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ENZYKLIKA
VERITATIS SPLENDOR
VON PAPST
JOHANNES PAUL II
AN ALLE BISCHÖFE
DER KATHOLISCHEN KIRCHE
ÜBER EINIGE GRUNDLEGENDE FRAGEN
DER KIRCHLICHEN MORALLEHRE
| Einleitung |
Jesus
Christus, das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet |
| Kapitel
I |
»MEISTER, WAS MUSS ICH GUTES TUN...?« (Mt 19,
16)
Christus und die Antwort auf die moralische Frage
»Es kam ein Mann zu Jesus...« (Mt 19, 16) |
| Kapitel
2 |
»GLEICHT EUCH NICHT DER DENKWEISE DIESER WELT
AN!« (Röm 12, 2)
Die Kirche und die Beurteilung einiger Tendenzen heutiger
Moraltheologie
Verkünden, was der gesunden Lehre entspricht (vgl. Tit 2, 1) |
| Kapitel
3 |
»DAMIT DAS KREUZ CHRISTI NICHT UM SEINE KRAFT
GEBRACHT WIRD« (1 Kor 1, 17)
Das sittlich Gute für das Leben der Kirche und der Welt
»Zur Freiheit hat uns Christus befreit« (Gal 5, 1) |
| Schluß |
Maria, Mutter der Barmherzigkeit |
Verehrte Mitbrüder im Bischofsamt!
Gruß und Apostolischen Segen!
DER GLANZ DER WAHRHEIT erstrahlt in den Werken des Schöpfers und in
besonderer Weise in dem nach dem Abbild und Gleichnis Gottes geschaffenen
Menschen (vgl. Gen 1, 26): die Wahrheit erleuchtet den Verstand und formt
die Freiheit des Menschen, der auf diese Weise angeleitet wird, den Herrn
zu erkennen und zu lieben. Darum betet der Psalmist: »Herr, laß dein
Angesicht über uns leuchten!« (Ps 4, 7).
EINLEITUNG
Jesus Christus, das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet
1. Durch den Glauben an Jesus Christus, »das wahre Licht, das jeden
Menschen erleuchtet« (Joh 1, 9), zum Heil berufen, werden die Menschen »Licht
durch den Herrn« und »Kinder des Lichts« (Eph 5, 8) und heiligen sich
durch den »Gehorsam gegenüber der Wahrheit« (1 Petr 1, 22).
Dieser Gehorsam ist nicht immer leicht. In der Folge der geheimnisvollen
Ursünde, begangen auf Anstiftung Satans, der »ein Lügner und der Vater
der Lüge ist« (Joh 8, 44), ist der Mensch immerfort versucht, seinen
Blick vom lebendigen und wahren Gott ab- und den Götzen zuzuwenden (vgl.
1 Thess 1, 9), während er »die Wahrheit Gottes mit der Lüge«
vertauscht (Röm 1, 25); damit wird auch seine Fähigkeit, die Wahrheit zu
erkennen, beeinträchtigt und sein Wille, sich ihr zu unterwerfen, geschwächt.
Und so geht er, während er sich dem Relativismus und Skeptizismus überläßt
(vgl. Joh 18, 38), auf die Suche nach einer trügerischen Freiheit außerhalb
dieser Wahrheit.
Aber keine Finsternis des Irrtums und der Sünde vermag das Licht des Schöpfergottes
im Menschen völlig auszulöschen. In der Tiefe seines Herzens besteht
immer weiter die Sehnsucht nach der absoluten Wahrheit und das Verlangen,
in den Vollbesitz ihrer Erkenntnis zu gelangen. Davon gibt das unermüdliche
menschliche Suchen und Forschen auf jedem Gebiet ein beredtes Zeugnis. Das
beweist noch mehr die Suche nach dem Sinn des Lebens. Die Entwicklung von
Wissenschaft und Technik ist zwar ein großartiges Zeugnis der Fähigkeit
des Verstandes und der Ausdauer der Menschen, befreit aber die Menschheit
nicht davon, sich letzte religiöse Fragen zu stellen, sie spornt sie
vielmehr dazu an, die schmerzlichsten und entscheidendsten Kämpfe, jene
im Herzen und im Gewissen, auszutragen.
2. Jeder Mensch muß sich den grundlegenden Fragen stellen: Was soll ich
tun? Wie ist das Gutevom Bösen zu unterscheiden? Die Antwort ist, wie der
Psalmist bezeugt, nur möglich dank des Glanzes der Wahrheit, die im
Innersten des menschlichen Geistes erstrahlt: »Viele sagen: 'Wer macht
uns das Gute sehen?' Herr, laß dein Angesicht über uns leuchten!« (Ps
4, 7).
Gott läßt sein Angesicht in seiner ganzen Schönheit leuchten über dem
Angesicht Jesu Christi, »Ebenbild des unsichtbaren Gottes« (Kol 1, 15),
»Abglanz seiner Herrlichkeit« (Hebr 1, 3), »voll Gnade und Wahrheit«
(Joh 1, 14): Er ist »der Weg, die Wahrheit und das Leben« (Joh 14, 6).
Darum wird die entscheidende Antwort auf jede Frage des Menschen,
insbesondere auf seine religiösen und moralischen Fragen, von Jesus
Christus gegeben, ja ist Jesus Christus selbst die Antwort, wie das II.
Vatikanische Konzil in Erinnerung bringt: »Tatsächlich klärt sich nur
im Geheimnis des fleischgewordenen Wortes das Geheimnis des Menschen
wahrhaft auf: Denn Adam, der erste Mensch, war das Vorausbild des zukünftigen,
nämlich Christi des Herrn. Christus, der neue Adam, macht eben in der
Offenbarung des Geheimnisses des Vaters und seiner Liebe dem Menschen den
Menschen selbst voll kund und erschließt ihm seine höchste Berufung«.(1)
Jesus Christus, »das Licht der Völker«, erleuchtet das Angesicht seiner
Kirche, die er in die ganze Welt aussendet, allen Geschöpfen das
Evangelium zu verkünden (vgl. Mk 12, 15).(2) So bietet die Kirche, Volk
Gottes inmitten der Nationen,(3) während sie die neuen Herausforderungen
der Geschichte und die Bemühungen berücksichtigt, die die Menschen bei
der Suche nach dem Sinn des Lebens unternehmen, allen die Antwort an, die
aus der Wahrheit Jesu Christi und seines Evangeliums herrührt. In der
Kirche ist immer das Bewußtsein lebendig, daß ihr »allzeit die Pflicht
(obliegt), nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des
Evangeliums zu deuten. So kann sie dann in einer jeweils einer Generation
angemessenen Weise auf die bleibenden Fragen der Menschen nach dem Sinn
des gegenwärtigen und des zukünftigen Lebens und nach dem Verhältnis
beider zueinander Antwort geben«.(4)
3. In diesem Bemühen sind die Bischöfe der Kirche in Gemeinschaft mit
dem Nachfolger Petri den Gläubigen nahe, sie begleiten und lenken sie mit
ihrem Lehramt, wobei sie immer neue Akzente für Liebe und Barmherzigkeit
finden, um sich nicht nur an die Gläubigen, sondern an alle Menschen
guten Willens zu wenden. Das II. Vatikanische Konzil bleibt ein
hervorragendes Zeugnis für diese Haltung der Kirche, die sich, »erfahren
in den Fragen, die den Menschen betreffen«,(5) in den Dienst jedes
Menschen und des ganzen Menschen stellt.(6)
Die Kirche weiß, daß der moralische Anspruch jeden Menschen im Innersten
erreicht, daß er alle miteinbezieht, auch jene, die Christus und sein
Evangelium nicht kennen und nicht einmal etwas von Gott wissen. Sie weiß,
daß eben auf dem Weg des sittlichen Lebens allen der Weg zum Heil
offensteht, woran das II. Vatikanische Konzil mit aller Klarheit erinnert,
wenn es schreibt: »Wer nämlich das Evangelium Christi und seine Kirche
ohne Schuld nicht kennt, Gott aber aus ehrlichem Herzen sucht, seinen im
Anruf des Gewissens erkannten Willen unter dem Einfluß der Gnade in der
Tat zu erfüllen trachtet, kann das ewige Heil erlangen«. Und es fügt
hinzu: »Die göttliche Vorsehung verweigert auch denen das zum Heil
Notwendige nicht, die ohne Schuld noch nicht zur ausdrücklichen
Anerkennung Gottes gekommen sind, jedoch, nicht ohne die göttliche Gnade,
ein rechtes Leben zu führen sich bemühen. Was sich nämlich an Gutem und
Wahrem bei ihnen findet, wird von der Kirche als Vorbereitung für die
Frohbotschaft und als Gabe dessen geschätzt, der jeden Menschen
erleuchtet, damit er schließlich das Leben habe«.(7)
Gegenstand der vorliegenden Enzyklika
4. Seit jeher, aber vor allem im Lauf der beiden letzten Jahrhunderte
haben die Päpste sowohl persönlich wie gemeinsam mit dem
Bischofskollegium eine Sittenlehre entwickelt und vorgelegt, die die vielfältigen
und verschiedenen Bereiche des menschlichen Lebens berücksichtigt. Im
Namen und mit der Autorität Jesu Christi haben sie ermahnt, verkündet,
erklärt; in Treue zu ihrer Sendung, im Ringen für den Menschen haben sie
bestärkt, aufgerichtet und getröstet; mit der Garantie des Beistands des
Geistes der Wahrheit haben sie zu einem besseren Verständnis der
sittlichen Ansprüche im Bereich der menschlichen Sexualität, der
Familie, des sozialen, wirtschaftlichen und politischen Lebens
beigetragen. Ihre Lehre stellt sowohl innerhalb der Überlieferung der
Kirche wie der Menschheitsgeschichte eine ständige Vertiefung der
sittlichen Erkenntnis dar.(8)
Doch heute erscheint es notwendig, über die Morallehre der Kirche
insgesamt nachzudenken, mit der klaren Zielsetzung, einige fundamentale
Wahrheiten der katholischen Lehre in Erinnerung zu rufen, die im heutigen
Kontext Gefahr laufen, verfälscht oder verneint zu werden. Es ist nämlich
eine neue Situation gerade innerhalb der christlichen Gemeinschaft
entstanden, die hinsichtlich der sittlichen Lehren der Kirche die
Verbreitung vielfältiger Zweifel und Einwände menschlicher und
psychologischer, sozialer und kultureller, religiöser und auch im
eigentlichen Sinne theologischer Art erfahren hat. Es handelt sich nicht
mehr um begrenzte und gelegentliche Einwände, sondern um eine globale und
systematische Infragestellung der sittlichen Lehrüberlieferung aufgrund
bestimmter anthropologischer und ethischer Auffassungen. Diese haben ihre
Wurzel in dem mehr oder weniger verborgenen Einfluß von Denkströmungen,
die schließlich die menschliche Freiheit der Verwurzelung in dem ihr
wesentlichen und für sie bestimmenden Bezug zur Wahrheit beraubt. So wird
die herkömmliche Lehre über das Naturgesetz, über die Universalität
und bleibende Gültigkeit seiner Gebote abgelehnt; Teile der kirchlichen
Moralverkündigung werden für schlechthin unannehmbar gehalten; man ist
der Meinung, das Lehramt dürfe sich in Moralfragen nur einmischen, um die
»Gewissen zu ermahnen« und »Werte vorzulegen«, nach denen dann ein
jeder autonom die Entscheidungen und Entschlüsse seines Lebens
inspirieren wird.
Hervorgehoben werden muß im besonderen die Diskrepanz zwischen der herkömmlichen
Antwort der Kirche und einigen, auch in den Priesterseminaren und an den
theologischen Fakultäten verbreiteten theologischen Einstellungen zu
Fragen, die für die Kirche und für das Glaubensleben der Christen, ja für
das menschliche Zusammenleben überhaupt, von allergrößter Bedeutung
sind. Hier wird insbesondere gefragt: Besitzen die Gebote Gottes, die dem
Menschen ins Herz geschrieben sind und Bestandteil des Bundes Gottes mit
ihm sind, tatsächlich die Fähigkeit, die täglichen Entscheidungen der
einzelnen Menschen und der gesamten Gesellschaft zu erleuchten? Ist es möglich,
Gott zu gehorchen und damit Gott und den Nächsten zu lieben, ohne diese
Gebote unter allen Umständen zu respektieren? Verbreitet ist auch der
Zweifel am engen und untrennbaren Zusammenhang zwischen Glaube und Moral,
so als würde sich die Zugehörigkeit zur Kirche und deren innere Einheit
allein durch den Glauben entscheiden, während man in Sachen Moral einen
Pluralismus von Anschauungen und Verhaltensweisen dulden könnte, je nach
Urteil des individuellen subjektiven Gewissens bzw. der Verschiedenheit
der sozialen und kulturellen Rahmenbedingungen.
5. In einem derartigen noch immer aktuellen Kontext ist in mir der
Entschluß gereift, eine Enzyklika zu schreiben, die - wie ich in dem am
1. August 1987 aus Anlaß des 200. Todestages des hl. Alfonso Maria von
Liguori veröffentlichten Apostolischen Schreiben Spiritus Domini angekündigt
habe - »umfassender und gründlicher die Fragen, die die eigentlichen
Grundlagen der Moraltheologie betreffen«,(9) behandeln soll, Grundlagen,
die durch einige Richtungen der heutigen Moraltheologie angegriffen
werden.
Ich wende mich an euch, ehrwürdige Brüder im Bischofsamt, die ihr mit
mir die Verantwortung teilt, die »gesunde Lehre« (2 Tim 4, 3) zu
bewahren, mit der Absicht, einige Aspekte der Lehre zu präzisieren, die
entscheidend sind, um dem zu begegnen, was man wohl ohne Zweifel eine
echte Krise nennen muß, so ernst sind die Schwierigkeiten, die daraus für
das moralische Leben der Gläubigen und für die Gemeinschaft in der
Kirche wie auch für ein gerechtes und solidarisches soziales Leben
folgen.
Wenn diese seit langem erwartete Enzyklika erst jetzt veröffentlicht
wird, dann auch deshalb, weil es angebracht erschien, ihr den Katechismus
der katholischen Kirche vorausgehen zu lassen, der eine vollständige und
systematische Darlegung der christlichen Morallehre enthält. Der
Katechismus stellt das sittliche Leben der Gläubigen in seinen Grundlagen
und in seinen vielfältigen Inhalten als Leben der »Kinder Gottes« vor:
»Im Glauben ihrer neuen Würde bewußt, sollen die Christen fortan so
leben, 'wie es dem Evangelium Christi entspricht' (Phil 1, 27). Sie werden
dazu befähigt durch die Gnade Christi und die Gabe seines Geistes, die
sie durch die Sakramente und das Gebet erhalten«.(10) Indem sie auf den
Katechismus »als sicheren und maßgebenden Text für die Unterweisung in
der katholischen Lehre«(11) verweist, wird sich die Enzyklika darauf
beschränken, sich mit einigen grundlegenden Fragen der Morallehre der
Kirche auseinanderzusetzen, und dies in Form einer notwendigen Klärung
von Problemen, die unter den Ethikern und Moraltheologen umstritten sind.
Das ist das spezifische Thema der vorliegenden Enzyklika, der es darum
geht, hinsichtlich der erläuterten Probleme die Erfordernisse einer auf
die Heilige Schrift und die lebendige apostolische Überlieferung gegründeten
Morallehre darzulegen(12) und zugleich die Voraussetzungen und Folgen der
Entgegnungen aufzuzeigen, die sich gegen diese Lehre richteten.
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