Kardinal Christoph Schönborn, Dialog zwischen den Kulturen für eine Zivilisation der Liebe und des Friedens


Festvortrag an der Islamischen 
Imam-Sadr-Universität in Teheran
20. Februar 2001

Dialog zwischen den Kulturen 
für eine Zivilisation der Liebe und des Friedens


Kardinal Dr. Christoph Schönborn
Erzbischof von Wien


Exzellenzen!
Sehr geehrte Damen und Herrn!
Sehr geehrte Studierende!

I.

Die großartige Ausstellung „7000 Jahre persische Kunst“ im Kunsthistorischen Museum in Wien, wo Meisterwerke aus dem iranischen Nationalmuseum in Teheran zu sehen sind, schenkt uns eine Ahnung von der Größe und Weite der Kulturen, die im Iran beheimatet waren und sind, ist doch der Iran einer der wichtigsten Quellorte menschlicher Kultur und Zivilisation, der Mutterboden großer künstlerischer, kultureller, politischer und vor allem religiöser Schöpfungen. Es ist mir daher eine besondere Ehre und Auszeichnung, Gast Ihres Landes sein zu dürfen, das ich zum ersten Mal besuche. Ich sehe diese Einladung als ein bedeutsames Stück jenes ‚Dialogs der Kulturen‘, zu dem die Vereinten Nationen auf Vorschlag Ihres Präsidenten, Seiner Exzellenz Seyed Mohammad Khatami, das Jahr 2001 (das Jahr 1379 Ihrer Zeitrechnung) erklärt haben.

„Wer den Dichter will verstehen, muß in Dichters Lande gehen“, sagt Johann Wolfgang Goethe mit Bezug auf H~fiz im „West-östlichen Divan“. Ich darf diese Worte Goethes abwandeln: „Wer die Menschen will verstehen, muß in ihre Lande gehen“. ‚Dialog der Kulturen‘, das ist zuerst ein Dialog von Menschen aus verschiedenen Kulturen und Zivilisationen. Denn nicht diese, sondern die Menschen führen Dialoge. Sie treten freilich miteinander in Dialog als Menschen, die von ihren Kulturen geprägt sind, aber auch von anderen Kulturen beeinflußt werden; die andere Zivilisationen als Bereicherung, aber auch als Bedrohung erfahren, die von anderen Kulturen fasziniert sind, die aber auch vor ihnen Angst haben. Deshalb sind Kulturen und Zivilisationen in ihren Unterschieden nicht nur Anlaß zum offenen und lernbereiten Dialog, sondern auch zur aggressiven oder ängstlichen Konfrontation. Es gibt daher immer wieder den Zusammenprall der Zivilisationen („Clash of Civilizations“) und nicht nur deren Dialog.

Wo stehen wir heute in der Situation unserer Länder, unserer Kulturen, unserer Religionen? Sind wir auf Konfrontationskurs oder gehen wir den Weg des Dialogs? Ich will diese Frage nicht mit einer oberflächlichen Rhetorik beantworten, sondern versuchen, in jene Dramatik einzudringen, in der sie sich tatsächlich stellt, als eine Frage, die sich uns im Angesichte Gottes stellt, als die Frage nach seinem heiligen Willen, den zu erkennen und zu erfüllen der wahre Auftrag unseres Lebens ist. Wir leben diese Suche nach dem Willen Gottes, und das heißt zugleich auch nach dem Glück unseres Lebens, in einer sich rasant verändernden Welt, die immer mehr zusammenwächst, in der uns täglich neu vor Augen geführt wird, daß wir in immer stärkerer gegenseitiger Abhängigkeit leben, daß wir wirklich auf dieser Welt eine Schicksalsgemeinschaft geworden sind. Wir brauchen einander, wir haben keinen anderen Weg als das Miteinander. Und doch verbindet uns eine lange Geschichte, in der es auch das Gegeneinander, den Kampf und die Konflikte gegeben hat.

So wundert es nicht, daß der Ruf nach dem ‚Dialog der Kulturen‘ mancher Skepsis begegnet, bei uns, und ich denke wohl auch bei Ihnen. Wenn ich dennoch aus tiefster Überzeugung den Weg des Dialogs für das Gebot der Stunde halte, so geschieht das nicht aus einer relativistischen Haltung heraus, die Dialog mit Beliebigkeit verwechselt; und auch nicht ohne die Ängste und Besorgnisse vieler Menschen bei uns (und wohl auch bei Ihnen) ernstzunehmen, die den Weg des Dialogs für eine gefährliche Falle halten.

Dialog heißt ja nicht Verzicht auf eigene Standpunkte, sondern er ist der Weg zum gegenseitigen Verstehen, und das heißt immer auch des Bemühens, Mißverständnisse zu vermeiden, die so oft die Ursache von Konflikten, ja von Kriegen waren und sind.

Ich komme zu Ihnen als Christ, als Theologe, der viele Jahre selber Theologie an der Universität gelehrt hat, als katholischer Bischof einer europäischen Großstadt (die freilich verglichen mit Teheran klein ist), als Kardinal der römischen Kirche. Ich komme zu Ihnen mit meiner Geschichte als Österreicher (mit all dem, was für unser Land die Beziehungen zum Islam bedeuten), der seine Heimat liebt, der zugleich überzeugter Europäer ist. Ich komme zu Ihnen als einer, der große Ehrfurcht vor allen gläubigen Menschen hat. Und ich komme mit großen Fragen im Herzen: Wie gelingt es Ihnen, Religion und Moderne zu verbinden? Wie leben Sie in dieser rasant sich globalisierenden Welt als Gläubige? Wie sieht das bei Ihnen in der jungen Generation aus? Wie leben junge Menschen bei Ihnen das Verhältnis von Tradition und Technik, von wissenschaftlichem und religiösem Weltbild? Wie bewahren Sie die Familien vor zerstörerischen Einflüssen, ohne sich von der heutigen Zeit abzukapseln? Diese Fragen möchte ich Ihnen stellen, weil sie viele Menschen auch bei uns bewegen.

Ich weiß, um auf diese Fragen eine Antwort zu bekommen, müßte ich Zeit zum ‚Dialog des Lebens‘ haben, der nur durch langes, geduldiges Miteinander möglich ist. Erst auf der Grundlage dieses ‚Dialogs des Lebens‘ wird dann auch der Dialog der Ideen, der Theorien, der philosophische, theologische, religiöse Dialog wirklich fruchtbar. Was heute – zumindest bei uns – die Menschen vor allem an der Religion interessiert, sind diese Fragen des Lebens: Wie wirst du mit dem Leben fertig? Wie schaffst du es, mitten in dieser hektischen Zeit ein innerlicher, froher Mensch zu bleiben? Wie gehst du mit dem Leid um? Wie mit dem Tod? Wie erfährst du Gott in deinem Leben? Seine Barmherzigkeit und seine Sorge für dich? Diese Fragen bewegen die Herzen, diese Fragen des Lebens. Und mehr als die Lehren darüber zu hören will man Menschen sehen, die glaubwürdig und überzeugend wirken. Zeugen und Vorbilder sind gefragt, und wie eine Mutter Theresa von Kalkutta gezeigt hat, wirken sie über alle Grenzen der Sprachen, Kulturen, ja der Religionen hinweg verbindend. Sie sind personifizierter ‚Dialog des Lebens‘. Dadurch sind sie für so viele Menschen große Hoffnungszeichen.

II.

Was einzelnen großen Gestalten gelingt, wird es unseren Kulturen, unseren Religionen, unseren Regionen gelingen? Wird es gelingen, zwischen Ost und West, zwischen Europa und Asien, zwischen moderner Zivilisation und den großen Traditionen, zwischen Islam und Christentum (um nur einige Spannungspole zu nennen) so zusammenzuleben, daß es nicht zum ‚Clash of civilizations‘ kommt, nicht zu gegenseitigen Diskriminierungen oder gar Verfolgungen, wie sie immer wieder in unserer Geschichte, ja selbst in der Gegenwart vorkommen?

Was mich dies hoffen läßt, will ich im folgenden kurz skizzieren.

Lassen Sie mich ganz offen mit dem schwierigsten Punkt beginnen: Unsere beiden Religionen, das Christentum und der Islam, verstehen sich als universale und missionarische Religionen, sie sind nicht nur für ein Volk und ein bestimmtes Land da, sondern für alle Menschen aller Völker. Von ihren Stiftern, genauer gesagt, von der Offenbarung her, die ihnen anvertraut ist, haben sie den Auftrag, das Licht dieser göttlichen Offenbarung zu allen Menschen zu bringen, als Botschaft und Weg des Heils und des Lebens. Deshalb waren unsere Religionen vom ersten Moment an missionarisch und sind es tatsächlich bis heute. Das gehört unaufgebbar zur Identität unseres Glaubens.

So lautet nach unserem Glauben der letzte Auftrag, den Jesus Christus nach seiner Auferstehung von den Toten seinen Jüngern für alle Zeit, bis zu seiner Wiederkunft gegeben hat: „Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern“ (Mt 28,18).

Diesem Auftrag gehorsam bemühen sich die Christen, allen Menschen das Evangelium zu bringen. Doch auch der Islam versteht sich als die abschließende, endgültige Offenbarung Gottes, die allen Menschen zugedacht ist, die alle Menschen auf den Weg der wahren und ursprünglichen Gottesverehrung bringen soll.

Ist ein solcher Wahrheitsanspruch überhaupt mit der Haltung des Dialogs vereinbar? Ist er nicht vielmehr Ursache vieler Konflikte, bis hin zu den Religionskriegen? Heute ist daher im Westen die Ansicht weit verbreitet, es könne einen ‚Dialog der Kulturen‘ nur geben, wenn die Religionen ihren Wahrheitsanspruch zurücknehmen und auf Mission verzichten.

Es gab daher ein großes Aufhorchen, als Papst Johannes Paul II. in seinem Schreiben „Fides et ratio“ (Glaube und Vernunft) die Überzeugung aussprach, daß Glaube und Vernunft vereinbar seien, ja daß der Glaube an die Offenbarung Gottes die Vernunft nicht zum Schweigen bringt, sondern ihr Hilfe und Stütze bedeutet.

Es hat aufhorchen lassen, als Präsident Khatami in dem beeindruckenden Religionsgespräch in der Goethe-Stadt Weimar im Juli 2000 klar seine Überzeugung aussprach, der ‚Dialog der Kulturen‘ sei mit der Annahme einer objektiven Wahrheit und ihrer Erkennbarkeit vereinbar. Dialog ist, so sagte er, ein Weg, sich der Wahrheit zu nähern: „Der Dialog der Zivilisationen und Kulturen ist ein Begriff, der durch das stetige Bemühen entstanden ist, sich der Wahrheit zu nähern und zu einer Verständigung zu gelangen.“

Wenn ich es recht sehe, so eint uns, Christen und Muslime, eine Gewißheit (die uns zugleich trennt): daß Gott seine endgültige Offenbarung geschenkt hat. Doch wenn wir auch an dieser Gewißheit festhalten, so wissen wir auch, daß, wie der Apostel Paulus sagt, „unser Erkennen Stückwerk ist“, daß wir jetzt, in diesem irdischen Leben „wie in einem Spiegel schauen und nur rätselhafte Umrisse sehen“ (1 Kor 13, 9.12). Wir sind Empfänger der Offenbarung Gottes in unserer geschichtlichen, ort- und zeitgebundenen Begrenztheit, die wir oft nicht bewußt wahrnehmen, die uns auch zu gegenseitigen Mißverständnissen führt, die häufig die Ursache von Konflikten sind. Zugleich sind aber diese geschichtlichen Bedingungen große Chancen, die uns geschenkte Offenbarung und ihre Weisungen umzusetzen in konkretes Leben, in kulturelle Gestaltungen, in politische Institutionen. Die Geschichte unserer Länder zeugt von der schöpferischen, kulturgestaltenden Kraft der Religionen.

Ohne diese ‚Inkulturation‘ der Religion bleibt diese abstrakt und lebensfern. Doch bedeutet die ‚Inkulturation‘ der Religion auch immer neu eine Herausforderung, den religiösen Kern, die lebendige Mitte der Religion nicht durch die kulturellen, politischen, wirtschaftlichen Bedingungen, unter denen die Religion gelebt wird, zu verdecken oder gar zu verfälschen. Daher gehört das Element der Reform zum ständigen Begleiter der konkreten Geschichte unserer Religionsgemeinschaften.

Der große Papst Johannes XXIII., der im hohen Alter von 78 Jahren überraschend zum Oberhaupt der katholischen Kirche gewählt wurde, hat, wiederum für viele überraschend, ein „ökumenisches Konzil“ nach Rom einberufen, das II. Vatikanische Konzil, das in vieler Hinsicht fast als eine Revolution in der katholischen Kirche bezeichnet werden kann. Der zentrale Gedanke des Papstes war es, die unveränderliche Wahrheit des Glaubens unter den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen neu und für die Menschen von heute verständlicher zu sagen: „denn“, so sagte er bei der Eröffnung des Konzils, „die Substanz des uralten anvertrauten Glaubensgutes ist eine Sache, und die Weise, wie es dargestellt wird, ist eine andere.“ Er wandte sich gegen die „Propheten des Unglücks“, die nur die dunklen Seiten unserer Zeit sehen wollen, und ermutigte dazu, in großer Treue zum überlieferten Glauben gleichzeitig diesen Glauben und seine schriftlichen Quellen „im Licht der Forschungsmethoden und der Sprache des modernen Denkens zu untersuchen und zu deuten“.

Die Unterscheidung zwischen unwandelbarer Wahrheit und ihren historisch-wandelbaren Erscheinungen ist freilich nicht so einfach zu treffen. Sie bedarf des suchenden Ringens, der Bereitschaft zum Hören, zum Dialog, auch zur Veränderung. Sie bedarf zugleich der Festigkeit und Treue zum bleibend gültigen Wesentlichen, und dazu der Weisheit, zwischen dem Wesentlichen und dem Wandelbaren zu unterscheiden. Genau hier, in diesem Vorgang der Unterscheidung ist der ‚Dialog der Kulturen‘ von großer Hilfe, können wir doch voneinander lernen, wie wir mit diesen urmenschlichen Fragen in rechter Weise umgehen sollen. 


III.

So darf ich in meinem dritten und letzten Teil zwei Felder nennen, auf denen sich der ‚Dialog der Kulturen‘ bewähren kann und soll.

1. Unsere Religionsgemeinschaften haben einen ganz bestimmten historischen Anfang, auch wenn sie in Gottes Ewigkeit ihren Ursprung haben. Es gehört zu den spannendsten Aufgaben des Dialogs, nach den Wegen der konkreten ‚Inkulturation‘ der Religionen zu fragen: Wie hat sich das Christentum ausgebreitet, wie der Islam? Wie haben sie sich gesellschaftlich, politisch ‚verwirklicht‘? Wie hat sich das Verhältnis von religiöser und politischer Autorität entwickelt? Welche Einflüsse aus anderen Kulturen sind hier wirksam geworden? Um nur wenige Beispiele zu nennen: Die Armenier feiern heuer 1700 Jahre seit der Christianisierung Armeniens. In all den Stürmen seiner langen Geschichte ist die Verbindung von armenischer Identität und christlicher Religion in diesem kleinen aber bewundernswerten Volk unerschütterlich geblieben. Anders waren die Geschicke der „Apostolischen Kirche des Ostens“ , die man zutreffender auch die persische Kirche nennen kann: Sie erlebte „einen gewaltigen Aufschwung, trotz heftigster Verfolgungen seitens der Vertreter der offiziellen Staatsreligion, des Mazdaismus, und dehnte sich im Laufe der Jahrhunderte bis nach China, Tibet und Indien aus.“ 

In einer Zeit, die vor lauter Eile und Hektik das Gedächtnis zu verlieren droht, ist es ein wichtiges Element des ‚Dialogs der Kulturen‘, die memoria zu pflegen und sich geschichtlicher Zusammenhänge bewußt zu werden, um auch die Gegenwart besser zu verstehen. Ich habe meine erste Dissertation über den Jerusalemer Patriarchen Sophronius geschrieben, der im Jahre 638, im 16. Jahr der Hiçra, die Stadt Jerusalem dem Kalifen ‘Umar übergeben mußte. Es bewegt mich heute noch, diese welthistorische, bis in die Gegenwart prägende Stunde studiert zu haben. 

Schwieriger als das Studium der Geschichte ist die Unterscheidung, was in dieser Geschichte gute, was weniger gute Entwicklungen waren, wo Wesentliches der Religion, des Auftrages Gottes vergessen oder sogar verraten wurde. So schwer es ist, im Urteil über die Geschichte gerecht zu bleiben, so unerläßlich ist es, ehrlich und offen mit der Geschichte, mit Hell und Dunkel umzugehen. Papst Johannes Paul II. hat einen solchen Rückblick auf die christliche Geschichte im vergangenen Jahr gewagt, er hat die Frage gestellt: „Wo sind wir vom Willen Gottes abgewichen, wo sind wir Gott untreu geworden?“. Und der Papst lädt zur „Reinigung des Gedächtnisses“ ein, ohne die wir, so sagt er, nicht gut in die Zukunft gehen können. Jesus Christus hat gesagt: „Die Wahrheit wird euch frei machen.“ (Joh 8,32). Wir brauchen die Wahrheit über die Geschichte nicht zu fürchten, weil Gott wahrhaftig, aber auch barmherzig ist. Nur die Lüge brauchen wir zu fürchten.

2. Im ‚Dialog der Kulturen‘ geht es heute mehr und mehr um die großen sittlichen Fragen. In der globalisierten Welt sind die Probleme und Herausforderungen ebenfalls global: das technische und wissenschaftliche Wissen und Können ist weltweit abrufbar. Wir können heute viel mehr als wir dürfen. Unsere technischen Möglichkeiten sind schneller gewachsen als unsere sittliche Fähigkeit, damit richtig umzugehen. Die Atomenergie, die Gentechnologie erfordern hohe sittliche Verantwortung. Doch spielen gerade hier große wirtschaftliche Interessen eine mächtige Rolle. Die Gefährdung der Umwelt bedroht alle Menschen auf Erden. Keiner, auch kein Land ist heute mehr eine Insel. Wir können nur gemeinsam den Weg gehen. Dazu sind vor allem, so scheint mir, zwei Dinge erforderlich: die Bildung des persönlichen Gewissens und, damit verbunden, das Prinzip Verantwortung. 

Es ist wohl Gemeingut unserer Religionen, daß Gottes Gesetz dem Menschen ins Herz geschrieben ist. Er lernt es nicht nur ‚von außen‘, sondern weiß darum ‚von innen‘. Das II. Vatikanische Konzil hat das sehr schön formuliert: „Im Innern seines Gewissens entdeckt der Mensch ein Gesetz, das er sich nicht selbst gibt, sondern dem er gehorchen muß und dessen Stimme ihn immer zur Liebe und zum Tun des Guten und zur Unterlassung des Bösen anruft und, wo nötig, in den Ohren des Herzens tönt: Tu dies, meide jenes! Denn der Mensch hat ein Gesetz, das von Gott seinem Herzen eingeschrieben ist, dem zu gehorchen eben seine Würde ist und gemäß dem er gerichtet werden wird.“ 

Je komplexer unsere Welt wird, je höher die ethischen Anforderungen werden, desto wichtiger ist es, das Gewissen zu schärfen, seine Stimme zu hören. Das Gewissen ist zwar, wie das II. Vatikanische Konzil weiter sagt, „die verborgenste Mitte und das Heiligtum im Menschen, wo er allein ist mit Gott, dessen Stimme in diesem seinem Innersten zu hören ist“ , aber gerade diese Stimme im Innersten des Herzens ruft zu dem, was für alle wahr und gültig ist. Wehe einem Volk, einem Land, in dem die Stimme des Gewissens niedergedrückt wird. Wir haben im Nationalsozialismus und im Kommunismus gesehen, welche menschenzerstörende Wirkung Ideologien ohne Gott haben, die im Menschenherzen die Stimme Gottes zu töten suchten. Wir sehen heute die Gefahr einer globalen Zivilisation, die glaubt, nur auf materiellen und technischen Gütern aufbauend, „das Wohl des Menschen unter Ausschaltung Gottes, der das höchste Gut ist, verwirklichen wollen.“ 

Gerade unsere so rasant sich wandelnde Zeit braucht besonders dringend ‚gewissenhafte‘ Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und zu tragen. Im Dialog der Zivilisationen geht es auch darum, gemeinsam die Verantwortung für unser heutiges Wissen und Können zu übernehmen. Das erfordert neben dem Hören auf die Stimme des Gewissens auch die Sachkompetenz. Die Dinge ‚sachgerecht‘ tun, in der dem jeweiligen Sachbereich angemessenen Weise. Der Kommunismus hat versucht, Ideologie an die Stelle von Sachkompetenz zu setzen, das Resultat war entsprechend katastrophal. Medizin, Wirtschaft, Politik haben ihre je eigenen Gesetzlichkeiten, die es zu achten gilt und die über die Grenzen von Kulturen und Religionen hinaus gültig sind, die aber eine gemeinsame Grundlage in der göttlichen Ordnung haben. Wo Medizin, Wirtschaft, Politik diese göttliche Ordnung als ihre Grundlage vergessen oder gar ablehnen, dort werden sie schon bald zu einer auch dem Menschen schadenden, zerstörerischen Medizin, Wirtschaft und Politik.

Gerade in diesem letzten Punkt sehe ich eine besondere Chance des ‚Dialogs der Kulturen‘. Stößt nicht die Medizin in den Ländern des Westens an die Grenzen ihrer technologischen Maßlosigkeit, während in anderen Teilen der Welt nicht einmal die notdürftigste medizinische Versorgung möglich ist? Stößt die globalisierte Wirtschaft nicht an die Grenzen ihrer Maßlosigkeit, die immer mehr nach einem gerechteren Ausgleich, einer größeren Mitbestimmung aller statt einer Monopolisierung in wenigen Händen ruft? Die Herausforderungen sind uns allen gemeinsam, sie bedürfen der gemeinsamen Antworten. Wir müssen, wie Präsident Khatami 1999 vor der UNESCO gesagt hat, „von der Phase der negativen Toleranz in die Phase der gegenseitigen Hilfe eintreten ... Man muß die Anderen nicht nur tolerieren, man muß mit ihnen auch zusammenarbeiten“. 

Lassen Sie mich dies zum Schluß auch auf die besondere Gruppe anwenden, der die Zukunft gehört: die Jugend. Welches Beispiel werden wir, die Erwachsenen, die religiösen Leiter, die Politiker, die Erzieher, der Jugend geben? Wenn wir die Herausforderungen unserer Zeit nicht in einem ehrlichen und offenen Dialog angehen, besteht die Gefahr, daß die jungen Menschen sich skeptisch und enttäuscht von der Religion abwenden, wie dies in Europa nach dem Drama der endlosen Religionskriege geschah. Der europäische Atheismus, der so viel Leid über die Welt gebracht hat, war auch eine Folge der Machtkämpfe der Religionsparteien. Erst eine religiöse Erneuerung aus den Quellen des Gebets, der Mystik, der gelebten Nächstenliebe, erst glaubwürdige Zeugen und Vorbilder haben der jungen Generation wieder den Zugang zur Religion geöffnet. Es ist uns gemeinsam zu glauben, daß wir einmal vor Gott Rechenschaft ablegen werden müssen über das, was wir getan oder zu tun verabsäumt haben. Möge Gott der Allmächtige und Barmherzige uns helfen, daß wir nach den großen Vorbildern unsere Religion als Dienst und als Hingabe vor Gott und für die Menschen leben, als Gottesliebe, die sich auf alle Menschen erstreckt, wie ein al-Hallag, ein Rumi, wie eine Mutter Theresa sie gelebt haben. Dann werden wir auch der Sendung treu sein, die uns – in je verschiedener Weise – von Gott und für die Menschen aufgetragen ist.

Danke.

Kardinal Dr. Christoph Schönborn.

www.kathsurf.at
(c) Kardinal Dr. Christoph Schönborn. Dieser Text ist  nur für den persönlichen Gebrauch gedacht.