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ENZYKLIKA
VERITATIS SPLENDOR
VON PAPST
JOHANNES PAUL II
AN ALLE BISCHÖFE
DER KATHOLISCHEN KIRCHE
ÜBER EINIGE GRUNDLEGENDE FRAGEN
DER KIRCHLICHEN MORALLEHRE
Verehrte Mitbrüder im Bischofsamt!
Gruß und Apostolischen Segen!
DER GLANZ DER WAHRHEIT erstrahlt in den Werken des Schöpfers und in
besonderer Weise in dem nach dem Abbild und Gleichnis Gottes geschaffenen
Menschen (vgl. Gen 1, 26): die Wahrheit erleuchtet den Verstand und formt
die Freiheit des Menschen, der auf diese Weise angeleitet wird, den Herrn
zu erkennen und zu lieben. Darum betet der Psalmist: »Herr, laß dein
Angesicht über uns leuchten!« (Ps 4, 7).
EINLEITUNG
Jesus Christus, das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet
1. Durch den Glauben an Jesus Christus, »das wahre Licht, das jeden
Menschen erleuchtet« (Joh 1, 9), zum Heil berufen, werden die Menschen
»Licht durch den Herrn« und »Kinder des Lichts« (Eph 5, 8) und
heiligen sich durch den »Gehorsam gegenüber der Wahrheit« (1 Petr 1,
22).
Dieser Gehorsam ist nicht immer leicht. In der Folge der geheimnisvollen
Ursünde, begangen auf Anstiftung Satans, der »ein Lügner und der Vater
der Lüge ist« (Joh 8, 44), ist der Mensch immerfort versucht, seinen
Blick vom lebendigen und wahren Gott ab- und den Götzen zuzuwenden (vgl.
1 Thess 1, 9), während er »die Wahrheit Gottes mit der Lüge«
vertauscht (Röm 1, 25); damit wird auch seine Fähigkeit, die Wahrheit zu
erkennen, beeinträchtigt und sein Wille, sich ihr zu unterwerfen,
geschwächt. Und so geht er, während er sich dem Relativismus und
Skeptizismus überläßt (vgl. Joh 18, 38), auf die Suche nach einer
trügerischen Freiheit außerhalb dieser Wahrheit.
Aber keine Finsternis des Irrtums und der Sünde vermag das Licht des
Schöpfergottes im Menschen völlig auszulöschen. In der Tiefe seines
Herzens besteht immer weiter die Sehnsucht nach der absoluten Wahrheit und
das Verlangen, in den Vollbesitz ihrer Erkenntnis zu gelangen. Davon gibt
das unermüdliche menschliche Suchen und Forschen auf jedem Gebiet ein
beredtes Zeugnis. Das beweist noch mehr die Suche nach dem Sinn des
Lebens. Die Entwicklung von Wissenschaft und Technik ist zwar ein
großartiges Zeugnis der Fähigkeit des Verstandes und der Ausdauer der
Menschen, befreit aber die Menschheit nicht davon, sich letzte religiöse
Fragen zu stellen, sie spornt sie vielmehr dazu an, die schmerzlichsten
und entscheidendsten Kämpfe, jene im Herzen und im Gewissen, auszutragen.
2. Jeder Mensch muß sich den grundlegenden Fragen stellen: Was soll ich
tun? Wie ist das Gutevom Bösen zu unterscheiden? Die Antwort ist, wie der
Psalmist bezeugt, nur möglich dank des Glanzes der Wahrheit, die im
Innersten des menschlichen Geistes erstrahlt: »Viele sagen: 'Wer macht
uns das Gute sehen?' Herr, laß dein Angesicht über uns leuchten!« (Ps
4, 7).
Gott läßt sein Angesicht in seiner ganzen Schönheit leuchten über dem
Angesicht Jesu Christi, »Ebenbild des unsichtbaren Gottes« (Kol 1, 15),
»Abglanz seiner Herrlichkeit« (Hebr 1, 3), »voll Gnade und Wahrheit«
(Joh 1, 14): Er ist »der Weg, die Wahrheit und das Leben« (Joh 14, 6).
Darum wird die entscheidende Antwort auf jede Frage des Menschen,
insbesondere auf seine religiösen und moralischen Fragen, von Jesus
Christus gegeben, ja ist Jesus Christus selbst die Antwort, wie das II.
Vatikanische Konzil in Erinnerung bringt: »Tatsächlich klärt sich nur
im Geheimnis des fleischgewordenen Wortes das Geheimnis des Menschen
wahrhaft auf: Denn Adam, der erste Mensch, war das Vorausbild des
zukünftigen, nämlich Christi des Herrn. Christus, der neue Adam, macht
eben in der Offenbarung des Geheimnisses des Vaters und seiner Liebe dem
Menschen den Menschen selbst voll kund und erschließt ihm seine höchste
Berufung«.(1)
Jesus Christus, »das Licht der Völker«, erleuchtet das Angesicht seiner
Kirche, die er in die ganze Welt aussendet, allen Geschöpfen das
Evangelium zu verkünden (vgl. Mk 12, 15).(2) So bietet die Kirche, Volk
Gottes inmitten der Nationen,(3) während sie die neuen Herausforderungen
der Geschichte und die Bemühungen berücksichtigt, die die Menschen bei
der Suche nach dem Sinn des Lebens unternehmen, allen die Antwort an, die
aus der Wahrheit Jesu Christi und seines Evangeliums herrührt. In der
Kirche ist immer das Bewußtsein lebendig, daß ihr »allzeit die Pflicht
(obliegt), nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des
Evangeliums zu deuten. So kann sie dann in einer jeweils einer Generation
angemessenen Weise auf die bleibenden Fragen der Menschen nach dem Sinn
des gegenwärtigen und des zukünftigen Lebens und nach dem Verhältnis
beider zueinander Antwort geben«.(4)
3. In diesem Bemühen sind die Bischöfe der Kirche in Gemeinschaft mit
dem Nachfolger Petri den Gläubigen nahe, sie begleiten und lenken sie mit
ihrem Lehramt, wobei sie immer neue Akzente für Liebe und Barmherzigkeit
finden, um sich nicht nur an die Gläubigen, sondern an alle Menschen
guten Willens zu wenden. Das II. Vatikanische Konzil bleibt ein
hervorragendes Zeugnis für diese Haltung der Kirche, die sich, »erfahren
in den Fragen, die den Menschen betreffen«,(5) in den Dienst jedes
Menschen und des ganzen Menschen stellt.(6)
Die Kirche weiß, daß der moralische Anspruch jeden Menschen im Innersten
erreicht, daß er alle miteinbezieht, auch jene, die Christus und sein
Evangelium nicht kennen und nicht einmal etwas von Gott wissen. Sie weiß,
daß eben auf dem Weg des sittlichen Lebens allen der Weg zum Heil
offensteht, woran das II. Vatikanische Konzil mit aller Klarheit erinnert,
wenn es schreibt: »Wer nämlich das Evangelium Christi und seine Kirche
ohne Schuld nicht kennt, Gott aber aus ehrlichem Herzen sucht, seinen im
Anruf des Gewissens erkannten Willen unter dem Einfluß der Gnade in der
Tat zu erfüllen trachtet, kann das ewige Heil erlangen«. Und es fügt
hinzu: »Die göttliche Vorsehung verweigert auch denen das zum Heil
Notwendige nicht, die ohne Schuld noch nicht zur ausdrücklichen
Anerkennung Gottes gekommen sind, jedoch, nicht ohne die göttliche Gnade,
ein rechtes Leben zu führen sich bemühen. Was sich nämlich an Gutem und
Wahrem bei ihnen findet, wird von der Kirche als Vorbereitung für die
Frohbotschaft und als Gabe dessen geschätzt, der jeden Menschen
erleuchtet, damit er schließlich das Leben habe«.(7)
Gegenstand der vorliegenden Enzyklika
4. Seit jeher, aber vor allem im Lauf der beiden letzten Jahrhunderte
haben die Päpste sowohl persönlich wie gemeinsam mit dem
Bischofskollegium eine Sittenlehre entwickelt und vorgelegt, die die
vielfältigen und verschiedenen Bereiche des menschlichen Lebens
berücksichtigt. Im Namen und mit der Autorität Jesu Christi haben sie
ermahnt, verkündet, erklärt; in Treue zu ihrer Sendung, im Ringen für
den Menschen haben sie bestärkt, aufgerichtet und getröstet; mit der
Garantie des Beistands des Geistes der Wahrheit haben sie zu einem
besseren Verständnis der sittlichen Ansprüche im Bereich der
menschlichen Sexualität, der Familie, des sozialen, wirtschaftlichen und
politischen Lebens beigetragen. Ihre Lehre stellt sowohl innerhalb der
Überlieferung der Kirche wie der Menschheitsgeschichte eine ständige
Vertiefung der sittlichen Erkenntnis dar.(8)
Doch heute erscheint es notwendig, über die Morallehre der Kirche
insgesamt nachzudenken, mit der klaren Zielsetzung, einige fundamentale
Wahrheiten der katholischen Lehre in Erinnerung zu rufen, die im heutigen
Kontext Gefahr laufen, verfälscht oder verneint zu werden. Es ist
nämlich eine neue Situation gerade innerhalb der christlichen
Gemeinschaft entstanden, die hinsichtlich der sittlichen Lehren der Kirche
die Verbreitung vielfältiger Zweifel und Einwände menschlicher und
psychologischer, sozialer und kultureller, religiöser und auch im
eigentlichen Sinne theologischer Art erfahren hat. Es handelt sich nicht
mehr um begrenzte und gelegentliche Einwände, sondern um eine globale und
systematische Infragestellung der sittlichen Lehrüberlieferung aufgrund
bestimmter anthropologischer und ethischer Auffassungen. Diese haben ihre
Wurzel in dem mehr oder weniger verborgenen Einfluß von Denkströmungen,
die schließlich die menschliche Freiheit der Verwurzelung in dem ihr
wesentlichen und für sie bestimmenden Bezug zur Wahrheit beraubt. So wird
die herkömmliche Lehre über das Naturgesetz, über die Universalität
und bleibende Gültigkeit seiner Gebote abgelehnt; Teile der kirchlichen
Moralverkündigung werden für schlechthin unannehmbar gehalten; man ist
der Meinung, das Lehramt dürfe sich in Moralfragen nur einmischen, um die
»Gewissen zu ermahnen« und »Werte vorzulegen«, nach denen dann ein
jeder autonom die Entscheidungen und Entschlüsse seines Lebens
inspirieren wird.
Hervorgehoben werden muß im besonderen die Diskrepanz zwischen der
herkömmlichen Antwort der Kirche und einigen, auch in den
Priesterseminaren und an den theologischen Fakultäten verbreiteten
theologischen Einstellungen zu Fragen, die für die Kirche und für das
Glaubensleben der Christen, ja für das menschliche Zusammenleben
überhaupt, von allergrößter Bedeutung sind. Hier wird insbesondere
gefragt: Besitzen die Gebote Gottes, die dem Menschen ins Herz geschrieben
sind und Bestandteil des Bundes Gottes mit ihm sind, tatsächlich die
Fähigkeit, die täglichen Entscheidungen der einzelnen Menschen und der
gesamten Gesellschaft zu erleuchten? Ist es möglich, Gott zu gehorchen
und damit Gott und den Nächsten zu lieben, ohne diese Gebote unter allen
Umständen zu respektieren? Verbreitet ist auch der Zweifel am engen und
untrennbaren Zusammenhang zwischen Glaube und Moral, so als würde sich
die Zugehörigkeit zur Kirche und deren innere Einheit allein durch den
Glauben entscheiden, während man in Sachen Moral einen Pluralismus von
Anschauungen und Verhaltensweisen dulden könnte, je nach Urteil des
individuellen subjektiven Gewissens bzw. der Verschiedenheit der sozialen
und kulturellen Rahmenbedingungen.
5. In einem derartigen noch immer aktuellen Kontext ist in mir der
Entschluß gereift, eine Enzyklika zu schreiben, die - wie ich in dem am
1. August 1987 aus Anlaß des 200. Todestages des hl. Alfonso Maria von
Liguori veröffentlichten Apostolischen Schreiben Spiritus Domini
angekündigt habe - »umfassender und gründlicher die Fragen, die die
eigentlichen Grundlagen der Moraltheologie betreffen«,(9) behandeln soll,
Grundlagen, die durch einige Richtungen der heutigen Moraltheologie
angegriffen werden.
Ich wende mich an euch, ehrwürdige Brüder im Bischofsamt, die ihr mit
mir die Verantwortung teilt, die »gesunde Lehre« (2 Tim 4, 3) zu
bewahren, mit der Absicht, einige Aspekte der Lehre zu präzisieren, die
entscheidend sind, um dem zu begegnen, was man wohl ohne Zweifel eine
echte Krise nennen muß, so ernst sind die Schwierigkeiten, die daraus
für das moralische Leben der Gläubigen und für die Gemeinschaft in der
Kirche wie auch für ein gerechtes und solidarisches soziales Leben
folgen.
Wenn diese seit langem erwartete Enzyklika erst jetzt veröffentlicht
wird, dann auch deshalb, weil es angebracht erschien, ihr den Katechismus
der katholischen Kirche vorausgehen zu lassen, der eine vollständige und
systematische Darlegung der christlichen Morallehre enthält. Der
Katechismus stellt das sittliche Leben der Gläubigen in seinen Grundlagen
und in seinen vielfältigen Inhalten als Leben der »Kinder Gottes« vor:
»Im Glauben ihrer neuen Würde bewußt, sollen die Christen fortan so
leben, 'wie es dem Evangelium Christi entspricht' (Phil 1, 27). Sie werden
dazu befähigt durch die Gnade Christi und die Gabe seines Geistes, die
sie durch die Sakramente und das Gebet erhalten«.(10) Indem sie auf den
Katechismus »als sicheren und maßgebenden Text für die Unterweisung in
der katholischen Lehre«(11) verweist, wird sich die Enzyklika darauf
beschränken, sich mit einigen grundlegenden Fragen der Morallehre der
Kirche auseinanderzusetzen, und dies in Form einer notwendigen Klärung
von Problemen, die unter den Ethikern und Moraltheologen umstritten sind.
Das ist das spezifische Thema der vorliegenden Enzyklika, der es darum
geht, hinsichtlich der erläuterten Probleme die Erfordernisse einer auf
die Heilige Schrift und die lebendige apostolische Überlieferung
gegründeten Morallehre darzulegen(12) und zugleich die Voraussetzungen
und Folgen der Entgegnungen aufzuzeigen, die sich gegen diese Lehre
richteten.
KAPITEL 1
»MEISTER, WAS MUSS ICH GUTES TUN...?« (Mt 19, 16)
Christus und die Antwort auf die moralische Frage
»Es kam ein Mann zu Jesus...« (Mt 19, 16)
6. Das Gespräch Jesu mit dem reichen Jüngling, das im 19. Kapitel des
Evangeliums des hl. Matthäus wiedergegeben wird, kann uns eine nützliche
Spur sein, um seine Morallehre in lebendiger, eindringlicher Weise neu zu
hören: »Es kam ein Mann zu Jesus und fragte: Meister, was muß ich Gutes
tun, um das ewige Leben zu gewinnen? Er antwortete: Was fragst du mich
nach dem Guten? Nur einer ist 'der Gute'. Wenn du aber das Leben erlangen
willst, halte die Gebote! Darauf fragte er ihn: Welche? Jesus antwortete:
Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht
stehlen, du sollst nicht falsch aussagen; ehre Vater und Mutter! Und: Du
sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! Der junge Mann erwiderte
ihm: Alle diese Gebote habe ich befolgt. Was fehlt mir jetzt noch? Jesus
antwortete ihm: Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz
und gib das Geld den Armen; so wirst du einen bleibenden Schatz im Himmel
haben; dann komm und folge mir nach« (Mt 19, 16-21).(13)
7. »Es kam ein Mann zu Jesus.. . «. In dem jungen Mann, dessen Namen das
Matthäusevangelium nicht nennt, können wir jeden Menschen erkennen, der,
bewußt oder unbewußt, an Christus, den Erlöser des Menschen, herantritt
und ihm die moralische Frage stellt. Für den jungen Mann ist es nicht
zuerst eine Frage nach den Regeln, die befolgt werden müssen, als
vielmehr eine Frage nach Sinnerfüllung für das Leben. Und in der Tat
liegt dem Menschen bei jeder Entscheidung und jeder Handlung dieses
Verlangen am Herzen; es ist die stille Suche und der innere Anstoß, der
die Freiheit in Bewegung setzt. Diese Frage ist letzten Endes ein Appell
an das absolute Gute, das uns anzieht und uns zu sich ruft, sie ist der
Widerhall einer Berufung durch Gott, Ursprung und Ziel des Lebens des
Menschen. Genau aus dieser Sicht hat das II. Vatikanische Konzil dazu
aufgefordert, die Moraltheologie so zu vervollkommnen, daß sie die
Erhabenheit der Berufung, die die Gläubigen in Christus empfangen
haben,(14) als die einzige Antwort darlegt, die die Sehnsucht des
Menschenherzens voll stillt.
Damit die Menschen diese »Begegnung« mit Christus verwirklichen können,
hat Gott seine Kirche gewollt. In der Tat, »diesem Ziel allein möchte
die Kirche dienen: jeder Mensch soll Christus finden können, damit
Christus jeden einzelnen auf seinem Lebensweg begleiten kann«.(15)
»Meister, was muß ich Gutes tun, um das ewige Leben zu gewinnen?« (Mt
19, 16)
8. Aus der Tiefe des Herzens kommt die Frage, die der reiche Jüngling an
Jesus von Nazaret richtet, eine Frage, die für das Leben jedes Menschen
wesentlich und unausweichlich ist: denn sie betrifft das im eigenen Tun zu
vollbringende sittlich Gute und das ewige Leben. Der Gesprächspartner
Jesu ahnt, daß ein Zusammenhang zwischen dem sittlich Guten und der
vollen Erfüllung der eigenen Bestimmung besteht. Er ist ein frommer Jude,
der sozusagen im Schatten des Gesetzes des Herrn aufgewachsen ist. Wenn er
Jesus diese Frage stellt, dürfen wir annehmen, daß er das nicht deshalb
tut, weil er die im Gesetz enthaltene Antwort nicht kennt.
Wahrscheinlicher ist, daß die Ausstrahlung der Person Jesu in ihm neue
Fragen bezüglich des sittlich Guten aufbrechen ließ. Er spürt das
Bedürfnis, dem zu begegnen, der seine Predigttätigkeit mit dieser neuen,
entscheidenden Ankündigung begonnen hatte: »Die Zeit ist erfüllt, das
Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!« (Mk 1,
15).
Der Mensch von heute muß sich aufs neue an Christus wenden, um von ihm
die Antwort darauf zu erhalten, was gut und was schlecht ist. Er ist der
Meister, der Auferstandene, der das Leben in sich hat und der in seiner
Kirche und in der Welt immer gegenwärtig ist. Er erschließt den
Gläubigen das Buch der Schrift und lehrt durch die volle Offenbarung des
Willens des Vaters die Wahrheit über das sittliche Handeln. Am Ursprung
und am Höhepunkt des Heilsplanes, des Alphas und Omegas der menschlichen
Geschichte (vgl. Offb 1, 8; 21, 6; 22, 13), enthüllt Christus die Lage
des Menschen und seine volle Berufung. Darum muß sich »der Mensch, der
sich selbst bis in die Tiefe verstehen will - nicht nur nach unmittelbar
zugänglichen, partiellen, oft oberflächlichen und sogar nur scheinbaren
Kriterien und Maßstäben des eigenen Seins -, mit seiner Unruhe,
Unsicherheit und auch mit seiner Schwäche und Sündigkeit, mit seinem
Leben und Tod Christus nahen. Er muß sozusagen mit seinem ganzen Selbst
in ihn eintreten, muß sich die ganze Wirklichkeit der Menschwerdung und
der Erlösung 'aneignen' und assimilieren, um sich selbst zu finden. Wenn
sich in ihm dieser tiefgreifende Prozeß vollzieht, wird er nicht nur zur
Anbetung Gottes veranlaßt, sondern gerät auch in tiefes Staunen über
sich selbst«.(16)
Wenn wir also in das Innerste der Moral des Evangeliums vordringen und
ihren tiefen und unwandelbaren Inhalt erfassen wollen, müssen wir
sorgfältig den Sinn der von dem reichen Jüngling des Evangeliums
gestellten Frage und mehr noch den Sinn der Antwort Jesu erforschen, indem
wir uns von ihm leiten lassen. Jesus antwortet nämlich mit pädagogischer
Einfühlung und Behutsamkeit, indem er den jungen Mann gleichsam an der
Hand nimmt und Schritt für Schritt zur Wahrheit hinführt.
»Nur einer ist 'der Gute'« (Mt 19, 17)
9. Jesus sagt: »Was fragst du mich nach dem Guten? Nur einer ist 'der
Gute'. Wenn du aber das Leben erlangen willst, halte die Gebote!« (Mt 19,
17). In der Fassung der Evangelisten Markus und Lukas lautet die Frage so:
»Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut außer Gott, dem Einen« (Mk
10, 18; vgl. Lk 18, 19).
Bevor Jesus auf die Frage antwortet, möchte er, daß der junge Mann sich
selbst über das Motiv seiner Frage klar wird. Der »gute Meister« weist
seinen Gesprächspartner - und uns alle - darauf hin, daß die Antwort auf
die Frage: »Was muß ich Gutes tun, um das ewige Leben zu gewinnen?«,
nur dadurch gefunden werden kann, daß sich Verstand und Herz dem
zuwenden, der »allein der Gute« ist: »Niemand ist gut außer Gott, dem
Einen« (Mk 10, 18; vgl. Lk 18, 19). Nur Gott kann auf die Frage nach dem
Guten antworten, weil er das Gute ist.
In der Tat bedeutet sich nach dem Guten zu fragen letzten Endes, sich
Gott, der Fülle des Guten, zuzuwenden. Jesus zeigt, daß die Frage des
jungen Mannes in der Tat eine religiöse Frage ist und daß das Gute, das
den Menschen anzieht und zugleich verpflichtet, seine Quelle in Gott hat,
ja Gott selber ist. Er, der allein würdig ist, »mit ganzem Herzen, mit
ganzer Seele und mit allen Gedanken« (Mt 22, 37) geliebt zu werden. Jesus
führt die Frage nach dem sittlich guten Tun zurück auf ihre religiösen
Wurzeln, auf die Anerkennung Gottes, des einzig Guten, Fülle des Lebens,
Endziel des menschlichen Handelns, vollkommene Glückseligkeit.
10. Die von den Worten des Meisters unterwiesene Kirche glaubt, daß der
Mensch, der nach dem Abbild des Schöpfers geschaffen, mit dem Blut
Christi erlöst und von der Gegenwart des Heiligen Geistes geheiligt
wurde, als Endziel seines Lebens das Sein »zum Lob der Herrlichkeit«
Gottes hat (vgl. Eph 1, 12), indem er bewirkt, daß jede seiner Handlungen
dessen Herrlichkeit widerspiegelt. »Erkenne dich also selbst, o schöne
Seele: du bist das Abbild Gottes - schreibt der hl. Ambrosius. Erkenne
dich selbst, o Mensch: du bist der Abglanz Gottes (1 Kor 11, 7). Höre, in
welcher Weise du sein Abglanz bist. Der Prophet sagt: Zu wunderbar ist
für mich dieses Wissen, zu hoch, ich kann es nicht begreifen (Ps 139, 6),
das heißt: in meinem Tun ist deine Majestät am wunderbarsten, deine
Weisheit wird im Verstand des Menschen gepriesen. Während ich, den du in
den geheimsten Gedanken und tiefsten Gefühlen durchschaust, mich selbst
betrachte, erkenne ich die Geheimnisse deines Wissens. Erkenne dich also
selbst, o Mensch, erkenne, wie groß du bist, und wache über
dich...«.(17)
Was der Mensch ist und tun soll, wird offenkundig im Augenblick der
Selbstoffenbarung Gottes. Die Zehn Gebote gründen sich in der Tat auf die
Worte: »Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten herausgeführt
hat, aus dem Sklavenhaus. Du sollst neben mir keine anderen Götter
haben« (Ex 20, 2-3). Auf den »zehn Gebotstafeln« des Bundes mit Israel
und im ganzen Gesetz gibt sich Gott als der zu erkennen, der »allein gut
ist«; als der, der trotz der Sünde des Menschen weiterhin das »Modell«
des sittlichen Handelns bleibt, seiner eigenen Aufforderung entsprechend:
»Seid heilig, denn ich, der Herr, euer Gott, bin heilig« (Lev 19, 2);
als der, der seiner Liebe zum Menschen getreu, ihm sein Gesetz schenkt
(vgl. Ex 19, 9-24 und 20, 18-21), um die ursprüngliche Harmonie mit dem
Schöpfer und mit der ganzen Schöpfung wiederherzustellen, und noch mehr,
um ihn in seine Liebe einzuführen: »Ich gehe in eurer Mitte; ich bin
euer Gott, und ihr seid mein Volk« (Lev 26, 12).
Das sittliche Leben erscheint als geschuldete Antwort auf die freien
Initiativen, die Gottes Liebe dem Menschen unbegrenzt zuteil werden
läßt. Es ist nach der Aussage, die das Buch Deuteronomium über das
grundlegende Gebot macht, eine Antwort der Liebe: »Höre Israel! Jahwe,
unser Gott, Jahwe ist einzig. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott,
lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft. Diese
Worte, auf die ich dich heute verpflichte, sollen auf deinem Herzen
geschrieben stehen. Du sollst sie deinen Söhnen wiederholen« (Dtn 6,
4-7).
So ist das in die unverdiente Liebe Gottes eingebettete sittliche Leben
dazu berufen, Gottes Herrlichkeit widerzuspiegeln: »Für den, der Gott
liebt, genügt es, dem zu gefallen, den er liebt: er braucht nach keinem
anderen, größeren Entgelt für diese Liebe zu suchen; denn die Liebe
stammt so von Gott, daß Gott selbst Liebe ist«.(18)
11. Die Feststellung, daß »nur einer gut ist«, verweist uns also auf
die »erste Tafel« der Gebote, die dazu aufruft, Gott als den einzigen
Herrn und den Absoluten anzuerkennen und aufgrund seiner unergründlichen
Heiligkeit nur ihn zu verehren (vgl. Ex 20, 2-11). Das Gute besteht darin,
Gott zu gehören, ihm zu gehorchen, demütig mit ihm unseren Weg zu gehen,
Gerechtigkeit zu üben und die Güte zu lieben (vgl. Mich 6, 8). Den Herrn
als Gott anzuerkennen, ist der fundamentale Kern, das Herzstück des
Gesetzes, von dem sich die einzelnen Gebote herleiten und dem sie
untergeordnet sind. Durch die Moral der Gebote wird die Zugehörigkeit des
Volkes Israel zum Herrn offenkundig, denn Gott allein ist derjenige, der
gut ist. Das ist das Zeugnis der Heiligen Schrift, die auf jeder ihrer
Seiten von der Wahrnehmung der absoluten Heiligkeit Gottes durchdrungen
ist: »Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heere« (Jes 6, 3).
Aber wenn nur Gott das Gute ist, gelingt es keiner menschlichen
Anstrengung, auch nicht der strengsten Einhaltung der Gebote, das Gesetz
»zu erfüllen«, das heißt den Herrn als Gott anzuerkennen und ihm die
nur ihm allein gebührende Verehrung zu erweisen (vgl. Mt 4, 10). Die
»Erfüllung« kann nur von einem Geschenk Gottes herkommen: es ist das
Angebot einer Teilhabe am göttlichen Gutsein, das sich in Jesus offenbart
und mitteilt, ihm, den der reiche Jüngling mit den Worten »guter
Meister« anredet (vgl. Mk 10, 17; Lk 18, 18). Was der junge Mann jetzt
vielleicht nur zu ahnen vermag, wird schließlich von Jesus selbst voll
enthüllt werden in seiner Aufforderung: »Komm und folge mir nach!« (Mt
19, 21).
»Wenn du aber das Leben erlangen willst, halte die Gebote« (Mt 19, 17)
12. Nur Gott vermag auf die Frage nach dem Guten zu antworten, weil er das
Gute ist. Aber Gott hat bereits auf diese Frage geantwortet: Er hat das
dadurch getan, daß er den Menschen geschaffen und mit Weisheit und Liebe
durch das ihm ins Herz geschriebene Gesetz (vgl. Röm 2, 15), das
»natürliche Gesetz«, auf sein Ziel hingeordnet hat. Dieses natürliche
Gesetz ist »nichts anderes als das von Gott uns eingegebene Licht des
Verstandes. Dank seiner wissen wir, was man tun und was man meiden soll.
Dieses Licht und dieses Gesetz hat Gott uns bei der Erschaffung
geschenkt«.(19) Er hat es dann in der Geschichte Israels im besonderen
mit den »zehn Tafeln«, das heißt mit den Geboten vom Sinai, getan,
durch die Gott die Existenz des Bundesvolkes begründet (vgl. Ex 24) und
es dazu berufen hat, »unter allen Völkern sein besonderes Eigentum«,
»ein heiliges Volk« zu sein (vgl. Ex 19, 5-6), das seine Heiligkeit
unter allen Völkern erstrahlen lassen möge (vgl. Weish 18, 4; Ez 20,
41). Das Geschenk der Zehn Gebote ist Verheißung und Zeichen des Neuen
Bundes, wenn das Gesetz wiederum und endgültig in das Herz des Menschen
hineingeschrieben werden wird (vgl. Jer 31, 31-34) und an die Stelle des
Gesetzes der Sünde tritt, die dieses Herz entstellt hatte (vgl. Jer 17,
1). Dann wird ihm »ein neues Herz« geschenkt, denn in ihm wird »ein
neuer Geist«, der Geist Gottes, wohnen (vgl. Ez 36, 24-28).(20)
Nach der bedeutsamen Präzisierung: »Nur einer ist 'der Gute'« antwortet
Jesus daher dem jungen Mann: »Wenn du aber das Leben erlangen willst,
halte die Gebote« (Mt 19, 17). Damit wird ein enger Zusammenhang zwischen
dem ewigen Leben und der Befolgung der Gebote Gottes hergestellt: die
Gebote Gottes weisen dem Menschen den Weg des Lebens und geleiten ihn zu
ihm.
Aus dem Mund Jesu, des neuen Mose, werden den Menschen die Gebote des
Dekalogs wiedergeschenkt; er selbst bestätigt sie endgültig und stellt
sie uns als Weg und Bedingung des Heils vor. Das Gebot verbindet sich mit
einer Verheißung: im Alten Bund war Gegenstand der Verheißung der Besitz
eines Landes, in dem das Volk ein Dasein in Freiheit und Gerechtigkeit
führen können sollte (vgl. Dtn 6, 20-25); im Neuen Bund ist Gegenstand
der Verheißung das »Himmelreich«, wie Jesus zu Beginn der Bergpredigt -
der Rede, die die umfassendste und vollständigste Darlegung des Neuen
Gesetzes enthält (vgl. Mt 5-7) in offenkundiger Bezugnahme auf die Mose
von Gott am Berg Sinai übergebenen Zehn Gebote sagt. Auf dieselbe
Wirklichkeit des Himmelreiches bezieht sich der Ausdruck »ewiges Leben«,
das Teilnahme am Leben Gottes selbst ist: es findet seine vollkommene
Verwirklichung erst nach dem Tod, ist aber im Glauben schon jetzt Licht
der Wahrheit, Sinnquelle für das Leben, beginnende Teilhabe an einer
Fülle in der Nachfolge Christi. Jesus sagt nämlich nach der Begegnung
mit dem reichen Jüngling zu den Jüngern: »Und jeder, der um meines
Namens willen Häuser oder Brüder, Schwestern, Vater, Mutter, Kinder oder
Äcker verlassen hat, wird dafür das Hundertfache erhalten und das ewige
Leben gewinnen« (Mt 19, 29).
13. Die Antwort Jesu genügt dem jungen Mann nicht, und er fragt den
Meister weiter nach den Geboten, die befolgt werden sollen: »Darauf
fragte er ihn: Welche?« (Mt 19, 18). Er fragt, was er im Leben tun
müsse, um die Anerkennung der Heiligkeit Gottes kundzutun. Nachdem Jesus
den Blick des jungen Mannes auf Gott hingelenkt hat, erinnert er ihn an
die Gebote des Dekalogs, die sich auf den Nächsten beziehen: »Jesus
antwortete: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du
sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsch aussagen, ehre Vater und
Mutter! Und: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (Mt 19,
18-19).
Aus dem Gesprächszusammenhang, und insbesondere aus dem Vergleich des
Textes bei Matthäus mit den Parallelstellen bei Markus und Lukas, ergibt
sich, daß Jesus nicht daran denkt, alle Gebote, die notwendig sind, um
»das Leben zu erlangen«, einzeln aufzuzählen; sondern daß es ihm
vielmehr darum geht, den jungen Mann hinzuweisen auf die »zentrale
Stellung« der Zehn Gebote allen anderen Geboten gegenüber als Deutung
dessen, was für den Menschen »Ich bin der Herr, dein Gott« bedeutet. Es
kann unserer Aufmerksamkeit also nicht entgehen, an welche Gebote des
Gesetzes der Herr den jungen Mann erinnert: es sind einige Gebote, die zur
sogenannten »zweiten Tafel« des Dekalogs gehören, deren Zusammenfassung
(vgl. Röm 13, 8-10) und Fundament das Gebot der Nächstenliebe ist:
»Liebe deinen Nächsten wie dich selbst« (Mt 19, 19; vgl. Mk 12, 31) .
In diesem Gebot kommt sehr klar die einzigartige Würde der menschlichen
Person zum Ausdruck, die »das einzige Geschöpf ist, das Gott um seiner
selbst willen gewollt hat«.(21) Die verschiedenen Gebote des Dekalogs
spiegeln in der Tat nur das einzige auf das Wohl der Person hingeordnete
Gebot auf der Ebene der vielfältigen Güter wider, die die Identität der
menschlichen Person als geistiges und leibliches Wesen in Beziehung zu
Gott, zum Nächsten und zur Welt der Dinge kennzeichnen. Wie wir im
Katechismus der katholischen Kirche lesen, sind die Zehn Gebote Teil der
Offenbarung Gottes. Zugleich lehren sie uns die wahre Natur des Menschen.
Sie heben seine wesentlichen Pflichten hervor und damit indirekt auch die
Grundrechte, die der Natur der menschlichen Person innewohnen.«(22)
Die Gebote, an die Jesus seinen jungen Gesprächspartner erinnert, sind
dazu bestimmt, das Wohl der Person, Ebenbild Gottes, durch den Schutz
seiner Güter zu wahren. »Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe
brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsch aussagen«, sind
sittliche Regeln, die als Verbote formuliert sind. Die negativen
Vorschriften bringen besonders kraftvoll die ununterdrückbare Forderung
zum Ausdruck, das menschliche Leben, die Personengemeinschaft in der Ehe,
das Privateigentum, die Wahrhaftigkeit und den guten Ruf zu schützen.
Die Gebote stellen also die Grundvoraussetzung für die Nächstenliebe
dar; zugleich dienen sie ihrer Überprüfung. Sie sind die erste
notwendige Etappe auf dem Weg zur Freihelt, ihr Anfang: »Die erste
Freiheit - schreibt der hl. Augustinus - besteht im Freisein von
schuldhaftem Versagen: das wären z.B. Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl,
Betrug, Gotteslästerung usw. Wenn einer beginnt, nichts mit diesen
Untaten zu tun zu haben (und kein Christ darf etwas mit ihnen zu tun
haben), beginnt er, das Haupt zur Freiheit hin zu erheben, doch das ist
erst der Anfang der Freiheit, nicht die vollkommene Freiheit...«.(23)
14. Das heißt selbstverständlich nicht, daß Jesus der Nächstenliebe
Vorrang einräumen oder sie gar von der Gottesliebe trennen möchte. Das
Gegenteil ist der Fall, wie sein Gespräch mit dem Gesetzeslehrer beweist:
als dieser ihm eine ganz ähnliche Frage wie der reiche Jüngling stellt,
sieht er sich von Jesus auf die beiden Gebote der Gottesliebe und der
Nächstenliebe verwiesen (vgl. Lk 10, 25-27) und dazu aufgefordert sich zu
erinnern, daß nur ihre Befolgung zum ewigen Leben führen kann: »Handle
danach, und du wirst leben« (Lk 10, 28). Bezeichnend ist allerdings, daß
gerade das zweite dieser Gebote die Neugier und die Frage des
Gesetzeslehrers auslöst: »Und wer ist mein Nächster?«(Lk 10, 29). Der
Meister antwortet mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter, dem
Schlüsselgleichnis für das volle Verständnis des Gebotes der
Nächstenliebe (vgl. Lk 10, 30-37).
Die beiden Gebote, an denen »das ganze Gesetz hängt samt den Propheten«
(Mt 22, 40), sind zutiefst miteinander verbunden und durchdringen sich
gegenseitig. Ihre unauflösliche Einheit wird von Christus mit den Worten
und mit dem Leben bezeugt: seine Sendung erreicht ihren Höhepunkt in dem
Kreuz, das die Erlösung bringt (vgl. Joh 3, 14-15), Zeichen seiner
unteilbaren Liebe zum Vater und zur Menschheit (vgl. Joh 13, 1).
Sowohl das Alte wie das Neue Testament bringen sehr klar zum Ausdruck,
daß ohne die Nächstenliebe, die sich in der Einhaltung der Gebote
konkretisiert, die echte Gottesliebe nicht möglich ist. Mit
außerordentlicher Wortgewalt schreibt der hl. Johannes: »Wenn jemand
sagt: Ich liebe Gott!, aber seinen Bruder haßt, ist er ein Lügner. Denn
wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann Gott nicht lieben, den
er nicht sieht« (1 Joh 4, 20). Der Evangelist pflichtet der moralischen
Verkündigung Christi bei, die in dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter
(vgl. Lk 10, 30-37) und in der »Rede« vom Weltgericht auf
bewundernswerte und unmißverständliche Weise Ausdruck findet (vgl. Mt
25, 31-46).
15. In der »Bergpredigt«, die gleichsam die Magna Charta der Moral des
Evangeliums(24) darstellt, sagt Jesus: »Denkt nicht, ich sei gekommen, um
das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um
aufzuheben, sondern um zu erfüllen« (Mt 5, 17). Christus ist die
Schlüsselfigur der Heiligen Schrift: »Ihr erforscht die Schriften:
gerade sie legen Zeugnis über mich ab« (vgl. Joh 5, 39); er ist der
Mittelpunkt des Heilsplanes, die Zusammenfassung des Alten und des Neuen
Testamentes, der Verheißungen des Gesetzes und ihrer Erfüllung im
Evangelium; er ist die lebendige und ewige Verbindung zwischen dem Alten
und dem Neuen Bund. In seinem Kommentar zur Feststellung des Paulus,
»Christus ist das Ende des Gesetzes« (Röm 10, 4), schreibt der hl.
Ambrosius: »Ende nicht als Wegfall, sondern als Fülle des Gesetzes:
dieses erfüllt sich in Christus (plenitudo legis in Christo est) von dem
Augenblick an, wo er gekommen ist, nicht das Gesetz aufzulösen, sondern
es zu Ende zu führen, es zu erfüllen. Ebenso wie es ein Altes Testament
gibt, aber alle Wahrheit im Neuen Testament ist, so geschieht es auch mit
dem Gesetz: jenes Gesetz, das durch Mose gegeben worden ist, ist Sinnbild
des wahren Gesetzes. Jenes mosaische Gesetz ist also Nachbildung der
Wahrheit«.(25)
Jesus führt die Gebote Gottes, insbesondere das Gebot der Nächstenliebe,
dadurch ihrer Erfüllung zu, daß er ihre Forderungen verinnerlicht und
ihren Anforderungen größere Radikalität verleiht: Die Liebe zum
Nächsten entspringt einem Herzen, das liebt und das eben deshalb, weil es
liebt, bereit ist, die höchsten Forderungen zu leben. Jesus zeigt, daß
die Gebote nicht als eine nicht zu überschreitende Minimalgrenze
verstanden werden dürfen, sondern vielmehr als eine Straße, die offen
ist für einen sittlichen und geistlichen Weg der Vollkommenheit, deren
Seele die Liebe ist (vgl. Kol 3, 14). So wird das Gebot »Du sollst nicht
töten« zum Aufruf zu einer fürsorglichen Liebe, die das Leben des
Nächsten schützt und fördert; das Gebot, das den Ehebruch verbietet,
wird zur Aufforderung zu einem reinen Blick, der imstande ist, die
bräutliche Bedeutung des Leibes zu achten: »Ihr habt gehört, daß zu
den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; wer aber jemand
tötet, soll dem Gericht verfallen sein. Ich aber sage euch: Jeder, der
seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein... Ihr habt
gehört, daß gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. Ich aber
sage euch: Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen
schon Ehebruch mit ihr begangen« (Mt 5, 21-22. 27-28). Jesus selbst ist
die lebendige »Erfüllung« des Gesetzes, da er die Bedeutung des
Gesetzes mit der totalen Selbsthingabe lebt: er selbst wird in seinem
Geist zum lebendigen und persönlichen Gesetz, das zu seiner Nachfolge
einlädt, das die Gnade gewährt, sein Leben und seine Liebe zu teilen,
und die Kraft bietet, in Entscheidungen und Taten von ihm Zeugnis zu geben
(vgl. Joh 13, 34-35).
»Wenn du vollkommen sein willst« (Mt 19, 21)
16. Die Antwort über die Gebote befriedigt den jungen Mann nicht, der
Jesus fragt: »Alle diese Gebote habe ich befolgt. Was fehlt mir jetzt
noch?« (Mt 19, 20). Es ist nicht leicht, mit gutem Gewissen zu sagen:
»Alle diese Gebote habe ich befolgt«, wenn man nur halbwegs den
tatsächlichen Bedeutungsreichtum der im Gesetz Gottes eingeschlossenen
Forderungen begreift. Und dennoch, obwohl es ihm möglich ist, eine solche
Antwort zu geben, und obwohl er von Kindheit an dem sittlichen Ideal mit
Ernsthaftigkeit und Großmut gefolgt ist, weiß der reiche Jüngling, daß
er vom Ziel noch weit entfernt ist: vor der Person Jesu wird er gewahr,
daß ihm noch etwas fehlt. Auf das Bewußtsein dieses Mangels nimmt Jesus
in seiner letzten Antwort Bezug: Indem der gute Meister die Sehnsucht nach
einer Fülle, die über die legalistische Auslegung der Gebote hinausgeht,
aufgreift, lädt er den jungen Mann ein, den Weg der Vollkommenheit
einzuschlagen: »Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen
Besitz und gib das Geld den Armen; so wirst du einen bleibenden Schatz im
Himmel haben; dann komm und folge mir nach« (Mt 19, 21).
Wie schon der vorhergehende Abschnitt der Antwort Jesu, so muß auch
dieser Abschnitt im Zusammenhang der ganzen sittlichen Botschaft des
Evangeliums und insbesondere im Zusammenhang der Bergpredigt, der
Seligpreisungen (vgl. Mt 5, 3-12) verstanden und interpretiert werden,
deren erste ja die Seligpreisung der Armen ist, derer, »die arm sind vor
Gott«, wie der hl. Matthäus präzisiert (Mt 5, 3), das heißt der
Demütigen. In diesem Sinne kann man sagen, auch die Seligpreisungen
gehören in den Raum, der von der Antwort geöffnet wird, die Jesus auf
die Frage des jungen Mannes gibt: »Was muß ich Gutes tun, um das ewige
Leben zu gewinnen?«. In der Tat verheißt jede Seligpreisung nach einer
je besonderen Sicht gerade jenes »Gute«, das den Menschen für das ewige
Leben öffnet, ja das das ewige Leben selbst ist.
Die Seligpreisungen haben nicht eigentlich konkrete Verhaltensnormen zum
Gegenstand, sondern reden von inneren Haltungen und existentiellen
Grundeinstellungen und decken sich daher nicht genau mit den Geboten.
Andererseits besteht keine Trennung oder Diskrepanz zwischen den
Seligpreisungen und den Geboten: beide beziehen sich auf das Gute, auf das
ewige Leben. Die Bergpredigt beginnt mit der Verkündigung der
Seligpreisungen, enthält aber auch den Bezug auf die Gebote (vgl. Mt 5,
20-48). Gleichzeitig zeigt die Bergpredigt die Öffnung und Ausrichtung
der Gebote auf die Perspektive der Vollkommenheit, die zu den
Seligpreisungen gehört. Diese sind zunächst Verheißungen, aus denen
indirekt auch normative Anweisungen für das sittliche Leben hervorgehen.
In ihrer ursprünglichen Tiefe sind sie so etwas wie ein Selbstbildnis
Christi und eben deshalb Einladungen zu seiner Nachfolge und zur
Lebensgemeinschaft mit ihm.(26)
17. Wir wissen nicht, wie weit der junge Mann des Evangeliums den tiefen
und anspruchsvollen Inhalt der ersten Antwort verstanden hat, die ihm von
Jesus gegeben wurde: »Wenn du das Leben erlangen willst, halte die
Gebote!«; es ist jedoch gewiß, daß der Eifer, den der junge Mann
angesichts der sittlichen Forderungen der Gebote erkennen läßt, den
unentbehrlichen Boden darstellt, auf dem das Verlangen nach Vollkommenheit
keimen und reifen kann, also nach der Verwirklichung ihres Sinngehaltes in
der Nachfolge Christi. Das Gespräch Jesu mit dem jungen Mann hilft uns,
dieVoraussetzungen für das sittliche Wachstum des zur Vollkommenheit
berufenen Menschen zu begreifen: der junge Mann, der alle Gebote befolgt
hat, erweist sich als unfähig, aus eigener Kraft den nächsten Schritt zu
tun. Um ihn zu tun, bedarf es einer reifen menschlichen Freiheit: »Wenn
du willst«, und des göttlichen Geschenkes der Gnade: »Komm und folge
mir nach«.
Die Vollkommenheit erfordert jene Relfe in der Selbsthingabe, zu der die
Freiheit des Menschen berufen ist. Jesus weist den jungen Mann auf die
Gebote als die erste, unverzichtbare Voraussetzung hin, um das ewige Leben
zu erlangen; die Aufgabe all dessen, was der junge Mann besitzt, und die
Nachfolge des Herrn nehmen hingegen den Charakter eines Angebots an:
»Wenn du... willst«. Das Wort Jesu enthüllt die besondere Dynamik des
Wachstums der Freiheit zur Reife und bezeugt zugleich die fundamentale
Beziehung der Freiheit zum göttlichen Gesetz. Die Freiheit des Menschen
und das Gesetz Gottes widersprechen sich nicht, sondern im Gegenteil, sie
fordern einander. Der Jünger Christi weiß, daß seine Berufung eine
Berufung zur Freiheit ist. »Ihr seid zur Freiheit berufen, Brüder« (Gal
5, 13), verkündet der Apostel Paulus mit Freude und Stolz. Aber sogleich
präzisiert er: »Nur nehmt die Freiheit nicht zum Vorwand für das
Fleisch, sondern dient einander in Liebe!« (ebd. ). Die Festigkeit, mit
der sich der Apostel dem widersetzt, der seine Rechtfertigung dem Gesetz
anvertraut, hat nichts gemein mit der »Befreiung« des Menschen von den
Geboten, die im Gegenteil im Dienst der prak tisch geübten Liebe stehen:
»Wer den andern liebt, hat das Gesetz erfüllt. Denn die Gebote: Du
sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht
stehlen, du sollst nicht begehren! und alle anderen Gebote sind in dem
einen Satz zusammengefaßt: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich
selbst« (Röm 13, 8-9). Nachdem der hl. Augustinus von der Befolgung der
Gebote als der ersten unvollkommenen Freiheit gesprochen hat, fährt er
fort: »Warum noch nicht vollkommen?, wird mancher fragen. Weil 'ich
spüre, daß in meinen Gliedern ein anderes Gesetz im Konflikt mit dem
Gesetz meiner Vernunft steht'... Teils Freiheit, teils Knechtschaft: noch
nicht vollkommen, noch nicht rein, noch nicht voll ist die Freiheit, weil
wir noch nicht in der Ewigkeit sind. Zum Teil bewahren wir die Schwäche
und zum Teil haben wir die Freiheit erlangt. Alle unsere Sünden sind bei
der Taufe getilgt worden, aber ist etwa die Schwachheit verschwunden,
nachdem die Ungerechtigkeit ausgemerzt worden ist? Wäre sie verschwunden,
würde man auf Erden ohne Sünde leben. Wer wird das zu behaupten wagen,
außer einer, der anmaßend und daher der Barmherzigkeit des Befreiers
unwürdig ist?... Da also eine Schwäche in uns geblieben ist, wage ich zu
sagen, daß wir in dem Maße, in dem wir Gott dienen, frei sind, während
wir in dem Maße, in dem wir dem Gesetz der Sünde folgen, Sklaven
sind«.(27)
18. Wer »nach dem Fleische« lebt, empfindet das Gesetz Gottes als eine
Last, ja als eine Verneinung oder jedenfalls eine Einschränkung der
eigenen Freiheit. Wer hingegen von der Liebe beseelt ist und »sich vom
Geist leiten läßt« (Gal 5, 16) und den anderen dienen will, findet im
Gesetz Gottes den grundlegenden und notwendigen Weg zur praktischen Übung
der frei gewählten und gelebten Liebe. Ja, er spürt den inneren Drang -
ein echtes und eigenes »Bedürfnis« und nicht etwa einen Zwang -, nicht
bei den Minimalforderungen des Gesetzes stehenzubleiben, sondern sie in
ihrer »Fülle« zu leben. Es ist ein noch unsicherer und brüchiger Weg,
solange wir auf Erden sein werden, der aber ermöglicht wird von der
Gnade, die es uns gewährt, die volle Freiheit der Kinder Gottes zu
besitzen (vgl. Röm 8, 21) und somit im sittlichen Leben auf die erhabene
Berufung zu antworten, »Söhne im Sohn« zu sein.
Diese Berufung zu vollkommener Liebe ist nicht ausgewählten Gruppen
vorbehalten. Dle Aufforderung: »Geh, verkauf deinen Besitz und gib das
Geld den Armen«, mit der Verheißung: »so wirst du einen bleibenden
Schatz im Himmel haben«, betrifft alle, denn sie ist eine grundlegende
Erneuerung des Gebotes der Nächstenliebe, wie die folgende Einladung
»Komm und folge mir nach« die neue konkrete Form des Gebotes der
Gottesliebe ist. Die Gebote und die Einladung Jesu an den reichen
Jüngling stehen im Dienst einer einzigen, unteilbaren Liebe, die aus
eigenem Antrieb nach Vollkommenheit strebt und deren Maß allein Gott ist:
»Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist«
(Mt 5, 48). Im Lukasevangelium präzisiert Jesus den Sinn dieser
Vollkommenheit weiter: »Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist!«
(Lk 6, 36).
»Komm und folge mir nach!« (Mt 19, 21)
19. Der Weg und zugleich der Inhalt dieser Vollkommenheit besteht in
derNachfolge Christi, darin, daß man Jesus folgt, nachdem man dem eigenen
Besitz und sich selbst entsagt hat. Genauso endet das Gespräch mit dem
jungen Mann: »Dann komm und folge mir nach!« (Mt 19, 21). Es ist eine
Einladung, deren wunderbare Tiefe von den Jüngern erst nach der
Auferstehung Christi voll begriffen werden wird, wenn der Heilige Geist
sie in die ganze Wahrheit führen wird (vgl. Joh 16, 13)
Es ist Jesus selbst, der die Initiative ergreift und uns aufruft, ihm zu
folgen. Der Ruf richtet sich vor allem an diejenigen, denen er eine
besondere Sendung anvertraut, angefangen bei den Zwölfen; aber es
erscheint ebenso klar, daß jeder Gläubige dafür disponiert ist, Jünger
Christi zu werden (vgl. Apg 6, 1). Darum ist die Nachfolge Christi das
wesentliche und ursprüngliche Fundament der christlichen Moral: Wie das
Volk Israel Gott folgte, der es durch die Wüste in das verheißene Land
führte (vgl. Ex 13, 21), so muß der Jünger Jesus folgen, zu dem der
Vater selbst ihn hinlenkt (vgl. Joh 6, 44).
Es handelt sich hier nicht allein darum, auf eine Lehre zu hören und ein
Gebot im Gehorsam anzunehmen. Es geht ganz radikal darum, der Person Jesu
selbst anzuhängen, sein Leben und sein Schicksal zu teilen durch
Teilnahme an seinem freien und liebenden Gehorsam gegenüber dem Vater.
Wenn er durch die Antwort des Glaubens dem folgt, der die fleischgewordene
Weisheit ist, ist der Jünger Jesu wahrhaftig Jünger Gottes (vgl. Joh 6,
45). Jesus ist in der Tat das Licht der Welt, das Licht des Lebens (vgl.
Joh 8, 12); er ist der Hirte, der die Schafe führt und nährt (vgl. Joh
10, 11-16), er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben (vgl. Joh 14, 6),
er ist der, der zum Vater führt, so daß wer ihn, den Sohn, sieht, den
Vater sieht (vgl. Joh 14, 6-10). Daher heißt den Sohn nachahmen, der
»das Ebenbild des unsichtbaren Gottes« ist (Kol 1, 15), den Vater
nachahmen.
20. Jesus fordert dazu auf, ihm zu folgen und ihn nachzuahmen auf dem Weg
der Liebe, einer Liebe, die sich aus Liebe zu Gott wöllig den Brüdern
hingibt: »Das ist mein Gebot: Liebt einander, so wie ich euch geliebt
habe« (Joh 15, 12). Dieses »so wie« verlangt die Nachahmung Jesu,
besonders die Nachahmung seiner Liebe, wie sie in der Fußwaschung
symbolischen Ausdruck findet: »Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch
die Füße gewaschen habe, dann müßt auch ihr einander die Füße
waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt,
wie ich an euch gehandelt habe« (Joh 13, 14-15 ) . Das Handeln Jesu und
sein Wort, seine Taten und seine Gebote bilden die sittliche Richtschnur
für das christliche Leben. Denn diese seine Taten und besonders sein
Leiden und Sterben am Kreuz sind die lebendige Offenbarung seiner Liebe
zum Vater und zu den Menschen. Genau diese Liebe soll, so verlangt Jesus,
von allen, die ihm folgen, nachgeahmt werden. Sie ist das »neue« Gebot:
»Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt
habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, daß
ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt« (Joh 13, 34-35).
Dieses »so wie« gibt auch das Maß an, mit dem Jesus geliebt hat und mit
dem seine Jünger einander lieben sollen. Nachdem er gesagt hat: »Das ist
mein Gebot: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe«, fährt Jesus
mit den Worten fort, die auf das Opfergeschenk seines Lebens am Kreuz als
Zeugnis seiner Liebe »bis zur Vollendung« (Joh 13, 1 ) hinweisen: »Es
gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde
hingibt« (Joh 15, 13).
Als Jesus den jungen Mann auffordert, ihm auf dem Weg der Vollkommenheit
zu folgen, verlangt er von ihm, vollkommen zu sein im Gebot der Liebe, in
»seinem« Gebot: sich einzufügen in das Leben seiner Ganzhingabe, die
Liebe des »guten« Meisters, die Liebe dessen, der »bis zur Vollendung«
geliebt hat, nachzuahmen und nachzuleben. Das ist es, was Jesus von jedem
Menschen fordert, der sich in seine Nachfolge begeben will: »Wer mein
Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich
und folge mir nach« (Mt 16, 24).
21. Nachfolge Christi ist nicht eine äußerliche Nachahmung, denn sie
berührt den Menschen in seinem tiefsten Inneren. Jünger Christi zu sein
bedeutet ihm gleich geworden zu sein, ihm, der sich zum Knecht gemacht hat
bis zur Selbsthingabe am Kreuz (vgl. Phil 2, 5-8). Durch den Glauben wohnt
Christus im Herzen des Glaubenden (vgl. Eph 3, 17), und so wird der
Jünger seinem Herrn angeglichen und gleichgestaltet. Das ist die Frucht
der Gnade, der wirksamen Anwesenheit des Heiligen Geistes in uns.
Durch seine Einverleibung in Christus wird der Christ Glied seines Leibes,
der die Kirche ist (vgl. 1 Kor 12, 13. 27). Unter dem Antrieb des Geistes
gestaltet die Taufe den Gläubigen auf radikale Weise Christus gleich im
österlichen Geheimnis des Todes und der Auferstehung, sie »zieht ihm
Christus an« (vgl. Gal 3, 27): »Freuen wir uns und danken wir - ruft der
hl. Augustinus an die Getauften gewandt aus -: wir sind nicht nur Christen
geworden, sondern Christus (...). Staunt und freut euch: Wir sind Christus
geworden!«.(28) Der Sünde gestorben, empfängt der Getaufte das neue
Leben (vgl. Röm 6, 3-11): während er durch Gott in Christus Jesus lebt,
ist er aufgerufen, nach dem Geist zu wandeln und dessen Früchte im Leben
kundzutun (vgl. Gal 5, 16-25). Die Teilnahme an der Eucharistie, dem
Sakrament des Neuen Bundes (vgl. 1 Kor 11, 23-29), ist der Höhepunkt der
Angleichung an Christus, Quelle des »ewigen Lebens« (vgl. Joh 6, 51-58),
Ursprung und Kraft der totalen Selbsthingabe, derer wir nach dem Gebot
Jesu - nach dem Zeugnis, das Paulus überliefert hat - in der
Eucharistiefeier und im Leben gedenken sollen: »Denn sooft ihr von diesem
Brot eßt und aus dem Kelch trinkt, verkündet ihr den Tod des Herrn, bis
er kommt« (1 Kor 11, 26).
»Für Gott aber ist alles möglich« (Mt 19, 26)
22. Eine bittere Enttäuschung ist der Schluß des Gespräches Jesu mit
dem reichen Jüngling: »Als der junge Mann das hörte, ging er traurig
weg; denn er hatte ein großes Vermögen« (Mt 19, 22). Nicht nur der
reiche Mann, sondern auch die Jünger erschrecken bei dem Aufruf Jesu zur
Nachfolge, dessen Forderungen die menschlichen Bestrebungen und Kräfte
übersteigen: »Als die Jünger das hörten, erschraken sie sehr und
sagten: Wer kann dann noch gerettet werden?« (Mt 19, 25). Aber der
Meister verweist auf die Macht Gottes: »Für Menschen ist das unmöglich,
für Gott aber ist alles möglich« (Mt 19, 26).
Im gleichen Kapitel des Matthäusevangeliums (19, 3-10) weist Jesus bei
der Interpretation des mosaischen Gesetzes über die Ehe das Recht auf
Verstoßung der Frau zurück unter Hinweis auf einen im Vergleich zum
Gesetz des Mose ursprünglicheren und verbindlicheren »Anfang«: den
ursprünglichen Plan Gottes mit den Menschen, einen Plan, dem der Mensch
nach dem Sündenfall nicht mehr angemessen war: »Nur weil ihr so
hartherzig seid, hat Mose euch erlaubt, eure Frauen aus der Ehe zu
entlassen. Am Anfang war das nicht so« (Mt 19, 8). Der Hinweis auf den
»Anfang« macht die Jünger bestürzt, und sie kommentieren ihn mit den
Worten: »Wenn das die Stellung des Mannes in der Ehe ist, dann ist es
nicht gut zu heiraten« (Mt 19, 10). Und Jesus, der sich in besonderer
Weise auf das Charisma der Ehelosigkeit »um des Himmelreiches willen«
(Mt 19, 12) bezieht, aber eine allgemeine Regel darlegt, verweist auf die
neue, überraschende Möglichkeit, die dem Menschen von der Gnade Gottes
eröffnet wird: Jesus sagte zu ihnen: »Nicht alle können dieses Wort
erfassen, sondern nur die, denen es gegeben ist« (Mt 19, 11).
Die Liebe Christi nachzuahmen und nachzuleben, ist dem Menschen aus
eigener Kraft allein nicht möglich. Er wird zu dieser Liebe fähig allein
kraft einer Gabe, die er empfangen hat. Wie der Herr Jesus die Liebe von
seinem Vater empfängt, so gibt er sie seinerseits aus freien Stücken an
die Jünger weiter: »Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich
euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe!« (Joh 15, 9). Die Gabe Christi ist
sein Geist, dessen erste »Frucht« (vgl. Gal 5, 22) die Liebe ist: »Die
Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist,
der uns gegeben ist« (Röm 5, 5). Der hl. Augustinus fragt sich: »Ist es
die Liebe, die uns die Gebote befolgen läßt, oder ist es die Befolgung
der Gebote, die die Liebe entstehen läßt?«.(29)
23. »Das Gesetz des Geistes und des Lebens in Jesus Christus hat dich
frei gemacht vom Gesetz der Sünde und des Todes« (Röm 8, 2). Mit diesen
Worten leitet uns der Apostel Paulus an, das Verhältnis zwischen dem
(alten) Gesetz und der Gnade (neues Gesetz) in der Perspektive der
Heilsgeschichte, die sich in Christus erfüllt hat, zu betrachten. Er
erkennt die erzieherische Rolle des Gesetzes an, das dem sündigen
Menschen ermöglicht, sein Unvermögen zu ermessen, und ihn dadurch, daß
er ihm die Anmaßung der Selbstgenügsamkeit nimmt, für die Anrufung und
Annahme des »Lebens im Geiste« öffnet: in diesem neuen Leben ist die
Einhaltung der Gebote Gottes möglich. Durch den Glauben an Christus sind
wir gerecht geworden (vgl. Röm 3, 28): die »Gerechtigkeit«, die das
Gesetz fordert, aber keinem zu verleihen vermag, findet jeder Gläubige
vom Herrn Jesus bekundet und verliehen. So faßt der hl. Augustinus
wiederum auf wunderbare Weise die paulinische Dialektik von Gesetz und
Gnade zusammen: »Deswegen ist das Gesetz gegeben worden, damit man die
Gnade erbitte; die Gnade wurde gegeben, damit man das Gesetz
befolge«.(30) Die Liebe und das Leben nach dem Evangelium dürfen nicht
zuerst in der Gestalt des Gebots gedacht werden, denn das, was sie
verlangen, geht über die Kräfte des Menschen hinaus: sie sind nur
möglich als Frucht einer Gabe Gottes, der durch seine Gnade das Herz des
Menschen heil und gesund macht und es umgestaltet: »Denn das Gesetz wurde
durch Mose gegeben, die Gnade und Wahrheit kamen durch Jesus Christus«
(Joh 1, 17). Darum ist die Verheißung des ewigen Lebens an die Gabe der
Gnade gebunden, und das Geschenk des Geistes, das wir empfangen haben, ist
bereits »der erste Anteil unseres Erbes« (Eph 1, 14).
24. So offenbaren sich das Gebot der Liebe und jenes der Vollkommenheit,
auf die ersteres hingeordnet ist, in ihrer authentischen
Ursprünglichkeit: Es ist eine Möglichkeit, die dem Menschen
ausschließlich von der Gnade, von der Gabe Gottes, von seiner Liebe,
eröffnet wird. Andererseits bewirkt und trägt das Bewußtsein, in Jesus
Christus die Liebe Gottes zu besitzen, die verantwortliche Antwort für
eine volle Liebe zu Gott und unter den Brüdern, wie der Apostel Johannes
in seinem ersten Brief eindringlich in Erinnerung bringt: »Liebe Brüder,
wir wollen einander lieben; denn die Liebe ist aus Gott, und jeder, der
liebt, stammt von Gott und erkennt Gott. Wer nicht liebt, hat Gott nicht
erkannt; denn Gott ist die Liebe... Liebe Brüder, wenn Gott uns so
geliebt hat, müssen auch wir einander lieben... Wir wollen lieben, weil
er uns zuerst geliebt hat« ( 1 Joh 4, 7-8. 11. 19).
Diese unauflösliche Verbindung zwischen der Gnade des Herrn und der
Freiheit des Menschen, zwischen der Gabe und der Aufgabe hat der hl.
Augustinus mit schlichten und tiefen Worten zum Ausdruck gebracht, wenn er
betet: »Da quod iubes et iube quod vis« (Gib, was Du gebietest, und
gebiete, was Du willst).(31)
Die Gabe mindert nicht, sondern vermehrt die sittlichen Forderungen der
Liebe: »Und das ist sein Gebot: Wir sollen an den Namen seines Sohnes
Jesus Christus glauben und einander lieben, wie es seinem Gebot
entspricht« (1 Joh 3, 23). Nur unter der Bedingung, daß man die Gebote
hält, kann man, wie Jesus sagt, in der Liebe »bleiben«: »Wenn ihr
meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die
Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe« (Joh 15,
10). Der hl. Thomas, der die Sinnspitze der moralischen Botschaft Jesu und
der Verkündigung der Apostel erfaßte, konnte in Wiedergabe einer
großartigen Zusammenschau der großen Traditionen der Kirchenväter des
Ostens und des Westens, insbesondere des hl. Augustinus,(32) schreiben:
das Neue Gesetz ist die durch den Glauben an Christus gewährte Gnade des
Heiligen Geistes.(33) Die äußeren Vorschriften, von denen das Evangelium
auch redet, bereiten auf diese Gnade vor oder bringen deren Wirkungen im
Leben zum Tragen. Das Neue Gesetz begnügt sich nämlich nicht damit zu
sagen, was man tun muß, sondern es verleiht auch die Kraft, »die
Wahrheit zu tun« (vgl. Joh 3, 21). Gleichzeitig hat der hl. Johannes
Chrysosthomos angemerkt, daß das Neue Gesetz genau da gegeben wurde, als
der Heilige Geist vom Himmel herabkam, und daß die Apostel nicht vom Berg
herabstiegen »mit Steintafeln in ihren Händen wie Mose; sondern sie
kamen und trugen den Heiligen Geist in ihren Herzen..., nachdem sie durch
seine Gnade zu einem lebendigen Gesetz, zu einem beseelten Buch geworden
waren«.(34)
»Seid gewiß: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt« (Mt 28,
20)
25. Das Gespräch Jesu mit dem reichen Jüngling wird gewissermaßen in
jeder Epoche der Geschichte, auch heute, weitergeführt. Die Frage:
»Meister, was muß ich Gutes tun, um das ewige Leben zu gewinnen?«
bricht im Herzen jedes Menschen auf, und es ist immer und allein Christus,
der die volle und entscheidende Antwort anbietet. Der Meister, der die
Gebote Gottes lehrt, der zur Nachfolge einlädt und die Gnade für ein
neues Leben schenkt, ist immer unter uns gegenwärtig und tätig, gemäß
der Verheißung: »Seid gewiß: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende
der Welt« (Mt 28, 20). Das gleichzeitige Gegenwärtigsein Christi mit dem
Menschen jeder Zeit verwirklicht sich im lebendigen Leib der Kirche. Darum
hat der Herr seinen Jüngern den Heiligen Geist verheißen: er würde sie
an seine Gebote »erinnern« und sie ihnen verständlich machen (vgl. Joh
14, 26) und würde der Anfang und Quell eines neuen Lebens in der Welt
sein (vgl. Joh 3, 5-8; Röm 8, 1-13).
Die von Gott im Alten Bund auferlegten und im Neuen und Ewigen Bund in der
Person des menschgewordenen Gottessohnes erfüllten sittlichen Gebote
müssentreu bewahrt und in den verschiedenen Kulturen im Laufe der
Geschichte immer wieder aktualisiert werden. Die Aufgabe ihrer
Interpretation war von Jesus den Aposteln und ihren Nachfolgern mit dem
besonderen Beistand des Geistes der Wahrheit übertragen worden: »Wer
euch hört, der hört mich« (Lk 10, 16). Mit dem Licht und der Kraft
dieses Geistes haben die Apostel den Auftrag erfüllt, das Evangelium zu
verkünden und »im Weg« des Herrn zu unterweisen (vgl. Apg 18, 25),
indem sie vor allem die Nachfolge und Nachahmung Christi lehren: »Für
mich ist Christus das Leben« (Phil 1, 21).
26. In der Moralkatechese der Apostel gibt es neben Ermahnungen und an den
kulturellen Kontext gebundenen Weisungen eine ethische Unterweisung mit
genauen Verhaltensnormen. Das geht aus ihren Briefen hervor, die vom
Heiligen Geist geleitete Interpretation der Gebote des Herrn enthalten,
die unter den verschiedenen kulturellen Gegebenheiten gelebt werden sollen
(vgl. Röm 12-15; 1 Kor 11-14; Gal 5-6; Eph 4-6; Kol 3-4; 1 Petr und Jak
). Die Apostel, die mit der Verkündigung des Evangeliums beauftragt
waren, haben seit den Anfängen der Kirche kraft ihrer pastoralen
Verantwortung über die Rechtschaffenheit des Verhaltens der Christen
gewacht,(35) ebenso wie sie über die Reinheit des Glaubens und über die
Weitergabe der göttlichen Gaben durch die Sakramente wachten.(36) Die
ersten Christen, die sowohl aus dem jüdischen Volk wie aus den anderen
Völkern stammten, unterschieden sich von den Heiden nicht nur durch ihren
Glauben und ihre Liturgie, sondern auch durch das Zeugnis ihres am Neuen
Gesetz inspirierten sittlichen Verhaltens.(37) Die Kirche ist nämlich
zugleich Glaubens- und Lebensgemeinschaft; ihre Norm ist »der Glaube, der
in der Liebe wirksam ist« (Gal 5, 6).
Kein Riß darf die Harmonie zwischen Glaube und Leben gefährden: die
Einheit der Kirche wird nicht nur von den Christen verletzt, die die
Glaubenswahrheiten ablehnen oder verzerren, sondern auch von jenen, die
die sittlichen Verpflichtungen verkennen, zu denen sie das Evangelium
aufruft (vgl. 1 Kor 5, 9-13). Die Apostel haben jede Trennung zwischen dem
Anliegen des Herzens und den Gesten, die es zum Ausdruck bringen und
kontrollieren, entschieden abgelehnt (vgl. 1 Joh 2, 3-6). Und seit der
apostolischen Zeit haben die Bischöfe der Kirche die Vorgehensweisen
derjenigen mit aller Klarheit angezeigt, die mit ihren Lehren oder mit
ihrem Verhalten Spaltungen Vorschub leisteten.(38)
27. Die Förderung und Bewahrung des Glaubens und des sittlichen Lebens in
der Einheit der Kirche ist die von Jesus den Aposteln anvertraute Aufgabe
(vgl. Mt 28, 19-20), die auf das Amt ihrer Nachfolger übergeht. Das alles
findet sich in der lebendigen Überlieferung, durch die - wie das II.
Vatikanische Konzil lehrt - »die Kirche in Lehre, Leben und Kult alles,
was sie selber ist, alles, was sie glaubt durch die Zeiten weiterführt
und allen Geschlechtern übermittelt. Diese apostolische Überlieferung
kennt in der Kirche unter dem Beistand des Heiligen Geistes einen
Fortschritt«.(39) Im Geist empfängt die Kirche die Schrift und gibt sie
weiter als Zeugnis für »das Große«, das Gott in der Geschichte bewirkt
(vgl. Lk 1, 49), durch den Mund der Kirchenväter und -lehrer bekennt sie
die Wahrheit des fleischgewordenen Wortes, setzt dessen Gebote und die
Liebe im Leben der Heiligen und im Opfer der Märtyrer in die Praxis um,
feiert deren Hoffnung in der Liturgie: durch die Überlieferung empfangen
die Christen »die lebendige Stimme des Evangeliums«(40) als gläubigen
Ausdruck der göttlichen Weisheit und des göttlichen Willens.
Innerhalb der Überlieferung entwickelt sich mit dem Beistand des Heiligen
Geistes die authentische Interpretation des Gesetzes des Herrn. Der Geist
selbst, der am Beginn der Offenbarung der Gebote und der Lehren Jesu
steht, gewährleistet, daß sie heiligmäßig bewahrt, getreu dargelegt
und im Wechsel der Zeiten und Umstände korrekt angewandt werden. Diese
»Aktualisierung« der Gebote ist Zeichen und Frucht eines tieferen
Eindringens in die Offenbarung und eines Verstehens neuer historischer und
kultureller Situationen im Lichte des Glaubens. Sie kann jedoch nur die
bleibende Gültigkeit der Offenbarung bestätigen und sich in den
Traditionsstrom der Auslegung einfügen, den die große Lehr- und
Lebensüberlieferung der Kirche bildet und dessen Zeugen die Lehre der
Kirchenväter, das Leben der Heiligen, die Liturgie der Kirche und das
Lehramt sind.
Insbesondere ist - wie das Konzil sagt - »die Aufgabe, das geschriebene
oder überlieferte Wort Gottes verbindlich zu erklären, nur dem
lebendigen Lehramt der Kirche anvertraut, dessen Vollmacht im Namen Jesu
Christi ausgeübt wird«.(41) Auf diese Weise erscheint die Kirche in
ihrem Leben und in ihrer Lehre als »die Säule und das Fundament der
Wahrheit« (1 Tim 3, 15), auch der Wahrheit über das sittliche Handeln.
In der Tat »kommt es der Kirche zu, immer und überall die sittlichen
Grundsätze auch über die soziale Ordnung zu verkündigen wie auch über
menschliche Dinge jedweder Art zu urteilen, insoweit die Grundrechte der
menschlichen Person oder das Heil der Seelen dies erfordern«.(42)
Gerade was die Fragestellungen anbelangt, die für die Diskussion von
Fragen der Moral heute kennzeichnend sind und in deren Umfeld sich neue
Tendenzen und Theorien entwickelt haben, empfindet es das Lehramt in Treue
zu Jesus Christus und in der Kontinuität der Tradition der Kirche als
sehr dringende Pflicht, sein eigenes Urteil und seine Lehre anzubieten, um
dem Menschen auf seinem Weg zur Wahrheit und zur Freiheit behilflich zu
sein.
KAPITEL 2
»GLEICHT EUCH NICHT DER DENKWEISE DIESER WELT AN!« (Röm 12, 2)
Die Kirche und die Beurteilung einiger Tendenzen heutiger Moraltheologie
Verkünden, was der gesunden Lehre entspricht (vgl. Tit 2, 1)
28. Die Betrachtung des Gesprächs zwischen Jesus und dem jungen reichen
Mann ermöglicht uns, die wesentlichen Inhalte der Offenbarung des Alten
und des Neuen Testamentes im Blick auf das sittliche Handeln
zusammenzustellen. Diese sind die Unterordnung des Menschen und seines
Tuns gegenüber Gott, dem, der »allein gut ist«; der Zusammenhang
zwischen dem sittlich Guten der menschlichen Handlungen und dem ewigen
Leben; die Nachfolge Christi, der dem Menschen die Perspektive der
vollkommenen Liebe eröffnet; und schließlich die Gabe des Heiligen
Geistes als Quelle und Stütze des sittlichen Lebens der »neuen
Schöpfung« (vgl. 2 Kor 5, 17).
Die Kirche hat bei ihrer moralischen Reflexion stets die Worte bedacht,
die Jesus an den reichen Jüngling gerichtet hat. Die Heilige Schrift
bleibt in der Tat die lebendige und fruchtbare Quelle der Sittenlehre der
Kirche, woran das II. Vatikanische Konzil erinnert hat: »das Evangelium
(ist)... die Quelle jeglicher Heilswahrheit und Sittenlehre«.(43) Getreu
bewahrte sie, was das Wort Gottes nicht nur im Blick auf die
Glaubenswahrheiten, sondern auch was es hinsichtlich des sittlichen
Handelns lehrt, das heißt des Handelns, das Gott gefällt (vgl. 1 Thess
4, 1); dadurch erzielt sie eine Weiterentwicklung in der Lehre, analog zu
jener im Bereich der Glaubenswahrheiten. Unter dem Beistand des Heiligen
Geistes, der sie in die ganze Wahrheit führt (vgl. Joh 16, 13), hat die
Kirche nicht aufgehört - und kann sie niemals aufhören -, das
»Geheimnis des fleischgewordenen Wortes« zu erforschen, in dem sich ihr
»das Geheimnis des Menschen wahrhaft aufklärt«.(44)
29. Das kirchliche Nachdenken über Moral, das sich immer im Lichte
Christi, des »guten Meisters«, vollzog, hat sich auch in der besonderen
Form der theologischen Wissenschaft, der sogenannten »Moraltheologie«,
entfaltet, einer Wissenschaft, die die göttliche Offenbarung aufgreift
und befragt und zugleich den Anforderungen menschlicher Vernunft
entspricht. Die Moraltheologie ist eine Reflexion, die die »Moralität«,
das heißt das Gute und das Schlechte der menschlichen Handlungen und der
Person, die sie vollzieht, zum Inhalt hat, und in diesem Sinne steht sie
allen Menschen offen; aber sie ist auch »Theologie«, weil sie Anfang und
Endziel des sittlichen Handelns in dem erkennt, der »allein gut ist« und
der dem Menschen dadurch, daß er sich ihm in Christus hingibt, die
Glückseligkeit des göttlichen Lebens anbietet.
Das II. Vatikanische Konzil hat die Wissenschaftler aufgefordert,
»besondere Sorge auf die Vervollkommnung der Moraltheologie (zu
verwenden), die, reicher genährt aus der Lehre der Schrift, in
wissenschaftlicher Darlegung die Erhabenheit der Berufung der Gläubigen
in Christus und ihre Verpflichtung, in der Liebe Frucht zu tragen für das
Leben der Welt, erhellen soll«.(45) Ebenso hat das Konzil die Theologen
eingeladen, »unter Wahrung der der Theologie eigenen Methoden und
Erfordernisse nach immer geeigneteren Weisen zu suchen, die Lehre des
Glaubens den Menschen ihrer Zeit zu vermitteln. Denn die
Glaubenshinterlage selbst, das heißt die Glaubenswahrheiten, darf nicht
verwechselt werden mit ihrer Aussageweise, auch wenn diese immer denselben
Sinn und Inhalt meint«.(46) Von daher die weitere, sich auf alle
Gläubigen erstreckende, besonders an die Theologen gerichtete
Aufforderung: »Die Gläubigen sollen also in engster Verbindung mit den
anderen Menschen ihrer Zeit leben und sich bemühen, ihre Denk- und
Urteilsweisen, die in der Geisteskultur zur Erscheinung kommen, vollkommen
zu verstehen«.(47)
Das Bemühen vieler Theologen, die sich von der Ermutigung des Konzils
gestärkt fühlten, hat bereits seine Früchte getragen in bemerkenswerten
und nützlichen Reflexionen über Glaubenswahrheiten, die es zu glauben
und im Leben anzuwenden gilt und die von ihnen in einer dem Empfinden und
den Fragen der Menschen unserer Zeit angemesseneren Form dargeboten
werden. Die Kirche und insbesondere die Bischöfe, die Jesus Christus vor
allem mit dem Dienst der Lehre betraut hat, nehmen dieses Bemühen mit
Dankbarkeit an und ermutigen die Theologen zum Weiterarbeiten, das beseelt
wird von einer tiefen, echten »Gottesfurcht, die der Anfang der
Erkenntnis ist« (vgl. Spr 1, 7).
Zugleich haben sich im Bereich der nachkonziliaren theologischen
Diskussionen jedoch manche Interpretationen der christlichen Moral
herausgebildet, die mit der »gesunden Lehre« (2 Tim 4, 3)unvereinbar
sind. Absicht des Lehramtes der Kirche ist es gewiß nicht, den Gläubigen
ein besonderes theologisches und schon gar nicht ein philosophisches
System aufzuerlegen; aber um das Wort Gottes »heilig zu bewahren und treu
auszulegen«,(48) ist es verpflichtet, die Unvereinbarkeit gewisser
Richtungen des theologischen Denkens oder mancher philosophischer Aussagen
mit der geoffenbarten Wahrheit kundzutun.(49)
30. Wenn ich mich mit dieser Enzyklika an euch, Mitbrüder im Bischofsamt,
wende, möchte ich die Prinzipien darlegen, die für die Unterscheidung,
was der »gesunden Lehre« widerspricht, erforderlich sind; dazu verweise
ich auf jene Elemente der Sittenlehre der Kirche, die heute besonders dem
Irrtum, der Zweideutigkeit oder dem Vergessen ausgesetzt zu sein scheinen.
Das sind aller dings jene Elemente, von denen die »Antwort auf die
ungelösten Rätsel des menschlichen Daseins (abhängt), die seit eh und
je die Herzen der Menschen im tiefsten bewegen: Was ist der Mensch? Was
ist Sinn und Ziel unseres Lebens? Was ist das Gute, was die Sünde? Woher
kommt das Leid, und welchen Sinn hat es? Was ist der Weg zum wahren
Glück? Was ist der Tod, das Gericht und die Vergeltung nach dem Tode? Und
schließlich: Was ist jenes letzte und unsagbare Geheimnis unserer
Existenz, aus dem wir kommen und wohin wir gehen?«.(50)
Diese und andere Fragen - wie z.B.: Was ist die Freiheit und welcher Art
ist ihre Beziehung zu der im Gesetz Gottes enthaltenen Wahrheit? Welche
Rolle kommt dem Gewissen bei der Ausformung des sittlichen Charakters des
Menschen zu?
Wie kann man in Übereinstimmung mit der Wahrheit über das Gute die
Rechte und konkreten Pflichten der menschlichen Person erkennen? - lassen
sich in der fundamentalen Frage zusammenfassen, die der junge Mann im
Evangelium Jesus stellte:« Meister, was muß ich Gutes tun, um das ewige
Leben zu gewinnen?«. Die Kirche, die von Jesus ausgesandt wurde, das
Evangelium zu verkündigen und »zu allen Völkern zu gehen... und sie zu
lehren, alles zu befolgen«, was er ihr geboten hat (vgl. Mt 28, 19-20),
schlägt auch heute noch die Antwort des Meisters vor: Diese besitzt ein
Licht und eine Kraft, die fähig sind, auch die umstrittensten und
kompliziertesten Fragen zu lösen. Dieses Licht und diese Kraft treiben
die Kirche dazu an, unablässig nicht nur die dogmatische, sondern auch
die moralische Reflexion in einem interdisziplinären Umfeld zu entfalten,
wie dies besonders für die neuen Probleme notwendig ist.(51)
Genau in diesem Licht und in dieser Kraft vollbringt das Lehramt der
Kirche seit jeher sein Werk der Unterscheidung, indem es die Ermahnung des
Apostels Paulus an Timotheus annimmt und ihr nachlebt: »Ich beschwöre
dich bei Gott und bei Christus Jesus, dem kommenden Richter der Lebenden
und der Toten, bei seinem Erscheinen und bei seinem Reich: Verkünde das
Wort, tritt dafür ein, ob man es hören will oder nicht; weise zurecht,
tadle, ermahne, in unermüdlicher und geduldiger Belehrung. Denn es wird
eine Zeit kommen, in der man die gesunde Lehre nicht erträgt, sondern
sich nach eigenen Wünschen immer neue Lehrer sucht, die den Ohren
schmeicheln; und man wird der Wahrheit nicht mehr Gehör schenken, sondern
sich Fabeleien zuwenden. Du aber sei in allem nüchtern, ertrage das
Leiden, verkünde das Evangelium, erfülle treu deinen Dienst!« (2 Tim 4,
1-5; vgl. Tit 1. 10. 13-14).
»Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen, und dieWahrheit wird euch
befreien« (Joh 8, 32)
31. Die umstrittensten und unterschiedlich gelösten menschlichen Probleme
in der gegenwärtigen Reflexion über die Moral sind, wenn auch in je
verschiedener Weise, mit einem Grundproblem verknüpft: der Freiheit des
Menschen.
Ohne Zweifel ist unsere Zeit zu einem besonders lebhaften Gespür für die
Freiheit gelangt. »Die Würde der menschlichen Person kommt den Menschen
unserer Zeit immer mehr zum Bewußtsein«, stellte schon die
Konzilserklärung über die Religionsfreiheit Dignitatis humanae fest.(52)
Daher der Anspruch der Menschen, »daß sie bei ihrem Tun ihr eigenes
Urteil und eine verantwortliche Freiheit besitzen und davon Gebrauch
machen sollen, nicht unter Zwang, sondern vom Bewußtsein der Pflicht
geleitet«.(53) Insbesondere das Recht auf Religions- und
Gewissensfreiheit auf dem Weg zur Wahrheit wird zunehmend als Fundament
der Rechte der menschlichen Person, in ihrer Gesamtheit betrachtet,
empfunden.(54)
Der geschärfte Sinn für die Würde und Einmaligkeit der menschlichen
Person wie auch für die dem Weg des Gewissens gebührende Achtung stellt
also sicher eine positive Errungenschaft der modernen Kultur dar. Diese an
sich authentische Wahrnehmung hat vielfältige, mehr oder weniger
angemessene Ausdrucksformen gefunden, von denen jedoch einige von der
Wahrheit über den Menschen als Geschöpf und Ebenbild Gottes abweichen
und deshalb korrigiert bzw. im Lichte des Glaubens geläutert werden
müssen.(55)
32. So ist man in manchen modernen Denkströmungen so weit gegangen, die
Freiheit derart zu verherrlichen, daß man sie zu einem Absolutum machte,
das die Quelle aller Werte wäre. In diese Richtung bewegen sich Lehren,
die jeden Sinn für die Transzendenz verloren haben oder aber
ausdrücklich atheistisch sind. Dem Gewissen des einzelnen werden die
Vorrechte einer obersten Instanz des sittlichen Urteils zugeschrieben, die
kategorisch und unfehlbar über Gut und Böse entscheidet. Zu der Aussage
von der Verpflichtung, dem eigenen Gewissen zu folgen, tritt
unberechtigterweise jene andere, das moralische Urteil sei allein deshalb
wahr, weil es dem Gewissen entspringt. Auf diese Weise ist aber der
unabdingbare Wahrheitsanspruch zugunsten von Kriterien wie Aufrichtigkeit,
Authentizität, »Übereinstimmung mit sich selbst« abhanden gekommen, so
daß man zu einer radikal subjektivistischen Konzeption des sittlichen
Urteils gelangt.
Wie man sogleich erkennen kann, gehört zu dieser Entwicklung die Krise um
die Wahrheit. Nachdem die Idee von einer für die menschliche Vernunft
erkennbaren universalen Wahrheit über das Gute verloren gegangen war, hat
sich unvermeidlich auch der Begriff des Gewissens gewandelt; das Gewissen
wird nicht mehr in seiner ursprünglichen Wirklichkeit gesehen, das heißt
als ein Akt der Einsicht der Person, der es obliegt, die allgemeine
Erkenntnis des Guten auf eine bestimmte Situation anzuwenden und so ein
Urteil über das richtige zu wählende Verhalten zu fällen; man stellte
sich darauf ein, dem Gewissen des Einzelnen das Vorrecht zuzugestehen, die
Kriterien für Gut und Böse autonom festzulegen und dementsprechend zu
handeln. Diese Sicht ist nichts anderes als eine individualistische Ethik,
aufgrund welcher sich jeder mit seiner Wahrheit, die von der Wahrheit der
anderen verschieden ist, konfrontiert sieht. In seinen äußersten
Konsequenzen mündet der Individualismus in die Verneinung sogar der Idee
einer menschlichen Natur.
Diese unterschiedlichen Auffassungen bilden den Ausgangspunkt jener
Denkrichtungen, die eine Antinomie zwischen Sittengesetz und Gewissen,
zwischen Natur und Freiheit behaupten.
33. Parallel zur Verherrlichung der Freiheit und paradoxerweise im
Widerspruch dazu stellt die moderne Kultur dieselbe Freiheit radikal in
Frage. Eine Reihe wissenschafticher Disziplinen, die unter dem Namen
»Humanwissenschaften« zusammengefaßt werden, haben richtigerweise die
Aufmerksamkeit auf die psychologischen und gesellschaftlichen
Konditionierungen gelenkt, die die Ausübung der menschlichen Freiheit
belasten. Die Kenntnis solcher Bedingtheiten und die ihnen geschenkte
Aufmerksamkeit sind wichtige Errungenschaften, die in verschiedenen
Daseinsbereichen, wie z.B. in der Pädagogik oder in der Rechtsprechung,
Anwendung gefunden haben. Aber manche sind in Überschreitung der
Schlußfolgerungen, die sich aus diesen Beobachtungen legitimerweise
ziehen lassen, so weit gegangen, die Wirklichkeit der menschlichen
Freiheit selbst anzuzweifeln oder zu leugnen.
Erwähnt werden müssen auch einige mißbräuchliche Auslegungen der
wissenschaftlichen Forschung auf anthropologischem Gebiet. Aufgrund der
großen Vielfalt der in der Menschheit vorhandenen Bräuche, Gewohnheiten
und Einrichtungen schließt man, wenn auch nicht immer gerade auf die
Leugnung universaler menschlicher Werte, so doch zumindest auf eine
relativistische Moralauffassung.
34. »Meister, was muß ich Gutes tun, um das ewige Leben zu erlangen?«
Die moralische Frage, auf die Christus antwortet, kann nicht das Problem
der Freiheit ausklammern, ja sie stellt es in ihren Mittelpunkt, weil es
Moral ohne Freiheit nicht gibt: »Nur frei kann der Mensch sich zum Guten
hinwenden«.(56) Aber welche Freiheit ist gemeint? Vor unseren
Zeitgenossen, die die Freiheit »hochschätzen und sie leidenschaftlich
erstreben«, sie jedoch »oft in verkehrter Weise vertreten, als
Berechtigung, alles zu tun, wenn es nur gefällt, auch das Böse«, legt
das Konzil die »wahre« Freiheit dar: »Die wahre Freiheit aber ist ein
erhabenes Kennzeichen des Bildes Gottes im Menschen: Gott wollte nämlich
den Menschen 'der Macht der eigenen Entscheidung überlassen' (vgl. Sir
15, 14), so daß er seinen Schöpfer aus eigenem Entscheid suche und frei
zur vollen und seligen Vollendung in Einheit mit Gott gelange«.(57) Wenn
für den Menschen das Recht besteht, auf seinem Weg der Wahrheitssuche
respektiert zu werden, so besteht noch vorher die für jeden
schwerwiegende moralische Verpflichtung, die Wahrheit zu suchen und an der
anerkannten Wahrheit festzuhalten.(58) In diesem Sinne behauptete Kardinal
J.H. Newman, herausragender Verfechter der Rechte des Gewissens, mit
Entschiedenheit: »Das Gewissen hat Rechte, weil es Pflichten hat«.(59)
Gewisse Richtungen der heutigen Moraltheologie interpretieren unter dem
Einfluß hier in Erinnerung gerufener subjektivistischer und
individualistischer Strömungen das Verhältnis der Freiheit zum
Sittengesetz, zur menschlichen Natur und zum Gewissen in neuer Weise und
schlagen neuartige Kriterien für die sittliche Bewertung von Handlungen
vor: es sind dies Tendenzen, die in ihrer Verschiedenheit darin
übereinstimmen, die Abhängigkeit der Freiheit von der Wahrheit
abzuschwächen oder sogar zu leugnen.
Wollen wir diese Tendenzen einer kritischen Prüfung unterziehen, die
geeignet ist, nicht nur zu erkennen, was an ihnen legitim, nützlich und
wertvoll ist, sondern zugleich ihre Zweideutigkeiten, Gefahren und
Irrtümer aufzuzeigen, dann müssen wir sie im Lichte der grundlegenden
Abhängigkeit der Freiheit von der Wahrheit prüfen, eine Abhängigkeit,
die ihren klarsten und maßgebendsten Ausdruck in den Worten Christi
gefunden hat: »Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit
wird euch befreien« (Joh 8, 32).
I. Freiheit und Gesetz
»Doch vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen«
(Gen 2, 17)
35. Im Buch Genesis lesen wir: »Gott der Herr gebot dem Menschen: Von
allen Bäumen des Gartens darfst du essen, doch vom Baum der Erkenntnis
von Gut und Böse darfst du nicht essen; denn wenn du davon ißt, wirst du
sterben« (Gen 2, 16-17).
Mit diesem Bild lehrt uns die Offenbarung, daß die Macht, über Gut und
Böse zu entscheiden, nicht dem Menschen, sondern allein Gott zusteht.
Gewiß, der Mensch ist von dem Augenblick an frei, in dem er die Gebote
Gottes erkennen und aufnehmen kann. Und er ist im Besitz einer sehr
weitgehenden Freiheit, denn er darf »von allen Bäumen des Gartens«
essen. Aber es ist keine unbegrenzte Freiheit: Sie muß vor dem »Baum der
Erkenntnis von Gut und Böse« haltmachen, da sie dazu berufen ist, das
Sittengesetz, das Gott dem Menschen gibt, anzunehmen. Tatsächlich findet
gerade in dieser Annahme die Freiheit des Menschen ihre wahre und volle
Verwirklichung. Gott, der allein gut ist, erkennt genau, was für den
Menschen gut ist, und kraft seiner eigenen Liebe legt er ihm dies in den
Geboten vor.
Das Gesetz Gottes mindert also die Freiheit des Menschen nicht und noch
weniger schaltet es sie aus, im Gegenteil, es garantiert und fördert sie.
Ganz anders bilden jedoch manche der heutigen kulturellen Strömungen den
Ausgangspunkt zahlreicher Richtungen der Ethik, welche einen mutmaßlichen
Konflikt zwischen der Freiheit und dem Gesetz in den Mittelpunkt ihres
Denkens stellen. Solcher Art sind die Lehren, die den Einzelnen oder
sozialen Gruppen die Fähigkeit und Befugnis zuschreiben, über Gut und
Böse zu entscheiden: Die menschliche Freiheit könnte »die Werte
schaffen« und würde einen Primat über die Wahrheit besitzen; ja, die
Wahrheit würde sogar selbst als eine Schöpfung der Freiheit angesehen.
Somit würde diese also eine solche moralische Autonomie beanspruchen, die
praktisch ihre absolute Souveränität bedeuten würde.
36. Der moderne Autonomieanspruch hat natürlich seinen Einfluß auch im
Bereich der katholischen Moraltheologie ausgeübt. Auch wenn diese sicher
nie die menschliche Freiheit dem göttlichen Gesetz entgegensetzen noch
das Vorhandensein einer letzten religiösen Grundlage der sittlichen
Normen in Frage stellen wollte, wurde sie doch zu einem gründlichen
Überdenken der Rolle der Vernunft und des Glaubens bei der Begründung
einzelner sittlicher Normen herausgefordert, die sich auf bestimmte
»innerweltliche« Verhaltensweisen gegenüber sich selbst, gegenüber den
anderen und gegenüber der Sachwelt (Welt der Dinge) beziehen.
Man muß anerkennen, daß am Beginn dieses Bemühens um Neubesinnung
einige berechtigte Anliegen stehen, die allerings zu einem guten Teil zur
besten Tradition katholischen Denkens gehören. Vom II. Vatikanischen
Konzil gedrängt,(60) wollte man den Dialog mit der modernen Kultur
dadurch fördern, daß man den rationalen - und damit universal
verständlichen und mitteilbaren - Charakter der dem Bereich des
natürlichen Moralgesetzes zugehörigen sittlichen Normen an den Tag
legte.(61) Darüber hinaus wollte man den innerlichen Charakter sittlicher
Forderungen bekräftigen, die aus dem natürlichen Sittengesetz
hervorgehen und sich dem Willen nur kraft ihrer vorhergehenden Anerkennung
durch die menschliche Vernunft und, konkret, das persönliche Gewissen als
Verpflichtung auferlegen.
Indem jedoch die Abhängigkeit der menschlichen Vernunft von der
göttlichen Weisheit und - im gegenwärtigen Zustand der gefallenen Natur
- die Notwendigkeit und Tatsächlichkeit der göttlichen Offenbarung für
die Kenntnis auch natürlicher sittlicher Wahrheiten(62) in Vergessenheit
gerieten, sind einige zu der Theorie einer vollständigen Souveränität
der Vernunft im Bereich der sittlichen Normen gelangt, die sich auf die
richtige Ordnung des Lebens in dieser Welt beziehen: Diese Normen stellten
den Bereich einer rein »menschlichen« Moral dar, das heißt, sie wären
Ausdruck eines Gesetzes, das der Mensch sich autonom selbst gibt und das
seine Quelle ausschließlich in der menschlichen Vernunft hat. Als Urheber
dieses Gesetzes könnte keinesfalls Gott angesehen werden, außer in dem
Sinne, daß die menschliche Vernunft ihre Gesetzgebungsautonomie aufgrund
einer ursprünglichen Gesamtermächtigung Gottes an den Menschen ausübt.
Diese angestrebten Überlegungen haben nun dazu geführt, gegen die
Heilige Schrift und die feststehende Lehre der Kirche zu leugnen, daß das
natürliche Sittengesetz Gott als seinen Urheber hat und daß der Mensch
durch seine Vernunft an dem ewigen Gesetz teilhat, dessen Festlegung nicht
ihm zusteht.
37. Da man jedoch das sittliche Leben in einem christlichen Rahmen
erhalten wollte, wurde von einigen Moraltheologen eine scharfe, der
katholischen Lehre widersprechende(63) Unterscheidung eingeführt zwischen
einer sittlichen Ordnung, die menschlichen Ursprungs sei und nur
innerweltlichen Wert habe, und einer Heilsordnung, für die nur bestimmte
Absichten und innere Haltungen im Hinblick auf Gott und den Nächsten
Bedeutung hätten. Folglich gelangte man dahin, das Vorhandensein eines
spezifischen und konkreten, universal gültigen und bleibenden sittlichen
Gehaltes der göttlichen Offenbarung zu leugnen: Das heute bindende Wort
Gottes würde sich darauf beschränken, eine Ermahnung, eine allgemeine
»Paränese« anzubieten; sie mit wahrhaft »objektiven«, d.h. an die
konkrete geschichtliche Situation angepaßten, normativen Bestimmungen
aufzufüllen, wäre dann allein Aufgabe der autonomen Vernunft. Eine
derart verstandene Autonomie führt natürlich auch dazu, daß eine
spezifische Kompetenz der Kirche und ihres Lehramtes hinsichtlich
bestimmter, das sogenannte »Humanum« betreffender sittlicher Normen
geleugnet wird: Sie gehörten nicht zum eigentlichen Inhalt der
Offenbarung und wären, als solche, im Hinblick auf das Heil nicht von
Bedeutung.
Eine solche Auslegung der Autonomie der menschlichen Vernunft führt, wie
jeder sieht, zu Thesen, die mit der katholischen Lehre unvereinbar sind.
In einem solchen Zusammenhang müssen unbedingt die Grundbegriffe der
menschlichen Freiheit und des Moralgesetzes sowie ihre tiefen, inneren
Beziehungen im Lichte des Wortes Gottes und der lebendigen Überlieferung
der Kirche geklärt werden. Nur so wird es möglich sein, den berechtigten
Ansprüchen menschlicher Vernünftigkeit dadurch zu entsprechen, daß man
die gültigen Elemente einiger Strömungen der heutigen Moraltheologie
integriert, ohne das moralische Erbgut der Kirche durch Thesen zu
beeinträchtigen, die aus einem falschen Autonomiebegriff herrühren.
Gott wollte den Menschen »der Macht der eigenen Entscheidung
überlassen« (Sir 15, 14)
38. Mit den Worten aus dem Buch Jesus Sirach erklärt das II. Vatikanische
Konzil die »wahre Freiheit«, die ein »erhabenes Kennzeichen des Bildes
Gottes« im Menschen ist: »Gott wollte nämlich den Menschen 'der Macht
der eigenen Entscheidung überlassen', so daß er seinen Schöpfer aus
eigenem Entscheid suche und frei zur vollen und seligen Vollendung in
Einheit mit Gott gelange«.(64) Diese Worte weisen auf die wunderbare
Tiefe der Teilhabe an der göttlichen Herrschaft hin, zu welcher der
Mensch berufen ist: Sie deuten an, daß die Herrschaft des Menschen in
gewissem Sinne über den Menschen selbst hinausreicht. Das ist ein
Gesichtspunkt, der in der theologischen Reflexion über die als eine Art
von Königtum ausgelegte menschliche Freiheit stets hervorgehoben wird. So
schreibt z.B. der hl. Gregor von Nyssa: »Der Geist offenbart sein
Königtum und seine Vortrefflichkeit... darin, daß er herrenlos und frei
ist, sich mit seinem Willen autokratisch zu regieren. Wem anders ziemt das
als einem König?... So wurde die menschliche Natur, die geschaffen worden
ist, Herrin über die anderen Geschöpfe zu sein, durch die Ähnlichkeit
mit dem Herrn des Universums zu einem lebendigen Bild bestimmt, das an der
Würde und dem Namen des Urbildes teilhat«.(65)
Schon das Regieren der Welt stellt für den Menschen eine große und
verantwortungsreiche Aufgabe dar, die seine Freiheit im Gehorsam
gegenüber dem Schöpfer in Anspruch nimmt: »Bevölkert die Erde und
unterwerft sie euch« (Gen 1, 28). Von diesem Gesichtspunkt aus steht dem
einzelnen Menschen wie auch der menschlichen Gemeinschaft eine
gerechtfertigte Autonomie zu, der die Konzilskonstitution Gaudium et spes
besondere Aufmerksamkeit widmet. Es ist dies die Autonomie der irdischen
Wirklichkeiten, was bedeutet, daß »die geschaffenen Dinge und auch die
Gesellschaften ihre eigenen Gesetze und Werte haben, die der Mensch
schrittweise erkennen, gebrauchen und gestalten muß«.(66)
39. Doch nicht nur die Welt, sondern auch der Mensch selbst wurde seiner
eigenen Sorge und Verantwortung anvertraut. Gott hat ihn »der Macht der
eigenen Entscheidung« überlassen (Sir 15, 14), so daß er seinen
Schöpfer suche und aus freien Stücken zur Vollkommenheit gelange. Zur
Vollkommenheit gelangen heißt, persönlich in sich diese Vollkommenheit
aufbauen. Denn wie der Mensch, wenn er die Welt regiert, sie nach seinem
Verstand und Willen gestaltet, so bestätigt, entwickelt und festigt der
Mensch in sich selbst die Gottähnlichkeit, wenn er sittlich gute
Handlungen vollzieht.
Das Konzil verlangt jedoch Wachsamkeit gegenüber einem falschen Begriff
der Autonomie der irdischen Wirklichkeiten, einem solchen nämlich, der
meint, daß »die geschaffenen Dinge nicht von Gott abhängen und der
Mensch sie ohne Bezug auf den Schöpfer gebrauchen könne«.(67) Was den
Menschen betrifft, so führt dann ein solcher Autonomiebegriff zu
besonders schädlichen Auswirkungen, und nimmt schlußendlich
atheistischen Charakter an: »Denn das Geschöpf sinkt ohne den Schöpfer
ins Nichts... überdies wird das Geschöpf selbst durch das Vergessen
Gottes unverständlich«.(68)
40. Die Lehre des Konzils unterstreicht einerseits die akive Rolle der
menschlichen Vernunft bei der Auffindung und Anwendung des Sittengesetzes:
Das sittliche Leben erfordert die Kreativität und den Einfallsreichtum,
die der Person eigen und Quelle und Grund ihres freien und bewußten
Handelns sind. Andererseits schöpft die Vernunft ihre Wahrheit und ihre
Autorität aus dem ewigen Gesetz, das nichts anderes als die göttliche
Weisheit ist.(69) Dem sittlichen Leben liegt also das Prinzip einer
»richtigen Autonomie«(70) des Menschen als Person und Subjekt seiner
Handlungen zugrunde. Das Sittengsetz kommt von Gott und findet immer in
ihm seine Quelle: Aufgrund der natürlichen Vernunft, die aus der
göttlichen Weisheit stammt, ist es zugleich das dem Menschen eigene
Gesetz. Das Naturgesetz ist nämlich, wie wir gesehen haben, »nichts
anderes als das von Gott uns eingegebene Licht des Verstandes. Dank seiner
wissen wir, was man tun und was man meiden soll. Dieses Licht und dieses
Gesetz hat uns Gott bei der Erschaffung geschenkt«.(71) Die richtige
Autonomie der praktischen Vernunft bedeutet, daß der Mensch ein ihm
eigenes, vom Schöpfer empfangenes Gesetz als Eigenbesitz in sich trägt.
Doch die Autonomie der Vernunft kann nicht die Erschaffung der Werte und
sittlichen Normen durch die Vernunft bedeuten.(72) Würde eine solche
Autonomie die Leugnung der Teilhabe der praktischen Vernunft an der
Weisheit des göttlichen Schöpfers und Gesetzgebers einschließen oder
einer schöpferischen Freiheit das Wort reden, die je nach den
historischen Umständen oder der Verschiedenheit von Gesellschaften und
Kulturen sittliche Normen hervorbringt, dann stünde eine solchermaßen
bekämpfte Autonomie im Gegensatz zur Lehre der Kirche über die Wahrheit
vom Menschen.(73) Sie wäre der Tod der wahren Freiheit: »Doch vom Baum
der Erkenntnis von Gut und Böse sollst du nicht essen; denn wenn du davon
ißt, wirst du sterben« (Gen 2, 17).
41. Wahre sittliche Autonomie des Menschen bedeutet in der Tat nicht
Ablehnung, sondern nur Annahme des Sittengesetzes, des Gebotes Gottes:
»Gott der Herr gebot dem Menschen...« (Gen 2, 16). Die Freiheit des
Menschen und das Gesetz Gottes begegnen einander und sind aufgerufen, sich
im Sinne des freien Gehorsams des Menschen gegenüber Gott und des
unverdienten Wohlwollens Gottes gegenüber dem Menschen gegenseitig zu
durchdringen. Der Gehorsam Gott gegenüber ist daher nicht, wie manche
meinen, eine Heteronomie, so als wäre das moralische Leben dem Willen
einer absoluten Allmacht außerhalb des Menschen unterworfen, die der
Behauptung seiner Freiheit widerspricht. Wenn Heteronomie der Moral
tatsächlich Leugnung der Selbstbestimmung des Menschen oder Auferlegung
von Normen bedeutete, die mit seinem Wohl nichts zu tun haben, dann
stünde sie im Gegensatz zur Offenbarung des Bundes und der erlösenden
Menschwerdung Gottes. Eine solche Heteronomie wäre nur eine Form von
Entfremdung, die der göttlichen Weisheit und der Würde der menschlichen
Person widerspricht.
Manche sprechen mit Recht von Theonomie oder von partezipater Theonomie,
weil der freie Gehorsam des Menschen dem Gesetz Gottes gegenüber in der
Tat die Teilhabe der menschlichen Vernunft und des menschlichen Willens an
der Weisheit und Vorsehung Gottes einschließt. Wenn Gott dem Menschen
verbietet, »vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen«, sagt er
damit, daß der Mensch diese »Erkenntnis« nicht als ursprünglichen
Eigenbesitz in sich trägt, sondern nur durch das Licht der natürlichen
Vernunft und der göttlichen Offenbarung, die ihm die Forderungen und
Appelle der ewigen Weisheit kundtun, daran teilhat. Das Gesetz muß also
Ausdruck der göttlichen Weisheit genannt werden: Indem sich die Freiheit
ihm unterwirft, unterwirft sie sich der Wahrheit der Schöpfung. Darum
müssen wir in der Freiheit der menschlichen Person das Abbild und die
Nähe Gottes anerkennen, der »in allen gegenwärtig ist« (vgl. Eph 4,
6); zugleich müssen wir die Majestät des Gottes des Alls anerkennen und
die Heiligkeit des Gesetzes des unendlich transzendenten Gottes verehren.
Deus semper maior.(74)
Wohl dem Mann, der Freude hat an der Weisung des Herrn (vgl. Ps 1, 1-2)
42. Die der Freiheit Gottes nachgebildete Freiheit des Menschen wird durch
dessen Gehorsam gegenüber dem Gesetz Gottes nicht nur nicht verneint,
sondern vielmehr bleibt sie erst durch diesen Gehorsam in der Wahrheit und
entspricht der Würde des Menschen, wie das Konzil offen schreibt: »Die
Würde des Menschen verlangt, daß er in bewußter und freier Wahl handle,
das heißt personal, von innen her bewegt und geführt und nicht unter
blindem innerem Drang oder unter bloßem äußerem Zwang. Eine solche
Würde erwirbt der Mensch, wenn er sich aus aller Knechtschaft der
Leidenschaften befreit und sein Ziel in freier Wahl des Guten verfolgt
sowie sich die geeigneten Hilfsmittel wirksam und in angestrengtem
Bemühen verschafft«.(75)
In seinem Streben nach Gott, dem, der »allein gut ist«, muß der Mensch
in freier Entscheidung das Gute tun und das Böse meiden. Aber dazu muß
der Mensch das Gute vom Bösen unterscheiden können. Und das erfolgt vor
allem dank des Lichtes der natürlichen Vernunft, Widerschein des Glanzes
von Gottes Angesicht im Menschen. In diesem Sinne schreibt der hl. Thomas,
einen Vers des 4. Psalms kommentierend: »Nachdem der Psalmist gesagt hat:
Bringt rechte Opfer dar! (Ps 4, 6), als ob ihn Leute nach den Werken der
Gerechtigkeit gefragt hätten, fügt er hinzu: Viele sagen: 'Wer macht uns
das Gute sehen?'. Und als Antwort auf die Frage sagt er: Herr, laß dein
Angesicht über uns leuchten! Als wollte er sagen, daß das Licht der
natürlichen Vernunft, mit der wir das Gute vom Bösen unterscheiden -
wofür das Naturgesetz zuständig ist -, nichts anderes als ein Abdruck
des göttlichen Lichtes in uns ist«.(76) Daraus folgt auch, warum dieses
Gesetz Naturgesetz genannt wird: Es wird so genannt nicht im Blick auf die
Natur der vernunftlosen Wesen, sondern weil die Vernunft, die dieses
Gesetz erläßt, zur menschlichen Natur gehört.(77)
43. Das II. Vatikanische Konzil erinnert daran, daß »die höchste Norm
des menschlichen Lebens das göttliche Gesetz selber ist, das ewige,
objektive und universale, durch das Gott nach dem Ratschluß seiner
Weisheit und Liebe die ganze Welt und die Wege der Menschengemeinschaft
ordnet, leitet und regiert. Gott macht den Menschen seines Gesetzes
teilhaftig, so daß der Mensch unter der sanften Führung der göttlichen
Vorsehung die unveränderliche Wahrheit mehr und mehr zu erkennen
vermag«.(78)
Das Konzil verweist auf die klassische Lehre über das ewige Gesetz
Gottes. Der hl. Augustinus definiert es als »die Vernunft oder den Willen
Gottes, der gebietet, die natürliche Ordnung zu beachten, und verbietet,
sie zu stören«;(79) der hl. Thomas identifiziert es mit dem »Plan der
göttlichen Weisheit, die alles auf das gebotene Ziel hin bewegt«.(80)
Und die Weisheit Gottes ist Vorsorge, sorgende Liebe. Es ist also Gott
selber, der die ganze Schöpfung liebt und im wörtlichsten,
grundlegendsten Sinn für sie sorgt (vgl. Weish 7, 22; 8, 11). Aber Gott
sorgt für die Menschen anders als für die Wesen, die keine Personen
sind: nicht »von außen«, durch die Gesetze der physischen Natur,
sondern »von innen«, durch die Vernunft, die, wenn sie mit Hilfe des
natürlichen Lichtes das ewige Gesetz Gottes erkennt, dadurch imstande
ist, dem Menschen die rechte Richtung seines freien Handelns zu
weisen.(81) Auf diese Weise beruft Gott den Menschen zur Teilhabe an
seiner Vorsehung, denn er will die Welt mit Hilfe des Menschen selber, das
heißt durch seine vernünftige und verantwortliche Sorge, leiten: nicht
nur die Welt der Natur, sondern auch die Welt der menschlichen Personen.
In diesem Zusammenhang steht das Naturgesetz, menschlicher Ausdruck des
ewigen Gesetzes Gottes: »Im Vergleich zu den anderen Kreaturen - schreibt
der hl. Thomas - ist das vernunftbegabte Geschöpf in vortrefflicher Weise
der göttlichen Vorsehung unterworfen, weil es seinerseits dadurch an der
Vorsehung teilhat, daß es für sich und die anderen vorsieht: darum gibt
es bei ihm Teilhabe an der ewigen Vernunft, dank welcher es eine
natürliche Neigung zur sittlich gebotenen Handlung und zum gebotenen Ziel
hat: Diese Teilhabe des ewigen Gesetzes im vernunftbegabten Geschöpf wird
Naturgesetz genannt«.(82)
44. Die Kirche hat sich oft auf die thomistische Lehre vom Naturgesetz
berufen und sie in ihre Moralverkündigung aufgenommen. So hat mein
ehrwürdiger Vorgänger Leo XIII. die wesenhafte Unterordnung der
menschlichen Vernunft und des menschlichen Gesetzes unter Gottes Weisheit
und Gesetz hervorgehoben. Nachdem er ausgeführt hat, daß »das
Naturgesetz in die Herzen der einzelnen Menschen geschrieben und
eingemeißelt ist, da es nichts anderes ist als die menschliche Vernunft
selber, insofern sie uns gebietet, das Gute zu tun, und uns zu sündigen
verbietet«, verweist Leo XIII. auf die »höhere Vernunft« des
göttlichen Gesetzgebers: »Aber diese Anordnung der menschlichen Vernunft
hätte nicht Gesetzeskraft, wenn sie nicht Stimme und Auslegerin einer
höheren Vernunft wäre, der sich unser Geist und unsere Freiheit
unterwerfen müssen«. Die Kraft des Gesetzes beruht in der Tat auf seiner
Autorität, Verpflichtungen aufzuerlegen, Rechte zu verleihen und gewisse
Verhaltensweisen mit Lohn oder Strafe zu belegen: »Das alles könnte sich
im Menschen nicht finden, würde er selbst als oberster Gesetzgeber sich
die Norm für seine Handlungen geben«. Und er sagt abschließend:
»Daraus folgt, daß das Naturgesetz das ewige Gesetz selbst ist, das
denen eingepflanzt ist, die die Vernunft gebrauchen, und sie auf das
gebührende Tun und Ziel hinlenkt; es ist dies die ewige Vernunft des
Schöpfers selbst und des die ganze Welt regierenden Gottes«.(83)
Der Mensch kann das Gute und das Böse erkennen dank jener Unterscheidung
von Gut und Böse, die er selbst mit Hilfe seiner Vernunft vornimmt,
besonders der von der göttlichen Offenbarung und vom Glauben erleuchteten
Vernunft, kraft des Gesetzes, das Gott dem auserwählten Volk angefangen
von den Geboten vom Sinai geschenkt hat. Israel war dazu berufen, das
Gesetz Gottes als besonderes Geschenk und Zeichen der Erwählung und des
göttlichen Bundes und zugleich als Gewähr für den Segen Gottes zu
empfangen und zu leben. So konnte sich Mose an die Söhne Israels wenden
und sie fragen: »Denn welche große Nation hätte Götter, die ihr so nah
sind, wie Jahwe, unser Gott, uns nah ist, wo immer wir ihn anrufen? Oder
welche große Nation besäße Gesetze und Rechtsnormen, die so sachgemäß
sind wie alles in dieser Weisung, die ich euch heute vorlege?« (Dtn 4,
7-8). In den Psalmen begegnen wir den Gefühlen des Lobes, der Dankbarkeit
und Verehrung, die das auserwählte Volk gegenüber dem Gesetz Gottes
hegen soll, und wir begegnen der Ermahnung, das Gesetz kennenzulernen,
darüber nachzudenken und es ins Leben zu übersetzen: »Wohl dem Mann,
der nicht dem Rat der Frevler folgt, nicht auf dem Weg der Sünder geht,
nicht im Kreis der Spötter sitzt, sondern Freude hat an der Weisung des
Herrn, über seine Weisung nachsinnt bei Tag und Nacht« (Ps 1, 1-2).
»Die Weisung des Herrn ist vollkommen, sie erquickt den Menschen. Das
Gesetz des Herrn ist verläßlich, den Unwissenden macht es weise. Die
Befehle des Herrn sind richtig, sie erfreuen das Herz; das Gebot des Herrn
ist lauter, es erleuchtet die Augen« (Ps 19, 8-9).
45. Die Kirche empfängt mit Dankbarkeit das Gesamtgut der Offenbarung und
hütet es mit Liebe, indem sie es mit religiöser Achtung behandelt und
durch die authentische Auslegung des Gesetzes Gottes im Lichte des
Evangeliums ihre Sendung erfüllt. Darüber hinaus empfängt die Kirche
als Geschenk das neue Gesetz, das die »Vollendung« des Gesetzes Gottes
in Jesus Christus und in seinem Geist ist: Es ist ein »innerliches«
Gesetz (vgl. Jer 31, 31-33), »geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit
dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf Tafeln aus Stein, sondern - wie
auf Tafeln - in Herzen von Fleisch« (2 Kor 3, 3); ein Gesetz der
Vollkommenheit und der Freiheit (vgl. 2 Kor 3, 17); es ist »das Gesetz
des Geistes und des Lebens in Christus Jesus« (Röm 8, 2). Von diesem
Gesetz schreibt der hl. Thomas: »Dieses kann in einem doppelten Sinn
Gesetz genannt werden. Zum ersten ist Gesetz des Geistes der Heilige
Geist..., der, während er in der Seele Wohnung nimmt, nicht nur durch die
Erleuchtung des Verstandes hinsichtlich des zu Tuenden belehrt, sondern
auch geneigt macht, mit rechter Absicht zu handeln... In einem zweiten
Sinn kann das Gesetz des Geistes die eigentliche Wirkung des Heiligen
Geistes genannt werden, das heißt der Glaube, der in der Liebe wirksam
ist (Gal 5, 6); es belehrt uns also innerlich darüber, was zu tun ist ...
und macht uns darin im Herzen geneigt«.
Auch wenn es bei der moraltheologischen Reflexion üblich ist, das
positive oder geoffenbarte Gesetz Gottes vom Naturgesetz und im Heilsplan
das »alte« »Gesetz« vom »neuen« Gesetz zu unterscheiden, darf man
nicht vergessen, daß sich diese und andere nützliche Unterscheidungen
stets auf das Gesetz beziehen, dessen Urheber ein und derselbe Gott ist,
so wie der Empfänger dieses Gesetzes der Mensch ist. Die verschiedenen
Weisen, wie Gott sich in der Geschichte der Welt und des Menschen annimmt,
schließen nicht nur einander nicht aus, sondern im Gegenteil, sie
stützen und durchdringen sich gegenseitig. Sie alle haben ihre Quelle und
ihr Endziel in dem weisen und liebevollen ewigen Plan, mit dem Gott die
Menschen im voraus dazu bestimmt, »an Wesen und Gestalt seines Sohnes
teilzuhaben« (Röm 8, 29). In diesem Plan liegt keinerlei Bedrohung für
die wahre Freiheit des Menschen; im Gegenteil, die Annahme dieses Planes
ist der einzige Weg zur Bejahung der Freiheit.
»Die Forderung des Gesetzes ist ihnen ins Herz geschrieben« (Röm 2, 15)
46. Ein vermutlicher Konflikt zwischen Freiheit und Gesetz stellt sich
heute aufs neue mit außergewöhnlicher Wucht im Hinblick auf das
Naturgesetz und besonders im Hinblick auf die Natur. In Wirklichkeit haben
die Debatten über Natur und Freiheit die Geschichte der moralischen
Reflexion immer begleitet; mit Renaissance und Reformation haben sich
diese Debatten zugespitzt, wie man aus den Lehren des Konzils von Trient
ersehen kann.(85) Von ähnlicher Spannung ist, wenn auch in einem anderen
Sinn, die Gegenwart gezeichnet: Die Vorliebe für die empirische
Beobachtung, die Verfahren wissenschaftlicher Verobjektivierung, der
technische Fortschritt, gewisse Formen von Liberalismus haben die zwei
Begriffe einander gegenübergestellt, als wäre die Dialektik - wenn nicht
gar der Konflikt - zwischen Freiheit und Natur ein Strukturmerkmal der
menschlichen Geschichte. Zu anderen Zeiten schien die »Natur« den
Menschen vollständig ihren Dynamismen zu unterwerfen, ja selbst ihn zu
determinieren. Heute noch scheinen vielen die räumlich-zeitlichen
Koordinaten der sinnlich wahrnehmbaren Welt, die physisch-chemischen
Konstanten, die körperlichen und seelischen Triebkräfte und die
gesellschaftlichen Zwänge die einzigen wirklich entscheidenden Faktoren
der menschlichen Wirklichkeit zu sein. In diesem Zusammenhang werden auch
die sittlichen Tatsachen, trotz ihres eigentümlichen Charakters, oft wie
statistisch erfaßbare Daten, beobachtbares Verhalten oder nur mit den
Kategorien psychisch-sozialer Mechanismen erklärbar behandelt. Und so
können manche Ethiker, die von Berufs wegen sich der Untersuchung der
Handlungen und Haltungen des Menschen zu widmen haben, versucht sein, ihr
Wissen, ja sogar ihre Verordnungen, an einer statistischen Aufarbeitung
des konkreten menschlichen Verhaltens und an den Meinungen der Mehrheit in
sittlichen Fragen zu messen.
Im Gegensatz dazu behalten andere Moraltheologen, auf Werteerziehung
bedacht, eine Sensibilität, die Freiheit in Ehren zu halten, verstehen
sie aber oft in Widerspruch oder Gegensatz zur materiellen und
biologischen Natur, der gegenüber sie sich Schritt für Schritt zu
behaupten hätte. Dabei treffen sich verschiedene Auffassungen darin, daß
sie die kreatürliche Dimension der Natur vergessen und in ihrer
Integrität verkennen. Für einige ist die Natur nur noch zum Rohmaterial
für das menschliche Handeln und Können verkürzt: Sie müßte von der
Freiheit von Grund auf umgeformt, ja überwunden werden, da sie Begrenzung
und Verneinung der Freiheit darstellte. Für andere entstünden im
maßlosen Steigern der Macht des Menschen bzw. der Ausweitung seiner
Freiheit die ökonomischen, gesellschaftlichen, kulturellen und auch
sittlichen Werte: Natur würde all das bedeuten, was im Menschen und in
der Welt außerhalb der Freiheit angesiedelt ist. Diese Natur enthielte an
erster Stelle den menschlichen Leib, seine Verfassung und seine
Triebkräfte: Im Gegensatz zu dieser physischen Gegebenheit stünde alles
»Konstruierte«, also die »Kultur« als Werk und Produkt der Freiheit.
Die so verstandene menschliche Natur könnte reduziert und wie ein dauernd
zur Verfügung stehendes biologisches oder gesellschaftliches Material
behandelt werden. Das bedeutet letzten Endes, die Freiheit durch sich
selbst zu bestimmen und sie zu einer schöpferischen Instanz ihrer selbst
und ihrer Werte zu machen. Auf diese Weise hätte der Mensch letztlich
nicht einmal eine Natur; er wäre an und für sich sein eigenes
Daseinsprojekt. Der Mensch wäre nichts weiter als seine Freiheit!
47. In diesem Zusammenhang wurde gegen die traditionelle Auffassung vom
Naturgesetz der Einwand des Physizismus und Naturalismus erhoben: Diese
Auffassung würde als sittliche Gesetze behandeln, was an sich nur
biologische Gesetze wären. So hätte man allzu oberflächlich manchen
menschlichen Verhaltensweisen einen bleibenden, unveränderlichen Wert
zugesprochen und sich angemaßt, auf dieser Grundlage allgemein gültige
sittliche Normen zu formulieren. Nach Ansicht mancher Theologen würde
eine solche »biologistische oder naturalistische Beweisführung« auch in
einigen Dokumenten des Lehramtes der Kirche vertreten, besonders in denen,
die den Bereich der Sexualethik und Ehemoral betreffen. Aufgrund einer
naturalistischen Auffassung des Sexualaktes wären Empfängnisverhütung,
direkte Sterilisierung, Autoerotik, voreheliche Beziehungen, homosexuelle
Beziehungen sowie künstliche Befruchtung als sittlich unzulässig
verurteilt worden. Doch nach Meinung dieser Theologen berücksichtigt eine
moralisch negative Bewertung solcher Handlungsweisen weder den Menschen
als vernünftiges und freies Wesen noch die kulturelle Bedingtheit jeder
sittlichen Norm auf angemessene Weise. Der Mensch als vernunftbegabtes
Wesen könne nicht nur, sondern müsse geradezu frei den Sinn seines
Verhaltens selbst bestimmen. Dieses »den Sinn bestimmen« werde
natürlich die vielfältigen Grenzen des Menschen in seinem leiblichen und
geschichtlichen Daseinszustand berücksichtigen müssen. Es werde
außerdem die Verhaltensmodelle und die Bedeutungen, die diese in einer
bestimmten Kultur annehmen, zu beachten haben. Und vor allem wird es das
grundlegende Gebot der Gottes- und der Nächstenliebe respektieren. Gott
jedoch - so behauptet man dann - hat den Menschen als freies Vernunftwesen
geschaffen, er hat ihn »der Macht der eigenen Entscheidung« überlassen
und erwartet von ihm eine eigenständige, vernünftige Gestaltung seines
Lebens. Die Liebe zum Nächsten würde vor allem und ausschließlich
Achtung vor seiner freien Selbstentscheidung bedeuten. Die Mechanismen der
dem Menschen eigentümlichen Verhaltensweisen sowie die sogenannten
»natürlichen Neigungen« würden - wie es heißt - höchstens eine
allgemeine Orientierung für richtiges Verhalten festlegen, sie könnten
aber nicht über die sittliche Bewertung der einzelnen, hinsichtlich der
jeweiligen Situation sehr komplexen menschlichen Handlungen entscheiden.
48. Angesichts einer solchen Interpretation muß die wahre, zwischen
Freiheit und menschlicher Natur bestehende Beziehung aufs neue aufmerksam
bedacht werden, insbesondere welchen Platz der menschliche Leib in den auf
das Naturgesetz sich beziehenden Fragen einnimmt.
Eine Freiheit, die den Anspruch auf Absolutheit erhebt, behandelt
schließlich den menschlichen Leib wie Rohmaterial, bar jeglichen Sinnes
und moralischen Wertes, solange die Freiheit es nicht in ihr Projekt
eingebracht hat. Die menschliche Natur und der Leib erscheinen folglich
als für die Wahlakte der Freiheit materiell notwendige, aber der Person,
dem menschlichen Subjekt und der menschlichen Handlung äußerliche
Voraussetzungen oder Bedingtheiten. Ihre Dynamismen könnten nicht
Bezugspunkte für die sittliche Entscheidung darstellen, da der Endzweck
dieser Neigungen nur »physische« Güter wären, von einigen
»vor-sittliche« Güter genannt. Wer sich auf sie bezöge, um in ihnen
nach einer Vernunftorientierung für die sittliche Ordnung zu suchen,
müßte des Physizismus oder des Biologismus bezichtigt werden. Unter
solchen Voraussetzungen läuft die Spannung zwischen der Freiheit und
einer reduktionistisch verstandenen Natur auf eine Spaltung im Menschen
selbst hinaus.
Diese moralische Theorie entspricht nicht der Wahrheit über den Menschen
und seiner Freiheit. Sie widerspricht den Lehren der Kirche über die
Einheit des menschlichen Seins, dessen vernunftbegabte Seele per se et
essentialiter Form des Leibes ist.(86) Die geistige und unsterbliche Seele
ist das einheitsstiftende Prinzip des menschlichen Seins; sie ist es,
wodurch dieses - als Person - ein Ganzes - corpore et anima unus (87) -
ist. Diese Definitionen weisen nicht nur darauf hin, daß auch der Leib,
dem die Auferstehung verheißen ist, an der Herrlichkeit teilhaben wird;
sie erinnern ebenso an die Einbindung von Vernunft und freiem Willen in
alle leiblichen und sinnlichen Kräfte. Die menschliche Person ist,
einschließlich des Leibes, ganz sich selbst überantwortet und gerade in
der Einheit von Seele und Leib ist sie das Subjekt ihrer sittlichen Akte.
Durch das Licht der Vernunft und die Unterstützung der Tugend entdeckt
die menschliche Person in ihrem Leib die vorwegnehmenden Zeichen, den
Ausdruck und das Versprechen der Selbsthingabe in Übereinstimmung mit dem
weisen Plan des Schöpfers. Im Lichte der Würde der menschlichen Person -
die durch sich selbst bestätigt werden muß - erfaßt die Vernunft den
besonderen sittlichen Wert einiger Güter, denen die menschliche Person
von Natur her zuneigt. Und da die menschliche Person sich nicht auf ein
Projekt der eigenen Freiheit reduzieren läßt, sondern eine bestimmte
geistige und leibliche Struktur umfaßt, schließt die ursprüngliche
sittliche Forderung, die Person als ein Endziel und niemals als bloßes
Mittel zu lieben und zu achten, wesentlich auch die Achtung einiger
Grundgüter ein, ohne deren Respektierung man dem Relativismus und der
Willkür verfällt.
49. Eine Lehre, welche dte sittliche Handlung wn den leiblichen
Dimensionen ihrer Ausführung trennt, steht im Gegensatz zur Lehre der
Heiligen Schrift und der Überlieferung: Eine solche Lehre läßt in neuer
Form gewisse alte, von der Kirche stets bekämpfte Irrtümer
wiederaufleben, die die menschliche Person auf eine »geistige«, rein
formale Freiheit reduzieren. Diese Verkürzung verkennt die sittliche
Bedeutung des Leibes und der sich auf ihn beziehenden Verhaltensweisen
(vgl.1 Kor 6, 19). Der Apostel Paulus erklärt »Unzüchtige,
Götzendiener, Ehebrecher, Lustknaben, Knabenschänder, Diebe, Habgierige,
Trinker, Lästerer und Räuber« für ausgeschlossen vom Gottesreich (vgl.
1 Kor 6, 9-10). Diese Verdammung - die vom Konzil von Trient aufgegriffen
wurde(88) - zählt als »Todsünden« oder »infame Praktiken« einige
spezifische Verhaltensweisen auf, deren willentliche Annahme die
Gläubigen daran hindert, am verheißenen Erbe teilzuhaben. Tatsächlich
sind Leib und Seele untrennbar: in der menschlichen Person, im willentlich
Handelnden und seinem frei überlegten Tun halten sie sich miteinander
oder gehen miteinander unter.
50. Man kann nun die wahre Bedeutung des Naturgesetzes verstehen: Es
bezieht sich auf die eigentliche und ursprüngliche Natur des Menschen,
auf die »Natur der menschlichen Person«,(89) die die Person selbst in
der Einheit von Seele und Leib ist, in der Einheit ihrer sowohl geistigen
wie biologischen Neigungen und aller anderen spezifischen Merkmale, die
für die Erreichung ihres Endzieles notwendig sind. »Das natürliche
Sittengesetz drückt aus und schreibt vor die Zielsetzungen, Rechte und
Pflichten, die sich auf die leibliche und geistige Natur der menschlichen
Person gründen. Es kann deshalb nicht als bloß biologisch maßgebend
verstanden werden, sondern muß als die Vernunftordnung definiert werden,
gemäß welcher der Mensch vom Schöpfer dazu berufen ist, sein Leben und
seine Handlungen zu lenken und zu regeln und im besonderen von seinem Leib
Gebrauch zu machen und über ihn zu verfügen«.(90) Zum Beispiel finden
sich Ursprung und Fundament der Verpflichtung, zur absoluten Achtung des
menschlichen Lebens in der der menschlichen Person eigenen Würde und
nicht bloß in der natürlichen Neigung, sein physisches Leben zu
erhalten. So gewinnt das menschliche Leben, das ein fundamentales Gut des
Menschen ist, sittliche Bedeutung im Blick auf das Wohl der Person, das
stets um seiner selbst willen geltend gemacht werden muß: Während es
moralisch immer unerlaubt ist, einen unschuldigen Menschen zu töten, kann
es gestattet, lobenswert und sogar geboten sein, aus Nächstenliebe oder
als Zeugnis für die Wahrheit das eigene Leben hinzugeben (vgl. Joh 15, 13
) . In Wirklichkeit kann man nur in bezug auf die menschliche Person in
ihrer »geeinten Ganzheit«, das heißt »als Seele, die sich im Leib
ausdrückt, und als Leib, der von einem unsterblichen Geist durchlebt
wird«,(91) die spezifisch menschliche Bedeutung des Leibes erfassen.
Tatsächlich gewinnen die natürlichen Neigungen nur insofern sittliche
Bedeutung, als sie sich auf die menschliche Person und ihre authentische
Verwirklichung beziehen, die andererseits immer und nur im Rahmen der
menschlichen Natur zustande kommen kann. Wenn die Kirche Manipulationen
der Leiblichkeit, die deren menschliche Bedeutung verfälschen,
zurückweist, dient sie dem Menschen und zeigt ihm den Weg der wahren
Liebe, auf dem allein er den wahren Gott zu finden vermag.
Das so verstandene Naturgesetz läßt keinen Raum für eine Trennung von
Freiheit und Natur: Sie sind tatsächlich harmonisch miteinander
verknüpft und sind einander zutiefst verbunden.
»Am Anfang war das nicht so« (Mt 19, 8)
51. Der vermutete Konflikt zwischen Freiheit und Natur wirkt sich auch auf
die Interpretation einiger besonderer Aspekte des Naturgesetzes aus, vor
allem auf seine Universalität und Unveränderlichkeit. »Wo also sind
diese Regeln aufgeschrieben - fragte sich der hl. Augustinus - ... wenn
nicht in dem Buch von jenem Licht, das sich Wahrheit nennt? Von da wird
also jedes rechte Gesetz diktiert und überträgt sich ins Herz des
Menschen, der die Gerechtigkeit wirkt, wobei es ihn nicht wieder
verläßt, sondern sich ihm gleichsam einprägt, wie sich das Bild vom
Ring in das Wachs einprägt, ohne aber den Ring zu verlassen«.(92)
Dank dieser »Wahrheit« schließt das Naturgesetz Universalität ein. Da
es eingeschrieben ist in die Vernunftnatur der menschlichen Person, ist es
jedem vernunftbegabten und in der Geschichte lebenden Geschöpf auferlegt.
Um sich in seiner spezifischen Ordnung zu vervollkommnen, muß der Mensch
das Gute tun und das Böse unterlassen, über die Weitergabe und Erhaltung
des Lebens wachen, die Reichtümer der sinnenhaften Welt verfeinern und
entfalten, das gesellschaftliche Leben pflegen, die Wahrheit suchen, das
Gute tun, die Schönheit betrachten.(93)
Der Graben, den einige zwischen der Freiheit der Individuen und der allen
gemeinsamen Natur aufgerissen haben, verschleiert die Erfahrung der
Universalität des Sittengesetzes durch die Vernunft, wie dies aus manchen
philosophischen Theorien, die in der modernen Kultur großen Widerhall
gefunden haben, hervorgeht. Insofern aber das Naturgesetz die Würde der
menschlichen Person zum Ausdruck bringt und die Grundlage für ihre
fundamentalen Rechte und Pflichten legt, ist es in seinen Geboten
universal, und seine Autorität erstreckt sich auf alle Menschen. Diese
Universalität sieht nicht von der Einzigartigkeit der Menschen ab, noch
widerspricht sie der Einmaligkeit und Unwiederholbarkeit jeder einzelnen
menschlichen Person: sie umfaßt im Gegenteil grundlegend jede ihrer
freien Handlungen, die die Universalität des wahren Guten bezeugen
müssen. Indem sie sich dem gemeinsamen Gesetz unterwerfen, bauen unsere
Handlungen die wahre Gemeinschaft der Personen auf und verwirklichen mit
der Gnade Gottes die Liebe, »das Band, das alles zusammenhält und
vollkommen macht« (Kol 3, 14). Wenn sie hingegen das Gesetz verkennen
oder, mit oder ohne Schuld, auch nur darüber in Unkenntnis sind, so
verletzen unsere Handlungen die Gemeinschaft der Personen zum Schaden
jedes einzelnen.
52. Es ist immer und für alle recht und gut, Gott zu dienen, ihm die
gebührende Verehrung zu erweisen und die Eltern zu ehren, wie es sich
ziemt. Solche positive Gebote, die anordnen, manche Handlungen zu
vollbringen und bestimmte Verhaltensweisen zu üben, verpflichten
allgemein; sie sind »unveränderlich«;(94) sie vereinigen in demselben
gemeinsamen Gut alle Menschen aller Zeitalter der Geschichte, die für
»dieselbe Berufung und dieselbe göttliche Bestimmung«(95) geschaffen
sind. Diese universalen und bleibenden Gesetze entsprechen Erkenntnissen
der praktischen Vernunft und werden durch das Gewissensurteil auf die
einzelnen Handlungen angewandt. Das handelnde Subjekt eignet sich
persönlich die im Gesetz enthaltene Wahrheit an: Durch die Handlungen und
die entsprechenden Tugenden macht es sich diese Wahrheit seines Seins zu
eigen. Die negativen Gebote des Naturgesetzes sind allgemein gültig: sie
verpflichten alle und jeden einzelnen allezeit und unter allen Umständen.
Es handelt sich in der Tat um Verbote, die eine bestimmte Handlung semper
et pro semper verbieten, ohne Ausnahme, weil die Wahl der entsprechenden
Verhaltensweise in keinem Fall mit dem Gutsein des Willens der handelnden
Person, mit ihrer Berufung zum Leben mit Gott und zur Gemeinschaft mit dem
Nächsten vereinbar ist. Es ist jedem und allezeit verboten, Gebote zu
übertreten, die es allen und um jeden Preis zur Pflicht machen, in
niemandem und vor allem nicht in sich selbst die persönliche und allen
gemeinsame Würde zu verletzen.
Auch wenn nur die negativen Gebote immer und unter allen Umständen
verpflichten, heißt das andererseits nicht, daß im sittlichen Leben die
Verbote wichtiger wären als das Bemühen, das von den positiven Geboten
aufgezeigte Gute zu tun. Der Grund ist vielmehr folgender: Das Gebot der
Gottes- und der Nächstenliebe hat in seiner Dynamik keine obere Grenze,
wohl aber hat es eine untere Grenze: unterschreitet man diese, verletzt
man das Gebot. Zudem hängt das, was man in einer bestimmten Situation tun
soll, von den Umständen ab, die sich nicht alle von vornherein schon
voraussehen lassen; umgekehrt aber gibt es Verhaltensweisen, die niemals,
in keiner Situation, eine angemessene - das heißt, der Würde der Person
entsprechende - Lösung sein können. Schließlich ist es immer möglich,
daß der Mensch infolge von Zwang oder anderen Umständen daran gehindert
wird, bestimmte gute Handlungen zu Ende zu führen; niemals jedoch kann er
an der Unterlassung bestimmter Handlungen gehindert werden, vor allem wenn
er bereit ist, lieber zu sterben als Böses zu tun.
Die Kirche hat immer gelehrt, daß Verhaltensweisen, die von den im Alten
und im Neuen Testament in negativer Form formulierten sittlichen Geboten
untersagt werden, nie gewählt werden dürfen. Wie wir gesehen haben,
bestätigt Jesus selber die Unumgänglichkeit dieser Verbote: »Wenn du
das Leben erlangen willst, halte die Gebote! ... Du sollst nicht töten,
du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht
falsch aussagen« (Mt 19, 17-18).
53. Die große Sensibilität des heutigen Menschen für Geschichtlichkeit
und Kultur verleitet manche dazu, an der Unveränderlichkeit des
Naturgesetzes und damit am Bestehen »objektiver Normen der
Sittlichkeit«(96) zu zweifeln, die für alle Menschen der Gegenwart und
der Zukunft gelten, wie sie bereits für jene der Vergangenheit gegolten
haben: Ist es überhaupt möglich, von gewissen vernünftigen
Bestimmungen, die einst in der Vergangenheit in Unkenntnis des späteren
Fortschritts der Menschheit festgelegt wurden, zu behaupten, sie seien
für alle von universaler und immerwährender Geltung?
Es ist nicht zu leugnen, daß sich der Mensch immer und in einer
bestimmten Kultur befindet, aber ebenso wenig läßt sich bestreiten, daß
sich der Mensch in dieser jeweiligen Kultur auch nicht erschöpft. Im
übrigen beweist die Kulturentwicklung selbst, daß es im Menschen etwas
gibt, das alle Kulturen transzendiert. Dieses »Etwas« ist eben die Natur
des Menschen: Sie gerade ist das Maß der Kultur und die Voraussetzung
dafür, daß der Mensch nicht zum Gefangenen irgendeiner seiner Kulturen
wird, sondern seine Würde als Person dadurch behauptet, daß er in
Übereinstimmung mit der tiefen Wahrheit seines Wesens lebt. Wer die
bleibenden konstitutiven Strukturelemente des Menschen, die auch mit
seiner leiblichen Dimension zusammenhängen, in Frage stellte, befände
sich nicht nur im Konflikt mit der allgemeinen Erfahrung, sondern würde
auch die Bezugnahme auf den »Anfang« unverständlich werden lassen, die
Jesus eben dort machte, wo die soziale und kulturelle Zeitsituation den
ursprünglichen Sinn und die Rolle einiger sittlicher Normen entstellt
hatte (vgl. Mt 19, 1-9). In diesem Sinne »bekennt die Kirche, daß allen
Wandlungen vieles Unwandelbare zugrunde liegt, was seinen letzten Grund in
Christus hat, der derselbe ist gestern, heute und in Ewigkeit«.(97) Er
ist der »Anfang«, der, nachdem er die menschliche Natur angenommen hat,
sie in ihren Grundelementen und in ihrem Dynamismus der Gottes- und der
Nächstenliebe endgültig erleuchtet.(98)
Gewiß muß für die universal und beständig geltenden sittlichen Normen
die den verschiedenen kulturellen Verhältnissen angemessenste
Formulierung gesucht und gefunden werden, die imstande ist, die
geschichtliche Aktualität dieser Normen unablässig zum Ausdruck zu
bringen und ihre Wahrheit verständlich zu machen und authentisch
auszulegen. Diese Wahrheit des Sittengesetzes entfaltet sich - wie jene
des Glaubensgutes (»depositum fidei«) - über die Zeiten hinweg: Die
Normen, die Ausdruck dieser Wahrheit sind, bleiben im wesentlichen
gültig, müssen aber vom Lehramt der Kirche den jeweiligen historischen
Umständen entsprechend »eodem sensu eademque sententia«(99) genauer
gefaßt und bestimmt werden; die Entscheidung des Lehramtes wird
vorbereitet und begleitet durch das Bemühen um Verstehen und um
Formulierung, wie es der Vernunft der Gläubigen und der theologischen
Reflexion eigen ist.(100)
II. Gewissen und Wahrheit
Das Heiligtum des Menschen
54. Die Beziehung zwischen der Freiheit des Menschen und dem Gesetz Gottes
hat ihren lebendigen Sitz im »Herzen« der menschlichen Person, das
heißt in ihrem sittlichen Gewissen: »Im Innern seines Gewissens -
schreibt das II. Vatikanische Konzil - entdeckt der Mensch ein Gesetz, das
er sich nicht selbst gibt, sondern dem er gehorchen muß und dessen Stimme
ihn immer zur Liebe und zum Tun des Guten und zur Unterlassung des Bösen
anruft und, wo nötig, in den Ohren des Herzens tönt: Tu dies, meide
jenes. Denn der Mensch hat ein Gesetz, das von Gott seinem Herzen
eingeschrieben ist, dem zu gehorchen eben seine Würde ist und gemäß dem
er gerichtet werden wird (vgl. Röm 2, 14-16)«.(101)
Darum steht die Art und Weise, wie man die Beziehung zwischen Freiheit und
Gesetz versteht, schließlich in engem Zusammenhang mit der Auffassung,
die man über das sittliche Gewissen hat. In diesem Sinne führen die oben
erwähnten kulturellen Strömungen, die Freiheit und Gesetz einander
entgegensetzen und voneinander trennen und die Freiheit in
götzendienerischer Weise verherrlichen, zu einer Auffassung vom
sittlichen Gewissen als »schöpferische« Instanz, eine Auffassung, die
sich von der überlieferten Position der Kirche und ihres Lehramtes
entfernt.
55. Nach der Meinung verschiedener Theologen habe man, zumindest in
bestimmten Perioden der Vergangenheit, die Funktion des Gewissens
lediglich auf die Anwendung allgemeiner sittlicher Normen auf Einzelfälle
des persönlichen Lebens beschränkt gesehen. Solche Normen - heißt es -
sind aber nicht in der Lage, die unwiederholbare Besonderheit aller
einzelnen konkreten Akte der Personen in ihrer Gesamtheit zu umfassen und
zu berücksichtigen; sie können in gewisser Weise bei einer richtigen
Bewertung der Situation behilflich sein, sie können aber nicht an die
Stelle der Personen treten und ihre Aufgabe übernehmen, eine persönliche
Entscheidung über ihr Verhalten in bestimmten Einzelfällen zu treffen.
Ja, die vorgenannte Kritik an der traditionellen Interpretation der
menschlichen Natur und ihrer Bedeutung für das sittliche Leben verleitet
einige Autoren zu der Behauptung, diese Normen seien nicht so sehr ein
bindendes objektives Kriterium für die Urteile des Gewissens, als
vielmehr eine allgemeine Orientierung, die in erster Linie dem Menschen
hilft, seinem persönlichen und sozialen Leben eine geregelte Ordnung zu
geben. Darüber hinaus enthüllen sie die dem Phänomen des Gewissens
eigene Komplexität: Diese steht in tiefem Zusammenhang mit dem gesamten
psychologischen und affektiven Bereich und mit den vielfältigen
Einflüssen der gesellschaftlichen und kulturellen Umgebung des Menschen.
Andererseits wird der Wert des Gewissens hochgepriesen, das vom Konzil als
»Heiligtum im Menschen, wo er allein ist mit Gott, dessen Stimme in
diesem seinem Innersten zu hören ist«,(102) definiert wurde. Diese
Stimme - so wird gesagt - veranlasse den Menschen nicht so sehr zu einer
peinlich genauen Beachtung der universalen Normen, als zu einer kreativen
und verantwortlichen Übernahme der persönlichen Aufgaben, die Gott ihm
anvertraut.
In dem Wunsch, den »kreativen« Charakter des Gewissens hervorzuheben,
bezeichnen manche Autoren die Akte des Gewissens nicht mehr als
»Urteile«, sondern als »Entscheidungen«: Nur dadurch, daß der Mensch
»autonom« diese Entscheidungen trifft, könne er zu seiner sittlichen
Reife gelangen. Einige vertreten auch die Ansicht, dieser Reifungsprozeß
würde von der allzu kategorischen Haltung behindert, die in vielen
moralischen Fragen das Lehramt der Kirche einnimmt, dessen Eingriffe bei
den Gläubigen das Entstehen unnötiger Gewissenskonflikte verursachen
würden.
56. Zur Rechtfertigung solcher und ähnlicher Einstellungen haben einige
eine Art doppelter Seinsweise der sittlichen Wahrheit vorgeschlagen.
Außer der theoretisch-abstrakten Ebene müßte die Ursprünglichkeit
einer gewissen konkreteren existentiellen Betrachtungsweise anerkannt
werden. Diese könnte, indem sie den Umständen und der Situation Rechnung
trägt, legitimerweise Aus- nahmen bezüglich der theoretischen Regel
begründen und so gestatten, in der Praxis guten Gewissens das zu tun, was
vom Sittengesetz als für in sich schlecht eingestuft wird. Auf diese
Weise entsteht in einigen Fällen eine Trennung oder auch ein Gegensatz
zwischen der Lehre von der im allgemeinen gültigen Vorschrift und der
Norm des einzelnen Gewissens, das in der Tat letzten Endes über Gut und
Böse entscheiden würde. Auf dieser Grundlage maßt man sich an, die
Zulässigkeit sogenannter »pastoraler« Lösungen zu begründen, die im
Gegensatz zur Lehre des Lehramtes stehen, und eine »kreative«
Hermeneutik zu rechtfertigen, nach welcher das sittliche Gewissen durch
ein partikulares negatives Gebot tatsächlich nicht in allen Fällen
verpflichtet würde.
Es gibt wohl niemanden, der nicht begreifen wird, daß mit diesen
Ansätzen nichts weniger als die Identität des sittlichen Gewissens
selbst gegenüber der Freiheit des Menschen und dem Gesetz Gottes in Frage
gestellt wird. Erst die vorausgehende Klärung der auf die Wahrheit
gegründeten Beziehung zwischen Freiheit und Gesetz macht eine Beurteilung
dieser »schöpferischen« Interpretation des Gewissens möglich.
Das Gewissensurteil
57. Derselbe Text aus dem Römerbrief, der uns das Wesen des Naturgesetzes
verständlich machte, weist auch auf den biblischen Sinn des Gewissens
hin, besonders in seiner spezifischen Verbindung mit dem Gesetz: »Wenn
Heiden, die das Gesetz nicht haben, von Natur aus das tun, was im Gesetz
gefordert ist, so sind sie, die das Gesetz nicht haben, sich selbst
Gesetz. Sie zeigen damit, daß ihnen die Forderung des Gesetzes ins Herz
geschrieben ist; ihr Gewissen legt Zeugnis davon ab, ihre Gedanken klagen
sich gegenseitig an und verteidigen sich« (Röm 2, 14-15).
Nach den Worten des hl. Paulus stellt das Gewissen den Menschen
gewissermaßen dem Gesetz gegenüber, wodurch es selber zum »Zeugen«
für den Menschen wird: Zeuge seiner Treue oder Untreue gegenüber dem
Gesetz, das heißt seiner fun damentalen sittlichen Rechtschaffenheit oder
Schlechtigkeit. Das Gewissen ist der einzige Zeuge: Was im Innersten der
menschlichen Person vor sich geht, bleibt den Augen von jedermann draußen
verborgen. Es wendet sich mit seinem Zeugnis nur an die Person selber. Und
nur die Person wiederum kennt die eigene Antwort auf die Stimme des
Gewissens.
58. Die Bedeutung dieses inneren Dialogs des Menschen mit sich selbst wird
man niemals angemessen zu schätzen wissen. In Wirklichkeit ist er jedoch
der Dialog des Menschen mit Gott, dem Urheber des Gesetzes, dem ersten
Vorbild und letzten Ziel des Menschen. »Das Gewissen - schreibt der hl.
Bonaventura - ist gleichsam der Herold Gottes und der Bote, und was es
sagt, befiehlt es nicht von sich aus, sondern als Botschaft, die von Gott
stammt, wie ein Herold, wenn er den Erlaß des Königs verkündet. Und
daher rührt die verpflichtende Kraft des Gewissens«.(103) Man kann also
sagen, daß das Gewissen dem Menschen selber Zeugnis gibt von der
Rechtschaffenheit bzw. Schlechtigkeit des Menschen, aber zugleich, ja noch
früher, ist es Zeugnis von Gott selbst, dessen Stimme und dessen Urteil
das Innerste des Menschen bis an die Wurzeln seiner Seele durchdringen,
wenn sie ihn fortiter et suaviter zum Gehorsam rufen: »Das sittliche
Gewissen schließt den Menschen nicht in eine unüberschreitbare und
undurchdringliche Einsamkeit ein, sondern öffnet ihn für den Ruf, für
die Stimme Gottes. Darin und in nichts anderem besteht das ganze Geheimnis
und die Würde des sittlichen Gewissens: daß es nämlich der Ort ist, der
heilige Raum, in dem Gott zum Menschen spricht«.(104)
59. Der hl. Paulus beschränkt sich nicht auf die Anerkennung des
Gewissens als »Zeuge«, sondern er enthüllt auch, auf welche Weise es
eine solche Funktion erfüllt. Es handelt sich um »Gedanken«, die die
Heiden in bezug auf ihre Verhaltensweisen anklagen oder verteidigen (vgl.
Röm 2, 15). Der Ausdruck »Gedanken« macht den eigentlichen Charakter
des Gewissens offenkundig, nämlich ein sittliches Urteil über den
Menschen und seine Handlungen zu sein: Es ist ein Urteil, das freispricht
oder verurteilt, je nachdem, ob die menschlichen Handlungen mit dem in das
Herz eingeschriebenen Gesetz Gottes übereinstimmen oder von ihm
abweichen. Und genau von dem Urteil über die Handlungen und zugleich
über ihren Urheber sowie den Zeitpunkt der endgültigen Erfüllung des
Urteils spricht der Apostel Paulus in demselben Text als von »jenem Tag,
an dem Gott, wie ich es in meinem Evangelium verkündige, das, was im
Menschen verborgen ist, durch Jesus Christus richten wird« (Röm 2, 16).
Das Urteil des Gewissens ist ein praktisches Urteil, das heißt ein
Urteil, das anordnet, was der Mensch tun oder lassen soll, oder das eine
von ihm bereits ausgeführte Tat bewertet. Es ist ein Urteil, das die
vernünftige Überzeugung, daß man das Gute lieben und tun und das Böse
meiden soll, auf eine konkrete Situation anwendet. Dieses erste Prinzip
der praktischen Vernunft gehört zum Naturgesetz, ja es stellt dessen
eigentliche Grundlage dar, insofern es jenes ursprüngliche Licht zur
Unterscheidung von Gut und Übel zum Ausdruck bringt, das als Widerschein
der schöpferischen Weisheit Gottes wie ein unzerstörbarer Funke
(scintilla animae) im Herzen jedes Menschen strahlt. Während jedoch das
Naturgesetz die objektiven und universalen Ansprüche des sittlich Guten
herausstellt, ist das Gewissen die Anwendung des Gesetzes auf den
Einzelfall und wird so für den Menschen zu einem inneren Gebot, zu einem
Anruf, in der konkreten Situation das Gute zu tun. Das Gewissen drückt
also die sittliche Verpflichtung im Lichte des Naturgesetzes aus: Es ist
die Verpflichtung, das zu tun, was der Mensch durch seinen Gewissensakt
als ein Gutes erkennt, das ihm hier und jetzt aufgegeben ist. Der
universale Charakter des Gesetzes und der Verpflichtung wird nicht
ausgelöscht, sondern vielmehr anerkannt, wenn die Vernunft deren
Anwendungen in der konkreten aktuellen Situation bestimmt. Das Urteil des
Gewissens bestätigt »abschließend« die Übereinstimmung eines
bestimmten konkreten Verhaltens mit dem Gesetz; es ist die nächstliegende
Norm der Sittlichkeit einer willentlichen Handlung und realisiert »die
Anwendung des objektiven Gesetzes auf einen Einzelfall«.(105)
60. Wie das Naturgesetz selbst und jede praktische Erkenntnis, hat auch
das Urteil des Gewissens befehlenden Charakter: Der Mensch soll in
Übereinstimmung mit ihm handeln. Wenn der Mensch gegen dieses Urteil
handelt oder auch wenn er bei fehlender Sicherheit über die Richtigkeit
und Güte eines bestimmten Aktes diesen dennoch ausführt, wird er vom
eigenen Gewissen, das die letzte maßgebliche Norm der persönlichen
Sittlichkeit ist, verurteilt. Die Würde dieser Vernunftinstanz und die
Autorität ihrer Stimme und ihrer Urteile stammen aus der Wahrheit über
sittlich Gut und Böse, die zu hören und auszudrücken sie gerufen ist.
Auf diese Wahrheit wird vom »göttlichen Gesetz«, der universalen und
objektiven Norm der Sittlichkeit, hingewiesen. Das Urteil des Gewissens
begründet nicht das Gesetz, aber es bestätigt die Autorität des
Naturgesetzes und der praktischen Beziehung in Beziehung zum höchsten
Gut, dessen Anziehungskraft die menschliche Person erfährt und dessen
Gebote sie annimmt: »Das Gewissen ist keine autonome und ausschließliche
Instanz, um zu entscheiden, was gut und was böse ist; ihm ist vielmehr
ein Prinzip des Gehorsams gegenüber der objektiven Norm tief eingeprägt,
welche die Übereinstimmung seiner Entscheidungen mit den Geboten und
Verboten begründet und bedingt, die dem menschlichen Verhalten
zugrundeliegen.«(106)
61. Die im Gesetz der Vernunft ausgesprochene Wahrheit über das sittlich
Gute wird vom Urteil des Gewissens praktisch und konkret anerkannt, was
dazu führt, die Verantwortung für das vollbrachte Gute und das begangene
Böse zu übernehmen: Wenn der Mensch Schlechtes tut, bleibt das richtige
Gewissensurteil in ihm Zeuge der universalen Wahrheit des Guten wie auch
der Schlechtigkeit seiner Einzelentscheidung. Aber der Spruch des
Gewissens bleibt in ihm auch so etwas wie ein Unterpfand der Hoffnung und
des Erbarmens: Während es das begangene Übel bestätigt, erinnert es
auch daran, um Verzeihung zu bitten, das Gute zu tun und unaufhörlich mit
Gottes Gnade die Tugend zu üben.
So offenbart sich im praktischen Urteil des Gewissens, das der
menschlichen Person die Verpflichtung zum Vollzug einer bestimmten
Handlung auferlegt, das Band zwischen Freiheit und Wahrheit. Deshalb zeigt
sich das Gewissen mit »Urteils«-Akten, die die Wahrheit über das Gute
widerspiegeln, und nicht in willkürlichen »Entscheidungen«. Und die
Reife und Verantwortung dieser Urteile - und letztlich des Menschen, der
ihr Subjekt ist - läßt sich nicht an der Befreiung des Gewissens von der
objektiven Wahrheit zugunsten einer mutmaßlichen Autonomie der eigenen
Entscheidungen messen, sondern im Gegenteil am beharrlichen Suchen nach
der Wahrheit und daran, daß man sich von ihr beim Handeln leiten läßt.
Nach dem Wahren und Guten suchen
62. Das Gewissen als Urteil über eine Handlung ist nicht frei von der
Möglichkeit zu irren. »Nicht selten geschieht es - schreibt das Konzil
-, daß das Gewissen aus unüberwindlicher Unkenntnis irrt, ohne daß es
dadurch seine Würde verliert. Das kann man aber nicht sagen, wenn der
Mensch sich zuwenig darum müht, nach dem Wahren und Guten zu suchen, und
das Gewissen durch Gewöhnung an die Sünde allmählich fast blind
wird«.(107) Mit diesen knappen Worten bietet das Konzil eine
Zusammenfassung der Lehre, welche die Kirche im Laufe von Jahrhunderten
über das irrende Gewissen erarbeitet hat.
Gewiß, der Mensch muß, um ein »gutes Gewissen« (1 Tim 1, 5) zu haben,
nach der Wahrheit suchen und gemäß dieser Wahrheit urteilen. Das
Gewissen muß, wie der Apostel Paulus sagt, »vom Heiligen Geist
erleuchtet« sein (Röm 9,1), es muß »rein« sein (2 Tim 1, 3), es darf
»das Wort Gottes nicht verfälschen«, sondern muß »offen die Wahrheit
lehren« (2 Kor 4, 2). Andererseits ermahnt derselbe Apostel die Christen
mit den Worten: »Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch
und erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der
Wille Gottes ist: was ihm gefällt, was gut und vollkommen ist« (Röm 12,
2).
Die Mahnung des Paulus hält uns zur Wachsamkeit an mit dem warnenden
Hinweis, daß sich in den Urteilen unseres Gewissens immer auch die
Möglichkeit des Irrtums einnistet. Das Gewissensurteil ist kein
unfehlbares Urteil: es kann irren. Nichtsdestoweniger kann der Irrtum des
Gewissens das Ergebnis einer unüberwindbaren Unwissenheit sein, das
heißt einer Unkenntnis, derer sich der Mensch nicht bewußt ist und aus
der er allein nicht herausgelangen kann.
In dem Fall, wo diese unüberwindliche Unkenntnis nicht schuldhaft ist,
verliert das Gewissen - so erinnert uns das Konzil - nicht seine Würde,
weil es, auch wenn es uns tatsächlich in einer von der objektiven
sittlichen Ordnung abweichenden Weise anleitet, dennoch nicht aufhört im
Namen jener Wahrheit vom Guten zu reden, zu deren aufrichtiger Suche der
Mensch aufgerufen ist.
63. Auf jeden Fall beruht die Würde des Gewissens immer auf der Wahrheit:
Im Falle des rechten Gewissens handelt es sich um die vom Menschen
angenommene objektive Wahrheit, im Falle des irrenden Gewissens handelt es
sich um das, was der Mensch ohne Schuld subjektiv für wahr hält. Auf der
anderen Seite ist es niemals zulässig, einen »subjektiven« Irrtum
hinsichtlich des sittlich Guten mit der »objektiven«, dem Menschen auf
Grund seines Endzieles rational einsehbaren Wahrheit zu vermengen oder zu
verwechseln, noch den sittlichen Wert der mit wahrem und lauterem Gewissen
vollzogenen Handlung mit jener gleichzusetzen, die in Befolgung des
Urteils eines irrenden Gewissens ausgeführt wurde.(108) Das aufgrund
einer unüberwindbaren Unwissenheit oder eines nicht schuldhaften
Fehlurteils begangene Übel kann zwar der Person, die es begeht, nicht als
Schuld anzurechnen sein; doch auch in diesem Fall bleibt es ein Übel,
eine Unordnung in bezug auf die Wahrheit des Guten. Zudem trägt das nicht
erkannte Gute nicht zu sittlicher Reifung des betreffenden Menschen bei:
Es vervollkommnet ihn nicht und hilft ihm nicht, ihn geneigt zu machen
für das höchste Gut. Bevor wir uns so leichtfertigerweise im Namen
unseres Gewissens gerechtfertigt fühlen, sollten wir über den Psalm
nachdenken: »Wer bemerkt seine eigenen Fehler? Sprich mich frei von
Schuld, die mir nicht bewußt ist!« (Ps 19, 13). Es gibt Schuld, die wir
nicht zu erkennen vermögen und die dennoch Schuld bleibt, weil wir uns
geweigert haben, auf das Licht zuzugehen (vgl. Joh 9, 39-41).
Das Gewissen als letztes konkretes Urteil setzt seine Würde dann aufs
Spiel, wenn es schuldhaft irrt, das heißt, »wenn sich der Mensch nicht
müht, das Wahre und Gute zu suchen, und wenn das Gewissen infolge der
Gewöhnung an die Sünde gleichsam blind wird«.(109) Auf die Gefahren der
Verformung des Gewissens spielt Jesus an, wenn er mahnt: »Das Auge gibt
dem Körper Licht. Wenn dein Auge gesund ist, dann wird dein Körper hell
sein. Wenn aber dein Auge krank ist, dann wird dein ganzer Körper finster
sein. Wenn nun das Licht in dir Finsternis ist, wie groß muß dann die
Finsternis sein!« (Mt 6, 22-23).
64. In den oben wiedergegebenen Worten Jesu finden wir auch den Aufruf,
das Gewissen zu bilden, es zum Gegenstand ständiger Bekehrung zum Wahren
und Guten zu machen. Analog dazu ist die Aufforderung des Apostels zu
verstehen, uns nicht dieser Welt anzugleichen, sondern »uns zu wandeln
und unser Denken zu erneuern« (vgl. Röm 12, 2). In Wirklichkeit ist das
zum Herrn und zur Liebe des Guten bekehrte »Herz« die Quelle der wahren
Urteile des Gewissens. Denn »damit ihr prüfen und erkennen könnt, was
der Wille Gottes ist: was ihm gefällt, was gut und vollkommen ist« (Röm
12, 2), ist zwar die Kenntnis des Gesetzes Gottes im allgemeinen
notwendig, aber sie genügt nicht: eine Art von »Konnaturalität«
zwischen dem Menschen und dem wahrhaft Guten ist unabdingbar.(110) Eine
solche Konnaturalität schlägt Wurzel und entfaltet sich in den
tugendhaften Haltungen des Menschen selbst: der Klugheit und den anderen
Kardinaltugenden und, grundlegender noch, in den göttlichen Tugenden des
Glaubens, der Hoffnung und der Liebe. In diesem Sinne hat Jesus gesagt:
»Wer aber die Wahrheit tut, kommt zum Licht » (Joh 3, 21).
Eine große Hilfe für die Gewissensbildung haben die Christen in der
Kirche und ihrem Lehramt, wie das Konzil ausführt: »Bei ihrer
Gewissensbildung müssen jedoch die Christgläubigen die heilige und
sichere Lehre der Kirche sorgfältig vor Augen haben. Denn nach dem Willen
Christi ist die katholische Kirche die Lehrerin der Wahrheit; ihre Aufgabe
ist es, die Wahrheit, die Christus ist, zu verkündigen und authentisch zu
lehren, zugleich auch die Prinzipien der sittlichen Ordnung, die aus dem
Wesen des Menschen selbst hervorgehen, autoritativ zu erklären und zu
bestätigen«.(111)
Die Autorität der Kirche, die sich zu moralischen Fragen äußert, tut
also der Gewissensfreiheit der Christen keinerlei Abbruch: nicht nur, weil
die Freiheit des Gewissens niemals Freiheit »von« der Wahrheit, sondern
immer und nur Freiheit »in« der Wahrheit ist; sondern auch weil das
Lehramt an das christliche Gewissen nicht ihm fremde Wahrheiten
heranträgt, wohl aber ihm die Wahrheiten aufzeigt, die es bereits
besitzen sollte, indem es sie, ausgehend vom ursprünglichen Glaubensakt,
zur Entfaltung bringt. Die Kirche stellt sich immer nur in den Dienst des
Gewissens, indem sie ihm hilft, nicht hin- und hergetrieben zu werden von
jedem Windstoß der Lehrmeinungen, dem Betrug der Menschen ausgeliefert
(vgl. Eph 4, 14), und nicht von der Wahrheit über das Gute des Menschen
abzukommen, sondern, besonders in den schwierigeren Fragen, mit Sicherheit
die Wahrheit zu erlangen und in ihr zu bleiben.
III. Grundentscheidung und konkrete Verhaltensweisen
»Nur nehmt die Freiheit nicht zum Vorwand für das Fleisch, sondern dient
einander in Liebe!« (Gal 5, 13)
65. Das heute besonders brennende Interesse an der Freiheit veranlaßt
viele Vertreter der Humanwissenschaften wie auch der Theologie, eine
gründlichere Analyse ihrer Natur und ihrer Dynamik zu entwickeln. Mit
Recht betont man, daß Freiheit nicht nur bedeutet, diese oder jene
Einzelhandlung zu wählen; sondern sie ist, innerhalb einer solchen Wahl,
auch Entscheidung über sich und Verfügung darüber, das eigene Leben
für oder gegen das Gute, für oder gegen die Wahrheit, endgültig für
oder gegen Gott einzusetzen. Mit Recht unterstreicht man die herausragende
Bedeutung einiger Entscheidungen, die dem ganzen sittlichen Leben eines
Menschen dadurch »Gestalt« verleihen, daß sie gleichsam zum Flußbett
werden, in dem dann auch andere tägliche Einzelentscheidungen Platz und
Entfaltung finden können.
Einige Autoren schlagen freilich eine viel radikalere Revision der
Beziehung zwischen Person und Handlung vor. Sie sprechen von einer
»fundamentalen Freiheit«, die tiefgründiger und anders als die
Wahlfreiheit ist und ohne deren Berücksichtigung die menschlichen
Handlungen weder begriffen noch korrekt bewertet werden könnten. Nach
diesen Autoren käme die Schlüsselrolle im sittlichen Leben einer
»Grundoption« zu, die durch jene fundamentale Freiheit vollzogen wird,
mittels der die menschliche Person über sich selbst als ganze
entscheidet, und zwar nicht durch bestimmte und bewußte Wahl auf reflexer
Ebene, sondern in »transzendentaler« und »athematischer« Weise. Die
aus dieser Option stammenden Einzelhandlungen wären nur partiell und
niemals endgültige Versuche, diese Grundoption auszudrücken; sie wären
lediglich »Zeichen« oder Symptom für sie. Unmittelbarer Gegenstand
dieser Handlungen ist - so heißt es - nicht das absolute Gute (dem
gegenüber sich, auf transzendentaler Ebene, die Freiheit der Person
äußern würde), sondern es sind die Einzelgüter (auch »kategoriale«
Güter genannt). Doch nach der Meinung einiger Theologen könnte aufgrund
ihrer partialen Natur keines dieser Güter die Freiheit des Menschen als
Person völlig in Anspruch nehmen, auch wenn der Mensch nur durch ihre
Verwirklichung bzw. ihre Zurückweisung seine Grundoption zum Ausdruck
bringen kann.
So wird schließlich eine Unterscheidung zwischen der Grundoption und der
freien Wahl konkreter Verhaltensweisen eingeführt, eine Unterscheidung,
die bei einigen Autoren genau dann die Form einer Dissoziierung annimmt,
wenn sie das sittlich »Gute« und »Schlechte« ausdrücklich der
transzendentalen Dimension der Grundoption vorbehalten, während sie die
Wahl einzelner »innerweltlicher« - das heißt die Beziehungen des
Menschen zu sich selber, zu den anderen und zur Welt der Dinge
betreffender - Verhaltensweisen als »richtig« oder »falsch«
bezeichnen. Auf diese Weise scheint sich im menschlichen Handeln eine
Spaltung zwischen zwei Ebenen der Sittlichkeit abzuzeichnen: die vom
Willen abhängige Ordnung von Gut und Böse auf der einen und die
konkreten Verhaltensweisen auf der anderen Seite, die erst infolge einer
technischen Abwägung des Verhältnisses zwischen »vorsittlichen« oder
»physischen« Gütern und Übeln, auf die sich die Handlung tatsächlich
bezieht, als sittlich richtig oder falsch beurteilt werden. Und das geht
so weit, daß ein konkretes Verhalten, obwohl frei gewählt, gleich wie
ein bloßes Naturgeschehen und nicht nach den auf menschliche Handlungen
zutreffenden Kriterien betrachtet wird. Das Ergebnis, zu dem man gelangt,
lautet: die im eigentlichen Sinn sittliche Qualifizierung der Person
hängt allein von der Grundoption ab; welche Einzelhandlungen oder
konkrete Verhaltensweisen man wählt, ist für deren Ausformung ganz oder
teilweise belanglos.
66. Zweifellos anerkennt die christliche Sittenlehre in ihren eigenen
biblischen Wurzeln die besondere Bedeutung einer Grundentscheidung, die
das sittliche Leben kennzeichnet und die Freiheit radikal Gott gegenüber
in Anspruch nimmt. Es handelt sich um die Entscheidung des Glaubens, um
denGehorsam des Glaubens (vgl. Röm 16, 26), in dem »der Mensch sich als
ganzer Gott in Freiheit überantwortet, indem er sich "dem
offenbarenden Gott mit Verstand und Willen voll unterwirft"«(112)
Dieser Glaube, der in der Liebe wirksam ist (vgl. Gal 5, 6), kommt aus der
Mitte des Menschen, aus seinem »Herzen« (vgl. Röm 10, 10) und ist von
daher berufen, Gutes hervorzubringen in den Werken (vgl. Mt 12, 33-35; Lk
6, 45; Röm 8, 5-8; Gal 5, 22). Im Dekalog steht über den einzelnen
Geboten der fundamentale Satz: »Ich bin Jahwe, dein Gott...« (Ex 20, 2),
der dadurch, daß er den vielfältigen und verschiedenen Einzelgeboten den
ursprünglichen Sinn aufprägt, der Moral des Bundes den Charakter der
Ganzheit, Einheit und Tiefe sichert. Die Grundentscheidung Israels
betrifft also das grundlegende Gebot (vgl. Jos 24, 14-25; Ex 19, 3-8; Mich
6, 8). Auch die Moral des Neuen Bundes wird von dem grundlegenden Aufruf
Jesu zu seiner »Nachfolge« beherrscht - so sagt er auch zu dem jungen
Mann: »Wenn du vollkommen sein willst, ... komm und folge mir nach!« (Mt
19, 21) -: Auf diesen Anruf antwortet der Jünger mit einer radikalen
Entscheidung. Die evangelischen Gleichnisse vom Schatz im Acker und von
der verlorenen Perle, für die einer seinen ganzen Besitz verkauft, sind
beredte und wirkungsvolle Bilder für den radikalen und bedingungslosen
Charakter der Entscheidung, die das Reich Gottes erfordert. Die
Radikalität der Entscheidung, Jesus nachzufolgen, findet großartigen
Ausdruck in seinen Worten: »Wer sein Leben retten will, wird es
verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen und um des Evangeliums
willen verliert, wird es retten« (Mk 8, 35).
Der Aufruf Jesu »komm und folge mir nach« bezeichnet den
größtmöglichen Lobpreis der Freiheit des Menschen und bestätigt
gleichzeitig die Wahrheit und Verpflichtung von Glaubensakten und
Entscheidungen, die man Grundoption nennen kann. Einer ähnlichen
Hochschätzung der menschlichen Freiheit begegnen wir in den Worten des
hl. Paulus: »Ihr seid zur Freiheit berufen, Brüder« (Gal 5, 13). Aber
der Apostel fügt sogleich eine ernste Mahnung an: »Nur nehmt die
Freiheit nicht zum Vorwand für das Fleisch!«. In dieser Mahnung klingen
seine vorausgegangenen Worte an: »Zur Freiheit hat uns Christus befreit.
Bleibt daher fest und laßt euch nicht von neuem das Joch der Knechtschaft
auflegen!« (Gal 5, 1). Der Apostel Paulus fordert uns zur Wachsamkeit
auf: Die Freiheit ist ständig von der Knechtschaft bedroht. Und genau das
trifft auf einen Glaubensakt - im Sinne einer Grundoption - zu, der den
oben erwähnten Tendenzen entsprechend von der Wahl der Einzelakte
getrennt wird.
67. Diese Tendenzen stehen also im Gegensatz zur biblischen Lehre, welche
die Grundoption als eine echte und eigentliche Entscheidung der Freiheit
versteht und diese Entscheidung zutiefst mit den konkreten
Einzelhandlungen verbindet. Durch die Grundentscheidung ist der Mensch
befähigt, dem göttlichen Ruf folgend sein Leben auf sein Ziel
auszurichten und dies mit Hilfe der Gnade anzustreben. Aber tatsächlich
ausgeübt wird diese Befähigung jeweils in der konkreten Wahl bestimmter
Handlungen, durch die der Mensch sich aus freiem Entschluß nach dem
Willen, der Weisheit und dem Gesetz Gottes richtet. Es muß deshalb
festgehalten werden, daß sich die sogenannte Grundoption - insoweit sie
sich von einer bloß generellen, bezüglich der konkret engagierten
Festlegung der Freiheit noch umbestimmten Intention unterscheidet - immer
durch bewußte und freie Wahlakte verwirklicht. Eben deshalb wird die
Grundoption genau dann widerrufen, wenn der Mensch in sittlich
schwerwiegender Materie seine Freiheit durch bewußte, in entgegengesetzte
Richtung weisende Wahlakte engagiert.
Die Grundoption von den konkreten Verhaltensweisen zu trennen heißt, sich
mit der wesenhaften Integrität oder der leib-seelischen personalen
Einheit des sittlich Handelnden in Widerspruch zu setzen. Eine
Grundoption, verstanden ohne ausdrückliche Berücksichtigung der
Möglichkeiten, die sie aktualisiert, und der Konkretisierungen, in denen
sie zum Ausdruck kommt, wird der dem Handeln des Menschen und jeder seiner
freien Wahlakte innewohnenden rationalen Zielhaftigkeit nicht gerecht. In
Wirklichkeit ist die sittliche Qualität der menschlichen Handlungen nicht
allein aus der Absicht, der Grundorientierung oder Grundoption abzuleiten
- verstanden im Sinne einer Intention ohne klar bestimmte bindende Inhalte
bzw. einer Intention, die kein tatkräftiges Bemühen hinsichtlich der
verschiedenen Verpflichtungen des sittlichen Lebens entspricht. Die
Sittlichkeit kann nicht beurteilt werden, wenn man absieht von der
Übereinstimmung bzw. dem Widerspruch der bedachten Wahl einer konkreten
Verhaltensweise mit der Würde und der integralen Berufung der
menschlichen Person. Jede Handlungswahl schließt immer eine Bezugnahme
des freien Willens auf jene Güter und Übel ein, wie sie vom Naturgesetz
als zu verfolgendes Gutes und zu meidendes Übel aufgewiesen werden. Im
Falle der positiv gebietenden sittlichen Gebote ist es stets Aufgabe der
Klugheit festzustellen, wie weit sie für eine bestimmte Situation
zutreffen, indem man zum Beispiel andere, vielleicht wichtigere oder
dringendere Verpflichtungen berücksichtigt. Die negativ formulierten
sittlichen Gebote hingegen, das heißt diejenigen, die einige konkrete
Handlungen oder Verhaltensweisen als in sich schlecht verbieten, lassen
keine legitime Ausnahme zu; sie lassen keinerlei moralisch annehmbaren
Freiraum für die »Kreativität« irgendeiner gegensätzlichen
Bestimmung. Ist einmal die sittliche Artbestimmung einer von einer
allgemeingültigen Regel verbotenen konkret definierten Handlung erkannt,
so besteht das sittlich gute Handeln allein darin, dem Sittengesetz zu
gehorchen und die Handlung, die es verbietet, zu unterlassen.
68. Hier gilt es, eine wichtige pastorale Überlegung anzufügen. Gemäß
der Logik der oben skizzierten Positionen könnte der Mensch kraft einer
Grundoption Gott treu bleiben unabhängig davon, ob einige seiner
Wahlentscheidungen und seiner konkreten Handlungen mit den spezifischen
darauf bezogenen sittlichen Normen oder Regeln übereinstimmen oder nicht.
Aufgrund einer anfänglichen Option für die Liebe könnte der Mensch
sittlich gut bleiben, in der Gnade Gottes verharren und sein Heil
erlangen, auch wenn einige seiner konkreten Verhaltensweisen aus freiem
Entschluß und in schwerwiegender Sache zu den von der Kirche wieder
vorgelegten Geboten Gottes entschieden und ernsthaft im Gegensatz
stünden.
In Wirklichkeit geht der Mensch nicht nur durch die Untreue gegenüber
jener Grundoption verloren, durch die er sich »als ganzer Gott in
Freiheit« überantwortet.(113) Durch jede aus bedachtem Entschluß
begangene Todsünde beleidigt er Gott, der ihm das Gesetz geschenkt hat,
und macht sich daher dem ganzen Gesetz gegenüber schuldig (vgl. Jak 2,
8-11); auch wenn er im Glauben bleibt, verliert er die »heiligmachende
Gnade«, die »Liebe« und die »ewige Seligkeit«.(114) »Die einmal
empfangene Gnade der Rechtfertigung - so lehrt das Konzil von Trient -
kann nicht nur durch die Untreue, die den Menschen um seinen Glauben
bringt, sondern auch durch jede andere Todsünde verlorengehen«.(115)
Todsünde und läßliche Sünde
69. Die Erwägungen über die Grundoption haben, wie wir bemerkten, einige
Theologen veranlaßt, auch die traditionelle Unterscheidung zwischen
Todsünden und läßlichen Sünden einer tiefgreifenden Revision zu
unterziehen. Sie unterstreichen, daß der Widerspruch zum Gesetz Gottes,
der den Verlust der heiligmachenden Gnade - und, im Falle des Todes in
einem solchen Zustand der Sünde, die ewige Verdammnis - verursacht, nur
das Ergebnis eines Aktes sein kann, der die Person in ihrer Totalität
beansprucht, das heißt eben eines Aktes der Grundoption. Nach diesen
Theologen würde sich die Todsünde, die den Menschen von Gott trennt, nur
in der Zurückweisung Gottes ereignen, vollzogen auf einer nicht mit einem
Wahlakt identifizierbaren und nicht durch reflektierte Bewußtheit
erreichbaren Ebene der Freiheit. In diesem Sinne - so fügen sie hinzu -
ist es zumindest psychologisch schwierig, die Tatsache zu akzeptieren,
daß ein Christ, der mit Jesus Christus und seiner Kirche vereint bleiben
will, so leicht und immer wieder Todsünden begehen kann, wie dies die
»Materie« seiner Taten hin und wieder vermuten ließe. Ebenso fiele es
schwer anzunehmen, der Mensch sei imstande, in kurzer Zeit die Bande der
Gemeinschaft mit Gott radikal zu zerbrechen und sich im nachhinein durch
aufrichtige Buße zu ihm zu bekehren. Es wäre daher notwendig - so heißt
es -, die Schwere der Sünde eher am Grad zu messen, in dem sie die
Freiheit der handelnden Person engagiert, als an der Materie der
betreffenden Handlung.
70. Das nachsynodale Apostolische Schreiben Reconciliatio et paenitentia
hat die Bedeutung und bleibende Aktualität der Unterscheidung zwischen
Todsünden und läßlichen Sünden, gemäß der Tradition der Kirche,
betont. Und die Bischofssynode von 1983, aus der dieses Schreiben
hervorgegangen ist, »hat nicht nur die vom Tridentinischen Konzil über
Existenz und Natur von Todsünde und läßlicher Sünde verkündete Lehre
bekräftigt, sondern hat auch daran erinnern wollen, daß jene Sünde eine
Todsünde ist, die eine schwerwiegende Materie zum Gegenstand hat und die
dazu mit vollem Bewußtsein und bedachter Zustimmung begangen wird«.(116)
Die Aussage des Konzils von Trient hat nicht nur die »schwerwiegende
Materie« der Todsünde im Auge, sondern erwähnt auch als ihre
Voraussetzung »das volle Bewußtsein und die bedachte Zustimmung«. Im
übrigen kennt man sowohl in der Moraltheologie wie in der Seelsorgspraxis
Fälle, wo ein aufgrund seiner Materie schwerwiegender Akt deshalb keine
Todsünde darstellt, weil das volle Bewußtsein oder die bedachte
Zustimmung dessen, der den Akt vollbrachte, nicht gegeben war.
Andererseits »muß man vermeiden, die Todsünde zu beschränken auf den
Akt einer Grundentscheidung oder Grundoption ("optio
fundamentalis") gegen Gott, wie man heute zu sagen pflegt, unter der
man dann eine ausdrückliche und formale Beleidigung Gottes oder des
Nächsten oder eine mitinbegriffene und unüberlegte Zurückweisung der
Liebe versteht. Es handelt sich nämlich auch um eine Todsünde, wenn sich
der Mensch bewußt und frei aus irgendeinem Grunde für etwas entscheidet,
was in schwerwiegender Weise sittlich ungeordnet ist. Tatsächlich ist ja
in einer solchen Entscheidung bereits eine Mißachtung des göttlichen
Gebotes enthalten, eine Zurückweisung der Liebe Gottes zur Menschheit und
zur ganzen Schöpfung: Der Mensch entfernt sich so von Gott und verliert
die Liebe. Die Grundorientierung kann also durch konkrete Einzelhandlungen
völlig umgeworfen werden. Zweifellos kann es unter psychologischem Aspekt
viele komplexe und dunkle Situationen geben, die auf die subjektive Schuld
des Sünders Einfluß haben mögen. Aufgrund einer Betrachtung auf
psychologischer Ebene kann man jedoch nicht zur Schaffung einer
theologischen Kategorie, wie gerade diejenige der "optio
fundamentalis" übergehen, wenn sie so verstanden wird, daß sie auf
der objektiven Ebene die traditionelle Auffassung von Todsünde ändert
oder in Zweifel zieht«.(117)
Die Dissoziierung von Grundoption und bedachter, diese nicht in Frage
stellender Wahl bestimmter, in sich selbst oder durch die Umstände
ungeordneter Verhaltensweisen, hängt also mit der Verkennung der
katholischen Lehre über die Todsünde zusammen: »Mit der ganzen
Tradition der Kirche nennen wir denjenigen Akt eine Todsünde, durch den
ein Mensch bewußt und frei Gott und sein Gesetz sowie den Bund der Liebe,
den dieser ihm anbietet, zurückweist, indem er es vorzieht, sich sich
selbst zuzuwenden oder irgend einer geschaffenen oder endlichen
Wirklichkeit, irgendeiner Sache, die im Widerspruch zum göttlichen Willen
steht (conversio ad creaturam - Hinwendung zum Geschaffenen). Dies kann
auf direkte und formale Weise geschehen, wie bei den Sünden der
Götzenverehrung, des Abfalles von Gott und der Gottlosigkeit, oder auf
gleichwertige Weise, wie in jedem Ungehorsam gegenüber den Geboten Gottes
bei schwerwiegender Materie«.(118)
IV. Die sittliche Handlung
Teleologie und Teleologismus
71. Die Beziehung zwischen der Freiheit des Menschen und dem Gesetz
Gottes, die ihren tiefsten und lebendigen Sitz im sittlichen Gewissen hat,
äußert und verwirklicht sich in den menschlichen Handlungen. Gerade
durch seine Handlungen vervollkommnet sich der Mensch als Mensch, als
Mensch, der berufen ist, aus eigenem Entschluß seinen Schöpfer zu suchen
und in Zugehörigkeit zu ihm frei zur vollen und seligen Vollendung zu
gelangen.(119)
Menschliche Handlungen sind sittliche Handlungen, weil sie das Gutsein
oder die Schlechtigkeit des jene Handlungen vollziehenden Menschen selbst
ausdrücken und über sie entscheiden.(120) Sie rufen nicht nur
Veränderungen in dem Menschen äußerlichen Sachverhalten hervor, sondern
als freie Wahlakte qualifizieren sie in sittlicher Hinsicht die Person
selbst, die sie vollzieht, und bestimmen ihr geistiges Tiefenprofil, wie
der hl. Gregor von Nyssa eindrucksvoll feststellt: »Alle dem Werden
unterworfenen Wesen bleiben niemals sich selbst identisch, sondern gehen
durch eine dauernd wirkende Veränderung zum Guten oder zum Schlechten
ständig von einem Zustand in einen anderen über... Der Veränderung
unterworfen sein, heißt also unablässig geboren werden... Aber die
Geburt erfolgt hier nicht durch einen äußeren Eingriff, wie es bei den
leiblichen Wesen der Fall ist... Sie ist das Ergebnis freier Wahl, und so
sind wir gewissermaßen unsere eigenen Erzeuger, indem wir uns so
erschaffen, wie wir wollen, und uns mit unserer Wahl die Gestalt geben,
die wir wollen«.(121)
72. Die Sittlichkeit der Handlungen bestimmt sich aufgrund der Beziehung
der Freiheit des Menschen zum wahrhaft Guten. Dieses Gute ist als ewiges
Gesetz durch Gottes Weisheit begründet, die jedes Wesen auf sein Endziel
hinordnet: Erkannt wird dieses ewige Gesetz sowohl durch die natürliche
Vernunft des Menschen (so heißt es »Naturgesetz«) als auch - in
vollumfänglicher und vollkommener Weise - durch die übernatürliche
Offenbarung Gottes (dann nennt man es »göttliches Gesetz«). Das Handeln
ist sittlich gut, wenn die der Freiheit entspringenden Wahlakte mit dem
wahren Gut des Menschen übereinstimmen und damit Ausdruck der
willentlichen Hinordnung der Person auf ihr letztes Ziel, also Gott
selber, sind: Das höchste Gut, in dem der Mensch sein volles und
vollkommenes Glück findet. Die Eingangsfrage in dem Gespräch des jungen
Mannes mit Jesus: »Was muß ich Gutes tun, um das ewige Leben zu
gewinnen?« (Mt 19, 16), verdeutlicht in direkter Weise den wesenhaften
Zusammenhang zwischen dem sittlichen Wert einer Handlung und dem letzten
Ziel des Menschen. Jesus bestätigt in seiner Antwort die Überzeugung
seines Gesprächspartners: Das Tun des Guten, wie es von dem geboten ist,
der »Wein der Gute« ist, stellt die unerläßliche Voraussetzung und den
Weg zur ewigen Seligkeit dar: »Wenn du das Leben erlangen willst, halte
die Gebote« (Mt 19, 17). Die Antwort Jesu und der Hinweis auf die Gebote
machen auch offenkundig, daß der Weg zum Ziel von der Befolgung der
göttlichen Gesetze, die das menschliche Wohl schützen, vorgezeichnet
wird. Nur eine Handlung, die dem Guten entspricht, kann Weg zum Leben
sein.
Die vernunftgeleitete Hinordnung der menschlichen Handlungen auf das
wahrhaft Gute und das willentliche Streben nach diesem Gut machen die
Sittlichkeit aus. Das menschliche Handeln kann also nicht allein deshalb
als sittlich gut bewertet werden, weil es dazu dienlich ist, dieses oder
jenes verfolgte Ziel zu erreichen, oder einfach weil die Absicht des
Handelnden gut ist.(122) Das menschliche Handeln ist dann sittlich gut,
wenn es die willentliche Hinordnung der menschlichen Person auf das letzte
Ziel und die Übereinstimmung der konkreten Handlung mit dem wahren
menschlichen Gut, wie es von der Vernunft in seiner Wahrheit erkannt wird,
bestätigt und zum Ausdruck bringt. Wenn der Gegenstand der konkreten
Handlung nicht mit dem wahren Gut der Person in Einklang steht, macht die
Wahl dieser Handlung unseren Willen und uns selber sittlich schlecht und
setzt uns damit in Gegensatz zu unserem letzten Ziel, dem höchsten Gut,
das heißt Gott selber.
73. Dank der Offenbarung Gottes und des Glaubens weiß der Christ um das
»Neue«, von dem die Sittlichkeit seiner Taten gekennzeichnet ist; diesen
kommt es zu, bestehender oder nicht bestehender konsequenter
Übereinstimmung mit jener Würde und Berufung Ausdruck zu geben, die ihm
durch Gnade geschenkt worden sind: In Jesus Christus und seinem Geist ist
der Christ eine »neue Schöpfung«, Kind Gottes, und durch seine
Handlungen bekundet er seine Übereinstimmung mit oder seine Abweichung
von dem Bild des Sohnes, der der Erstgeborene unter vielen Brüdern ist
(vgl. Röm 8, 29), lebt er seine Treue oder Untreue gegenüber dem
Geschenk des Geistes und öffnet oder verschließt er sich dem ewigen
Leben, der Gemeinschaft von Schau, Liebe und Seligkeit mit Gott Vater,
Sohn und Heiligem Geist.(123) Christus »gestaltet uns so nach seinem Bild
- schreibt der hl. Kyrillos von Alexandrien -, daß durch die Heiligung
und die Gerechtigkeit und das gute und tugendmäßige Leben die Züge
seiner göttlichen Natur in uns zum Leuchten kommen... Die Schönheit
dieses Bildes erstrahlt in uns, die wir in Christus sind, wenn wir uns in
den Werken als gute Menschen erweisen«.(124)
In diesem Sinne besitzt das sittliche Leben einen wesenhaft
»teleologischen« Charakter, weil es in der freien und bewußten
Hinordnung des menschlichen Handelns auf Gott, das höchste Gut und letzte
Ziel (telos) des Menschen, besteht. Das bestätigt wiederum die Frage des
jungen Mannes an Jesus: »Was muß ich Gutes tun, um das ewige Leben zu
gewinnen?« Aber diese Hinordnung auf das letzte Ziel bewegt sich nicht in
einer bloß subjektivistischen Dimension, die nur von der Absicht abhinge.
Sie setzt voraus, daß diesen Handlungsweisen von sich aus die Eigenschaft
zukommt, auf dieses Ziel hingeordnet werden zu können, weil sie nämlich
dem durch die Gebote geschützten wahren sittlichen Gut des Menschen
entsprechen. Genau das spricht Jesus in der Antwort an den reichen
Jüngling an: »Wenn du das Leben erlangen willst, halte die Gebote!« (Mt
19, 17).
Offensichtlich geht es um eine vernunftgeleitete und freie, bewußte und
überlegte Hinordnung, kraft welcher der Mensch für seine Handlungen
»verantwortlich« und dem Urteil Gottes unterworfen ist, des gerechten
und guten Richters, der das Gute belohnt und das Böse bestraft, wie der
Apostel Paulus ausführt: »Denn wir alle müssen vor dem Richterstuhl
Christi offenbar werden, damit jeder seinen Lohn empfängt für das Gute
oder Böse, das er im irdischen Leben getan hat« (2 Kor 5, 10).
74. Aber wovon hängt die moralische Bewertung des freien Handelns des
Menschen ab? Wodurch wird diese Hinordnung der menschlichen Handlungen auf
Gott sichergestellt? Von der Intention des handelnden Subjektes, von den
Umständen - und insbesondere von den Folgen - seines Handelns, vom Objekt
seines Handelns selbt?
Das ist das, traditonellerweise sogenannte, Problem der »Quellen der
Moralität«. Und gerade im Hinblick auf dieses Problem haben sich in den
letzten Jahrzehnten neue - oder wieder erneuerte - kulturelle und
theologische Strömungen offenbart, die eine sorgfältige Klärung von
seiten des Lehramtes der Kirche erfordern.
Einige als »teleologisch« bezeichnete ethische Theorien richten ihre
Aufmerksamkeit auf die Übereinstimmung der menschlichen Handlungen mit
den vom Handelnden verfolgten Zielen und mit den von ihm zu realisieren
beabsichtigten Werten. Die Kriterien zur moralischen Beurteilung einer
Handlung werden aus der Abwägung der zu erlangenden nicht-sittlichen und
vor-sittlichen Güter und der entsprechenden zu respektierenden
nicht-sittlichen und vor-sittlichen Werte gewonnen. Für manche wäre das
konkrete Verhalten richtig bzw. falsch je nachdem, ob es für alle
betroffenen Personen einen besseren Zustand hervorzubringen vermag oder
nicht: Richtig wäre das Verhalten, das imstande ist, die Güter zu
»maximieren« und die Übel zu »minimieren«.
Viele der katholischen Moraltheologen, die dieser Auffassung folgen,
möchten nichts mit Utilitarismus und Pragmatismus zu tun haben, bei denen
die Sittlichkeit der menschlichen Handlungen ohne Bezugnahme auf das
letzte wahre Ziel des Menschen beurteilt werde. Zu Recht sind sie sich der
Notwendigkeit bewußt, für die Vernunft einsichtige, immer stichhaltigere
Argumente zu finden, um die Anforderungen des sittlichen Lebens zu
rechtfertigen und die entsprechenden sittlichen Normen zu begründen. Und
dieses Forschen ist gerade insofern legitim und notwendig, als ja die im
Naturgesetz festgelegte sittliche Ordnung menschlicher Vernunfterkenntnis
grundsätzlich zugänglich ist. Dieses Suchen entspricht im übrigen den
Erfordernissen des Dialogs und der Zusammenarbeit mit den Nicht-Katholiken
und den Nicht-Glaubenden, besonders in pluralistischen Gesellschaften.
75. Aber im Rahmen des Bemühens um die Erarbeitung einer solchen
vernunftgemäßen Moral - deshalb manchmal auch »autonome Moral« genannt
- gibt es falsche Lösungen, die insbesondere mit einem unzulänglichen
Verständnis dessen zusammenhängt, was man das »Objekt« des sittlichen
Handelns nennt. Einige schenken der Tatsache nicht genügend Beachtung,
daß der Wille in die konkreten Wahlakte, die er vollzieht, miteinbezogen
ist: diese sind Voraussetzung für sein sittliches Gutsein und für seine
Hinordnung auf das letzte Ziel der Person. Andere hingegen inspirieren
sich an einer Konzeption der Freiheit, die von den tatsächlichen
Bedingungen ihrer Ausübung, von ihrem objektiven Bezug zur Wahrheit des
Guten, von ihrer Bestimmung durch die Wahl konkreter Verhaltensweisen
absieht. Nach diesen Theorien wäre also der freie Wille weder bestimmten
Verpflichtungen sittlich unterworfen, noch würde er durch seine Wahlakte
geformt, auch wenn er für seine Handlungen und deren Folgen
verantwortlich bleibt. Dieser »Teleologimus«, als Methode der Entdeckung
der moralischen Norm, kann also - entsprechend den aus verschiedenen
Denkströmungen entnommenen Terminologien und Geisteshaltungen - als
»Konsequentialismus« oder »Proportionalismus« bezeichnet werden.
Ersterer beansprucht die Kriterien für die Richtigkeit eines bestimmten
Handelns, die lediglich aus den voraussehbaren Folgen einer getroffenen
Wahl hervorgehen. Der zweite - unter Abwägen zwischen den Werten und den
verfolgten Gütern - orientiert sich eher an der anerkannten
Verhältnismäßigkeit bezüglich der guten und bösen Auswirkungen
hinsichtlich des »höheren Gutes« oder des »kleineren Übels«, die in
einer besonderen Situation wirklich möglich sind.
Die teleologischen Ethiken (Proportionalismus, Konsequentialismus)
anerkennen zwar, daß die sittlichen Werte durch Vernunft und Offenbarung
aufgezeigt werden; dennoch halten sie daran fest, daß sich bezüglich
konkret bestimmbarer Verhaltensweisen, die unter allen Umständen und in
allen Kulturen zu diesen sittlichen Werten in Widerspruch stünden,
niemals eine absolute Verbotsnorm formulieren lasse. Das handelnde Subjekt
wäre selbstverständlich für die Erlangung der verfolgten Werte
verantwortlich, dies jedoch in zweifacher Hinsicht: Die durch eine
menschliche Handlung betroffenen Werte oder Güter wären einerseits
moralischer Art (bezogen auf eigentlich sittliche Werte wie Gottesliebe,
Wohlwollen gegenüber dem Mitmenschen, Gerechtigkeit usw.) und, in anderer
Hinsicht, vor-moralischer Art, eine Ebene, die auch nichtsittlich,
physisch oder ontisch genannt wird (bezogen auf Nutzen und Schaden, die
sowohl dem Handelnden als auch anderen, früher oder später involvierten
Personen erwachsen, wie zum Beispiel: Gesundheit bzw. ihre
Beeinträchtigung, physische Unversehrtheit, Leben, Tod, der Verlust
materieller Güter usw.). In einer Welt, in der das Gute immer mit dem
Übel vermischt und jede gute Wirkung mit anderen schlechten Auswirkungen
verbunden wäre, müßte man die Sittlichkeit der Handlung in
differenzierter Weise beurteilen: ihr sittliches »Gutsein« aufgrund der
sich auf sittliche Güter beziehenden Absicht des Subjektes, ihre
»Richtigkeit« aufgrund ihrer vorhersehbaren Wirkungen oder Folgen und
deren Verhältnis zueinander. Konkrete Verhaltensweisen müßten daher als
»richtig« bzw. »falsch« bewertet werden, ohne daß es deshalb schon
möglich wäre, den Willen der Person, der sie wählt, als sittlich
»gut« oder »schlecht« zu bezeichnen. Auf diese Weise könnte eine
Handlung, die, im Widerspruch zu einer universellen Verbotsnorm, als
vor-moralisch bezeichnete Güter direkt verletzt, als sittlich zulässig
bewertet werden, falls sich die Absicht des Subjektes, gemäß
»verantwortlicher« Abwägung der bei der konkreten Handlung auf dem
Spiel stehenden Güter, auf den in der gegebenen Situation für
entscheidend gehaltenen sittlichen Wert richtet.
Die Bewertung der Folgen der Handlung aufgrund der Verhältnismäßigkeit
des Aktes bezüglich seiner Auswirkungen und der Auswirkungen
untereinander würde lediglich die vor-moralische Ordnung betreffen. Über
die sittliche Artbestimmtheit der Handlungen, d.h. über ihre Güte oder
Schlechtigkeit, würde allein die Treue der Person zu den höchsten Werten
der Liebe und Klugkeit entscheiden, ohne daß solche Treue
notwendigerweise mit Entscheidungen unvereinbar wäre, die bestimmten
sittlichen Einzelverboten widersprechen. Auch im Falle schwerwiegender
Materie müßten diese letzteren als stets relative und Ausnahmen
unterliegende Handlungsnormen angesehen werden.
Gemäß dieser Sichtweise würde dann die bewußte Einwilligung in
bestimmte Verhaltensweisen, die in der traditionellen Moral als unerlaubt
gelten, auch nichts objektiv sittlich Schlechtes einschließen.
Der Gegenstand der freien menschlichen Handlung
76. Diese Theorien gewinnen vielleicht aufgrund ihrer Verwandschaft mit
der naturwissenschaftlichen Denkweise eine gewisse Überzeugungskraft; das
wissenschaftliche Denken bemüht sich zu Recht, das technische und
wirtschaftliche Schaffen aufgrund der Berechnung der Ressourcen und der
Gewinne, der Verfahrensweisen und ihrer Auswirkungen zu ordnen. Es will
von den Zwängen einer voluntaristischen und willkürlichen Pflichtmoral
befreien, die sich als unmenschlich erweisen würde.
Derartige Theorien sind jedoch der Lehre der Kirche nicht treu, wenn sie
glauben, die freie und bedachte Wahl von Verhaltensweisen, die den Geboten
des göttlichen und des Naturgesetzes widersprechen, als sittlich gut
rechtfertigen zu können. Diese Theorien können sich nicht auf die
katholische moralische Tradition berufen: wenn es wahr ist, daß sich in
dieser letzteren eine Kasuistik entwickelt hat, die darauf bedacht ist, in
einigen konkreten Situationen die besseren Möglichkeiten für das Gute zu
erwägen, so ist ebenso wahr, daß dies nur jene Fälle betrifft, in denen
das Gesetz unbestimmt war und daher die absolute Gültigkeit der
moralischen negativen Gebote, die ohne Ausnahme verpflichten, nicht in
Frage stellte. Die Gläubigen sind verpflichtet, die spezifischen, von der
Kirche im Namen Gottes, des Schöpfers und Herrn, vorgelegten und
gelehrten sittlichen Gebote anzuerkennen und zu achten.(125) Wenn der
Apostel Paulus die Erfüllung des Gesetzes in dem Gebot zusammenfaßt, den
Nächsten zu lieben wie sich selbst (vgl. Röm 13, 8-10), schwächt er
damit nicht die Gebote ab, sondern er bestätigt sie vielmehr, da er deren
Forderungen und Gewicht offenlegt. Die Gottesliebe und die Nächstenliebe
sind nicht zu trennen von der Einhaltung der Gebote des Bundes, der im
Blut Jesu Christi und durch die Gabe des Geistes erneuert wurde. Es
gereicht den Christen zur Ehre, Gott mehr zu gehorchen als den Menschen
(vgl. Apg 4, 19; 5, 29) und dafür auch das Martyrium auf sich zu nehmen,
wie es die heiligen Männer und Frauen des Alten und Neuen Testamentes
getan haben; sie wurden als heilig anerkannt, weil sie eher ihr Leben
hingege ben haben als diese oder jene im Widerspruch zum Glauben oder zur
Tugend stehende konkrete Einzelhandlung auszuführen.
77. Um vernunftgemäße Kriterien für die rechte sittliche Entscheidung
bereitzustellen, berücksichtigen die erwähnten Theorien die Absicht und
die Folgen des menschlichen Handelns. Gewiß müssen sowohl die Absicht -
wie Jesus in offenem Gegensatz zu den Schriftgelehrten und Pharisäern,
die ohne auf das Herz zu achten, gewisse äußere Werke pedantisch
vorschrieben, mit besonderem Nachdruck betont (vgl. Mk 7, 20-21; Mt 15,
19) -, als auch die infolge einer einzelnen Handlung erlangten Güter und
vermiedenen Übel entscheidend in Erwägung gezogen werden. Es handelt
sich um eine Forderung der Verantwortlichkeit. Aber die Erwägung dieser
Folgen - ebenso wie der Absichten - genügt nicht für die Bewertung der
moralischen Qualität einer konkreten Wahl. Die Abwägung der als Folge
einer Handlung vorhersehbaren Güter und Übel ist keine angemessene
Methode, um bestimmen zu können, ob die Wahl dieses Verhaltens »ihrer
Artbestimmung nach« oder »in sich selbst« sittlich gut oder schlecht,
erlaubt oder unerlaubt ist. Die vorhersehbaren Folgen gehören zu jenen
Umständen des Aktes, die zwar die Schwere einer schlechten Handlung
modifizieren, jedoch nicht ihre moralische Spezies verändern können.
Im übrigen weiß jeder, wie schwierig - oder, besser, wie unmöglich - es
ist, alle Folgen und alle im vor-moralischen Sinne guten bzw. schlechten
Auswirkungen der eigenen Handlungen zu bewerten: ein erschöpfendes
vernünftiges Kalkulieren ist nicht möglich. Wie soll man Proportionen
ausmachen, die von einer Bewertung abhängen, deren Kriterien im Dunkeln
verbleiben? Wie könnte man aufgrund derart fraglicher rechnerischer
Überlegungen eine absolute Inpflichtnahme rechtfertigen?
78. Der sittliche Charakter der menschlichen Handlung ist von dem durch
den freien Willen vernunftgemäß gewählten Gegenstand abhängig wie es
auch die scharfsinnige, noch immer gültige Analyse des hl. Thomas
aufweist.(126) Um den Gegenstand einer Handlung, der sie sittlich
spezifiziert, erfassen zu können, muß man sich daher in die Perspektive
der handelnden Person versetzen. Das Objekt des Willensaktes ist ja ein
frei gewähltes Verhalten. Insofern es mit der Vernunftordnung
übereinstimmt, ist es Ursache der Güte des Willens, macht es uns
sittlich vollkommener und hilft uns, unser letztes Ziel im vollkommenen
Guten, der ursprünglichen Liebe, zu erkennen. Unter »Objekt« einer
bestimmten sittlichen Handlung kann man daher nicht einen Prozeß oder ein
Ereignis rein physischer Ordnung verstehen, die danach zu bewerten wären,
daß sie einen bestimmten Zustand in der äußeren Welt hervorrufen. Das
Objekt ist das unmittelbare Ziel einer freien Wahl, die den Willensakt der
handelnden Person prägt. In diesem Sinne gibt es, wie der Katechismus der
katholischen Kirche lehrt, »konkrete Verhaltensweisen, die zu wählen
immer falsch ist, weil ihre Wahl die Ungeordnetheit des Willens
einschließt, das heißt ein sittliches Übel«.(127) »Es geschieht nicht
selten - schreibt der hl. Thomas von Aquin -, daß der Mensch in guter
Absicht, aber in nichtsnutziger Weise handelt, weil ihm der gute Wille
fehlt. Zum Beispiel, wenn einer stiehlt, um einen Armen zu ernähren:
Obwohl in diesem Fall die Absicht recht ist, fehlt hier die Richtigkeit
eines angemessenen Willens. Kurz und gut, die gute Absicht entschuldigt
keineswegs die Ausführung böser Werke. "Einige legen uns in den
Mund: Laßt uns Böses tun, damit Gutes entsteht. Diese Leute werden mit
Recht verurteilt" (Röm 3, 8)«.(128)
Der Grund, warum die gute Absicht nicht genügt, sondern es auch der
richtigen Wahl der Werke bedarf, liegt darin, daß die menschliche
Handlung von ihrem Gegenstand beziehungsweise davon abhängt, ob dieser
Gegenstand auf Gott, also den, der »allein "der Gute" ist«,
hingeordnet werden kann oder nicht und so die Vollkommenheit der
menschlichen Person bewirkt. Eine Handlung ist daher gut, wenn ihr
Gegenstand (Objekt) dem Gut der Person, unter Respektierung der für sie
sittlich bedeutsamen Güter, entspricht. Die christliche Ethik, die dem
Gegenstand sittlicher Handlungen eine ganz besondere Beachtung schenkt,
lehnt es also nicht ab, die innere »Teleologie« des Handelns in Betracht
zu ziehen, insofern auf die Förderung des wahren Gutes der Person
gerichtet; sie hält aber fest, daß letzteres nur dann wahrhaftig
verfolgt wird, wenn die wesentlichen Aspekte der menschlichen Natur
respektiert werden. Die ihrem Gegenstand nach gute menschliche Handlung
besitzt auch die Eigenschaft, auf das letzte Ziel hingeordnet werden zu
können. Eben diese Handlung erlangt dann ihre letzte und entscheidende
Vollkommenheit, wenn der Wille sie durch die Liebe tatsächlich auf Gott
hinordnet. In diesem Sinne lehrt der Patron der Moraltheologen und
Beichtväter: »Es genügt nicht, gute Werke zu tun, sie müssen gut getan
werden. Damit unsere Werke gut und vollkommen sind, müssen wir sie mit
dem klaren Ziel tun, daß sie Gott gefallen«.(129)
Das »in sich Schlechte«: Man darf nicht Böses tun, damit Gutes entsteht
(vgl. Röm 3, 8).
79. Zurückgewiesen werden muß daher die für teleologische und
proportionalistische Theorien typische Ansicht, es sei unmöglich, die
bewußte Wahl einiger Verhaltensweisen bzw. konkreter Handlungen nach
ihrer Spezies - ihrem »Objekt« - als sittlich schlecht zu bewerten, ohne
die Absicht, mit der diese Wahl vollzogen wurde, oder ohne die Gesamtheit
der vorhersehbaren Folgen jener Handlungen für alle betroffenen Personen
zu berücksichtigen.
Das vorrangige und entscheidende Element für das moralische Urteil ist
das Objekt der menschlichen Handlung, das darüber entscheidet, ob sie auf
das Gute und auf das letzte Ziel, das Gott ist, hingeordnet werden kann.
Ob dies so ist, erkennt die Vernunft im Sein des Menschen selbst,
verstanden in seiner vollumfänglichen Wahrheit, und damit unter
Berücksichtigung seiner natürlichen Neigungen, seiner Triebkräfte und
seiner Zweckbestimmtheiten, die immer auch eine geistige Dimension
besitzen: Genau das sind die Inhalte des Naturgesetzes und damit die
geordnete Gesamtheit der »Güter für die menschliche Person«, die sich
in den Dienst des »Gutes der Person« stellen, des Gutes, das sie selbst
und ihre Vollendung ist. Das sind die von den Geboten (des Dekalogs)
geschützten Güter, der nach dem hl. Thomas das ganze Naturgesetz
enthält.(130)
80. Nun bezeugt die Vernunft, daß es Objekte menschlicher Handlungen
gibt, die sich »nicht auf Gott hinordnen« lassen, weil sie in radikalem
Widerspruch zum Gut der nach seinem Bild geschaffenen Person stehen. Es
sind dies die Handlungen, die in der moralischen Überlieferung der Kirche
»in sich schlecht« (intrinsece malum), genannt wurden: Sie sind immer
und an und für sich schon schlecht, d.h. allein schon aufgrund ihres
Objektes, unabhängig von den weiteren Absichten des Handelnden und den
Umständen. Darum lehrt die Kirche - ohne im geringsten den Einfluß zu
leugnen, den die Umstände und vor allem die Absichten auf die
Sittlichkeit haben -, daß »es Handlungen gibt, die durch sich selbst und
in sich, unabhängig von den Umständen, wegen ihres Objekts immer
schwerwiegend unerlaubt sind«.(131) Das Zweite Vatikanische Konzil bietet
im Zusammenhang mit der Achtung, die der menschlichen Person gebührt,
eine ausführliche Erläuterung solcher Handlungsweisen anhand von
Beispielen: »Was zum Leben selbst in Gegensatz steht, wie jede Art von
Mord, Völkermord, Abtreibung, Euthanasie und auch der freiwillige
Selbstmord; was immer die Unantastbarkeit der menschlichen Person
verletzt, wie Verstümmelung, körperliche oder seelische Folter und der
Versuch, psychischen Zwang auszuüben; was immer die menschliche Würde
angreift, wie unmenschliche Lebensbedingungen, willkürliche Verhaftung,
Verschleppung, Sklaverei, Prostitution, Mädchenhandel und Handel mit
Jugendlichen, sodann auch unwürdige Arbeitsbedingungen, bei denen der
Arbeiter als bloßes Erwerbsmittel und nicht als freie und verantwortliche
Person behandelt wird: all diese und andere ähnliche Taten sind an sich
schon eine Schande; sie sind eine Zersetzung der menschlichen Kultur,
entwürdigen weit mehr jene, die das Unrecht tun, als jene, die es
erleiden. Zugleich sind sie in höchstem Maße ein Widerspruch gegen die
Ehre des Schöpfers«.(132)
Über die in sich sittlich schlechten Handlungen und im Blick auf
kontrazeptive Praktiken, mittels derer vorsätzlich unfruchtbar gemacht
wird, lehrt Papst Paul VI.: »Wenn es auch in der Tat zuweilen erlaubt
ist, ein sittliches Übel hinzunehmen, in der Absicht, damit ein
größeres Übel zu verhindern oder ein höheres sittliches Gut zu
fördern, ist es doch nicht erlaubt, nicht einmal aus sehr schwerwiegenden
Gründen, das sittlich Schlechte zu tun, damit daraus das Gute hervorgehe
(vgl. Röm 3, 8), d.h. etwas zum Gegenstand eines positiven Willensaktes
zu machen, was an sich Unordnung besagt und daher der menschlichen Person
unwürdig ist, auch wenn es in der Absicht geschieht, Güter der Person,
der Familie oder der Gesellschaft zu schützen oder zu fördern«.(133)
81. Wenn die Kirche das Bestehen »in sich schlechter« Handlungen lehrt,
greift sie die Lehre der Heiligen Schrift auf. Der Apostel stellt
kategorisch fest: »Täuscht euch nicht! Weder Unzüchtige noch
Götzendiener, weder Ehebrecher noch Lustknaben, noch Knabenschänder,
noch Diebe, noch Habgierige, keine Trinker, keine Lästerer, keine Räuber
werden das Reich Gottes erben« (1 Kor 6, 9-10).
Wenn die Akte in sich schlecht sind, können eine gute Absicht oder
besondere Umstände ihre Schlechtigkeit zwar abschwächen, aber nicht
aufheben: Sie sind »irreparabel« schlechte Handlungen, die an und für
sich und in sich nicht auf Gott und auf das Gut der menschlichen Person
hinzuordnen sind: »Wer würde es im Hinblick auf die Handlungen, die
durch sich selbst Sünden sind (cum iam opera ipsa peccata sunt) -
schreibt der hl. Augustinus -, wie Diebstahl, Unzucht, Gotteslästerung,
zu behaupten wagen, sie wären, wenn sie aus guten Motiven (causis bonis)
vollbracht würden, nicht mehr Sünden oder, eine noch absurdere
Schlußfolgerung, sie wären gerechtfertigte Sünden?«.(134)
Darum können die Umstände oder die Absichten niemals einen bereits in
sich durch sein Objekt sittenlosen Akt in einen »subjektiv« sittlichen
oder als Wahl vertretbaren Akt verwandeln.
82. Im übrigen ist die Absicht dann gut, wenn sie auf das wahre Gut der
Person im Blick auf ihr letztes Ziel gerichtet ist. Die Handlungen aber,
die sich aufgrund ihres Objektes nicht auf Gott »hinordnen« lassen und
»der menschlichen Person unwürdig« sind, stehen diesem Gut immer und in
jedem Fall entgegen. In diesem Sinne bedeutet die Beachtung der Normen,
die solche Handlungen verbieten und semper et pro semper, das heißt
ausnahmslos, verpflichten, nicht nur keine Beschränkung für die gute
Absicht, sondern sie ist geradezu der fundamentale Ausdruck guter Absicht.
Die Lehre vom Objekt als Quelle der Sittlichkeit ist authentische
Ausdrucksform der biblischen Moral des Bundes und der Gebote, der Liebe
und der Tugenden. Die sittliche Qualität menschlichen Handelns hängt von
dieser Treue zu den Geboten ab, die Ausdruck von Gehorsam und Liebe ist.
Und deshalb - wir wiederholen es noch einmal - muß die Meinung als irrig
zurückgewiesen werden, es sei unmöglich, die bewußte Wahl einiger
Verhaltensweisen bzw. konkreter Handlungen ihrer Spezies nach als sittlich
schlecht zu bewerten, ohne die Absicht, aufgrund welcher diese Wahl
vollzogen wurde, oder ohne die Gesamtheit der vorhersehbaren Folgen jener
Handlung für alle betroffenen Personen zu berücksichtigen. Ohne diese
Vernunftbestimmtheit der sittlichen Qualität menschlichen Handelns wäre
es unmöglich, eine »objektive sittliche Ordnung«(135) anzunehmen und
irgendeine von inhaltlichen Gesichtspunkten bestimmte Norm festzulegen,
die ausnahmslos verpflichtet; und das zum Schaden der Brüderlichkeit
unter den Menschen und der Wahrheit über das Gute und ebenso zum Nachteil
der kirchlichen Gemeinschaft.
83. Im Problem der Sittlichkeit des menschlichen Handelns und besonders in
der Frage nach der Existenz in sich schlechter Handlungen konzentriert
sich, wie man sieht, gewissermaßen die Frage nach dem Menschen selbst,
nach seiner Wahrheit und den sich daraus ergebenden sittlichen
Konsequenzen. Dadurch, daß die Kirche anerkennt und lehrt, daß es
konkret bestimmbare menschliche Handlungen gibt, die in sich schon
schlecht sind, bleibt sie der vollen Wahrheit über den Menschen treu und
achtet und fördert ihn damit in seiner Würde und Berufung. Sie muß
infolgedessen die oben dargelegten Theorien, die dieser Wahrheit
zuwiderlaufen, zurückweisen.
Brüder im Bischofsamt, wir dürfen uns jedoch nicht nur dabei aufhalten,
die Gläubigen über die Irrtümer und Gefahren einiger ethischer Theorien
zu belehren. Wir müssen vor allem den faszinierenden Glanz jener Wahrheit
aufzeigen, die Jesus Christus selber ist. In ihm, der die Wahrheit ist
(vgl. Joh 14, 6), vermag der Mensch vermittels seiner guten Taten seine
Berufung zur Freiheit im Gehorsam gegenüber dem göttlichen Gesetz, das
im Gebot der Gottes- und der Nächstenliebe zusammengefaßt ist, voll zu
begreifen und vollkommen zu leben. Und das alles geschieht durch die Gabe
des Heiligen Geistes, des Geistes der Wahrheit, der Freiheit und der
Liebe: In ihm ist es uns gegeben, uns das Gesetz zu eigen zu machen und es
als Treibkraft wahrer persönlicher Freiheit zu begreifen und zu leben.
»Das vollkommene Gesetz ist das Gesetz der Freiheit« (Jak 1, 25).
KAPITEL 3
»DAMIT DAS KREUZ CHRISTI NICHT UM SEINE KRAFT GEBRACHT WIRD«
(1 Kor 1, 17)
Das sittlich Gute für das Leben der Kirche und der Welt
»Zur Freiheit hat uns Christus befreit« (Gal 5, 1)
84. Die grundlegende Frage, die die oben erwähnten Moraltheorien mit
besonderer Eindringlichkeit stellen, ist die nach der Beziehung zwischen
der Freiheit des Menschen und dem Gesetz Gottes, letztendlich die Frage
nach der Beziehung zwischen Freiheit und Wahrheit.
Gemäß christlichem Glauben und der Lehre der Kirche führt »nur die
Freiheit, die sich der Wahrheit unterwirft, die menschliche Person zu
ihrem wahren Wohl. Das Wohl der Person besteht darin, sich in der Wahrheit
zu befinden und die Wahrheit zu tun«.(136)
Die Konfrontation zwischen der Position der Kirche und der heutigen
gesellschaftlichen und kulturellen Situation deckt unmittelbar die
dringende Notwendigkeit auf, daß gerade im Hinblick auf diese
grundlegende Frage von seiten der Kirche selbst eine intensive
Pastoralarbeit entwickelt werden muß: »Dieser wesentliche Zusammenhang
zwischen der Wahrheit, dem Guten und der Freiheit ist der modernen Kultur
größtenteils abhanden gekommen, und darum besteht heute eine der
besonderen Forderungen an die Sendung der Kirche zur Rettung der Welt
darin, den Menschen zur Wiederentdeckung dieses Zusammenhanges zu führen.
Die Frage des Pilatus: "Was ist Wahrheit?" wird auch heute an
der trostlosen Ratlosigkeit eines Menschen sichtbar, der häufig nicht
mehr weiß, wer er ist, woher er kommt und wohin er geht. Und so erleben
wir nicht selten das er schreckende Abgleiten der menschlichen Person in
Situationen einer fortschreitenden Selbstzerstörung. Wollte man gewissen
Stimmen Gehör schenken, so scheint man nicht mehr die unzerstörbare
Absolutheit auch nur eines einzigen sittlichen Wertes anerkennen zu
dürfen. Allen Augen offenkundig ist die Verachtung des empfangenen und
noch ungeborenen menschlichen Lebens; die ständige Verletzung der
Grundrechte der Person; die ungerechte Zerstörung der für ein wirklich
menschliches Leben notwendigen Güter. Ja, es ist noch viel Bedenklicheres
geschehen: der Mensch ist nicht mehr davon überzeugt, allein in der
Wahrheit das Heil finden zu können. Die rettende, heilbringende Kraft des
Wahren wird angefochten, und allein der - freilich jeder Objektivität
beraubten - Freiheit wird die Aufgabe zugedacht, autonom zu entscheiden,
was gut und was böse ist. Dieser Relativismus führt auf theologischem
Gebiet zum Mißtrauen in die Weisheit Gottes, die den Menschen durch das
Sittengesetz leitet. Den Geboten des Sittengesetzes stellt man die
sogenannten konkreten Situationen entgegen, weil man im Grunde nicht mehr
daran festhält, daß das Gesetz Gottes immer das einzige wahre Gut des
Menschen ist«.(137)
85. Die Aufgabe der prüfenden Unterscheidung von seiten der Kirche
angesichts dieser ethischen Theorien beschränkt sich nicht auf deren
Entlarvung und Ablehnung, sondern zielt darauf ab, allen Gläubigen mit
großer Liebe bei der Formung eines sittlichen Gewissens beizustehen, das
zu urteilen und zu wahrheitsgemäßen Entscheidungen zu führen vermag,
wie der Apostel Paulus mahnend schreibt: »Gleicht euch nicht dieser Welt
an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und
erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: was ihm gefällt, was gut und
vollkommen ist« (Röm 12, 2). Ihren festen Halt - ihr pädagogisches
»Geheimnis« - findet diese Arbeit der Kirche nicht so sehr in den
Lehraussagen und pastoralen Aufrufen zur Wachsamkeit als vielmehr darin,
daß sie den Blick unverwandt auf den Herrn Jesus richtet. So blickt die
Kirche Tag für Tag mit unermüdlicher Liebe auf Christus, da sie sich
völlig bewußt ist, daß allein bei ihm die wahre und endgültige Antwort
auf die sittlichen Fragestellungen liegt.
Besonders im gekreuzigten Jesus findet sie die Antwort auf die Frage, die
heute so viele Menschen quält: wie nur kann der Gehorsam gegenüber den
allgemeinen und unveränderlichen sittlichen Normen die Einmaligkeit und
Unwiederholbarkeit respektieren und nicht ein Angriff auf ihre Freiheit
und Würde werden? Die Kirche macht sich jene Gewissensauffassung zu
eigen, die der Apostel Paulus von der an ihn ergangenen Sendung hatte:
»Denn Christus hat mich ... gesandt ..., das Evangelium zu verkünden,
aber nicht mit gewandten und klugen Worten, damit das Kreuz Christi nicht
um seine Kraft gebracht wird ... Wir verkündigen Christus als den
Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine
Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes
Kraft und Gottes Weisheit« (1 Kor 1, 17.23-24). Der gekreuzigte Christus
offenbart den authentischen Sinn der Fritheit, er lebt ihn in der Fülle
seiner totalen Selbsthingabe und beruft die Jünger, an dieser seiner
Freiheit teilzuhaben.
86. Vernünftige Überlegung und alltägliche Erfahrung zeigen die
Schwäche, von der die Freiheit des Menschen gezeichnet ist. Sie ist
wirkliche, aber begrenzte Freiheit: sie hat ihren absoluten und
bedingungslosen Ausgangspunkt nicht in sich selbst, sondern in der
Existenz, innerhalb der sie sich findet und die für sie gleichzeitig eine
Grenze und eine Möglichkeit darstellt. Es ist die Freiheit eines
Geschöpfes, das heißt geschenkte Freiheit, die als Keim empfangen und
verantwortungsvoll zur Reife gebracht werden soll. Sie gehört wesentlich
zu jenem geschaffenen Ebenbild Gottes, das die Würde der menschlichen
Person begründet: in ihr hallt die ursprüngliche Berufung wider, mit
welcher der Schöpfer den Menschen zum wahren Gut und, mehr noch, mit der
Offenbarung Christi dazu berufen hat, durch Teilhabe am göttlichen Leben
selbst mit ihm in Freundschaft einzutreten. Sie ist zugleich
unveräußerlicher Eigenbesitz und umfassende Öffnung gegenüber jedem
Seienden, indem sie aus sich herausgeht, um den anderen kennenzulernen und
zu lieben.(138) Die Freiheit hat also ihre Wurzel in der Wahrheit vom
Menschen und ihre Zielbestimmung in der Gemeinschaft.
Vernunft und Erfahrung sprechen nicht nur von der Schwäche der
menschlichen Freiheit, sondern auch von ihrem Drama. Der Mensch entdeckt,
daß seine Freiheit rätselhafterweise dazu neigt, diese Öffnung für das
Wahre und Gute zu mißbrauchen, und daß er es zu oft tatsächlich
vorzieht, endliche, begrenzte und vergängliche Güter zu wählen. Ja mehr
noch, in den Irrtümern und negativen Entscheidungen spürt der Mensch den
Anfang einer radikalen Auflehnung, die ihn die Wahrheit und das Gute
zurückweisen läßt, um sich zum absoluten Prinzip seiner selbst
aufzuwerfen: »Ihr werdet Gott« (Gen 3, 5). Die Freiheit muß also
befreit werden. Christus ist ihr Befreier: er »hat uns zur Freiheit
befreit« (Gal 5, 1).
87. Zunächst offenbart Christus, daß die ehrliche und offene Anerkennung
der Wahrheit die Bedingung einer authentischen Freiheit ist. »Ihr werdet
die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen« (Joh 8,
32).(139) Die Wahrheit macht frei gegenüber der Macht und verleiht die
Kraft zum Martyrium. So spricht es Jesus vor Pilatus aus: »Ich bin dazu
geboren und dazu in die Welt gekommen, daß ich für die Wahrheit Zeugnis
ablege« (Joh 18, 37). So sollen die wahren Anbeter Gottes diesen »im
Geist und in der Wahrheit« anbeten (Joh 4, 23): durch diese Anbetung
werden sie frei: Der Zusammenhang mit der Wahrheit und die Anbetung Gottes
werden in Jesus Christus als der tiefsten Wurzel der Freiheit offenbar.
Des weiteren offenbart Jesus mit seiner eigenen Existenz und nicht bloß
mit Worten, daß sich die Freiheit in der Liebe, das heißt in der
Selbsthingabe, verwirklicht. Er, der sagt: »Es gibt keine größere
Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt« (Joh 15,
13), geht aus freien Stücken der Passion entgegen (vgl. Mt 26, 46) und
gibt in seinem Gehorsam gegenüber dem Vater am Kreuz sein Leben für alle
Menschen hin (vgl. Phil 2, 6-11). Auf diese Weise ist die Betrachtung des
gekreuzigten Jesus der königliche Weg, den die Kirche Tag für Tag gehen
muß, wenn sie den ganzen Sinn der Freiheit verstehen will: die
Selbsthingabe im Dienst an Gott und den Brüdern. Die Gemeinschaft mit dem
gekreuzigten und auferstandenen Herrn ist dann die unversiegbare Quelle,
aus der die Kirche unablässig schöpft, um in der Freiheit zu leben, sich
hinzugeben und zu dienen. In seinem Kommentar zu dem Vers aus dem 100.
Psalm »Dient dem Herrn mit Freude!« sagt der hl. Augustinus: »Im Hause
des Herrn ist die Knechtschaft frei. Frei, da nicht der Zwang, sondern die
Liebe den Dienst auferlegt... Die Liebe mache dich zum Knecht (Diener),
wie die Wahrheit dich frei gemacht hat... Du bist zugleich Diener und
frei: Diener, weil du dazu geworden bist, frei, weil du von Gott, deinem
Schöpfer, geliebt wirst; ja, frei auch, weil es dir gegeben ist, deinen
Schöpfer zu lieben ... Du bist Diener des Herrn und du bist Befreiter des
Herrn. Suche nicht eine Freiheit, die dich fortträgt vom Hause deines
Befreiers!«(140)
Auf diese Weise ist die Kirche und jeder Christ in ihr dazu berufen,
teilzuhaben am Königtum Christi am Kreuz (vgl. Joh 12, 32), an der Gnade
und an der Verantwortung des Menschensohnes, der »nicht gekommen ist, um
sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als
Lösegeld für viele« (Mt 20, 28).(141)
Jesus ist also die lebendige und personifizierte Synthese von vollkommener
Freiheit und unbedingtem Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes. Sein
gekreuzigter Leib ist die volle Offenbarung der unlösbaren Bande zwischen
Freiheit und Wahrheit, so wie seine Auferstehung vom Tode die erhabenste
Verherrlichung der Fruchtbarkeit und heilbringenden Kraft einer in
Wahrheit gelebten Freiheit ist.
Im Licht wandeln (vgl. 1 Joh 1, 7)
88. Die Gegenüberstellung, ja die radikale Trennung von Freiheit und
Wahrheit ist Folge, Äußerung und Vollendung einer anderen noch
schwerwiegenderen und schädlicheren Dichotomie, die den Glauben von der
Moral trennt.
Diese Trennung ist Gegenstand einer der vordringlichsten pastoralen Sorgen
der Kirche im heutigen Säkularisierungsprozeß, in dem viele, allzu viele
Menschen denken und leben, »als ob es Gott nicht gäbe«. Wir stehen
einer Mentalität gegenüber, die oft auf tiefgreifende, weitreichende
Weise und bis in die letzten Winkel der Gesellschaft hinein die Haltungen
und Verhaltensweisen sogar der Christen beeinflußt, deren Glaube dadurch
entkräftet wird und seine Ursprünglichkeit als eigenständiger Maßstab
für das eigene Selbstverständnis und das Handeln im persönlichen,
familiären und gesellschaftlichen Leben verliert. Die von denselben
Gläubigen übernommenen Beurteilungs- und Entscheidungskriterien stellen
sich im Rahmen einer entchristlichten Kultur tatsächlich oft so dar, als
hätten sie mit den Kriterien des Evangeliums nichts zu tun oder stünden
sogar im Widerspruch zu ihnen.
Es ist nun dringend notwendig, daß die Christen die Eigenständigkeit
ihres Glaubens und ihre Urteilskraft gegenüber der herrschenden, ja sich
aufdrängenden Kultur wiederentdecken: »Denn einst wart ihr Finsternis -
so belehrt uns der Apostel Paulus -, jetzt aber seid ihr durch den Herrn
Licht geworden. Lebt als Kinder des Lichts! Das Licht bringt lauter Güte,
Gerechtigkeit und Wahrheit hervor. Prüft, was dem Herrn gefällt, und
habt nichts gemein mit den Werken der Finsternis, die keine Frucht
bringen, sondern deckt sie auf!... Achtet also sorgfältig darauf, wie ihr
euer Leben führt, nicht töricht, sondern klug. Nutzt die Zeit, denn
diese Tage sind böse« (Eph 8, 8-11.15-16; vgl. 1 Thess 5, 4-8).
Es ist dringend notwendig, das wahre Antlitz des christlichen Glaubens
zurückzugewinnen und wieder bekannt zu machen; dies ist ja nicht
lediglich eine Summe von Aussagen, die mit dem Verstand angenommen und
bestätigt werden müssen. Er ist vielmehr eine gelebte Kenntnis von
Christus, ein lebendiges Gedächtnis seiner Gebote, eine Wahrheit, die
gelebt werden muß. Ein Wort wird schließlich nur dann wahrhaft
angenommen, wenn es in die Handlungen übergeht, wenn es in die Praxis
umgesetzt wird. Der Glaube ist eine Entscheidung, die die gesamte Existenz
in Anspruch nimmt. Er ist Begegnung, Dialog, Liebes- und
Lebensgemeinschaft des Glaubenden mit Jesus Christus, der der Weg, die
Wahrheit und das Leben ist (vgl. Joh 14, 6). Er schließt einen Akt des
Vertrauens und der Hingabe an Christus ein und gewährt uns zu leben, wie
er gelebt hat (vgl. Gal 2, 20), das heißt in der je größeren Liebe zu
Gott und zu den Brüdern.
89. Der Glaube besitzt auch einen sittlichen Inhalt: er schafft und
verlangt ein konsequentes Engagement des Lebens, er unterstützt und
vollendet die Annahme und Einhaltung der göttlichen Gebote. Wie der
Evangelist Johannes schreibt, »Gott ist Licht, und keine Finsternis ist
in ihm. Wenn wir sagen, daß wir Gemeinschaft mit ihm haben, und doch in
der Finsternis leben, lügen wir und tun nicht die Wahrheit... Wenn wir
seine Gebote halten, erkennen wir, daß wir ihn erkannt haben. Wer sagt:
Ich habe ihn erkannt!, aber seine Gebote nicht hält, ist ein Lügner, und
die Wahrheit ist nicht in ihm. Wer sich aber an sein Wort hält, in dem
ist die Gottesliebe wahrhaft vollendet. Wir erkennen daran, daß wir in
ihm sind. Wer sagt, daß er in ihm bleibt, muß auch leben, wie er gelebt
hat« (1 Joh 1, 5-6; 2, 3-6).
Durch das sittliche Leben wird der Glaube zum »Bekenntnis«, und das
nicht nur vor Gott, sondern auch vor den Menschen: es wird ein Zeugnis
abgelegt. »Ihr seid das Licht der Welt - hat Jesus gesagt -. Eine Stadt,
die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben. Man zündet auch
nicht ein Licht an und stülpt ein Gefäß darüber, sondern man stellt es
auf den Leuchter; dann leuchtet es allen im Haus. So soll euer Licht vor
den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im
Himmel preisen« (Mt 5, 14-16). Das sind vor allem jene der Nächstenliebe
(vgl. Mt 25, 31-46) und der wahren Freiheit, die sich in der Selbsthingabe
kundtut und lebt. Bis zur völligen Selbsthingabe, wie es Jesus getan hat,
der am Kreuz »die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat« (Eph
5, 25). Das Zeugnis Christi ist Quelle und Maß (Paradigma) für das
Zeugnis des Jüngers, der aufgerufen ist, denselben Weg einzuschlagen:
»Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich
sein Kreuz auf sich und folge mir nach« (Lk 9, 23). Dem Anspruch des
evangelischen Radikalismus entsprechend kann die Liebe den Glaubenden zum
äußersten Zeugnis des Martyriums bringen. Über das Vorbild des am Kreuz
sterbenden Jesus schreibt Paulus an die Christen von Ephesus: »Ahmt Gott
nach als seine geliebten Kinder und liebt einander, weil auch Christus uns
geliebt und sich für uns hingegeben hat als Gabe und als Opfer, das Gott
gefällt« (Eph 5, 1-2).
Das Martyrium, Verherrlichung der unverletzlichen Heiligket des Gesetzes
Gottes
90. In der bedingungslosen Achtung gegenüber jenen unaufgebbaren
Forderungen, die sich aus der Personwürde eines jeden Menschen ergeben,
jenem von den sittlichen Normen verteidigten Anspruch, welche die in sich
schlechten Handlungen ausnahmslos verbieten, erstrahlt die Beziehung
zwischen Glaube und Moral in ihrem ganzen Glanz. Die Universalität und
Unwandelbarkeit der sittlichen Norm machen die Würde der Person, das
heißt die Unverletzlichkeit des Menschen, auf dessen Antlitz der Glanz
Gottes erstrahlt, offenbar und stellen sich gleichzeitig in den Dienst
ihres Schutzes (vgl. Gen 9, 5-6).
Die Unannehmbarkeit der »teleologischen«, »konsequenzialistischen« und
»proportionalistischen« ethischen Theorien, die die Existenz negativer,
bestimmte Verhaltensweisen betreffender sittlicher, ausnahmslos geltender
Normen leugnen, findet beredte Bestätigung im Faktum des christlichen
Martyriums, das das Leben der Kirche stets begleitet hat und noch immer
begleitet.
91. Bereits im Alten Bund begegnen wir eindrucksvollen Zeugnissen einer
Treue zum heiligen Gesetz Gottes, die mit der freiwilligen Annahme des
Todes bezahlt wurde. Beispielhaft ist die Geschichte der Susanna: Den
beiden ungerechten Richtern, die sie für den Fall, daß sie sich
geweigert hätte, ihrem unreinen Begehren zu Willen zu sein, mit dem Tode
bedrohten, antwortete sie: »Ich bin bedrängt von allen Seiten: Wenn ich
es tue, so droht mir der Tod; tue ich es aber nicht, so werde ich euch
nicht entrinnen. Es ist besser für mich, es nicht zu tun und euch in die
Hände zu fallen, als gegen den Herrn zu sündigen!« (Dan 13, 22-23).
Susanna, die es vorzieht, »unschuldig« in die Hände der Richter zu
fallen, bezeugt nicht nur ihren Glauben und ihr Gottvertrauen, sondern
auch ihren Gehorsam gegenüber der Wahrheit und der Absolutheit der
sittlichen Ordnung: durch ihre Bereitschaft, das Martyrium auf sich zu
nehmen, bekundet sie, daß es nicht recht ist, das zu tun, was das
göttliche Gesetz als Übel bewertet, um dadurch irgendein Gut zu
erlangen. Sie wählt für sich den »besseren Teil«: ein ganz klares und
kompromißloses Zeugnis für die Wahrheit des Guten und für den Gott
Israels; so tut sie in ihren Handlungen die Heiligkeit Gottes kund.
An der Schwelle zum Neuen Testament weigerte sich Johannes der Täufer,
das Gesetz des Herrn zu verschweigen und mit dem Bösen zu paktieren, »er
opferte sein Leben für die Gerechtigkeit und die Wahrheit«(142) und
wurde so auch als Märtyrer Vorläufer des Messias (vgl. Mk 6, 17-29).
Deswegen »wurde derjenige in das Dunkel des Kerkers eingeschlossen, der
gekommen war, um von dem Licht Zeugnis zu geben, und der von eben diesem
Licht, das Christus ist, gewürdigt wurde, Licht, das im Dunkel leuchtet,
genannt zu werden. Und im eigenen Blut wurde derjenige getauft, dem es
zuteil geworden war, den Erlöser der Welt zu taufen«.(143)
Im Neuen Bund begegnen wir zahlreichen Zeugnissen von Jesu Jüngern,
angefangen mit dem Diakon Stefanus (vgl. Apg 6, 8 - 7, 70) und dem Apostel
Jakobus (vgl. Apg 12, 1-2), die als Märtyrer starben, um ihren Glauben
und ihre Liebe zum Erlöser zu bezeugen und um ihn nicht zu verleugnen.
Darin sind sie dem Herrn Jesus gefolgt, der vor Kajaphas und Pilatus »das
gute Bekenntnis abgelegt« hat (1 Tim 6, 13), und haben die Wahrheit
seiner Botschaft durch die Hingabe ihres Lebens bestätigt. Zahllose
andere Märtyrer nahmen eher die Verfolgungen und den Tod auf sich, als
die götzendienerische Tat zu begehen und vor dem Standbild des Kaisers
Weihrauch zu verbrennen (vgl. Offb 13). Sie lehnten es sogar ab, einen
derartigen Kult vorzutäuschen, und gaben damit das Beispiel für die
sittliche Verpflichtung, sich auch nur einer einzigen konkreten
Verhaltensweise zu enthalten, wenn sie der Liebe Gottes und dem Zeugnis
des Glaubens widerspräche. In ihrem Gehorsam vertrauten sie, wie Christus
selbst, ihr Leben dem Vater an und stellten es ihm anheim, der sie vom Tod
zu befreien vermochte (vgl. Hebr 5, 7).
Die Kirche legt das Beispiel zahlreicher Heiliger vor, die die sittliche
Wahrheit gepredigt und bis zum Martyrium verteidigt oder den Tod einer
einzigen Todsünde vorgezogen haben. Indem die Kirche sie zur Ehre der
Altäre erhob, hat sie ihr Zeugnis bestätigt und ihre Überzeugung für
richtig erklärt, wonach die Liebe zu Gott auch unter den schwierigsten
Umständen die Einhaltung seiner Gebote und die Weigerung, sie zu verraten
- und sei es auch mit der Absicht, das eigene Leben zu retten -
verbindlich einschließt.
92. Als Bekräftigung der Unverbrüchlichkeit der sittlichen Ordnung
kommen im Martyrium die Heiligkeit des Gesetzes Gottes und zugleich die
Unantastbarkeit der persönlichen Würde des nach dem Abbild und Gleichnis
Gottes geschaffenen Menschen zum Leuchten: Es ist eine Würde, die
niemals, und sei es auch aus guter Absicht, herabgesetzt oder verstellt
werden darf, wie auch immer die Schwierigkeiten aussehen mögen. Mahnend
gibt uns Jesus mit größter Strenge zu bedenken: »Was nützt es einem
Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber seine Seele
verliert?« (Mk 8, 36).
Das Martyrium entlarvt jeden Versuch, einer in sich schlechten Handlung,
und sei es auch unter »Ausnahme«-Bedingungen, einen »humanen Sinn«
verleihen zu wollen, als illusorisch und falsch; mehr noch, es enthüllt
offen das wahre Gesicht der sittlich schlechten Handlung: sie ist eine
Verletzung der »Menschlichkeit« des Menschen, und zwar mehr noch bei
dem, der das Unrecht begeht, als bei dem, der es erleidet. (144) Das
Martyrium ist daher auch Verherrlichung des vollkommenen »Menschseins«
und des wahren »Lebens« der menschlichen Person, wie der hl. Ignatius
von Antiochien bezeugt, als er sich an die Christen Roms, des Ortes seines
Martyriums, wendet: »Habt Mitleid mit mir, Brüder: Hindert mich nicht
daran zu leben, wünscht nicht, daß ich sterbe... Laßt mich zum reinen
Licht gelangen; wenn ich dorthin gelangt bin, werde ich wahrhaft Mensch
sein. Laßt mich das Leiden und Sterben meines Gottes nachahmen«.(145)
93. Das Martyrium ist schließlich ein leuchtendes Zeichen der Heiligkeit
der Kirche: die mit dem Tod bezeugte Treue zum heiligen Gesetz Gottes ist
feierliches Zeugnis und missionarischer Einsatz usque ad sanguinem, auf
daß nicht der Glanz der sittlichen Wahrheit in den Gewohnheiten und
Denkweisen der Menschen und der Gesellschaft um seine Leuchtkraft gebracht
werde. Ein solches Zeugnis bietet einen außerordentlich wertvollen
Beitrag, damit man - nicht nur in der bürgerlichen Gesellschaft, sondern
auch innerhalb der kirchlichen Gemeinschaften - nicht in die
gefährlichste Krise gerät, die den Menschen überhaupt heimsuchen kann:
die Verwirrung in bezug auf Gut und Böse, was den Aufbau und die
Bewahrung der sittlichen Ordnung der einzelnen und der Gemeinschaften
unmöglich macht. Die Märtyrer und, im weiteren Sinne, alle Heiligen der
Kirche erleuchten durch das beredte und faszinierende Beispiel eines ganz
von dem Glanz der sittlichen Wahrheit umgeformten Lebens jede Epoche der
Geschichte durch das Wiederbeleben des sittlichen Empfindens. Durch ihr
hervorragendes Zeugnis für das Gute sind sie ein lebendiger Vorwurf für
all jene, die das Gesetz überschreiten (vgl. Weish 2, 12 ), und lassen in
ständiger Aktualität die Worte des Propheten neu erklingen: »Weh euch,
die ihr das Böse gut und das Gute böse nennt, die ihr die Finsternis zum
Licht und das Licht zur Finsternis macht, die ihr das Bittere süß macht
und das Süße bitter« (Jes 5, 20).
Wenn das Martyrium den Höhepunkt des christlichen Zeugnisses für die
sittliche Wahrheit bildet, zu dem nur vergleichsweise wenige berufen sein
können, so gibt es dennoch ein kohärentes Zeugnis, das alle Christen
täglich zu geben bereit sein sollen, auch auf Kosten von Leiden und
schweren Opfern. In der Tat ist der Christ angesichts der vielfältigen
Schwierigkeiten, welche die Treue zur Unbedingtheit der sittlichen Ordnung
auch unter den gewöhnlichsten Umständen verlangen kann, mit der im Gebet
erflehten göttlichen Gnade zu mitunter heroischem Bemühen aufgerufen,
wobei ihn die Tugend des Starkmutes stützen wird, mit deren Hilfe er -
wie der heilige Gregor der Große lehrt - sogar »die Schwierigkeiten
dieser Welt im Blick auf den ewigen Siegespreis lieben kann«.(146)
94. In diesem Zeugnis für die Unbedingtheit des sittlich Guten stehen die
Christen nicht allein: Sie finden Bestätigung im sittlichen Bewußtsein
der Völker und in den großen Traditionen der Religions- und
Geistesgeschichte des Abendlandes und des Orients, nicht ohne beständiges
und geheimnisvolles Wirken des Geistes Gottes. Für alle gelte der
Ausspruch des lateinischen Dichters Juvenal: »Betrachte es als das
allergrößte Vergehen, das eigene Überleben dem Ehrgefühl vorzuziehen
und aus Liebe zum leiblichen Leben die eigentlichen Gründe des Lebens zu
verlieren«.(147) Die Stimme des Gewissens hat stets unmißverständlich
darauf hingewiesen, daß es sittliche Wahrheiten und Werte gibt, für die
man das Leben hinzugeben bereit sein müsse. Im Wort und vor allem im
Opfer des Lebens für den sittlichen Wert anerkennt die Kirche eben das
Zeugnis für jene bereits in der Schöpfung vorhandene Wahrheit, die auf
dem Antlitz Christi voll erstrahlt: »Wir wissen - schreibt der hl.
Justinus - daß die Anhänger der stoischen Lehre gehaßt und getötet
wurden, da sie - wie auch zuweilen die Dichter - zumeist in ihren
Äußerungen über Fragen der Moral, den Beweis der Wahrheit geliefert
haben, aufgrund des Keimes des göttlichen Logos, der dem ganzen
Menschengeschlecht eingepflanzt ist«.(148)
Die allgemeinen und unveränderlichen sittlichen Normen im Dienst der
menschlichen Person und der Gesellschaft
95. Die Lehre der Kirche und insbesondere ihre Festigkeit in der
Verteidigung der universalen und dauernden Geltung der sittlichen Gebote,
die die in sich schlechten Handlungen verbieten, werden nicht selten als
Zeichen einer unerträglichen Unnachgiebigkeit kritisiert, vor allem
angesichts enorm komplexer und konfliktanfälliger Situationen des
heutigen Lebens des einzelnen und der Gesellschaft: eine Unnachgiebigkeit,
die zu einem mütterlichen Empfinden der Kirche im Widerspruch stünde.
Diese lasse es, so sagt man, an Verständnis und Barmherzigkeit fehlen.
Aber in Wahrheit kann die Mütterlichkeit der Kirche niemals von ihrem
Sendungsauftrag als Lehrerin abgetrennt werden, den sie als treue Braut
Christi, der die Wahrheit in Person ist, immer ausführen muß: »Als
Lehrerin wird sie nicht müde, die sittliche Norm zu verkünden ... Diese
Norm ist nicht von der Kirche geschaffen und nicht ihrem Gutdünken
überlassen. In Gehorsam gegen die Wahrheit, die Christus ist, dessen Bild
sich in der Natur und der Würde der menschlichen Person spiegelt,
interpretiert die Kirche die sittliche Norm und legt sie allen Menschen
guten Willens vor, ohne ihren Anspruch auf Radikalität und Vollkommenheit
zu verbergen«.(149)
Wahrhaftes Verständnis und echte Barmherzigkeit bedeuten in Wirklichkeit
Liebe zur menschlichen Person, zu ihrem wahren Wohl, zu ihrer
authentischen Freiheit. Und dies kommt gewiß nicht dadurch zustande, daß
man die sittliche Wahrheit verbirgt oder abschwächt, sondern indem man
sie in ihrer tiefen Bedeutung als Ausstrahlung der ewigen Weisheit Gottes,
die uns in Christus erreicht, und als Dienst am Menschen, am Wachstum
seiner Freiheit und an der Erreichung seiner Seligkeit darlegt.(150)
Ebenso kann die klare und kraftvolle Darstellung der sittlichen Wahrheit
niemals von einem tiefen und aufrichtigen, von geduldiger und
vertrauensvoller Liebe geprägten Respekt absehen, dessen der Mensch auf
seinem moralischen Weg bedarf, welcher sich oft wegen Schwierigkeiten,
Schwäche und schmerzhafter Situationen als mühsam erweist. Die Kirche
kann niemals von dem »Grundsatz der Wahrheit und der Folgerichtigkeit«
absehen, aufgrund dessen sie »es nicht duldet, gut zu nennen, was böse
ist, und böse, was gut ist«.(151) Paul VI. hat geschrieben: »Es ist
eine hervorragende Form der Liebe zu den unsterblichen Seelen, wenn man in
keiner Weise Abstriche von der heilsamen Lehre Christi macht. Dies jedoch
muß immer von Geduld und Liebe begleitet sein, für die der Herr selbst
in seinem Umgang mit den Menschen ein Beispiel gegeben hat. Er ist
gekommen, nicht um zu richten, sondern um zu retten (vgl. Joh 3, 17); ganz
sicher war er unversöhnlich mit der Sünde, aber er war barmherzig mit
dem Sünder«.(152)
96. Die Festigkeit der Kirche bei der Verteidigung der universalen und
unveränderlichen sittlichen Normen hat nichts Unterdrückendes an sich.
Sie dient einzig und allein der wahren Freiheit des Menschen: Da es
außerhalb der Wahrheit oder gegen sie keine Freiheit gibt, muß die
kategorische, das heißt unnachgiebige und kompromißlose Verteidigung des
absolut unverzichtbaren Erfordernisses der personalen Würde des Menschen
Weg und sogar Existenzbedingung für die Freiheit genannt werden.
Dieser Dienst wendet sich an jeden Menschen, insofern er in der
Einzigartigkeit und Unwiederholbarkeit seines Seins und seiner Existenz
gesehen wird. Nur im Gehorsam gegenüber den universalen sittlichen Normen
findet der Mensch eine volle Bestätigung der Einzigartigkeit seiner
Person und die Möglichkeit wirklichen sittlichen Wachstums. Und eben
darum wendet sich dieser Dienst an alle Menschen: nicht nur an die
einzelnen, sondern auch an die Gemeinschaft, an die Gesellschaft als
solche. Diese Normen bilden in der Tat das unerschütterliche Fundament
und die zuverlässige Gewähr für ein gerechtes und friedliches
menschliches Zusammenleben und damit für eine echte Demokratie, die nur
auf der Gleichheit aller ihrer, in den Rechten und Pflichten vereinten
Mitglieder entstehen und wachsen kann. Im Hinblick auf die sittlichen
Normen, die das in sich Schlechte verbieten, gibt es für niemanden
Privilegien oder Ausnahmen. Ob einer der Herr der Welt oder der Letzte,
»Elendeste« auf Erden ist, macht keinen Unterschied: Vor den sittlichen
Ansprüchen sind wir alle absolut gleich.
97. So erschließen die sittlichen Normen, und an erster Stelle jene
negativen, die das Tun des Schlechten verbieten, ihre Bedeutung und ihre
zugleich personale und soziale Kraft: indem sie die unverletzliche
Personwürde jedes Menschen schützen, dienen sie der Erhaltung des
menschlichen Sozialgefüges und seiner richtigen und fruchtbaren
Entwicklung. Besonders die Gebote der zweiten Tafel des Dekalogs, an die
auch Jesus den jungen Mann im Evangelium erinnert (vgl. Mt 19, 18),
stellen die Grundregeln jedes gesellschaftlichen Lebens dar.
Diese Gebote werden in allgemeinen Worten formuliert. Aber die Tatsache,
daß »Anfang, Träger und Ziel aller gesellschaftlichen Institutionen die
menschliche Person ist und auch sein muß«,(153) gestattet und
ermöglicht ihre Präzisierung und Erläuterung in einem ausführlicheren
Verhaltenskodex. In diesem Sinne sind die sittlichen Grundregeln des
gesellschaftlichen Lebens mit bestimmten Forderungen verbunden, die sowohl
die öffentlichen Gewalten wie die Bürger befolgen müssen. Ungeachtet
der manchmal guten Absichten und der oft schwierigen Umstände sind die
staatlichen Amtsträger und die einzelnen Individuen niemals befugt, die
unveräußerlichen Grundrechte der menschlichen Person zu verletzen. Nur
eine Moral, die Normen anerkennt, die immer und für alle ohne Ausnahme
gelten, kann darum das ethische Fundament für das gesellschaftliche
Zusammenleben sowohl auf nationaler wie auf internationaler Ebene
gewährleisten.
Die Moral und die Erneuerung des gesellschaftlichen und politischen Lebens
98. Angesichts der schwerwiegenden Formen sozialer und wirtschaftlicher
Ungerechtigkeit und politischer Korruption, von denen ganze Völker und
Nationen heimgesucht werden, wächst die Empörung unzähliger mit Füßen
getretener und in ihren menschlichen Grundrechten gedemütigter Personen,
und immer verbreiteter und heftiger macht sich das Verlangen nach
radikaler persönlicher und gesellschaftlicher Erneuerung bemerkbar, die
allein imstande ist, Gerechtigkeit, Solidarität, Wahrhaftigkeit und
Transparenz zu gewährleisten.
Sicher bleibt noch ein langer und mühsamer Weg zurückzulegen;
zahlreiche, gewaltige Anstrengungen müssen unternommen werden, damit eine
solche Erneuerung verwirklicht werden kann; Grund dafür sind auch die
Vielfalt und Schwere der Ursachen, welche die heutigen ungerechten
Zustände in der Welt erzeugen und nähren. Aber wie die Geschichte und
die Erfahrung jedes einzelnen lehren, kann man unschwer an der Wurzel
dieser Situationen eigentlich »kulturelle« Ursachen entdecken, das
heißt Ursachen, die mit bestimmten Auffassungen vom Menschen, von der
Gesellschaft und von der Welt zusammenhängen. Tatsächlich steht im
Mittelpunkt der kulturellen Frage das sittliche Empfinden, das seinerseits
auf dem religiösen Empfinden beruht und sich in ihm vollendet.(154)
99. Allein Gott, das höchste Gut, bildet die unverrückbare Grundlage und
unersetzbare Voraussetzung der Sittlichkeit, also der Gebote, im
besonderen jener negativen Gebote, die immer und auf jeden Fall die mit
der Würde jedes Menschen als Person unvereinbaren Verhaltensweisen und
Handlungen verbieten. So begegnen sich das höchste Gut und das sittlich
Gute in der Wahrheit: der Wahrheit über Gott, den Schöpfer und Erlöser,
und der Wahrheit über den von ihm geschaffenen und erlösten Menschen.
Nur auf dem Boden dieser Wahrheit ist es möglich, eine erneuerte
Gesellschaft aufzubauen und die komplizierten und drückenden Probleme,
die sie erschüttern, zu lösen, zuallererst jenes Problem der
Überwindung der verschiedenen Formen von Totalitarismus, um der
authentischen Freiheit der Person den Weg zu ebnen. »Der Totalitarismus
entsteht aus der Verneinung der Wahrheit im objektiven Sinn: Wenn es keine
transzendente Wahrheit gibt, in deren Gefolge der Mensch zu seiner vollen
Identität gelangt, gibt es kein sicheres Prinzip, das gerechte
Beziehungen zwischen den Menschen gewährleistet. Ihr Klasseninteresse,
Gruppeninteresse und nationales Interesse bringt sie unweigerlich in
Gegensatz zueinander. Wenn die transzendente Wahrheit nicht anerkannt
wird, dann triumphiert die Gewalt der Macht und jeder trachtet, bis zum
Äußersten von den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln Gebrauch zu
machen, um ohne Rücksicht auf die Rechte des anderen sein Interesse und
seine Meinung durchzusetzen ... Die Wurzel des modernen Totalitarismus
liegt darum in der Verneinung der transzendenten Würde des Menschen, der
sichtbares Abbild des unsichtbaren Gottes ist. Eben deshalb, aufgrund
seiner Natur, ist er Träger von Rechten, die niemand verletzen darf:
weder der einzelne, noch die Gruppe, die Klasse, die Nation oder der
Staat. Auch die gesellschaftliche Mehrheit darf das nicht tun, indem sie
gegen eine Minderheit vorgeht, sie ausgrenzt, unterdrückt, ausbeutet oder
sie zu vernichten versucht«.(155)
Deshalb besitzt der untrennbare Zusammenhang zwischen Wahrheit und
Freiheit - Ausdruck der wesenhaften Bande zwischen Weisheit und Willen
Gottes - eine äußerst wichtige Bedeutung für das Leben der Menschen im
sozio-ökonomischen und sozio-politischen Bereich. Das ergibt sich aus der
Soziallehre der Kirche - die »in den Bereich ... der Theologie und
insbesondere der Moraltheologie gehört«(156) - und aus ihrer Darlegung
von Geboten, die das gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische
Leben nicht nur im Hinblick auf allgemeine Haltungen, sondern auch auf
genau bestimmte Verhaltensweisen und konkrete Handlungen regeln.
100. So betont der Katechismus der katholischen Kirche zunächst, daß
»auf wirtschaftlichem Gebiet die Achtung der Menschenwürde die Tugend
der Mäßigung erfordert, um die Anhänglichkeit an die Güter dieser Welt
zu zügeln; die Tugend der Gerechtigkeit, um die Rechte des Nächsten zu
wahren und ihm zu geben, was ihm zusteht; und die Solidarität gemäß der
Goldenen Regel und der Freigebigkeit des Herrn, denn "er, der reich
war, wurde euretwegen arm, um euch durch seine Armut reich zu machen"
(2 Kor 8, 9)«(157), um dann eine Reihe von Verhaltensweisen und von
Handlungen, die der menschlichen Würde widersprechen, beim Namen zu
nennen: Diebstahl, vorsätzliches Zurückbehalten entliehener oder
abhanden gekommener Gegenstände, Geschäftsbetrug (vgl. Dtn 25, 13-16),
ungerechte Löhne (vgl. Dtn 24, 14-15; Jak 5, 4), Preiserhöhung durch
Ausnützen der Unwissenheit und Not anderer (vgl. Am 8, 4-6), Aneignung
des Gesellschaftsvermögens eines Unternehmens zur privaten Nutzung,
schlecht durchgeführte Arbeiten, Steuerbetrug, Fälschung von Schecks und
Rechnungen, übermäßige Ausgaben, Verschwendung usw.(158) Und weiter:
»Das siebte Gebot verbietet Handlungen und Unternehmungen, die aus
irgendeinem Grund - aus Egoismus, wegen einer Ideologie, aus Profitsucht
oder in totalitärer Gesinnung - dazu führen, daß Menschen geknechtet,
ihrer persönlichen Würde beraubt oder wie Waren gekauft, verkauft oder
ausgetauscht werden. Es ist eine Sünde gegen ihre Menschenwürde und ihre
Grundrechte, sie gewaltsam zur bloßen Gebrauchsware oder zur Quelle des
Profits zu machen. Der hl. Paulus befahl einem christlichen Herrn, seinen
christlichen Sklaven "nicht mehr als Sklaven, sondern als weit mehr:
als geliebten Bruder" zu behandeln (Phlm 16)«.(159)
101. Im politischen Bereich gilt es hervorzuheben, daß Wahrhaftigkeit in
den Beziehungen zwischen Regierenden und Regierten, Transparenz in der
öffentlichen Verwaltung, Unparteilichkeit im Dienst am Staat, Achtung der
Rechte auch der politischen Gegner, Schutz der Rechte der Angeklagten
gegen summarische Verfahren und Verurteilungen, richtige und gewissenhafte
Verwendung der öffentlichen Gelder, Ablehnung zweifelhafter oder
unerlaubter Mittel, um die Macht um jeden Preis zu erobern, festzuhalten
und zu vermehren, Prinzipien sind, die ihre erste Wurzel - wie auch ihre
einzigartige Dringlichkeit - im transzendenten Wert der Person und in den
objektiven sittlichen Erfordernissen für das Funktionieren der Staaten
haben.(160) Wenn sie nicht eingehalten werden, zerbricht das Fundament des
politischen Zusammenlebens, und das ganze gesellschaftliche Leben wird
dadurch fortschreitend beeinträchtigt, bedroht und der Auflösung
preisgegeben (vgl. Ps 14, 3-4; Offb 18, 2-3.9-24). Nach dem Niedergang der
Ideologien in vielen Ländern, die die Politik mit einem totalitären
Weltbild verbanden - unter ihnen vor allem der Marxismus -, zeichnet sich
heute eine nicht weniger ernste Gefahr ab angesichts der Verneinung der
Grundrechte der menschlichen Person und der Auflösung der im Herzen jedes
Menschenwesens wohnenden religiösen Frage in politische Kategorien: Es
ist die Gefahr der Verbindung zwischen Demokratie und ethischem
Relativismus, die dem bürgerlichen Zusammenleben jeden sicheren
sittlichen Bezugspunkt nimmt, ja mehr noch, es der Anerkennung von
Wahrheit beraubt. Denn »wenn es keine letzte Wahrheit gibt, die das
politische Handeln leitet und ihm Orientierung gibt, dann können die
Ideen und Überzeugungen leicht für Machtzwecke mißbraucht werden. Eine
Demokratie ohne Werte verwandelt sich, wie die Geschichte beweist, leicht
in einen offenen oder hinterhältigen Totalitarismus«.(161)
In allen Bereichen des persönlichen, familiären, gesellschaftlichen und
politischen Lebens leistet also die Moral - die sich auf die Wahrheit
gründet und sich in der Wahrheit der authentischen Freiheit öffnet -
nicht nur dem einzelnen Menschen und seinem Wachstum im Guten, sondern
auch der Gesellschaft und ihrer wahren Entwicklung einen ursprünglichen,
unersetzlichen und äußerst wertvollen Dienst.
Gnade und Gehorsam gegenüber dem Gesetz Gottes
102. Auch in den schwierigsten Situationen muß der Mensch die sittlichen
Normen beachten, um den heiligen Geboten Gottes gehorsam und in
Übereinstimmung mit der eigenen Personenwürde zu sein. Sicherlich
verlangt die Harmonie zwischen Freiheit und Wahrheit mitunter durchaus
ungewöhnliche Opfer und wird um einen hohen Preis erlangt: er kann auch
das Martyrium einschließen. Doch wie unsere allgemeine und tägliche
Erfahrung beweist, ist der Mensch versucht, diese Harmonie zu zerbrechen:
»Ich tue nicht das, was ich will, sondern das, was ich hasse... Ich tue
nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will«
(Röm 7, 15. 19).
Woher rührt letztlich diese innere Spaltung des Menschen? Die Geschichte
seiner Schuld nimmt ihren Anfang, sobald er nicht mehr den Herrn als
seinen Schöpfer anerkennt und in vollkommener Unabhängigkeit selber
darüber entscheiden möchte, was gut und was böse ist. »Ihr werdet wie
Gott und erkennt Gut und Böse« (Gen 3, 5): das ist die erste Versuchung,
auf die alle anderen Versuchungen folgen; ihnen nachzugeben, ist der
Mensch aufgrund der Wunden des Sündenfalls noch leichter geneigt.
Doch die Versuchungen können besiegt, die Sünden können vermieden
werden, weil uns der Herr zusammen mit den Geboten die Möglichkeit
schenkt, sie zu befolgen: »Die Augen Gottes schauen auf das Tun der
Menschen, er kennt alle ihre Taten. Keinem gebietet er zu sündigen, und
die Betrüger unterstützt er nicht« (Sir 15, 19-20). Die Befolgung des
Gesetzes Gottes kann in bestimmten Situationen schwer, sehr schwer sein:
niemals jedoch ist sie unmöglich. Dies ist eine beständige Lehre der
Tradition der Kirche, wie sie vom Konzil von Trient formuliert wurde:
»Niemand aber, wie sehr er auch gerechtfertigt sein mag, darf meinen, er
sei frei von der Beachtung der Gebote, niemand jenes leichtfertige und von
den Vätern unter (Androhung des) Anathema verbotene Wort benützen, die
Vorschriften Gottes seien für einen gerechtfertigten Menschen unmöglich
zu beobachten. "Denn Gott befiehlt nichts Unmögliches, sondern wenn
er befiehlt, dann mahnt er, zu tun, was man kann, und zu erbitten, was man
nicht kann", und er hilft, daß man kann; "seine Gebote sind
nicht schwer" (1 Joh 5, 3), sein "Joch ist sanft und (seine)
Last leicht" (Mt 11, 30)«.(162)
103. Mit Hilfe der göttlichen Gnade und durch die Mitwirkung der
menschlichen Freiheit steht dem Menschen immer der geistliche Raum der
Hoffnung offen.
Im rettenden Kreuz Jesu, in der Gabe des Heiligen Geistes, in den
Sakramenten, die aus der durchbohrten Seite des Erlösers hervorgehen
(vgl. Joh 19, 34), findet der Glaubende die Gnade und die Kraft, das
heilige Gesetz Gottes immer, auch unter größten Schwierigkeiten, zu
befolgen. Wie der hl. Andreas von Kreta sagt, wurde das Gesetz »durch die
Gnade neu belebt und, in harmonischer und fruchtbarer Verbindung, in ihren
Dienst gestellt, ohne Vermischung und Verwirrung ihrer je besonderen
Eigenschaften; und doch hat er auf göttliche Weise das früher belastende
und tyrannische Gesetz in eine leichte Last und eine Quelle der Freiheit
verwandelt.«(163)
Allein im Erlösungsgeheimnis Christi gründen die »konkreten«
Möglichkeiten des Menschen. »Es wäre ein schwerwiegender Irrtum, den
Schluß zu ziehen..., die von der Kirche gelehrte Norm sei an sich nur ein
"Ideal", das dann, wie man sagt, den konkreten Möglichkeiten
des Menschen angepaßt, angemessen und entsprechend abgestuft werden
müsse: nach "Abwägen der verschiedenen in Frage stehenden
Güter". Aber welches sind die "konkreten Möglichkeiten des
Menschen?" Und von welchem Menschen ist die Rede? Von dem Menschen,
der von der Begierde beherrscht wird, oder von dem Menschen, der von
Christus erlöst wurde? Schließlich geht es um Folgendes: um die
Wirklichkeit der Erlösung durch Christus. Christus hat uns erlöst! Das
bedeutet: Er hat uns die Möglichkeit geschenkt, die ganze Wahrheit
unseres Seins zu verwirklichen; Er hat unsere Freiheit von der Herrschaft
der Begierde befreit. Und auch wenn der erlöste Mensch noch sündigt, so
ist das nicht der Unvollkommenheit der Erlösungstat Christi anzulasten,
sondern dem Willen des Menschen, sich der jener Tat entspringenden Gnade
zu entziehen. Das Gebot Gottes ist sicher den Fähigkeiten des Menschen
angemessen: Aber den Fähigkeiten des Menschen, dem der Heilige Geist
geschenkt wurde; des Menschen, der, wiewohl er in die Sünde verfiel,
immer die Vergebung erlangen und sich der Gegenwart des Geistes erfreuen
kann«.(164)
104. Hier öffnet sich dem Erbarmen Gottes mit der Sünde des sich
bekehrenden Menschen und dem Verständnis für die menschliche Schwäche
der angemessene Raum. Dieses Verständnis bedeutet niemals, den Maßstab
von Gut und Böse aufs Spiel zu setzen und zu verfälschen, um ihn an die
Umstände anzupassen. Während es menschlich ist, daß der Mensch, nachdem
er gesündigt hat, seine Schwäche erkennt und wegen seiner Schuld um
Erbarmen bittet, ist hingegen die Haltung eines Menschen, der seine
Schwäche zum Kriterium der Wahrheit vom Guten macht, um sich von allein
gerechtfertigt fühlen zu können, ohne es nötig zu haben, sich an Gott
und seine Barmherzigkeit zu wenden, unannehmbar. Eine solche Haltung
verdirbt die Sittlichkeit der gesamten Gesellschaft, weil sie lehrt, an
der Objektivität des Sittengsetzes im allgemeinen könne gezweifelt und
die Absolutheit der sittlichen Verbote hinsichtlich bestimmter
menschlicher Handlungen könne geleugnet werden, was schließlich dazu
führt, daß man sämtliche Werturteile durcheinanderbringt.
Vielmehr müssen wir die Botschaft aufnehmen, die uns das biblische
Gleichnis vom Pharisäer und vom Zöllner übermittelt (vgl. Lk 18, 9-14).
Der Zöllner hätte vielleicht die eine oder andere Rechtfertigung für
die von ihm begangenen Sünden anführen können, die seine
Verantwortlichkeit verringerte. Doch sein Gebet hält sich nicht bei
solchen Rechtfertigungen auf, sondern hat die eigene Unwürdigkeit
angesichts der unendlichen Heiligkeit Gottes im Auge: »Gott, sei mir
Sünder gnädig!« (Lk 18, 13). Der Pharisäer hingegen rechtfertigt sich
ganz allein, vielleicht indem er für jeden einzelnen seiner Verfehlungen
eine Entschuldigung findet. Wir werden also mit zwei verschiedenen
Haltungen des sittlichen Gewissens des Menschen aller Zeiten konfrontiert.
Der Zöllner stellt uns ein »reuevolles« Gewissen vor Augen, das sich
der Hinfälligkeit der eigenen Natur voll bewußt ist und in den eigenen
Mängeln, welch subjektive Rechtfertigungen es auch immer geben mag, eine
Bestätigung der eigenen Erlösungsbedürftigkeit sieht. Der Pharisäer
stellt uns ein »selbstzufriedenes« Gewissen vor, das sich einbildet, das
Gesetz ohne Gnadenhilfe befolgen zu können, und davon überzeugt ist,
kein Erbarmen nötig zu haben.
105. Von allen wird große Wachsamkeit verlangt, sich nicht von der
Haltung des Pharisäers anstecken zu lassen, die den Anspruch erhebt, das
Bewußtsein von der eigenen Begrenztheit und Sünde aufzuheben, und die
heute in dem Versuch, die sittliche Norm den eigenen Fähigkeiten und den
eigenen Interessen anzupassen, und sogar in der Ablehnung des
Normbegriffes selbst besonders zum Ausdruck kommt. Umgekehrt entfacht das
Annehmen des »Mißverhältnisses« zwischen dem Gesetz und den
Fähigkeiten des Menschen - d.h. den Fähigkeiten der sittlichen Kräfte
des sich selbst überlassenen Menschen - die Sehnsucht nach der Gnade und
bereitet den Boden für ihren Empfang. »Wer wird mich aus diesem dem Tod
verfallenen Leib erretten?«, fragt sich der Apostel Paulus. Und mit einem
freudigen und dankbaren Bekenntnis antwortet er: »Dank sei Gott durch
Jesus Christus, unseren Herrn!« (Röm 7, 24-25).
Dasselbe Bewußtsein treffen wir im folgenden Gebet des hl. Ambrosius von
Mailand an: »Der Mensch ist nichts wert, wenn du ihn nicht aufsuchst.
Vergiß den Schwachen nicht, denke daran, daß du mich aus Staub geformt
hast. Wie soll ich mich aufrecht halten können, wenn du mich nicht
ununterbrochen im Blick hast, um diese Tonerde zu festigen, so daß meine
Festigkeit auf deinen Blick zurückzuführen ist? Verbirgst du dein
Gesicht, bin ich verstört (Ps 104, 29): Wehe mir, wenn du mich anblickst!
Du kannst bei mir nur Verderbtheiten durch Vergehen sehen; es ist weder
von Vorteil verlassen noch gesehen zu werden, denn wenn wir gesehen
werden, sind wir Grund zur Abscheu. Wir dürfen jedoch annehmen, daß Gott
jene nicht zurückweist, die er sieht, denn er macht die rein, die er
anblickt. Vor ihm ein alle Schuld versengendes Feuer (vgl. Joel 2,
3)«.(165)
Moral und Neuevangelisierung
106. Die Evangelisierung ist die stärkste und aufregendste
Herausforderung, der sich die Kirche von ihren Anfängen an zu stellen
hat. Tatsächlich entstammt diese Herausforderung nicht so sehr den
gesellschaftlichen und kulturellen Situationen, mit denen die Kirche sich
im Laufe der Geschichte auseinandergesetzt hat, als vielmehr dem Auftrag
des auferstandenen Jesus Christus, der den eigentlichen Grund für die
Existenz der Kirche bestimmt: »Geht hinaus in die ganze Welt, und
verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!« (Mk 16, 15).
Was wir jedoch derzeit, wenigstens bei zahlreichen Völkern, erleben, ist
eigentlich eine außerordentliche Herausforderung an die
»Neu-Evangelisierung«, das heißt an die Verkündigung des immer neuen
und immer Neues vermittelnden Evangeliums, eine Evangelisierung, die neu
sein muß, »neu in ihrem Eifer, neu in ihren Methoden und neu in ihren
Aussageweisen«.(166) Die Entchristlichung, die auf ganzen Völkern und
Gemeinschaften lastet, die einst von Glauben und christlichem Leben
erfüllt waren, zieht nicht nur den Verlust des Glaubens oder zumindest
seine Bedeutungslosigkeit für das Leben nach sich, sondern notgedrungen
auch einen Verfall oder eine Trübung des sittlichen Empfindens: und das
zum einen wegen des fehlenden Sinns für die Ursprünglichkeit der Moral
des Evangeliums, zum anderen wegen der Verdunkelung fundamentaler
sittlicher Grundätze und Werte. Heute so weit verbreitete
subjektivistische, utilitaristische und relativistische Tendenzen treten
nicht einfach als pragmatische Positionen mit Gewohnheitscharakter auf,
sondern unter theoretischem Gesichtspunkt als feste Konzeptionen, die ihre
volle kulturelle und gesellschaftliche Legitimität beanspruchen.
107. Die Evangelisierung - und damit die »Neuevangelisierung« -
schließt auch die Verkündigung und das Anbieten einer Moral ein. Jesus
selbst hat, als er das Reich Gottes und seine rettende Liebe verkündete,
zum Glauben und zur Umkehr aufgerufen (vgl. Mk 1, 15). Und mit den anderen
Aposteln spricht Petrus, als er die Auferstehung des Jesus von Nazaret von
den Toten verkündet, von einem neuen Leben, das es zu leben, von einem
»Weg«, dem es zu folgen gilt, um Jünger des Auferstandenen zu sein
(vgl. Apg 2, 37-41; 3, 17-20).
Wie im Falle der Glaubenswahrheiten, ja in noch höherem Maße, bekundet
eine Neuevangelisierung, die Grundlagen und Inhalte der christlichen Moral
darlegt, ihre Authentizität und verströmt gleichzeitig ihre ganze
missionarische Kraft, wenn sie sich durch das Geschenk nicht nur des
verkündeten, sondern auch des gelebten Wortes vollzieht. Insbesondere ist
es das Leben in Heiligkeit, das in so vielen demütigen und oft vor den
Blicken der Menschen verborgenen Gliedern des Volkes Gottes erstrahlt, was
den schlichtesten und faszinierendsten Weg darstellt, auf dem man
unmittelbar die Schönheit der Wahrheit, die befreiende Kraft der Liebe
Gottes, den Wert der unbedingten Treue, selbst unter schwierigsten
Umständen, angesichts aller Forderungen des Gesetzes des Herrn
wahrzunehmen vermag. Darum hat die Kirche in ihrer weisen Moralpädagogik
stets die Glaubenden eingeladen, in den heiligen Männern und Frauen und
zuallererst in der Jungfrau und Gottesmutter, die »voll der Gnade« und
»ganz heilig« ist, das Vorbild, die Kraft und die Freude zu suchen und
zu finden, um ein Leben gemäß den Geboten Gottes und den Seligpreisungen
des Evangeliums zu führen.
Das Leben der Heiligen - es ist Spiegelbild der Güte Gottes, der »allein
der Gute ist« - stellt nicht nur ein echtes Glaubensbekenntnis und einen
Impuls für seine Mitteilung an die anderen dar, sondern auch eine
Verherrlichung Gottes und seiner unendlichen Heiligkeit. Das
heiligmäßige Leben führt so zur Vollendung in Wort und Tat des einen
und dreifachen Amtes, des munus propheticum, sacerdotale et regale, das
jeder Christ bei der Wiedergeburt in der Taufe »aus Wasser und Geist«
(Joh 3, 5) als Geschenk empfängt. Das sittliche Leben besitzt den Wert
eines »Gottesdienstes« (Röm 12, 1; vgl. Phil 3, 3), der aus jener
unerschöpflichen Quelle von Heiligkeit und Verherrlichung Gottes gespeist
wird, die die Sakramente, insbesondere die Eucharistie, sind: Denn durch
die Teilnahme am Kreuzesopfer hat der Christ Gemeinschaft mit der
Opferliebe Christi und wird dazu befähigt und verpflichtet, dieselbe
Liebe in allen seinen Lebenshaltungen und Verhaltensweisen zu leben. In
der sittlichen Existenz offenbart und verwirklicht sich auch der
königliche Dienst des Christen: Je mehr er mit Hilfe der Gnade dem neuen
Gesetz des Heiligen Geistes gehorcht, desto mehr wächst er in der
Freiheit, zu der er im Dienst der Wahrheit, der Liebe und der
Gerechtigkeit berufen ist.
108. Am Ursprung der neuen Evangelisierung und des neuen sittlichen
Lebens, das sie in ihren Früchten der Heiligkeit und des missionarischen
Engagements darlegt und weckt, steht der Geist Christi, Prinzip und Kraft
der Fruchtbarkeit der heiligen Mutter Kirche, wie uns Paul VI. in
Erinnerung bringt: »Ohne Wirken des Heiligen Geistes wird die
Evangelisierung niemals möglich sein«.(167) Dem Geist Jesu, der vom
demütigen und bereiten Herzen des Glaubenden aufgenommen wird, ist also
das Erblühen und Gedeihen des sittlichen Lebens des Christen und das
Zeugnis der Heiligkeit in der großen Vielfalt der Berufungen, der Gaben,
der Verantwortlichkeiten und der Lebensbedingungen und -situationen zu
verdanken: es ist der Heilige Geist - betonte bereits Novitian und brachte
damit den authentischen Glauben der Kirche zum Ausdruck - »der den
Jüngern in Herz und Geist Festigkeit verliehen hat, der ihnen die
Geheimnisse des Evangeliums erschlossen hat, der ihnen Erleuchtung für
die göttlichen Dinge gegeben hat; von ihm haben sie Stärkung erfahren,
so daß sie weder vor Gefängnissen noch vor Ketten um des Namens des
Herrn willen mehr Angst hatten; ja sie treten auf eben diese Mächte und
Leiden der Erde, bewaffnet und gestärkt durch ihn; in sich tragen sie die
Gaben, die eben dieser Geist spendet und der Kirche, der Braut Christi,
als wertvollen Schmuck weitergibt. In der Tat ist er es, der in der Kirche
Propheten erweckt, die Lehrer anleitet, die Zungen lenkt, Zeichen und
Heilungen vollbringt, wunderbare Werke hervorbringt, die Unterscheidung
der Geister ermöglicht, jede andere Geistesgabe zuteilt und ordnet und
somit durch alles und in allem die Kirche des Herrn auf vollendete Weise
zur Vollkommenheit führt«.(168)
Im lebendigen Zusammenhang dieser Neuevangelisierung, die »den Glauben,
der in der Liebe wirksam ist« (Gal 5, 6), hervorbringen und fördern
soll, und im Blick auf das Wirken des Heiligen Geistes können wir jetzt
begreifen, welcher Platz in der Kirche, die Gemeinschaft der Gläubigen
ist, der Reflexion über das sittliche Leben gebührt, wie es die
Theologie in Gang bringen und entwickeln muß, ebenso wie wir nun den
Auftrag und die eigentliche Verantwortung der Moraltheologen darlegen
können.
Der Dienst der Moraltheologen
109. Zur Evangelisierung und zum Zeugnis eines Glaubenslebens berufen ist
die ganze Kirche, die am munus propheticum des Herrn Jesus durch das
Geschenk seines Geistes teilhat. Dank der ständigen Anwesenheit des
Geistes der Wahrheit in ihr (vgl. Joh 14, 16-17) »kann die Gesamtheit der
Gläubigen, welche die Salbung von dem Heiligen Geist haben (vgl. 1 Joh 2,
20. 27), im Glauben nicht irren. Und diese ihre besondere Eigenschaft
macht sie durch den übernatürlichen Glaubenssinn des ganzen Volkes dann
kund, wenn sie 'von den Bischöfen bis zum letzten gläubigen Laien' ihre
allgemeine Übereinstimmung in Sachen des Glaubens und der Sitten
äußert«.(169)
Um ihre prophetische Sendung auszuüben, muß die Kirche ihr Glaubensleben
ständig wiedererwecken und »neu beleben« (vgl.2 Tim 1, 6), insbesondere
durch immer tiefere Reflexion, die sich unter der Führung des Heiligen
Geistes mit dem Inhalt des Glaubens selber auseinandersetzt. Im Dienst
dieser »gläubigen Erforschung des Glaubensverständnisses« steht in
besonderer Weise die »Berufung« des Theologen in der Kirche: »Unter den
durch den Geist in der Kirche entfachten Berufungen - so lesen wir in der
Instruktion Donum veritatis - zeichnet sich die des Theologen aus, dessen
Aufgabe darin besteht, in Gemeinschaft mit dem Lehramt ein immer tieferes
Verständnis des Wortes Gottes, wie es in der inspirierten und von der
lebendigen Tradition der Kirche getragenen Schrift enthalten ist, zu
gewinnen. Der Glaube strebt von seiner Natur her nach Erkenntnis, denn er
enthüllt dem Menschen die Wahrheit über seine Bestimmung und den Weg,
sie zu erreichen. Obwohl diese geoffenbarte Wahrheit all unser Reden
überschreitet und unsere Begriffe angesichts seiner letzten Endes
unergründlichen Erhabenheit (vgl. Eph 3, 19) unvollkommen bleiben, so
fordert sie doch unsere Vernunft, dieses Geschenk Gottes, zum Erfassen der
Wahrheit auf, in ihr Licht einzutreten und so fähig zu werden, das
Geglaubte in einem gewissen Maß auch zu verstehen. Theologische
Wissenschaft, die sich um das Verständnis des Glaubens in Antwort auf die
Stimme der sie ansprechenden Wahrheit bemüht, hilft dem Volk Gottes,
gemäß dem Auftrag des Apostels (vgl. 1 Petr 3, 15) dem, der nach seiner
Hoffnung fragt, Rede und Antwort zu stehen«.(170)
Für die Identitätsbestimmung der Theologie und folglich für die
Verwirklichung ihrer eigentlichen Funktion ist es äußerst wichtig, ihren
inneren und lebendigen Zusammenhang mit der Kirche, ihrem Geheimnis, ihrem
Leben und ihrer Sendung anzuerkennen: »Die Theologie ist kirchliche
Wissenschaft, weil sie in der Kirche wächst und über die Kirche
handelt... Sie steht im Dienst der Kirche und muß sich daher dynamisch
einbezogen fühlen in die Sendung der Kirche, besonders in ihre
prophetische Funktion«.(171) Aufgrund ihrer Natur und ihres Dynamismus
kann die authentische Theologie nur durch eine überzeugte und
verantwortliche Teilnahme und »Zugehörigkeit« zur Kirche als
»Glaubensgemeinschaft« blühen und sich entfalten, so wie dieser Kirche
und ihrem Glaubensleben das Ergebnis der Forschung und theologischen
Vertiefung zum Nutzen gereicht.
110. Was wir über die Theologie im allgemeinen gesagt haben, kann und
muß erneut für die Moraltheologie vorgetragen werden, insofern sie
begriffen wird in ihrer Eigentümlichkeit als wissenschaftliche Reflexion
über das Evangelium als Geschenk und Gebot neuen Lebens, über das Leben,
das »von der Liebe geleitet, sich an die Wahrheit hält« (vgl. Eph 4,
15), über das heiligmäßige Leben der Kirche, in welchem die Wahrheit
des zu seiner Vollendung gebrachten Guten glänzt. Nicht nur im Bereich
des Glaubens, sondern auch und untrennbar davon im Bereich der Moral
greift das Lehramt der Kirche ein, dessen Aufgabe es ist, »durch das
Gewissen der Gläubigen bindende Urteile jene Handlungen zu bezeichnen,
die in sich selber mit den Forderungen des Glaubens übereinstimmen und
seine Anwendung im Leben fördern, aber auch jene Handlungen, die aufgrund
ihres inneren Schlechtseins mit diesen Forderungen unvereinbar
sind«.(172) Durch die Verkündigung der Gebote Gottes und der Liebe
Christi lehrt das Lehramt der Kirche die Gläubigen auch konkrete
Einzelgebote und verlangt von ihnen, sie gewissenhaft als sittlich
verpflichtend zu betrachten. Außerdem übt das Lehramt ein wichtiges
Wächteramt aus, indem es die Gläubigen vor möglichen, auch nur implizit
vorhandenen Irrtümern warnt, wenn ihr Gewissen nicht dahin gelangt, die
Richtigkeit und Wahrheit der vom Lehramt der Kirche gelehrten sittlichen
Regeln anzuerkennen.
Hinzukommt hier die besondere Aufgabe all derer, die im Auftrag der
zuständigen Bischöfe in den Priesterseminaren und an den Theologischen
Fakultäten Moraltheologie lehren. Sie haben die schwere Pflicht, die
Gläubigen - besonders die künftigen Seelsorger - über alle Gebote und
über die praktischen Normen zu unterweisen, die die Kirche mit Autorität
verkündet.(173) Die Moraltheologen sind aufgerufen, unbeschadet der
möglichen Grenzen menschlicher, vom Lehramt vorgelegter Beweisführungen
die Argumentation seiner Verlautbarungen zu vertiefen, die Berechtigung
seiner Vorschriften und ihren verpflichtenden Charakter zu erläutern,
indem sie deren gegenseitigen Zusammenhang und ihre Beziehung zum Endziel
des Menschen aufzeigen.(174) Den Moraltheologen fällt die Aufgabe zu, die
Lehre der Kirche darzulegen und bei der Ausübung ihres Amtes das Beispiel
einer loyalen, inneren und äußeren Zustimmung zur Lehre des Lehramtes
sowohl auf dem Gebiet des Dogmas wie auf dem der Moral zu geben.(175) Den
Moraltheologen wird es, wenn sie ihre Kräfte zur Zusammenarbeit mit dem
hierarchischen Lehramt vereinen, ein Anliegen sein, die biblischen
Grundlagen, die ethischen Inhalte und die anthropologischen Begründungen,
auf denen die von der Kirche vorgelegte Morallehre und Sicht des Menschen
aufruhen, immer klarer herauszustellen.
111. Der Dienst, den die Moraltheologen in der heutigen Zeit zu leisten
aufgerufen sind, hat nicht nur für das Leben und die Sendung der Kirche,
sondern auch für die menschliche Gesellschaft und Kultur eine äußerst
wichtige Bedeutung. Ihnen obliegt es, in tiefer und lebendiger Verbindung
mit der biblischen Theologie und der Dogmatik in wissenschaftlicher
Reflexion »den dynamischen Aspekt zu unterstreichen, der die Antwort
bestimmt, die der Mensch in seinem Wachstumsprozeß in der Liebe,
innerhalb der Heilsgemeinschaft auf den göttlichen Anruf geben soll. Auf
diese Weise wird die Moraltheologie eine ihr innewohnende geistliche
Dimension annehmen, die den Forderungen nach voller Entfaltung der imago
Dei, des Gottesbildes, das im Menschen ist, und den Gesetzen des in der
christlichen Aszetik und Mystik beschriebenen geistlichen Prozesses
entspricht«.(176)
Sicher sehen sich die Moraltheologie und ihre Lehre heutzutage einer
besonderen Schwierigkeit gegenüber. Da die Moral der Kirche
notwendigerweise eine normative Dimension einschließt, kann sich die
Moraltheologie nicht auf ein nur im Rahmen der sogenannten
Humanwissenschaften erarbeitetes Wissen beschränken. Während sich diese
mit dem Phänomen der Sittlichkeit als historisches und soziales Faktum
beschäftigen, ist hingegen die Moraltheologie, die sich zwar der Human-
und Naturwissenschaften bedienen muß, nicht den Ergebnissen der
empirisch-formalen Beobachtung oder des phänomenologischen
Verständnisses untergeordnet. Tatsächlich muß die Zuständigkeit der
Humanwissenschaften in der Moraltheologie stets an der ursprünglichen
Frage gemessen werden: Was ist gut bzw. böse? Was muß ich tun, um das
ewige Leben zu gewinnen?
112. Der Moraltheologe muß darum im Rahmen der heute überwiegend
naturwissenschaftlichen und technischen Kultur, die den Gefahren des
Relativismus, des Pragmatismus und des Positivismus ausgesetzt ist,
sorgfältig unterscheiden. Vom theologischen Standpunkt her sind die
moralischen Prinzipien nicht vom geschichtlichen Augenblick abhängig, in
dem sie entdeckt werden. Die Tatsache, daß manche Gläubige handeln, ohne
die Lehren des Lehramtes zu befolgen, oder ein Verhalten zu Unrecht als
sittlich richtig ansehen, das von ihren Hirten als dem Gesetz Gottes
widersprechend erklärt worden ist, kann kein stichhaltiges Argument
darstellen, um die Wahrheit der von der Kirche gelehrten sittlichen Normen
zurückzuweisen. Die Bestätigung der sittlichen Normen fällt nicht in
die Zuständigkeit der empirisch-formalen Methoden. Ohne die Gültigkeit
solcher Methoden zu verneinen, aber auch ohne ihre eigene Perspektive auf
diese zu beschränken, betrachtet die Moraltheologie in Treue zum
übernatürlichen Sinn des Glaubens vor allem die geistliche Dimension des
menschlichen Herzens und seine Berufung zur göttlichen Liebe.
Während die Humanwissenschaften nämlich wie alle experimentellen
Wissenschaften ein empirisches und statistisches Konzept von
»Normalität« entfalten, lehrt der Glaube, daß eine solche Normalität
die Spuren eines Falles des Menschen aus der Höhe seines ursprünglichen
Zustandes in sich trägt, daß sie also von der Sünde angegriffen ist.
Einzig und allein der christliche Glaube weist dem Menschen den Weg der
Rückkehr zum »Anfang« (vgl. Mt 19, 8), ein Weg, der häufig sehr
verschieden ist von dem der empirischen Normalität. So können die
Humanwissenschaften unbeschadet des großen Wertes der Erkenntnisse, die
sie anbieten, nicht als die entscheidenden Wegweiser für das Aufstellen
sittlicher Normen angesehen werden. Es ist das Evangelium, das die ganze
Wahrheit über den Menschen und über den sittlichen Weg enthüllt und so
die Sünder erleuchtet und ermahnt und ihnen von der Barmherzigkeit Gottes
kündet, der unablässig wirkt, um sie zu bewahren sowohl vor der
Verzweiflung darüber, daß sie das göttliche Gesetz nicht erkennen und
befolgen können, als auch vor der falschen Meinung, sich ohne Verdienst
retten zu können. Es erinnert sie darüber hinaus an die Freude der
Vergebung, die allein die Kraft dazu verleiht, im sittlichen Gesetz eine
befreiende Wahrheit, eine Gnade zur Hoffnung, einen Lebensweg zu erkennen.
113. Die Sittenlehre schließt die bewußte Übernahme dieser
intellektuellen, geistlichen und pastoralen Verantwortlichkeiten ein.
Deshalb haben die Moraltheologen, die den Auftrag zur Unterweisung in der
Lehre der Kirche annehmen, die schwere Aufgabe, die Gläubigen zu diesem
sittlichen Unterscheidungsvermögen, zum Einsatz für das wahre Gute und
zur vertrauensvollen Hinwendung zur göttlichen Gnade zu erziehen.
Auch wenn Auseinandersetzungen und Meinungskonflikte im Rahmen einer
repräsentativen Demokratie normale Ausdrucksformen des öffentlichen
Lebens darstellen mögen, so kann die Sittenlehre gewiß nicht von der
einfachen Befolgung eines Entscheidungsverfahrens abhängen: Sie wird
überhaupt nicht durch die Befolgung von Regeln und Entscheidungsverfahren
demokratischer Art bestimmt. Der von kalkuliertem Protest und Polemik
bestimmte, durch die Kommunikationsmittel herbeigeführte Dissens steht im
Widerspruch zur kirchlichen Gemeinschaft und zum richtigen Verständnis
der hierarchischen Verfassung desVolkes Gottes. Im Widerstand gegen die
Lehre der Hirten ist weder eine legitime Ausdrucksform der christlichen
Freiheit noch der Vielfalt der Gaben des Geistes zu erkennen. In diesem
Fall haben die Hirten die Pflicht, ihrem apostolischen Auftrag gemäß zu
handeln und zu verlangen, daß das Recht der Gläubigen, die katholische
Lehre rein und unverkürzt zu empfangen, immer geachtet wird: »Da er nie
vergessen wird, daß auch er ein Glied des Volkes Gottes ist, muß der
Theologe dieses achten und sich bemühen, ihm eine Lehre vorzutragen, die
in keiner Weise der Glaubenslehre Schaden zufügt«.(177)
Unsere Verantwortlichkeiten als Hirten
114. Die Verantwortung gegenüber dem Glauben und dem Glaubensleben des
Volkes Gottes lastet ganz besonders und wesentlich auf den Bischöfen,
woran uns das II. Vatikanische Konzil erinnert: »Unter den
hauptsächlichsten Ämtern der Bischöfe hat die Verkündigung des
Evangeliums einen hervorragenden Platz. Denn die Bischöfe sind
Glaubensboten, die Christus neue Jünger zuführen; sie sind authentische,
das heißt mit der Autorität Christi ausgerüstete Lehrer. Sie
verkündigen dem ihnen anvertrauten Volk die Botschaft zum Glauben und zur
Anwendung auf das sittliche Leben und erklären sie im Licht des Heiligen
Geistes, indem sie aus dem Schatz der Offenbarung Neues und Altes
vorbringen (vgl. Mt 13, 52). So lassen sie den Glauben fruchtbar werden
und halten die ihrer Herde drohenden Irrtümer wachsam fern (vgl. 2 Tim 4,
14)«.(178)
Es ist unsere gemeinsame Pflicht und zuvor noch unsere gemeinsame Gnade,
als Hirten und Bischöfe der Kirche die Gläubigen das zu lehren, was sie
auf den Weg des Herrn führt, so wie es einst der Herr Jesus mit dem
jungen Mann des Evangeliums gemacht hat. In der Antwort auf seine Frage:
»Was muß ich Gutes tun, um das ewige Leben zu gewinnen?« hat Jesus auf
Gott, den Herrn der Schöpfung und des Bundes, verwiesen; er hat die
bereits im Alten Testament geoffenbarten sittlichen Gebote in Erinnerung
gerufen; er hat auf deren Geist und Radikalität hingedeutet, als er ihn
zur Nachfolge in Armut, Demut und Liebe aufforderte: »Komm und folge mir
nach!«. Die Wahrheit dieser Lehre hat ihr Siegel am Kreuz im Blut Christi
ausgedrückt erhalten: Sie ist im Heiligen Geist zum neuen Gesetz der
Kirche und jedes Christen geworden.
Diese »Antwort« auf die Fragen der Moral wird von Jesus Christus in
besonderer Weise uns Bischöfen der Kirche anvertraut, die wir aufgerufen
sind, sie zum Gegenstand unserer Unterweisung zu machen, anvertraut in der
Erfüllung unseres munus propheticum. Zugleich muß sich unsere
Verantwortung als Hirten gegenüber der christlichen Sittenlehre auch in
der Form des munus sacerdotale erfüllen: Das geschieht, wenn wir den
Gläubigen die Gaben der Gnade und Heiligung spenden als Mittel zum
Gehorsam gegenüber dem heiligen Gesetz Gottes und wenn wir durch unser
ständiges und vertrauensvolles Gebet die Gläubigen stärken, damit sie
den Anforderungen des Glaubens treu sind und dem Evangelium gemäß leben
(vgl. Kol 1, 9-12). Die christliche Sittenlehre muß vor allem heute einen
der bevorzugten Bereiche unserer pastoralen Wachsamkeit, der Ausübung
unseres munus regale, bilden.
115. Es ist in der Tat das erste Mal, daß das Lehramt der Kirche die
Grundelemente dieser Lehre mit einer gewissen Ausführlichkeit darlegt und
die Erfordernisse der in komplexen und mitunter kritischen praktischen und
kulturellen Situationen absolut notwendigen pastoralen Unterscheidung
aufzeigt.
Im Licht der Offenbarung und der beständigen Lehre der Kirche und
insbesondere des II. Vatikanischen Konzils habe ich kurz an die
wesentlichen Züge der Freiheit, die mit der Würde der menschlichen
Person und mit der Wahrheit ihrer Handlungen verbundenen Grundwerte in
Erinnerung gerufen, um so im Gehorsam gegenüber dem Sittengesetz eine
Gnade und ein Zeichen unserer Gotteskindschaft in dem einen Sohn (vgl. Eph
1, 4-6) erkennen zu können. Insbesondere werden mit dieser Enzyklika
Bewertungen einiger gegenwärtiger Tendenzen der Moraltheologie vorgelegt.
Diese teile ich hier mit im Gehorsam gegenüber dem Wort des Herrn, der
Petrus beauftragt hat, seine Brüder zu stärken (vgl. Lk 22, 32), zur
Erleuchtung und Hilfe für unsere gemeinsame Aufgabe der Unterscheidung
der Geister.
Jeder von uns weiß um die Bedeutung der Lehre, die den Kern dieser
Enzyklika darstellt und an die heute mit der Autorität des Nachfolgers
Petri erinnert wird. Jeder von uns kann den Ernst dessen spüren, worum es
mit der erneuten Bekräftigung der Universalität und Unveränderlichkeit
der sittlichen Gebote und insbesondere derjenigen, die immer und ohne
Ausnahme in sich schlechte Akte verbieten, nicht nur für die einzelnen
Personen, sondern für die ganze Gesellschaft geht.
In Anerkenntnis dieser Gebote vernehmen das Herz des Christen und unsere
pastorale Liebe den Anruf dessen, der »uns zuerst geliebt hat« (1 Joh 4,
19). Gott verlangt von uns, heilig zu sein, wie er heilig ist (vgl. Lev
19, 2), vollkommen zu sein - in Christus -, wie er vollkommen ist (vgl. Mt
5, 48): Die anspruchsvolle Festigkeit des Gebotes beruht auf der
unerschöpflichen barmherzigen Liebe Gottes (vgl. Lk 6, 36), und das Ziel
des Gebotes ist es, uns mit der Gnade Christi auf den Weg der Fülle des
Lebens der Kinder Gottes zu führen.
116. Wir haben als Bischöfe die Pflicht, darüber zu wachen, daß das
Wort Gottes zuverlässig gelehrt wird. Meine Mitbrüder im Bischofsamt, es
gehört zu unserem Hirtenamt, über die getreue Weitergabe dieser
Morallehre zu wachen und die passenden Maßnahmen zu ergreifen, damit die
Gläubigen vor jeder Lehre und Theorie, die ihr widersprechen, geschützt
werden. In dieser Aufgabe werden wir alle von den Theologen unterstützt;
die theologischen Meinungen bilden jedoch weder die Regel noch die Norm
für unsere Lehre. Ihre Autorität beruht, mit dem Beistand des Heiligen
Geistes und in der Gemeinschaft cum Petro et sub Petro, auf unserer Treue
zu dem von den Aposteln empfangenen katholischen Glauben. Als Bischöfe
haben wir die schwerwiegende Verpflichtung, persönlich darüber zu
wachen, daß in unseren Diözesen die »gesunde Lehre« (1 Tim 1, 10) des
Glaubens und der Moral gelehrt wird.
Eine besondere Verantwortung obliegt den Bischöfen im Hinblick auf
diekatholischen Institutionen. Ob es sich um Organe für die Familien-
oder Sozialpastoral oder um Einrichtungen handelt, die sich dem Unterricht
oder der medizinischen Betreuung und Krankenpflege widmen, die Bischöfe
können diese Strukturen errichten und anerkennen und ihnen eine Reihe von
Verantwortlichkeiten übertragen; das entbindet sie jedoch niemals von
ihren eigenen Verpflichtungen. Sie haben gemeinsam mit dem Heiligen Stuhl
die Aufgabe, Schulen,(179) Universitäten,(180) Krankenhäusern sowie
anderen medizinischen und sozialen Einrichtungen, die sich auf die Kirche
berufen, die Bezeichnung »katholisch« zuzuerkennen oder, in Fällen
schwerwiegender Nichtübereinstimmung, abzuerkennen.
117. Im Herzen des Christen, in der verborgensten Mitte des Menschen,
klingt immer wieder die Frage an, die eines Tages der junge Mann des
Evangeliums an Jesus richtete: »Meister, was muß ich Gutes tun, um das
ewige Leben zu gewinnen?« (Mt 19, 16). Es ist freilich notwendig, daß
ein jeder diese Frage an den »guten« Meister richtet, denn er ist der
Einzige, der in jeder Situation, unter den verschiedensten Umständen im
Vollbesitz der Wahrheit zu antworten vermag. Und wenn Christen an ihn die
Frage richten, die aus ihrem Gewissen aufsteigt, antwortet der Herr mit
den Worten des Neuen Bundes, die er seiner Kirche anvertraut hat. Wir sind
nun einmal, wie der Apostel von sich sagt, gesandt, »das Evangelium zu
verkünden, aber nicht mit gewandten und klugen Worten, damit das Kreuz
Christi nicht um seine Kraft gebracht wird« (1 Kor 1, 17). Darum besitzt
die Antwort der Kirche auf die Frage des Menschen die Weisheit und Macht
des gekreuzigten Christus, die sich hingebende Wahrheit.
Wenn die Menschen der Kirche Gewissensfragen stellen, wenn sich in der
Kirche die Gläubigen an die Bischöfe und Hirten wenden, dann findet sich
in der Antwort der Kirche die Stimme Jesu Christi, die Stimme der Wahrheit
über Gut und Böse. In dem von der Kirche verkündeten Wort erklingt im
Innersten der Menschen die Stimme Gottes, der »allein der Gute« (Mt 19,
17), der allein »die Liebe« (1 Joh 4, 8.16) ist.
Dieses zugleich liebenswürdige wie auch anspruchsvolle Wort wird in der
Salbung mit dem Geist zu Licht und Leben für den Menschen. Wiederum ist
es der Apostel Paulus, der uns einlädt, Vertrauen zu haben, denn »unsere
Befähigung stammt von Gott. Er hat uns fähig gemacht, Diener des Neuen
Bundes zu sein, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes... Der Herr
aber ist der Geist, und wo der Geist des Herrn wirkt, da ist Freiheit. Wir
alle spiegeln mit enthülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wider
und werden so in sein eigenes Bild verwandelt, von Herrlichkeit zu
Herrlichkeit, durch den Geist des Herrn« (2 Kor 3, 5-6. 17-18).
SCHLUSS
Maria, Mutter der Barmherzigkeit
118. Am Ende dieser Erwägungen vertrauen wir uns selber, die Leiden und
Freuden unseres Daseins, das sittliche Leben der Gläubigen und der
Menschen guten Willens, die Forschungen der Fachleute für Ethik und
Moraltheologie Maria, der Mutter Gottes und Mutter der Barmherzigkeit, an.
Maria ist die Mutter der Barmherzigkeit, weil Jesus Christus, ihr Sohn,
vom Vater als Offenbarung der Barmherzigkeit Gottes gesandt wurde (vgl.
Joh 3, 16-18). Er ist nicht gekommen zu verdammen, sondern zu vergeben,
Barmherzigkeit zu üben (vgl. Mt 9, 13). Und die größte Barmherzigkeit
liegt darin, daß er unter uns weilt, und ihm in dem Anruf, der an uns
ergeht, zu begegnen und, zusammen mit Petrus, ihn als den »Sohn des
lebendigen Gottes« (Mt 16, 16) zu bekennen. Keine Sünde des Menschen
vermag die Barmherzigkeit Gottes auszulöschen, vermag sie daran zu
hindern, ihre ganze siegreiche Kraft zu verströmen, sobald wir um sie
flehen. Ja, gerade die Sünde läßt noch stärker die Liebe des Vaters
erstrahlen, der, um den Knecht loszukaufen, seinen Sohn geopfert hat(181):
Seine Barmherzigkeit für uns ist Erlösung. Zur Vollendung gelangt diese
Barmherzigkeit im Geschenk des Geistes, der das neue Leben erzeugt und
erfordert macht. So zahlreich und groß die von der Schwachheit und Sünde
des Menschen ihm entgegengesetzten Hindernisse auch sein mögen, der
Geist, der das Antlitz der Erde erneuert (vgl. Ps 104, 30), macht das
Wunder der vollkommenen Erfüllung des Guten möglich. Diese Erneuerung,
die dazu befähigt, zu tun, was gut, edel, schön ist, was Gott gefällt
und seinem Willen entspricht, ist gewissermaßen das Erblühen des
Geschenkes der Barmherzigkeit, das von der Knechtschaft des Bösen befreit
und die Kraft schenkt, nicht mehr zu sündigen. Durch das Geschenk des
neuen Lebens macht uns Jesus zu Teilhabern seiner Liebe und führt uns im
Geist zum Vater.
119. Das ist die trostreiche Gewißheit des christlichen Glaubens, der er
seine tiefe Menschlichkeit und seine außerordentliche Einfachheit
verdankt. In den Diskussionen über die neuen und komplexen moralischen
Fragen kann manchmal der Anschein aufkommen, die christliche Moral sei an
sich zu schwierig, nur mühsam zu begreifen und fast unmöglich zu
praktizieren. Das stimmt nicht, denn sie besteht, um es mit der
Schlichtheit des Evangeliums zu sagen, darin, Jesus Christus zu folgen,
sich ihm zu überlassen, sich von seiner Gnade verwandeln und von seiner
Barmherzigkeit erneuern zu lassen, die uns durch das Leben in der
Gemeinschaft seiner Kirche erreichen. »Wer leben will - erinnert uns der
hl. Augustinus -, der weiß, wo leben und woher leben. Nähere dich ihr,
glaube mir, schließe dich ihr an, um lebendig gemacht zu werden. Fliehe
nicht aus der Gemeinschaft ihrer Glieder«(182) Das lebensnotwendige Wesen
der christlichen Moral kann, mit dem Licht des Geistes, jeder Mensch
verstehen, auch der weniger gebildete, ja vor allem wer sich ein
»einfältiges Herz« (vgl. Ps 86, 11) zu bewahren vermag. Andererseits
entbindet diese Einfachheit nach dem Evangelium nicht davon, sich der
Komplexität der Wirklichkeit zu stellen, sondern kann uns in ihr wahres
Verständnis einführen, weil die Nachfolge Christi nach und nach die
Wesensmerkmale der authentischen christlichen Sittlichkeit aufdecken und
zugleich die Lebenskraft zu ihrer Verwirklichung geben wird. Es ist
Aufgabe des Lehramtes der Kirche, darüber zu wachen, daß sich der
Dynamismus der Nachfolge Christi organisch entwickelt, ohne daß die
sittlichen Forderungen mit allen ihren Konsequenzen verfälscht oder
getrübt werden. Wer Christus liebt, hält seine Gebote (vgl. Joh 14, 15).
120. Maria ist auch Mutter der Barmherzigkeit, weil Jesus ihr seine Kirche
und die ganze Menschheit anvertraut. Als sie zu Füßen des Kreuzes
Johannes als Sohn annimmt, als sie zusammen mit Christus den Vater für
jene um Vergebung bittet, die nicht wissen, was sie tun (vgl. Lk 23, 34),
erfährt Maria in vollkommener Fügsamkeit gegenüber dem Geist die Fülle
und Universalität der Liebe Gottes, die ihr das Herz weitet und sie
fähig macht, das ganze Menschengeschlecht zu umfangen. So ist sie zur
Mutter von uns allen und jedes einzelnen von uns geworden, eine Mutter,
die für uns die göttliche Barmherzigkeit erlangt.
Maria ist leuchtendes Zeichen und faszinierendes Vorbild moralischen
Lebens: »ihr Leben allein ist Vorbild für alle«, schreibt der hl.
Ambrosius,(183) der sich besonders an die Jungfrauen wendet, aber
letztlich in einem offenen Horizont an alle folgendes feststellt: »Die
erste brennende Sehnsucht zu lernen verleiht der Adel des Meisters. Und
wer ist edler als die Mutter Gottes, oder glanzvoller als die, die vom
Glanz selbst erwählt wurde?«(184) Maria lebt und verwirklicht ihre
Freiheit dadurch, daß sie sich Gott hingibt und in sich die Hingabe
Gottes empfängt. Sie hütet in ihrem jungfräulichen Schoß den
menschgewordenen Sohn Gottes bis zum Augenblick der Geburt, sie nährt
ihn, sie zieht ihn auf und begleitet ihn in jener höchsten Haltung der
Freiheit, die das vollständige Opfer des eigenen Lebens ist. Mit ihrer
Selbsthingabe tritt Maria voll in den Plan Gottes ein, der sich der Welt
hin gibt. Während sie die Geschehnisse, die sie nicht immer versteht, in
ihrem Herzen bewahrt und darüber nachdenkt (vgl. Lk 2, 19), wird sie zum
Vorbild all derer, die das Wort Gottes hören und es befolgen (vgl. Lk 11,
28) und verdient den Namen »Sitz der Weisheit«. Diese Weisheit ist Jesus
Christus selbst, das ewige Wort Gottes, das den Willen des Vaters
offenbart und vollkommen erfüllt (vgl. Hebr 10, 5-10). Maria lädt jeden
Menschen ein, diese Weisheit aufzunehmen. Auch uns weist sie wie die
Diener während der Hochzeit in Kana in Galiläa an: »Was er euch sagt,
das tut!« (Joh 2, 5).
Maria teilt unsere menschliche Situation, aber in völliger Transparenz
für die Gnade Gottes. Obwohl sie die Sünde nicht kannte, ist sie in der
Lage, mit jeder Schwäche mitzuleiden. Sie versteht den Sünder und liebt
ihn mit mütterlicher Liebe. Eben deshalb steht sie auf der Seite der
Wahrheit und teilt die Last der Kirche, alle Menschen beständig auf die
moralischen Forderungen hinzuweisen. Aus demselben Grund nimmt sie es
nicht hin, daß der Sünder von jemandem irregeführt wird, der ihn zu
lieben vorgibt, indem er seine Sünde rechtfertigt; denn sie weiß, daß
auf diese Weise das Opfer Christi, ihres Sohnes, um seine Kraft gebracht
würde. Keine Lossprechung, die durch gefällige Lehren, auch solche
philosophischer oder theologischer Art, angeboten wird, vermag den
Menschen wahrhaft glücklich zu machen: Allein das Kreuz und die
Herrlichkeit des auferstandenen Christus vermögen seinem Gewissen Frieden
und seinem Leben Rettung zu schenken.
O Maria,
Mutter der Barmherzigkeit,
wache über alle, damit das Kreuz Christi
nicht um seine Kraft gebracht wird,
damit der Mensch
nicht vom Weg des Guten abirrt,
nicht das Bewußtsein für die Sünde verliert,
damit er wächst in der Hoffnung Gottes,
»der voll Erbarmen ist« (Eph 2, 4),
damit er aus freiem Entschluß
die guten Werke tut,
die von Ihm im voraus
bereitet sind (vgl. Eph 2, 10),
und damit er so mit seinem ganzen Leben
»zum Lob seiner Herrlichkeit bestimmt«
(Eph 1, 12) sei.
Gegeben zu Rom, bei Sankt Peter, am 6. August, dem Fest der Verklärung
des Herrn des Jahres 1993, dem fünfzehnten meines Pontifikates.
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