins sein sollen in dem einzigen Hirten, dab sie die einzige Stimme des
Hirten hören lassen sollen; dab die Schafe diese Stimme hören, ihrem
Hirten, das heibt nicht diesem oder jenem, sondern dem einen, folgen
sollen; dab alle in ihm eine einzige Stimme und nicht widersprechende
Stimmen vernehmen lassen sollen 5; die Stimme macht frei von jeder
Spaltung, reinigt von jeder Irrlehre, die die Schafe hören«.151 Der
Auftrag des Bischofs von Rom in der Gruppe aller Bischöfe besteht eben
darin, wie ein Wächter zu »wachen« (episkopein), so dab dank der Hirten
in allen Teilkirchen die wirkliche Stimme des Hirten Christus zu hören
ist. Auf diese Weise verwirklicht sich in jeder der ihnen anvertrauten
Teilkirchen die una, sancta, catholica et apostolica Ecclesia. Alle
Kirchen befinden sich in voller und sichtbarer Gemeinschaft, weil alle
Hirten in Gemeinschaft mit Petrus und so in der Einheit Christi sind.
Mit der Vollmacht und Autorität, ohne die dieses Amt illusorisch wäre,
mub der Bischof von Rom die Gemeinschaft aller Kirchen gewährleisten.
Dadurch ist er der Erste unter den Dienern an der Einheit. Dieser Primat
wird auf verschiedenen Ebenen ausgeübt; sie betreffen die wachsame
Aufsicht über die Weitergabe des Wortes, über die Feier der Sakramente
und der Liturgie, über die Mission, über die Disziplin und über das
christliche Leben. Dem Nachfolger des Petrus obliegt es, an die
Forderungen des Gemeinwohls der Kirche zu erinnern, falls jemand versucht
wäre, dies zugunsten eigener Interessen zu vergessen. Er hat die Pflicht
hinzuweisen, zu warnen und manchmal diese oder jene Meinung, die
verbreitet wird, für unvereinbar mit der Einheit des Glaubens zu
erklären. Wenn es die Umstände erfordern, spricht er im Namen aller
Hirten, die mit ihm in Gemeinschaft stehen. Er kann auch — unter ganz
bestimmten, vom I. Vatikanischen Konzil klargestellten Bedingungen — ex
cathedra erklären, dab eine Lehre zum Glaubensgut gehört.152 Durch
dieses Zeugnis der Wahrheit dient er der Einheit.
95. Das alles mub sich jedoch immer in Gemeinsamkeit vollziehen. Wenn die
katholische Kirche beteuert, dab das Amt des Bischofs von Rom dem Willen
Christi entspricht, trennt sie dieses Amt nicht von der Sendung, die allen
Bischö- fen anvertraut ist, die gleichfalls »Stellvertreter und Gesandte
Christi« sind.153 Der Bischof von Rom gehört zu ihrem »Kollegium«, und
sie sind seine Brüder im Amt.
Was die Einheit aller christlichen Gemeinschaften betrifft, gehört
natürlich in den Bereich der Sorgen des Primats. Als Bischof von Rom weib
ich sehr wohl, und habe das in der vorliegenden Enzyklika erneut
bestätigt, dab die volle und sichtbare Gemeinschaft aller Gemeinschaften,
in denen kraft der Treue Gottes sein Geist wohnt, der brennende Wunsch
Christi ist. Ich bin überzeugt, diesbezüglich eine besondere
Verantwortung zu haben, vor allem wenn ich die ökumenische Sehnsucht der
meisten christlichen Gemeinschaften feststelle und die an mich gerichtete
Bitte vernehme, eine Form der Primatsausübung zu finden, die zwar
keineswegs auf das Wesentliche ihrer Sendung verzichtet, sich aber einer
neuen Situation öffnet. Ein Jahrtausend hindurch waren die Christen
»miteinander verbunden in brüderlicher Gemeinschaft des Glaubens und des
sakramentalen Lebens, wobei dem Römischen Stuhl mit allgemeiner
Zustimmung eine Führungsrolle zukam, wenn Streitigkeiten über Glaube
oder Disziplin unter ihnen entstanden«.154
Auf diese Weise nahm der Primat seine Aufgabe an der Einheit wahr. Als ich
mich an den ökumenischen Patriarchen, Seine Heiligkeit Dimitrios I.,
wandte, habe ich gesagt, ich sei mir bewubt, dab »sich aus sehr
verschiedenen Gründen und gegen den Willen der einen wie der anderen das,
was ein Dienst sein sollte, unter einem ganz anderen Licht zeigen konnte.
Aber 6 aus dem Wunsch, wirklich dem Willen Christi zu gehorchen, sehe ich
mich als Bischof von Rom dazu gerufen, diesen Dienst auszuüben 7. Der
Heilige Geist schenke uns sein Licht und erleuchte alle Bischöfe und
Theologen unserer Kirchen, damit wir ganz offensichtlich miteinander die
Formen finden können, in denen dieser Dienst einen von den einen und
anderen anerkannten Dienst der Liebe zu verwirklichen vermag«.155
96. Eine ungeheure Aufgabe, die wir nicht zurückweisen können und die
ich allein nicht zu Ende bringen kann. Könnte die zwischen uns allen
bereits real bestehende, wenn auch unvollkommene Gemeinschaft nicht die
kirchlichen Verantwortlichen und ihre Theologen dazu veranlassen, über
dieses Thema mit mir einen brüderlichen, geduldigen Dialog aufzunehmen,
bei dem wir jenseits fruchtloser Polemiken einander anhören könnten,
wobei wir einzig und allein den Willen Christi für seine Kirche im Sinne
haben und uns von seinem Gebetsruf durchdringen lassen: »...sollen auch
sie eins sein, damit die Welt glaubt, dab du mich gesandt hast« (Joh 17,
21)?
Die Gemeinschaft aller Teilkirchen mit der Kirche von Rom: notwendige
Voraussetzung für die Einheit
97. Die katholische Kirche hält sowohl in ihrer Praxis wie in den
offiziellen Texten daran fest, dab die Gemeinschaft der Teilkirchen mit
der Kirche von Rom und die Gemeinschaft ihrer Bischöfe mit dem Bischof
von Rom ein grundlegendes Erfordernis — im Plan Gottes — für die
volle und sichtbare Gemeinschaft ist. In der Tat mub die volle
Gemeinschaft, deren höchste sakramentale Bekundung die Eucharistie ist,
ihren sichtbaren Ausdruck in einem Amt finden, in dem alle Bischöfe sich
vereint in Christus anerkennen und alle Gläubigen die Stärkung ihres
Glaubens finden. Der erste Teil der Apostelgeschichte stellt uns Petrus
als den vor, der im Namen der Apostelgruppe spricht und der Einheit der
Gemeinschaft dient — und das unter Achtung der Autorität des Jakobus,
des Oberhauptes der Kirche von Jerusalem. Diese Aufgabe des Petrus mub in
der Kirche bestehen bleiben, damit sie unter ihrem einzigen Haupt, das
Christus Jesus ist, in der Welt die sichtbare Gemeinschaft aller seiner
Jünger ist.
Ist es nicht vielleicht ein Dienstamt dieser Art, über dessen
Notwendigkeit sich heute viele von denen äubern, die sich im Ökumenismus
engagieren? Den Vorsitz in der Wahrheit und in der Liebe führen, damit
das Boot — das schöne Symbol, das der Ökumenische Rat der Kirchen zu
seinem Emblem gewählt hat — nicht von den Stürmen zum Kentern gebracht
wird und eines Tages sein Ufer erreichen kann.
Volle Einheit und Evangelisierung
98. Die ökumenische Bewegung unseres Jahrhunderts war stärker als die
ökumenischen Unternehmungen der vergangenen Jahrhunderte, deren Bedeutung
jedoch nicht unterschätzt werden darf, von einer missionarischen
Sichtweise gekennzeichnet. In dem Johannesvers, der als Inspiration und
Leitmotiv dient — »... sollen auch sie eins sein, damit die Welt
glaubt, dab du mich gesandt hast« (Joh 17, 21) —, ist damit die Welt
glaubt so nachdrücklich unterstrichen worden, dab man manchmal Gefahr
läuft zu vergessen, dab im Denken des Evangelisten die Einheit vor allem
der Ehre des Vaters gilt. Es liegt auf der Hand, dab die Spaltung der
Christen im Widerspruch zu der Wahrheit steht, die sie zu verbreiten
beauftragt sind, und daher ihr Zeugnis schwer verletzt. Das hat mein
Vorgänger Papst Paul VI. sehr wohl verstanden und in seinem Apostolischen
Schreiben Evangelii nuntiandi ausgeführt: »Als Träger der
Evangelisierung dürfen wir den an Christus Glaubenden nicht das Bild von
zerstrittenen und durch Fronten getrennten, keineswegs erbaulichen
Menschen geben, sondern das Bild von Persönlichkeiten, die im Glauben
gereift und fähig sind, einander jenseits aller konkreten Spannungen in
der gemeinsamen, aufrichtigen und lauteren Wahrheitssuche zu begegnen.
Wirklich, das Schicksal der Evangelisierung ist mit aller Bestimmtheit an
das von der Kirche gebotene Zeugnis der Einheit gebunden 8. An dieser
Stelle möchten Wir in einer besonderen Weise das Zeichen der Einheit
unter allen Christen noch eigens als Weg und Mittel der Evangelisierung
hervorheben. Die Spaltung der Christen ist ein so schwerwiegender Umstand,
dab dadurch das Werk Christi selbst in Mitleidenschaft gezogen wird«.156
Wie kann man denn das Evangelium von der Versöhnung verkünden, ohne sich
gleichzeitig tätig für die Versöhnung der Christen einzusetzen? Wenn es
wahr ist, dab die Kirche auf Antrieb des Heiligen Geistes und durch die
Verheibung der Unvergänglichkeit allen Nationen das Evangelium verkündet
hat und verkündet, so ist ebenso wahr, dab sie sich mit den
Schwierigkeiten auseinandersetzen mub, die von den Spaltungen herrühren.
Werden die Nichtglaubenden, die sich Missionaren gegenübersehen, die
untereinander zerstritten sind, obwohl sie sich alle auf Christus berufen,
imstande sein, die wahre Botschaft anzunehmen? Werden sie nicht meinen,
das Evangelium sei Faktor der Spaltung, auch wenn es als das grundlegende
Gesetz der Liebe vorgestellt wird?
99. Wenn ich beteuere, dab für mich als Bischof von Rom das ökumenische
Bemühen »eine der pastoralen Prioritäten« meines Pontifikats ist,157
so denke ich an das schwere Hindernis, das die Spaltung für die
Verkündigung des Evangeliums darstellt. Eine christliche Gemeinschaft,
die an Christus glaubt und mit der Leidenschaftlichkeit des Evangeliums
das Heil der Menschheit ersehnt, kann sich keinesfalls dem Anruf des
Geistes verschlieben, der alle Christen zur vollen und sichtbaren Einheit
anleitet. Es handelt sich um einen der Imperative der Liebe, der ohne
Abstriche erfüllt werden mub. Der Ökumenismus ist ja nicht nur eine
interne Frage der christlichen Gemeinschaften. Er betrifft die Liebe, die
Gott in Jesus Christus der ganzen Menschheit zugedacht hat, und diese
Liebe behindern bedeutet eine Beleidigung für ihn und seinen Plan, alle
in Christus zusammenzuführen. Papst Paul VI. schrieb an den Ökumenischen
Patriarchen Athenagoras I.: »Möge uns der Heilige Geist auf dem Weg der
Versöhnung leiten, damit die Einheit unserer Kirchen ein immer
leuchtenderes Zeichen der Hoffnung und des Trostes für die ganze
Menschheit werde«.158
ERMAHNUNG
100. Als ich mich kürzlich an die Bischöfe, den Klerus und die
Gläubigen der katholischen Kirche wandte, um den Weg anzugeben, der im
Hinblick auf die Feier des Groben Jubiläumsjahres zweitausend
eingeschlagen werden soll, habe ich unter anderem gesagt, »die beste
Vorbereitung auf die Jahreswende zweitausend wird nur in dem erneuerten
Einsatz für eine möglichst getreue Anwendung der Lehre des II.
Vatikanums auf das Leben jedes einzelnen und der ganzen Kirche Ausdruck
finden können«.159 Das Konzil ist — wie der Advent — der grobe
Anfang jenes Weges, der uns an die Schwelle des dritten Jahrtausends
führt. Angesichts der Bedeutung, die die Konzilsversammlung dem Bemühen
um die Wiederherstellung der Einheit der Christen beigemessen hat, schien
es mir in diesem unserem Zeitalter ökumenischer Begnadung notwendig, die
Grundüberzeugungen, die das Konzil dem Gewissen der katholischen Kirche
eingeprägt hat, dadurch zu bekräftigen, dab ich diese Grundsätze im
Lichte der Fortschritte in Erinnerung brachte, die inzwischen auf dem Weg
zur vollen Gemeinschaft aller Getauften erzielt worden sind.
Zweifellos ist in diesem Bemühen der Heilige Geist am Werk und geleitet
die Kirche zur vollen Verwirklichung des Planes des Vaters gemäb dem
Willen Christi, wie er mit so betrübter Eindringlichkeit im Gebet
ausgedrückt ist, das — nach dem vierten Evangelium — in dem
Augenblick seine Lippen überkommt, als er sich in das heilbringende Drama
seines Pascha begibt. So wie damals bittet Christus auch heute, dab ein
neuer Schwung den Einsatz jedes einzelnen für die volle und sichtbare
Gemeinschaft beleben möge.
101. Ich fordere daher meine Brüder im Bischofsamt auf, diesem Einsatz
jede nur erdenkliche Aufmerksamkeit zu schenken. Die beiden Codices des
kanonischen Rechtes erneuern unter den Verantwortlichkeiten des Bischofs
die Aufgabe, die Einheit aller Christen zu fördern, indem sie jede
Tätigkeit oder Initiative zu ihrer Förderung unterstützen, wohl
wissend, dab die Kirche kraft des Willens Christi dazu gehalten ist.160
Das gehört zum bischöflichen Auftrag und ist eine Verpflichtung, die
sich direkt aus der Treue zu Christus, dem Hirten der Kirche, ergibt. Es
sind aber auch alle Gläubigen vom Geist Gottes eingeladen, ihr
Möglichstes zu tun, damit sich die Bande der Gemeinschaft unter allen
Christen festigen und die Zusammenarbeit der Jünger Christi wächst:
»Die Sorge um die Wiederherstellung der Einheit ist Sache der ganzen
Kirche, sowohl der Gläubigen wie auch der Hirten, und geht einen jeden
an, je nach seiner Fähigkeit«.161
102. Die Macht des Geistes Gottes läbt über die Jahrhunderte hin die
Kirche wachsen und baut sie auf. Mit dem Blick auf das neue Jahrtausend
bittet die Kirche den Geist um die Gnade, ihre Einheit zu stärken und sie
zur vollen Gemeinschaft mit den anderen Christen wachsen zu lassen.
Wie ist das zu erreichen? Zuallererst durch das Gebet. Das Gebet sollte
immer von jener Unruhe erfüllt sein, die Streben nach der Einheit und
deshalb eine der notwendigen Formen der Liebe ist, die wir für Christus
und für den von Erbarmen erfüllten Vater hegen. Auf diesem Weg, den wir
zusammen mit den anderen Christen in das neue Jahrtausend einschlagen, mub
das Gebet den Vorrang haben.
Wie ist das zu erreichen? Durch die Danksagung, da wir uns nicht mit
leeren Händen an diesem Zielpunkt einfinden: »So nimmt sich auch der
Geist unserer Schwacheit an 1 der Geist selber tritt jedoch für uns ein
mit Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können« (Röm 8, 26), um uns
vorzubereiten, dab wir Gott um das bitten, was wir brauchen.
Wie ist das zu erreichen? Durch Hoffnung auf den Geist, der uns von den
Gespenstern der Vergangenheit, von den schmerzlichen Erinnerungen der
Trennung abzubringen vermag; er kann uns Klarheit, Kraft und Mut
verleihen, um die nötigen Schritte zu unternehmen, so dab unser
Engagement immer glaubwürdiger wird.
Wenn wir uns fragen wollten, ob denn das alles möglich sei, würde die
Antwort immer lauten: ja. Dieselbe Antwort, die von Maria von Nazaret zu
hören war, denn bei Gott ist kein Ding unmöglich.
Da kommen mir die Worte in den Sinn, mit denen der hl. Cyprian das
Vaterunser, das Gebet aller Christen, kommentiert: »Gott nimmt das Opfer
dessen nicht an, der in Zwietracht lebt, ja er befiehlt ihm, wegzugehen
vom Altar und sich zuerst mit seinem Bruder zu versöhnen. Nur so werden
unsere Gebete vom Frieden inspiriert sein, und Gott wird sie annehmen. Das
gröbte Opfer, das wir Gott darbringen können, ist unser Friede und die
brüderliche Eintracht, ist das von der Einheit des Vaters, des Sohnes und
des Heiligen Geistes versammelte Volk«.162
Sollten wir zu Beginn des neuen Jahrtausends nicht mit erneutem Schwung
und reiferem Bewubtsein den Herrn inständig um die Gnade bitten, uns alle
auf dieses Opfer der Einheit vorzubereiten?
103. Ich, Johannes Paul, demütiger servus servorum Dei, erlaube mir, mir
die Wortes des Apostels Paulus zu eigen zu machen, dessen Martyrium,
zusammen mit dem des Apostels Petrus, diesem Stuhl von Rom den Glanz
seines Zeugnisses verliehen hat, und sage euch, den Gläubigen der
katholischen Kirche, und euch, den Brüdern und Schwestern der anderen
Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, »kehrt zur Ordnung zurück, labt
euch ermahnen, seid eines Sinnes, und lebt in Frieden! Dann wird der Gott
der Liebe und des Friedens mit euch sein 2. Die Gnade Jesu Christi, des
Herrn, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit
euch allen« (2 Kor 13, 11.13).
Gegeben zu Rom bei Sankt Peter, am 25. Mai, dem Hochfest der
Himmelfahrt Christi, des Jahres 1995, im 17. Jahr meines Pontifikates.
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